Die Zärtlichkeit der Armen

Iskembe ist billiger als Döner. Nicht jeder türkische Imbiss hat dieses Arme-Leute-Essen, aber in den traditionellen Buden, die noch nicht zu einer Kette gehören gibt es neben Linsen- und Schafskopfsuppe auch immer die türkische Pansensuppe – für drei Euro. Und weil auch Leute mit wenig Geld satt werden sollen, gibt es zu der Schale mit dem cremig-weißen Sud, in dem kleine Kuttelstückchen schwimmen auch noch zwei dicke Fladenbrote und etwas Gemüse dazu, meist Pepperoni oder weißen Rettich. Zitrone auch, aber das ist eher was für den Geschmack.
Ich mag Kuttelsuppe. Das weiß ich seit ich als Student eines Abends bei Jürgen vorbei kam, ein Schwabe, der unter unser WG wohnte. Jürgen, der gerne an alten Simcas mit Heckmotor schraubte, Jura studierte und den alle nur Kümmel nannten, saß einsam in seiner Küche und war dabei sich zu betrinken. Auf dem Tisch stand ein großer Alu-Topf mit weißer Suppe. Ich hatte wie immer Hunger, fragte kurz, und langte zu. Schmeckte gut, schön süß-sauer und die Stückchen, die gummiartigen, die darin rumschwammen waren auch nicht schlimmer als das, was sie uns in der Mensa als Calamares verkauften. Nach meinem zweiten Teller fing Jürgen an zu weinen – vor Glück. „Du magst meine Kuttelsuppe, du magst meine Kuttelsuppe.“ sabberte er besoffen. „Keiner hat sie essen mögen, alle sind gegangen.“ Jürgen hatte groß eingeladen, um eine Spezialität aus seiner Heimat aufzutischen, aber die Gäste waren angewiedert gegangen, als Jürgen ihnen erzählt hatte, was sie dort essen sollten: Rinderpansen. Schlachtabfall also, der schon damals nur noch zu Hundefutter verarbeitet wurde. Keiner hat es seitdem wieder gewagt, Kuttelsuppe auf den Tisch zu bringen. Jürgen hat seine Examen gemacht und ist zurück nach Stuttgart gegangen – zu Bundesbahn. Die wollte da einen neuen Bahnhof bauen und brauchte viele Juristen. „Wer nix is und wer nix ko geht zu Poscht und Oisaboh.“ hab ihm zum Abschied auf die Tür gemalt. Denn in Zwischenzeit hatte er mir, seinem Helfer in der Not, die Freundin ausgespannt. Aber seine Suppe blieb unvergessen und unerreicht.

Deswegen war ich froh, als ich sie in Berlin wieder fand. Ich machte ein kleines Ritual draus. Ein Spiel. Immer wenn ich Dienstags von der Karate-Stunde wiederkam, setzte ich mich in den immer gleichen Imbiss und aß schweigend mein Armensüppchen. Ich spielte eine Figur, die ich bei Camus in „Die Pest“ so beeindruckend fand. Einen Mann ohne besondere Eigenschaften, von dem man nicht genau erfährt, was er eigenlich macht und der nur damit beschrieben wird, dass er ein einfaches Zimmer bewohnt und abends eine Suppe in einem bescheidenen Restaurant zu sich nimmt. Ich fühlte mich gut in der Rolle als Unberührbarer und spielte sie mit Liebe zum Detail. So legte ich oft meine Kappe beim Essen auf den Tisch, wie ich es bei ältern türkischen Männern gesehen hatte. Bis eines Tages die Wirklichkeit für einen Moment das kokette Spiel überholte. Plötzlich war ich tatsächlich arm. Ich hatte mein Geld vergessen. Keinen Sou in meiner Tasche. Das merkte ich aber erst, als ich zur Kasse ging. Ich wusste, dass der Mann hinter der Theke kein Deutsch sprach. Also zeigte ich ihm mein leeres Portemonnaie. Ich wollte anschreiben lassen, als Stammgast, der ich war. Aber der Döner-Mann machte nur eine Kopfbewegung von unten nach schräg oben. Und die hieß: „Ist schon gut, ich weiß, dass du ein armer Schlucker bist. Also vergessen wir’s. Gehab dich wohl.“ Das war eine zärtliche und großzügige Geste, die ich in so einer armen Gegend wie dem Wedding nicht erwartet hätte. Mein Wirt hatte sicher viele Gäste, die nichts in der Tasche hatten und die Zeche nicht zahlen können. Und trotzdem diese Großzügigkeit. Ich fühlte mich warm und aufgehoben in dieser großen Stadt. Am dem Tag beschloss ich, mit diesem Arme-Leute-Spielen aufzuhören. Es gibt andere, die diese Geste dringender brauchten als ich. Und ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich fühlte mich, als hätte ich mit meinem Schicksal gespielt, das es bisher gut mit mir meinte. Ich hatte keine Lust, wirklich arm zu sein.
Aber Iskembe esse ich trotzdem weiter gerne.

