Generationswechsel

Die CDU hatte immer recht: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau; Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee 1. Mai 2026

Ich bin mal wieder im falschen Film. Unter roten Fahnen aufgestellt laufe ich über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Zwischen prächtig herausgeputzten Plattenbauten, das frisch renovierte Kino „International“ und die viel besungene Mokka-Milch-Eis-Bar zur rechten und das ebenfalls grundsanierte Café Moskau zur linken, strebt die Demonstration auf das Rote Rathaus zu. Auch das „Haus der Statistik“ hat seine Zeiten als bröckelnde Ruine und Trümmer-Theater hinter sich und strahlt in frischem Weiß. Auf den Transparenten um mich herum wird der Sieg des Sozialismus und die internationale Solidarität beschworen. Junge Männer verteilen kostenlos das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“. Auf dem Alexanderplatz hieven mächtige Kräne einen neuen Wolkenkratzer aus dem Beton, höher noch und prächtiger als der Turm des Interhotel „Hotel Stadt Berlin“, das das in den 1970ern das höchste Hotel in Berlin – Hauptstadt der DDR war. Das neue Haus wird so hoch, dass es fast dem Fernsehturm Konkurrenz macht, an manchen Stellen verdeckt es ihn sogar. Hat der Sozialismus doch gesiegt? Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonn scheint ohn Unterlass. Es geht vorwärts. Ich gehe mit.

Wo bin ich? In einem besseren Land, in dem es keinen Wohnungsmangel, keine Inflation und keine Kriegsgefahr gibt? Oder bin ich hier in die Dreharbeiten für „Good bye Lenin II“ geraten? Vielleicht ist das ein Reinactment der 1. Mai-Paraden? Aber wo sind dann die Betriebskampfgruppen und die Ehrentribühne des Politbüros? Und wieso ist das Ambulatorium – eine der wichtigsten Errungenschaften jeder sozialistischen Siedlung- so heruntergekommen? Hat man vergessen die Fassade rechtzeitig für die 1. Mai-Parade zu tünchen, oder bin ich in Wirklichkeit einem Land, das kein Geld mehr hat für die Kranken?

„Zeigt eure Fahnen!“ brüllt eine junge Frau von einem Lastwagen herunter eine bunt zusammengewürfelte Truppe an, die mit den Fahnen der DGB-Gewerkschaften hinter dem Musik-Truck hertrotten. Das hat was von Love-Parade und reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich taumele an einem Stand der SPD vorbei, die wie immer die wirklichen Bedürfnisse der revolutionären Massen gut erkannt hat. Die Genossen schenken Kaffee in roten Pappbechern aus. Der bringt mich in die Gegenwart zurück. Danke, Genossen!
„Wir wollen ein schönes Leben für alle“ blökt es durch ein anderes Megafon, durch das vorher die krassesten Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt wurden. Das klingt nicht nach Klassenkampf sondern nach Bullerbü. „Wir wollen ein bezahlbares und solidarisches Neukölln“ steht bescheiden auf einem Banner. Das erinnert mich an meine Tochter, die dort wohnt und sich in ihrem Kiez nützlich macht. Ich schicke ihr ein Foto und fordere sie ironisch auf „Heraus zum 1. Mai“, wohl wissend, dass sie an ihren freien Tagen kaum um 11 Uhr aus dem Bett kommt. „Bin schon da!“ kommt es zurück „vorne links“. Und wieder glaube ich zu träumen, als ich das große Kind in roter Gewerkschaftsweste finde. Davon wusste ich gar nichts. Des Vaters Fußstapfen sind nicht so groß, dass sie hineintreten müsste, aber ich freue mich trotzdem. Brav rufe ich mit ihr und ihren Freunden „Hoch die internationale Solidarität“ und „Wir sind die Generation, die den Faschismus stoppt“. Zwischendrin fragt sie mich, warum ich mich so dick angezogen hätte und ob ich mein Gesicht gegen die Sonne geschützt hätte? Sie reicht mir die Sonnencreme Schutzfaktor 50 rüber. Es riecht nach Urlaub. Zusammen gehen wir noch über das Maifest am Marx-Engels-Forum. Aber da geht es nur noch um die Wurst. Es gibt Bratwurst von ver.di oder von der BSR oder von der IG-Metall. Aber ich fülle die Gewerkschaftskassen schon genug mit meinen Beiträgen, da muss ich mich nicht noch in die Arbeitereinheitsfront vor der Wurstbude einreihen, zumal im Hintergrund eine echtes proletarisches Schalmeienorchester quääckt. Und ich denke erleichtert, dass ich langsam aufhören kann auf Demos zu gehen und das der nächsten Generation überlassen kann.

