Alles neu

Es sieht so aus, als würde dieser Winter so schlimm wie der letzte. Als würde sich alles wiederholen. Ja, schön wär‘s. Dann hätte ja wenigsten einmal Etwas Bestand. Denn Corona und Chaos ist so ziemlich das Einzige, was uns über Jahre erhalten bleibt. Und unter dieser bleiernen Glocke verändert sich alles rasanter als vorher. Ich meine nicht die neue Regierung, die wohl weiter auf Wachstum setzen wird und von der ich mir, außer ein paar legalen Joints nicht viel verspreche. Ich meine die Sache mit Thomas. Thomas ist nämlich nicht mehr da.

Thomas war schon mal weg, für ein paar Monate, einfach verschwunden. Krank, sagte sein alter WG-Kumpel Micha, der mich zu Thomas gebracht hatte. Nur der Telefonbeantworter ging ran, aber das half mir nicht viel. Ich hätte ihn selbst gebraucht, seine Ruhe, seine Genauigkeit, seine aufmunternden Worte und seinen „Killer-Instinkt“, wie er es selber einmal nannte, wenn er sich gegen alle meine Bedenken zum Handeln entschloss. Und er lag immer richtig. Wenn ich von Thomas kam, war die Welt für eine Weile wieder in Ordnung. Ich lief die paar Meter zur Marheinike-Markthalle, in der es alle Delikatessen gab, die ich im Wedding nie zu sehen bekam, gönnte mir einen echten französischen Noir und war froh, dass ich erst in einem halben Jahr wieder hier hin musste. Wie hab ich mich gefreut, als Thomas wieder gesund war, wie er das, was sein Kumpel Rudolf verpfuscht hatte wieder richtete und mir wieder das Gefühl gab, dass es in dieser unsteten Welt wenigstens einen Menschen gab, auf den man sich verlassen konnte. Einen Ort, an dem meine Leiden verlässlich gelindert würden, und sei es nur durch das freundliche Lächeln von Marylin Monroe, die am frühen Morgen aufmunternd aus dem Fenster schaute und deren Bild in Thomas Lieblingszimmer hing.
Aber dann kam der Brief. Thomas bedankte sich für die jahrelange Treue und kündigte an, dass er leider in Zukunft nicht mehr für mich da sein werde. Das konnte er mir nicht antun! Zähneknirschend habe ich mich daran gewöhnt, dass meine Söhne jedes Jahr eine neue Lehrerin haben, dass meine Bank mir schon wieder abverlangt, mir ein neues Verschlüsselungsgerät für das Onlinebanking zuzulegen, dass Word-Press mich dazu nötigt mir ständig neue Betriebsysteme oder gleich einen neuen Laptop zu kaufen, damit ich hier weiter bloggen kann, dass mein Lieblingsdöner zusammen mit der alten Müllerhalle abgerissen wurde und das Kaufhof (jetzt „Galeria“) meine Lieblingssockenmarke nicht mehr führt. Aber genau dieses Zähne zusammenbeißen hat mich ja so oft zu Thomas geführt.
Thomas war mein Zahnarzt. Der erste Zahnarzt in meinem Leben, dem ich vertraut habe. Er ließ mich die grausame Frau vergessen, zu der mich meine Mutter brachte, und die sich in meinen Schulzeiten mit ihrem jaulenden Bohrer und ohne Betäubung über meine frischen, aber schon vom Zucker angegriffenen Backenzähne her machte. Vergessen auch der willfährige Knecht, den ich als Student aufsuchte, als mein Herz von der vergeblichen Anbetung der ewig Unerreichbaren blutete und bei dem ich mit Freuden einige meiner Weisheitszähne verlor, weil der grausame Schmerz in meinem Kiefer für eine kurze Zeit den noch viel schrecklicheren in meiner Brust überdeckte. Vergessen auch die vielen Dilletanten, die sich bei mir an einer Zahnwurzelbehandlung versuchten, die erst Thomas gelang. Thomas! Mein Leben ohne dich wird Wirrnis und Schmerz für mich sein. Wie soll es ohne dich weiter gehen?

Es geht immer irgendwie weiter. Letze Woche stand ich wieder vor der Tür, auf der zu Thomas Zeiten einfach nur sein Name und das Wort “Zahnarzt“ stand. Noch nicht mal ein Doktortitel. Jetzt steht da ein türkischer Name und ein modernes Logo in hellgrün. Die Praxis hat jetzt einen Markennamen, der so ähnlich affig klingt wie der “be Berlin“ -Slogan unseres ehemaligen Bürgermeisters. Statt “sei Berlin“ heißt es jetzt übersetzt “sei Zahn“. Na, das kann ja was werden.

