Familientradition

Es fing damit an, dass eine Kollegin fragte, ob jemand Quitten haben möchte. Das war ein verführerisches Angebot, denn meine Mutter kochte immer ein wunderbares Quittengelee, in dem meist eine Nelke herumschwamm und auf dem oben ein in Rum getränktes Papier sein Aroma langsam in das rotgolden schimmernde Glas abgab. Immer, wenn ich nach Hause kam, bekam ich ein paar Gläser eingepackt. Und noch Jahre nachdem sie gestorben war und mein Bruder längst das Elternhaus übernommen hatte, standen noch ein paar Gläser im Kellerregal. Meine Schwester, die den Quittenbaum in ihrem Garten hatte, führte die Tradition nicht weiter. Kinder, denen sie die Gläser zustecken konnte, hatte sie keine und für sich und ihren Mann allein fand sie die Prozedur zu anstrengend. Noch eine Weile verschenkte sie die Quitten an die türkischen Nachbarn, dann wurde der Baum gefällt.

Aber natürlich ist sie die erste, die ich anrufe, um zu erfahren, was ich mit den drei Kilo Quitten anfangen soll. „Hast du noch das Rezept von Mama, für die Quitten?“. „Nein, Rezept habe ich keins, aber ich weiß noch, dass sie immer ein Handtuch zwischen die Beine von einem umgedrehten Stuhl gespannt hat.“ Das ist nicht viel, aber ein praktischer Anhaltspunkt. Den Rest erklärt mir eine andere Kollegin – „Immer Gelierzucker 3:1“ – und die Schweizer Landfrauen im Internet.
Dort, wie überall, steht, dass Quitten hart sind, und dass man ein gutes Messer braucht, um sie klein zu schneiden. Aber wieder zeigt sich, dass man nicht alles glauben soll, was im Internet steht. Mit einem 1-Euro-Küchenmesser lassen sich die kernigen Früchte in einer halben Stunde fertig für den Topf machen. Wieder was gelernt. Den großen Topf aus dem Keller geholt und alles ins Wasser gegeben. Dann noch mal das Rezept angeschaut: Der Saft von zwei Zitronen soll ins Kochwasser. Die Flasche mit dem Zitronensaft ist aber alle und jetzt nochmal zum Edeka will ich auch nicht. Unter der Spüle finde ich „Heitmanns Zitronensäure“ – mein Wundermittel gegen das kalkige Berliner Wasser. Aus meinen Ferienjobs in der heimischen Limonadenfabrik weiß ich, dass man das Pulver auch für Lebensmittel gebrauchen kann. Damals schütteten wir säckeweise Zitronensäure und Zucker in einen Bottich und raus kam klare Zitronenlimonade. Aber wieviel Säure ist zwei Zitronen? Beherzt nehme ich einen gehäuften Teelöffel. Das passt immer. 40 Minuten soll alles kochen. Zeit genug, die elterliche Stuhkonstruktion nachzubauen. Tatsächlich passt ein Geschirrtuch genau zwischen die Stuhlbeine und mit etwas Bindfaden um jedes Bein lässt sich damit auch eine belastbare Filteranlage bauen. Und auch der heiße Inhalt des Topfes passt genau in das Handtuch. Ja Mutter, du hattest immer recht! Schau wie dein Sohn in deine Fußsstapfen tritt. Spät zwar, aber immerhin.
Golden fließt der Saft. Die Schweizer Landfrauen raten mir, den Saft über Nacht abtropfen zu lassen. Das mag in der Schweiz richtig sein. Aber in Berlin hat man anderes zu tun, da wird Geschichte gemacht, da muss es flott gehen. Also rühre ich mit einem Holzlöffel im heißen Obstbrei herum, drücke und presse den letzten Tropfen Saft heraus… bis der erste Bindfaden sich löst, dann der zweite und dann der ganze Brei in die Schüssel darunter platscht, der Saft bis an die Wand spritzt (wollte ich sowieso neu streichen) und der Rest auf dem Boden landet. Anfängerpech. So kurz vorm Ziel, lasse ich mich nicht entmutigen. Also neues Handtuch, neue Schüssel, alles noch einmal durchlaufen lassen (ich überlege, ob ich später „feinfiltirert“ auf das Marmeladenetikett schreiben darf?) und die Küche zwei mal durchgewischt, bis nichts mehr klebt. Jetzt lasse ich die Apparatur wirklich über Nacht stehen und gehe erstmal in den Keller – Gläser holen.
Eigentlich finde ich in meinem Keller immer alles, denn ich hebe alles auf. Alte Schuhkartons, Fahrradteile, Weihnachtsschmuck und auch Weck-Gläser -dachte ich. Aber die müssen beim letzen Umzug weck geblieben sein. Und kaufen kann man die auch nicht mehr, denn die Weck-Glasfabrik aus Bonn ist pleite. Zum Glück werkelt der Nachbar in seinem Verschlag und der reicht mir – nur ein bisschen genervt – eine Kiste mit verstaubten Weck-Gläsern aus Ost- und Westproduktion rüber. Wenn ich darin nicht das Richtige finde, solle ich seine Frau fragen. Sagt’s und verschwindet mit seinem Rucksack auf dem Rücken. Ich finde ein paar schöne bauchige Gläschen und sogar passende Gummis und beschließe, meinen Nachbarn genau diese mit den Früchten meiner Arbeit gefüllt wieder vorbei zu bringen, so wie früher der Bauer dem Feudalherrn den Zehnten. Nach Anleitung der Landfrauen koche ich die Gläser im großen Topf aus (zwei Mal, denn beim ersten Mal hat der Kalk im Wasser die Gläser trübe werden lassen. Was hilft? Beim zweiten Mal ein Löffel „Heitmanns Zitronensäure“ – keine bezahlte Werbung – ins Kochwasser und die Gläser funkeln). Ein Griff in die Werkzeugkiste und ein Rollgabelschlüssel ist das ideale Werkzeug, um die heißen Gläser aus dem Wasser zu ziehen. „Man muss sich nur zu helfen wissen.“, meinte mein Vater immer.