Freigang

Von einem Freund habe ich mir gestern ein Buch über den Berliner Knast in Tegel ausgeliehen; genauer: über einen Schauspieler, der als Vollzugshelfer einen lebenslang einsitzenden Mörder regelmäßig besucht. Harter Stoff. Aber dadurch weiß ich, dass auch Gefangene eine Stunde am Tag aus ihrer Zelle raus müssen. Also rappele ich mich auf, ziehe den dicken Parka an, den ich eigentlich schon in den Schrank gehängt hatte und schleppe mich ins Café am U-Bahnhof. „Wir machen aber gleich zu.“, bekomme ich zu Begrüßung mit der Tasse Kaffee überreicht. Wieder zu spät für die schönen Dinge im Leben.

Vor dem Eingang stapeln sich die achtlos stehengelassenen E-Roller. Die Straße runter wird es auch nicht freundlicher. Der vietnamesische Blumenladen hat auch am Sonntag auf, aber die Blüten sind schon halb verwelkt und finden keinen Käufer mehr. Im Fahrradladen daneben daneben verstauben die Kinderroller und die Rennräder in der Auslage. Die braune Rampe, die es den Kunden leichter machen sollte, in den Laden zu kommen, ist wie eine Zugbrücke hochgeklappt. Lebt hier noch jemand? Den rostigen Fahrradleichen, die vor dem Laden dahingammeln, drohen ausgeblichene Zettel des Ordnungsamtes schon seit Wochen den Abtransport an. Irgendwann wir der Wind sie abreißen und niemand wird kommen.

Über der Stadt haben sich die lange angekündigten Regenwolken zusammengezogen. Es fängt an zu tröpfeln. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und sehe, wie sich auf der anderen Straßenseite die Junkies vor dem Drogenkonsumraum „Müllerstube“ dicht an die Wand. drücken, um nicht nass zu werden. Nützt aber nichts, denn jetzt fängt es richtig an, dunkel zu werden.

Und in dem Dunkel ist ein Leuchten. Als ich meinen Rundgang abbreche und durch den trommelnden Regen nach Hause einschwenke, liegt rund um einen polnischen Transporter ein neongrüner Teppich aus Ahornblüten. Wie Fronleichnam in meiner katholischen Heimat, als wir Grundschüler vor den Heiligenbildern Bilder aus Wiesenblumen legten. Auch mein Moped badet im Blütenmeer. Die Natur räumt auf und erholt sich. Mich braucht sie dafür nicht. Ich kann wieder in meine Zelle.

Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.