Ich komme rein, und nichts ist mehr wie es war. Riesige Neonleuchten in Form von UFOs hängen von der Decke. Hinter dem Empfang erwartet mich nicht eine der mürrischen Alt-68erinnen, die einem stets zu versehen gaben, dass sie eigentlich mehr könnten, als hier Thomas die Patientenkartei zu führen. Nein, jetzt stehen dort gleich vier junge Frauen, die sich kichernd auf Türkisch unterhalten und sonst nicht viel mit mir anzufangen wissen. Der sonst offene Warteraum ist durch eine Plexiglasscheibe geteilt und in diesen Käfig bringt mir eine der Wartehilfen ein Stapel Formulare. Ich bin doch Stammkunde hier, wundere ich mich. Nein, alles muss neu. Neu ist auch der Vertrag mit einem medizinischen Inkassounternehmen. Thomas Frauen hatten die Rechnungen noch selbst getippt. Ich erwarte eine profitorienterte Beutelschneiderei. Und als ich endlich in einem Behandlungszimmer stehe, merke ich, dass auch Marylin weg ist. Statt dessen kommt Frau Sefi, die Zahnärztin, umringt von gleich drei Assistentinnen. Sie beachtet mich nicht, deshalb gehe ich in Vorleistung und stelle mich vor. Sie entschuldigt sich und sie nimmt ihren Mundschutz ab, damit ich wenigstens einmal ihr Gesicht sehen kann, sagt sie. Vertrauensbildende Maßnahme. Schon mal kein schlechter Anfang. Und dann auf dem Stuhl wird es mir doch blümerant. Über ein Jahr hatte ich den Besuch nach Thomas Brief hinausgezögert. Viel zu lange. Wahrscheinlich ist das nächste was ich höre das durchdringende Sirren des Bohrers… Aber nein. Frau Sefi lacht mit den Augen, dass kann sie, besser als Marylin. Es ist alles in Ordnung, nuschelt sie unter ihrer Maske. Sie haben sich gut gekümmert, da müssen wir nichts machen. Ich höre Thomas durch sie sprechen, der einen auch immer nur das wirklich Notwendige machte, und einen mit einem ein gutes Gefühl mit auf den Weg gab. Auf dem Weg zum Ausgang sehe ich, dass das nicht das einzige ist, dass die Neue von Thomas übernommen hat. Im Flur hängt noch das Bild von Marylin und lacht mich an.

Licence to chill

„Ist das nicht ein bisschen kalt?“, fragt mich eine Passantin im gelben Regenmantel neugierig, als ich mein Motorrad vor der grauen Kirche abstelle. “Nö“, gutelaune ich betont fröhlich zurück, „Die Sonne scheint doch“. Ja, so ein Sonnyboy und gleichzeitig so ein taffer Kerl möcht ich sein. Einer, der auch bei 10 Grad im November keine Mine verzieht, wenn er auf sein weißes Stahlross steigt. Ich verschweige ihr natürlich, dass ich noch vor einer guten Stunde griesgrämig in Berlin aus dem Fenster geschaut habe, das glitschige Laub und den Nieselregen mit nüchternem Blick eingeschätzt und überlegt hatte, ob ich nicht doch die S-Bahn nehme. Schließlich muss ich niemandem mehr was beweisen. Niemandem? Meine Jungs lieben es, wenn ich vorbeigeknattert komme. Und ihre Mutter glaubt ja immer noch, dass wir die alte Kiste noch mal auf den Autozug laden und noch mal damit durch Frankreich gondeln. So wie in der Zeit vor den Kindern. Aber der Autozug ist schon längst aufs Abstellgleis gefahren und die letzten zehn Jahre lassen sich auch nicht so einfach wegwischen. „Außerdem“, sage ich bei solchen Anwandlungen immer ganz vernunftbetont, „möchte ich nicht derjenige sein, der unsere Kinder zu Vollwaisen macht.“ Was natürlich Quatsch ist. Seit ich eine St.Christopherus-Plakette am Lenker habe, ist mir nie wieder was passiert, zumindest nichts Schlimmes. Und meine Jungs singen heute zum ersten Mal im Kirchenchor. Deswegen habe ich mich ja auf den Weg nach Brandenburg gemacht. Bei so viel Schutz und Segen kann ja einfach nichts schiefgehen. Und auch der Regen hatte sich verflüchtigt, als ich in Berlin losgefahren bin. Freie Fahrt und blauer Himmel über der A111. Wenn das kein Zeichen ist.