Am nächsten Morgen erwache ich mit Kopfschmerzen. Heute muss die Glocke werden. Schwer lastet die Verantwortung ganzer Generationen marmeladekochender Vorfahrinnen auf meinen Schultern. Der große Topf wird mit dem Saft gefüllt. Eine Packung Zucker kommt dazu und verschwindet im goldenen Sirup. Kaum mag ich glauben, dass da noch eine Packung rein passt, aber auch die versinkt klaglos und löst sich auf. Der Topf brodelt und es riecht wunderbar. Wie in Mutterns Küche im Herbst. Die Gläser stehen bereit und ich fülle und fülle mit der Schöpfkelle die Gläser, aber der Topf will nicht leer werden. Am Schluss fülle in meiner Verzweiflung ein Halbliterglas voll mit dem heißen Goldsaft. Wer soll das alles essen? Meine Söhne? Die kommen ja nur noch selten zu mir. Und selbst wenn ich ihnen ein Glas bei ihrer Mutter zu Hause auf den Tisch stelle, habe ich keine Chance gegen Nutella (wenn sie überhaupt am Frühstückstisch erscheinen). Vatersorgen. Sie werden nur noch überdeckt von der Sorge, ob das Gelee den jetzt auch richtig steif wird. Nichts ist schlimmer als flüssiger Fruchtsaft der sich als Gelee ausgibt. Eine halbe Stunde bangen Wartens, bis die abgekühlte Probe schön wabbelig auf meinem Weißbrot landet. Wunderbar! Es ist vollbracht.

