Das Haus in der Kurve

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Und hier noch was zum Träumen.“, schreibt mir eine Freundin auf einen gelben Klebezettel. Klebt ihn auf ein Buch, legts in mein Postfach und enteilt ins aufregende Sauerland. Sauerland, wie das klingt, Land der wuchtigen Wälder, der wilden Höhen und der ewigen Weiten. So stelle ich mir das Sauerland vor. Menschen, die dort leben, mögen das etwas nüchterner sehen. Aber Länder, in denen ich noch nie gewesen bin, können meine Phantasie entflammen. Nirgendwo ist es schöner (oder schrecklicher) als da, wo ich noch nie war. Deswegen öffne ich im öden österlichen Lockdown-Berlin das schmale Buch „Lexikon der Phantominseln“ mit großer Vorfreude. Deftige Abenteurgeschichten erwarten mich. Erzählungen von tapferen Seeleuten und furchtlosen Forschern, die sich an die Ränder der bekannten Welt wagten. Und von Kapitänen wird dort berichtet, die in Spelunken Seemansgran spannen, Geschichten von fernen Ländern, voll Gold und Edelsteinen und von Inseln, die es leider nie gab.
Wann, frage ich mich beschämt, hast du zuletzt den Aufbruch in eine unbekannte Welt gewagt? Nicht nur vom Sofa aus, sondern wirklich? Mein Blick fällt auf meine Motorradjacke an der Garderobe. Auf deren Brusttasche hat noch meine Mutter selig in einer anderen Zeit das stolze Abzeichen „Elefantentreffen 2009“ aufgenäht. Von Berlin an den Nürburgring mitten im Winter mit einem russischen Beiwagen-Motorrad. Es gab Schnee und es gab Eis, aber es gab kein Halten. „Du willst doch fahren,“ seufzte meine Freundin, „dann fahr auch.“ Es war ein Wunder, dass ich die Strecke mit der alten Mähre geschafft habe. Und wunderbar war es, sich nach zwei Tagen vor der Überquerung des heimatlichen Rheins bei meinem Vater melden zu können: „Ich stehe jetzt bei Linz an der Fähre.“ Und ein Happening war es, sich am andereren Tag mit tausend anderen Verrückten mitten in der Eifel im Schnee zu wälzen. Tempi passati. Gestern versuchten mein Freund Michael und ich die Motrradsaison einzuläuten. Nach einer Stunde gab ich auf. Im grauen, menschenleeren, schneidend kalten Brandenburg wollte keine Abenteurerlust mehr aufkommen.
„Wenn Träume sterben, dann wirst du alt.“, sangen die Phudys zu einer Zeit, als es für mich ein Wagnis war, mit dem Moped zur nächsten Dorfdisko zu fahren. Ist wirklich nichts mehr übriggeblieben von dem Drang in die weite Welt, von der Suche nach dem Paradies?

Der Gedanke lässt mir keine Ruhe. Am nächsten Morgen sattle ich die Packtaschen auf mein Fahrrad und mache mich einsam auf nach Westen. Weit über die Grenzen des Wedding hinaus fahre ich ins Niemandsland jenseits von Moabit. Dort, so weiß ich, gibt es eine Insel, die immer schon meine Sehnsucht auf sich gezogen hat. Kein Weg fürt zu dieser Insel, die ich immer nur für Sekunden sehen konnte, wenn ich von der kurvigen Autobahnbrücke auf sie herabgeschaut habe. Und die Karten, die es von dieser Gegend gibt, sind so widersprüchlich und ungenau, als wären sie von trunkenen Seemännern gezeichet. Einig sind sie sich nur darin, dass es gegenüber der Insel eine Hundewiese gibt. Das ist eine wichtige Information für Berliner. Hic sunt dragones, hätte man früher auf diesen weißen Fleck auf der Karte geschrieben. Ich erforsche eine terra incognita. Als Kompass kann mir also nur meine Sehnsucht dienen. Die Sehnsucht nach einem Ort von Kanälen durchzogen, mit grünen Gärten, kleinen Hütten und blühenden Bäumen. Ein Ort perfekter Harmonie, dessen Natürlichkeit durch das alleinstehende, übriggebliebene Gründerzeithaus mit großen Fenstern und hellem Klinker nur noch unterstrichen wird. Ein Garten Eden, mitten in Berlin.
Zum Glück bin ich allein unterwegs und habe ich keine Mannschaft, die meutern kann. Denn es wird eine Irrfahrt, die eines Odysseus würdig wäre. Von Brücken, die auf der Karte eingezeichnet sind, stehen seit dem Krieg nur noch die Pfeiler, unvermutet enden Wege vor offenen Schlünden, die einen zu verschlingen drohen. Und als ich mich durch den engen, gewundenen Tunnel wage, warten am anderen Ende Berliner Sirenen in einer Kleingartenkneipe, die mich trunken machen wollen. „Will er einen Glühwein oder will er ein Bier?“, werde ich in der Sprache des Soldatenkönigs angeherrscht. Anscheinend habe ich auf meiner Suche einen Zeittunnel durchschritten, der mich 300 Jahre zurückgeworfen hat. Aber Maketenderinnen im „Tunneleck“ sind heute gnädig und weisen mir den Weg: „Na, da sinse hier abba falsch. Da müssn se zu Siemens rüber. Un von da jibs ne Brücke.“
Ja, und da stehe ich nu, mitten im Paradies. Engültig hat sich die Frage erledigt, ob das Paradies ein Garten oder eine Insel ist. Es ist beides. In trauter Einigkeit leben hier der Wolf und das Schaf. Kleingärtner und die Wasserschutzpolizei. Und das große Haus beherbergt Künstlerateliers. Und weil hier täglich Schöpung stattfindet, sind Adam und Eva sind auch schon da.

