Als wir Götter waren

Eichhof

Wir waren Götter, Götter auf Zeit. Wir lebten von Nektar, Luft, Liebe und Gesängen. Wir fühlten uns leicht. Der Himmel über uns war weit offen. Die Sonne schien nur für uns. Unser Olymp war ein Hügel in der Uckermark mit einem alten Gutshaus drauf . Hier beherrschten wir für ein paar Tage vor allem uns selbst.

Weil wir nichts zu essen brauchten, hatten wir alle Zeit für uns. Wir verbrachten sie mit Yoga und Frohlocken. Zum indischen Harmonium lobten wir Krishna, Shiva und all die anderen befreundeten Himmelsbewohner. Als am dritten Tag das „Hare Krishna“ angestimmt wurde, grinste meine bislang stumme Nachbarin zu mir rüber „Jetzt hamm se uns. Jetzt sind wa inner Sekte“. Wir sangen die 108 Namen Krishnas. „Der für frische Butter tanzt“ „Der sich frische Butter besorgt“ waren nur zwei davon. Der Kerl wurde mir immer sympathischer. Und überhaupt drehte sich bei unseren Gesprächen erstaunlich viel ums Essen. Weil die einzige Speise ein Glas frischer Fruchtsaft am Tag war, gab es nichts, was der Phantasie Grenzen gesetzt hätte. Es sei denn, man tat es selbst. „Du bist doch auch Veganer, oder?“, war meist der Einstieg in ein langes Gespräch über alles, was man durch Weglassen an Glück dazu gewinnen kann.  Alle hatten ihren eigenen Weg zur Seeligkeit. Von Rohkost über geschrotetes Korn bis zu Ayurveda. Große Lust verschaffte auch das Studium der Beipackzettel der Nahrungsergänzunsgsmittel, die eine zweite Religion waren. Dass der Weg zur Erkenntnis der Astralwelt  über den Körper geht, soweit waren wir uns einig – und der Magen ist ja nun mal ein besonders wichtiger Teil davon, auch wenn wir ihn in unserer Fastenzeit kaum spürten. Das war ein wirklich göttliches Gefühl. Nichts zu essen, und doch keinen Hunger zu haben.

Für den Rest des Körpers gab es Yoga. Fasten macht die Gelenke geschmeidig. Und wo es nicht alleine ging, half der Lehrer nach. „Genießt den Schmerz“, lächelte der Weise. Und wirklich: Die Schreie der Verzückung und Schreie des Schmerzes waren kaum auseinander zu halten. Ich schaffte es zum ersten Mal in meinem Leben in den Lotussitz und nur mein verflixter Meniskus beendete meine Meditation, kurz bevor ich Kontakt zu meinem Astralkörper aufnehmen konnte.

Nur selten verließen wir unseren märkischen Olymp. Wenn unser Körper nach einer intuitiven Massage im Nachbardorf verlangte, oder nach einer Sauna mit Sprung in den eisklaren See. Und weil Fasten wirklich Energie freisetzt, war zwischen zwei Yoga-Sessions auch noch Luft für eine stramme Radtour über die brandenburgischen Schlaglochpisten. Danach war der Körper dann endlich mal so erledigt, dass er beim Meditieren Ruhe gab.

Doch wehe dem, der die Gesetze der Götter bricht. Denn unsere elysische Leichtigkeit beruhte auf strengem Verzicht. Nur wer sich auf ein Glas Saft am Tag beschied, durfte ihrer teilhafitig werden. Das wußte ich, aber am fünften Tag ging es mir so gut, dass ich mich für unverwundbar hielt. Nicht nur ein Mal nahm ich vom Göttertrank sondern zwei Mal und weil noch was übrig war, auch noch ein drittes Mal. Die Strafe kam leise. Es waren nicht die Blitze des Zeus, nicht Thors Hammer noch Shivas Tanz der Vernichtung. Ich wurde auch nicht aus dem Paradies vertrieben, sondern einfach nur ein paar Stunden an den Ort verbannt, an den auch die Götter zu Fuß gehen. Als ich davon erzählte, erschallte das götttliche Lachen, von dem schon Goethe berichtet, und ich durfte wieder dabei sein.

