Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Warum?

Von weit her schreit mich die Frau von ihrem Balkon an: „Warum?“, ruft sie und es klingt wütend. Gerade habe ich ein Foto von dem heruntergekommen Wohnblock gemacht, in deren Erdgeschoss sie mit ihrer Familie in der Sonne sitzt. Mehr Worte werden nicht gewechselt, wohl auch, weil sie wenige Worte in Deutsch kennt. Aber sie schafft es das eine Wort so auszusprechen, dass ich genau verstehe, was sie meint: Wieso nimmst du dir das Recht heraus, uns hier zu fotografieren? Warum fotografierst du dieses schäbige Haus? Und warum können wir uns nicht dagegen wehren? Ja warum? Warum fotografiere ich nicht die Schillerparksiedlung, durch die ich gerade gelaufen bin? Die ist schön, Bauhausarchitektur, UNESCO-Weltkulturerbe, warum nicht die 50er-Jahre-Siedlung nebendran? Die ist immerhin geschütztes Denkmal, leicht, luftig, mit großen Balkons. Warum habe ich erst den Fotoapparat herausgeholt, als ich in die Siedlung kam, in der die Farben verblichen waren, wo an einigen Fenstern noch die Rauchspuren von vergangenen Zimmerbränden an der Fassade sichtbar waren und die wie bunte Kinderkleckse auf der Wand verteilten, grob zugeschmierten Löcher in der schon wieder renovierungsbedürftigen Wandisolierung? Elendstourismus in die Nachbarschaft? „Es ist wegen der Farbe. Wegen pastellfarbenen Balkone unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel.“, würde ich gerne rufen. Aber das würde die Frau wohl nicht verstehen. Ich verstehs ja selber nicht. Statt dessen rufe ich „Nicht Sie, ihr Haus!“. Lösche das Bild und laufe weiter. Vielleicht sollte ich anfangen, die Menschen zu fragen und dann die Menschen zu fotografieren und nicht die Häuser. Das habe ich versucht. Aber nur so zum Spaß will das in Zeiten der deep fakes keiner mehr.

Als ich mir später in der Pizzeria die Fotos anschaue, gefallen sie mir trotzdem.

Generationswechsel

Die CDU hatte immer recht: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau; Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee 1. Mai 2026

Ich bin mal wieder im falschen Film. Unter roten Fahnen aufgestellt laufe ich über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Zwischen prächtig herausgeputzten Plattenbauten, das frisch renovierte Kino „International“ und die viel besungene Mokka-Milch-Eis-Bar zur rechten und das ebenfalls grundsanierte Café Moskau zur linken, strebt die Demonstration auf das Rote Rathaus zu. Auch das „Haus der Statistik“ hat seine Zeiten als bröckelnde Ruine und Trümmer-Theater hinter sich und strahlt in frischem Weiß. Auf den Transparenten um mich herum wird der Sieg des Sozialismus und die internationale Solidarität beschworen. Junge Männer verteilen kostenlos das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“. Auf dem Alexanderplatz hieven mächtige Kräne einen neuen Wolkenkratzer aus dem Beton, höher noch und prächtiger als der Turm des Interhotel „Hotel Stadt Berlin“, das das in den 1970ern das höchste Hotel in Berlin – Hauptstadt der DDR war. Das neue Haus wird so hoch, dass es fast dem Fernsehturm Konkurrenz macht, an manchen Stellen verdeckt es ihn sogar. Hat der Sozialismus doch gesiegt? Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonn scheint ohn Unterlass. Es geht vorwärts. Ich gehe mit.

Wo bin ich? In einem besseren Land, in dem es keinen Wohnungsmangel, keine Inflation und keine Kriegsgefahr gibt? Oder bin ich hier in die Dreharbeiten für „Good bye Lenin II“ geraten? Vielleicht ist das ein Reinactment der 1. Mai-Paraden? Aber wo sind dann die Betriebskampfgruppen und die Ehrentribühne des Politbüros? Und wieso ist das Ambulatorium – eine der wichtigsten Errungenschaften jeder sozialistischen Siedlung- so heruntergekommen? Hat man vergessen die Fassade rechtzeitig für die 1. Mai-Parade zu tünchen, oder bin ich in Wirklichkeit einem Land, das kein Geld mehr hat für die Kranken?

