Saure-Gurken-Zeit

Ruhig bleiben Tief Luft holen Nicht aufregen (freigelegte Beschriftung in unserem Seminarraum für gewaltfreie Kommunikation)

Wann habe ich zuletzt um 11 Uhr morgens Salzgurken zum Frühstück gegessen? Wie lange ist es her, dass ich nachts um 2 mit dem Rad quer durch Berlin nach Hause geschwankt bin? Wann habe ich das letzte Mal die langen Schlangen vor dem neuen „Tresor“ und den anderen Clubs gesehen, Clubs in denen ich nie war und deren Namen ich vergessen habe?
Im Kühlschrank finde ich noch zwei Eier, die vom Pfannkuchenbacken beim letzten Besuch meiner Jungs übrig geblieben sind. Es ist so lange her, dass ich nicht weiß, ob sie noch gut sind. Aber ich brat mir damit ein Spiegelei – das misslingt. Ich hol die Ketchupflasche und denke dabei an das Gekicher, mit dem meinem Jüngster jedes Mal wieder die Geschichte von der Ketchupflasche wiederholt, die mir in der Hand explodiert ist. Heute kein Kichern, dafür gedämpfte Gedanken. Was war das gestern? Und warum?
Warum fühlt sich das, was ich sonst jeden Sommer gemacht habe, nicht mehr so an wie Sommer? Ich schau aus dem Fenster, und sehe, dass die Kastanienblüte schon vorbei ist. Ich erinnere mich schwach daran, wie mir diese Explosion der Natur vor ein paar Jahren zum ersten Mal bewusst wurde, wie ich mit dem Fotoapparat förmlich in die Blüten hinein gekrochen bin und die Fotos in meiner ganzen Wohnung aufgehängt habe. Sie hängen immer noch da, aber die Blüte hat mich dieses Jahr nicht begeistert. Statt dessen schaue ich auf den braun vertrockneten Rasen unter den mächtigen Bäumen. Und das verdirbt mir den Glauben an die Wiederkehr der Natur. Im Netz finde ich meinen Beitrag zu den verfallenden Parkhäusern im Wedding, an dem ich lange gearbeitet habe. Ja, auch da bin ich wieder mit der Kamera herumgekrochen, hab eine ganz eigene Freude daran gefunden, der Welt ein offensichtliches Geheimnis zu entlocken und nachts in diesen Betonkästen herumzustreunen. Beton statt Blüten. Was ist in den letzten Jahren mit mir passiert? Gestern konnte ich das noch auf den Punkt bringen. Meiner jungen Nachbarin im Seminar zur gewaltfreien Kommunikation sagte ich “Die Hälfte meiner Selbstgewissheit hat der russische Krieg zunichte gemacht, die andere Hälfte die moderne Technik.“ Sie lachte, drehte sich eine Zigarette und verriet mir, dass sie am Abend auf den Rummel in der Hasenheide in Neukölln gehen würde, auf dem sie schon als Kind war. Den Rummel würde es dieses Jahr zum letzten Mal dort geben. Und sie wolle nochmal mit der “Wilden Maus“ fahren.

Wenn Träume wahr werden

Es wird immer enger. Aber es geht immer weiter. Aus Sälen werden Flure, aus Fluren wird eine Wendeltreppe. Du willst nicht weiter, aber du musst. Aus der Treppe wird eine Empore. Und dann stehst du da, und kannst nicht mehr weg. Du schaust über das dünne Geländer nach unten: nichts als Leere. Du schaust zurück: Zurück geht es nicht mehr. Nicht für dich, denn du hast dein Motorrad dabei, mit dem du durch das ganze Haus gefahren bist. Dein Motorrad, in einem engen Haus? Du wunderst dich nicht, aber du fragst dich: “Wie soll ich rückwärts damit wieder die Treppe hinauf kommen?“ Und dann der erlösende Gedanke: Du brauchst dich nicht darum zu kümmern. Das machen Leute, die sich damit auskennen. Und tatsächlich: Plötzlich bist du wieder zu Hause und schaust auf die Straße: Da steht dein Motorrad. Es ist dir gebracht worden. Wie haben die das geschafft?, fragst du dich. Mit dem Gedanken wachst du auf.