Der richtige Rausschmiss aus dem Paradies, hatten wir dann tatsächlich einem Apfel zu verdanken. Am siebten Tage gab es einen gedämpften Apfel zum Frühstück. Damit begann das Fastenbrechen und die Pforten des Himmels schlossen sich für uns. Jetzt dürfen wir wieder als Halbgötter die Steine von unten nach oben schieben – aber viel entspannter.

Leberleben

„Kennen sie das Gerät schon?“, fragt der Arzt. Ja, sage ich, da habe ich schon viel Babyfernsehen mit geschaut. Und wenn man Zwillinge kriegt, dann darf man auch in Farbe sehen. Ist ein bisschen unheimlich, aber es beruhigt. „Aber Ihren Bauch hat noch keiner damit untersucht?“ hakt er nach. Ich stutze, stammle ein wenig rum: nee, ach doch irgendwann, nee das war ja das Knie… Was soll es in einem Männerbauch schon Interessantes zu sehen geben? Alles das was Mann nicht haben will: Gallensteine, Krebs oder, oder, oder. Aber eigentlich: Wozu geh ich denn zu einer Vorsorgeuntersuchung, wenn ich nicht wissen will was los ist? Nein, will ich eigentlich nicht. Ich will nur das Ok vom Arzt haben. Alles gut, wie immer. Neue TÜV-Plakette und wir sehen uns in zwei Jahren wieder. Das will ich von einem Arzt hören.

So genau wie der hat mich noch keiner untersucht. Will wohl Geld an mir verdienen. Ist halt das Elend, wenn man privat ist, dann machen sie alles mit einem, die Geräte müssen sich ja lohnen. Schon hab ich kaltes Gel auf meinem Bauch -also von Bauch würde ich jetzt gar nicht reden wollen- und verrenke mir den Kopf, um das Gesicht des Arztes im Blick zu haben. Ich kenn das schon von den Baby-Untersuchungen – wenn er genauer in das graue Gerausche auf dem Bildschirm schaut, dann wird’s ein Mädchen. Bei mir schaut er entspannt. „Die Galle ist in Ordnung.“, sagt er beiläufig. Aufatmen darf ich nicht, denn ich soll ja die Luft anhalten. Dann bleibt er eine Weile unter meinem rechten Rippenbogen hängen. Und dann sagt er was über meine Leber… Senkrecht stehe ich auf der Liege: Waaas? Ich trinke keinen Tropfen Alkohl! „Kann auch von fettem Essen kommen, sagt beruhigend, und von zu wenig Bewegung. Meiden sie tierische Fette.“

Iiiich, tierische Fette? Ich bin Halb-Veganer. Ein Müsli-Man der ersten Stunde. Ich hab einen selbstverwalteten Bio-Laden geführt, als dieser Kerl sich noch die Pickel ausgedrückt hat. Und zu wenig Bewegung: Ich fahr Fahrrad, jeden Tag, zur Arbeit, nicht mehr so schnell wie früher, aber immerhin den ganzen Winter durch. Ich bin doch kein Couch-Potato. Hab ja noch nicht mal einen Fernseher. „Ich kontrollier noch mal ihre Leberwerte. Wenn sich da nichts getan hat, müssen Sie sich keine Sorgen machen.“

Schon bin ich wieder raus aus dem Sprechzimmmer. Draußen tirilieren die Vögel und begrüßen den ersten Frühlingstag. Es kommt mir vor, als machten sie sich lustig über den gebrochenen Mann, der sich da zur U-Bahn schleppt. Es ist wie vor 15 Jahren, als ich zum ersten Mal Probleme mit den Knien hatte. „Ja, das knackt. Und das wird es von jetzt ab immer wieder tun.“ flötete mein Orthtopäde, der  was auf seine Allgemeinbildung hielt, „Deshalb nennt man ja auch die alten Leutchen „alte Knacker“.