„Zeigt eure Fahnen!“ brüllt eine junge Frau von einem Lastwagen herunter eine bunt zusammengewürfelte Truppe an, die mit den Fahnen der DGB-Gewerkschaften hinter dem Musik-Truck hertrotten. Das hat was von Love-Parade und reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich taumele an einem Stand der SPD vorbei, die wie immer die wirklichen Bedürfnisse der revolutionären Massen gut erkannt hat. Die Genossen schenken Kaffee in roten Pappbechern aus. Der bringt mich in die Gegenwart zurück. Danke, Genossen!
„Wir wollen ein schönes Leben für alle“ blökt es durch ein anderes Megafon, durch das vorher die krassesten Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt wurden. Das klingt nicht nach Klassenkampf sondern nach Bullerbü. „Wir wollen ein bezahlbares und solidarisches Neukölln“ steht bescheiden auf einem Banner. Das erinnert mich an meine Tochter, die dort wohnt und sich in ihrem Kiez nützlich macht. Ich schicke ihr ein Foto und fordere sie ironisch auf „Heraus zum 1. Mai“, wohl wissend, dass sie an ihren freien Tagen kaum um 11 Uhr aus dem Bett kommt. „Bin schon da!“ kommt es zurück „vorne links“. Und wieder glaube ich zu träumen, als ich das große Kind in roter Gewerkschaftsweste finde. Davon wusste ich gar nichts. Des Vaters Fußstapfen sind nicht so groß, dass sie hineintreten müsste, aber ich freue mich trotzdem. Brav rufe ich mit ihr und ihren Freunden „Hoch die internationale Solidarität“ und „Wir sind die Generation, die den Faschismus stoppt“. Zwischendrin fragt sie mich, warum ich mich so dick angezogen hätte und ob ich mein Gesicht gegen die Sonne geschützt hätte? Sie reicht mir die Sonnencreme Schutzfaktor 50 rüber. Es riecht nach Urlaub. Zusammen gehen wir noch über das Maifest am Marx-Engels-Forum. Aber da geht es nur noch um die Wurst. Es gibt Bratwurst von ver.di oder von der BSR oder von der IG-Metall. Aber ich fülle die Gewerkschaftskassen schon genug mit meinen Beiträgen, da muss ich mich nicht noch in die Arbeitereinheitsfront vor der Wurstbude einreihen, zumal im Hintergrund eine echtes proletarisches Schalmeienorchester quääckt. Und ich denke erleichtert, dass ich langsam aufhören kann auf Demos zu gehen und das der nächsten Generation überlassen kann.

Freigang

Von einem Freund habe ich mir gestern ein Buch über den Berliner Knast in Tegel ausgeliehen; genauer: über einen Schauspieler, der als Vollzugshelfer einen lebenslang einsitzenden Mörder regelmäßig besucht. Harter Stoff. Aber dadurch weiß ich, dass auch Gefangene eine Stunde am Tag aus ihrer Zelle raus müssen. Also rappele ich mich auf, ziehe den dicken Parka an, den ich eigentlich schon in den Schrank gehängt hatte und schleppe mich ins Café am U-Bahnhof. „Wir machen aber gleich zu.“, bekomme ich zu Begrüßung mit der Tasse Kaffee überreicht. Wieder zu spät für die schönen Dinge im Leben.

Vor dem Eingang stapeln sich die achtlos stehengelassenen E-Roller. Die Straße runter wird es auch nicht freundlicher. Der vietnamesische Blumenladen hat auch am Sonntag auf, aber die Blüten sind schon halb verwelkt und finden keinen Käufer mehr. Im Fahrradladen daneben daneben verstauben die Kinderroller und die Rennräder in der Auslage. Die braune Rampe, die es den Kunden leichter machen sollte, in den Laden zu kommen, ist wie eine Zugbrücke hochgeklappt. Lebt hier noch jemand? Den rostigen Fahrradleichen, die vor dem Laden dahingammeln, drohen ausgeblichene Zettel des Ordnungsamtes schon seit Wochen den Abtransport an. Irgendwann wir der Wind sie abreißen und niemand wird kommen.

