Im Staate Dänemark

Alles ist gut. Die Sonne scheint, eine steife Briese weht über das Achterdeck, vermischt mit leichten grauen Schleiern, die nach verbranntem Diesel riechen. Über mir dreht sich ein aufrechter Stahlzylinder, den ich zuerst für den Schiffsschornstein gehalten hatte. Es ist aber ein Rotor. Er unterstützt die Fähre von Gedsder nach Rostock mit Windenergie, das spart immerhin fünf Prozent fossilen Kraftstoff. Es geht voran. Im Bauch des Schiffes wartet ein leuchtend grüner FlixBus, der mich ohne Probleme von Kopenhagen hierher gebracht hat. Und wenn ich Glück habe und alles wie geplant läuft, erreiche ich mit ihm auch heute noch Berlin.

Natürlich habe ich Glück, schon die ganzen 14 Tage, die ich mit meinen Jungs in Dänemark verbracht habe. Die Jugendherberge, das „vandrerhjem“ war eine Insel der Sorglosigkeit. Alles war da für uns in der prächtigen, ehemaligen Arbeiterhochschule in Esbjerg. Alles war durchdacht, solide und liebevoll ausgestattet. Wir hatten das Haus, den Garten und die Küche fast für uns alleine (und nur wenn niemand drin war, trauten sich die Jungs, dort etwas zu machen). Morgens konnten wir uns am Frühstücksbuffet frische Waffeln backen und am Wochenende gab es im Versammlungsraum zwei Beerdigungsfeiern. Als wir fragten, ob wir uns deswegen besonders ruhig und pietätvoll verhalten sollten, wurden wir freundlich belächelt. Nein, das sei in Dänemark eher eine gesellige Veranstaltung. Schön wenn man was vom Leben (und Sterben) im Gastland mitbekommt. Und drei Mal (in Zahlen 3 x) gelang es mir, meine Söhne tatsächlich zu einer Wanderung zu bewegen. Obwohl man streiten kann, ob eine halbe Stunde durch die Dünen zu dem Fischereimuseum als Wanderung durchgehen dürfen. Aber die Stelle mit dem Strand, der monumentalen Skulptur, der Frittenbude und dem Blick auf den Hafen war so schön, dass sie von den Einheimischen sogar für Hochzeitsfotos genutzt wird (Das im Hintergrund sind keine Fabrikschornsteine, sondern Türme für Windkraftanlagen). Für dem Rückweg wählten meine Söhne lieber den Weg direkt an der Autostraße, weil der kürzer war und nahe dem Netto-Supermarkt endete, wo sie sich mit billiger Fanta und Chips für die abendlichen Fußball-WM-Spiele eindeckten. Sie nannten das „Aktiv-Urlaub“.