In der U-Bahn. Vor meinem inneren Auge läuft mein Leben ab. Butter, denke ich. Billige Butter. Davon kann ich nie genug bekommen. Das liegt in meinent Genen. Das war was Besonderes, wenn es bei meinen Eltern die gute Butter gab statt Margarine. Und Sahne, steife Sahne. Seit es das Eis-Cafe um die Ecke gibt, bin ich da jede Woche zwei Mal. Aber bitte mit… Und Junk-Food. Salzig und fett. So wie der Müsli-Man im Lied von BAP irgendwann Punk wird, wurde ich nach meiner Müsli-Zeit vom Paulus zum Saulus. Irgendwann wollte ich kein glücklich griender Öko mehr sein, sondern ein richtiger Kerl. Keine Pommes-Bude war mir zu fettig, keine Mitropa-Kantine zu dreckig. In England war meine Anwältin, bei der ich ein Praktikum machte entsetzt, als ich sie zu einem Laden mit Kidney Pie und Chips schleppte. „Greasy Joe“ hieß ich seitdem bei ihr. Ich bin halt ein Kind der Arbeiterklasse, sagte ich ihr stolz. Da gehöre ich hin. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich mich traute meinen eigenen Weg zu gehen.

Meine Leber hat keinen Schritt davon vergessen. Sie ist ehrlicher als ich. Ich hoffe, sie bleibt noch ein wenig bei mir. Morgen gehe ich auf ein Fasten-Retreat. Nix essen für zehn Tage. Ich hoffe, es tut ihr gut.

Tauwetter?

Nordkorea II

 

Die nordkoreanische Botschaft in Berlin ist ein klotziger grauer Plattenbau, über dem eine  riesige filigrane Antenne schwebt. Sie erinnert mich an ein abgenagtes Fischgerippe und ich glaube nicht, dass es noch Wellen im Äther gibt, die sie erreichen. In allen Fenstern zur Straße hin sind die steifen, senfbraunen Kunstfaservorhänge zugezogen. Die Verkäuferin in der bulgarischen Apotheke gegenüber, die sich auf traditionelle chinesischen Medizin spezialisiert hat, weiß zu berichten, dass die Botschaftsangehörigen nur selten rauskommen, stets nur zu zweit Ausgang haben und kaum Deutsch sprechen.

Auch medienmäßig scheint die Botschaft von der Außenwelt und sogar von der Heimat abgeschnitten zu sein. Denn die Wandzeitung am Eingang, die sonst von den aktuellsten Besuchen des jeweiligen Kim, des geliebten Führers in mitten seiner lächelnden Untertanen berichtet,  von Genossinnen und Genossen, die sehnsüchtig auf seine Worte der  „Anleitung“ warten,  ist seit einem halben Jahr nicht mehr erneuert.

Peyonchang? Treffen zwischen den Regierungen von Süd- und Nordkorea? Tauwetter in der Atomfrage? Hier findet das alles nicht statt. Kim lächelt, Kim durchschneidet ein rotes Band und das Volk freut sich über die erfolgreichen Tests der Atomraketen. (Sang nicht auch der westdeutsche Barde Franz Josef Degenhart in den 70ern „Komm und erzähl von Havanna, der Schönen, geschützt von Raketen aus Stahl.“? Ja, so waren die Zeiten)

Ein bisschen erinnert das an die DDR-Führung kurz vor ihrem Ende, die einfach die Vorhänge zuzuog, als plötzlich der große Bruder etwas von Umbau und Transparenz flötete.  Bockig nuschelte sie etwas von: „Der Sozialismus in seinem Lauf…“

Die Nordkoreaner singen nicht, sie nuscheln nicht, sie geben sich in schweren Zeiten einem poetischen Traum hin:

Nordkorea

Ist das nicht schön? Die Morgenröte und der doppelte sozialistische Genitiv.

Ich glaube, der nordkoreanische Botschafter wird dieses Bild erst entfernen, wenn er es durch ein Bild mit der Skyline des Frankfurter Bankenviertels im Sonnenuntergang ersetzen kann. An der Unterzeile feilt er noch. Aber vielleicht heißt sie: „Der Sonnenuntergang über der protzigen Zeil kündigt die endgültige Niederlage des menschenverachtenden Finanzkapitalismus an.“

So oder so: Wir müssen uns warm anziehen in diesen Zeiten.

 

W-Wahn

 

© Jules van der Ley

enn ich es wirklich wahrhaftig wahrnehme ist mein Wissen in Wahrheit nichts anders als eine Reihe von W-Fragen.