Über der Stadt haben sich die lange angekündigten Regenwolken zusammengezogen. Es fängt an zu tröpfeln. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und sehe, wie sich auf der anderen Straßenseite die Junkies vor dem Drogenkonsumraum „Müllerstube“ dicht an die Wand. drücken, um nicht nass zu werden. Nützt aber nichts, denn jetzt fängt es richtig an, dunkel zu werden.

Und in dem Dunkel ist ein Leuchten. Als ich meinen Rundgang abbreche und durch den trommelnden Regen nach Hause einschwenke, liegt rund um einen polnischen Transporter ein neongrüner Teppich aus Ahornblüten. Wie Fronleichnam in meiner katholischen Heimat, als wir Grundschüler vor den Heiligenbildern Bilder aus Wiesenblumen legten. Auch mein Moped badet im Blütenmeer. Die Natur räumt auf und erholt sich. Mich braucht sie dafür nicht. Ich kann wieder in meine Zelle.

Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.

Seltene Erden

Das Glück erwischt einen ja an den Orten, an dem man es am wenigsten erwartet. Es braucht nur ein bisschen Sonnenschein, eine Nacht, in der das Thermometer um 10 Grad gestiegen ist und die erste Tour mit dem Moped, dann wird sogar ein Café in einem Berliner Waschbetonviertel aus den 1970er-Jahren zu einer Insel der Glückseligkeit. 2000 Kilometer weiter östlich tobt seit vier Jahren ein Krieg, über unsere Straßen rollen Autos, die Panzern gleichen und an der Ecke verwandeln sich hinter den Baugerüsten Sozialbauten in Investmentobjekte. Wie immer. Aber doch nicht gerade jetzt, doch nicht in diesem Moment. Grade ist doch alles friedlich. Sogar das rasende Bollern der SUV-Reifen über das Kopfsteinpflaster, das durch die offene Tür herein kommt, hört sich für mich an wie ein willkommenes Zeichen des wiedererwachten Lebens. Mir geht‘s gut.
Die selbstbewussten Frauen, die das Café Freysinn hier seit Jahren schmeißen haben mir die Wahl zwischen fünf vegetarischen Gerichten gelassen und als ich danach noch sehnsüchtig auf den Mohnkuchen in der Vitrine schmulte (das ist mein Lieblings-Alt-Berliner Wort und bedeutet „verstohlen neugierig schauen“), kriegte ich das Reststück für n‘ nen Euro. So schön kann Berlin sein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
Natürlich nicht. „Jedes echte Glücksgefühl ist künstlich.“, heißt der alte Säuferspruch. Aber bei mir ist es kein Schnaps, der mich froh macht in einer Welt, die zum Heulen ist, sondern Vitamin B 12. Das fehlte mir nämlich bis vor einer halben Stunde. „Die Spritze wird von manchen Menschen als euphorisiernd empfunden.“, hatte mich die Ärztin gewarnt. So ist das mit der Körperchemie. Man denkt es ist der holde Lenz, der die zartesten Gefühle in einem weckt und dabei kommt das Glück aus den Retorten der Bayer AG, hier um die Ecke in der Seestraße. Aber wie alles Glück ist auch das aus der Spritze nicht vollkommen. „Ihnen fehlt auch noch Selen“, hatte die Ärztin sorgenvoll mit Blick auf die Laborwerte festgestellt. „Das ist ein Element, das steckt in Brot und Getreide.“ Seltsam, davon esse ich doch mehr als genug, staunte ich. Aus heimischem Anbau und in bio. „Ja, aber Deutschland ist ein Selen-Mangelgebiet. Das kommt hier im Boden nicht ausreichend vor.“, wurde ich aufgeklärt. Da hatte mich die Weltpolitik wieder. Die Deutschen können sich mit seltenen Erden nicht selber versorgen. Wer hat das Monopol auf Selen-Tabletten? Hängt mein Glück und meine Gesundheit am Ende vom Erfolg der China-Reise des Bundeskanzlers ab?