Neulich in Mittelerde

Morgens, halb 9, in der rappelvollen U6. Auf dem Stationsschild steht „Leopoldplatz“, aber es könnte auch „Mittelerde“ drauf stehen. Denn es steigt ein kleines Wesen ein, das mir kaum bis zur Schulter geht. Ein Umhang aus struppigem, lila-grauem Filz, eine spitze Kapuze verdeckt den Kopf. Die Hände sind braun, die Fingernägel schwarz und abgeschabt – keine Frage: Eine Hobbit-Frau. Mit leiernder Stimme sag sie ihr Sätzlein auf, das mit „Guten Morgen“ beginnt und etwas aus ihrem Leben heute erzählt. Auch, dass sie noch kein Frühstück hatte und um etwas Kleingeld bittet. „Ich habe heute noch nicht für mich sorgen können“, sagt sie, als käme sie von einem Achtsamkeitskurs. Hatten Hobbits nicht Elbenkekse, die als Proviant bis nach Mordor reichten? Sie streckt auch mir ihre rissige Hand entgegen, auf der ein paar Euro-Münzen liegen. Ich greife zum Portmonee und will ein paar Münzen dazulegen, aber ich habe kein Kleingeld dabei. Erwartungsvolle Augen schauen mich aus dem Dunkel der Kapuze an, als ich die Börse wieder wegstecken will: „Oh, ich kann wechseln!“, sagt sie rasch und lächelt mit schlechten Zähnen. Die Münzen von ihrer Hand kullern in mein Geldfach, dafür kriegt sie meinen Fünf-Euro-Schein. Ein Deal. Die Tür geht auf und sie springt hektisch auf den Bahnsteig und verschwindet den aufgehenden Türen der Bahn, die auf der Gegenseite eingefahren ist. Ich hoffe, sie hat noch mehr Wechselgeld dabei.

Die Welt wird kälter

Kälte I

Gerne lese ich ja die Beiträge von Robert Schlichting, der einem die Welt physikalisch erklärt. Und heute schaue ich vom Balkon auf den Hinterhof auf unsere frisch aufgestellte Wärmepumpe und es macht „Klick“. Wie eine Wärmepumpe funktioniert, hatte ich mir von einem Freund erklären lassen „Wie ein Kühlschrank, nur umgekehrt.“ Beim Kühlschrank wird es innen kalt und die Wärme, die aus dem Innenraum entzogen wird, wird in den Raum abgegeben. Also, dachte ich mir, ohne dass ich gewagt hätte meine Schlussfolgerung laut zu äußern, denn schließlich war ich in Physik nie eine Leuchte, müsste es ja bei der Wärmepumpe außenrum kalt werden, wenn die Wärme der Luft entzogen und in meine Heizung abgeleitet wird. Und heute sehe ich es: Der Schnee ist geschmolzen, nur da, wo die Ventilatoren der Wärmepumpe ihre abgekühlte Luft hinblasen, ist er liegen geblieben. Quod erat demonstrandum. Bedeutet das aber, dass, je mehr Wärmepumpen aufgestellt werden, je kälter die Welt wird? Am Ende frieren wir im Sommer, weil wir es im Winter schön warm haben wollten? Irgend etwas stimmt da nicht.

Kälte II

Beim Frühstück sitze ich mit meinem Jüngsten. Über dem Tisch hängt seit vielen Jahren ein Bild, das ich mal während meiner Therapie gemalt habe. Weil die Therapie gut war, fühlte ich im Kunstatelier Großes in mir aufkommen, wie Lyonel Feininger wollte ich malen – durchscheinend und kalt. „Nee“, sagte die Frau neben mir am Maltisch, „Da fehlt was.“ Gibt mir einen Klecks rote Farbe auf mein Meisterwerk und zieht es mit dem Spachtel gerade. „Das Herz“.
Mein Sohn, der das Bild die ganzen Jahre nie bemerkt hat, fragt mich plötzlich: „Papa, was soll das Bild denn bedeuten?“ „Nichts“, nuschle ich vor mich hin. „Nur Striche mit kalten Farben.“ „Und das Rote?“ „Das ist das Herz“, fällt es mir wieder ein.“ „Und warum ist das eckig? „Weiß nicht, muss so sein.“ „Ich weiß es“, erklärt er mir. „Die rechteckigen Gestalten müssen auch ein rechteckiges Herz haben.“

Berliner Charme

Wer sagt denn, dass die Berliner ruppig sind, und dass hier Nix klappt?

