Nighthawks

Foto: Lena M. Olbrisch

„Edward Hopper“, das sagen viele, die das Bild „Die Baude bei Nacht“ von Lena M. Olbrisch sehen, das es beim Kunstwettbewerb „Mein Wedding 2020“ unter die ersten 12 geschafft hat. Und sie meinen natürlich den Klassiker „Nighthawks“: Einsame Menschen, sitzen, vom kalten Neonlicht beschienen, in einem nächtlichen Restaurant. Traurige Gestalten, aber Gestalten, die gut aussehen. Mit ihren lässigen Anzügen, eleganten Kostümen, mit ihren coolen Hüten und harten Drinks könnten sie Schauspieler in einem Holywoodstreifen der schwarzen Serie sein. Selbst der Barmann ist adrett mit einem weißen Schiffchen auf dem Kopf. Das Bild, das in den 80ern in jedem billigen Bistro Westdeutschlands hing, hat  ganz wesentlich zu meiner Sehnsucht beigetragen, als einsamer Wolf durch nächtliche Straßen in der großen Stadt zu ziehen. Es war diese Sehnsucht, die mich endlich nach Berlin brachte. Einen Trenchcoat hatte ich auch dabei.

Jetzt lebe ich seit 25 Jahren hier und hab mein Ziel erreicht. Ich bin nicht nur alleine – meinen Sohn habe ich gerade bei seiner Mutter abgegeben- sondern auch richtig einsam und voller Grimm, wie jedesmal nach diesen traurigen Treffen. Kein Zuhause nirgends. Aber die Stadt kennt auch Orte, die einen trösten.

Kalt weht der Herbstwind durch meine dünne  Schimanski-Jacke, als ich im fahlen Licht der untergehenden Herbstsonne auf die Curry-Baude am Bahnhof Gesundbrunnen zusteuere, dem Treffpunkt aller Nachteulen, die hier in Berlins irrester Ecke gestrandet sind. Ein mageres schwarzes Mädchen in einem dünnen Kleidchen kommt mir auf dem Bahnhofsvorplatz entgegen, geschmeidig tanzend, selig lächelnd. In ihrer Hand verbirgt sie etwas, etwas Glänzendes, wahrscheinlich das Zeug, das sie gerade glücklich macht. Ich lächle zurück, denn auch ich  verstecke etwas, das glücklich machen soll. Die Baude ist hell erleuchtet, wie auf dem Foto. Doch im kalten Neonlicht (s.o.) hinter dem Tresen steht eine alte gebeugte Frau, die schon zu lange da steht. Zu viele Jahre und zu viele Stunden heute. Sie ist die Chefin, oder sie war es mal, das macht ihr Gesicht klar. Aber was macht die alte Chefin Sonntagabend um 8 noch im im Lokal? Mit der Hand stützt sie sich am Tisch ab, als sie meine „Curry Spezial mit Paprika und Mais“ zurecht schnippelt. Nichts erwartend als die nächste Bestellung. Hinter ihr gießt eine aus der Form geratene junge Frau mit struppigen, farblosen Haaren altes Frittenfett einen Eimer. Jetzt oder nie. Als ich die zwofuffzich für die Wurst auf die Glasschale zähle, ziehe ich mit der Linken etwas aus meiner Tasche. Keinen geladenen Colt, wie es Humphrey Bogart gemacht hätte, keinen Briefumschlag mit Dollarnoten. Nein, es sind die Postkarten mit den Bildern der Wettbewerbsgewinner, die wir nun im Wedding verteilen. „Hier“, sage ich, „wollte ich ihnen geben. Das Foto von Ihrer Baude hat einen Kunstpreis gewonnen.“ Kurz meine ich, dass sie ärgerlich wird, weil ich sie in ihrer Routine unterbrochen habe, die sie mit Mühe aufrecht erhält. Dann ruft sie nach hinten einen Männernamen: „Da ist jemand mit dem Foto, das die Kundin neulich gemacht hat.“ Ein hagerer Endvierziger kommt aus dem Lagerraum und  wischt sich die Hände ab, bevor er die Karten nimmt. Ich sage mein Sprüchlein noch mal. „Danke“, sagt er, „dass Sie an uns gedacht haben.“ Das Foto gefällt ihm. Freundlich zeigt er die Karten seiner grauen Helferin. Die werkelt immer noch am Boden, dreht kurz den Kopf und verzieht das Gesicht. Die alte Dame ist schon bei der nächsten „Zwee ma ohne Darm mit Pommes.“

