Berlin lebt

„Wo ihrer drei beisammen stehen, da soll man auseinandergehen…“ Wer denkt, mit Polizeiverordnungen wie aus Krähwinkels Schreckenstagen wäre das Leben in Berlin zum Stillstand gekommen, der hat wohl keine Augen im Kopf.  Zwar heißt es heute wieder fast wie bei Heine vor 150 Jahren: Auf den Straßen und den Gassen soll man sich nicht sehen lassen. Aber es bleibt einem in Berlin ja immer noch der Hinterhof. Und da platzt das Leben aus allen Nähten. Und das Licht. „Ich habe das Licht gesehen!“ (Nicht Heine, sondern Jake Blues von den Blues Brothers).

Ich wünsche euch helle Frühlingstage und bleibt gesund!

Das muss jetzt

Plötzlich geht vieles, was lange nicht möglich war. Oder aufgeschoben. Oder unentschieden. Mein billiges Handy zum Beispiel. Es schwächelt schon eine Weile. Aber ich hab mich nicht dazu aufraffen können, es endlich aufzugeben. Dabei habe ich ein solides Nokia in der Schublade. Ich wollte mich halt nicht mit was Neuem, Anstrengendem beschäftigen. Aber gestern dachte ich: Du kannst doch nicht mit einem wackligen Handy rumlaufen, jetzt, in Zeiten von Corona. Du musst erreichbar sein. Du musst wissen was los ist. Also hingesetzt, Betriebsanleitung gelesen, rumgetippt, Hotline angerufen und jetzt läuft’s. So kenn ich mich gar nicht.
Oder die Sache mit dem neuen Perso. Hatte ein Schreiben bekommen. Könnte den jetzt abholen kommen. In Schöneweide, nur 20 Kilometer quer durch die Stadt. Nehme mir einen halben Tag frei, gehe durch die Tür vom Bezirksamt und da ist auf einmal ein Absperrband. Dahinter ein blondes Mädchen, so ne Azubi wahrscheinlich. Fragt mich, was ich will. Meinen Perso will ich abholen, sag ich. Geht nicht, sagt sie, neue Anweisung von heute, geht nur noch mit Termin. Oder brauchen sie den dringend, für die Bank, oder so? Ja, sag ich, ich brauch den dringend, für die Bank und so. Das glaub ich ihnen jetzt nicht, sagt sie, das ham sie jetzt von mir. Na, sag ich, dann brauch ich ihn eben für die Post, um Päckchen abzuholen. Sie müssen doch nur ins Regal hinter sich greifen. Nein, geht nicht, sagt sie und nestelt ein paar fliederfarbene Latexhandschuhe über ihre Finger, sie könnten sich infizieren. Wo könnte ich mich infiziern? frag ich. Wenn sie ihre Unterschriften leisten, da müssen sie unseren Stift benutzen, sagt sie ins Blaue hinein. Wo lernen die, sich so Sachen auszudenken? Die Jungen sind schlimmer als die Alten, denk ich mir, die wissen noch nicht welche Macht sie haben, kennen noch nicht das menschliche Maß. Und an Kafka denke ich, der sich so eine Situation hätte ausdenken können. Aber da bin ich schon wieder aus der Tür. Geht aber nicht ohne Perso. Nicht in Zeiten von Corona. Nicht wenn Ausgangssperre und Polizeikontrollen drohen, Massenunruhen und Straßenkämpfe, Lebensmittel auf Bezugschein und hungrige Kinder mit großen Augen. Ich brauche einen Perso. Ich denk an die Großmutter, die aus Vorpommern flüchten musste und als alte Preußin das Wichtigste mitnahm, was sie hatte: Ihre Kinder und ihre Papiere. Und die Papiere, das war tatsächlich das erste, wonach sie die Beamten fragten, als sie mit drei Kindern in Berlin strandete und um Hilfe bat. Geht also nicht, nicht in Preußen. Ich brauche ein Dokument, das beweist, dass ich existiere. Ich versuche Zeit zu gewinnen. Es ist Mittag, und nach der Mittagspause, so hoffe ich, wechselt das Personal. Gehe mir also selber einen Döner essen, krieg noch einen Tee auf’s Haus und eine halbe Stunde später geh ich wieder durch die schwereichene Amtstür. Ich wundere mich, über mich selber, über meine Beharrlichkeit. Und über die Verschlagenheit, die in mir aufkommt. Ich werd einfach lügen. Ich werd sagen, dass ich Krankenpfleger bin (was stimmt, auch wenn es dreißig Jahre her ist) und dass ich dringend gebraucht werde (was nicht stimmt, im Gegenteil) Und wenn das alles nicht hilft komme ich mit meinen vier Kindern. Dazu bin ich entschlossen.
Die Blonde hat ihre Absperrung hinter sich gelassen und ist jetzt als Abfangjäger in der Halle unterwegs. Sie waren doch schon mal hier, stellt sie fest. Hat sich etwas an den Umständen geändert seit eben? Ich brauche meinen Personalausweis, sag ich stumpf. Warscheinlich habe ich dabei so grimmig geschaut, wie auf meinem Passbild. Da muss sie erstmal nachfragen gehen. Hinter dem Schalter sitzt jetzt eine Dunkelhaarige, keine Preußin. Die Blonde tuschelt mit ihr und die Dunkle winkt mich heran. Sie entschuldigt sich, nicht für die Warteschleife, sondern dafür, dass sie mir keinen Platz anbieten kann. Denn aus den Stühlen im Wartezimmer haben sie ihre Absperrung gebaut. Zwei Unterschriften auf ein schwarzes Schreibpad und ich bin für 10 Jahre wieder ein Mensch, rein amtlich. Aber innerlich, innerlich merke ich, dass ich auf Überlebenskampf eingestellt bin.