Träume können ein Warnzeichen sein. Für nervliche Überspanntheit oder ein Warnzeichen für drohende Ereignisser in der Zukunft. Wohl dem, der diese Warnung versteht. Zunächst dachte ich, der wirre Alb, der mich in der Nacht gedrückt hatte komme davon, dass ich mich in den letzten Tagen zu viel mit einer Obsession beschäftigt hatte, die mich nicht mehr loslassen wollte. Als freiwilliger Lokaljournalist als der ich seit ein paar Monaten unterwegs bin, hatte mich ein neues Thema gepackt: Das Thema “Parkhäuser“. Seltsam genug, mag mancher denken. Aber die Parkhäuser sterben in unserem Viertel einen unbemerkten Tod. Vernachlässigt gammeln diese grauen Dinosaurier aus dem Benzinzeitalter vor sich hin. Keiner will mehr was damit zu tun haben. Alles steht einem offen. Und solche Orte ziehen mich magisch an. Immer noch. Zwar bin ich dem Ruhestand näher als dem Alter, in dem es als cool gilt, seine Leidenschaften auszuleben, trotzdem schlich ich mich Nachts mit dem Fotoapparat durch spärlich beleuchtete Parkdecks voller Autowracks und Taubenkacke, schraubte Bauzäune auf und kletterte durch verbogene Armierungseisen. Parkhäuser sind Orte reinen Horrors. Waschbeton gewordene Albträume. Kein Wunder, dass mich das in den Schlaf verfolgt. Dachte ich.

Doch dann kam dieser Sonntagabend. Nach einem Besuch bei meinen Jungs im Brandenburger Speckgürtel schwenke ich auf die Autobahn ein. Ungewöhnlich für mich, denn normalerweise nehme ich die verwinkelte Bundesstraße über die Dörfer. Aber an diesem schönen Abend wollte ich noch etwas Weite spüren, ein bisschen dahingleiten mit dem Motorrad. Entspannen. Auf einmal wird es immer enger. Die Autos staueln sich. Irgendwas war da vorne passiert. Unfall, Sperrung, oder einfach nur zu viele Verrückte, die gerade jetzt nach Berlin zurück wollten, so wie ich. Ich hätte noch abfahren können, aber wie von einer magischen Kraft gezogen musste ich immer weiter. Der Verkehr wurde zäh und blieb manchmal ganz stehen. Stehen in einem der überfüllten, engen Tunnel der Stadtautobahn. Kein Fortkommen in einem geschlossenen Raum. Kein Licht am Ende. Das halte ich nicht lange aus. Nicht umsonst fahre ich Motorrad: Weil ich keine Blechkiste um mich herum ertrage. Aber zum Glück fahre ich lange genug, um mich zwischen den dicken Kisten, den Bussen und den Sonntagsfahren hindurchschlängeln zu können. Nervenkitzel und selbstbewusste Ruhe in einem. Ich komme gut voran. Wer mich kommen sieht, macht Platz. Und langsam komme ich in den Rhythmus. Ziehe vorbei an liegengebliebenen Familienkutschen, an Eltern mit kleinen Kindern, die auf dem Seitenstreifen auf den Pannendienst warten und an alten Männern mit nagelneuen Motorrädern, die sich nicht in den schmalen Spalt zwischen polnischen Sattelschleppern und rumänischen Bussen trauen. Für mich könnte es immer so weiter gehen, und sogar die verstopfte Autobahnabfahrt schlängele ich mich durch, obwohl es wirklich immer enger wird.