Ist also Kunst doch für was gut? Na ja, auf jeden Fall hat sie mich zu der schärfsten und besten Currywurst in Berlin geführt (vergesst Konopke und Curry 36 gleich mit). Und mit der Curry intus habe ich sogar den Rückweg mit der U6 überlebt. Als am Leopoldplatz nicht nur die üblichen vier betrunkenen Polen (heute waren es nur drei, ich mach mir Sorgen) säuerlich nach Bier und Erbrochenem riechend in den Wagen torkelten, sondern auch noch ein Mann mit einem Seppelhut, der einen Rollstuhl mit einer Bierflasche drin vor sich herschob, sich mit den Fußsstützen in der Festhaltestange verhakte und so die ganze Tür blockierte. Und als der endlich durch war, noch zwei Jungs reinkamen (einer tatsächlich mit umgedrehter Basecap und goldener Gliederkette um den Hals), die noch irgendeinem Mädchen auf dem Bahnsteig imponieren wollten und ihre Hacken zwischen die zugehende Tür klemmten. Was aber auch wieder nichts mehr ausmachte, weil der ganze Zug außerplanmäßig noch fünf Minuten im Bahnhof stehen blieb, was uns der Fahrer über knarzende und hallende Lautsprecher lakonisch zubrüllte. War alles zu ertragen, selbst mit Maske vorm Gesicht.

Wir halten also fest: Wer Kunst so nah an sich ran lässt, dass er sie für Wirklichkeit hält, der läuft sein Leben lang falschen Vorbildern nach. („Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“ (Fehlfarben)). Wer aber Kunst nicht an sich ran lässt, verpasst die besten Orte, die erstaunlichsten Menschen und bleibt ewig in einem Vorortbistro mit einer schlechten Kopie von den „Nighthawks“ hängen.

Einen schönen Abend wünsch ich noch.

 

Happy shiny people

Foto: Michael Fanke

Was soll ich groß sagen? Die Ausstellungseröffnung von „Mein Wedding 2020“ war ein Fest, ein buntes, heiteres Sommerfest im hitzeflirrenden Norden Berlins. Alle beautiful people waren da. Die Künstlerinnen (und der eine Künstler), viele Freunde und Bekante.Sebst meine Tochter war extra in den Wdding gekommen. Alexandre, der lockenköpfige Hausmeister vom Deutsch-Französischen Jugendwerk hatte mit seinen Leueten den blühenden Gemeinschaftsgarten „Rote Beete“  besenrein gefegt und die Miniatuen der 12 ausgewählten Bilder im Garten verteilt. Wegen der Wespen und wegen Corona mussten wir die Gummibärchen in der Tüte lassen. Aber Kaffee gab’s, aus weißen Tassen, nur ohne Keks (Corona s.o.) Dann kam auch schon der Bürgermeister. Susanne Haun hat flott durch das Programm moderiert. Die drei Preisträgerinnen waren, soweit anwesend, fast zu Tränen gerührt. Alle waren glücklich und der Herr Bürgermeister ist noch etwas länger geblieben.

Wer schauen will wie’s war:

Alles weitere könnt ihr auf der Mein Wedding 2020 Homepage finden:

Ils sont fous, ces …

Haun_Susanne_02© Susanne Haun.com

Ja, wir spinnen, das ist klar. Schon vor wenigen Monaten, als wir ankündigten, in Berlin Wedding, mitten in Coronazeiten einen Kunstwettbewerb für eine Open air-Galerie zu starten, fragte ein Kommentator auf diesem Blog, ob wir noch in der gleichen Welt leben würden? Ob wir glauben würden, dass wirklich im August auf der vierspurigen Müllerstraße Plakate mit Kunstwerken zu sehen sein würden? Das war die Zeit der Kontaktsperre, wenn sich jemand erinnert und es war sehr, sehr leer auf den Straßen.

