Kein Anschluss

Die Geschichte habe ich für die Wolkenbeobachterin geschrieben.

Es ist eine lange Geschichte, die ich noch niemandem erzählt habe. Sie beginnt traurig, und ich weiß noch nicht, ob sie ein gutes Ende finden wird.

Unter einer großen Trauerweide, die ihre langen Äste über eine gelbe Telefonzelle hängen lässt, sitzt ein niedergeschlagener, entmutigter Junge. Er hat 20 Pfennig in zwei 10-Pfennig-Stücken. Die Münzen sind heiß wie seine Hand. Immer wieder  hat er sie in den grauen Apparat geworfen, die Nummer seines Freundes gewählt und immer die gleiche mechanische Antwort gehört „Diese Nummer ist nicht vergeben.“ Vorbei kommt eine elegante Dame, die in der Nähe wohnt. Es ist – zu allem Elend – seine Französischlehrerin. Er ist schlecht in Französisch, aber sie ist freundlich zu ihm, fragt nach dem Grund seines Kummers und als er es ihr erzählt, lacht sie. „Oh mein Gott, ihr Dorfkinder. Hast du denn noch nie telefoniert? Du musst die Vorwahl weg lassen, wenn du ein Ortsgespräch führen willst.“ Nein, hat er nicht. Seine Eltern haben ein neues Haus gebaut. Da war kein Geld mehr für einen Telefonanschluss. Und bis dahin hat er es auch noch nicht vermisst. Im Gegenteil. Nicht erreichbar zu sein ist für einen Jungen in seinem Alter das Beste, was es gibt. Andere Kinder müssen zu Hause anrufen, wen der Schulbus zu spät kommt oder fragen, ob sie ins Freibad gehen dürfen. Er macht das einfach und hat immer eine gute Ausrede für sein zu spät Kommen. Kein Telefon haben heißt Freiheit, das lernt er früh. Und selbst als die protzigen Nachbarn allen verkündeten, dass sie jetzt einen „Anschluss“ hätten, und seine Mutter ihn ermahnt, immer dort anzurufen, wenn etwas nicht klappt, hat er immer noch die Ausrede „Anna von nebenan war nicht da.“ Dagegen kann die Mutter nichts sagen, denn immerhin muss Anna ja öfter putzen gehen, um das Haus abzubezahlen.

Als er 15 wird, haben es die Eltern geschafft. Im Flur steht ein graues Plastiktelefon, die Schnur fest mit der Wand verbunden. Wenn er den Hörer abnimmt schlägt eine elektrische Glocke, die im ganzen Haus zu hören ist. Dann kommt sofort die Frage: Wen rufst du da an?  Die Angst vor den Rechnungen ist hoch. Ortsgespräche kosten 23 Pfennig. Von Ferngesprächen hat man gehört, sie seien unerhört teuer. Mondscheintarife gelten ab 22 Uhr. Da hat er im Bett zu sein. Es ist ein Telefon, um angerufen zu werden, nicht um Kontakt mit der Welt aufzunehmen.

Es folgen Telefone auf dem Flur von Krankenschwesternwohnheimen, die den ganzen Abend sehnsüchtig von den Schülerinnen und Zivis umstanden werden, das WG-Telefon, bei dem die WG-Genossen nie, aber auch wirklich nie notierten, wenn einer oder gar die EINE für ihn angerufen hatte, die ersten Auslandsgespräche mit dem Bruder in fernen Häfen, die rauschen wie die See auf die der sich begeben hatte und irgendwann wurden die 20 Pfennig von einer Telefonkarte abgelöst. Aber immer war Telefonieren für ihn etwas, was man eigentlich vermeiden sollte. Die Scheu, jemanden einfach anzurufen bleibt groß. Jemand mit seinem Anruf zu stören bleibt ihm unangenehm. Aber es gab für ihn auch diese Abende, an denen er den Apparat an einer langen Schnur in sein Zimmer zieht und stundenlang mit alten Freunden spricht. Wenn es still wird beim fernen Gegenüber nach langen Passagen des Mitfühlens, wenn beide kurz schweigen und es in der Leitung rauscht und man weiß, dass der andere versteht warum man jetzt schweigt. Das ist das Schönste.

