How to be good

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Wieviel Leid muss der Mensch ertragen können, um die Welt zu retten?

Ich wollte meine Tochter besuchen, die gerade in Venedig studiert. Und ich wollte das so machen, wie ich das immer mache: Da wo ein Zug hinfährt, muss ich nicht hin fliegen. Und die kluge Tochter hat es mir vorgemacht und ist mit dem Nachtzug von München nach Venedig gefahren. Das ist ein Zug, den man im Fahrplan der Deutschen Bahn vergeblich sucht und erst findet, wenn man bei der Österreichischen Bundesbahn nachschaut. Aber immerhin, es gibt ihn. Und ich liebe es, mit dem Nachtzug zu reisen. Reine Nostalgie, ich weiß, aber es ist auch ein gutes Gefühl , dem Klima ein paar Tonnen Kohlendioxid zu ersparen und  auch noch eine dramatische Alpenüberfahrt bei Nacht gratis dazu zu bekommen. Ganz großes Kino!

Doch ich bin zu spät. Der Klimawandel hat nicht nur mein Reiseziel unter Wasser gesetzt, er hat auch den Alpen einen Sturzregen beschert, der die Gleise unterspült hat. Seit Tagen bekomme ich von der ÖBB Nachrichten, die mir Umleitungen und Verspätungen ankündigen. Doch wer bin ich, dass ich mich von solchen Kleinigkeiten von einer Reise abhalten lasse? Mit Zugverspätungen in südlichen Ländern verbinde ich die wunderbarsten Erinnerungen an Zeiten, in denen man noch mit anderen Rucksackreisenden und ein paar Clochards in den Bahnhofshallen übernachten konnte. Aber in der Mail von gestern war eine weiter Warnhinweis: Streik bei der italienischen Trennord. „Viva lo sciopero!“ war ein extra Kapitel in meinem Reiseführer „Anders Reisen Italien“, mit dem ich in den frühen 80ern das Land bereiste. Es lebe der Streik, jawoll! Jeder Streik ein weiterer Schlag in die Fresse des Kapitals. Natürlich waren wir solidarisch mit den Genossen der Eisenbahngewerkschaft. Heute unkt meine sozialdemokratische Kollegin „Da wollen bloß ein paar gut bestallte Bahnbeamte durchsetzen, dass sie weiter mit 58 in Rente gehen können.“ So weit ist es mit der internationalen Solidarität gekommen.

Und ich? Ich muss zugeben, dass die Aussicht auf einem nasskalten norditalienischen Bahnhof Ende November mit ungewissen Aussichten über Stunden hinweg auf meinem Gepäck zu sitzen mich nicht wirklich begeistert. Warum streiken die Kollegen nicht im Sommer?

Also doch fliegen? Als fliegender Streikbrecher und Klimasünder gleichzeitig?
Wer sonst könnte das entscheiden als die Generation, von der wir unsere Erde angeblich nur geborgt haben? Ein paar SMS hin und her und meine Tochter schickt mir eine Verbindung von easyjet, 150 Euro hin und zurück. Und sie sagt mir, dass ich Zusatzgepäck buchen soll. In Venedig braucht man Gummistiefel.

16 Gedanken zu “How to be good

  1. Oh ja, es ist so schade, dass es bei uns keine Nachtzüge mit Schlafwagen mehr gibt.
    Ich erinnere mich an zwar etwas enge, aber schöne und gemütliche Schlafabteile mit weißer Bettwäsche im ICE und an die nächtlichen Geräusche draußen auf den Bahnhöfen, während ich kuschelig im Bett lag,

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  2. Tja, es wird einem nicht leichtgemacht, mit der Bahn zu fahren, vor allem in Deutschland, aber wenn dann noch Naturphänomene und Streiks dazukommen… Mann, du bist kein Klimasünder, wenn du einmal im Jahr oder so einen Flug buchst. Spring über deinen Schatten und flieg zu deiner Tochter! Nur schade, dass Venedig offenbar immer noch überschwemmt ist – leider kommen sie mit Mose aufgrund mafiöser Strukturen nicht in Gang, aber bevor die schönste Stadt der Welt (für mich) in der Lagune versinkt, solltest du sie dir unbedingt nochmal anschauen. In Venedig studieren, ein Traum, ich beneide deine Tochter. Und ich wünsche dir eine schöne Zeit mir ihr, wenn auch in Gummistiefeln.
    PS: Dass sich der Einzelne neuerdings ständig schuldig fühlt (mittlerweile sogar, dass er überhaupt lebt, eine einzige Katastrophe für die Erde!), während die Großkonzerne weltweit munter und ohne jedes schlechte Gewissen weiter den Planeten zerstören, ist ein Phänomen dieser Zeit und nach meiner Ansicht kein gutes.

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  3. Ich habe wie immer beim Lesen deines Beitrags gelächelt 🙂
    Was bedeutet es nicht mehr zu fliegen? Vor allem auch kulturell! Und für Europa! Und für die Globalisierung?
    Das habe ich mich schon oft gefragt.
    Wenn du irgendwie mal Zeit hast oder beim Putzen langeweile, dann kann ich dir die neue Podcast Folge vom Monopol Magazin empfehlen: Kunst und Klima. Sehr interessant.
    Viele Grüße von Susanne

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  4. Gute Frage. Auch wenn man gegen wirtschaftliche, sozialpoltische und ökologische Folgen der Globalisierung ist, denke ich, wir sollten zwar bewusster und verantwortlicher leben, aber doch nicht mehr ins Mittelalter oder sogar die Zeit davor zurückfallen. Wochen- oder monatelange Schiffsreisen oder Kutschfahrten, kaum Obst und Gemüse, keine Gewürze etc.? Der Trend zum ausschließlich Regionalen geht mir bisweilen gehörig auf den Senkel. Sollen wir uns etwa auch nur noch um die Kultur vor Ort kümmern und nicht mehr über Grenzen denken?

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