Und um ehrlich zu sein: Nein, manchmal haben wir daran nicht mehr geglaubt. Denn neben Corona gab es ja noch den ganz normalen Berliner Wahnsinn. Wenn zum Beispiel für den Standort eines Plakates zwei verschiedene Bezirksämter inklusive einer landeseigenen Immobilienverwaltung zuständig sein könnten, aber keiner eine Entscheidung trifft und das ganze dann scheitert, dass auch in der Raucherecke des JobCenters ausreichende Abstände zur Belüftung und Beleuchtung eingehalten werden müssen, dann wird es manchmal etwas viel.
Wir haben trotzdem weiter gemacht. Weiter gemacht, als plötzlich 2000 Flyer wertlos wurden, weil alle Kneipen und Cafés geschlossen hatten, in denen wir sie verteilen wollten. Als der Bescheid des Bezirksamtes für die „Ausnahmegenehmigung gem. § 46 StVO“ vom Fachbereich Straßen- und Grünflächenverwaltung auch nach monatelanger Wartezeit und hundert Nachfragen immer noch nicht kommen wollte. Und weiter gemacht, als das Postfach für die Einsendungen in den ersten Monaten, bis auf ein paar Fotos von vollgestopften Mülleimern und weggeworfenen Fernsehern, leer blieb.

Und jetze? Allet jut. Jetzte is allet durch. 🙂
Die Genehmigungen sind da, das Centre Francais de Berlin ist als Träger mit eingesprungen, das Postfach ist kurz vor Einsendeschluss übergelaufen und die Jury hatte plötzlich mehr als 180 tolle, farbenfrohe, melancholische, coole, kreative, unmögliche, dunkle, strahlende, bescheuerte, liebevolle, trashige, brave, schwarz-weiße, persönliche, abstrakte oder einfach großartige  Collagen, Fotos, Ölbilder, Grafiken, Tuschezeichnungen, Webteppiche!, Kinderzeichnungen, Aquarelle – und wat sonst noch allet – dazuliegen und musste daraus die zwölf besten aussuchen.
Und dit in zwee Stunden uffn Nachmittach.

Deshalb dürfen wir euch jetzt einladen zur Ausstellungseröffnung

Samstag, den 15. August 2020, 11 Uhr
im interkulturellen Garten „Rote Beete“
neben dem Centre Francais de Berlin,
Müllerstraße 75,
13349 Berlin

Der Bürgermeister von Mitte kommt auch und die ganzen Künstlerinnen und Künstler. So zum Angucken und Anstoßen. Wird bestimmt nett. Ick freue mir so.

Ach ja: Diesen Sommer keinen Blogbeitrag ohne Blumengruß aus dem Hinterhof.

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Halb gelesen

Beruhigend schäumt die Waschmaschine. Mal nach links, mal nach rechts. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Das Klatschen der Laken in der Trommel, die kurzen Stopps, und immer weiter geht’s. 2einhalb Stunden Beruhigungskonzert für meine Nerven. Viel mehr wird heute nicht passieren.
Ich könnte ja ein gutes Buch lesen. Hab ich aber schon. Heute morgen auf dem Balkon: Navid Kermani, 5 Seiten, die Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Erbaulich, wie es sich für einen Sonntagmorgen gehört. Warum gehe ich nicht mal wieder in die Kirche?