Kaum ist das Schlachtfeld in meiner Wohnung nach dem Heizungstausch beseitigt, schon gibt’s Schokolade von der Hausverwaltung und eine Mieterhöhung ab Mai. Sogar den tropfenden Wasserhahn wollen sie auswechseln lassen – irgendwann.

Auch sonst lässt‘s sich hier leben. Jeder Tag ein Abenteuer.

Schlechte Futterverwerter

Es war Anfang letzter Woche. Berlin versank im Schnee, ich hatte mich unter ein verschneites Brandenburger Dach geflüchtet. In meiner Wohnung wurde die Gastherme rausgerissen und Brandenburg hatte die Anwesenheitspflicht in den Schulen aufgehoben. Da saßen wir nun. Die Eltern im Homeoffice, die Jungs beim Homeschooling, alle über ihre Laptops gebeugt. Nur der Jüngste musste durch den Schnee stapfen, denn die Grundschule macht kein Homeschooling. Als es Mittag wurde, kam die Mutter auf die verrückte Idee, das Schulessen in der Schule abzuholen. „Das haben wir ja schließlich bezahlt.“ Sie hätte auch sagen können „Ich habe keine Lust, zu kochen.“ Dann hätte ich wie jedes Mal Kartoffeln aus dem Keller geholt und irgendwas dazu gemacht. Aber so wurde der Caterer angerufen, der versicherte, dass das Essen an die Schule geliefert worden sei und man es sich abholen könne. Jetzt war ja eigentlich der Grund für das Zuhausebleiben der Kinder, dass sie sich nicht bei Blitzeis auf den Schulweg machen müssen. Aber für Eltern gilt das nicht, vor allem wenn es gilt, Essen vor dem Verderb zu retten. Also fahren wir, natürlich mit dem Auto, drei Kilometer um zwei Portionen Schulessen abzuholen. Es ist halb eins. Vor der Schule schippt der Hausmeister Schnee. Die Mensa ist geschlossen. „Ja“, sagt der Hausmeister, „Das Essen ist geliefert worden. Aber es sind ja keine Schüler da. Da haben wir das Essen in die Tonne geworfen.“ In die Schule gehen 900 Kinder. Auf dem Rückweg springe ich schnell in den großen Rewe-Markt, kaufe Bratwürste Orangen und Erbsen. Die Großen sagen, sie haben keinen Hunger. Nur als ich den Kleinen abhole, hat er Appetit. „Mama hat vergessen, für heute Essen zu bestellen.“

Zwei Tage später zurück in Berlin. Meine Wohnung ist eine Baustelle, aber so warm wie noch nie. Die neue Wärmepumpe funktioniert. Aber was nicht funktioniert ist die Verteilung von Lebensmitteln. Zumindest, soweit es der Markt regeln soll. Nicht nur das Essen für eine ganze Schule, sondern gleich 4000 Tonnen Kartoffeln sollen in Sachsen weggeworfen werden – weil es zu viele davon gibt und weil es billiger ist die Kartoffeln in die Biogas-Anlage zu werfen, als den Transport zu den Händlern zu zahlen. Und das zu Beginn der „Grünen Woche“, der jährlichen Marketing-Show für die Landwirtschaft in Berlin. Flugs passiert das, was in Berlin wirklich gut funktioniert: Leute für eine spontane Aktion für eine gute Sache mobilisieren. Die Aktion heißt 4000 Tonnen wird von der Berliner Morgenpost und einer Internet-Suchmaschine aus dem Wedding organisiert, die die Transportkosten übernimmt. Die Kartoffeln werden an Kitas, Tafeln, Obdachlosenheime und Nachbarschaftsläden geliefert. Jeder kriegt einen Sack. Da sind eine Tonne Kartoffeln drin. Alle können kommen und sich so viel holen, wie sie wollen. Berlin ist im Kartoffel-Fieber. Die Ankunft der Lastwagen aus Sachsen wird herbeigesehnt wie einst die Landung der Rosinen-Bomber bei der Luftbrücke nach dem Krieg. In zwei Stunden ist die erste Lieferung vergriffen. Die andern meckern, weil sie erst am Montag beliefert werden. Man könnte meinen, die Stadt hungert. Dabei gibt es überall Kartoffeln im Sonderangebot. Bei Penny werden sie für 46 Cent das Kilo verscherbelt. Und die türkischen Gemüsehändler bleiben auf ihrer Ware sitzen. Ganz zu schweigen von den Bio-Bauern in Brandenburg. 4000 Tonnen Kartoffeln ist ihre Jahresproduktion, die sie bisher zu einigermaßen vernünftigen Preisen nach Berlin verkaufen konnten, klagen sie auf der Demo „Wir haben es satt“, die sich immer parallel zur Fressorgie der „Grünen Woche“ für vernünftige, nachhaltige Landwirtschaft einsetzt. Gibt kein richtiges Leben im falschen? Eine Bloggerin in unserem Lokal-Blog schlägt eine Lösung vor, die alle glücklich machen könnte: „Wollen wir nicht einfach Wedding-Wodka aus den Kartoffeln brennen?