Und dann ist Schluss. Vor der Ampel neben der Tankstelle. Motor geht aus, Lichter leuchten rot. Nichts geht mehr. Eben noch der weiße Ritter, der Kapitän der Landstraße bin ich jetzt nur noch ein Verkehrshindernis, das zusehen muss, wie es fünf Zentner altes Eisen von der Fahrbahn bekommt. Unter den Flüchen rasender Mütter auf elektrischen Lastenrädern wuchte ich das lahmende Pferd auf den Radweg. Ein Junge in einem Turnanzug taucht aus dem Nichts auf und bietet seine Hilfe an. Er hat ein braunes Gesicht und ist vielleicht so alt wie meine Zwillinge. Zusammen schieben vor und zurück, bis wir neben der Tankstelle stehen. An uns vorbei brummen alte Männer mit neuen Motorrädern und winken blöde. Als ich meinen Helfer frage, wo seine Eltern sind und was er so spät auf der Straße mache, faucht er wie eine wilde Katze und verschwindet. Die Sonne geht langsam unter und es sind noch drei Kilometer nach Hause. Aber ich muss mir keine Sorgen machen, denn ich brauche mich nicht zu kümmern, es gibt Leute, die sich damit auskennen. „Ein Mitarbeiter wird sich zehn Minuten vor seiner Ankunft bei Ihnen melden.“, säuselt die Telefonzentrale des ADAC. “Das kann 90 Minuten dauern“. „Wunderbar“, denke ich voller Vertrauen in traditionsreiche Vereine. „Dann kann ich ja was Essen gehen.“ Doch ein Burger beschäftigt einen keine anderthalb Stunden. Und als ich wieder zurück komme auf die nächtliche Straße, ist immer noch kein gelber Engel da. Eine Weile lehne ich mich gelangweilt an mein Motorrad und sehe damit bestimmt so lässig aus wie Marlon Brando in “The Wild One“, aber irgendwann laufen auch keine Reinickendorfer Frauen in Jogginganzügen mehr rum, die ich beeindrucken kann und es wird immer weniger Abend und immer mehr Nacht. Ich denke an die Arbeit, die morgen auf meinem Tisch liegen wird und wie ich das Motorrad in die Werkstatt kriege. Und langsam wird mir klar, dass nicht alle Träume wahr werden. Es kommt keiner, der sich darum kümmert, dass ich wieder nach Hause komme. Ich muss das im wirklichen Leben wieder selber machen.

Also wuchte ich meine üppige italiensche Schönheit vom Ständer und fange an zu schieben. Sind ja nur drei Kilometer. Drei Kilometer leicht ansteigend mit 250 Kilo auf zwei dicken Reifen. Anfangs geht es flott, fast wie von selbst. Vorbei an sommerlich erleuchteten Döner-Buden und Spätis. Viele Menschen sind auf der Straße, aber keiner wundert sich über den Mann, der mit seinem Motorrad einen Spaziergang macht. Nach zwei Kilometern bin ich durchgeschwitzt. Da klingelt der ADAC-Engel und blafft mich an: „Wie können sie sich vom vereinbarten Standort wegbewegen?“ Ich bin zu erledigt, um mich davon beeindrucken zu lassen, und rate ihm, die Straße einfach zwei Kilometer gradeaus zu fahren, da würde ich auf ihn warten. Und zu meiner Verwunderung lässt er sich darauf ein. Schimpfend parkt er seinen gelben Rettungwagen neben mir und packt sein Werkzeug aus. Helfen kann er mir aber auch nicht. Die Batterie ist platt und eine neue hat er nicht. “Und was jetzt?“, fragt er mich. „Dann schiebe ich eben den letzten Kilometer auch noch.“, verabschiede ich mich von meinem hilflosen Helfer. Und weiter gehts.

Am nächsten morgen schaue ich aus dem Fenster und sehe mein Motorrad vor meiner Tür. Es ist wie im Traum.