Neben meinem Bett stapeln sich halbgelesene Bücher. Nichts, was mich wirklich mitreißt. Corona-Unterstützungs-Käufe für meinen Buchladen. Wenigstens den Händler habe ich glücklich gemacht damit. Er hat mir beim Rausgehen die Tür aufgehalten. Natürlich musste es Camus sein: Die Pest. Hatte der Händler einen großen Stapel von aufgetürmt. Fand ich als Schüler großartig: Männer reifen im Angesicht der Katastrofe. Mann wollte ich sein und schicksalschwere Entscheidungen treffen. Die Katastrofen sind ausgeblieben, die Entscheidungen hat das Leben für mich getroffen und das Buch habe ich im Bücherregal im türkischen Café nebenan gegen Juli Zeh „NeuJahr“ eingetauscht. Eine Frechheit, dieses Buch. Musste es in der Hälfte weglegen, weil  die Schilderung verdurstender Kinder in einer spanischen Finca so an die Nieren ging (habs dann doch nicht ausgehalten, nachts um 2 den Rest gelesen und nicht mehr schlafen können). Schlecht schlafen kann ich von alleine. Brauche ich dafür Literatur?
Oder Uwe Timm „Freitisch“. Uwe Timm geht eigentlich immer. Aber das? Alte Männer bramabasieren über ihre wilden Zeiten als Arno Schmidt-Fans. Literatur über Literatur. Hat mich immer schon gelangweilt. Vorsichtig entstaube ich meine Arno-Schmidt-DDR-Erstausgabe, Verlag Volk und Welt 1990. Da war doch mal was. Hatten wir uns nicht bei Schmidt unsere seltsame postpubertäre Gruppensprache in der Berufsschule abgeschaut, oder war das aus der „Titanic“? Ok, unserem Wortführer, der heute noch so spricht, habe ich vergessen zum 60ten zu gratuliern. Seitdem spricht er gar nicht mehr mit mir. Besser so.

Wenn man selber nicht mehr weiter weiß, helfen Freunde. Schenkte mir doch aus blauen Himmel heraus eine Freundin den neuen Roman von Bov Bjerg „Serpentinen“, weil sie wusste, dass ich „Auerhaus“ geliebt hatte und weil sie mich ständig schubst, doch auch mal was über meine Jugend zu schreiben. Aber doch nicht sowas! Wieder muss ein Kind in Lebensgefahr kommen, damit der Autor seine eigene, abgrundtief hoffnungslose Kindheitsgeschichte erzählen kann. Selbstmörder, Gewalt, Alkohol auf der Schwäbischen Alb. War nett gemeint, aber mit 3 kleinen Jungs wird man da empfindlicher.

Und was sagen die Profis? Die sollten doch wenigstens die Überblick haben, was so richtig gut reinläuft in Zeiten wie diesen. Also bei Birgit Böllinger vorbeigeschaut. Sie ist angetan vom „Gesang der Fledermäuse“ Eine Einsiedlerin, im Bund mit Tieren und Natur, löst einen mysteriösen Mord an einem Pelztierhändler. Immerhin von einer Nobelpreisträgerin geschrieben und es kommen keine kleinen Kinder vor. Also nochmal zu meinem Buchhändler gelaufen, der schaut hinter seinem sehr improvisierten Corona-Schutz aus Cellophanfolie in seinen altertümlichen Röhrenbildschirm und rät „Kommt in einem Monat als Taschenbuch, da können Sie warten.“ Und weil das mächtigste Tier, mit dem ich bislang im Bunde stehe, der Sparfuchs ist, willige ich ein. Doch ohne Buch gehe ich nie aus seinem Laden, das weiß der gewiefte Bücherdealer. Mein Blick fällt auf „Das geheime Leben der Bäume“. Ich weiß, Spiegel-Bestseller und keine Literatur. Aber als Einstieg in die Weltflucht das ideale Vehikel. Und Fledermäuse sind mir in Zeiten von Corona echt noch zu gefährlich.

Im falschen Film

And you may find yourself in a beautiful house
With a beautiful wife
And you may ask yourself, well
How did I get here?

Die Verandatür ist offen. Es ist ein warmer Tag mit makellos blauem Himmel. Der automatische Rasenmäher surrt über den millimetergenau gestutzen Rollrasen. Auf dem Rasen spielen drei Jungs. Unsere Jungs. Sie nennen den Rasenmäher „Die Kröte“. Neben mir steht ihre Mutter und fragt mich, ob ich einen Kaffee will. Ich nicke. Die Jungs werfen Flugzeuge aus Styropor mit einer wuchtigen halben Drehung ihrer sehnigen Körper in die Luft. Bausparkassenwerbung.