Aber auch im perfekten Dänemark braucht das Glück mal eine Pause. Und das ist auch gut so, denn sonst würde man es ja nicht zu schätzen wissen. Das Grausame daran ist nur, dass man nicht vorbereitet ist auf den Absturz aus den elysischen Höhen in die menschlichen Niederungen. Im mehr als unperfekten Deutschland schaue ich drei Mal vorher nach, ob ein Zug, den ich nehmen will, denn auch wirklich kommt. In Dänemark vertraute ich darauf, dass alles klappt. Und nur eine ganz kleine gelbe Fußnote auf der Bahnhofsanzeige (auf Dänisch) hätte mich stutzig machen können, als wir mit Koffern und Rucksäcken bepackt in dem ruhigen und menschenleeren Bahnhof von Esbjerg auf den Zug nach Kopenhagen warteten. Den zweiten Teil der Ferien wollten wir zusammen mit dem Rest der Familie in einem Ferienhaus am Roskilde-Fjord verbringen. Irgendwann fiel mir auf, dass unsere Verbindung nicht mehr angezeigt wurde. Und die gelbe Fußnote war nun auch auf Englisch: „Replacement Bus“; auf Deutsch: „Schienenersatzverkehr“ ab Fredericia stand da. Wie ich dieses Wort hasse. Zwischen lesen und verstehen dauerte es eine Weile. Und was es wirklich bedeutete, merkte ich erst, als wir mit hunderten schwer bepackten Reisenden und quengelnden Kindern in der dunklen Bahnhofsunterführung in Fredericia landeten. Unser Zug war nicht der erste, der seine Fracht in den Schlund der Verzweiflung entladen hatte. Und nirgendwo ein Zeichen, wie es weiter gehen sollte. Nach einer halben Stunde waren wir im Freien angelangt und sahen die ganze Länge der Schlange, die sich über einen Parkplatz wand. Aber immerhin: Es ging vorwärts. Eine einzige platingraue Mitarbeiterin der Dänischen Staatsbahn und ein paar Meter Flatterband reichten, um die Massen und ihr Gepäck diszipliniert auf die Busse der Viking-Line zu verteilen. Nach einer Stunde saß ich mit meinen Jungs, die das noch als Abenteuer betrachteten, im Bus. Niemand hatte bis dahin ein Wort gesprochen. Nicht in der Warteschlange und nicht unter den Reisenden. Anscheinend gab es einen unausgesprochenen Code, wie so etwas zu funktionieren hatte.

Schön, dachte ich, den Anschluss in Kopenhagen werden wir verpassen, aber dann nehmen wir halt den nächsten. Alles kein Problem. Und der Bus rollte ruhig und klimatisiert über die Meerenge. Da klärte uns ein Mitreisender auf, dass die Reise nur bis Odense gehe und dass danach noch mal gewechselt werden müsse von Bus zu Zug und von Zug zu Bus. Und dann wieder Zug. Er lächelte amüsiert. So sei das nun mal.

Die Eisenbahnbrücke über den Bahnhof von Odense ist, wie alles in Dänemark, ein Meisterwerk des modernen Designs. Aber wenn man zwei Kinder und drei Koffer die Stufen hoch bringen muss, sieht man sie mit anderen Augen. Der Zug, der uns am Bahnsteig erwartete, war einer der typischen dänischen Züge mit Gummipuffer vorne und hinten. Aber er war alt. Die Farbe blätterte ab, und nur ein Tür öffnete sich. So dauerte es lange mit dem Aus- und Einsteigen. Mein Sohn nahm es sportlich, drängelte sich vor und ergatterte uns Sitzplätze Wir mit den Koffern hinterher. Weil die Klimaanlage nicht funktionierte, kamen wir schon durchgeschwitzt in der nächsten Endstation an. Was dort geschah, wollte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht erleben. Nichts war klar, niemand war da, der etwas regelte. Mal hieß es, ein Zug kommt, und dann hieß es: Alles in die Busse! 3-4 mal wechselten wir mit Gepäck über die alte Bahnhofsüberführung zum Busbahnhof und zurück aber es kam immer nur vereinzelt ein Bus, der sofort belagert wurde. Keiner regelte irgendetwas und bevor unsere Koffer im Gepäckraum des Busses verstaut waren, hatten sich Schnellere ohne Gepäck schon die Sitze im Bus geschnappt. Wir mussten also die Koffer wieder aus dem Gepäckraum holen. 3-4 mal, und die Jungs, die schon ohne zu fragen in den Bus gerutscht waren, wieder raus aus dem Bus holen. All das ging ohne Panik, weil die Wartenden zwar ungehalten, aber gefasst waren. Man sprach immer noch wenig. Eine Frau erklärte uns, dass wohl ein Unwetter am Wochenende die Bauarbeiten an der Hauptstrecke verzögert hätte.