„Find ich cool“, sagt der Mittlere meiner Söhne, „dass du mit dem Motorrad gekommen bist.“ Na dann hat die Reise ja ihren Zweck erreicht. Der Vater hat gute Laune, und die Jungs haben einen coolen Vater, auf den sie stolz sein können, wenn er schon so selten vorbei kommt. Sein Bruder hat mich schon mal gefragt, ob er das Motorrad kriegt, wenn ich mal tot bin. Pietät kennt man in dem Alter noch nicht. Ich hab versucht, ihm zu erklären, dass es wahrscheinlich kein Benzin mehr geben wird, wenn er so alt sein wird, dass er die alte Vergasermaschine übernehmen könnte. Aber etwas will ich von meiner Leidenschaft natürlich weiter geben, solange ich noch kann. Ich hab sie ja auch von meinem Vater. Vor ein paar Wochen haben wir gemessen, ob die Beine schon lang genug sind, um an die Fußrasten zu kommen. Sind sie. 10 Jahre werden sie im Dezember. Es gibt praktisch kein Hindernis mehr, das uns im Frühjahr davon abhalten könnte, mal eine kleine Tour zu machen. Kein Hindernis? “Nie im Leben“, sagt die Mutter, als wir die Sängerknaben in ihre Zimmer verfrachtet haben. “Am Ende kommen sie auf den Geschmack und wollen mit 16 ein Moped.“ „Jau,“, sag ich, „ich hab mit 14 angefangen.“ „Wenn du sie hier schon aufs Land verschleppt hast, musst du ihnen auch die Möglichkeit geben, von hier abzuhauen.“ Es folgt ein kleiner Schlagabtausch, bei dem ich sämtliche Unfälle der letzten zwei Jahre in Brandenburg aufgezählt bekomme -und das sind immer noch sehr viele – und ich sie daran erinnere, dass es auch nicht ungefährlich ist, mit der Familienkutsche mit 160 übermüdet mit drei Kindern nachts 300 Kilometer zur Großmutter zu brettern, wie die fürsorgliche aber immer gehetzte Mutter es zu tun pflegt.
So wird das nichts. „Deine Mutter hat uns doch neulich das Ausflugsrestaurant genannt, wo man so schön am Wasser sitzen kann. Da würde ich dich mit hin nehmen. Einen zweiten Helm hab ich ja noch.“ “Das sind ja nur 10 Kilometer, kommt es enttäuscht zurück. “Wenn dann richtig“.
Zu ihrem Geburtstag bekommen unsere Jungs von mir Handschuhe, Nierengurt und einen eigenen Helm.

Küchenchor

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Es war an einem Freitag im längst vergangenen Sommer dieses Jahres, als wir in der Küche eines alten Landhauses große Töpfe schrubbten. Jeden Tag waren ein paar von uns zum “Karma Yoga“ eingeteilt, wie man hier den Küchendienst nannte. Unser Yoga-Meister entlockte im Nebenraum seinem Harmonium ungelenk die Töne für die Mantren, die wir gleich gemeinsam auf Sanskrit singen sollten, um ein höheres Bewusstsein zu erlangen. Aber in der Küche, zwischen dem Geschepper von Tellern mit den Resten von fadem Linsencurry und schweren Bratpfannen, brauchten wir etwas anderes, um uns bei Laune zu halten. „Das bisschen Haushalt geht doch von allein…“ begann ich einen Schlager aus den 60ern zu trällern, wie ich es oft tue, ohne, dass ich das merke, und löste damit eine Lawine aus. Als sei nach Tagen strenger Exerzitien ein Damm gebrochen, stieg das ganze Küchenkollektiv erstaunlich textsicher in den Gesang mit ein. Ein Lied aus der goldenen Zeit des deutschen Schlagers gab das andere, die Lautstärke übertönte schnell das Rumpeln des Geschirrspülers und das Niveau sank minütlich. Als wir bei “Schmittchen Schleicher“ angekommen waren, stoppte eine Frau, die sich als evangelische Chorleiterin outete, den freien Fall und teilte uns routiniert in Gruppen ein. Als dreistimmigen Kanon intonierten wir makellos “Dona nobis pacem“. Die Küche bebte vor Lebensfreude und Spiritualität und nur von fern klang noch das klägliche Gehupe aus dem Harmonium unseres Meisters, der unserer fröhlichen Häresie säuerlich ein Ende bereitete und uns zurück auf die Matten befahl.

Ich singe gerne. Nicht schön, nicht perfekt und nicht nur unter der Dusche. Auf dem Büroflur, beim radfahren, oder nachts, wenn ich nicht schlafen kann. Es erleichtert das Herz und macht gute Laune. Shantys, Gospels oder der Gefangenenchor aus Nabucco. Ist mir völlig egal. Meinen Mitmenschen leider nicht. Nach den ersten Monaten in der neuen Wohnung erhielt ich von der Nachbarin über mir eine Postkarte. Sie lobte meine Sangeskunst, bat mich aber spätestens ab 1 Uhr nachts damit Schluss zu machen. Eine Kollegin sprach mit sogar Talent zu, meinte aber, die Tonkunst, die ich in den stillen Behördenfluren zum Besten gäbe, klänge wie Bruce Springsteen in einem U-Bahnhof.
Warum trauen sich so wenige Menschen im Alltag zu singen? Und warum sind viele so froh, wenn sie dann doch einmal zum Singen animiert werden? Ich meine jetzt nicht Gotthilf Fischer und ich meine nicht Karaoke. Überall hört man Musik aus Radios oder Autoboxen, aber kein Mensch singt. Es geht die Sage, dass die Menschen früher zum Arbeiten sangen, um einen Rhythmus zu haben, um die Arbeit zu vergessen und mit anderen zusammen einen Takt zu haben; bei den Seeleuten zum Beispiel. Und dass man den ersten Fabrikarbeitern das Singen verbieten musste, weil ja jetzt die Dampfmaschine den Takt vorgab. Ein stummes Volk sind die Deutschen geworden. Anders in Osteuropa oder in Skandinavien. Überall habe ich erlebt, dass es dort Lieder gibt, die alle kennen und die zu Festen gesungen werden, oder einfach so. Als meine Tochter in Russland zum Schüleraustausch war, wurde ihre Gruppe aufgefordert, ein gemeinsames Lied zu singen. Und was fiel ihnen ein? „Über den Wolken“ von Reinhard Mey. Ist doch seltsam.