Matthias Ostergeschenk

Matthias hat mir geschrieben, dass er sich freuen würde, wenn ich auf sein drittes Buch zu Ehren des 100sten Geburtstags von Charles Bukowski hinweisen würde. Das tue ich gerne, denn ich habe schon die ersten beiden limitierten Geburtstagseditionen geliebt. Die anspruchsvoll gestalteten “Chapbooks“ aus Matthias Verlag Newington Blue Press bieten eine völlig neue Sicht auf den Poeten, der den meisten wohl vor allem als “dirty old man“ mit einer Bierflasche in der Hand bekannt ist. Bukowski war ein großer Briefeschreiber, der mit viel Humor andere Autoren zum Schreiben ermutigte, und einiges aus dieser Korrespondenz ist im Original abgedruckt. Daneben die Berichte von Weggefährten und neue Gedichte und Erzählungen, von Menschen, die sich von Bukowski haben inspirieren lassen. Eine Entdeckungsreise durch die Underground-Literatur von heute.

Aber es gibt noch einen Grund, warum ich Mattias Edition im Besonderen und Bukowskis Gedichte sowieso empfehlen möchte. Das ist ein Gedicht von Bukowski, das mir Matthias vor zwei Jahren unter einen Beitrag postete, den ich geschrieben hatte, als die erste Coronawelle vorbei war und ein wenig Licht am Ende des Tunnels sichtbar schien. Das Gedicht, geschrieben von einem Mann, der bis in seine 50er wenig Gutes vom Leben hatte, hat mich in seiner Zuversicht einfach umgehauen.

The Laughing Heart

«your life is your life
don’t let it be clubbed into dank submission.
be on the watch.
there are ways out.
there is a light somewhere.
it may not be much light but
it beats the darkness.
be on the watch.
the gods will offer you chances.
know them.
take them.
you can’t beat death but
you can beat death in life, sometimes.
and the more often you learn to do it,
the more light there will be.
your life is your life.
know it while you have it.
you are marvelous
the gods wait to delight
in you.»

Ich wünsche euch hoffnungsvolle Ostertage.

Hypermobilität

Die Straße vor meiner Haustür ist seltsam leer. Als ich mir nach langen Stunden der Arbeit einen Kaffee im Sonnenschein gegönnt hatte und nach Hause zurückkomme, fehlt mir was. Rechts, da wo das Regenrohr im kleinteiligen Berliner Gehwegpflaster verschwindet. Da steht normalerweise mein klappriges Einkaufsfahrrad. Ich habe es seit Jahren. Damals habe ich es gerettet. Nach langen einsamen Jahren am Fahrradständer vor meinem Büro wäre es sonst irgendwann von unserem Hausmeister auf den Schrott geworfen worden. Eine kleine Eisensäge, fünf Minuten in der Dunkelheit, und schon war es meins. Der Pförtner hat weggeschaut.
Einen ganzen Tag im Sommer habe ich ihm gewidmet, den Chrom poliert, das Licht repariert und eine neue Kette montiert. Es war wunderschön. Meine Tochter schaute verwundert zu, wie viel Liebe ich in das hässliche Entlein steckte. “Schau die Rückleuchte“, schwärmte ich, “nur geometrische Formen; Rechteck, Kreisbogen, Kreis. Das ist reines Bauhaus!“ „Ok“, winkte sie ab, weil sie wusste, dass keinen Sinn hatte, mit ihrem Vater über solch ein vergilbtes Stück Plaste aus der DDR zu diskutieren. Sie lächelte mich milde an und zog mit dem modernen Diamant-Fahrrad, das ich ihr zurechtgemacht hatte, ihrer Wege. Wahrscheinlich überlegte sie kurz, in welcher Form des betreuten Wohnens sie mich bald würde unterbringen müssen.
Mit jedem Detail, das ich entdeckte, liebte ich mein blaues Wunder aus dem IFA-Kombinat mehr. Mit seiner billigen Seilzugstempelbremse, dem gemufften Stahlrahmen und seinem filigranen Gepäckträger. Technik aus den 50er-Jahren. Damit kenne ich mich aus, seit ich mir als Oberschüler Fahrräder aus dem Sperrmüll geholt und wieder flott gemacht habe. „Funktioniert doch, reicht doch.“ Das waren die Worte meines Vaters, der mich in unserer Garage werkeln sah. Und je älter ich werde, desto mehr gebe ich im Recht. Na ja, fast. Oben, in meinem Wohnzimmer steht wohlbehütet ein maßgefertigtes Rad aus einer Berliner Manufaktur, aufgepeppt mit den schicksten japanischen Komponenten. Ein Rad für besondere Stunden. Man gönnt sich ja sonst nichts. Der Drahtesel aus der Zone muss dagegen für den Alltag herhalten. Für die Einkaufsfahrt zum Bio-Laden oder den Ausflug mit meinen Jungs.