Als ich mir (erschöpft aber glücklich) im Back-Shop nebenan einen Kaffee gönne, merkt die Besitzerin, dass ich was zu erzählen habe. „Was hast du gemacht?“ „Ich hab Quitten gekocht.“ „Wo hast du die her?“ „Von einer Kollegin.“ „Ist die türkisch?“ Nein, Aber sie hat einen Garten hier in Berlin“. „In der Türkei essen wir die Quitten roh, wie Äpfel aber mit Salz. Mag ich nicht. Ist mir zu sauer.“ Ich beschließe ihr ein Glas Gelee vorbei zu bringen.

Mein Freund, der Baum

Herrlicher Herbstmorgen. Blauer Himmel, alles schick. Nach den ersten fruchtlosen Diskussionen über die Protokolle fruchtloser Besprechungen im Homeoffice gönne ich mich den ersten Guten-Morgen-Kaffee aus dem Back-Shop nebenan. Als ich in meinen Kaffeebecher pustend an der Straßenecke stehe, merke ich, dass auf der anderen Seite ein Polizeiwagen hält. Der Wachmeister reicht einem Arbeiter mit schwarzer Wollmütze und Hoodie, der neben einer kleinen Hebebühne steht ein Formular raus und fährt weiter. Was ich noch nicht weiß: Es war der Totenschein für einen alten Freund.

Erst als ich mit den Augen dem jungen Mann folge, der das Papier in seine Hosentasche stopft, sehe ich, dass über der Stelle ungewöhnlich viel blauer Himmel zu sehen ist. Und die seit Jahren geschlossene Kneipe auf der anderen Straßenseite sticht mir mit ihrer vollen Trostlosigkeit ins Auge. Was fehlt ist das schmächtige Ahorn, das das alles mit seinen Ästen gnädig verdeckt hat. Ganz geräuschlos muss heute Morgen, während ich hinter meinem Fenster am Bildschirm versuchte, klare Gedanken zu fassen, der Gartenbauer mit schnellen Schnitten den Baum niedergemacht haben. Wie taub bin ich eigentlich mittlerweile, dass ich noch nicht mal eine Kettensäge höre?

Eifrig fegt der Arbeiter die Äste und Blätter zusammen. „War wohl nix mehr zu machen.“, beginne ich über den von innen verfaulten Stamm des Baumes gebeugt, meine Trauerrede. Denn ganz so unbemerkt soll mein langjähriger Begleiter nicht zu Sägespänen werden. „Nee, der hätte schon längst gefällt werden müssen.“, pflichtet mir der Arbeiter bei. „Aber er hat länger gestanden, als geplant. Da muss man ja viel beachten, die Brutzeiten der Vögel und so.“ Ich merke, dass es ihm auch nicht gleichgültig ist und dass er lieber etwas gepflanzt hätte, als hier Schadensbegrenzung zu betreiben. „Ja, ja“ erteile ich ihm Absolution. „Letztes Jahr bei den Herbststürmen ist ein Baum auf ein Auto gekippt.“ „Ja, ist auch für die Menschen gefährlich, da können schon vorher Äste abbrechen.“ Unwillkürlich schaue ich auf die andere Straßenseite, wo mein Moped unter einem anderen Ahorn steht. Alles gut. Glänzend gelb steht es in der Herbstsonne. Gestern bin ich sogar mit meinem Jüngsten bis zur Bibliothek damit geknattert. Und diesmal hat er sich nicht das Bein am Auspuff verbrannt. Alles gut… Zu gut! Denn warum sehe ich mein Moped überhaupt? Gestern habe ich noch eine Plane drüber gezogen. Heute steht es ohne da. Und es war ja kein Sturm heute Nacht. Mein Nachbar kommt aus der Tür. Er rettet manchmal die Plane, wenn der Wind sie verweht und legt sie mir ins Treppenhaus. Doch heute zuckt er nur mit den Achseln und zeigt auf einen grauen Haufen, der auf dem Gehweg liegt. Ist aber nicht meine Plane, sondern nur ein alter Müllsack. Ich bin also beklaut worden. Zum ersten Mal, seit ich im Wedding wohne. Ich bin erschüttert. Zwei Verluste an einem Morgen, das ist schwer zu verdauen. Aber hilft ja nix. Ich gehe in den Keller und hole die große Plane, die ich sonst unter die Hängematte im Garten lege. Sieht nicht schön aus, aber wenigstes etwas neues Grün vor meinem Haus.