Kein Scherz

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Ich fand die ganze Corona-Hysterie natürlich auch albern, bis, ja bis es einen guten Freund erwischt hat. Nicht schwer, leichter Verlauf, aber immerhin.
Nun ist dieser Freund ein Doktor, der seit Jahren mit Antikörpern und anderen mikrobiologischen Wundern beschäftigt ist (nein, Corona kommt nicht aus seinem Labor…).  Deshalb weiß er, worauf es ankommt: Dass es nicht zu einem „schweren Verlauf“ kommt. Sprich Lungenentzündung und Intensivstation.

Damit das Immunsystem es schafft, bei einer Infektion den Virus zu bekämpfen, bevor er „in die Lunge runterrutscht“ kann man was tun.

Hier die fünf Empfehlungen, die ich jetzt selber befolge. Ein Teil der Sachen hatte ich noch in meinem Medikamentenschrank (der sich in den letzten Jahren erstaunlich gefüllt hat). um gegen die üblichen Erkältungen gewappnet zu sein. Deswegen war ich noch nicht in der Apotheke und weiß nicht, ob da inzwischen die Regale auch schon leer sind.

I. Nahrungsergänzungsstoffe zur Stärkung des Immunsystems: Vitamin-D (10.000-20.000 I.E.) Solange man das nicht über Jahre hinweg macht, keine Angst vor Nebenwirkungen. Dazu Zink, Selen, Vitamin C (gibt es meist als Kombi in der Drogerie). Alle zusammen erhöhen die Resistenz gegenüber Erkältungskrankheiten signifikant und sollten daher für die nächsten Monate prophylaktisch eigenommen werden (2 Monatsvorrat anlegen).

II. Ab den ersten Anzeichen einer Infektion (erste grippale Symptome, sind häufig schwächer als bei der richtigen Grippe und vor allem schon bei leichtem Husten!) vorbeugende Einnahme von Sekret verflüssigenden Medikamenten (frei verkäuflich z.B. Bronchipret, ACC, Mucosolvan und viele andere). Wichtiges Ziel: Die natürliche Abwehrfunktion des Bronchialepithel-Flimmerepithels. Das kann ein Vordringen des Virus in die tiefen Bronchien und damit die schweren Verläufe verhindern.

