Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass es in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Du bist keine Schönheit…

Und wie ging das bei Grönemeyer weiter? „Von Arbeit ganz grau. Du liebst dich ohne Schminke. Bist ne ehrliche Haut, leider total verbaut…“

Passt nicht ganz, aber ging mir durch den Kopf, als ich gestern, wie jeden Arbeitstag, am Russischen Haus, oder, soviel Zeit muss sein, Российский дом науки и культуры, oder, für Freunde, RUSHAUS# an der Friedrichstraße in Berlin vorbeiging. Es gibt nicht viel Schönes an ihm zu entdecken. Ich bin ja ein Freund realsozialistischer Architektur, aber bei diesem grauen, protzigen Klotz aus den 1980ern hört die Freundschaft auf. Die Fassade bröckelt und fällt einem nur nicht auf den Kopf, weil dort schon seit Jahren in der ersten Etage ein grünes Netz gespannt ist, an dem in der Adventszeit ganz malerisch üppige Lichterketten glänzen. Noch vor ein paar Jahren hatte ein Schweizer Juwelier im Erdgeschoss seine funkelnden Luxusuhren angeboten, aber die Zeit der reichen Russen auf dem Friedrichstraßen-Boulevard sind erstmal vorbei. Und daran ist ausnahmsweise nicht die Fahrradstraße schuld, die die grüne Verkehrssenatorin hier trotzig hat durchsetzen wollen. Es wird, soviel kann ich verraten, auch nicht besser, wenn man hinein geht. Grau, protzig und unübersichtlich.

Viele Stunden habe ich dort im Theatersaal verbracht, vor 20 Jahren, als die Tanzschule meiner Tochter dort ihre jährliche Gala veranstaltete. Die Luft war stickig und der Saal voll mit begeisterten Eltern. Und bis endlich nach all den Tutu-Kindern und dem ganzen „Schwanensee“ die Hip-Hop-Gruppe meiner Tochter dran war, war ich manchmal schon im Lächel-Koma. Wenn ich kam, verschwanden hinter unzähligen Türen unerkannte Mitarbeiterinnen (ja, meist Frauen) mit unerkennbaren Aufgaben in verwinkelten Fluren. Jetzt weiß ich von unserem Bundeskanzler, dass es keine Sprachlehrerinnen, Kunstlehrerinnen oder Bibliothekarinnen waren, sondern Agentinnen des russischen Geheimdienstes. Ich will das gar nicht in Frage stellen. Vom russischen Staat erwarte ich, so wie die meisten Russen, nichts Gutes. Aber wenn man sich ein wenig in Berlin auskennt, und auch wenn nicht, fragt man sich, warum sie gerade hier ihr Handwerk betreiben und nicht auf dem riesigen Komplex der Russischen Botschaft, zwei Blocks weiter. Unter den Linden, nicht weit weg von Brandenburger Tor und der US-Botschaft. Da ist genug Platz und es gibt ein Schwimmbad an dem bis vor Kurzem noch ein bronzener Lenin-Kopf prangte und eine Schule für die Kinder. Oder haben Agentinnen keine Kinder?

Aber wenn Kunst und Kultur 40 Jahre lang nur eine Tarnung waren, dann erklärt das wenigstens, warum die hier gezeigte Kultur in den letzetn Jahren so jämmerlich war. Immer wenn ich vorbei kam, dachte ich mir: Das kann doch nicht die russische Kultur sein? Anfang der 1990er war ich in St. Petersburg und hatte drei Wochen die aufbrechende Klub- und Kulturszene kennen gelernt. Und in den 2000er gab es keine Galerie und kein Museum in Deutschland, das nicht Künstlerinnen und Künstler aus dem Osten ausstellte. Tolle Sachen. Und in den Schaufenstern des Russischen Hauses? Selbsgetöpfertes, Naturfotos oder einen Buchladen der Mnogoknig (viel Buch) heißt und auch so aussieht. Er ist voller Bücher, aber sie sehen alle gleich aus und stehen in den Regalen wie Zinnsoldaten. Eine staatliche Kultur, die mehr zeigt, was fehlt, was nicht mehr gezeigt werden darf als dass sie die Vielfalt des Landes ausstellt. Wenn es einen Beweis dafür gibt, was in Russland derzeit an Freiheit fehlt, dann ist es in diesen Schaufenstern zu lesen. Ein großes Land, das sich auf dem Niveau eines Kindergartens präsentiert hat viel zu verschweigen. Und deshalb meine ich auch, dass das Haus nicht geschlossen werden soll. Nicht nur weil es von Russinnen und Russen aus Berlin weiter genutzt wird, sondern weil es, ohne das Wort Krieg oder Diktatur auszusprechen genau das zeigt. Und auch, weil wir in Berlin nicht noch einen leerstehenden Laden auf der Friedrichsstaße gebrauchen können.

Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke…

Es geschah mitten in Berlin. Mitten in Mitte. Mitten im linken Herzen von Berlin. Vor der Volksbühne, in Sichtweite der Parteizentrale der Linken, einen Steinwurf von den Redaktionsbüros der linken Zeitung „Junge Welt“. Da hat tagelange rechte Hetze verhindert, dass eine Gruppe schwarzer Jugendlicher in das neu errichtete „Volksbad“ gehen konnte. Wo, wenn nicht mitten im linken Berlin hätte man erwarten können, dass sich dagegen Widerstand regt? Dass die internationale Solidarität geübt wird, die auf Demos so inbrünstig beschworen wird.

Oder dass das Bürgertum die Freiheit der Kunst verteidigt? Denn das Volksbad ist eine Kunstaktion. Dass der Regierende Bürgermeister zusammen mit den Kids ins Wasser gestiegen wäre?Oder sein Herausforderer von der SPD, der sich auf Wahlplakaten gerne sportlich zeigt? Aber der Regierende schweigt und Genosse Krach ist wohl gerade joggen. „Es rettet uns kein höheres Wesen…“

Statt dessen sagt der Verein Eoto aus dem Wedding die Veranstaltung ab und dem Intendanten der Volksbühne fällt angeblich nichts anderes ein, als ein pubertäres „Fickt euch“ über das Bad hängen zu lassen. ( das schon wieder runter geholt war, als ich eben vor der Volksbühne stand.)

Und ich? Schau mal kurz vorbei nach der Arbeit. Sehe eine Handvoll Leute verloren auf dem Rasen, einige essen Pommes in der eigens eingerichteten Frittenbude. Weil das ja für westdeutsche weiße Boomer zum Schwimmbaderlebnis dazu gehört.

Und ich? Fahre weiter zum Freiluftkino. Und was schaue ich mir an?

Vor der Sonnenfinsternis

Kurz nach Sechs schlüpfe ich durch die Tür der Metzgerei. Eigentlich hat sie bis halb Sieben offen. Der stiernackige Metzgersgeselle räumt schon die Fleischstücke aus der Theke. „Eigentlich haben wir schon zu!“, kommt es von der Verkäuferin. „Aber ich lass ihnen das heute noch mal durchgehen.“ Kein Augenzwinkern, kein Lächeln. Sie meint das ernst. „Aber sie ham doch bis halb Sieben.“ „Nee, seit dieser Woche nicht mehr. Aber das wissen noch nicht alle. Deswegen: Lass ich ihnen noch mal durchgehn. Was solls denn sein?“ Ich schnarre meine Bestellung runter und warte darauf, dass ich beim Schwarzwälder Schinken noch mal angeblafft werde, weil der ja fein geschnitten werden muss. Kommt aber nix mehr. Deshalb traue ich mir noch ein Stück fetten Speck extra zu ordern. „Ist der auch geräuchert?“, frage ich dreist. „Ja, ein bisschen.“, kommt es fachmännisch. Sie legt das dünne Messer an die solide Fettecke. „So?“. Ich nicke. Dann wir alles fest in graues Papier eingewickelt. Wie früher im Metzgerladen bei uns zu Hause. Deswegen komm ich ja hierher. „Gleich wirds dunkel!“, warne ich im Hinausgehen. Geselle und Verkäuferin schauen sich verständnislos an. „19:15 ist Sonnenfinsternis.“. Beide zucken mit den Achseln, als hätten sie das heute zum ersten Mal gehört. Draußen setze ich mich im nächsten Hinterhof auf eine Treppe, falte das Paket auf uns säbele mir ein Stück Speck ab. Er schmeckt immer noch so wie früher.