Energiewende

Eigentlich sollte es heute losgehen. Nach einem langen Hin- und Her mit dem Vermieter, sollte heute die Wärmepumpe kommen. Die Leitungen waren schon im Herbst im Hinterhof vergraben worden. Aber obwohl es in unserem Haus nur acht Mietparteien gibt, hatte jeder im Laufe der Jahre seinen Kohleofen rausgeschmissen und seine eigene Heizung eingebaut und deshalb hatte jeder mehr oder weniger Interesse an einer neuen Energieversorgung – Klimawandel hin oder her. Deswegen hat es sich gezogen und deswegen wird bei uns jetzt mitten im Winter die Heizung ausgetauscht. Eigentlich.

Als ich heute Morgen aus dem Fenster in den verschneiten Hof schaue, liegen da immer noch die offenen Rohre. Und als ich um halb elf mir eine Kaffee in der Bäckerei um die Ecke hole, sitzen da acht Klempner in Blaumännern. Ich spreche sie an, wann es denn losginge. „Wenn die Pumpe endlich geliefert wird.“ kommt es gut gelaunt zurück. Eine Stunde später stehen zwei von ihnen im Garten, ein Älterer und ein Jüngerer und bauen aus Langeweile einen Schneemann. Dann klingelt es und ein Elektriker mit Bommelmütze und einem lustigen Akzent teilt mir mit, das morgen den ganzen Tag der Strom abgeklemmt wird. Wollte uns der Vermieter nicht einen detaillierten Ablaufplan schicken? Und als ich abends in den Hof gehe, steht da ein grauer Klotz, so groß wie ein Kleiderschrank. Hab gar nicht gehört, wie sie den über die Kellertreppe gewuchtet haben. Ich kriege da nur mit Mühe mein Fahrrad hoch. Aber acht starke Männer….

So sieht also unsere Zukunft aus. Immerhin – sie haben es hingekriegt. Das macht mir Hoffnung. Denn nächste Woche ist meine Wohnung dran. Dann fliegt die alte Gasheizung raus. Dann muss ich raus aus meiner Höhle, mitten im Winter. Davor graut es mir, auch wenn ich Unterschlupf bei der Mutter meiner Söhne bekomme. Die freuen sich schon, dass der Vater mal wieder da ist. Haben sie auf jeden Fall gesagt. Und wer weiß, vielleicht werden die Klempner ja sogar nach Plan fertig, vielleicht kommen sogar die Bauteile rechtzeitig und vielleicht funktioniert das Ding am Ende sogar.

Nachtschatten

Wie ein Pinselstrich im Gemälde der nächtlichen Stadt.

Vertuscht verschwommen.

