Avanti Dilletanti

Dilletant war zu Goethes Zeiten kein Schimpfwort.“, klärt uns Susanne gleich zu Beginn ihres Kurses in ihrem Atelier in Berlin Wedding auf. Und das ist Balsam für meine Seele. Denn seit der frühen Schulzeit trage ich nicht nur den Ruf einer sportlichen Null, sondern auch den Makel eines malerischen Nichtskönners mit mir herum. Schuld war diesmal nicht meine dicke Brille oder mein blöder Bruder, sondern meine Mutter. Als wäre mein Leben ohne räumliches Sehvermögen beim Fußball nicht schon schlimm genug gewesen, hatte sie mir zum Schulstart in der Hauptschule aus Versehen keinen Deckmalkasten gekauft, sondern einen Aquarellkasten. Die Lehrerin wollte aber leuchtend bunte Farben sehen, so wie sich das damals gehörte. Kinder malen fröhliche, bunte Bilder. Aber so sehr ich auch mit dem Pinsel herumquirlte, es kam nur wässriges Gekleckse dabei heraus. Und weil man Diversität damals nicht förderte, sondern die Jugend auf Linie bringen wollte, ging ich mit einem Brief an meine Eltern und einer vier in Kunst nach Hause.

Aber es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend. Es braucht nur die richtige Therapie. Und an diesem Samstag ist Susanne Haun meine Heilerin. Von ihren herrlichen transparenten Tuschebildern hängen inzwischen einige bei mir zu Hause. Jetzt will sie uns in ihre Geheimnisse einweihen. Tusche, Tinte und Aquarell steht auf dem Programm. Kaffee und Kuchen gibt es nebenher und reichlich, denn “Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Noch so ein aufmunterndes Zitat – diesmal von Karl Valentin. Bevor wir an die Pinsel dürfen, lernen von der Pike auf erstmal alles, was zum Handwerk gehört: Papierqualitäten, den Unterschied zwischen Aquarellfarben und Tusche und dass Pinsel mit Tierhaar noch immer die besten sind. Nicht ganz Peta, aber dafür sehr nachhaltig. Staunend dürfen wir einen Rotmarderpinsel bewundern, den Susanne noch von ihrer Großmutter geerbt hat. Na, und dann geht‘s los. Erstmal mit Farbe aus der Tube, ungemischt. Viel Farbe, wenig Farbe. Ich natürlich immer zuviel und zu dick, wegen dem Kindheitstrauma. Aber so langsam wird es was. Magische Landschaften entstehen, alles fließt. Ich sehe mich schon mit Sonnenhut an der See sitzen und den Horizont aquarelliern. Oben blau unten gelb. Aber da geht noch mehr. Denn jetzt wird es wissenschaftlich. Was kommt dabei heraus, wenn wir Farben mischen? Tabellen werden gezeichnet, die verwendeten Farben aufgeschrieben und im Raum wird es muxsmäuschenstill – wie bei einer Klassenarbeit – so konzentriert sind wir bei der Sache. Irgendwann fangen wir doch wieder an zu quasseln und dann passierts: da mische ich Bordeauxrot mit Bergbau, statt mit Senegalblau und die ganze schöne Farbtabelle gerät durcheinander. Egal. Jetzt habe ich auf meiner Palette genau die Farben, um die Aquarelle von Janosch nachzeichnen zu können. Die richtigen, nicht die Tigerente. Mach ich aber nicht. Susanne legt uns Motive hin, Blumen, Steine, Seidenpapier. Und jetzt haben wir uns “freigemalt“. Werden mutiger mit den Strichen und sparsamer mit der Farbe. Ja, Farben dürfen durchscheinend sein. Manchmal reicht sogar das Auswaschwasser aus den Pinselgläsern um etwas aufs Papier zu hauchen. Danke Susanne. Wenn das meine Kunstlehrerin noch erleben dürfte.

Und euch, liebe Leserinnen und Leser, schicke ich meinen schönsten Blumengruß Ins Wochenende.