III. Inhalation mit Dampf am besten mit „ätherischen Ölen“ (z.B. Soledum, auch in der Apotheke oder Drogerie fragen) und ein wenig Kochsalz. Gerade die oberen Atemwege, die das Sars-CoV-2 Virus primär angreift, sind für den Dampf gut erreichbar. Das tötet nicht primär die Viren, aber die ätherischen Öle verstärken die Immunantwort (Adjuvanz-Wirkung) und der Temperaturreiz lockt Immunzellen an. Insgesamt wird die Immunantwort aktiviert, was das Abgleiten in einen schweren Verlauf zu vermeiden hilft. Es muss dafür nicht der Inhalator aus der Apotheke sein (evtl. schnell ausverkauft), eine Schüssel oder Topf tut es auch. Achtung nicht zu heiß inhalieren! (wer es nicht glaubt siehe z.B. https://www.youtube.com/watch?v=Dom2Oungw7I)

IV. Vermeiden von Fieber- und Schmerzmitteln. Klingt banal, wird aber oft nicht berücksichtigt. Alle Fieber senkenden Medikamente hemmen auch die Immunantwort. Erst ab 40°C Fieber machen sie Sinn.

V. Kein Alkohol, nicht Rauchen

Im besten Fall braucht ihr das ganze Zeug nicht.  Dann um so besser und ihr habt einfach nur einen kleinen Vorrat für die nächste Grippewelle.

 

 

 

Zwei Mal Kommunion, mit Scharf

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Es war ein Sonntag vor ziemlich genau fünfzig Jahren. Ein Sonntag, den man bei uns „Weißer Sonntag“ nannte. Da lief ich im schwarzen Anzug mit einer dicken Kerze hinter unserem Pastor und neben meinen Mitschülerinnen in Weiß durch die Dorfstraße. Hinter uns lagen Monate des priesterlichen Katechismusunterrichts und viele Testläufe, wie wir einer nach dem anderen zum Altar schreiten sollten, wie wir die Zunge rausstrecken sollten, damit der Pfarrer die geweihte Hostie darauf legen sollte und wie wir in tiefer Versenkung gebeugten Hauptes unter den Augen unserer Eltern zurück zu den knarrenden Holzbänken schreiten sollten.
Vor uns lag die Dorfkirche, was Kleines zum Futtern (immerhin: der Leib Christi) , was Leckeres zum Trinken und ein Fest mit allen Tanten und Onkeln, fettem Buttercremekuchen und: Geschenke! Dafür machten wir ja das alles mit. Leider gab es von den Tanten vor allem Pralinen, nur manchmal einen 10-Mark-Schein und, immerhin, meine erste Uhr und mein erstes eigenes Fahrrad! Metallicblau und mit viel Chrom. Dieses Ritual, diese Bestechung und diese Gewissheit, endlich zu den Großen und Rechtgläubigen zu gehören, hat mich stramm auf Kurs gehalten, bis in die Pubertät. Ich bin brav in die Kirche gegangen, habe Lieder gesungen, die ich nicht verstanden habe und Sünden gebeichtet, die ich nie begangen hatte. Dabeisein ist alles.

Meine Söhne sind jetzt Acht, ungetaufte Heidenkinder und nicht im Schoß der hl. katholischen Kirche wachsen sie auf, sondern, zumindest wenn sie zu ihrem Vater kommen,  in der großen Stadt, die laut und verwirrend für sie ist. Wie kann ich ihnen das Gefühl vermitteln, dass aus sie jetzt schon groß sind und dazu gehören, zu der Welt der Erwachsenen? Am besten ohne lange zu überlegen, aus dem Bauch heraus.

