Schlechte Futterverwerter

Es war Anfang letzter Woche. Berlin versank im Schnee, ich hatte mich unter ein verschneites Brandenburger Dach geflüchtet. In meiner Wohnung wurde die Gastherme rausgerissen und Brandenburg hatte die Anwesenheitspflicht in den Schulen aufgehoben. Da saßen wir nun. Die Eltern im Homeoffice, die Jungs beim Homeschooling, alle über ihre Laptops gebeugt. Nur der Jüngste musste durch den Schnee stapfen, denn die Grundschule macht kein Homeschooling. Als es Mittag wurde, kam die Mutter auf die verrückte Idee, das Schulessen in der Schule abzuholen. „Das haben wir ja schließlich bezahlt.“ Sie hätte auch sagen können „Ich habe keine Lust, zu kochen.“ Dann hätte ich wie jedes Mal Kartoffeln aus dem Keller geholt und irgendwas dazu gemacht. Aber so wurde der Caterer angerufen, der versicherte, dass das Essen an die Schule geliefert worden sei und man es sich abholen könne. Jetzt war ja eigentlich der Grund für das Zuhausebleiben der Kinder, dass sie sich nicht bei Blitzeis auf den Schulweg machen müssen. Aber für Eltern gilt das nicht, vor allem wenn es gilt, Essen vor dem Verderb zu retten. Also fahren wir, natürlich mit dem Auto, drei Kilometer um zwei Portionen Schulessen abzuholen. Es ist halb eins. Vor der Schule schippt der Hausmeister Schnee. Die Mensa ist geschlossen. „Ja“, sagt der Hausmeister, „Das Essen ist geliefert worden. Aber es sind ja keine Schüler da. Da haben wir das Essen in die Tonne geworfen.“ In die Schule gehen 900 Kinder. Auf dem Rückweg springe ich schnell in den großen Rewe-Markt, kaufe Bratwürste Orangen und Erbsen. Die Großen sagen, sie haben keinen Hunger. Nur als ich den Kleinen abhole, hat er Appetit. „Mama hat vergessen, für heute Essen zu bestellen.“

Zwei Tage später zurück in Berlin. Meine Wohnung ist eine Baustelle, aber so warm wie noch nie. Die neue Wärmepumpe funktioniert. Aber was nicht funktioniert ist die Verteilung von Lebensmitteln. Zumindest, soweit es der Markt regeln soll. Nicht nur das Essen für eine ganze Schule, sondern gleich 4000 Tonnen Kartoffeln sollen in Sachsen weggeworfen werden – weil es zu viele davon gibt und weil es billiger ist die Kartoffeln in die Biogas-Anlage zu werfen, als den Transport zu den Händlern zu zahlen. Und das zu Beginn der „Grünen Woche“, der jährlichen Marketing-Show für die Landwirtschaft in Berlin. Flugs passiert das, was in Berlin wirklich gut funktioniert: Leute für eine spontane Aktion für eine gute Sache mobilisieren. Die Aktion heißt 4000 Tonnen wird von der Berliner Morgenpost und einer Internet-Suchmaschine aus dem Wedding organisiert, die die Transportkosten übernimmt. Die Kartoffeln werden an Kitas, Tafeln, Obdachlosenheime und Nachbarschaftsläden geliefert. Jeder kriegt einen Sack. Da sind eine Tonne Kartoffeln drin. Alle können kommen und sich so viel holen, wie sie wollen. Berlin ist im Kartoffel-Fieber. Die Ankunft der Lastwagen aus Sachsen wird herbeigesehnt wie einst die Landung der Rosinen-Bomber bei der Luftbrücke nach dem Krieg. In zwei Stunden ist die erste Lieferung vergriffen. Die andern meckern, weil sie erst am Montag beliefert werden. Man könnte meinen, die Stadt hungert. Dabei gibt es überall Kartoffeln im Sonderangebot. Bei Penny werden sie für 46 Cent das Kilo verscherbelt. Und die türkischen Gemüsehändler bleiben auf ihrer Ware sitzen. Ganz zu schweigen von den Bio-Bauern in Brandenburg. 4000 Tonnen Kartoffeln ist ihre Jahresproduktion, die sie bisher zu einigermaßen vernünftigen Preisen nach Berlin verkaufen konnten, klagen sie auf der Demo „Wir haben es satt“, die sich immer parallel zur Fressorgie der „Grünen Woche“ für vernünftige, nachhaltige Landwirtschaft einsetzt. Gibt kein richtiges Leben im falschen? Eine Bloggerin in unserem Lokal-Blog schlägt eine Lösung vor, die alle glücklich machen könnte: „Wollen wir nicht einfach Wedding-Wodka aus den Kartoffeln brennen?

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