25 Gedanken zu “Das Haus in der Kurve

  1. Schön deine Abenteuergeschichte. Ja es ist schön träumen zu können und noch schöner am Griff zu drehen. Ich habe gestern meine Vespa bemüht um zuerst 100 km nach Westen und dann wieder die gleiche Distanz zurück zu fahren. Knapp 6 Stunden Fahrtzeit insgesamt mit Geburtstagsfeier des Papas dazwischen. Der Weg zurück nach Westen ohne Schnee, der Sonne entgegen hatte so etwas von Freiheit, wenigstens einen Moment lang…

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  2. Ja, Rolf, deine Vorstellung vom wilden Sauerland ist absolut richtig. Ich kann dem beipflichten.
    Geboren und aufgewachsen ebendort, in einem winzigen Dorf mit Kühen, Schafen und knatternden Treckern, einer einzigen Straße, einem mückenverseuchten Badeteich mitten im dunklen Wald und alteingesessenen Bauern in historischen Höfen, kann ich deine Vision bestätigen.
    Wieso meine Eltern als Kriegs-Flüchtlinge gerade dort gelandet sind, hat sich mir nie erschlossen.
    Von dort aus war es jedenfalls nicht mehr weit bis zum Ende der Welt …

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  3. Dein Finden der terra incognita ist zu einer schönen Geschichte geworden 😊
    Also ich hab es ja gern eher kühl – aber Elefantentreffen in der Eifel … 🥶 ich verneige mich in Demut.
    So über 6° … die brauch ich dann schon.

    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

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  4. Das ist eine wunderbare Geschichte, die mir sehr gefällt. Sie erinnert mich an meinen Motorradfreund Michael. Wie sein Vater erkundet er die Welt mit seiner Maschine und gerade leidet er höllisch, weil er sich eingesperrt und gefangen fühlt. Rate mal was ich ihm riet:
    ich sagte: Erkunde Deine Stadt ganz neu. Mache Fotos an unbekannten Ecken, probiere neue Wege aus. Und propagierte Zuversicht, gerade als hätte ich sie fuderweise zu vergeben.
    Und spüre den Wunsch nach Normalität hart gegen die Wandungen der Geduld pochen.
    Einen lieben Gruß von
    Amélie

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  5. Du hast noch Träume – bei mir gehen die zur Zeit gegen Null. Immer dieselben Spaziergänge. Ausflüge werden von ToilettenSuchen überschattet. Mit schlechten Impfstoff will ich nichts zu tun haben. Die Politiker sonnen sich in der eigenen Sonne ohne jeglichen Glanz. Grau und Grauenvoll diese Berliner Welt. Meine BMW habe ich schon vor Jahren verkauft. So long Coboy.

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  6. tach, rolf, im sauerland um die edertalsperre: da waren wir doch vor jahren und ganz froh aus der jugendherberge (winterberg?) gestartet und es ist immer noch schön, daran die erinnerung zu halten! herzlichst jupp

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