Nein. Mein Glück hängt vom Glück meiner Mitmenschen ab. Heute Abend klingelte es an der Haustüre. Eine verwaschene Männerstimme meinte durch die Sprechanlage, ich solle „mal aufmachen“. Irgend ein geknechteter Mensch wahrscheinlich, der die Briefkästen mit Prospekten vollstopfen will. Da bin ich natürlich solidarisch und skeptisch zugleich. Ist ja schon einiges vorgekommen. Also drücke ich auf den Öffner und gehe gleich nach unten, um zu schauen. In der offenen Tür lehnt ein Typ meines Alters, spindeldünn, schwarze Klamotten, Bikerbart und eine Bierflasche in der Hand. Nicht die erste für heute, denn gerade stehen kann er nicht mehr. Vitamin B 12 hätte ihn auch nicht glücklicher machen können. In der anderen Hand hat er den Schlüssel meines Mopeds. „Den haste in deiner Simson stecken lassen.“, sagt er und deutet auf mein Moped, das vor der Tür auf dem Gehsteig parkt. „Darfste nich machen, die Dinger sind schwer begehrt. Ich weiß, wovon ich rede.“ Drückt mir den Schlüssel in die Hand, wuchtet sich vom Türrahmen weg und schlurft glücklich weiter.

Berliner Charme

Wer sagt denn, dass die Berliner ruppig sind, und dass hier Nix klappt?

Kaum ist das Schlachtfeld in meiner Wohnung nach dem Heizungstausch beseitigt, schon gibt’s Schokolade von der Hausverwaltung und eine Mieterhöhung ab Mai. Sogar den tropfenden Wasserhahn wollen sie auswechseln lassen – irgendwann.

Auch sonst lässt‘s sich hier leben. Jeder Tag ein Abenteuer.

Bilder einer Ausstellung

Müllerstraße, stadtauswärts, hinter dem U-Bahnhof. Seit Jahren gibt es hier einen Laden für Party-Artikel und Kostüme. Aber die Auslage ist verstaubt, die Farben verblasst, die Plakate blaustichig. Ein trauriger Anblick für einen Laden, der Freude verkaufen will. Ist der Laden zu, oder passiert hier noch was?  Da geht die Tür auf. Heraus kommt ein Mann mit einer fröhlichen grauen Lockenpracht. „Hallo!“, sag ich, „Ist ihr Geschäft noch offen?“ „Natürlich“, raunzt er zurück, „Wonach sieht’s denn aus?“ „Na ja, die Auslage hat sich seit ein paar Jahren nicht verändert.“ „Und sie fragen sich jetzt, ob dit een Laden is oder n’e Ausstellung?“. „Bald ist Karneval, da könnt man ja mal was Neues ins Schaufenster stellen.“ „Ach was, das läuft doch alles heute über Temu oder Sch…“ Das letzte Wort klingt wie ein Fluch. Neben uns hält ein DHL-Transporter, auf den der Mann wohl gewartet hat.

Der Bote drückt ihm drei Pakete in die Hand. Er nimmt Lieferungen von Online-Shops an, die sein Geschäft ruiniert haben. Damit verdient der Grauhaarige wohl jetzt sein Geld. Die Party ist vorbei. Er muss irgendwie über die Runden kommen.

Stellvertretende Gedanken

In der Johanneskirche in Saalfeld. Wenigstens unter dem Dach funktioniert der Zusammenhalt hier noch. Ist aber filigran.