Mit dem alten Jahrhundert und den  Mobiltelefonen ist das Schweigen vorbei. Nach einem Monat im gemeinsamen Journalistenbüro entscheiden die Kollegen: Du bist jetzt selbstständig, du kannst es dir nicht leisten, nicht erreichbar zu sein. Ein altes schwarzes Siemens muss es tun. Es ist schwer und zieht die Jacketttasche nach unten, aber nach drei Tagen, auf dem Weg zum Mülleimer, ruft die erste Redaktion an, sein erster großer Auftrag! Seither sind sie unzertrennlich, sein Backstein und er. Und er verliert die Scheu. Wichtige Leute anrufen, auch außerhalb der Bürozeiten, freche Fragen stellen und merken, wie sich seine Gesprächspartner winden, Visitenkarten mit privaten Nummern zugesteckt bekommen mit dem geraunten Hinweis „Rufen Sie mich jederzeit an, ich kann ihnen zu dieser Sache noch mehr erzählen…“ Wichtige Menschen werden gerne angerufen – eine völlig neue Erfahrung. Die Macht der Presse. Sein Filofax ist prall gefüllt mit Nummern – in Bleisift. Denn die Nummern ändern sich ständig.  Auch die Zeiten, in denen er an der Vorwahl oder in Berlin an den  ersten zwei Ziffern erkennen konnte, von welchem Ort er angerufen wurde, waren vorbei.

Und dann der Schnitt: Feste Stelle, feste Durchwahl, acht Stunden vor einem Bildschirm  mit Internernetanschluss. Aufgeregte Abteilungsleiter, die sich mit dem Privileg einer eigenen E-Mail-Adresse brüsteten. Das Telefon wird wieder Privatsache. Und privat läufts schief. Aus der Familienwohnung geht es Hals über Kopf in ein Hinterhauszimmer. Ein Telefon aus dem Trödelladen kauft er auf die Schnelle. Es ist ideal, denn es kann nur klingeln, sprechen geht nicht. Das schützt vor nächtlichen Anrufen und langen Diskussionen. Aber erreichbar bleibt er doch, auch wenn das Handy aus ist. Wenns klingelt muss es was Besonderes sein. Irgendwas mit den Kindern. Nur die Mutter hat diese Nummer. Dann geht er los, mitten in der Nacht. Irgendwann verliert er sein Smartphone und kauft sich kein neues. Ein 20 Euro Handy mit ein paar Nummern von Freunden ist alles. Es ist still. Es ist fast wieder wie früher, als er ein Junge war.  Aber es wäre auch schön, wenn wieder jemand vorbeikommen könnte, um ihm zu zeigen, wie man heute wieder Kontakt zur Außenwelt aufnimmt.

 

 

 

 

Als wir Götter waren

Eichhof

Wir waren Götter, Götter auf Zeit. Wir lebten von Nektar, Luft, Liebe und Gesängen. Wir fühlten uns leicht. Der Himmel über uns war weit offen. Die Sonne schien nur für uns. Unser Olymp war ein Hügel in der Uckermark mit einem alten Gutshaus drauf . Hier beherrschten wir für ein paar Tage vor allem uns selbst.

Weil wir nichts zu essen brauchten, hatten wir alle Zeit für uns. Wir verbrachten sie mit Yoga und Frohlocken. Zum indischen Harmonium lobten wir Krishna, Shiva und all die anderen befreundeten Himmelsbewohner. Als am dritten Tag das „Hare Krishna“ angestimmt wurde, grinste meine bislang stumme Nachbarin zu mir rüber „Jetzt hamm se uns. Jetzt sind wa inner Sekte“. Wir sangen die 108 Namen Krishnas. „Der für frische Butter tanzt“ „Der sich frische Butter besorgt“ waren nur zwei davon. Der Kerl wurde mir immer sympathischer. Und überhaupt drehte sich bei unseren Gesprächen erstaunlich viel ums Essen. Weil die einzige Speise ein Glas frischer Fruchtsaft am Tag war, gab es nichts, was der Phantasie Grenzen gesetzt hätte. Es sei denn, man tat es selbst. „Du bist doch auch Veganer, oder?“, war meist der Einstieg in ein langes Gespräch über alles, was man durch Weglassen an Glück dazu gewinnen kann.  Alle hatten ihren eigenen Weg zur Seeligkeit. Von Rohkost über geschrotetes Korn bis zu Ayurveda. Große Lust verschaffte auch das Studium der Beipackzettel der Nahrungsergänzunsgsmittel, die eine zweite Religion waren. Dass der Weg zur Erkenntnis der Astralwelt  über den Körper geht, soweit waren wir uns einig – und der Magen ist ja nun mal ein besonders wichtiger Teil davon, auch wenn wir ihn in unserer Fastenzeit kaum spürten. Das war ein wirklich göttliches Gefühl. Nichts zu essen, und doch keinen Hunger zu haben.