„Wohnraum und WLAN“

Dieser Geburtstagsgruß könnte von Elif Eralp kommen, der Frau, die für die Linke die Wahl in Berlin gewonnen hat. Geschickt hat ihn mir aber eine Freundin, die mal mit mir im Wedding gewohnt, sich aber schon längst ins Eigenheim am Stadtrand verabschiedet hat. Nicht mehr „Glück und Gesundheit“ oder „Viel Glück und viel Segen“, wie das auf alten Geburtstagskarten zu lesen war.

Karten gibt es sowieso nicht mehr.

Die Witwe meines besten Freundes schickt mir per Mail ein Foto ihres Tiny-Houses, das sie sich nun endlich in einen Olivenhain auf Kreta hingestellt hat. Die Vorstellungen vom Glück sind kleiner geworden. Ob es WLAN hat, weiß ich nicht.

Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Du bist keine Schönheit…

Und wie ging das bei Grönemeyer weiter? „Von Arbeit ganz grau. Du liebst dich ohne Schminke. Bist ne ehrliche Haut, leider total verbaut…“

Passt nicht ganz, aber ging mir durch den Kopf, als ich gestern, wie jeden Arbeitstag, am Russischen Haus, oder, soviel Zeit muss sein, Российский дом науки и культуры, oder, für Freunde, RUSHAUS# an der Friedrichstraße in Berlin vorbeiging. Es gibt nicht viel Schönes an ihm zu entdecken. Ich bin ja ein Freund realsozialistischer Architektur, aber bei diesem grauen, protzigen Klotz aus den 1980ern hört die Freundschaft auf. Die Fassade bröckelt und fällt einem nur nicht auf den Kopf, weil dort schon seit Jahren in der ersten Etage ein grünes Netz gespannt ist, an dem in der Adventszeit ganz malerisch üppige Lichterketten glänzen. Noch vor ein paar Jahren hatte ein Schweizer Juwelier im Erdgeschoss seine funkelnden Luxusuhren angeboten, aber die Zeit der reichen Russen auf dem Friedrichstraßen-Boulevard sind erstmal vorbei. Und daran ist ausnahmsweise nicht die Fahrradstraße schuld, die die grüne Verkehrssenatorin hier trotzig hat durchsetzen wollen. Es wird, soviel kann ich verraten, auch nicht besser, wenn man hinein geht. Grau, protzig und unübersichtlich.

Viele Stunden habe ich dort im Theatersaal verbracht, vor 20 Jahren, als die Tanzschule meiner Tochter dort ihre jährliche Gala veranstaltete. Die Luft war stickig und der Saal voll mit begeisterten Eltern. Und bis endlich nach all den Tutu-Kindern und dem ganzen „Schwanensee“ die Hip-Hop-Gruppe meiner Tochter dran war, war ich manchmal schon im Lächel-Koma. Wenn ich kam, verschwanden hinter unzähligen Türen unerkannte Mitarbeiterinnen (ja, meist Frauen) mit unerkennbaren Aufgaben in verwinkelten Fluren. Jetzt weiß ich von unserem Bundeskanzler, dass es keine Sprachlehrerinnen, Kunstlehrerinnen oder Bibliothekarinnen waren, sondern Agentinnen des russischen Geheimdienstes. Ich will das gar nicht in Frage stellen. Vom russischen Staat erwarte ich, so wie die meisten Russen, nichts Gutes. Aber wenn man sich ein wenig in Berlin auskennt, und auch wenn nicht, fragt man sich, warum sie gerade hier ihr Handwerk betreiben und nicht auf dem riesigen Komplex der Russischen Botschaft, zwei Blocks weiter. Unter den Linden, nicht weit weg von Brandenburger Tor und der US-Botschaft. Da ist genug Platz und es gibt ein Schwimmbad an dem bis vor Kurzem noch ein bronzener Lenin-Kopf prangte und eine Schule für die Kinder. Oder haben Agentinnen keine Kinder?