Früher wurde wenigstens auf Demos gesungen. Politische Lieder gab es, die Mut machten und Gemeinsamkeit schufen. “Unser Marsch ist eine gute Sache, weil er für eine gute Sache ist…“ Schön wars. Neulich bin ich am Tag vor meinem Geburtstag aus Versehen in eine Demo geraten, die sich “Klimastreik“ nannte. Um mich herum fröhliche, zuversichtliche Gesichter. Es war keine schlechte Stimmung. Aber für mich war es wie auf einem Schweigemarsch. Einmal gab es den Versuch, eine Parole zu skandieren, aber dann war wieder Stille. Dafür habe ich dann bei meinem Geburtstagsfest ein Tag später eine Tombola veranstaltet. Wer von meinen Freunden noch ein Lied aus den alten Zeiten vortragen konnte, durfte einen schönen Zierteller mit nach Hause nehmen. Zur Auswahl standen 19 unterschiedliche Motive, die jene 19 Atomkraftwerke zeigten, die bis nächstes Jahr stillgelegt werden. Soll ja keiner sagen, unsere Generation hätte nichts bewirkt. Und was soll ich sagen? Es wurde ein richtig schöner Abend. Von “Wehrt euch, leistet Widerstand“ bis zu Degenhards “Schmuddelkindern“ wurden mit geröteten Wangen Lieder gesungen, an denen mal viele Hoffnungen hingen. Und heiter gings weiter. Leider habe ich vergessen, meine Tochter zum Singen zu animieren. So als Vater-Tochter Duett. Das wäre doch schön gewesen. Aber das haben wir eine Woche später nachgeholt, als wir uns in einer menschenleeren Pizzeria trafen. In der leeren Räumen klang plötzlich Reinhard Mey, „Über den Wolken“, alle Strophen. „Wind Nordost, Startbahn 03..“ Der blasse italienische Kellner wurde noch blasser, aber es ist schön, ein gemeinsames Lied zu haben.

Die Partei, die Partei…,

die hat recht viele Sorgen. Nur noch ein nostalgischer, schwarz-weißer Fotoschnipsel erinnert an die besseren Zeiten der Partei der Arbeiterklasse einst in Berlin. Das Wasserspiel auf dem Straußberger Platz, das unter derzeitigen linken Regierung aus Geldmangel ab und zu abgestellt wird, sprudelt noch auf einer Straße, die einst Stalinallee hieß und in der die Arbeiter und Bauern in wahren Palästen wohnten, (wenn sie nicht gerade streikten und dafür von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurden). Da war die Welt noch in Ordnung.

Und heute? Heute sollen die Mieterinnen das schützen, was von der Partei, die sich jetzt die Linke nennt, noch übrig geblieben ist? Ist das ihr Ernst? Natürlich steht bei der Mieterin noch ein bunter Blumenstrauß (vom letzten Frauentag, der dank der Partei in Berlin jetzt wieder Feiertag ist) auf dem Tisch. Aber soll wirklich diese, trotz ihres schweren Lebens tapfer lächelnde Alleinerziehende allein die Partei Die Linke schützen? Nein, nicht ganz allein. Sie hat ja noch den kleinen grünen Drachen. Der wird‘s richten.

Weiches Wunder

Was wäre, wenn es diese wunderbaren Weichtiere nicht gäbe? Wahrscheinlich hätte ich meine Söhne schon zu ihrer Mutter zurück geschickt. Eine Woche mit drei mächtig überdrehten Jungs bei Schmuddelwetter in einer 60 qm Wohnung? Alle Computerspiel- und sonstige Limits ausgereizt, alle Lustigen Taschenbücher zehn Mal gelesen, das Technik-Museum ein Reinfall. Was bleibt, bevor das Jugendamt oder die genervte Nachbarin von unten an die Tür klopft: Raus, raus, raus! Raus mit allen Dreien! Trotz Regen, trotz massiver Gegenwehr, gegen die Randale bei der Räumung eines besetzten Hauses einem Kindergeburtstag gleicht, trotz drohender Psychologenkosten. Das Schreien der verdammten Seelen am tiefsten Höllengrund kann nicht verzweifelter gellen als das Geplärr der von ihren Pokemons getrennten im hallenden Treppenhaus.