The Girl on a Motorcycle

Die Stadt ist dunkel, warm und voll mit Polizei. Ständig muss ich mit meinem Moped rechts ran, weil von hinten Blaulicht und Sirenen ihren Respekt fordern. Es ist der Abend nach dem CSD-Anschlag. „Eine Stadt sucht einen Mörder“, titelt der Tagesspiegel. Ich weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sie ihn schon gefunden und erschossen hat. Ich habe andere Sorgen. Jedes Mal geht mir bei der Aktion der Motor aus. Der Tank ist fast leer und der Vergaser verstopft. So auch jetzt an der Ampel. Ich muss wieder ankicken und komme gerade noch über die Kreuzung. In der Straße rechts sehe ich im Vorbeifahren ein Polizeimotorrad, blau weiß, Moto Guzzi, wie sie auch die Berliner Polizei mal hatte. Mein Motor geht aus. Ich schiebe nach der Kreuzung das Moped auf den Bordstein. Das Motorrad hält neben mir. Ich hab keine Angst. Nicht vor einer übereifrigen Polizei, wie im heißen Herbst 77, als eine Freundin mit ihrer Vespa in Bonn genau vor dem Kanzleramt liegen geblieben war und plötzlich in den Lauf einer Maschinenpistole guckte. Nicht vor irgendwelchen Kontrollen. Denn das letzte Mal, als ich von der Polizei mitten in der Nacht wegen meines Bremslichts angehalten wurde, stieg der Beamte aus und outete sich als Simson-Fahrer. Statt eines Strafzettels zeigte er mir, an welcher Schraube ich mein Bremslicht richtig einstellen könnte.

Jetzt sehe ich, dass es keine Berliner Maschine ist, die neben mir hält, sondern eine von der Policia Stradale aus dem Italien der 1970er Jahre. Ein renovierter Oldtimer. In dem Zustand ein kleines Vermögen wert. Gefahren wird sie von einer jungen Frau mit Jet-Helm, rundem Gesicht und robusten Klamotten. Sie hat eine Freundin im gleichen Outfit auf dem Sozius. „Kann ich dir helfen?“, fragt die junge Frau über den Lenker. „Du brauchst Sprit, nicht?“ „Ja“, sag ich noch ganz überrascht von dem Angebot, „Mir fehlt Sprit.“ „Also, ich kann für dich zur nächsten Tanke fahren. Ne Wasserflasche hab ich dabei, wenn dir ein Liter weiterhilft. Ich mein: gibst mir nen Fünfer und wartest hier.“ Woher kenne ich das? Das ist Motorradfahrerethos der ganz alten Schule. Noch älter als das Motorrad, auf dem die beiden Frauen sitzen. „Motorradfahrer helfen einander“ Weil jedem mal was passieren konnte. Weil die Maschinen unzuverlässig waren, weil man zu einer kleinen, vom Bürgertum verachteten Minderheit gehörte. Klacks Leverkus, der Herausgeber der Zeitschrift „Motorrad“ hat sie in den 1960ern in die Welt gesetzt als noch nicht jeder Rechtsanwalt neben seinem BMW eine Harley in der Garage hatte. Genau so war ich unterwegs, als ich mein erstes richtiges Motorrad hatte. Helfen um dazu zu gehören – zu den richtigen Motorradfahren. „Danke,“, sag ich. „Ich schieb das Moped um die Ecke. Ist nicht weit bis zur nächsten U-Bahn. Dann kann ich es morgen abholen.“ Aber sie lässt nicht locker. „Du hast es doch bestimmt weit bis nach Hause, da ist doch besser, wenn ich dir jetzt was hole.“ The Girl on a Motorcycle. Das ist ein Film mit Marianne Faithful, die im engen Lederanzug mit einer Harley durch die Männerfantasien der 60er- Jahre bis nach Heidelberg braust. Hab ich mir das nicht immer gewünscht? Ich brauche keine Hilfe. Aber warum nicht einen Sommerabend mit zwei hilfsbereiten Frauen zu Ende bringen? Sie zum Dank auf ein Bier einladen, hier mitten im verrückt gewordenen Berlin? „Ich brauche Benzin und Öl.“, sag ich stattdessen. „Ist ein Zweitakter.“ „Zweitakter?, Versteh ich nicht.“, sagt sie. „Ist zwar ein altes Motorrad hier, aber ich lass das in der Werkstatt machen.“ Diese pfadfinderhafte Ehrlichkeit, und jetzt bringe ich sie auch noch um ihre gute Tat für diesen Tag. „Ich brauche ein paar Tropfen Öl im Benzin, sonst läuft der Motor heiß. Ist bei den alten Mopeds so.“ , entschuldige ich mich. Sie bleibt freundlich und ich finde ein paar höfliche Worte über ihre geleistete Motorradfahrer*innensolidarität. Sie gibt Gas, dreht auf die andere Straßenseite und beide winken mir noch mal aufmunternd zu. Ich stottere mit meinem Moped bis zur nächsten Tanke. Zwei Liter E5 pur, das wird den Vergaser durchspülen und der Motor wird es schon aushalten bis nach Hause. Als ich bezahlen will, liegen sich der Tankwart und die Tankwartin hinter der Würstchentheke in den Armen und strahlen sich an. „Wir haben uns gerade gesagt, dass wir unsere Arbeit lieben.“, sagt die Wartin und mir fällt nichts anderes ein als „Ich liebe ihre Arbeit auch.“, weil ich mich wirklich freue, kurz vor Mitternacht noch Benzin zu bekommen. „Dann liken sie uns doch auf K Circle Station Chausseestraße.“ „Werde ich ganz sicher tun.“, verabschiede ich mich. Draußen erwarten mich noch ein paar rasende Blaulichter in alle Richtungen, aber ich komme heil nach Hause. Es gibt noch Menschen, die einem Hoffnung machen in dieser wunderbaren Stadt.

Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Habemus cinemam


Wir haben ein neues Kino in unserem Kiez. Es ist gleich bei mir um die Ecke, in der Plantagenstraße. Wenn sie nach Berlin kommen, schauen sie mal vorbei. Denn es ist schön geworden, das neue Kino Arsenal in der renovierten Westhalle des ehemaligen Krematoriums (das jetzt zum „Silent Green“-Kulturquartier geworden ist). Geradezu umwerfend schön. Ein echtes Juwel in Berlin. Da will ich mal nicht meckern. Noch vor einem Jahr war die Halle eine Baustelle, der man die ursprüngliche Nutzung als Aufbahrungshalle für Verstorbene noch anmerkte. Jetzt ist hier ein Kinosaal entstanden, der in Berlin seinesgleichen sucht.

Foto: Vali Djordjević

Spektakulär ist auf den ersten Blick die Akustikverkleidung unter der spitz zulaufenden Decke. Es ist als hätte man eine Kulisse aus einem expressionistischen Stummfilm mit einem  Raumschiff gekreuzt. Dr. Caligari meets Raumpatroullie, um es mal für Filmfreunde zu beschreiben.

Die stramm gepolsterten Sitzreihen mit viel Beinfreiheit sollen „Zurücklehnen und aktive Teilnahme ermöglichen“, wie die künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, Stefanie Schulte Strathaus es bei der Test-Vorstellung verkündete. Also kritische Filmkunst – kein Popcorn-Kino. Deshalb ist viel schwarz-weiß auf der Leinwand zu sehen. Den Anfang machte ein iranischer Film über einen Postboten aus den 50ern. Eine Woyzeck- Adaption in der der traurige Held ständig Hanfsamen essen muss. Ich mag solche Filme. Und mit mir vielleicht hundert andere Leute, die dafür aus ganz Berlin gekommen sind. Bevor das Arsenal-Kino aufmachte war ich im Centre Français (auch bei mir um die Ecke, mit einem Kinosaal aus den 1960ern) zwei Mal in der schwarz-weißen Neuverfilmung von „Der Fremde“ und natürlich auch in „Nouvelle Vague“. Auch in schwarz-weiß. Und inzwischen auch schon wieder in „Das Mädchen mit dem Koffer“, mit Claudia Cardinale, aus den 1960ern im Arsenal. Und das geht jetzt immer so weiter. Ich hätte ständig einen Grund, mir einen schönen Abend zu machen.
Auch vor dem Kino gibt es genug Raum für schöne Abende. Durch eine Tür im Foyer kann man auf das Gelände des Silent Green und des Restaurants MARS gelangen. Eine milde Frühsommernacht empfängt mich. Und wenn man vergisst, dass man zwischen einem Krematorium und einem verlassenen Urnenfriedhof sitzt, kann man hier wunderbar unter Lampions mit Freunden den letzten Film durchquatschen.

