Wedding Blues

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Ach, da läuft ’ne Ratte übern Parkplatz. Genau auf dem Platz wo am Sonnabend und Mittwoch immer Wochenmarkt ist. Ach, noch eine. Verschwindet im Gebüsch zum Kinderspielplatz vor dem alten Rathaus. Na hier werde ich bestimmt kein Obst mehr kaufen. Und Fisch erst recht nich. Als ich hier im Wedding anfing, so vor 10 Jahren, war der Wochenmarkt so mein Heileiht. In Multikulti baden, leckere Sachen ausprobieren und billich einkaufen. Jetzt gibt’s hier Ratten. Und ich geh schon lange zu EDEKA Fromm , aber nur von hinten rum, über den Autoparkplatz, weil ich das Elend mit den Motz-Zeitungsverkäufern und den Punks mit den Hunden vor dem Eingang und den Lärm von der Müllerstraße nicht mehr ertrage. Der Waschbeton-Pavillion gleich nebenan vom Wochenmarkt, aufm Rathausplatz, wo ich mir dann immer ein türkisches Frühstück geholt habe, wenn ich die Obststände geplündert hab, ist baufällig. Ein Jahr hamse noch, dann müssense raus. Wo geh ich dann hin Frühstücken, wenn ich hier nicht mehr hinkomme? Ob ich mich noch zur Pizza Corallo setze? So ins Freie, wo jetze doch endlich hell und warm ist hier überall. Aber da sitzen feiste Türken-Rocker mit schwarze Harleys, da will ich auch nich hin. Weiß eh nich wo ich hin will heute Abend. Nich nach Hause, so viel ist klar. Irgendwo muss ich noch hin, wenn mich das Büro erst um halb achte ausgespuckt hat, wenn ich schon nix hatte von dem ganzen Tach, dann wenigsten jetzte! n‘ bisschen Himmel sehen und Leute gucken. Aber ich weiß nicht wo. Ob ich ins „O Sole Mio“ geh, gleich bei mir nebenan? Aber die ham ihre hundert Jahre alte verblichene Markise runtergerollt und man sieht, dass die verschimmelt ist unter dem Moos, was dadrauf wächst. Und dadrunter sitz ein Typ mit graue lange fettige Haare und bellt besoffen seine Frau an mit „Ach hör ma doch uff…!“ Nee danke! Und in eine ölige Döner-Bude an der Müllerstraße setz ich mich auch nicht. Da ist mir neulich schon schlecht geworden. Genau so wie bei dem netten Syrer, bei dem ich Foul probiert hab. Bohnen in Majonäse mit einem Schuss Olivenöl drüber. Na danke! Zum Franzosen? Da hat doch im Centre Francais so ein nobler Laden aufgemacht, so mit Terrasse und Menue mit vier Gängen. Und als ich da ankomme, weiß ich, dass ich da nicht sitzen will. Der Kellner ist ein Schnösel, hat einen kahl rasierten Schädel, eine riesige Nase und eine weiße Schürze bis zum Boden, und die Tische haben weiße Tischdecken und alle trinken Weißwein, für den der Kellner umständlich den Korken aus der Flasche popelt. Nee, hier auch nicht, obwohls gar nicht so teuer gewesen wär. Aber wahrscheinlich hätte der Schnösel mich mit „Monsieur“ angeredet, und dann wärs mir schon zu viel gewesen. Erst mal nach Hause, warme Sachen holen und dann ins Freilichtkino? Weiss nicht was da läuft, aber draußen sitzen und ein bisschen Vogelgezwitscher mit nem Bier und Popcorn? Zu Hause  angekommen liegt noch der Artikel aus der Süddeutschen über Schmetteringe auf dem Tisch. Den les ich erstmal. Und schon sitze ich und denk ans Essen. Was gibt’s im Kühlschrank? Ne alte Packung Tofu und eine halbe Zitrone. Muss ja auch weg, das Zeuch. Kann man ja nich einfach so liegen lassen. Hatte ich nicht noch das Rezept für Tofu, wie ihn meine Tochter immer gemacht hat?  Ein Zweig Rosmarin und eine Tüte Graupen in meiner Speisekammer erinnert mich daran, dass ich sogar  mal ein Rezept vom Kormoran nachgekocht habe. Einen halben Tag war ich unterwegs, um die Zutaten zusammen zu kriegen.  Mann, hatte ich mal einen Elan. Mann, hat das geschmeckt. Heute schütte zusammen, was irgendwie zusammen passt und dann rin in die Bratpfanne. Schmeckt? Na ja. Wenn ich einn halbes Glas Joghurt hinterher löffel verschwindet wenigstens der brennende Chilli-Geschmack. Wusst ich doch, dass der Abend so enden würde. Aber ich wußte nicht, dass ich in meinen Selbstgesprächen jetzt schon berliner. Is jetze nu ooch wieda schnuppe. Schön Ahmnd noch.