Aber wenn Kunst und Kultur 40 Jahre lang nur eine Tarnung waren, dann erklärt das wenigstens, warum die hier gezeigte Kultur in den letzetn Jahren so jämmerlich war. Immer wenn ich vorbei kam, dachte ich mir: Das kann doch nicht die russische Kultur sein? Anfang der 1990er war ich in St. Petersburg und hatte drei Wochen die aufbrechende Klub- und Kulturszene kennen gelernt. Und in den 2000er gab es keine Galerie und kein Museum in Deutschland, das nicht Künstlerinnen und Künstler aus dem Osten ausstellte. Tolle Sachen. Und in den Schaufenstern des Russischen Hauses? Selbsgetöpfertes, Naturfotos oder einen Buchladen der Mnogoknig (viel Buch) heißt und auch so aussieht. Er ist voller Bücher, aber sie sehen alle gleich aus und stehen in den Regalen wie Zinnsoldaten. Eine staatliche Kultur, die mehr zeigt, was fehlt, was nicht mehr gezeigt werden darf als dass sie die Vielfalt des Landes ausstellt. Wenn es einen Beweis dafür gibt, was in Russland derzeit an Freiheit fehlt, dann ist es in diesen Schaufenstern zu lesen. Ein großes Land, das sich auf dem Niveau eines Kindergartens präsentiert hat viel zu verschweigen. Und deshalb meine ich auch, dass das Haus nicht geschlossen werden soll. Nicht nur weil es von Russinnen und Russen aus Berlin weiter genutzt wird, sondern weil es, ohne das Wort Krieg oder Diktatur auszusprechen genau das zeigt. Und auch, weil wir in Berlin nicht noch einen leerstehenden Laden auf der Friedrichsstaße gebrauchen können.

Diese Lücke, diese entsetzliche Lücke…

Es geschah mitten in Berlin. Mitten in Mitte. Mitten im linken Herzen von Berlin. Vor der Volksbühne, in Sichtweite der Parteizentrale der Linken, einen Steinwurf von den Redaktionsbüros der linken Zeitung „Junge Welt“. Da hat tagelange rechte Hetze verhindert, dass eine Gruppe schwarzer Jugendlicher in das neu errichtete „Volksbad“ gehen konnte. Wo, wenn nicht mitten im linken Berlin hätte man erwarten können, dass sich dagegen Widerstand regt? Dass die internationale Solidarität geübt wird, die auf Demos so inbrünstig beschworen wird.

Oder dass das Bürgertum die Freiheit der Kunst verteidigt? Denn das Volksbad ist eine Kunstaktion. Dass der Regierende Bürgermeister zusammen mit den Kids ins Wasser gestiegen wäre?Oder sein Herausforderer von der SPD, der sich auf Wahlplakaten gerne sportlich zeigt? Aber der Regierende schweigt und Genosse Krach ist wohl gerade joggen. „Es rettet uns kein höheres Wesen…“

Statt dessen sagt der Verein Eoto aus dem Wedding die Veranstaltung ab und dem Intendanten der Volksbühne fällt angeblich nichts anderes ein, als ein pubertäres „Fickt euch“ über das Bad hängen zu lassen. ( das schon wieder runter geholt war, als ich eben vor der Volksbühne stand.)

Und ich? Schau mal kurz vorbei nach der Arbeit. Sehe eine Handvoll Leute verloren auf dem Rasen, einige essen Pommes in der eigens eingerichteten Frittenbude. Weil das ja für westdeutsche weiße Boomer zum Schwimmbaderlebnis dazu gehört.