Wann wird mein Wirken wirklich etwas wert? fragte ich mich als wunderlicher Heranwachsender und wünschte mich nach Woodstock.“ Als „Wärter“ im Wartesaal des Krankenhauses (so riefen die Wartenden mich wuschelköpfigen Wehrdienst-verweigerer wirklich noch) war es dann das „Wir“, was Wunder wirkte: „Wir werden jetzt wohl den Wundverband wechseln, Herr Walter, aber bis dahin warten wir noch ein Weilchen, nicht wahr?“

Weiland Student in Würzburg (nein, es war Heidelberg) wurden die W-Fragen dann wirklich wichtig. „Wer will was von wem woraus? warf der Wissenschaftler im Wirtschaftsrecht wuchtig an die Wandtafel. Und wir Wissensdurstigen wagten es nicht zu fragen: Weshalb?

In der Wahlstation im Strafgericht wollte ich immer wissen: Wer hat wann wo was getan? Als Journalist war es dann wichtiger zu fragen: Warum?

Wahrlich, das war jetzt keine Wagner-Oper oder ein Wunderwerk, aber ohne den Wirrwarr in meinem Kopf wird mir jetzt wohler, und ich wage mich der Frage zu widmen, die wirklich wichig ist: Warum habe ich das geschrieben?

Woher soll ich das wissen?

 

 

Quer durch den Garten

Ein dickes Stück Fleischwurst (…und ein Scheibchen extra vom Metzja), Bierwurst, Blutwurst, Graupensuppe (mit Ketchup), angebrannte Grießsuppe, Schulmilch, Suppe aus Tiefkühlmischgemüse und Brühwürfel (schmeckte widerlich und hieß bei uns „Quer durch den Garten“), Kartoffeln mit Rahmspinat und Ei, Sülze mit Lorbeer und Wachholder (selbstgemacht), Sunkist (aus der der dreieckigen Tüte),, paniertes Kotelett, frische Schnippelbohnen, Schnippelbohnensuppe (mit Büchsenmilch),, eingeweckte Schnippelbohnen, Kürbis (eingeweckt mit Nelken), Kräuterquark, Schweinebraten, Pfanni Klöße halb und halb, Maggi aus der Flasche, fette Rinderbrühe mit Markklößchen, Käpt’n Nuss Nuss-Nougat-Creme,  Benko-Kakaogranulat, Nesquick, Schwarze Kartoffeln aus der Glut des Kartoffelfeuers (nach der Kartoffelernte – ohne Alufolie), Buttercremetorte mit guter Butter, Riemchenkuchen mit Apfelmus, Streuselkuchen, Brausebonbons, Kammmelle!!!, Maoam, Puffreis aus der Wundertüte, Ahoi-Brause, Pez-Brausebonbons aus dem Spender, Kaugummis aus dem Kaugummiautomaten, Futterrüben, Königskuchen (mit Zitronat und Orangeat), Waffeln aus dem Waffeleisen (mit Puderzucker), Rübenkraut (Zuckerrübensirup), Himmel un Ähd (mit gebratener Blut- und Leberwurst), Apfelmus aus Klaräpfeln, Brombermarmelade (mit Rum konserviert), Vanillepudding mit Rumtopf, Vanillepudding mit Brombeersaft, Pflaumenkuchen (aus Omas Garten), Äpfel von der Streuobstwiese, Most von den faulen Äpfeln von der Streuobstweise, Äpfel vom Baum des Nachbarn, Erdbeereis vom Italiener mit dem VW-Bus, Lakritzeschnecken, Mohn-Kleesla (vom schlesischen Großvater), eingelegtes Sauerkraut aus dem Steintopf im Keller (wie bei Witwe Bolte), Bronni-Limonade, Käsekuchen mit Zitronenaroma, Stachelbeeren, Johannisbeeren, keine Cola, Karamellpudding, Döppscheskooche (mit Speck und Rosinen von der rheinischen Oma), Reibekuchen, geräucheter Aal fett (aus dem Weihnachtskorb vom Chef meines Vaters), Eseslwurst, Weckmänner mit Pfeife (zu St. Martin), Graubrot, Schwarzbrot, Eiflerbrot (kein Toastbrot), Hefezopf, Jägerschnitzel, Zigeunerschnitzel, Apfelgelee mit Nelken, Appelkraut, Matzen, Bienenstich, Malzbier, Walderdbeeren, Morbeln (Blaubeeren, selbstgesammelt), Weihnachtsplätzchen aus dem Fleischwolf, Makronen auf Esspapier, Esspapier, Esspapier mit Brausepulver din, Kartoffelsalat mit Mayonnaise, Tomaten mit Mayonnaise, Mayonnaise aus der Tube, Pommes aus der Fritteuse, Käseigel, Ritz-Kräcker, Kuchenteig, Fondant, Schwartenmagen, Stuten (Rosinenbrot), Dolomiti, Rouladen mit Rotkohl, dicke Pfannkuchen mit fettem Speck, Berliner, Kraftfutter für Rinder (lässt sich schön knabbern), Hefextrakt (für blasse Kinder), Plastikgranulat, Wrigley Fruty Juice (wenn man’s runterschluckt, gibts einen großen Klumpen im Magen, sagten alle), Bohnenkaffee, Muckefuck (mit Milch und Zucker), Edle Tropfen in Nuß, Mon Cherie (heimlich), salziger Haferschleim (die Reste von der magenkranken Großmutter), Grießbrei mit Rosinen, Götterspeise mit Sago, Hostien…