Die Flieger kommen mit Loopings wieder zurück. Einer landet auf dem Garagendach des Nachbarn. Ein fragender Blick. Ich hole die lange Aluleiter aus dem Keller. Als ich mit der Leiter am Türrahmen anstoße, zuckt die Mutter. Immer bin ich es, der ihrem Idyll eine Schramme verpasst. Vorsichtig prüfe ich das Dach, ich bin nicht sicher, ob es mich trägt. Die Jungs staunen, als ich den Flieger nach unten werfe. Der Papa löst die kleinen Probleme, Mutter kocht im stahlend weißen Eigenheim einen Kaffee.

And you may tell yourself
This is not my beautiful house!
And you may tell yourself
This is not my beautiful wife!

Ich bin nur zu Besuch. Habe mich außer der Reihe selbst eingeladen, weil mir die Zeit zu lang wurde, in denen ich die Jungs nicht sehe. Wir spielen noch eine Runde Pokemon-Karten auf dem Rasen. Dann ist Zeit für’s Bett. Die Schule hat wieder angefangen. Hastig decken wir den Abendbrottisch. Als ich mich mich auf mein Motorrad setze, sind die Jungs schon im Schlafanzug. Sie kommen noch mal an die Tür. „Wir wollen hören, wie du den Motor anmachst.“

You may ask yourself
Where does that highway go to?
And you may ask yourself
Am I right? Am I wrong?
And you may say yourself
„My God! What have I done?“

Die Talking Heads haben wir in den 80ern in Dauerschleife im Kino in der Heidelberger Hauptstraße gesehen. Waren so schön überdreht, die Bühnenshow, die Texte. Jetzt ist das mein Alltag.

Same as it ever was
Same as it ever was
Same as it ever was

 

 

 

 

 

 

 

Dämon Alkohol

Wir haben gekocht. Sitzen am Küchentisch und stochern im Spargelsalat mit Linsen. Meine Idee. „Linsen hatte ich heute schon“, mäkelt die Tochter. Sie hatte sich auf Spargel gefreut. Aber es sind nur ein paar Stangen in der Schüssel. Ich habe mich an das Rezept gehalten. Na ja, einen Versuch war’s wert. Ich versuche das Gute an dem Abend zu sehen: Schön, dass sie da ist. Schön zu hören, dass sie sich wieder um ihre Masterarbeit kümmert. Um das Thema zu wechslen, zeige ihr auf meiner Kamera die Blümchenbilder, die ich im Garten gemacht habe und auf die ich so stolz bin. „Hübsch“, sagt sie. Die Stimmung war schon einmal ausgelassener.
Da fällt mir die kleine Flasche Ouzo ein, den sie mir aus ihrem letzten Griechenlandurlaub mitgebracht hat. Ich trink ja sonst nix, ehrlich, steht schon ein Jahr bei mir rum, aber auf einmal habe ich große Lust auf Schnaps. Ich wedele die Flasche vor ihrer Nase rum. „Willst du einen?“ „Warum nicht?“, kommt es erstaunt zurück. Darf ich die Jugend zum Trinken verführen? Muss ich als Vater nicht Vorbild sein? Wir trinken den Schnaps aus Eierbechern. Was anderes hab ich nicht. Das Zeug ist süß und lecker und ungekühlt. Läuft so rein.
Nach dem zweiten Becher zeige ich ihr den Trick mit dem umgedrehten Objektiv. Sie hatte sich  im letzten Jahr eine alte Kamera gekauft und ein paar Schwarzweißfilme verschossen. So richtig ernst gemeint war es wohl nicht. Eher so ein Trend. Als ich ihr zum Geburtstag einen Belichtungsmesser schenkte, hat sie ihn angeschaut, als wäre es ein Faustkeil. Aber der Trick gefällt ihr. Objektiv abschrauben, umdrehen und vor die Kamera halten – und schon kann man winzige Details ganz groß machen. Unter den Augen meiner Tochter verwandelt sich mein Küchentisch. Abstrakte Formen, zerkratzte Details, wie aus einer alten Fabrik. Die Fotos, die sie knipst könnte man als Deko in ein Vorstadtcafé hängen, oder in einen Club, finde ich und sage es ihr auch. Meine Euphorie ist echt. Sie hat wirklich ein gutes Auge und ich bin beim vierten Eierbecher angelangt. Sie ist auch ganz begeistert, als sie sieht, wie aus der  Spülbürste ein Strahlenkranz wird. Wir sind Künstler – für einen Abend. Sie tippt auf ihrem iPhone rum und überträgt sich die Bilder. „Noch einen Becher?“, frage ich. „Nee,  ich bin noch verabredet. War aber trotzdem schön.“
Zwei Tage später sind wir mit Freunden nach Brandenburg gefahren – zum Spargelessen. Diesmal richtig.