Es ist Sonntag, der letzte Tag der Winterferien. Hinter uns liegen ein paar Tage in Bayern, in denen wir nur mit viel Glück ein paar verschneite Hügel gefunden haben. Es ist Mittag. Vor uns nichts als ein leerer Tisch und ein leerer Kühlschrank. Ich hatte nach zwei mal Umsteigen mit zwei Jungs und einem 20 Kilo schweren Koffer einfach keine Lust mehr, einzukaufen. „Wart ihr schon mal beim Döner?“, frage ich. „Na klar!“, kommt es zurück. „Kennen wir schon!“ Ich glaube den kleinen Großmäulern kein Wort. „Mit Mama? Bestimmt nicht“. Ein, zwei Fangfragen später ist klar: Es ist Zeit, meinen Söhnen die wirkliche Welt des Wedding zu zeigen. „Kommt, wir gehen in die Müllerstraße. Heute gibt es Döner zu Mittag.“ Ungläubige Kindergesichter hellen sich auf: „Echt jetzt? Das dürfen wir jetzt?“ „Ja“, sag ich, „los jetzt, in die Jacken, und vergesst die Mützen nicht, die ich euch zu Weihnachten geschenkt habe.“ Diese Mützen finden sie doof und wollen damit auf keinen Fall gesehen werden. Heute geht es ohne Murren. Mit Triumph und Vorfreude geht es, der Vater mit den Söhnen, die Müllerstraße runter. Wir haben was vor, ein Abenteuer! „Drei Mal Mini-Döner, zwei Mal Kräuter, ein Mal scharf, ohne Zwiebel“, bete ich vor den Augen meiner staunenden Zwillinge das Berliner Evangelium fehlerfrei vor dem Dönermann runter. Sie beobachten das heilige Ritual des Messerschärfens, des Absäbelns und das Grillen der Brote. Ich bin selbst ganz ergriffen. Hat der Dönermann nicht gerade gesagt „Nehmet, und esset alle davon?“, als er die kleinen Fladen über den Tresen reichte?  Nein, er hat gesagt: Die Getränke nehm se sich selbst ausm Kühlschrank.“ ‚Ruhig bleiben. Fanta und Sprite. Jeder darf sich  eine eigene Flasche aus dem großen Kühlschrank holen und trägt sie wie einen Schatz zum Tisch, auf den sie schon Gabeln und Messer gelegt haben. „Das ist Lamm, was ihr da esst“, schocke ich die beiden, die schon mit den Gabeln in den Brottaschen herumpicken. Glauben wollen sie es lieber nicht. Hab ich das mit dem Lamm Gottes geglaubt, damals? Nein, aber es hing ja auch nicht an einem Spieß und war knusprig braun.
So schnell, dass ich nicht gucken kann, haben sich die Jungs die Döner nach Berliner Sitte in die Hand genommen und beißen beherzt zu. Fällt kaum was auf den Boden. Schon fast wie die Großen. „Is nicht zu scharf?“ frage ich. „Nö“ kommt es echt cool (oder crash, wie das immer öfter bei ihnen heißt) von den harten Burschen an der anderen Tischseite. Hallelujah! Es ist vollbracht.
Die Flaschen jonglierend sprinten wir über die sonnige Straße zurück. Zuhause warten noch Geschenke auf sie. Zwei Armbanduhren, es ist das richtige Alter. Ich habe sie vom Roten Kreuz für’s Blutspenden bekommen. „Das ist mein Blut, dass ich für euch…“ Eine katholische Erziehung sitzt doch tiefer, als man denkt.

 

Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.

 

 

 

Let the sunshine in

Schwein

Was gibt es Schöneres als sich an einem milden Sommerabend mit einem Freund am grünen Ufer der Spree ein mitgebrachtes Bier zu trinken? Auf dem Fluss wummern die Partyboote und die Bässe, Pärchen kuscheln sich auf der Wiese aneinander und junge Menschen in hautengen Anzügen gleiten stehend auf ihren Paddel-Brettern stadteinwärts, dem Sonnenuntergang entgegen. Wie alle Berliner, die an diesem Abend unterwegs sind haben wir also schon leicht einen sitzen, als wir im Biergarten Zenner ein Plastikbecherbier und die letzte Bockwurst erwischen und viele philosophische Gedanken später noch eins am mobilen Ausschank auf dem Platz. Doch da haben unsere Weltuntergangsgespräche (China, Afrika und die Frage, wie man jenseits der 50 im Job noch Begeisterung und Dynamik vortäuscht) jede Stringenz verloren und die dunklen Gedanken ballen sich zusammen wie die Gewitterwolken über unseren Köpfen. Von der Rückfahrt habe ich nur noch in Erinnerung wie mir der aufkommende Sturm auf dem S-Bahnhof die Fahrkarte aus der Hand gerissen hat und dass ich von einem betrunkenen Russen umarmt wurde, weil ich ihm die richtige Bahn nach Schöneweide aufgeschrieben habe. Zuhause angekommen, da gings mir wie Bolle. „Hab’s Fenster aufgerissen und tüchtig ventiliert und über den pladdernden Regen mich mächtig amüsiert.“