Komm lieber Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns beschert hast.

Amen!

Der alte Russ

Wo er wirklich herkam, wußte niemand so genau. Und niemand wollte es wirklich wissen. In unserer Familie ging das Gerücht, dass er der verrückt gewordene Sohn reicher Leute aus unserer Stadt sei. Aber das war nur eins der vielen Gerüchte, die in unserer Familie so daher erzählt wurden. So wie das von Onkel Nick, dem U-Boot-Fahrer. Alles was von ihm geblieben war, war ein Foto mit einer Mütze der Kriegsmarine und eine Postkarte aus Oslo. Da schrieb er, dass es bald losgehen werde und dass er sich freue. Das war 1943. Onkel Nick ist nicht wiedergekommen, aber unter seinen neun Geschwistern hielt sich das Gerücht, dass sein Boot in der Ostsee versenkt worden wäre. Er sei einer der wenigen Überlebenden gewesen und in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Das hatte ein Nachbar erzählt, um meine Großmutter zu trösten, die die Nachricht vom Tod ihres Sohnes nicht ertragen konnte und nächtelang klagend durch ihr Haus gelaufen war. Er erzählte ihr, dass die Sache mit der Gefangenschaft im „Feindsender“ gehört habe, wo Listen der deutschen Gefangenen verlesen wurden. Nun, das war edel und mutig, denn auf das Hören ausländischer Sender standen hohe Strafen, und es verfehlte seine Wirkung nicht. Aber es war so wenig wahr wie das Gerücht, dass der „ahle Russ“, ein Obdachloser, der mit seinem grauen Bart und seinem schmierigen Mantel ab und zu unsere Straße herunter lief,  wirklich ein Russe war.

Für ein Kind ist es ein Leichtes, das Gerücht von dem in Russland verschollenen Onkel mit dem von einem alten Mann aus Russland zusammen zu bringen. Die Welt um mich herum war voll mit Spätheimkehrern und Männern, die nicht darüber sprechen wollten, was sie erlebt hatten. So war das Erscheinen der ausgestoßenen Kreatur für mich immmer mit einem schönen Schauer verbunden. Ich ging im aus dem Weg, wie alle, das war klar. Nur ein paar Mutige, warfen ihm ein freches: „Na, alher Russ“ an den Kopf, um schnell wieder zu verschwinden. Der Alte antwortete nie und stieß auf die Frecheiten nur ein gequältes Brummen aus. Aber für mich war klar, das musste mein Onkel sein- und keiner außer mir wußte es.