Und ich? Fahre weiter zum Freiluftkino. Und was schaue ich mir an?

Vor der Sonnenfinsternis

Kurz nach Sechs schlüpfe ich durch die Tür der Metzgerei. Eigentlich hat sie bis halb Sieben offen. Der stiernackige Metzgersgeselle räumt schon die Fleischstücke aus der Theke. „Eigentlich haben wir schon zu!“, kommt es von der Verkäuferin. „Aber ich lass ihnen das heute noch mal durchgehen.“ Kein Augenzwinkern, kein Lächeln. Sie meint das ernst. „Aber sie ham doch bis halb Sieben.“ „Nee, seit dieser Woche nicht mehr. Aber das wissen noch nicht alle. Deswegen: Lass ich ihnen noch mal durchgehn. Was solls denn sein?“ Ich schnarre meine Bestellung runter und warte darauf, dass ich beim Schwarzwälder Schinken noch mal angeblafft werde, weil der ja fein geschnitten werden muss. Kommt aber nix mehr. Deshalb traue ich mir noch ein Stück fetten Speck extra zu ordern. „Ist der auch geräuchert?“, frage ich dreist. „Ja, ein bisschen.“, kommt es fachmännisch. Sie legt das dünne Messer an die solide Fettecke. „So?“. Ich nicke. Dann wir alles fest in graues Papier eingewickelt. Wie früher im Metzgerladen bei uns zu Hause. Deswegen komm ich ja hierher. „Gleich wirds dunkel!“, warne ich im Hinausgehen. Geselle und Verkäuferin schauen sich verständnislos an. „19:15 ist Sonnenfinsternis.“. Beide zucken mit den Achseln, als hätten sie das heute zum ersten Mal gehört. Draußen setze ich mich im nächsten Hinterhof auf eine Treppe, falte das Paket auf uns säbele mir ein Stück Speck ab. Er schmeckt immer noch so wie früher.

Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Habemus cinemam


Wir haben ein neues Kino in unserem Kiez. Es ist gleich bei mir um die Ecke, in der Plantagenstraße. Wenn sie nach Berlin kommen, schauen sie mal vorbei. Denn es ist schön geworden, das neue Kino Arsenal in der renovierten Westhalle des ehemaligen Krematoriums (das jetzt zum „Silent Green“-Kulturquartier geworden ist). Geradezu umwerfend schön. Ein echtes Juwel in Berlin. Da will ich mal nicht meckern. Noch vor einem Jahr war die Halle eine Baustelle, der man die ursprüngliche Nutzung als Aufbahrungshalle für Verstorbene noch anmerkte. Jetzt ist hier ein Kinosaal entstanden, der in Berlin seinesgleichen sucht.

Foto: Vali Djordjević

Spektakulär ist auf den ersten Blick die Akustikverkleidung unter der spitz zulaufenden Decke. Es ist als hätte man eine Kulisse aus einem expressionistischen Stummfilm mit einem  Raumschiff gekreuzt. Dr. Caligari meets Raumpatroullie, um es mal für Filmfreunde zu beschreiben.