Zeit für das Notfallszenario, dass ich mir für solche Fälle zurecht gelegt hatte. Nicht verzweifeln! Ein Taxi und ein Hotel suchen und am nächsten Tag weiterfahren. Aber es gab keine Taxis und wenn, dann waren sie vorbestellt. Es gab nur Uber, und die kann man nur über eine App bestellen, die auf meinem Handy nicht bei installierbar war. Da stand ich nun handlungsunfähig mit zwei aufgeregten und aktionistischen Jungs.

Und dann löste sich die Sache von selbst. Wir gaben die Taxi-Idee auf und gingen zurück zum Busbahnhof. Dort waren es noch mehr Wartende geworden, denn alle halbe Stunde spuckte ein neuer Zug Reisende nach Kopenhagen aus, die sich um die wenigen Busse drängten. Aber dann fand mich mein Glück wieder, das mich den ganzen Tag verlassen hatte. Da stand ein Linienbus, der nach Ringstedt fuhr, genau dahin, von wo der nächste Zug nach Kopenhagen weiter fahren sollte. Die Tür war offen und wir gingen einfach hinein. (Ich will dir nicht schon wieder das Kafka-Zitat bemühen, aber der Bus stand dort schon vor einer Stunde und ich hätte einfach nur durch die offene Tür gehen müssen.) Der Bus war voll, und wir mussten stehen, aber nach einer schwitzigen Fahrt über die dänischen Dörfer kamen wir in der Dunkelheit in Ringstedt an. Und diesmal war es der unwahrscheinlichste aller Freunde, der uns rettete: die Deutsche Bahn. Denn während die Webseite der dänischen Bahn zusammengebrochen war, zeigte uns die Bahn App, dass wir sogar noch den einen Zug bis zu unserem Ferienort erreichen würden. Mit einem Vorortzug fuhren wir von Kopenhagen nachts um 11 Uhr in das dunkle Nirgendwo der dänischen Provinz. Ich klingelte die Mutter meiner Söhne aus dem Bett, und sie stimmte widerwillig zu, uns noch nach Mitternacht vom Bahnhof in abzuholen. Bis zum letzten Moment blieb ich angespannt, denn wir mussten noch einmal den Zug wechseln, bevor wir auf dem idyllischen Bahnhof von Olsted endlich den Zug verlassen konnten.

Zurück bin ich eine Woche später alleine gereist. Mit dem Bus. Auch nach einer ruhigen Woche unter einem dänischen Ferienhausdach: Eine weitere Bahnreise hätten meine Nerven nicht überstanden.

Weltmeisterschaft next door

Ehrlich gesagt: Ich war froh als es vorbei war. Das lustlose Gekicke der DFB-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft. Die späten Abende, die man sich um die Ohren schlug, nur um mit der Gewissheit ins Bett zu gehen: Das wird nichts.

Und überhaupt. Warum muss ich mich vor den Bildschirm setzen und mir Übertragungen aus den fernen Amerikas anschauen, wenn sich die Nationen der Welt bei mir über die Straße treffen? Am Samstag war hier mal wieder das Berliner Interkulturelle Fußballturnier. Bereits das 16. mittlerweile. Ich musste es nicht lange suchen, denn die wummernden Beats, die die 18 Mannschaften begleiteten und die sich wie ein Klangteppich über unser Afrikanisches Viertel (heißt wirklich so, weil hier die Straßen ursprünglich nach den ehemaligen deutschen Kolonien benannt wurden) legten, wiesen mir den Weg. Dieses Jahr war etwas weniger los als sonst. Das Team der Berliner Polizei fehlte. Aber es war wie immer bunt und fröhlich. Die Teams hatten wie immer die Auflage, sich aus mindestens drei Herkunftsnationen zusammen zu setzen. Und wie jedes Jahr nahmen viele Gefüchteten-Teams teil.
Und wie jedes Jahr war alles wieder ziemlich durcheinander. Gespielt wurde quer über den Platz, immer zwei Matches gleichzeitig. Da war es für den Spielleiter mit der mächtigen, goldglänzenden Hip-Hopper-Sonnenbrille nicht einfach, den Überblick zu behalten. Manche Teams verschwanden mitten im Turnier, manche waren zur Siegerehrung nicht mehr da. Und auch die Trikots zeigten nicht immer an, wer zu welcher Mannschaft gehörte. Anscheinend hatte „Titan FC Berlin“ noch ein paar Shirts mehr mitgebracht, die auch andere Teams überzogen. Aber alle zeigten ununterbrochen vollen Einsatz. Da mag sich unsere Nationalelf mal eine Scheibe abschneiden.