Gerade lese ich, dass die Abgeordneten der Nationalversammlung in Paris eine Gedenkminute für die Opfer des Brandes im Schweizer Crans-Montana abhalten. Und das Ritual kommt mir plötzlich so aus der der Zeit gefallen vor. Wollen wir das überhaupt noch, dass jemand in unserem Namen trauert, gedenkt, nachdenkt, Verantwortung übernimmt? Wollen wir nicht viel lieber unsere Gefühle direkt über alle Medien und ungefiltert in die Welt bringen? Wollen wir nicht lieber in allen Dingen mitreden, mitentscheiden und gefragt werden? Ist die Meinung der Einzelnen nicht klüger als die ihrer Vertreter? Und glaubt noch jemand an die „Würde“, die moralische Leitfunktion, die Berücksichtigung übergeordneter Interessen unserer Gemeinschaft, die bestimmte Institutionen wie das Parlament oder der Bundespräsident für sich beanspruchen? Oder an eine gemeinsame Idee? Im Studium hatte ich mal ein Seminar über den Schweizer Philosophen J.J. Rousseau. Der glaubte, dass es über dem gemeinsamen Einzelinteressen aller noch einen Willen der Gemeinschaft gibt. Da hieß es: „Die volonté générale ist ein Ideal, das die Selbstregierung einer Gesellschaft bestimmen soll, indem sie die Gesetzgebung auf den Erhalt und das Wohlergehen der Gesellschaft als politischer Körperschaft ausrichtet.“ Glaubt das noch jemand?

Ich für meinen Teil finde es sehr entlastend, Verantwortung abgeben und auf die Entscheidung meiner Vertreterinnen und Vertreter vertrauen zu können. Nicht nur weil ich mich nicht mit der langen Liste der Entscheidungen beschäftigen möchte, die bei jeder Sitzung des Bundestages auf der Tagesordnung stehen. Nicht nur, weil ich zu vielen Themen schlicht keine Meinung habe, nicht nur, weil ich in Beruf und Familie genug Entscheidungen treffen muss, sondern auch weil ich bisher den Eindruck hatte, dass Menschen, die für die Gemeinschaft eine Aufgabe übernehmen, das bisher im Großen und Ganzen gut gemacht haben. Ernsthaft! Und das Schöne ist, dass sie, wenn was nicht klappt, auch wenn sie nicht daran schuld sind, als Sündenböcke herhalten können. In Berlin wird derzeit der Regierende Bürgermeister gegrillt, weil er lieber Tennis spielte als nach dem Anschlag auf die Stromleitungen bei den frierenden Bewohnern der Altenheime zu sein. Da merkt man, dass die Menschen an Vertreter eines öffentlichen Amtes durchaus noch mehr Ansprüche haben als ein halbwegs funktionierendes Krisenmanagement.

Leider wurde mein Vertrauen in meine Vertreter ausgerechnet in einer Kirche erschüttert. Die katholische Kirche ist ja geradezu die Erfinderin der Idee des „Stellvertreters auf Erden“. Und sie hat das Vertrauen gründlich missbraucht. Aber diesmal war es die evangelische Johanneskirche in Saalfeld in Thüringen, die ich mit einem Freund im Sommer besuchte (ja, wir haben uns im Osten nicht nur Plattenbauten angeschaut). Der engagierte Küster gab uns eine kostenlose Kunstführung durch die wunderschön restaurierte Kirche. Und wir kamen natürlich auf die Geschichte und von der Geschichte zur politischen Gegenwart. Und da ist die AfD nach der Landtagswahl 2024 in Thüringen stärkste Partei. Und der freundliche Kirchenmann wurde plötzlich zynisch. „Glauben sie nicht, dass das nur unser Problem ist. Das wird ihnen in Berlin genau so passieren.“ Von einem Kirchenmann erwarte ich Gottes Segen auf all meinen Wegen. Aber das klang wie ein Fluch, den er uns mit auf den Heimweg geben wollte, wohl auch um die Schuld seiner Schäfchen zu vermindern.

Aber wie ist es, wenn in Berlin, sowohl im Land 2026 als auch später im Bundestag die AfD die Oberhand gewinnt? Sind dann noch gemeinsame Gedenkstunden denkbar? Oder werden auch zu diesen Anlässen Spaltung, Hass und Häme den Ton bestimmen? Spätestens dann werden wir wissen, wie wichtig diese abgenutzten Rituale unserer Gemeinschaft für uns sind.