Ausflug mit meinen Jungs…. Langsam dämmert es mir. Das Fahrrad ist weg. Dafür steht mein Motorrad auf der anderen Seite des breiten Bürgersteigs. Bin ich also mit dem Rad irgendwohin gefahren und mit dem Motorrad zurück gekommen? Bruchstückhaft bringe ich das vergangene Wochenende in meinem Kopf zusammen. In meinem Telefon finde ich eine Nachricht an einen Freund “Nach unserer Tour war ich genau so platt wie dein Reifen“. Wir waren also weg – mit den Rädern. Ich sehe ein Bild vor mir: Die Räder der Kinder vor meiner Tür, festgeschlossen an meinem. Das muss Samstag gewesen sein, denn Sonntag sind wir zur Mutter zurück gefahren. Samstag war das Rad also noch da. Danach muss etwas passiert sein, an das ich mich nicht mehr erinnere, oder erinnern will. Als nächstes kommt mir ein Bild eines verwaisten S-Bahnhof zurück, Bornholmer Straße. Der Umsteigebahnhof, wenn ich die Kinder zu ihrer Mutter bringe. Sonnenbeschienen, aber leer wie einer der vergessenen Geisterbahnhöfe im geteilten Berlin. Oder wie nach einem Atomschlag. In meinem Bild laufe ich mit meinen Kindern den leeren Bahnsteig entlang. Die Rolltreppe funktioniert noch und die Jungs laufen gegen die Fahrtrichtung auf den klappernden Stufen…..Wir verlassen den Bahnhof, aber kehren wie von einem Zwang geleitet wieder zurück – um Fahrkarten zu kaufen. Der Automat spuckt die Karten in die Stille, die nichts Bedrohliches hat. Die Sonne scheint golden. Es gibt keine Zeit. Dann ist Nacht. Ich steige aus dem Auto, greife meinen Rucksack, greife mir meine Zwillinge, und gehe in meine Wohnung. Doch in der Wohnung hat sich der Rucksack verwandelt. Es ist jetzt der Rucksack der Mutter der Jungs. Ich telefoniere, will sie zurückholen. Aber ihr Handy klingelt in meinem Flur. Dann wieder Sonne, eine vierspurige Ausfallstraße im Osten Berlins. Ich bin glücklich. Mit meinen Jungs und ihrem Freund fahren wir Rennen auf dem breiten Fahrradweg, gegen die Fahrtrichtung. Die ersten Hochhäuser in fröhlichen Farben leuchten gegen den strahlend blauen Himmel. Wir zählen mit den Fingern die Stockwerke, 9, 12, 20. Es ist kalt, aber wir sind guter Laune. Hinter uns liegt etwas Bedrohliches, wir haben es überwunden. Das letzte Bild: Ich bin in einem Aufzug, mitten in einer riesigen Halle. Neben mir meine Jungs. Wir sehen auf der anderen Seite der Halle gesperrte Rolltreppen. An deren Ende ein Zwischengeschoss, in dem einige gebeugte Gestalten stumm in Kisten kramen. “Das sind die Flüchtlinge aus dem Krieg,“ raune ich meinen Jungs zu. “Das sehe ich.“, sagt mein belesener Sohn. Dann sind wir oben in der Dunkelheit. Wir trennen uns von unseren Freunden. Mit meinen Jungs überquere ich die leere Straße. Da tauchen Scheinwerfer auf, die ich übersehen hatte. Ich schreie “Halt!“ und meine Jungs halten mitten auf der Straße. Es ist nichts passiert.

