Tod mit guter Aussicht

Terrasse des Museums für Sepulkralkultur, Kassel

Das Ende war dann noch sehr schön.

Für den zweiten Tag meines Besuchs hatte ich mir eine kleine Mutprobe auferlegt: „Das Museum für Sepudingsda?“ frage ich die Frau in einem der allgegenwärtigen weißen Garderobencontainern, an dem man seine Rucksäcke abgeben muss. „Ja, den Namen musste ich auch erst lernen.“, sagte sie freundlich.“ Das ist ist hinter der Grimm-Welt die Straße hoch.“ Noch vor fünf Jahren habe ich schockiert auf die Empfehlung von docvogel reagiert, die das Museum für Totenkultur in Kassel pries. Dunkle Grüfte mit verwesenden Kadavern stellte ich mir vor. So wie in Neapel. Ich hatte eine Heidenangst vor Totenkulten und all dem schwarzen Zeug, das da drumherum gemacht wird. Aber man wird ja älter und der Gedanke kommt näher. Und es war dann auch gar nicht so schlimm, im Gegenteil: Es war recht wunderbar. Ein Haus auf dem Hügel, viel Licht und eine Terrasse wie auf dem Deck eines Luxusliners. Die Exponate über Gevatter Tod in seinen vielen Formen verloren bei so viel Helligkeit ihren Schrecken und endlich stand ich für die Länge eines Kaffees auf der Terrasse in der Sonne und über den Dingen. Deswegen war ich nach Kassel gekommen.

Ach ja, und wegen der documenta. Die ganze Zugfahrt zurück nach Berlin (halbe Stunde Verspätung) versuchte ich das Assoziationskarussell einigermaßen in den Griff zu bekommen, das die Ausstellung gestern bei mir angeworfen hatte und das sich die Nacht über weiter drehte. Gab es einen gemeinsamen Nenner? War alles beliebig nebeneinander? War das überhaupt wichtig? Bleiben wir bei den Fakten:

Menschen: Ich habe in den zwei Tagen mit genau einem Menschen gesprochen. Er stand vor dem Schloss, vor dem Joseph Beus begonnen hatte seine 7000 Eichen zu pflanzen und fegte den Platz zwischen den Bäumen. Er trug die gleiche Mütze wie ich und eine graue Weste wie Beus. Es war offensichtlich sinnlos was er da machte. Ebensogut hätte er wie ein buddhistischer Mönch ein Mandala in den Sand legen und dann wieder wegwischen können. Das sagte ich ihm, und er freute sich. Er war nicht halb so verrückt, wie ich vermutet hatte, sondern sehr klar. Es wollte an die Beus-Aktion vor dem Düsseldorfer Landtag erinnern. Mit dem Besen hatte der den Platz gefegt und behauptet, er habe damit mehr für die Gemeinschaft getan, als alle Abgeordneten mit ihren Beschlüssen. Seinen Besenstiel hatte mein neuer Freund in den Farben der Bundesfahne lackiert.

Gemeinschaft: Damit wären wir bei dem Wort, an dem man auf der documenta nicht vorbei kam „lumbung“. Ich hatte das Glück, gleich am ersten Tag morgens im „ruru Haus“, dem Empfangsgebäude in einem leerstehenden Kaufhaus aus den 50ern, in einen Vortrag von einer indonesischen Künstlergruppe (rungagrupa?) zu stolpern und war gleich fasziniert.

Nicht nur von der Geduld, mit der diese sichtbar übermüdeten Männer geduldig das indonesische Prinzip des gemeinsamen Wirtschaftens erklärten, war ich beeindruckt. Auch von der Tatsache, dass es auf den 1700 indonesischen Inseln etwa genau so viele Sprachen und Dialekte gäbe, aber kein Wort für den Begriff „Ich“. Man hebe die Verdienste des Einzelnen nicht hervor, verwende den Passiv, der offen lässt, wer was oder wieviel getan hat für die Gruppe. Dagegen sei der Begriff des „zum Gedeihen der Ernte/ des Gemeinwesens beizutragen“ sehr wichtig. „Nourishing“ wie es ungenügend ins Englische übersetzt wurde. Man müsse nicht nur sähen und ernten, sondern müsse auch etwas dafür tun, dass der Boden fruchtbar bleibe, dass die Gemeinschaft gedeihe. Der Gedanke entstamme aus dem Matriarchat, das vor den männlich dominierten Religionen auf den Inseln herrschte. Ach war das schön. Mal was Positives, etwas, von dem wir lernen können, statt des erwarteten Imperialisten-Bashings. Ich kaufte mir das Buch der Gruppe (30 Euro) und war einigermaßen enttäuscht. Was ich da las, von den klugen Bäuerinnen und Bauern, die klug genug sind, ihre Sachen in Eigenregie und zum Wohle aller zu regeln (wenn man sie denn lässt), kannte ich schon. „Die Bauern von Solentiname“ von Ernesto Cardenal aus Nicaragua. Theologie der Befreiung. Auch die lebten auf einer kleinen Insel. Hab ich mit 20 gelesen.