Die Tür zum Hinterhof öffnet sich und die Kinder befinden sich in einem andern Universum. Sie nehmen Witterung auf, Urinstinkte werden geweckt. Moder, feuchte Erde, fremde Lebewesen. Ein Freudenschrei! „Ich hab eine Schnecke und die kommt raus!“ Als die gierigen Hände der Jäger und Sammler die Beute nicht mehr fassen können, wird der nasse Gartentisch der Nachbarn in einen Schnecken-Zoo verwandelt. Dutzende der glitschigen Moluslkeln werden der genauesten Untersuchung unterzogen. Wettrennen der äußerst behänden Schleimfüßler bringen die Wettleidenschaft zum Glühen. Ich bin abgemeldet. Mit zitternden Händen rühre ich mir in der Küche einen Kaffee an, den dritten für heute, versuche meine klingelnden Ohren wieder an die Stille zu gewöhnen und den ersten klaren Gedanken für heute zu fassen: Ich lebe noch, und ich habe die Chance, den Rest der Woche zu überleben. Ein Blick über den Balkon bietet ein friedliches Bild. Harmonische Szenen wie aus der „Gartenlaube“ ehedem. Knaben in kurzen Hosen und Gummistiefeln tragen Holz und Laub herbei, um es ihren neuen Haustieren recht behaglich zu machen. Ich seile eine Büchse mit Apfelschnitzen und Keksen ab, die sofort auf ihre Tauglichkeit als Schneckenfutter untersucht werden. In den kommenden Stunden werde ich nur besucht, wenn jemand aufs Klo muss. In meinen Heldenträumen hatte ich mir vorgestellt, als guter Vater mit meinen Söhnen die Natur Brandenburgs zu erkunden. Die Kraniche im Linumer Luch, Hirsche im Morgengrauen und allerlei Unheimliches bei einer Nachtwanderung. Aber dann hätte ich mich ja selbst aus der schützenden Stadt heraus bewegen müssen. Findet man nicht die Wunder der Natur auch im Kleinen? Sozusagen vor der Haustür? Ich habe auf meinem Balkon Blüten für die Hummeln ausgesäht.

Pole Dance

Sie war nicht mehr jung und sie war mir auch nicht gleich aufgefallen. Erst als ich an der der Ampel warten musste und ich lange zu ihr hinüberschaute, merkte ich, dass sie tanzte. Es war ein kleiner Tanz. Zwei Schritte vor, zwei zurück, die Hand immer am Rücken und wie flüchtig an einen Parkpfosten angelehnt. In den paar Minuten, in denen ich ihr zuschaute, probierte sie auch seitliche Schritte, aber immer wieder blieb sie am Schluss an dem Poller stehn. So sehen Leute aus, denen rundherum das Land wegbricht.

Sie war eine stolze Frau. Als ich sie fragte, ob ich ihr weiter helfen könne, schaute sie mich keck an. „Ja, ja das denken sie, dass ich nicht mehr weiter komme. Aber ich will nur sehen, was da vorne auf dem Schild steht, aber ich seh es nicht mehr.“ Ich ging ein paar Schritte vor, nun noch ein paar, weil die Messingplatte in der Abendsonne spiegelte. „ Ha!“, triumphierte sie: „ Sie müssen auch nah ran!“ Ich kam zurück und nannte ihr den Namen. „Ist das nicht das Verwaltungsgericht?“ Nein, sagte ich, das ist das Verkehrsministerium. „Ich frage nur, weil ich hier mal war, und ich dachte ich hätte es wieder erkannt.“ Es folgte ein etwas durcheinandergewürfelter Bericht über einen Prozess vor langer Zeit, den sie anscheinend gewonnen hatte. „Das Verwaltungsgericht ist drüben, sagte ich und wies mit dem Finger Richtung Bahnhof, aber das schien sie nicht wirklich mehr zu interessieren.

Auf dem Rückweg von der Arbeit treffe ich hier an der Ecke ab und zu Leute, die nicht mehr weiter wissen. Die Straße runter ist ein Altersheim und da starten sie manchmal zu einem Ausflug. Zwei Querstraßen weiter wissen sie nicht mehr, wo sie sind. Aber auf den Rollatoren steht gottseidank die Telefonnummer und dann kommt der Pfleger sie abholen. Aber meine Tanzpartnerin heute war keine von hier. Sie sah aus wie eine Bergwanderin mit ihrer hellgrauen Funktionsjacke und den soliden Schuhen. Nur den Wanderstab hatte sie vergessen. Sie hielt sich immer noch an dem Pfosten fest. Ich streckte meine Hand aus und wollte sie ihr reichen. „Fassen Sie mich nicht an, sonst fall ich um!“, bat sie. Mit ihrem letzten Rest Geschmeidigkeit rettete sie sich auf ein warmes Mauersims – wie eine Eidechse saß sie da. „Darf ich sie ein Stück mitnehmen?, fragte ich ahnend, dass sie auch von der Mauer nicht mehr weg käme. Sie schaute mein Fahrrad an, und meinte spöttisch: „Was, denken sie ich setzte mich auf ihre Gepäckstange? Wir lachten beide, lächelten uns an und ich fuhr weiter.

Sommerklang

Die ersten Sommermomente. Auf dem Balkon heute Abend, gestern im Biergarten und davor im Hof unserer Kantine. Wieder Mensch unter Menschen höre ich ein Gemurmel heller und dunkler Stimmen. Dieser Klangteppich, dieses Auf und Ab in das man sich einwebt, auch wenn man selber schweigt, das einen umgibt und trägt. Blühende Bäume, grüne Wiesen und strahlender Himmel, das alles hatte mich noch nicht überzeugt, dass es wirklich wieder Sommer ist. Dieses Bienengesumm, dieser eingeborene Stammesgesang der Vielen hat mir gefehlt, um an die Wiederkehr des Lebens zu glauben.