Auch am Spielfeldrand zeigte sich Vielfalt. Seien es die kleinen Nachwuchskicker, die einfach so auf dem Spielfeld mit einem Plastikball die ersten Pässe probierten und vom Spielleiter schnell verjagt wurden, sei es das Team von der Elfenbeinküste, das versuchte beim Team-Foto professionell dreinzuschauen oder der Stand auf der BAOBAB-Messe, an dem mir freundliche Frauen äthiopischen Kaffee in kleinen Porzellanschalen für einen Euro anboten.

Irgendwann traf ich auch einen Mann mit Hut und in grünem Expeditions-Outfit, der sich als Matthias Oberg vom NARUD e.V. vorstellte. Er hat das Ganze hier auf den Platz gebracht. Ganz fest versprach ich ihm, dass ich über das Turnier in unserem Kiez-Magazin berichten werde. Aber dann stellte sich heraus, dass es wichtigere Neuigkeiten gab. Vor einem türkischen Späti war eine Handgranate explodiert.

Unser täglich Brot

Halb Drei nachmittags, im Rewe irgendwo im Speckgürtel von Berlin, beim „Brotmeister“ Kamps. Der Verkäufer hat seine dünner werdende Mähne mit Gel festgeklatscht, damit man die Geheimratsecken nicht sieht. Den dünnen Backenbart trägt er nach der Facon des glücklosen, ab heute ehemaligen Trainers der DFB-Herren-Elf.

Was darf es sein?

Ein Hausbrot bitte.

Ein ganzes?

Ja, geschnitten bitte.

Normale Stärke?

Ja

Sonst noch was?

Meine hungrigen Augen bleiben an dem bauchigen schwarzen Kessel mit der Aufschrift „Kesselgulasch“ hängen.

Einmal die Tagessuppe für hier.

Einmal die Möhrensuppe?

Nein, das Kesselgulasch.

Heute ist Möhresuppe

Da steht aber Kesselgulasch drauf.

Das ist der Name von dem Topf.

Ah

Also was solls sein?

Ok, Möhrensuppe, aber mit einer Wiener. Und ein Brötchen.

Mit Ketchup oder Majo?

Mir Senf

Ah, stimmt, steht ja auch hier.

Ein Brötchen dazu?

Ja, sagt ich schon.

Er legt die Wurst und ein Päckchen Senf auf einen Teller und hebt den Deckel vom Topf.

Es sieht so aus als hätten meine Kolleginnen vergessen, heute die Suppe zu machen. Aber ich kann ihnen was wärmen, wenn sie einen Augenblick Zeit haben.

Hab ich. Geben sie mir schon mal die Wiener und das Brot

Er tuschelt mit seiner Kollegin, die ein Metallregal putzt. Sie schüttelt den Kopf .

Tut mir leid. Das mit dem Warmmachen geht nich. Das ist nicht erlaubt.

Dann geben sie mir jetzt das Brot und die Wiener.

Das Brot zu hier oder zum Mitnehmen?

Kein Wunder, dass wir nicht Weltmeister geworden sind.

Hitze

Samstagnachmittag in der Müllerstraße. Nur wenige Menschen sind auf der Sonnenseite unterwegs. Das Weltmeisterschaftsfahnenmeer vor dem Müller-Shop weht matt in einem heißen Wind, der keine Abkühlung bringt. Jeder BVG-Bus, der vorbeikommt, wirft einen neuen Schwall von Dieselabgasen und heißer Abwärme auf die Passanten.