Der Schlächter

Das Gesicht ist aufgedunsen. Klein und verkniffen liegen die Augen in den Wülsten. Der Stiernacken, die nach vorne hängenden Schultern: Der Kerl würde in jedem Stück, in jedem Film den tumben Spießgesellen, den Handlanger und Mordbuben geben können. Aber die Theater sind zu und deshalb wütet er in Wirklichkeit. Bahn für Bahn hinterlässt er seine Spur der Verwüstung in unserem Hinterhof. Weiß er was er anrichtet? Weiß er, dass er mit seiner stumpfen Tat mein kleines Glück vernichtet?
Der Schweiß rinnt ihm vom kahlen Schädel während er stoisch seine scharfen Messer kreisen lässt. Unbeholfen schiebt er seinen Schmerbauch mit mechanischen kurzen Schritten hinter seiner Mordmaschine über die Wiese. Seine Opfer heißen Storchenschnabel, Hasenglöckchen oder Löwenzahn. (Ich hab ’ne Pflanzenapp) Esels-Wolfsmilch, Graukresse oder Italienscher Aaronsstab. Allein wegen ihrer liebevollen Namen muss man sie schon mögen. Und noch mehr bewundern, mit welcher Harnäckigkeit sie sich und ihre streichholzkopfkleinen Blüten auf dem trockenen Sandboden durchbringen. Allem haben sie getrotzt. Dem glühenden Sommer im letzten Jahr, dem nassen Februar und den viel zu trockenen Tagen danach.

Und jetzt er: Der Büttel der pfennigfuchsenden Hausverwaltung, der unwürdige Nachlassverweser des großen Meisters, der dieses Blütenreich vor 90 Jahren geschaffen hat, der abgestumpfte Landsknecht, der für ein paar Heller ein Massaker anrichtet.

In den vergangenen Wochen habe ich die Fülle in dem großen Garten unter meinem Balkon mit dem Fotoapparat erkundet. Das Wunder im Kleinen hat mich ein wenig die Krisen draußen vergessen lassen. Aber ausgerechnte am Tag der Artenvielfalt bleibt davon nichts als abgemähtes Gras, das in der Sonne verdorrt. Ich hoffe, dass ein paar meiner kleinen Freunde sich tief genug geduckt haben, und noch da sind, wenn sich die Staubschleppe über dem Schlachtfeld gelegt hat. Sie müssen das ja zwei Mal im Jahr über sich ergehen lassen und wissen wohl längst: Der Mörder ist immer der Gärtner.

Urban Jungle

Eigentlich wollte ich in meinem Leben einmal den Dschungel sehen, richtigen Regenwald mit riesigen Bäumen, Pflanzen mit fetten Blättern und üppigen exotischen Blüten. So wie im Dschungelbuch, so stelle ich mir das vor. Costa Rica wurde mir von Freunden als Land genannt, wo es das alles zu sehen gibt – und noch ein paar Vulkane dazu. Jetzt sieht es so aus, als würde es ein Wettrennen gegen die Zeit geben, denn der Regenwald verschwindet so schnell, dass es vielleicht keinen mehr gibt, bevor wieder Flugzeuge oder Schiffe in das Land meiner Sehnsucht fahren.
Es bleibt mir also nur, das Fernrohr umzudrehen und ganz nah ranzugehen an das, was ich hier jeden Tag sehen kann. Dann zeigt sich, dass auch unser Hinterhof Blüten und Farben in in Hülle und Fülle zu bieten hat. Fehlen nur noch die Affen.