Nebel der Verfluchten

Der Rhein verdampft. In den dichten Nebelschwaden die aus seinem trockenen Flussbett aufsteigen fliegen die Wassergeister, die Rheintöchter und Walküren in den kalten Rauhnächten unerkannt über Tal und Wiesen und schaffen Wirrnis und Wahnsinn unter den Menschen und ihren Gehilfen. Die Zeit versinkt, die Uhren laufen rückwärts und weh dem Reisenden, der sich ohne Schutz auf den Weg in den Osten nach Westfalen wagt. „Warum heißt das eigentlich Ostwestfalen? Das gibt doch keinen Sinn.“, weiß mir die wirkliche weise Rheintochter, die mir auf dem Weg nach Hamm beisteht. Ach Tochter, wenn doch dieses verfluchtes Land nur diese Wirrnis der Worte seit Generationen erdulden müsste. Sag mir lieber, wo der Zug geblieben ist, den wir in Hamm zu erhaschen geglaubt hatten. Hat ihn der Nebel verschluckt, haben böse Geister ihn von den Gleisen geraubt? Oder irrt er, voll mit verlorenen Seelen auf ewig durch ein dunkles Reich im Jenseits, fern aller Fahrpläne, gestrandet und dazu verdammt, niemals wieder in die Wirklichkeit zurück zu kehren? Welcher Verkehrsminister muss zur Buße seiner Frevel auf ewig im Steuerstand dieses verfluchten ICE stehen und welcher Bahnchef muss als Strafe für seine Hoffahrt in diesem Geisterzug auf immer die verstopfte Toilette putzen?

„Einen ICE um 14 Uhr 11 von Hamm nach Berlin hat es nie gegeben.“, höhnt der Mann mit der Schirmmütze hinter der Panzerglasscheibe der Bahnhofsinformation. Aber hier steht es doch, in meinem Telefon, will ich sagen, will ihm die Nachricht, die uns auf den falschen Weg geleitet hat vor sein amtliches Gesicht halten. „Ja“, hallt es aus der Amtsstube, „ein altes iPhone. Da werden die Züge seit Wochen eine Stunde früher angezeigt. Das ist bekannt.“

Damit wir es selber lesen können, hebt er uns sein Amtstelefon an die Scheibe. Natürlich, es ist meine Schuld. Warum weiß ich nicht, was der Amtsperson wohlbekannt ist? Warum habe ich ein altes Telefon und auch noch von der falschen Marke? Nicht böser Geister Willkür hat mich und meine Tochter vom rechten Weg abgebracht, sondern fehlende Wachsamkeit meinerseits. Tief beschämt nehmen wir eine Stunde später unsere Plätze in dem Zug ein, den die Bahn für uns bestimmt hat. Wie konnten wir uns so in die Irre führen lassen? Da kommt hinter Hannover die Durchsage: „Leider haben wir derzeit 15 Minuten Verspätung. Die Verspätung wird sich bis Berlin leider noch erhöhen. Grund dafür ist ein vorausfahrender Zug auf der Strecke.“ Da ist er! Der Geisterzug. Es gibt ihn doch. Und er wird immer auftauchen, wenn die Bahn eine Ausrede für ihre Verspätungen braucht. Also noch sehr, sehr lange. Bis in alle Ewigkeit. Ein Erlöser ist nicht in Sicht. Ich schaue durch das Zugfenster. Dunkelheit hat den Nebel verschluckt. Aber sehe ich nicht vor uns die schwachen roten Rücklichter eines vorausfahrenden Zuges? Und höre ich nicht leise das Wehgeschrei der Verdammten in seinen Abteilen? Nein, es ist der Schaffner in blutroter Livree, der uns Gummibärchen anbietet, um uns trotz Verspätung bei Laune zu halten. Sind wir wirklich im richtigen Zug? Und wird unsere Fahrt je enden?