10 Gedanken zu “Wedding Blues

  1. Rolf, ein Tip für das nächste mal, wenn du nicht weist, wohin. Wie wäre es mit Pino in der Triftstrasse?
    Ein klassischer altmodischer Italiener, so wie unser Generation es noch aus den 70er kennt.
    Und lecker ist es auch!

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  2. Hallo Rolf,
    sehr schön geschrieben und voll nachvollziehbar…für solche Fälle gibt es bei mir ganz hinten im Eisfach immer eine Fertigpizza Mozzarella…da dann fett scharfe Salami drauf, Zwiebeln und extra Käse…schon ist der Abend bei der besten Vegiepizza der Welt wenigstens halbwegs gerettet 🙂
    LG Jürgen

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  3. Danke, die Freundin, die in der der Müllerstrasse lebte, verließ sie, indem sie aus dem Leben ging.
    Dort war ich zuletzt an ihrem Beerdigungstag, vor ein paar Jahren. Jetzt weiß ich, Manches hat sich nicht verändert.
    Nach langer Zeit, werde ich im nächsten Monat mal wieder in Berlin sein für eine paar Tage. Jetzt lockt auch der Wedding wieder.

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  4. Wunderbar geschrieben.
    Ja, manchmal ist es so.
    Genau so.
    Klar, man weiß zwar, dass sich alles verändert, immerzu und jeden Tag.
    So ist das Leben.
    Aber manchmal möchte man doch wieder zurück.
    Dahin, wo es genau so ist, wie es einmal war.
    Wenigstens für einen Tag oder eine Stunde.
    Dahin, wo man zu Hause war und wo man z.B. auf dem Wochenmarkt bei der pummeligen Bäuerin mit der Dauerwelle und der karierten Schürze noch die Erdbeeren aus der Keramikschüssel probieren konnte, die der Schwager morgens im Garten gepflückt hatte.
    Ratten habe ich dort niemals gesehen.
    Mittlerweile ist der Wochenmarkt bei uns auf die Hälfte der Stände geschrumpft.
    Denn Obst und Gemüse gibt es billiger beim Discounter. Das kommt dann aus aller Welt.
    Und ist perfekt in Plastik verpackt.
    Ob es jetzt mittlerweile auf „meinem“ Wochenmarkt auch Ratten gibt?
    Ich weiß es nicht.
    Ich gehe nicht mehr hin.
    Die Bäuerin hat keinen Stand mehr, hat schon lange aufgegeben und ich kaufe jetzt Obst und Gemüse bei der Genossenschaft ein.
    Einen schönen Tag wünscht dir, lieber Rolf…
    die Rosie

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    • Wußte gar nicht, dass so viel Nostalgie in meinem Text war. Aber du hast Recht: Es geht viel verloren, von dem was einem lieb war, auf das man vertraut hat. Die Geschwindigkeit, mit der sich alles ändert, ist schon brutal. Aber so schön war es früher auch nicht. Ich schätze mal, die Erdbeeren, die du so vermisst, hat die Bäuerin auch nicht mehr selbst geerntet. Das haben schon vor vor 40 Jahren polnische Arbeiter gemacht.

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  5. Meiner Meinung nach habe ich einen längeren verworrenen Kommentar hier geschrieben, aber das WordPress hat den wahrscheinlich geschluckt. Vielen Dank fürs Nachkochen und die Erwähnung, schön wenn es gemundet hat. Der Kormoran gibt immer so komplizierte Anweisungen, das geht mir auch ziemlich auf die Nerven. Dann hatte ich nochmal eine Frage zum Foto- den Namen nenne ich hier nicht sonst wird alles wieder geschreddert. Grüsse tom

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    • Nein, ist er nicht. Er war, glaube ich, nie in Berlin. Kannst du dir in der Taubenstraße in Mitte anschauen – aber auch nicht mehr lange. Denn das Haus wird – Überraschung – luxussaniert.

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