Sommer

Vor mir, auf der lauten, vierspurigen Straße fährt eine Frau in muslimischer Tracht auf einem grünen E-Roller. Sie fährt beschwingt Schlangenlinien hin und her. Ihr braunes Kopftuch flattert, ihr schwarzer Mantel flattert und sie fährt Schlangenlinien. Sie trifft Freundinnen, strahlt sie beseelt an. Sie hat eine goldene Nickelbrille und ein Handy unterm Kopftuch. Es ist Sommer im Wedding.

Ich will eine Bockwurst essen, mit Brötchen, bei Kamps. Der Verkäufer ist jung, hat einen Wuschel voller schwarzer Locken und einen Bart, aus dem noch was werden könnte, wie der junge Che Guevara. Er holt die Bockwurst mit einer Serviette aus dem Topf und steckt sie in die Brötchentüte – eine heiße Wurst in eine Brötchentüte und reicht sie mir ohne ein Wort rüber. Mit Brötchen bitte sage ich. Da nimmt er ein Brötchen, steckt es zur Wurst in die Tüte und gibt sie mir. Immerhin: Das Brötchen ist in der Mitte aufgeschnitten. Im Radio höre ich, dass die Kneipen Schwierigkeiten haben, gute Leute zu finden, weil die jetzt alle bei Amazon oder den Gorillas arbeiten.

Im Freilichtkino läuft ein Tanzfilm. Als ich im Winter die Werbung in der U-Bahn gesehen hatte, hatte ich mir vorgenommen: Das ist einer der Filme, die ich mir auf jeden Fall wieder anschaue, wenn die Kinos offen haben. Die Werbung versprach berauschende Farben und leidenschaftliche Tanzszenen. Ich mache mich um neun Uhr auf den Weg durch den Rehberge-Park. Ich wundere mich: Es ist mild und noch hell. Ich hab zwei Jacken an. Beim Kino ist die Kasse geschlossen – nur online-Tickets. Eine Frau hält mir ihr Handy mit einem pixeligen Code entgegen: Brauchen sie noch ein Ticket? So viel Glück muss man haben. Aber ich will nicht. Ich brauch keinen Film mehr. Der Gedanke jetzt alleine zwei Stunden im Freien vor einer flimmernden Leinwand zu sitzen und mir eine dramatische Geschichte anzuschauen, hat nichts verlockendes mehr. Und berauschende Farben habe ich im Park genug.

Auf dem Rückweg treffe ich einen Haufen junger Leute, die über den Möwensee schauen und AHH und OHH rufen. Ist der Graureiher wieder da?, frage ich mich. Seine ruhige und majestätische Art hat mich und meine Jungs immer fasziniert, wenn er regungslos neben der Trauerweide saß. Nein, der Reiher ist verschwunden. Auf einem abgestorbenen Baum tummeln sich vier tapsige Waschbärenjunge. Wirklich süß. Waschbären sind große Eierräuber.

Lässliche Lügen

Pfingsten ist ja der Tag, an dem die Jünger Jesu lernen, in fremden Sprachen zu sprechen und hinausziehen in die Welt, um die frohe Botschaft zu verkünden. Die Frohe Botschaft für dieses Pfingsten in Berlin heißt: „Die Außengastronomie ist geöffnet.“ Aber der Geist dieser Botschaft hat sich noch nicht bei allen herumgesprochen. Auf jeden Fall nicht sonntagmorgens um 11 in der Wasserstadt Spandau in einem menschenleeren Café an einem menschenleeren Platz. „Haben Sie einen negativen Test?“ fragt mich die türkische Verkäuferin. „Nicht dabei“, lüge ich. „Oder einen Impfausweis?, bohrt die Verkäuferin weiter. „Zu Hause“, lächle ich, und schlage mir suchend auf die Taschen meiner Jacke. Herrgott, ich will nichts weiter, als mich mit meinem Freund an einen Alutische setzen, die verheißungsvoll auf dem Platz aufgebaut sind, um die ersten 10 Kilometer unserer Radtour zu feiern. Aber nichts zu machen. Mit einem trostlosen Pappbecher müssen wir uns auf die kalten Stufen setzen wie das Gesetz es befiehlt und den mit leeren Augen vorbeihuschenden Bewohnern dieser Neubauödnis hinterherschauen. Nächster Versuch eine Stunde später in Kladow, dem kleinen Hafenort am Wannsee, an dem sich die Ausflügler sonst auf den Füßen stehen. Auch hier ist kaum was los. Leere Biergärten, gelangweilte Bedienungen. Aber der Hl. Geist hat mittlerweile sein Wunder gewirkt. Denn die junge Kassiererin versteht meine Sprache als ich zwei Radler mit Bratwurst ordere. „Und wir tun jetzt mal so, als hätte ich sie gefragt, ob sie einen negativen Coronatest haben und sie hätten ja gesagt.“, leiert sie professionell herunter. Ich bin katholisch getauft und kenne den Unterschied zwischen einer lässlichen Sünde und einer Todsünde. Ich erinnere mich an meinen alten Beichtvater und schätze den Preis für die Vergebung meines falschen Zeugnisses auf drei Vaterunser und drei Ave Maria, unterschreibe meinen Anmeldezettel und sitze ein paar Minuten später hinter einem echten Bierglas auf einer echten Bierbank. Die Sonne geht auf über dem Wannsee. Halleluja! Wir umrunden den Sacrower See, fahren zurück Richtung Spandau um genau zur Kaffee-und-Kuchenzeit ein altes Backsteinhäuschen unter strahlend blühenden Kastanien zu finden. So mag ich das Leben. Die Besitzerin tritt heraus und heißt uns willkommen. Aber da gibt es wieder das kleine Problem. „Sie können jetzt gleich bei mir einen Test machen, der ist dann aber kostenpflichtig.“, bietet sie mir an. Mittlerweile geschult in den Spitzfindigkeiten, die heute von uns gefordert werden, deute ich auf eine romantische Holzbank mit zwei gemütlichen Kissen, die vor dem Anwesen in der Sonne steht. Dort würde doch sicher kein Test erforderlich sein…. Nie war der Apfelkuchen so köstlich wie heute.

