Ralley solo

in the middle

Es gibt auch Regen in der Toskana. Schon dafür hat sich die Reise gelohnt. Toskana mal ohne das ganze „Gutshaus auf dem sanften Hügel“-Gedöns. Eine öde Landstraße, eine Weggabelung. Ich muss nach links, nach Follonica, das klingt gut, das klingt nach verrückt und liegt am Meer. Das hat mir die Motorina mit der edlen Lederjacke und dem lustigen italienischen Englisch in Siena empfohlen. „This is our favorite road. It’s perfect- They straigtend it a bit after to many of us had accidents.“ Eine aufregende Straße. Aber ich bin müde und will einen Kaffee und meine Regenklamotten anziehen. Mal schauen, wie es weiter geht. Wenn überhaupt. Wer hat schon Lust auf eine kurvige Straße, wenn sie nass ist? Es gibt eine Bar am Straßenrand. Einfach eine Bar, für Leute, die hier vorbei kommen und weiter wollen. Der Wirt hat keine Lust zu reden. Ich auch nicht. Ist gut so.

Seit drei Tagen bin ich unterwegs, will die Strecke der Ralley Mille Miglia abfahren. Wieder so eine Idee von mir. Ohne Navi, ohne Smartphone ohne bella compagnia. Früher waren wir öfter zusammen im Süden. Nach unserer ersten gemeinsamen Fahrt hab ich die Sitzbank verlängern lassen, damit sie ihre langen Beine ausstrecken kann. Jetzt ist da ein Gepäcknetz mit meinem Proviant. Ist aber trotzdem gut gelaufen, die Reise, bisher. Das alte Motorrad ist meine Eintrittskarte. Als ich vor einer verschlafenen Bar in der Po-Ebene Halt gemacht habe, kamen die alten Männer raus, um meine Moto Guzzi zu bestauenen „Anni settanti, anni settanti“ und dann erzählten sie mir ihre Erinnerungnen aus den Siebzigern. Ich verstand kein Wort, aber einer war so aufgeregt, dass ihm fast die falschen Zähne rausflogen. Die Chinesin hinter der Bar mit dem Gesicht und der Frisur eines Sumo-Ringers verzog keine Miene. Die Jungen auch nicht. Sie guckten meine Maschine an, als würde sie noch mit Dampf betrieben, setzten sich auf ihre koreanischen Motorroller und waren weg. Oder der Tankwart in Modena, einer der wenigen Tankwarte die noch nicht von den vollautomatischen Zapfsäulen ersetzt wurden: Graue Lockenmähne, melierter Bart, rote Tankwartsjacke, kurze Hosen, Badelatschen hockte er gelassen auf seinem Schemel. Die Arme verschränkt hört er sich an, wie ich in meinem Volkshochschulkurs-vor-zwanzig-Jahren-Italienisch nach dem Weg fragte. Dann antwortete er in klarem Englisch: „First right, then left, then it will become complicated. You better ask.“ Er schaute auf mein Motorrad: „Nice bike“ „It’s italian“, antwortete ich. „I know!“ antwortete er, verschränkte die Arme wieder und machte klar, dass die Unterhaltung jetzt zu Ende ist. Er könnte auch Türsteher im Berghain sein.

Und wo soll ich jetzt hin? Mein Zimmer hab ich in einem Hostel in Pisa gebucht. Das sind noch mindestens 150 Kilometer. Ich übernachte in Hostels, habe sogar meinen Jugenherbergsausweis dabei. Den kriegt man, wenn man noch Kinder hat auch jenseits der 50. Als ich die Karte in Rimini zum ersten mal auf den Tresen legte, blickt die Empfangsdame ratlos und sagte: „Nice“. Ich zeigte auf das Jugendherbergszeichen an der Tür und sie lächelte: „We are having a party here, sorry. It will be loud tonight.“ Als Trostpflaster gab sie mir einen Gutschein für einen Cocktail an der Bar. Was hatte ich in Rimini erwartet? Früchtetee und einen Stempel in mein Wanderbuch?

Der Regen hat nachgelassen, also weiter. Die Straße zieht sich. Es gibt einen Lastwagen vor mir, der mich mit Sprühregen einnnebelt, den ich aber unmöglich überholen kann, weil er schneller durch die Kurven jagt, als ich es  je wagen würde. Kurz vor der Küste reißt der Himmel auf und dann ist da eine Trattoria hinter einem großen Parkplatz. Wie in Frankreich, früher, die Relais des Routiers, vor denen die Lastwagen kilometerweit standen und die weinseligen Fernfahrer ihre Mittagspause machten.
Ich geh rein und bin in einem Fellini-Film. Die Mittagspause ist vorbei. Nur zwei Jungs mit dichten, dunklen Haaren und schicken Frisuren sitzen da mit ihren Schulmappen und erzählen sich wichtige Sachen mit dem Eifer, wie ihn nur Zehnjährige haben können. Die Oma bringt zwei Teller mit Pasta. Sie schlingen sie rein, ohne mit dem Reden aufzuhören. Der Opa kommt, und nimmt einen auf den Schoß, aber der will – wohin? Natürlich zur Mama. Die Mama steht hinter der Bar, ist groß und blond, nimmt ihn an die dicke Brust und tröstet ihn. Ich muss warten, bis ich dran bin. Dann gibt’s für mich Carpaccio vom Fisch und Aqua frizzante. Keinen Wein?, fragt sie. Nein, keinen Wein. Das Motorrad… Wir haben auch kleine Gläser, lockt sie mich. Nein Danke – Es ist ein Elend, Italien ohne Wein.