Die Bauarbeiter an der Dauerbaustelle neben der Schiller-Bibliothek haben sich auf dem seit Jahren abgesperrten Trottoir eine private Plansche gebaut, in der kalkiges Wasser dümpelt.

Die richtige Plansche für die Kinder im Schillerpark ist kaputt. Reparatur kann dauern, sagt das Bezirksamt. Aber die Kinder wissen sich zu helfen. Vor dem Bolu-Supermarkt sprüht der alte, wettergegerbte Verkäufer mit einem Gartenschlauch den Gehweg ein, um sein Gemüse abzukühlen. Unentschlossen stehen ein Junge und ein Mädchen vor dem schnurrbärtigen Mann. Dann trauen sie sich, in den gesprühten Nebel hinein zu springen. Sie lachen, hüpfen hin und her, aus dem Wasser raus und wieder rein. Der Verkäufer macht das Spiel mit, bis die Kinder von ihren Eltern weiter gezogen werden.

Als Nächster kommt schon der Verkäufer-Kollege in der blauen Schürze und hält dem Alten das Gesicht hin. Vorsichtig streicht er von Weitem mit seinem Wasserstrahl über Gesicht und Arme des Mannes. Ein kleines Mädchen mit Sommerkleid und hellem Strohhut steht mit seiner Mutter schüchtern daneben. „Willst du auch mal?“ fragt der Verkäufer. Das Kind nickt. Aber da kommen nur noch ein paar Tropfen aus dem Schlauch und laufen über seine blassen Beine. Enttäuschte Kinderaugen sehen den Verkäufer stumm an. Der lacht und drückt auf den Vernebler und das Kind steht in einem kühlen Tropfenvorhang und dreht sich.

Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Warum?

Von weit her schreit mich die Frau von ihrem Balkon an: „Warum?“, ruft sie und es klingt wütend. Gerade habe ich ein Foto von dem heruntergekommen Wohnblock gemacht, in deren Erdgeschoss sie mit ihrer Familie in der Sonne sitzt. Mehr Worte werden nicht gewechselt, wohl auch, weil sie wenige Worte in Deutsch kennt. Aber sie schafft es das eine Wort so auszusprechen, dass ich genau verstehe, was sie meint: Wieso nimmst du dir das Recht heraus, uns hier zu fotografieren? Warum fotografierst du dieses schäbige Haus? Und warum können wir uns nicht dagegen wehren? Ja warum? Warum fotografiere ich nicht die Schillerparksiedlung, durch die ich gerade gelaufen bin? Die ist schön, Bauhausarchitektur, UNESCO-Weltkulturerbe, warum nicht die 50er-Jahre-Siedlung nebendran? Die ist immerhin geschütztes Denkmal, leicht, luftig, mit großen Balkons. Warum habe ich erst den Fotoapparat herausgeholt, als ich in die Siedlung kam, in der die Farben verblichen waren, wo an einigen Fenstern noch die Rauchspuren von vergangenen Zimmerbränden an der Fassade sichtbar waren und die wie bunte Kinderkleckse auf der Wand verteilten, grob zugeschmierten Löcher in der schon wieder renovierungsbedürftigen Wandisolierung? Elendstourismus in die Nachbarschaft? „Es ist wegen der Farbe. Wegen pastellfarbenen Balkone unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel.“, würde ich gerne rufen. Aber das würde die Frau wohl nicht verstehen. Ich verstehs ja selber nicht. Statt dessen rufe ich „Nicht Sie, ihr Haus!“. Lösche das Bild und laufe weiter. Vielleicht sollte ich anfangen, die Menschen zu fragen und dann die Menschen zu fotografieren und nicht die Häuser. Das habe ich versucht. Aber nur so zum Spaß will das in Zeiten der deep fakes keiner mehr.