Die stramm gepolsterten Sitzreihen mit viel Beinfreiheit sollen „Zurücklehnen und aktive Teilnahme ermöglichen“, wie die künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, Stefanie Schulte Strathaus es bei der Test-Vorstellung verkündete. Also kritische Filmkunst – kein Popcorn-Kino. Deshalb ist viel schwarz-weiß auf der Leinwand zu sehen. Den Anfang machte ein iranischer Film über einen Postboten aus den 50ern. Eine Woyzeck- Adaption in der der traurige Held ständig Hanfsamen essen muss. Ich mag solche Filme. Und mit mir vielleicht hundert andere Leute, die dafür aus ganz Berlin gekommen sind. Bevor das Arsenal-Kino aufmachte war ich im Centre Français (auch bei mir um die Ecke, mit einem Kinosaal aus den 1960ern) zwei Mal in der schwarz-weißen Neuverfilmung von „Der Fremde“ und natürlich auch in „Nouvelle Vague“. Auch in schwarz-weiß. Und inzwischen auch schon wieder in „Das Mädchen mit dem Koffer“, mit Claudia Cardinale, aus den 1960ern im Arsenal. Und das geht jetzt immer so weiter. Ich hätte ständig einen Grund, mir einen schönen Abend zu machen.
Auch vor dem Kino gibt es genug Raum für schöne Abende. Durch eine Tür im Foyer kann man auf das Gelände des Silent Green und des Restaurants MARS gelangen. Eine milde Frühsommernacht empfängt mich. Und wenn man vergisst, dass man zwischen einem Krematorium und einem verlassenen Urnenfriedhof sitzt, kann man hier wunderbar unter Lampions mit Freunden den letzten Film durchquatschen.

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Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch die großzügige Unterstützung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Wolfgang Weimer. Der BKM hat sich in Berlin unbeliebt gemacht, denn er hat etwas gegen Buchläden, die er politisch für zu links hält. Aber er (oder vielleicht eher seine Vorgängerin Claudia Roth) scheint ein großes Herz für den Wedding zu haben. Unterstützung gibt es nicht nur für das neue Arsenal-Kino. Nachrichten melden auch eine Beteiligung des BKM bei dem geplanten Umbau des ehemaligen französischen Soldatenkinos L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm in ein Berliner „House of Jazz“. Mir soll’s recht sein. Dann muss ich auch meinem Kiez gar nicht mehr raus. Berlin kann so schön sein. Kommse doch mal rüber, kieken.

Warum?

Von weit her schreit mich die Frau von ihrem Balkon an: „Warum?“, ruft sie und es klingt wütend. Gerade habe ich ein Foto von dem heruntergekommen Wohnblock gemacht, in deren Erdgeschoss sie mit ihrer Familie in der Sonne sitzt. Mehr Worte werden nicht gewechselt, wohl auch, weil sie wenige Worte in Deutsch kennt. Aber sie schafft es das eine Wort so auszusprechen, dass ich genau verstehe, was sie meint: Wieso nimmst du dir das Recht heraus, uns hier zu fotografieren? Warum fotografierst du dieses schäbige Haus? Und warum können wir uns nicht dagegen wehren? Ja warum? Warum fotografiere ich nicht die Schillerparksiedlung, durch die ich gerade gelaufen bin? Die ist schön, Bauhausarchitektur, UNESCO-Weltkulturerbe, warum nicht die 50er-Jahre-Siedlung nebendran? Die ist immerhin geschütztes Denkmal, leicht, luftig, mit großen Balkons. Warum habe ich erst den Fotoapparat herausgeholt, als ich in die Siedlung kam, in der die Farben verblichen waren, wo an einigen Fenstern noch die Rauchspuren von vergangenen Zimmerbränden an der Fassade sichtbar waren und die wie bunte Kinderkleckse auf der Wand verteilten, grob zugeschmierten Löcher in der schon wieder renovierungsbedürftigen Wandisolierung? Elendstourismus in die Nachbarschaft? „Es ist wegen der Farbe. Wegen pastellfarbenen Balkone unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel.“, würde ich gerne rufen. Aber das würde die Frau wohl nicht verstehen. Ich verstehs ja selber nicht. Statt dessen rufe ich „Nicht Sie, ihr Haus!“. Lösche das Bild und laufe weiter. Vielleicht sollte ich anfangen, die Menschen zu fragen und dann die Menschen zu fotografieren und nicht die Häuser. Das habe ich versucht. Aber nur so zum Spaß will das in Zeiten der deep fakes keiner mehr.

Als ich mir später in der Pizzeria die Fotos anschaue, gefallen sie mir trotzdem.