Für den Rest des Körpers gab es Yoga. Fasten macht die Gelenke geschmeidig. Und wo es nicht alleine ging, half der Lehrer nach. „Genießt den Schmerz“, lächelte der Weise. Und wirklich: Die Schreie der Verzückung und Schreie des Schmerzes waren kaum auseinander zu halten. Ich schaffte es zum ersten Mal in meinem Leben in den Lotussitz und nur mein verflixter Meniskus beendete meine Meditation, kurz bevor ich Kontakt zu meinem Astralkörper aufnehmen konnte.

Nur selten verließen wir unseren märkischen Olymp. Wenn unser Körper nach einer intuitiven Massage im Nachbardorf verlangte, oder nach einer Sauna mit Sprung in den eisklaren See. Und weil Fasten wirklich Energie freisetzt, war zwischen zwei Yoga-Sessions auch noch Luft für eine stramme Radtour über die brandenburgischen Schlaglochpisten. Danach war der Körper dann endlich mal so erledigt, dass er beim Meditieren Ruhe gab.

Doch wehe dem, der die Gesetze der Götter bricht. Denn unsere elysische Leichtigkeit beruhte auf strengem Verzicht. Nur wer sich auf ein Glas Saft am Tag beschied, durfte ihrer teilhafitig werden. Das wußte ich, aber am fünften Tag ging es mir so gut, dass ich mich für unverwundbar hielt. Nicht nur ein Mal nahm ich vom Göttertrank sondern zwei Mal und weil noch was übrig war, auch noch ein drittes Mal. Die Strafe kam leise. Es waren nicht die Blitze des Zeus, nicht Thors Hammer noch Shivas Tanz der Vernichtung. Ich wurde auch nicht aus dem Paradies vertrieben, sondern einfach nur ein paar Stunden an den Ort verbannt, an den auch die Götter zu Fuß gehen. Als ich davon erzählte, erschallte das götttliche Lachen, von dem schon Goethe berichtet, und ich durfte wieder dabei sein.

Der richtige Rausschmiss aus dem Paradies, hatten wir dann tatsächlich einem Apfel zu verdanken. Am siebten Tage gab es einen gedämpften Apfel zum Frühstück. Damit begann das Fastenbrechen und die Pforten des Himmels schlossen sich für uns. Jetzt dürfen wir wieder als Halbgötter die Steine von unten nach oben schieben – aber viel entspannter.

Serendipity

Schiller

Ja, es ist eine Gabe, zufällig glückliche und überraschende Entdeckungen zu machen. Schiller braucht dafür einen ganzen Satz, die Engländer, die ja viele glückliche  Entdeckungen gemacht haben, während sie in der Welt umhersegelten haben dafür praktischer Weise ein eigenes Wort: Serendipity.

Doch brauche ich die große, weite Welt, um das Glück zu finden? Nein, bei mir ist die Welt zuhause. Und zwischen Syrischer- und Armenischer Straße hat die GESOBAU den Mut, das Dichterwort aus dem Don Calros an die frisch renovierte Fassade zu malen, groß und bunt und zu einer Zeit, wo andernorts Gedichte auf  Häuserwänden angeblich der Renovierung zum Opfer fallen. Doch nicht nur Mut und wohlgesetzte Worte machen mich glücklich, sondern auch meine Fähigkeit, das Gekrakel am Ende als die Unterschrift Schillerns entziffern zu können. In meiner Grundschulzeit erlernte ich neben der lateinischen auch noch die „Deutsche Schrift“, die mir später  noch als Geheimschrift diente, wenn ich gedankeverloren abfällige Bemerkungen über anmaßende Seminarteilnehmer auf meinen Notzizblock kritzelte. Ja, ja, nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.

Und nur eine Häuserzeile weiter hilft mir dieses Wissen, wieder etwas Neues zu entdecken – und wieder etwas Neues zu lernen:

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Neuer Spruch, gleiche Unterschrift. Hat Schiller, der alte Schotte, also auch noch den Macbeth geschrieben? Und das auch noch hundert Jahre vor seiner Geburt? Ich erzittere vor dem Genie unseres Dichterfürsten und dem radikalen Beitrag der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft zur kritischen Shakespeare-Forschung. Ich bin verwirrt.