Worte an der Wand: Über all steht was geschrieben. Mal als Kunst, mal als Meinungsäußerung, mal als Ablaufschema das zeigt, wie sich Ideen entwickeln sollen. Viel Mindmap und Brainstorming. Hat mich dann recht bald nicht mehr interessiert. Unsortierte Gedanken habe ich selber genug und wenn ich lesen will, kauf ich mir ein Buch.

Ruhe: Im Obergeschoss des Staatstheaters war kein Mensch. Nur eine recht übersichtliche Installation mit Materialien wie Sand, Holz und Stahl, die Stoffe halt, aus denen das Haus gebaut wurde. Ich hole mir den Audio-Guide, lege mich auf eine Bank am Fenster und lasse mich von der ruhigen Stimme der isländischen Künstlerin über die Herkunft des Eichenparketts belehren. Habe lange nicht so gut geschlafen. Die Audiofiles kann man sich im Internet anhören.

Humor: Es gab einen Running Gag auf der dokumenta. Überall gab es Werbeschilder für einen Hähnchen-Imbiss. Das hat ein britischer Künstler sich ausgedacht, als satirische Antwort auf den Unterstellung der britischen Presse, dass in den muslimischen Händelbratereien in England heimlich für den Dschihad gearbeitet werde. Und zu einem richtigen Dschihad gehört natürlich auch eine „Befreiungsfront der gebratenen Hähnchen.“ Der aktuelle „Spiegel“ hat den Witz nicht kapiert und hält den Künstler für einen wirklichen Gotteskämpfer. Um den Irrtum zu vermeiden, hätte man als Qualitätsjournalist nur die zwei Seiten im Ausstellungskatalog lesen müssen. Oder den Podcast „Birds of Paradise“ auf YouTube anschauen.

Politische Kunst: Habe ich auf der documenta kaum mehr gefunden. Außer der Botschaft der australischen Ureinwohner in einem Zelt und einem aus der Zeit gefallenen Agitprop-Plakat an der Fassade von C&A. Aber außerhalb der Ausstellung, in der dunklen gotischen Alten Brüderkirche bin ich zufällig auf eine sehr radikale und sehr verwirrende Ausstellung von Jan Kath getroffen. Rug Bombs sind riesige, handgeknüpfte Wandteppiche, die moderne (US-amerikanische) Waffen mit klassischen Teppichmustern zeigen, jeweils vor dem Hintergrund von Flucht, Vertreibung und Zerstörung. Die Bilder haben im Dunkeln eine magische Wirkung. Sie sind wohl das politische Coming Out eines erfolgreichen Designers, der Luxusvillen mit teuren Teppichen ausstattet. Für ein Bomben-Bild wird mehr als 35 000 Euro aufgerufen. So werden diese politischen Anklagen wohl wieder in Luxusvillen landen. Vorher kommen sie aber noch mal in eine Galerie in Berlin.

Treiben lassen: Recht bald merkte ich, dass es mich bei dem klaren Herbstwetter mehr reizte, die sehr grüne Stadt zu erkunden, als ziellos in einer künstlich in eine Wellblechhütte verwandelten Ausstellungshalle herumzuirren, in der man auch noch eine lärmende Halfpipe für Skater aufgebaut hatte. Es gab auch eine Ausstellung an der Fulda, im Bootsverleih „Ahoi“. Die Kunst dort bestand aus einem Gang, in dem man sich immer tiefer bücken musste um an einen Bildschirm zu kommen, um dort irgendwas über die Schleimspur japanischer Schnecken zu erfahren, die jetzt in Korea leben. Ich schnappte mir das letzte verbliebene Kajak und ließ mich eine Weile auf der Fulda treiben. Abends lief ich zurück zum Hotel, denn die Straßenbahnen fuhren nur noch alle halbe Stunde, als ich an einem großen Irish-Pub vorbei kam, aus dem wehmütige Folk-Songs von der geliebten grünen Insel klangen. Ich wagte einen Schritt hinein, prallte vor einer Wand von menschlichen Stimmen und Bierdunst zurück, aber war sofort erfüllt von einer Sehnsucht nach einem Rausch, blödem Geschwätz und sinnlosen Diskussionen über Kunst und den Rest der Welt. Gehörte das früher nicht mal zusammen: Kunst und Leben?