Dafür das Meer. Über häßliche Industriestraßen, durch hundert Rotondas, wie hier die Kreisverkehre mit den winzigen, verwirrenden Wegweisern heißen und vorbei an rostigen Werften bin ich endlich da. Ich stelle den Motor ab, sehe die Fähren nach Elba ziehen und stehe augenblicklich im Wasser. Die Sonne hat wieder ihre volle Kraft und lässt mich in der Lederjacke schmoren. „Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher“ singt mir Hans Albers. Und ich habe Glück! In einem mit Oleander überwucherten Winkel zweier verschlungener Rotondas finde ich das ausgeblichene blaue Schild nach Santa Vincenze – die Küstenstraße, die alte Via Aurelia – jenseits der neuen Superstrada. Über viele wunderbare Kilometer bauen riesengroße leicht einander zugeneigte Pinien ein schattiges Dach über mir. Durch Dörfer zieht die Straße, vorbei an kleinen Läden und Bars. Rechts ab gehen schnurgerade Pinienalleen, die zu alten Weingütern führen. Ruhig wie ein Schiffsmotor bollert meine Guzzi. Das ist die Straße, das ist die Geschwindigkeit, für die sie gemacht ist. Ich werde später noch in die Berge fahren und durch enge Kurven jagen. Und auch das macht Freude. Aber das hier, diese Straße, dieses Italien, das wars, was ich erleben wollte.

Als Öko-bewegter Zivi hing in meinem Zimmer ein Plakat mit dem Spruch „Was wäre der Mensch ohne den Trost der Bäume?“  Und heute will man ja sogar wissen, dass Bäume auch sprechen können. Was würden die Pinien an der Via Aurelia mir Don Quichotte auf meinem alten, weißen Ross hinterherrufen wollen? „Arrividerchi motorino. Ci vediamo!“

26 Gedanken zu “Ralley solo

      • super und genau richtig, dass du es dir hast richtig gut gehen lassen! so soll es sein im urlaub. 🙂 hast du viel neues probiert? hat dir irgendwas besonders gut davon geschmeckt?
        japp, nach mittelschwerem ringen habe ich mich doch dazu überwunden, weiter zu bloggen. war nicht so einfach mit all den sich widersprechenden informationen zum thema. liebe grüße!

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      • Das finde ich toll, das du weiter machst.Du hast mir mit deiner Musik so manchen Abend gerettet und deine Texte würde ich vermissen. Ich hoffe, du genießt die Kühle nach dem Gewitter genau so wie ich.

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      • ja, ich war schon eine runde spazieren. die luft ist schön erfrischt und will gleich noch mal raus an die luft.

        ich freue mich, dass dir meine musik viele schöne stunden beschert hat, wenn sich meine begeisterung an der musik weiter trägt.

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    • Nein, dieser Versuchung habe ich widerstanden, obwohl der Name so wunderbar klingt. 😉 Es war in Piombino, dem Hafen für die Fähren nach Sardinien.
      Aber dafür habe ich einen unfreiwilligen Abstecher nach Terni am Tiber gemacht. Einer Stadt, die meinem Reiseführer gerade mal zwei Seiten wert war, weil sie früher das Herz der italienischen Rüstungsindustrie war. Und ich muss sagen, es hat mir gut gefallen da. Aber ich finde ja auch Essen oder Katowice interessant.

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  1. Bella Italia! Habe letztens lange lange an einer Toscana-Metapher für einen Text gefeilt und mich auch nach fast zwei Jahrzehnten (und das sagt man mit 25 nicht leichtfertig ;)) an die Gerüche erinnert – DANKE für die wachgerüttelten Erinnerungen und herzliche Grüße!

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  2. Schön, deine Impressionen, wenn vielleicht auch nicht im allerhöchsten ästhetischen Sinne, wenn ich an Follonica denke und die regnerische Straßenkreuzung so anschaue. Doch das alles zählt nicht und darauf kommt es nicht an, sondern auf das Erlebte, in dem Melancholie mitschwingt, Erinnerungen auch, viele unausgesprochene Gedanken. Und selbst wenn ich persönlich nicht mehr in einem Hostel oder einer Jugendherberge übernachten wollte, verstehe ich deine Reise(art).
    Was mir am Rande auffällt, ist die Sauberkeit der Toskana im Unterschied zum italienischen Süden, in dem man die Hässlichkeit von Neubauruinen und Müll immer mal wieder ausblenden muss. Aber ich sehe, dass du die Rotundas auch weiter nördlich verwirrend fandest. 😉 Ich hoffe, die Solo-Reise wirkt in dir noch positiv nach, doch sie hat dir offenbar gutgetan.

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      • Bisher war ich, was den italienischen Süden betrifft, in Kampanien, Kalabrien und Apulien (Sizilien folgt im Oktober, bin gespannt). Was Kampanien betrifft, bin ich aber an den von Fotos bekannten zauberhaft schönen Touristenorten Positano, Amalfi etc. nur vorbeigefahren. Schon vormehr als zehn Jahren war es dort im Mai extrem voll. Stattdessen waren wir im noch recht wilden Cilento mit Standort Marina di Camerota. „Damals“ brachten einem die Besitzer der Minimarkets noch die Einkaufstüten ins Auto und staunten, dass sich überhaupt ein Nordlicht dorthin verirrt. In Kalabrien war ich später ganz allein, auch eine Erfahrung, vor allem, was die Gastfreundschaft betrifft. Ist frau allein unterwegs, wird das zwar zuweilen in Richtung Abenteuerlust interpretiert, doch das ist ja hier genauso, wenn man allein essen oder gar tanzen geht. Nun zum zweitenmal Apulien. Man muss sich damit arrangieren, dass es viele Straßen gibt, an denen sowohl Neubauruinen als auch Müll liegen, beim ersten Mal fand ich das sehr verstörend und wollte fast wieder nachhause. Mittlerweile sehe ich das zwar schon noch, aber das Positive überwiegt.

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