Morgen will ich mit meiner Tochter zum Spargelessen nach Brandenburg. Ich rufe beim Spargelhof an und stelle die Fragen aller Fragen. „Also ich werd nicht nachschauen, ob sie einen Test dabei haben, sagt der Spargelbauer, aber wenn sie noch was bei sich rumliegen haben, vom letzten Friseur oder so, können sie das ja mitbringen.“ Ich will mich ja nicht dauerhaft durchmogeln. Außerdem habe ich in meiner Tochter eine Begleiterin, die gnadenloser ist als jedes Gesundheitsamt. Ohne Test würde sie erst gar nicht mit mir losfahren. Meine nächste Teststation ist im Café LaLa (heißt wirklich so) um die Ecke. Dort war lange gar nichts, aber jetzt sitzen wieder die gelangweilten Jungs mit den gegelten Frisuren draußen, rauchen Shisha und gucken Fußball. Und die gleichen Jungs erwarten mich im Testraum, der in einem Nebenzimmers des Cafés eingerichtet ist. Unbeholfen sind die Schnapsregale mit Alufolie abgehängt, mit Spanischen Wänden sind Testkabinen eingerichtet und einer der Kerle hat sogar irgendwo einen ungebügelten Arztkittel aufgetrieben, der ihn als Amtsperson erscheinen lässt. Ich muss an Afrika denken, den Grenzübertritt von Sambia nach Simbawe und an den Grenzer mit Badelatschen, der als Ausweis seiner Amtsmacht eine neonfarbene Rettungsweste trug. Damit war er der Chef. Der Weddinger Junge fragt mich allen Ernstes, ob ich mit seinem Service zufrieden sei, nachdem er mir mit seinem Wattestäbchen ein bisschen an der Nase gekitzelt hat. Es sei ihnen wichtig, dass diese Einrichtung akzeptiert werde. Ich bekomme Wartenummer 201 und darf eine Runde um den Block laufen, bis die Ergebnisse da sind. Als ich zurückkomme wird von einem jungen Mann die Nummer 102 ausgerufen. Eine Gruppe Teenager, die sich mittlerweile draußen versammelt hat schaut auf ihre Zettel, die alle 200er Nummern haben. Einer lacht und geht zu seinem Landsmann: „Du musst die Zahlen andersrum lesen. Das heißt zweihunderteins.“ So komme ich zu meinem Zertifikat, das mir für morgen alle Türen öffnet, ordentlich abgestempelt und natürlich negativ.

Windhunde

Ist das jetzt die Zeit, in der man gute Freunde haben muss, Freunde die einem ein Angebot machen, das man nicht ablehnen kann? Muss man einfach Glück haben? Oder ist es eine Zeit, in der alte Tugenden sich bewähren und belohnt werden?

Eigentlich war ich in die Bäckerei gegangen, um mir was zu gönnen. Ein Stück frischen Erdbeerkuchen, mit Sahne, wenns geht. Es ist ja die Zeit dafür und ich hatte was zu feiern. Aber dann sah ich das Lachsbrötchen, das an den Rändern schon ein bisschen dunkel geworden war, und es tat mir leid. Bestimmt würde es wegegeworfen, wenn ich es nicht kaufte. Die frischen Erdbeeren hatte sicher viel bessere Chancen, bis zum Ende des Tages einen Käufer abzukriegen. Und so siegte Herz über Bauch und ich wechselte von Frucht zu Fisch. Mein Magen macht so was mit. Denn das passiert mir ständig. „Auch die Dinge haben Tränen“ soll ein römischer Philosoph mal gesagt haben, und das stimmt. „Nimm mich mit“, rufen sie, die Ausgestoßenen unserer Konsumgesellschaft. Und ich höre sie. So gehe ich meist abends zum Bäcker, um eins der Brote zu retten, die sonst gnadenlos aus den Regalen geräumt würden, um als Viehfutter zu enden. Im Bio-Laden gibt es sogar noch das Schild „Vom Vortag“, das meine Kaufentscheidung entscheidend beeinflußt. Und die frische Milch mit dem roten Aufkleber „MHD abgelaufen“ kann meiner Aufmerksamkeit sicher sein. Wenn sie sauer wird, steige ich damit in die Dickmilchproduktion ein. Wenn sie nicht homogenisiert ist, geht das. So weit, so schön, so altbacken.