12 Gedanken zu “Tod mit guter Aussicht

    • „Ach schenk mir bitte nochmal ein von diesem billgen roten Wein…“. Der Rummel in der Bierschwemme war mir nach einem Tag der Stille dann doch zu viel. Im Abgesang auf die documenta in der taz lese ich heute, dass man ruangrupa extra eingeladen hatte, weil sie in Jakarta legendäre Kunstpartys organisiert hatten. Das hat wohl in Deutschland nicht geklappt.

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  1. Großen Dank, Rolf,
    ich habe fast das Gefühl da gewesen zu sein.
    Ein Volk, was kein „Ich“ kennt. Darüber denke ich sicher länger nach. Ist es nicht unmöglich, Kriege zu führen, wenn es kein ICH gibt. Dann gäbe es doch keine Königinnen und Könige, Diktatorinnen und Diktatoren und Größenwahnsinnige!
    Der Tod! Der fasnziniert mich seit ich weiß, dass ich ein Aneurysma im Kopf habe. 🙂
    Im Angesicht meines Vaters spukt bei mir die „Baumidee“ im Kopf herum. Die habe ich allerdings geklaut, kennst du das Buch „Vernichten“ von Michel Houellebecq?
    Ich denke, du hast dir diese Reise selbst zum Geburtstag geschenkt? Eine gute Entscheidung.
    Einen schönen Samstag, ich habe schon in meinem Grafikschrank Lotusgrün herausgesucht :-),
    und einen noch schöneren Sonntag, 😉
    Susanne

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  2. Liebe Susanne, ja, war ein vorzeitiges Geschenk an mich. 😉 Überall auf den documenta- Plakaten steht ja das Datum als Abschlusstermin. Das habe ich als Einladung genommen.😀 die Baumidee und das Buch kenne ich nicht. Aber wir werden uns ja bald wieder Grün sein.

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  3. ich bin ja ein alter Skeptiker. Aber ich glaube nicht, dass es bei all den vielen indonesischen Sprachen keine gibt, in der es das Wort „Ich“ gibt. Mindestens eine grammatische Form, die man verwendet, wenn man sagen will „Ich habe Hunger“ gibt es eigentlich in jeder Sprache. Muss es in jeder Sprache geben. Und dass es auf den Inseln mal ein Matriarchat gegeben haben soll, halte ich auch für eine unhistorische Fantasie. In der Ethnie der Minangkabau gibt es zwar bis heute eine matrilineare Kultur, die sich mehr oder weniger gut mit dem vorherrschenden Islam verträgt. Das ist aber kein Matriarchat, sondern da geht es nur um die Vererbung von Grundbesitz in weiblicher Linie. Regiert haben dort (nach dem wenigen, was man sicher weiß) immer Könige, keine Frauen …

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    • Skepsis ist immer angesagt, wenn jemand aus fremden Ländern berichtet😎. Und ich bin aus dem Alter raus, in dem ich irgendwo das Paradies auf Erden zu finden hoffe. Aber ich habe mir das Buch zum Lumbag gekauft und das berichtet von zumindest gleichberechtigten Frauen, die z. B. die Ernte organisieren und auch Besitzerinnen der Äcker sind. Das sind alles Beispiele auf der Arbeitsebene, Graswurzelbewegung im wahrsten Sinne des Wortes. was darüber in Staat und Gesellschaft organisiert wird, steht auf einem anderen Blatt.

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      • Die Frauen müssen aufs Feld und auch die Ernte selbst machen, die Männer sitzen derweil im Café … ?…? 🤫😃 Würde mich wirklich mal interessieren, wie das im Detail so abläuft …

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  4. Haha, wenn ich das lese, freue ich mich, dass wir uns die documenta heuer gespart haben. Sie hat sich nicht wirklich eingeprägt, außer mit einem Streit um ein hässliches antijüdisches Bild (ein bisschen Politkunst hat es anfangs also schon gegeben – nur glaube ich, dass sich gruanupa, nee ruangrupa, wohl nicht ausreichend über ihr Gastgeberland informiert hatten – und vermutlich auch nicht darüber, wie man eine Weltkunstausstellung kuratiert 😄) Ansonsten stimme ich dir zu: Ein einzigartiges Städtchen und tolles Nachkriegs-Architekturensemble.

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  5. Ich habe jetzt erst den Artikel zur documenta gelesen.
    Ach, genau das Gefühl des großen Durcheinanders hatte ich auch.
    Der Gemeinschaftsgedanke ist eben der genossenschaftliche, einer für alle, alle für einen. Aus ganz ganz vielen Gründen bin ich Raiffeisenianer. So kam mir das alles vor.
    Im das Museum für Sepulkralkultur habe ich es nicht mehr geschafft. Das nächste Mal.
    Ich bin übrigens der Meinung, das beste an Kassel sind immer noch die vielen Bäume von Beuys.
    Wie sähe die Stadt wohl ohne sie aus?

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