Aber dieses Geräusch in meinem Kopf ging nicht weg. Das Geräusch, das ich zuletzt vor 40 Jahren gehört habe, das metallische Ächzen, das klingt wie ein Schiffsrumpf, der mit voller Fahrt auf ein Riff läuft. Damals kam es vom Rahmen des Garagentors an dem ich mit frischem Führerschein den ralleyorangen Ford Escort meines Vaters entlangschrammte. Unsere Garagenauffahrt war so etwas wie die Nordkurve des Nürburgrings. Sie ging in einer scharfen Rechtsdrehung ein paar Meter aufwärts. Viele Abende hatte ich das elegante Kunstsstück meines Vaters beobachtet, wie er den kleinen Wagen mit einem kurzen Aufheulen des Motors genau ins Tor katapultierte. Jetzt war ich dran. Mein Vater nahm’s ruhig und versuchte erst gar nicht, mich dazu zu verdonnern, den meterlangen Kratzer aus dem Lack zu polieren. Das machte er lieber selber, weil sein Sohn mit der Brille und den wirren Ideen ja sowieso zwei linke Hände hatte. Aber vergessen war der Lackschaden nie. Wahrscheinlich blieb das Donnerwetter nur  deswegen aus, weil mein Vater eine neue Stelle als Fahrer bei den Kohlesäurewerken hatte: Chemietarifvertrag, 13. Monatsgehalt, Betriebsrente. Da war jetzt mehr drin. Der Katalog für den neuen Ford Taunus lag schon im Wohnzimmer. Erst viele Jahre später erteilte er mir Absolution. Als er nicht mehr fahren konnte und ich ihn mal wieder sehr dringend ins Krankenhaus bringen musste. „Du kannst ja richtig gut fahren.“, sagte er, halb erstaunt, halb um sich zu bedanken. Sein letztes, kleines Auto hat er mir vererbt.

Gestern nachmittag war das Geräusch wieder da. In meinem Ein-Drittel-Auto, das ich noch zusammen mit der Mutter zur Geburt unseres Jüngsten gekauft habe, weil das alte für drei Kinder zu klein war. Denn wenn man ein Kind erwartet, sich aber nichts mehr zu sagen hat, dann kauft man zusammen ein Auto, damit man was tut für das neue Kind und damit man über nichts anderes reden muss. Sie behauptet ja, sie habe das Auto allein gekauft und ich sage, dass ich mein ganzes Elterngeld da rein gesteckt habe, und dass deshalb ein Drittel davon mir gehört. Dafür habe ich aber keine Belege, weil sie das Auto und alles was dazugehört mit in ihr neues Haus genommen hat. So ein Auto ist das.