Aber nicht aus meinem Kopf, sondern einen halben Meter dahinter kommen die Worte „Ich kenne noch einen Carlos, nicht den Don Carlos, aber Carlos Castaneda!“ Ich drehe mich um und sehe einen kleinen, stämmigen Mann mit Strickmütze und Felljacke. Er lehnt über dem Lenker seines Fahrrades und lächelt mir wissend zu. Er spricht mit osteuropäischem Akzent, lächelt immerfort und lässt mich wissen, dass viele Pilze die Menschen glücklich machen können, wenn sie nicht so verteufelt würden. Ich erfahre von den Ritualen mit dem Fliegenpilz, der die Hexen habe fliegen lassen und den schamanischen Pilz-Praktiken sibirischer Heiler. Am Ende seines Monologs zwinkert er mir zu: „Ich weiß, dass du ein Symbol des Teufels bei dir trägst. Wirf es fort.“

Nun weiß ich seit meiner Grundschulzeit, dass die Hölle im Keller unserer Schule liegt, dort wo der Turnraum war und ich unsägliche Qualen erleiden musste. Aber dass vom Teufel etwas in meiner Jacke hängen geblieben sein soll, erscheint mir doch befremdlich. „Es ist dein Personalausweis, kärt er mich, sichtlich stolz über sein Geheimwissen, auf. „Halt ihn gegen das Licht, und du wirst das Zeichen des Teufels sehen.“ Und noch bevor ich etwas entgegenen kann, ist er weg. Zufälliges Glück und ewige Verdammnis- so eng liegt das also zusammen. Nachdenklich ziehe ich weiter und komme an meiner alten Videothek in der Müllerstraße vorbei. Glückliche Stunden hat sie mir geschenkt, als ich mir dort Filme mit der schönen Monica Bellucci ausgeliehen habe. Doch auch hier scheint der Teufel sein Unwesen getrieben zu haben. Denn sie sieht jetzt so aus:

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Zuerst denke ich, dass der Anwalt aus dem ersten Stock sich ein cooleres Image für die immer stärker werdende englischsprachige Hipster-Community geben möchte. Aber dann lese ich „artspace“ und muss da auf Teufel komm raus rein. Das Glück ist mit den Tapferen sage ich mir und drücke die Klinke.

Es empfängt mich ein Geruch, den ich aus WG-Zeiten kenne. Der Muff von Sperrmüll-Sofas und der käsige Mief von alten Socken, die Mama nicht mehr waschen wollte. Und wie durch einen Zauber scheine ich unsichtbar geworden zu sein. Keiner der handvoll junger Männer, die unkoordiniert im Raum herumlaufen, scheint mich zu sehen. Neben der Eingangstür steht ein karibischer Voodoaltar und in dem vor Blicken geschützen Winkel, in dem früher die Erotik-Abteilung war, ist jetzt die „Voodo-Bar“ eingerichtet. Die Altersbeschränkung scheint aufgehoben.

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Ich weiß nicht so recht, was hier passiert und frage ein Mädchen, das aus der Ecke herein gehuscht kommt, ob ich fotografieren darf. „Du, ich weiß nicht,“ sagt sie schüchtern, „ich bin heute den ersten Tag hier.“ Die anderen Typen zu fragen, die mittlerweile auf der ausrangierten Wohnlandschaft flätzen, habe ich auch keine Lust. Ich glaube, denen ist Vieles egal. Mit Kunst hat das hier wenig zu tun, eher mit der Freiheit, alles mal auszuprobieren. Aber dann finde ich doch noch etwas, was mir gefällt. DSCF1171

Ein Experiment mit Noppenfolie. Die unbekümmerte Farbspielerei in der jede Blase einzeln mit Wasserfarbe gefüllt wurde, hat sicher eine Menge Arbeit gemacht.  Mich macht sie fröhlich. Schönen Dank.

Für heute hab‘ ich genug Glück beim Finden gehabt. Ich fahr nachhause und hoffe, dass mich da keine Überraschungen erwarten.