15 Gedanken zu “Die Zärtlichkeit der Armen

  1. Iskembe kann eine Delikatesse sein. In Bayern und in Baden Württemberg ein normales Essen, da hier aus Tradition schon immer das ganze geschlachtete Tier verarbeitet wurde. Die Berliner können mit Innereien nicht viel anfangen – es sei denn sie gehören zur Toskana Fraktion, dann essen sie „Trippa alla Fiorentina“.

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  2. Kuttelsuppe kenne ich aus Kinderzeiten, als ich in einem abgelegenen, winzigen Dorf mitten im Wald aufwuchs. Damals war es normal, dass bei Hausschlachtungen auf jeden Fall das komplette Tier samt Innereien zum Essen verarbeitet wurde.
    Sobald eine Schlachtung anstand, verschwand ich blitzartig im Wald und über die Felder und kam erst Abends wieder zurück. Um Kuttelsuppe, Lungenhaschee, frische Blutgrütze und was es da noch alles gab, machte ich einen großen Bogen. Einen riesengroßen.
    Bis heute esse ich nur ganz selten Fleisch und wenn, dann nur wenig.
    Hausschlachtungen und deren Begleitumstände, sowie die Verarbeitung des Fleisches und der Innereien verfolgen mich bis heute, wenn ich daran denke.

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  3. Sehr lesenswerte und vor allem vielschichtige Geschichte. Ich habe sie regelrecht genossen, so wie ich İşkembe Çorbası (Pansen Suppe) immer genieße. Erst gestern dachte ich, dass ich sie schon lange nicht mehr „getrunken“ habe, wie wir Türken gerne zu sagen pflegen. Denn Suppe wird (selbstverständlich mit dem Löffel) getrunken und nicht gegessen. 😉 Sehr schön auch die Reise zu Camus und die Pest. Da tauchten bei mir wieder die Bilder auf, wie ich das Buch damals las. … Grundsätzlich kann ich nicht verstehen, wie man vor Kuttelsuppe davonlaufen kann. Als ich klein war, wurde bei uns das Tier als gesamtes verspeist. Kutteln, Milz und vor allem Zunge mochte ich am liebsten. Das tue ich immer noch. Aber auch sonstige essbare Innereien (Gehirn, Hoden, Leber, Niere etc.), kamen bei uns auf den Tisch. Heutzutage scheint sich die westliche Welt eher um die „Filetstücke“ der Tiere zu interessieren. Der Rest ist Abfallprodukt oder den Menschen anscheinend nicht mehr zumutbar. Die Wertschätzung gegenüber dem Tier schien früher höher gewesen zu sein. Meine ganz persönliche Meinung ist: Wenn schon ein Tier für mich sterben muss, dann kann ich es auch in all seiner essbaren Gänze verspeisen – unabhängig von meinem finanziellen Status.

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    • Danke. Das finde ich sehr interessant. Es ist eine gute Tradition, alle Stücke eines Tieres gleichwertig zu behandeln. Es hat was mit Respekt zu tun, alles zu essen für das ein Tier geschlachtet wurde. Ich denke, die Deutschen Metzger lassen auch kein Stück verkommen. Aber das was die Kunden nicht so mögen, stecken sie in die Leberwurst. 😉

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  4. ich stehe eher auf Klößen in jeglicher Art. Komme gerade aus Unterfranken (Corona-Hotspot) zurück und hoffe, daß mich nichts angesprungen hat. Nun ja, dann hatte ich wenigstens die Klöße!

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