Tag der Befreiung

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Morgen feiern wir in Berlin den Tag der Befreiung vom Faschismus. Zum ersten Mal wieder seit 30 Jahren. Und weil wir das nicht gemeinsam auf der Straße machen können, habe ich mir für euch eine kleine Geschichte ausgedacht, die mir bei einer Meldung im Berliner Tagesspiegel vom Januar eingefallen ist:
Die Meldung: „Gefunden wurde die Bombe nach Polizeiangaben gegen 11.30 Uhr auf einer Baustelle an der Grunerstraße/Jüdenstraße. Nach ersten Erkenntnissen sei es eine deutsche Fliegerbombe mit einem mechanischen russischen Zünder, die von einem der damaligen Kriegsgegner erbeutet und wiederverwendet wurde.“

Das ist die Geschichte der geduldigen Bombe

Das ick in mein Leben noch in die Zeitung komm, hätt ich ja nich jedacht. Hab ich auch nicht jewollt. Vor allem, weil Sergej da schon weg war. 75 Jahre warn wa da schon zusammen und es wär schön gewesen, wenn wir unser Lehm jemeinsam zuende jebracht hättn. Aber is wohl bessa so. Wäre ja nich jut ausjeejang mit uns beeden. Irjentwann hätt’s jekracht Und so is jut, dass allet ant Licht jekommen ist, bevor et so weit war. Soll ja keiner zu Schaden komm. Dit war ja unsa Ziel.

Jetze lieg ich hier allein rum, mit die janzen rostigen alten Schachteln auffm Sprengplatz vom Munitonsräumdienst mitten im Wald. Mit die schicken Amerikanerinnen, die och nach all die Jahre richtig jut aussehn. (Aber dit is allet Chemie. Dit Azeton riech ick bis hierher), blasse englische Ladys jibt et ooch und grob gefeilte Russinnen. Aber so eene wie mich, ne Deutsche, die jibts hier nur eenmal. Un ich bin ooch die einzje, die wat mit zwee so Kerlen hatte, die leicht explodiern. Imma sone Hitzköppe und immer die falschen, oder die richtijen, wie man’s so sehen will.

So jetzt rede ich mal Klartext, das kann ich nämlich auch noch.

Gefragt hat mich ja damals keiner. Und von Liebe war auch nie die Rede. Nicht so wie bei den jungen Dingern heute. Nee, das waren ganz andere Zeiten. War ja Krieg. Da musste man nehmen was da war. Ich wäre auch ganz gut alleine klar gekommen, glaube ich. Aber das ging ja damals nicht. Ne Bombe ohne Zünder. Wie hätte das denn ausgesehen? Ne, das wollte ich auch nicht. Aber wenn ich’s mir hätte aussuchen können: Meinen Ersten hätte ich nicht freiwillig genommen. Wie der schon auf dem Fließband ankam, so ganz schnieke, mit glänzendem Messing, akkurates Gewinde, aber den Zündhut schief auf dem Kopf –na so was kann ich ja leiden. Und natürlich ne große Klappe. Dabei war er ein ganz popeliger Aufschlagzünder. „Na, Dicke!“, sagt der. „Wolln wer mal mitenander?“ Ich und dick?  Da hat er gleich den falschen Anfang erwischt. „Lassen se mal de Blumen im Potte.“ sag ich. Aber er grinst nur und schaut mich von oben bis unten an. Na gut, 250 Kilo sind kein Gardemaß, auch wenn man es damals ja ein bisschen runder mochte. Aber er hat ja gar nicht richtig hingeschaut, hat nicht meine schlanken Flügel nach Hintenraus gesehen, die die Figur so schön strecken. Alles Blech, weiß ich, aber ich fand mich schon ansehnlich. Wegen mir hätte der Kerl abzischen könnnen. Aber: Einen kessen Spruch und zwei Umdrehungen und dann saß er mir vor der Nase und erklärte mir die Welt. „Mädel“ sagte er,“ Mädel, wir zwee, wir sind was janz Besonderet. Dit merkste noch nicht, aber lass mer ma machen.“ Und dann hat er mir erzählt, dass wir nach Frankreich kommen. Und das wir für was Einmaliges geschaffen sind: Wunderwaffe sozusagen. Mit einem Düsenjäger sollten wir fliegen. Davon gab’s ja damals nur ganz wenige. Na, was soll ich sagen: Damit hat er mich natürlich gekriegt. Geglaubt hab ich ihm, obwohl ich hätte wissen müssen, dass er mit mir nur in die Kiste will. Und da sind wir beide dann auch gelandet. Kein Himmelbett sondern ne Munitionskiste mit Holzwolle drin. Egal. Hat so schön geschuckelt, als sie uns damit zur Front gefahren haben.