Als ich mir später in der Pizzeria die Fotos anschaue, gefallen sie mir trotzdem.

Generationswechsel

Die CDU hatte immer recht: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau; Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee 1. Mai 2026

Ich bin mal wieder im falschen Film. Unter roten Fahnen aufgestellt laufe ich über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Zwischen prächtig herausgeputzten Plattenbauten, das frisch renovierte Kino „International“ und die viel besungene Mokka-Milch-Eis-Bar zur rechten und das ebenfalls grundsanierte Café Moskau zur linken, strebt die Demonstration auf das Rote Rathaus zu. Auch das „Haus der Statistik“ hat seine Zeiten als bröckelnde Ruine und Trümmer-Theater hinter sich und strahlt in frischem Weiß. Auf den Transparenten um mich herum wird der Sieg des Sozialismus und die internationale Solidarität beschworen. Junge Männer verteilen kostenlos das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“. Auf dem Alexanderplatz hieven mächtige Kräne einen neuen Wolkenkratzer aus dem Beton, höher noch und prächtiger als der Turm des Interhotel „Hotel Stadt Berlin“, das das in den 1970ern das höchste Hotel in Berlin – Hauptstadt der DDR war. Das neue Haus wird so hoch, dass es fast dem Fernsehturm Konkurrenz macht, an manchen Stellen verdeckt es ihn sogar. Hat der Sozialismus doch gesiegt? Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonn scheint ohn Unterlass. Es geht vorwärts. Ich gehe mit.

Wo bin ich? In einem besseren Land, in dem es keinen Wohnungsmangel, keine Inflation und keine Kriegsgefahr gibt? Oder bin ich hier in die Dreharbeiten für „Good bye Lenin II“ geraten? Vielleicht ist das ein Reinactment der 1. Mai-Paraden? Aber wo sind dann die Betriebskampfgruppen und die Ehrentribühne des Politbüros? Und wieso ist das Ambulatorium – eine der wichtigsten Errungenschaften jeder sozialistischen Siedlung- so heruntergekommen? Hat man vergessen die Fassade rechtzeitig für die 1. Mai-Parade zu tünchen, oder bin ich in Wirklichkeit einem Land, das kein Geld mehr hat für die Kranken?

„Zeigt eure Fahnen!“ brüllt eine junge Frau von einem Lastwagen herunter eine bunt zusammengewürfelte Truppe an, die mit den Fahnen der DGB-Gewerkschaften hinter dem Musik-Truck hertrotten. Das hat was von Love-Parade und reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich taumele an einem Stand der SPD vorbei, die wie immer die wirklichen Bedürfnisse der revolutionären Massen gut erkannt hat. Die Genossen schenken Kaffee in roten Pappbechern aus. Der bringt mich in die Gegenwart zurück. Danke, Genossen!
„Wir wollen ein schönes Leben für alle“ blökt es durch ein anderes Megafon, durch das vorher die krassesten Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt wurden. Das klingt nicht nach Klassenkampf sondern nach Bullerbü. „Wir wollen ein bezahlbares und solidarisches Neukölln“ steht bescheiden auf einem Banner. Das erinnert mich an meine Tochter, die dort wohnt und sich in ihrem Kiez nützlich macht. Ich schicke ihr ein Foto und fordere sie ironisch auf „Heraus zum 1. Mai“, wohl wissend, dass sie an ihren freien Tagen kaum um 11 Uhr aus dem Bett kommt. „Bin schon da!“ kommt es zurück „vorne links“. Und wieder glaube ich zu träumen, als ich das große Kind in roter Gewerkschaftsweste finde. Davon wusste ich gar nichts. Des Vaters Fußstapfen sind nicht so groß, dass sie hineintreten müsste, aber ich freue mich trotzdem. Brav rufe ich mit ihr und ihren Freunden „Hoch die internationale Solidarität“ und „Wir sind die Generation, die den Faschismus stoppt“. Zwischendrin fragt sie mich, warum ich mich so dick angezogen hätte und ob ich mein Gesicht gegen die Sonne geschützt hätte? Sie reicht mir die Sonnencreme Schutzfaktor 50 rüber. Es riecht nach Urlaub. Zusammen gehen wir noch über das Maifest am Marx-Engels-Forum. Aber da geht es nur noch um die Wurst. Es gibt Bratwurst von ver.di oder von der BSR oder von der IG-Metall. Aber ich fülle die Gewerkschaftskassen schon genug mit meinen Beiträgen, da muss ich mich nicht noch in die Arbeitereinheitsfront vor der Wurstbude einreihen, zumal im Hintergrund eine echtes proletarisches Schalmeienorchester quääckt. Und ich denke erleichtert, dass ich langsam aufhören kann auf Demos zu gehen und das der nächsten Generation überlassen kann.