Jetzt weiß ich, wo ich das Fahrrad finde. Es steht an der Straßenbahnhaltestelle, 10 Minuten von hier. Auf dem Rückweg setzte ich mich ins Café „Wachmacher“ und merke wie müde ich bin.

Es geht wieder los

Es ist Mittagszeit in Berlin-Mitte. Aus den vielen schicken Büros rund um die Friedrichstraße strömen die Menschen in die schicken asiatischen Restaurants zum Mittagstisch. Ich sitze in dem gediegenen Sushi-Laden, in dem nie viel los ist und ich meine Ruhe habe. Die wenigen Gäste unterhalten sich meist gesittet und in Zimmerlautstärke. Aber heute ist es anders. Heute ist es draußen warm und der Himmel wolkenlos. Es ist Frühling und das merkt man. Zwei Tische vor mir sitzen eine Frau und ein Mann Anfang Dreißig. Ich sehe den Rücken des Mannes und das Gesicht der Frau. Es glüht. Es ist blass, aber die Wangen sind so rot wie es kein Rouge schaffen kann und die Stirn auch. Krank?, denke ich. Dann sollte sie hier nicht sitzen. Aber dann sehe ich, dass sie lacht. Sekt, um die Uhrzeit? Sie lacht nicht nur, sondern sie strahlt. Sie strahlt bei jedem Satz, den ihr Gegenüber fallen lässt. Er ist locker. Fläzt sich auf dem Stuhl, die Beine ausgestreckt. Die kurzen Haare mit erstem grauem Schimmer, das Gesicht kantig. Weicher, goldbrauner Kaschmir-Rollkragen. Ein Bild von einem Intellektuellen. Sie knabbert an ihrem kleinen Finger, wenn er spricht, die Hand elegant am Kinn. Die Beine unter dem dunklen Rock überschlagen kommt ihr Gesicht ihm näher – und weicht wieder zurück. Sie weiß sich zu benehmen, aber am liebsten hätte sie ihn zum Nachtisch. Langsam merkt er es auch. Gottseidank. Setzt sich auf, kratzt sich am Nacken, fährt sich durch die Haare. Ach ist das schön. Frühlingsgefühle. Draußen geht die Welt unter und hier fängt was Neues an.