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Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch die großzügige Unterstützung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Wolfgang Weimer. Der BKM hat sich in Berlin unbeliebt gemacht, denn er hat etwas gegen Buchläden, die er politisch für zu links hält. Aber er (oder vielleicht eher seine Vorgängerin Claudia Roth) scheint ein großes Herz für den Wedding zu haben. Unterstützung gibt es nicht nur für das neue Arsenal-Kino. Nachrichten melden auch eine Beteiligung des BKM bei dem geplanten Umbau des ehemaligen französischen Soldatenkinos L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm in ein Berliner „House of Jazz“. Mir soll’s recht sein. Dann muss ich auch meinem Kiez gar nicht mehr raus. Berlin kann so schön sein. Kommse doch mal rüber, kieken.

Warum?

Von weit her schreit mich die Frau von ihrem Balkon an: „Warum?“, ruft sie und es klingt wütend. Gerade habe ich ein Foto von dem heruntergekommen Wohnblock gemacht, in deren Erdgeschoss sie mit ihrer Familie in der Sonne sitzt. Mehr Worte werden nicht gewechselt, wohl auch, weil sie wenige Worte in Deutsch kennt. Aber sie schafft es das eine Wort so auszusprechen, dass ich genau verstehe, was sie meint: Wieso nimmst du dir das Recht heraus, uns hier zu fotografieren? Warum fotografierst du dieses schäbige Haus? Und warum können wir uns nicht dagegen wehren? Ja warum? Warum fotografiere ich nicht die Schillerparksiedlung, durch die ich gerade gelaufen bin? Die ist schön, Bauhausarchitektur, UNESCO-Weltkulturerbe, warum nicht die 50er-Jahre-Siedlung nebendran? Die ist immerhin geschütztes Denkmal, leicht, luftig, mit großen Balkons. Warum habe ich erst den Fotoapparat herausgeholt, als ich in die Siedlung kam, in der die Farben verblichen waren, wo an einigen Fenstern noch die Rauchspuren von vergangenen Zimmerbränden an der Fassade sichtbar waren und die wie bunte Kinderkleckse auf der Wand verteilten, grob zugeschmierten Löcher in der schon wieder renovierungsbedürftigen Wandisolierung? Elendstourismus in die Nachbarschaft? „Es ist wegen der Farbe. Wegen pastellfarbenen Balkone unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel.“, würde ich gerne rufen. Aber das würde die Frau wohl nicht verstehen. Ich verstehs ja selber nicht. Statt dessen rufe ich „Nicht Sie, ihr Haus!“. Lösche das Bild und laufe weiter. Vielleicht sollte ich anfangen, die Menschen zu fragen und dann die Menschen zu fotografieren und nicht die Häuser. Das habe ich versucht. Aber nur so zum Spaß will das in Zeiten der deep fakes keiner mehr.

Als ich mir später in der Pizzeria die Fotos anschaue, gefallen sie mir trotzdem.

Red Skies over Paradise

Als ich abends um acht aus der U-Bahn steige, denke ich: Die Welt geht unter. Schwarzer Himmel und eine glutrote Wolke über den Häusern, so tief und so riesig, wie ein UFO. Das kann ja nicht mehr mit rechten Dingen zugehen.

Ja, der Rote Wedding macht seinem Namen alle Ehre. Und auch der Weddinger Blutmai hatte gerade wieder Jubiläum. Aber um ehrlich zu sein, denke ich vor allem an das legendäre Album von FischerZ „Red Skies over Paradise“. Ist auch ein Song über Berlin drauf. „This sore red eyes explore the room again…“ Müde Augen, die rastlos die Zimmerwände in einer Butze in Berlin absuchen? Ein Getriebener, an seiner Existenz und an Berlin leidend, diesem “island in Germany“. Wie habe ich mich mit Zwanzig danach gesehnt. Kann ich jetzt jede Nacht in meinem Zinmer in Berlin haben. Und ab heute noch mit rotem Himmel dazu. Dass ich das noch erleben darf.

