Old man (take a look on my life)

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© Peterdomenie.com

 

Wir sind am Räuberrad verabredet, das jetzt wieder vor der Volksbühne steht. Ich bin pünktlich, aber er ist nicht da. Also warte ich. Es ist einer der Herbsttage, die noch so warm sind, dass die Leute im Schein der Laternen und Restaurants auf den Straßen flanieren. Ich lehne mich auf mein Fahrrad und schaue ihnen dabei zu. Gerade als ich nach meinem Telefon greifen will, klingelt es. „Wo bist du?“, fragt er gut gelaunt. „Vor dem Räuberrad, auf der Seite vom Babylon, seit einer Viertelstunde. „Siehst du, ich bin auf der anderen Seite, am Theater, auch seit einer Viertelstunde, ich komm rüber.“ Kein Gemecker, keine Vorwürfe. Es ist eine Freude, sich mit ihm zu verabreden.
Wir wollen Essen gehen und laufen die Rosa-Luxemburg-Straße runter, die verdammt schick geworden ist. Als wir  gleich zwei asiatische Restaurants finden schließt er unsere Räder zusammen und wir gehen in das, was weniger laut ist. Er weiß, dass ich schlecht höre, und wir haben uns viel zu erzählen.

Nach dem Geplänkel und Gestöhne über die Arbeit kommt die Nudelsuppe und erstmal ist Ruhe.  Wir haben die Schalen noch nicht halb geschafft, da seufzt er, richtet sich auf, drückt das Kreuz tief durch und sagt „Jetzt kann ich mich entspannen.“ Seit Tagen hat er Angst gehabt, sagt er, vor einem Gespräch mit seinem Sohn, den ich immer den „schönen Ronny“ nenne und der genau einen Tag älter ist als meine große Tochter. Wir Väter kennen uns seit dem Geburtsvorbereitungskurs im Frauenzentrum in Friedrichshain. Weiß gar nicht, ob es das noch gibt?  Der schöne Sohn jedenfalls, dieser Liebling der Götter und des Vaters,  hatte die Ausbildung geschmissen, war in der Clubszene abgetaucht und irgendwas mit Drogen war auch. Ich kenne das Drama seit Jahren und er kennt das Drama um meine Söhne. Jetzt also das Gespräch und ein Funken Hoffnung. Eine neue Ausbildung, Schluss mit den Clubs, eine neue Freundin, ein Lichtblick am Horizont. Und deswegen auch unser Treffen heute: um die Erleichterung zu feiern, die Freude zu teilen und sich ein „jetzt hat er bestimmt die Kurve gekriegt“ abzuholen. Er hat mich eingeladen.

Die Suppe ist leer und ich hab Hummeln im Hintern. Es ist nicht leicht, ihm die ganze Zeit zuzuhören. Wir laufen noch ein bisschen die Straße runter und ich hoffe, dass er nicht wieder von seinen Bandscheiben anfängt oder von irgendeiner Wunderkur. Ich schlage vor zu einem der edlen Läden zu gehen, den ich schon bei unserer Ankunft aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. Wir bestaunen stumm die angesagten Latexkleider und Corsagen. „Ich möcht mal wissen wer das kauft“, sagt er mit der Unbefangenheit eines Bauernjungen. Dabei kommt er aus Hamburg. Die Mädels, die in die Clubs reinkommen wollen, in denen dein Sohn die Dekos gemacht hat, antworte ich ihm. „Ach ja, warst schon mal in so Latexläden, du magst das“, kommt beiläufig von der Seite. Ja, sag ich halb ertappt und halb stolz: ich hab schon einiges ausprobiert – und frage mich nebenher, woher er das weiß? Wir haben in all den Jahren über alles gesprochen, wirklich alles. Dinge, über die sich Männer sonst nicht unterhalten – nur nicht über Sex. Wahrscheinlich weil meine Freundin mal seine Freundin war. Und als sie nicht mehr meine Freundin war, war wieder seine Freundin wurde. War böse, ist aber lange her. Wenn man nach sowas Freunde bleiben will, verbieten sich bestimmte Themen.

„Was hat dir denn daran gefallen?, fragt er als rede er von einer längst vergangenen Zeit, einer Art von Leidenschaft, die lange hinter uns liegt. Der Geruch, sage ich, wenn es wirklich Latex ist, dann riecht es wie ein Fahrradschlauch. Er grient zu mir rüber. „Ach deswegen fährst du so gerne Fahrrad“. Ich grinse zurück: Nein, ich mag es wenn es im Bett nach Fahrrad riecht. „Weißt du was“, sagt er, ich bin richtig froh, dass einen das alles nicht mehr so spitz macht wie früher. Seitdem geht das mit den Frauen viel leichter.“ Sagt’s und verabschiedet sich zu seiner neuen Freundin. Ich hab ihren Namen vergessen. Irgendwas mit D am Anfang. Es waren zu viele in den Jahren, seit er sich von der Mutter seiner Kinder getrennt hat . Aber ich wünsche ihm wirklich, dass es diesmal etwas für länger ist.

Als er weg ist, frage ich mich, wann meine Finger das letzte Mal nach Fahrradschlauch gerochen haben. Eigentlich gar nicht mehr, seit ich die dicken Reifen aufgezogen habe, durch die kein Stachel mehr durchkommt.

4 Gedanken zu “Old man (take a look on my life)

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