Na, und was soll ich sagen: War natürlich alles gelogen, was er mir erzählt hat. Nicht Frankreich war’s, sondern Vorpommern und auch keine Düsenjäger sondern alte Stukas und kein Sprit. So sahs aus, im Mai 45. Und kaum waren wir ausgeladen, haben sich die deutschen Helden schon aus dem Staub gemacht. Die Russen kamen –schneller als die gedacht haben. Da lagen wir nun in unserer Kiste und haben gezittert. Von den Russen hatten wir ja einiges gehört. Dann ging alles ganz flott. Die Russen waren da, hieven uns raus aus der Kiste und schauen sich meinen Spitzenmann an. Der war plötzlich ganz mucksch. Wär’ am liebsten im Erdboden versunken, was ja eigentlich auch seine Bestimmung war. Dann kommt ein Soldat mit sehr sanften Fingern, klopft ein bisschen, auf mir rum, probiert ein bisschen hier, ein bisschen da dann zwei flinke Umdrehungen und mein Erster war auf Nimmerwiedersehn verschwunden. Will lieber nicht wissen, was die Russen mit so einem Luftikus wie ihm angestellt haben. Eingestampft wahrscheinlich. Ist auch egal. Lange hatte ich jedenfalls nicht Zeit, ihm nachzuheulen. Da kam schon der andere. Schöner Kerl, wenn auch ganz anders als der Erste. Kein Messing sondern einfacher Stahl. Robust, aber gutmütig. Und richtig vorgestellt hat er sich. „Sergej“, hat er gesagt und „Chitler Kaputt“. „Ja“, sag ich, „Doswedanje.“ Ein bisschen Russisch hatte ich bei den Ostarbeiterinnen in der Munitionsfabrik gelernt.“ So richtig konnten wir uns noch nicht aussprechen, da hingen wir schon unter einem Russenflugzeug. „Sergej“, frag ich „kuda, wohin? „Na Bjerlin“ lacht er und freut sich wie ein Kind. Mir wurd’ ganz kalt, aber da waren wir schon in der Luft und ich hab die Oder gesehen und dann die Spree. Überm Stadtschloss haben sie uns abgeworfen und ich hab geschien „Njet, Sergej“, weil ich nicht wollte, dass da unten noch mehr kaputt ging. Und an die Leute in den Luftschutzkellern hab ich gedacht. Es hat gepfiffen und geknallt, aber alles neben mir – bei uns hats nicht gefunkt.
Und dann war alles still. Über uns ein paar Meter Dreck, aber sonst nur ein paar Beulen. „Sergej“, frag ich, „allet karascho?“ Aber da hör ich nichts mehr- Seit 75 Jahren hör ich nix mehr. Zwischendrin hat’s mal gerumpelt, muss ein paar Jahre nach dem Krieg gewesen sein. Das waren Russenpanzer, das hab ich gespürt. Aber sonst: 75 Jahre allein. Dafür hab ich wenigsten keinen anderern auf dem Gewissen. Kann auch nicht jede aus meinem Gewerbe von sich sagen. Aber wisst ihr was: Das dicke Ende kommt noch.

Gestern waren wieder Soldaten da, die haben die Kabel für die Sprengung vorbereitet. Ich mag ja alt und verschrumpelt sein. Aber zu meinem 75sten da lass ich es noch mal richtig knallen. Da könnt ihr euch auf mich verlassen!

 

Schönen Feiertag noch.