Freigang

Von einem Freund habe ich mir gestern ein Buch über den Berliner Knast in Tegel ausgeliehen; genauer: über einen Schauspieler, der als Vollzugshelfer einen lebenslang einsitzenden Mörder regelmäßig besucht. Harter Stoff. Aber dadurch weiß ich, dass auch Gefangene eine Stunde am Tag aus ihrer Zelle raus müssen. Also rappele ich mich auf, ziehe den dicken Parka an, den ich eigentlich schon in den Schrank gehängt hatte und schleppe mich ins Café am U-Bahnhof. „Wir machen aber gleich zu.“, bekomme ich zu Begrüßung mit der Tasse Kaffee überreicht. Wieder zu spät für die schönen Dinge im Leben.

Vor dem Eingang stapeln sich die achtlos stehengelassenen E-Roller. Die Straße runter wird es auch nicht freundlicher. Der vietnamesische Blumenladen hat auch am Sonntag auf, aber die Blüten sind schon halb verwelkt und finden keinen Käufer mehr. Im Fahrradladen daneben daneben verstauben die Kinderroller und die Rennräder in der Auslage. Die braune Rampe, die es den Kunden leichter machen sollte, in den Laden zu kommen, ist wie eine Zugbrücke hochgeklappt. Lebt hier noch jemand? Den rostigen Fahrradleichen, die vor dem Laden dahingammeln, drohen ausgeblichene Zettel des Ordnungsamtes schon seit Wochen den Abtransport an. Irgendwann wir der Wind sie abreißen und niemand wird kommen.

Über der Stadt haben sich die lange angekündigten Regenwolken zusammengezogen. Es fängt an zu tröpfeln. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und sehe, wie sich auf der anderen Straßenseite die Junkies vor dem Drogenkonsumraum „Müllerstube“ dicht an die Wand. drücken, um nicht nass zu werden. Nützt aber nichts, denn jetzt fängt es richtig an, dunkel zu werden.

Und in dem Dunkel ist ein Leuchten. Als ich meinen Rundgang abbreche und durch den trommelnden Regen nach Hause einschwenke, liegt rund um einen polnischen Transporter ein neongrüner Teppich aus Ahornblüten. Wie Fronleichnam in meiner katholischen Heimat, als wir Grundschüler vor den Heiligenbildern Bilder aus Wiesenblumen legten. Auch mein Moped badet im Blütenmeer. Die Natur räumt auf und erholt sich. Mich braucht sie dafür nicht. Ich kann wieder in meine Zelle.

Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.