Was aber, wenn das Produkt, das zu verderben droht eins ist, das viele andere nötiger brauchen als ich? Was ist, wenn ich plötzlich mittags einen Anruf von einem Kollegen bekomme: „Im Humboldtkrankenhaus gibt es noch drei Dosen Astra-Zeneca, die heute Abend verfallen.“? Rufe ich dann die alten und siechen unter meinen Freunden an, die allerlei Vorerkrankungen haben, oder meine Tochter, die in der Obdachlosenhilfe jobbt? Nein, tue ich nicht. Ich rufe im Krankenhaus an, überzeuge den Arzt, dass ich der Richtige für seine Resteverwertung bin, melde mich von der Arbeit ab, völlig selbstverständlich, als wäre mir ein Glück widerfahren, das alle dienstlichen Notwendigkeiten in den Hintergrund treten lässt und schwinge mich auf‘s Rad. „Die Krankheit bringt dich an Orte, an die dein Kopf dich nie gebracht hätte.“ Wieder so ein wahrer Spruch, diesmal von meinem Therapeuten. Aber ich bin nicht krank, noch nicht, aber zwei Wochen Quarantäne haben mir als Warnschuss gereicht. Und eine Gier setzt bei mir ein, ein Jagdtrieb, den ich sonst nur kenne, wenn es Werbegeschenke gib. „Es gibt etwas, und es gibt es nur heute und nicht für alle.“ Ich muss es haben.

Wäre mein Kopf noch einigermaßen in Ordnung gewesen, hätte er mich vor einer Fahrt nach Reineckendorf gewarnt. Allein um mein Auge vor den Schmerzen zu schützen, denen ich es aussetzte. Und um mein Herz davor zu bewahren, alle Hoffnung fahren zu lassen. Berlin an seinen Rändern kann trister sein als Ludwigshafen oder jede andere westdeutsche Stadt, die ihre Blüte mal in den 70er Jahren hatte. Das Krankenhaus am Rande der Stadt liegt am „Nordgraben 2“ und so sieht es auch aus. Zweistöckige Pavillons aus Beton, abgeblättert und über ein großes Areal verteilt. Die Cafeteria ist geschlossen und der Geldautomat am Eingang war mal gut gemeint, ist aber wohl schon lange kaputt. Der Weg zur Station wird von einer Baustelle versperrt. Der Arzt trägt eine iC Berlin-Brille in wässrigem milchkaffebraun, wie sie vor 10 Jahren mal modern war und um mich herum sitzen alte Leutchen, die auf eine Krebstherapie warten. Ich hatte ganz vergessen, wie still es in einem Krankenhaus sein kann. Willkommen im deutschen Gesundheitssystem.

Die erlösende Spritze ist in meinem Arm und in meinem Impfpass steht ein zweiter Termin Anfang August. Den Sommer hat mir diese Panikaktion also nicht gerettet, aber ich fühle mich wie Boris Becker, als er vor 20 Jahren in seinen Computer grinste und nuschelte „Isch bin drin!“ Drin im System, in das es für mich keinen legalen Weg gegeben hätte. Drin als Resteverwerter in einem System, das wertvolle Ressourcen verschwendet, weil es den Überblick verloren hat. Gerne hätte ich meine Priorität abgewartet. Und ich lobe die Weisheit meiner Regierung, dass sie es tatsächlich einige Monate durchgehalten hat, den ersten Impfstoff wirklich an die auszugeben, die es am nötigsten hatten.

Damit ist es jetzt vorbei. Das merke ich, als ich wenige Minuten nach dem Stempel in meinem Impfpass doch wieder an die Freunde und Verwandte denke. Denn noch liegen zwei aufgezogene Spritzen im Zimmer des Arztes. Meine Nachbarn rufe ich an, ein junges Pärchen: „Astra? Nee, das nehmen wir nicht.“ Einen jungen Kollegen: „Du, ich hab da schon einen Termin klar gemacht, bei einem Arzt. Da gibt es bei Twitter immer die neuesten Nachrichten.“ Einen lebenslustigen Freund: „ Ich bin von meinem Arzt schon längst auf der Prioritäts-Liste. Wegen Rauchen“ und so weiter. Zuletzt rufe ich die Mutter meiner Söhne an: „Hör mir auf mit dem Corona-Scheiß, faucht sie am Ende ihrer Nerven. Ständig wedeln mir hier irgendwelche Leute mit ihrem Impfpass vor der Nase rum. Und ich sitzt schon wieder in Quarantäne, weil in der Kita eine geimpfte Erzieherin positiv getestet wurde.“
Inzwischen ist die Kita meines Sohnes endgültig geschlossen. So kommt mein Kleiner mal ein paar Tage zu mir. Wir tun ja alle was wir können – in diesen schwierigen Zeiten.