 

 

 

Fingerübung

Heute war Schreibseminar. Rein beruflich. 15 Frauen und ich. Wir lernten das automatische Schreiben. Sieben Minuten ohne aufzuhören. Nur Hauptsätze, aber alles was einem durch den Kopf geht. Thema ist „Jetzt“ und los gehts:

Aua, meine Schulter tut weh. Hätte ich besser aufgepasst. Blöder Bordstein. War doch so ein schöner Abend. Und dann genau vor der Haustür. Der Arzt hat mich lange warten lassen. Kann auch nichts finden. Tut aber weh. Er schaut aufs Röntgenbild. Ist alles in Ordnung, sagt er. Können noch ein MRT machen. Will nicht in die Röhre. Jetzt tut die Schulter aber wieder weh. Blöde Schulter. Warum muss ich auch die Garage ausräumen? Mit einer kranken Schulter. Schämen sollst du dich. Hat der Arzt aber nicht gesagt. Hat nicht gesagt, dass ich mich schonen soll. Bleibt das jetzt so? Für immer? Was wird mit meinem Motorrad? Ich kann es nicht mehr wegfahren- in die Garage. Du lügst. Bist heute gefahren. Bist durch die Stadt gefahren. Zu dem Seminar mit den 15 Frauen. Musste sein. Hat aber keine gesehen, mein Motorrad. Stand ja draußen. Hätte es ja in den zweiten Stock getragen. Aber die Schulter tut ja weh. Noch eine Minute. Was soll ich sagen? Die Tabletten helfen auch nicht. Aua!. Ich werde heute Nacht nicht schlafen können. Ach, das wird schon wieder.

Ein Mann namens Uwe

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Es gab nur einen, wirklich nur einen Moment, an dem ich wirklich froh war, Uwe zu sehen.  Das war, als eine kleine Gruppe von Halbwüchsigen auf unseren Hof kam und anfing an den Fahrrädern rum zu machen. Frech grinsten sie mich an, als ich hinging und sagte, sie sollen das lassen. Und als sie weitermachten, und als sie nicht reagierten wurde ich wütend und brüllte sie an, sie sollten verschwinden. Ich wusste dass es keinen Wert hatte. Aber ich wusste mir nicht zu helfen. Und als das Grinsen immer breiter wurde, als dann einer von den Nassforschen seinen Hosenschlitz öffnete und ankündigte, er werde jetzt gegen mein Bein pissen, als ich gar nichts mehr zu sagen wusste und nur noch wie ein wütender alter Mann da stand, da kam Uwe um die Ecke. Ausgerechnet Uwe. Uwe ist bullig, kahlköpfig und kann sehr grimmig gucken. Er brauchte nur zwei Schritte hin zu den Pissern zu machen, und schon waren sie verschwunden. So was kann er. Beim Leute erschrecken ist er richtig gut. Aber ansonsten ist Uwe der Pickel am Arsch unserer Nachbarschaft. Wenn ich mir einen Wutbürger vorstellen will, denke ich an Uwe. Wenn ich ihn im Treppenhaus treffe, hat er immer etwas, worüber er sich aufregt. Dass die Hausverwaltung wieder nix tut, dass der Hausmeister für nichts zu gebrauchen ist und dass auf dem neuen Spielplatz so viele Türken wären, dass er mit seinem Sohn da nicht mehr hin gehen würde. „Die da“ nennt er die Menschen, die nicht so aussehen wie er und schaut dabei vielsagend. Er sagt nicht Türken oder Araber, er sagt „Die da“ und schwenkt sein Kinn einmal von links nach rechts. Uwe kennt „Die da“ hauptsächlich aus dem Knast, denn Uwe ist Schließer in der JVA-Tegel. Da lernt man sicher nicht die nettesten Menschen kennen. Da kann man auch mal Angst bekommen, wenn einer sagt: „Ey, wenn ich rauskomm, weiß ich wo du wohnst.“ Aber Uwe hat sowieso Angst, vor allem Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Seine Wohnungstür hat er mit zwei dicken Balkenriegeln verstärkt. Und wenn ich mal klingel, weil ich zum Beispiel seinen kleinen Finn zum Kindergeburtstag einladen will (was nur einmal geklappt hat), dann klackt es zwei Mal und ganz langsam geht die Tür auf – und wenn  er dann aus dem Türschlitz linst, denke ich immer, dass er auch noch eine Knarre im Anschlag hat.