Generationswechsel

Die CDU hatte immer recht: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau; Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee 1. Mai 2026

Ich bin mal wieder im falschen Film. Unter roten Fahnen aufgestellt laufe ich über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Zwischen prächtig herausgeputzten Plattenbauten, das frisch renovierte Kino „International“ und die viel besungene Mokka-Milch-Eis-Bar zur rechten und das ebenfalls grundsanierte Café Moskau zur linken, strebt die Demonstration auf das Rote Rathaus zu. Auch das „Haus der Statistik“ hat seine Zeiten als bröckelnde Ruine und Trümmer-Theater hinter sich und strahlt in frischem Weiß. Auf den Transparenten um mich herum wird der Sieg des Sozialismus und die internationale Solidarität beschworen. Junge Männer verteilen kostenlos das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“. Auf dem Alexanderplatz hieven mächtige Kräne einen neuen Wolkenkratzer aus dem Beton, höher noch und prächtiger als der Turm des Interhotel „Hotel Stadt Berlin“, das das in den 1970ern das höchste Hotel in Berlin – Hauptstadt der DDR war. Das neue Haus wird so hoch, dass es fast dem Fernsehturm Konkurrenz macht, an manchen Stellen verdeckt es ihn sogar. Hat der Sozialismus doch gesiegt? Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonn scheint ohn Unterlass. Es geht vorwärts. Ich gehe mit.

Wo bin ich? In einem besseren Land, in dem es keinen Wohnungsmangel, keine Inflation und keine Kriegsgefahr gibt? Oder bin ich hier in die Dreharbeiten für „Good bye Lenin II“ geraten? Vielleicht ist das ein Reinactment der 1. Mai-Paraden? Aber wo sind dann die Betriebskampfgruppen und die Ehrentribühne des Politbüros? Und wieso ist das Ambulatorium – eine der wichtigsten Errungenschaften jeder sozialistischen Siedlung- so heruntergekommen? Hat man vergessen die Fassade rechtzeitig für die 1. Mai-Parade zu tünchen, oder bin ich in Wirklichkeit einem Land, das kein Geld mehr hat für die Kranken?

„Zeigt eure Fahnen!“ brüllt eine junge Frau von einem Lastwagen herunter eine bunt zusammengewürfelte Truppe an, die mit den Fahnen der DGB-Gewerkschaften hinter dem Musik-Truck hertrotten. Das hat was von Love-Parade und reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich taumele an einem Stand der SPD vorbei, die wie immer die wirklichen Bedürfnisse der revolutionären Massen gut erkannt hat. Die Genossen schenken Kaffee in roten Pappbechern aus. Der bringt mich in die Gegenwart zurück. Danke, Genossen!
„Wir wollen ein schönes Leben für alle“ blökt es durch ein anderes Megafon, durch das vorher die krassesten Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt wurden. Das klingt nicht nach Klassenkampf sondern nach Bullerbü. „Wir wollen ein bezahlbares und solidarisches Neukölln“ steht bescheiden auf einem Banner. Das erinnert mich an meine Tochter, die dort wohnt und sich in ihrem Kiez nützlich macht. Ich schicke ihr ein Foto und fordere sie ironisch auf „Heraus zum 1. Mai“, wohl wissend, dass sie an ihren freien Tagen kaum um 11 Uhr aus dem Bett kommt. „Bin schon da!“ kommt es zurück „vorne links“. Und wieder glaube ich zu träumen, als ich das große Kind in roter Gewerkschaftsweste finde. Davon wusste ich gar nichts. Des Vaters Fußstapfen sind nicht so groß, dass sie hineintreten müsste, aber ich freue mich trotzdem. Brav rufe ich mit ihr und ihren Freunden „Hoch die internationale Solidarität“ und „Wir sind die Generation, die den Faschismus stoppt“. Zwischendrin fragt sie mich, warum ich mich so dick angezogen hätte und ob ich mein Gesicht gegen die Sonne geschützt hätte? Sie reicht mir die Sonnencreme Schutzfaktor 50 rüber. Es riecht nach Urlaub. Zusammen gehen wir noch über das Maifest am Marx-Engels-Forum. Aber da geht es nur noch um die Wurst. Es gibt Bratwurst von ver.di oder von der BSR oder von der IG-Metall. Aber ich fülle die Gewerkschaftskassen schon genug mit meinen Beiträgen, da muss ich mich nicht noch in die Arbeitereinheitsfront vor der Wurstbude einreihen, zumal im Hintergrund eine echtes proletarisches Schalmeienorchester quääckt. Und ich denke erleichtert, dass ich langsam aufhören kann auf Demos zu gehen und das der nächsten Generation überlassen kann.