Und mit dem Geräusch war alles weg, was ich und meine Jungs die letzten zwei Wochen zusammen erlebt hatten. Die von mir nach uralten Erinnerungen gebauten Flitzebogen, die Ninja-Ritter-Wanderung durch den kleinen Wald hinter dem Ferienlager in der Uckermark, der für die Kinder zum magischen „Wald der Harmonie“ wurde (Wer sich bei Lego-Ninjago auskennt, weiß wovon ich rede.), die Tretbootfahrt mit den Seemannsliedern und dem Knäckebrot als Schiffszwieback, der ewige Streit darüber wer wann von wem was gekriegt hat und der Streit mit der weißhaarigen Nachbarin im Ferien-Bungalow weil die Kinder morgens zu laut waren.
Wir waren auf dem Heimweg. Die Kinder waren frisch gebadet, das Auto frisch geputzt und alle Sachen, die uns die Mutter eingepackt hatte, haben wir auch wieder in den Kofferraum geräumt (plus ganz wichtige Zweige, Äste und Feuersteine, die Schwerter, Dreizacks oder Pfeile sind und minus einiger einzelner Socken, Badehosen und sowas). Es waren noch 27 Kilometer über die Autobahn zurück zur Mutter. Auf der Rücksitzbank war beste Laune. Ich hatte eine Runde Prinzen-Rolle ausgegeben, die harte Währung unseres Urlaubs. Die Sonne schien. Stadtautobahn, linke Spur, 60 Km/h. Von hinten kommt die Meldung: „In meiner Flasche ist kein Wasser.“ „Warte,“ sag ich automatisch, „ich geb dir meine.“ Greife auf die Beifahrerseite, musste mich ein bisschen strecken, und dann war es da, das Geräusch.
Rostige Leitplanke an makellosem Lack. Ganz kurz, dann waren wir wieder auf Spur. „Das war nicht gut,“ kommt es sachlich von hinten. Wahrscheinlich der Sohn, der sich im Urlaub den Titel „kleiner Polizist“ erworben hat. Ich möchte im Fahrersitz versinken, will ganz kurz nicht da sein, und dann soll alles weiter gehen. Und nichts soll gewesen sein. So wie Herbert Gröhnemeyer in „Das Boot“, der sich einfach hinlegt, als das U-Boot getroffen wird und alle um ihn herum schreien, und als er wieder aufwacht ist alles ruhig. Die Männer haben das Boot wieder zum Schwimmen gebracht und flüstern sich routiniert Befehle zu.
Das Leben ist kein Film, aber auch kein untergehendes Boot. Ich komme wieder zu mir und merke: Keiner verletzt, Auto fährt. Alles gut! Nur viel Ärger, Pulsschlag bis zum Hals und Geld, das weg ist für nix. Und so sieht das auch die Mutter. „Soll ich jetzt mit dir schimpfen?“, fragt sie matt, als sie die Schleifspur von Front bis Heck anschaut. Ja, sag ich, bitte.

Am nächsten Morgen ist das Geräusch wieder in meinem Kopf. Trotz Bier und Absolution. Ich bin unruhig, möchte etwas tun, damit der Unfall ungeschehen wird. Aber es ist Sonntag. Keine Versicherung und keine Werkstatt zu erreichen. Bewegung! Ich brauch Bewegung. Muss was tun. Soll ich Yoga machen? Sonnengruß, Atemübungen, Mantras singen? Aber dazu müsste ich erst mal Raum schaffen, den Bodenbelag aus durcheinandergewirbelten Rittern, Rennwagen und Wikingerschiffen wegräumen. Sonnenstrahlen mühen sich durch die staubblinden Scheiben des Kinderzimmers und ich weiß was ich zu tun habe. Ich reiße die alten Doppelkastenfenster auf, hole Wasser und Fensterwischer und mache mich ans Werk. Von innen nach außen, von außen nach innen. Als ich in meinem Elan auch noch die Fensterbretter wische, sehe ich die Nachbarinnen, die wie jeden Morgen ihr altes Schwein Gassi führen. Jeder sollte ein bisschen Schwein haben, finde ich und wische auch noch die Fußböden.

 

 