Bei manchen Sachen ist Uwe sehr empfindlich. Als der Hausmeister, nachdem der Aufzug mal wieder stecken geblieben war, an der Tür ein Schild „Maximale Traglast 300 Kilo“ angebracht hat, da hat Uwe das persönlich genommen. Weil er fett ist, genau wie seine Frau – und zusammen mit dem Jungen… Könnte schon ungefähr hinkommen. Auf jeden Fall haben sie sich im Hausflur angebrüllt, und nicht nur einmal. Jetzt laufen Beleidigungsklagen vor Gericht. Neulich hat der Aufzug endgültig den Geist aufgegeben. Jetzt muss Uwe die Treppen hochschnaufen, bis in den fünften Stock. Und wehe, es kommt ihm einer entgegen.

Dass ich Uwe aus dem Weg gehe wo ich kann, brauche ich wohl nicht extra zu sagen. Aber neulich, abends um halb neun, da komm ich aus der Haustür und bleib noch mal kurz stehen, um eine Nachricht zu tippen. Ohne es zu merken, lehne ich mich gegen die Metallplatte mit den Klingelschildern und läute damit Alarm – minutenlang,  ausgerechnet bei Uwe! Als erstes fliegt ein Fenster im fünften Stock auf und Uwes Frau kreischt:“Seid ihr jetzt völlig plem plem?“ Ich rufe noch „Tschuldigung, falsche Klingel.“, da geht im Treppenhaus das Licht an und da steht er auch schon vor mir: Uwe! In Schlafanzugshosen, die Arme breit, den Kopf gesenkt- wie ein wilder Stier! Er sieht mich an, und statt mir eins auf die Nase zu hauen stammelt er: „Du? Du bist das?“ – dreht sich langsam um und trottet wieder nach oben. Von der halben Treppe höre ich ihn noch jammern: „Du, ich find das echt Scheiße von dir!“

Am anderen Tag hab ich eine Flasche Rotwein gekauft und eine Karte, auf der ich mich entschuldigt habe. Ich habe die Flasche vor die Wohnungstür gestellt. An der Tür hing eine Kette aus kindlich bunte Holzbuchstaben, die mich  „Herzlich Willkommen“ hießen. Zu läuten habe ich mich trotzdem nicht getraut.

Una strada piu bella

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Heute geht es um Italien, um Liebe und Leidenschaft, um Motorräder und geplatzte Träume und es geht los!

Tja und hier hätte jetzt eine Geschichte kommen sollen. Eine Geschichte, die an einer kleinen Tankstelle in Italien beginnt, als wir den Tankwart nach der Fernstraße nach Bologna fragen, und er uns eine „strada piu bella“, eine viel schönere Straße, empfiehlt. Die Straße wird tatsächlich immer schöner, immer enger und am Ende liegt ein Dorf mit einem Motorradfahrer-Cafe. Und in dem Cafe liegt eine Zeitschrift, eine italtienische Motorradfahrer-Zeitschrift, in der es nicht um Technik geht, sondern – um Schönheit. Eh- una bella macchina. Und die Geschichte wäre weiter gegangen mit der Beschreibung, wie mich diese Idee elektrisiert, in ihren Bann zieht, wie sie schlafende kreative Kräfte weckt: In Deutschland ein Motorradmagazin herauszubringen, in dem es nur um die Freude am Fahren geht, um die Leidenschaft um die Gefühle, um Kunst, um Filme und -eh- um die Schönheit. Ich hätte erzählt,wie ich mich mit meinen Freunden aus dem Journalismus treffe, wie ich in einem Schulheft, das ich immer bei mir trage, meine Ideen kritzele, wie ich überall Anregungen für neue Beiträge sehe, wie ich einen Namen für mein Magazin finde -„Sprit“ sollte es heißen, so wie der Kraftstoff -, wie ich mich wegträume von meinem öden Job… Bis ich mich mit mit meinem alten Chefredakteur treffe.