Nur einen Augenblick sichtbar

Und doch Teil des Bildes.

Wie ein blitzender Faden auf dem Lichtteppich der Straßen

Unbemerkt und doch da.

Auf einer geraden Bahn auf den nassglänzenden Straßen

die dafür gemacht sind ihn zu tragen

Und doch verloren im Gewirr

Zielstrebig, aber doch an jeder Ecke neu entscheidend.

Zwangsläufig aber doch frei

Not to touch the sky, not to touch the sun. Nothing left to do but run run run…

In der riesigen Kulisse spielt er keine Rolle, aber ohne ihn wäre es ein anderes Stück. Das Theater ist da für ihn und alle andern. Es gibt keinen Dirigenten, aber jeder ist ein Ton in der Großstadtsymphonie. Jede Sekunde eine Uraufführung.

Jeder ist ein Solist und der Star des Abends, solange er dabei ist.

Gute-Laune-Nudeln

Ich komme von der Arbeit und habe Glück: Vor dem angesagten „Mr. Noodle Chen“-Restaurant steht ausnahmsweise mal keine Schlange. Schon ein Mal hatte ich mit meiner Tochter versucht, hier rein zu kommen, denn der Laden erinnert sie an die Nudel-Bars in Hongkong, wo sie zum Studium war. Aber wir haben nach einer Viertelstunde in der Schlange enttäuscht aufgegeben. Es ging einfach nicht vorwärts und wir gingen ins DUKKI um die Ecke. Koreanisch und auch sehr lecker. 
Heute steht nur ein junger Mann vor der Tür und ich frage ihn, ob er die Schlange ist. Er findet das nicht witzig, denn anscheinend wartetet schon eine Weile darauf, hinein gelassen zu werden, während an uns vorbei Essenslieferanten mit ihren riesigen Thermo-Taschen ein und aus gehen. Durch die Glastür sehen wir wie der Mann an der Kasse, der hier alles kontrolliert dann endlich auch dem arabische Grüppchen vor uns seine riesige Take-Away-Bestellung in die Hand gedrückt hat – dann dürfen wir beide rein. Alles ist hell und übersichtlich. Keine goldenen Drachen oder anderer China-Kitsch. Auch die Speisekarte ist sehr klar: Nudelsuppe mit oder ohne Fleisch. Nur bei den vielen Nudelsorten brauche ich Entscheidungshilfe. Der Mann an der Kasse ist auch dafür da. Ich entscheide mich für die dreieckigen Nudeln, die vor meinen Augen frisch gemacht werden. Hab ich noch nie gegessen. Als ich mich setze, sehe ich um mich rum fast nur junge Chinesen. Das Studentenwohnheim ist um die Ecke und das Restaurant ist wohl der Platz, an dem man sich abends trifft. Zu mir setzen sich, ohne groß zu fragen drei junge Kerle, die sich  fröhlich auf Chinesisch Zoten erzählen und ständig lachen. Sie stellen ihre riesigen Trinkflaschen auf den Tisch. Sein Getränk darf man hier wohl mitbringen. Durch sie lerne ich auch, wo man das Besteck findet: In einer Schublade unter dem Tisch. Wie früher bei uns zu Hause. Der größte und munterste von ihnen hat das kleinste und billigste Gericht bestellt. Aber ständig ruft er die Bedienung und sie bringt ihm mit ausdruckslosem Gesicht  immer neue Schalen mit frisch gemachten Bandnudeln. „Are they for free?“, frage ich. „Yes, for free. Order some.“, läd er mich auf beiden Backen kauend ein. Ich lehne dankend ab. Meine Schale mit der dicken Brühe war mehr als genug. Und ich habe aufgetankt zwischen all den jungen Kerlen (sind nur wenige Frauen da, die heimlich angeschmachtet werden.) Die gute Laune der Burschen, die sich hier für kleines Geld satt essen können, war ansteckend.