Wedding Blues

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Ach, da läuft ’ne Ratte übern Parkplatz. Genau auf dem Platz wo am Sonnabend und Mittwoch immer Wochenmarkt ist. Ach, noch eine. Verschwindet im Gebüsch zum Kinderspielplatz vor dem alten Rathaus. Na hier werde ich bestimmt kein Obst mehr kaufen. Und Fisch erst recht nich. Als ich hier im Wedding anfing, so vor 10 Jahren, war der Wochenmarkt so mein Heileiht. In Multikulti baden, leckere Sachen ausprobieren und billich einkaufen. Jetzt gibt’s hier Ratten. Und ich geh schon lange zu EDEKA Fromm, aber nur von hinten rum, über den Autoparkplatz, weil ich das Elend mit den Motz-Zeitungsverkäufern und den Punks mit den Hunden vor dem Eingang und den Lärm von der Müllerstraße nicht mehr ertrage. Der Waschbeton-Pavillion gleich nebenan vom Wochenmarkt, aufm Rathausplatz, wo ich mir dann immer ein türkisches Frühstück geholt habe, wenn ich die Obststände geplündert hab, ist baufällig. Ein Jahr hamse noch, dann müssense raus. Wo geh ich dann hin Frühstücken, wenn ich hier nicht mehr hinkomme? Ob ich mich noch zur Pizza Corallo setze? So ins Freie, wo jetze doch endlich hell und warm ist hier überall. Aber da sitzen feiste Türken-Rocker mit schwarze Harleys, da will ich auch nich hin. Weiß eh nich wo ich hin will heute Abend. Nich nach Hause, so viel ist klar. Irgendwo muss ich noch hin, wenn mich das Büro erst um halb achte ausgespuckt hat, wenn ich schon nix hatte von dem ganzen Tach, dann wenigsten jetzte! N‘ bisschen Himmel sehen und Leute gucken. Aber ich weiß nicht wo. Ob ich ins „Sole Mio“ geh, gleich bei mir nebenan? Aber die ham ihre hundert Jahre alte verblichene Markise runtergerollt und man sieht, dass die verschimmelt ist unter dem Moos, was dadrauf wächst. Und dadrunter sitz ein Typ mit graue lange fettige Haare und bellt besoffen seine Frau an mit „Ach hör ma doch uff…!“ Nee danke! Und in eine ölige Döner-Bude an der Müllerstraße setz ich mich auch nicht. Da ist mir neulich schon schlecht geworden. Genau so wie bei dem netten Syrer, bei dem ich Foul probiert hab. Bohnen in Majonäse mit einem Schuss Olivenöl drüber. Na danke! Zum Franzosen? Da hat doch im Centre Francais so ein nobler Laden aufgemacht, so mit Terrasse und Menue mit vier Gängen. Und als ich da ankomme, weiß ich, dass ich da nicht sitzen will. Der Kellner ist ein Schnösel, hat einen kahl rasierten Schädel, eine riesige Nase und eine weiße Schürze bis zum Boden. Und die Tische haben weiße Tischdecken und alle trinken Weißwein, für den der Kellner umständlich den Korken aus der Flasche popelt. Nee, hier ooch nich, obwohls gar nicht so teuer gewesen wär. Aber wahrscheinlich hätte der Schnösel mich mit „Monsieur“ angeredet, und dann wärs mir schon zu viel gewesen. Erst mal nach Hause, warme Sachen holen und dann ins Freilichtkino? Weiss nicht was da läuft, aber draußen sitzen und ein bisschen Vogelgezwitscher mit ’nem Bier und Popcorn?
Zu Hause  angekommen liegt noch der Artikel aus der Süddeutschen über Schmetteringe auf dem Tisch. Den les ich erstmal. Und schon sitze ich und denk ans Essen. Was gibt’s im Kühlschrank? Ne alte Packung Tofu und eine halbe Zitrone. Muss ja auch weg, das Zeuch. Kann man ja nich einfach so liegen lassen. Hatte ich nicht noch das Rezept für Tofu, wie ihn meine Tochter immer gemacht hat?  Ein Zweig Rosmarin und eine Tüte Graupen in meiner Speisekammer erinnert mich daran, dass ich sogar  mal ein Rezept vom Kormoran nachgekocht habe. Einen halben Tag war ich unterwegs, um die Zutaten zusammen zu kriegen.  Mann, hatte ich mal einen Elan. Mann, hat das geschmeckt. Heute schütte zusammen, was irgendwie zusammen passt und dann rin in die Bratpfanne. Schmeckt? Na ja. Wenn ich einn halbes Glas Joghurt hinterher löffel verschwindet wenigstens der brennende Chilli-Geschmack. Wusst ich doch, dass der Abend so enden würde. Aber ich wußte nicht, dass ich in meinen Selbstgesprächen jetzt schon berliner. Is jetze nu ooch wieda schnuppe. Schön Ahmnd noch.