Die Geschichte hätte traurig geendet, weil mein alter Chef, ein erfahrener „Blattmacher“, mir klar macht, dass ich für meine Idee meinen sicheren Job aufgeben müsste, dass ich durch die Verlage tingeln müsste, dass meine Idee nur darauf geprüft würde, ob man durch eine solche Zeitung Werbekunden aquirieren könnte und dass ich damit rechnen müsse, dass irgend ein Verlag mir die Idee einfach klaut, sie ohne mich verwirklicht. Und dann hätte ich geschrieben, wie ich den dicken Aktenordner mit meinen Ideen ganz unten in den Schrank stelle, wie ich meine Leidenschaft begabe, dass ich kurze Zeit danach Vater von Zwillingen wurde und dass ich vor ein paar Wochen  eine Zeitschrift entdeckte, die „Craftrad-Magazin für Motorradkultur“ heißt. Ein Hippster-Magazin-edel aufgemacht, teuer und von BMW gesponsert. Und wie ich fast umgefallen bin, als ich das Editorial lese. „Es ist nicht wichtig, was du fährst, sondern dass du fährst.“, steht da. Das war genau mein Satz.

Tja, das wäre eine traurige Geschichte geworden, wenn, ja wenn nicht der gute Rat meines alten Chefredakteurs gewesen wäre: Probieren Sie Ihre Idee doch erst mal in einem Blog aus, dann wissen Sie, ob es dafür ein Publikum gibt.

Ja, und das habe ich dann gemacht. Vor ziemlich genau zwei Jahren. Kafka on the road solle ein Motorrad-Blog werden. Eine der ersten Geschichten ging um die Trauer, die mich beim Verkauf meines geliebten Ural-Gespanns überkam. Und dann merkte ich, dass ich  noch viele andere Geschichten im Kopf habe, die nichts mit Motorrädern zu tun haben und dass diese Geschichten gerne gelesen werden. Und dass es da draußen noch viele andere gab, die auch Geschichten zu erzählen haben; Geschichten, Bilder, Gedichte, die mich berühren, die mich weiterbringen…

Dafür sage ich jetzt allen, die meinen Blog lesen und die ich durch meinen Blog gefunden habe einmal recht herzlich: Danke! Wir sind gemeinsam ein Stück Weg geganen. Es ist ein schöner Weg. Es ist schön mit euch.

Und damit ist die Geschichte einer schönen Idee zu Ende. Der Blog geht weiter.

Was übrig bleibt

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„Soll das jetzt in den Schredder, oder nicht?“, fragt der Hausmeister. „Nein,“ sage ich, “ das können Sie so ins Altpapier werfen.“ „Aber da sind handschriftliche Notizen drauf, dann muss das in den Schredder“, beharrt er. „Glauben Sie mir“, entgegne ich kraftlos, „das Zeug interessiert keinen Menschen mehr. Das können sie bei der Bild-Zeitung in die Hauspost legen, das will keiner mehr wissen.“ Das Zeug, über das wir reden füllt einen grauen Plastiktrog von der Größe einer Badewanne. Mein Büro ist jetzt leer bis auf fünf Umzugskartons mit leeren Aktenordnern. An der Wand hängt noch das Plakat von Nani Morettis Film „Caro Diario“. Ich habe den italienischen Text nie richtig übersetzen können. „Ich glaube, dass ich auch in der besten aller Gesellschaften zu einer Minderheit gehören werde.“ steht da, glaube ich.

Zumindest gehöre ich heute nicht zu den Gewinnern. Oder doch?  Das Zeug im Trog ist das, was von sechs Jahren Arbeit übrig geblieben ist. Früher waren die lieblos aus den Aktenordner gerissenen Blätter Gutachen, Vermerke, Machbarkeitsstudien, Aufträge, Gegengutachten, wissenschaftliche Berichte, Fachartikel, Vorstudien zu Evaluationen, Stellungnahmen, Protokolle, Präsentationen, Reden, Broschüren, Tabellen, Zeitschienen, Projektanträge, Finanzierungskonzepte….  Jetzt ist alles nichts.  Acht Stunden und 12 Minuten am Tag, fünf Tage die Woche habe ich Papier voll geschrieben, Mails verschickt und in Meetings mit den Kollegen gestritten. Die Vorgesetzten haben sich gegen uns entschieden. Das Projekt haben am Schluss andere gemacht. Heute hat es die letzte Hürde genommen. Die Kollegen genießen ihren Erfolg. Sie kommen entspannt den Gang entlang geschlendert, sehen mich mit meinen Kartons und fragen freundlich, wo es hin geht. „Ach, wieder was mit Schreiben? Das können Sie doch gut. Da müssen Sie sich nicht so mit den Details befassen.“ Die Hand zum Abschied geben Sie mir nicht.

Wäre ich in den schechs Jahren nicht drei Mal Vater geworden, ich glaube, ich wäre heute wirklich traurig.