Seltene Erden

Das Glück erwischt einen ja an den Orten, an dem man es am wenigsten erwartet. Es braucht nur ein bisschen Sonnenschein, eine Nacht, in der das Thermometer um 10 Grad gestiegen ist und die erste Tour mit dem Moped, dann wird sogar ein Café in einem Berliner Waschbetonviertel aus den 1970er-Jahren zu einer Insel der Glückseligkeit. 2000 Kilometer weiter östlich tobt seit vier Jahren ein Krieg, über unsere Straßen rollen Autos, die Panzern gleichen und an der Ecke verwandeln sich hinter den Baugerüsten Sozialbauten in Investmentobjekte. Wie immer. Aber doch nicht gerade jetzt, doch nicht in diesem Moment. Grade ist doch alles friedlich. Sogar das rasende Bollern der SUV-Reifen über das Kopfsteinpflaster, das durch die offene Tür herein kommt, hört sich für mich an wie ein willkommenes Zeichen des wiedererwachten Lebens. Mir geht‘s gut.
Die selbstbewussten Frauen, die das Café Freysinn hier seit Jahren schmeißen haben mir die Wahl zwischen fünf vegetarischen Gerichten gelassen und als ich danach noch sehnsüchtig auf den Mohnkuchen in der Vitrine schmulte (das ist mein Lieblings-Alt-Berliner Wort und bedeutet „verstohlen neugierig schauen“), kriegte ich das Reststück für n‘ nen Euro. So schön kann Berlin sein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
Natürlich nicht. „Jedes echte Glücksgefühl ist künstlich.“, heißt der alte Säuferspruch. Aber bei mir ist es kein Schnaps, der mich froh macht in einer Welt, die zum Heulen ist, sondern Vitamin B 12. Das fehlte mir nämlich bis vor einer halben Stunde. „Die Spritze wird von manchen Menschen als euphorisiernd empfunden.“, hatte mich die Ärztin gewarnt. So ist das mit der Körperchemie. Man denkt es ist der holde Lenz, der die zartesten Gefühle in einem weckt und dabei kommt das Glück aus den Retorten der Bayer AG, hier um die Ecke in der Seestraße. Aber wie alles Glück ist auch das aus der Spritze nicht vollkommen. „Ihnen fehlt auch noch Selen“, hatte die Ärztin sorgenvoll mit Blick auf die Laborwerte festgestellt. „Das ist ein Element, das steckt in Brot und Getreide.“ Seltsam, davon esse ich doch mehr als genug, staunte ich. Aus heimischem Anbau und in bio. „Ja, aber Deutschland ist ein Selen-Mangelgebiet. Das kommt hier im Boden nicht ausreichend vor.“, wurde ich aufgeklärt. Da hatte mich die Weltpolitik wieder. Die Deutschen können sich mit seltenen Erden nicht selber versorgen. Wer hat das Monopol auf Selen-Tabletten? Hängt mein Glück und meine Gesundheit am Ende vom Erfolg der China-Reise des Bundeskanzlers ab?

Nein. Mein Glück hängt vom Glück meiner Mitmenschen ab. Heute Abend klingelte es an der Haustüre. Eine verwaschene Männerstimme meinte durch die Sprechanlage, ich solle „mal aufmachen“. Irgend ein geknechteter Mensch wahrscheinlich, der die Briefkästen mit Prospekten vollstopfen will. Da bin ich natürlich solidarisch und skeptisch zugleich. Ist ja schon einiges vorgekommen. Also drücke ich auf den Öffner und gehe gleich nach unten, um zu schauen. In der offenen Tür lehnt ein Typ meines Alters, spindeldünn, schwarze Klamotten, Bikerbart und eine Bierflasche in der Hand. Nicht die erste für heute, denn gerade stehen kann er nicht mehr. Vitamin B 12 hätte ihn auch nicht glücklicher machen können. In der anderen Hand hat er den Schlüssel meines Mopeds. „Den haste in deiner Simson stecken lassen.“, sagt er und deutet auf mein Moped, das vor der Tür auf dem Gehsteig parkt. „Darfste nich machen, die Dinger sind schwer begehrt. Ich weiß, wovon ich rede.“ Drückt mir den Schlüssel in die Hand, wuchtet sich vom Türrahmen weg und schlurft glücklich weiter.