Und wenn das Leben ein Roman wäre, dann könnte ich jetzt erzählen, wie ich dem Mann nachgeschlichen bin, wie ich herausfand wo er wohnte, dass ich irgendwann den Mut gefunden hätte, ihn anzusprechen und dass er mir ein Freund geworden wäre, von dem ich alles alles das gelernt hätte, was mir mein Wirtschaftwunder-Vater, der immer auf Achse war, nie die Zeit hatte mir beizubringen. Aber Romane werden ja deshalb so gerne gelesen, weil in ihnen das Unwahrscheinliche geschieht, das Magische, das, was alle sich wünschen, was aber in im eigenen Leben eben nie vorkommt.

Der alte Russ war eines Tages einfach verschwunden, und keiner verlor ein Wort darüber. Verschwunden wie die andern Männer, die mich als Kind faszinierten. Der „Hunsrücker“, ein fliegender Händler, der ein mal im Monat auf dem Parkplatz vor dem Ausflugshotel seinen Stand mit billigen Kindersachen aufschlug und der „Eifler“, der uns einmal in der Woche drei glänzende Brotlaibe brachte, aus denen dann meine Mutter die Butterbrote machte, die mein Vater auf seine langen Fahrten nach Berlin mitnahm, um Spesen zu sparen.

Ein paar Jahre später erfuhr ich, dass das Haus, in dem der alte Russ gehaust hatte, abgerissen werden sollte. Es lag hinter dem Friedhof auf einer schönen Wiese mit Obstbäumen. Und es war trotzdem ein unheimlicher Ort. Ich näherte mich der fensterlosen Ruine nur zögernd, Schritt für Schritt. Als ich über die Schwelle trat, knischte unter meinen Sohlen zersplittertes Glas und Metall. Die Räume waren vollgestoft mit Müll und nutzlosem Gerümpel. Der alte Russ war ein Messi gewesen, der alles Alte in unserem Städtchen zusammenraffte und in Plastiktüten in seine Höhle brachte. Ich fand einen schönen Wecker, Junghans, braun mit Leuchtziffern und glänzendem Zifferblatt. Zu Hause versuchte ich ihn wieder zum Laufen zu bringen. Ich wollte ja immer ein Mechaniker sein, um meinen Vater zu beeindrucken. Aber ich bin keiner. Irgendwann raffte meine Mutter die von mir achtlos liegengelassenen Einzelteile zusammen, und schmiss sie in den Mülleimer.

Ach ja: Mein Onkel ist im Mittelmeer gestorben. Sein Boot wurde auf seiner ersten Fahrt von einem britischen Schiff versenkt. Es gab keine Überlebenden. So steht es seit 1943 im Sterberegister unserer Stadt.

 

 

 

Ohnemichel

Unbenannt

Quelle: Spiegel online.de

Ich kann’s nicht glauben. Eine Berliner Hochschule lässt sich durch Druck der Studierenden dazu bewegen, ein Gedicht von einer Wand zu entfernen, weil es nach deren Ansicht sexistisch ist. Haben die Professoren nicht das Rückgrat, die Freiheit des Wortes und die Freiheit der Kunst ihren Studierenden beizubringen und zu verteidigen?

Das Gedicht ist schön, es ist formal perfekt und es handelt von Frauen, Blumen und einem Verehrer. Ist das heute schon ein Vergehen? Ist das der Geist, der heute an unseren Unis herrscht? Was kommt als nächstes? Gehen die Studierenden in die Bibliothek und reißen alle Bücher raus, in denen das Wort „Frau“ in Verbindung mit „Verehrer“ gedruckt steht? Und ich dachte, unsere Freiheit wird fremdländischen Terroristen bedroht, von engstirnigen Radikalen, die sich die Welt nach ihrer Lesart der heiligen Bücher machen wollen.

Wenn diese Studierenden die künftigen Erzieherinnen und Sozialpädagogen werden, dann bitte ich doch vor der Einstellung um einen Gesinnungstest, damit  sie meine Kinder nicht mit ihrer engen Weltsicht vollsülzen dürfen.

Wenn ich bei Facebook wäre würde ich jetzt einen Hashtag aufmachen, in dem man Beispiele der neuen Prüderie und der Gesinnung posten kann. Und ich möchte dann unter jeden drunterschreiben, dass diese Sittenwächter nicht in meinem Namen schreiben:  #notme