Aussichten

Blick vom “Futurium“ auf die neue Europa City Berlin

Die Zukunft ist ein Kinderspiel. Aber sie funktioniert nur im Halbdunkel. Mit offenem Mund stehen meine Jungs vor den weißen Ausstellungswänden, an denen vieles blinkt, schnarrt und zum Mitspielen einläd. Wissenschaftlerinnen erklären das Genom, Roboter erzählen hier von ihren Fähigkeiten, seltene Krankheiten werden per Genanalyse schon früh erkannt und geheilt und der Verkehr läuft per Rohrpost oder Lufttaxi. Ja, so sieht die Zukunft aus, wenn man an die Technik glaubt. Und das tut man als Junge gerne. Als ich zehn war las ich Bücher von Walt Disney, in denen riesige Maschinen mit Laserstrahlen die Urwälder rodeten, die wir heute gerne wieder hätten. Aber wozu brauchte man noch Bäume, die das Klima erhalten? Weiße Männer mit Seitenscheitel und wohlerzogenen Kindern machten es sich in großen Glaskugeln mit künstlicher Atmosphäre unter dem Meer oder auf dem Mars gemütlich, während die weiße Frau im Etuikleid ihnen Getränke servierte. Das mit dem Mars glauben meine Jungs immer noch. Aber vorher müsse man die Sonne reparieren, weil sie ja in mehreren Millionen Jahren aufhört zu strahlen. Die Jugend denkt in großen Zeiträumen. Für mich ist die Zukunft heute ist nicht mehr so übersichtlich. Wie ein Labyrinth fächern sich die Visionen in dem abgedunkelten Teil des “Futuriums“ in Berlin auf, das gleich neben dem Bundesministerium für Bildung und Forschung an der Spree steht. Nicht weit weg ist das “Museum der Gegenwart“ im alten Hamburger Bahnhof. Und wir sind heute im Museum der Zukunft. Und die Zukunft nervt. Überall muss man sich entscheiden. Permanent werde ich von Computern geduzt: Willst du, dass der Doktor deine Gendaten in eine Gendatenbank hochläd, um dir zu helfen? Willst du, dass …? Die Zukunft ist ein Wunschkonzert und überfordert mich, weil ich schon von der Gegenwart genug gefordert bin. In dieser blauäugigen Version der Zukunft, die von ein paar Pharmakonzernen gesponsert ist, gibt es keine Grenzen, keine Gesellschaft und keine Traditionen. Alles steht immer zur Verfügung und jeder ist für sich selbst verantwortlich. Ich verliere schnell den Überblick und den Kontakt zu meinen Kindern, die wie hypnotisiert vor den Wänden stehen. Die Idee, gemeinsam mit ihnen Station für Station abzulaufen und ihre Fragen zu beantworten, gebe ich schnell auf. Meine Gedanken springen, während sie die gleiche Station drei oder vier Mal ausprobieren wollen. Das Geblinke und das Gewirr der mechanischen Stimmen verwirrt mich. Immerhin ist es der erste Museumsbesuch seit einem Jahr. Und Antworten auf ihre Fragen habe ich eh nicht. Erschöpft setze ich mich auf eine der Bänke, von denen ich alles zu überblicken glaube und muss keine zehn Minuten später suchend durch das ganze Haus irren, weil meine Jungs durch irgendwelche Quergänge meinem Blick entwischt sind. Ich finde sie auf der helleren Seite der Zukunft bei einer riesigen Kugelbahn, neben einer riesigen, raumfüllenden Holzskuptur, deren Sinn sich mir nicht erschließt. Image

Foto: Futurium; David von Becker

Die Zukunft, ein Klettergerüst auf einem Kinderspielplatz mit Blick auf das Bundeskanzleramt? Ich lotse die Jungs zur riesigen Fensterfront auf der Gegenseite. Sie bietet uns Ausblick auf die gerade fertig gewordene “Europa City“, ein Neubaugebiet neben dem Hauptbahnhof, das auf dem ehemaligen Gebiet der Berliner Mauer von Investoren hochgezogen wurde. So sah die Zukunft nach dem Mauerfall aus: Gesichtslose Wohnblocks für die Bessergestellten, nur unterbrochen von Hotels für die “Anywheres“ und Bürohochäusern mit Schießschartenfenstern, in denen sich Ölkonzerne und Unternehmensberatungen gleich neben dem Regierungsviertel in Position gebracht haben. Und das alles wurde dann noch als Beitrag zur europäischen Einigung verkauft. Was man in dem Panorama nicht sieht ist der Berliner Hauptbahnhof, an dem seit Tagen tausende Flüchtlinge aus der Ukraine ankommen. Unsere schöne neue Welt hat einen Knacks bekommen. Unser selbstverliebtes Spiel mit Daten, Geld und Waren. Aber vielleicht ist die Freundlichkeit mit der die Menschen empfangen werden, die hier heute ankommen ja unsere wirkliche Zukunft?

Auf dem Rückweg jammert einer meiner Söhne, tritt lustlos in die Pedale und bleibt hinter uns zurück. Den nächsten Tag bleibt er im Bett. Heute weiß ich, dass er Corona hat. Das gibt es ja auch noch. Die Zukunft ist immer für eine Überraschung gut.

Blau Gelb

Gesehen in der Puderstraße, Berlin

Jetzt unterstützt also auch Kafka die Menschen in der Ukraine. Kafka on the road auch. Die taz-Panther-Stiftung fördert ukrainische Journalistinnen und Journalisten. Das finde ich gut. Ich will wissen, was da wirklich los ist.