Auf Linie

Würde die Welt eine bessere sein, wenn die Frauen die Macht hätten? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Aber wenn ich einen Blick auf die Bereiche werfe, in denen die Frauen jetzt schon das Sagen haben, lässt das bei mir zumindest nicht allzu große Hoffnungen für die Zeit nach der Niederwerfung des Patriarchats entstehen. Ich rede von der Grundschule. Ich rede von der Wunschliste der Lehrerinnen zum Anfang des neuen Schuljahres, von Lineaturen, Heftformaten und Schnellheftern.
Die SMS, die ich von der Mutter meiner Söhne bekam, klang wie beiläufig: „Kannst du bei McPaper vorbeigehen und einen Schnellhefter in grün -aber nur von Durable, keinen anderen, und zwei Geometriehefte Lineatur 24 mitbringen?“ Sie ahnte nicht, dass sie mich damit auf eine Reise schickte, die mich einen sonnigen Nachmittag und den Rest meiner Nerven kostete. Diese Reise kafkaesk zu nennen, wäre hier am Platz. Aber ich habe dabei auch viel über unser Land gelernt.
Bei McPaper stehe ich vor dem Regal mit den Schulheften und verstehe die Welt nicht mehr. Später werde ich erfahren, dass es in Deutschland mehr als 30 verschiedene Lineaturen gibt, dazu noch mindesten drei verschiedene Formate von Din A4 bis Quart und natürlich das alles als Block und als Heft, mit 16 und 32 Blatt mit und ohne Rand… Wer hat sich diesen Wahnsinn ausgedacht? War das schon immer so? Und warum?
Die Verkäuferinnen bei McPaper sind nicht besonders gut in Warenkunde. Aber immerhin können sie mir sagen, dass sich hinter „Geometrieheft“ ein Heft ohne Linien verbirgt. Blanko, sozusagen, weiße Blätter. Das gibt es auch noch. Aber wie kann ein Blanko-Heft eine Lineatur haben? In Deutschland geht alles. Ich finde ein Blanko-Heft mit Lineatur 25 aber ohne Rand, und tue was alle Väter tun: Ich stehe im Laden und rufe die Mutter an, die nicht wirklich geglaubt hatte, das Problem an mich losgeworden zu sein. „Weiß ich auch nicht.“, seufzt sie, „Es muss halt 24 draufstehen, mehr weiß auch nicht.“ Es ist also kein Frage der Pädagogik oder des Kindeswohls, sondern eine Frage der Autorität. Man will der Lehrerin gefallen, in dem man jeden ihrer absurden Wünsche erfüllt. Meine Zwillinge gehen in zwei verschiedene Klassen, im gleichen Jahrgang der gleichen Schule. Ich kann also gut vergleichen. Der eine hat das Schreiben in Blockschrift gelernt, der andere in Schreibschrift. Auch die Mathebücher waren unterschiedlich. Alles nach Ermessen der Klassenlehrerin. Und wenn die Lehrerin wechselt, was oft geschieht, wechseln auch die Anforderungen. Absprache, Koordination, einheitliche Regeln? Fehlanzeige. Alle meckern über den Hick-Hack der 16 Bundesländer. Aber das Problem fängt wohl früher an. Und das Problem hat zwei Seiten: Es gibt eine, die die Regeln aufstellt, und eine, die sie befolgt. Warum sind Mütter, die sonst den Konflikt mit den Lehrerinnen (auf der Grundschule meiner Kinder gibt es keinen Lehrer) um Schulessen, Pausenzeiten oder besondere Coronaregeln nicht scheuen, so devot und so kleinteilig, wenn es um die Schulsachen geht? Und warum wälzen sie diese Aufgabe dann auf mich ab?


Meine Odyssee, die bei McPaper begonnen hat bringt mich in alle Läden, die unsere Müllerstraße, die mal „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“ genannt wurde, noch zu bieten hat. Zu Woolworth, zu McGeiz und zu Müllers Drogerie. Überall das gleiche Bild: Ratlose Eltern, mit und ohne Anhang zwischen zerrupften Regalen, die extra für die „Schulsonderaktion“ aufgestellt wurden. Türkische Mütter mit Kopftuch und ganzer Familie in regem wie verzweifeltem Austausch, ein russischer Vater mit Sohn und großer Einkaufsliste, die ich zuerst bei „Müllers“ und dann noch drei Mal mit immer prallerem Beutel treffen werde. Ein arabischer Mann mit Sohn, der ihm die Wunschliste auf dem Handy vorliest, telefonierende Männer… Geheimtipps machen die Runde: Bei „Pfennigland“ soll es noch Blanko-Hefte geben, raunt mir eine junge Frau zu, die gerade eine türkische Frauengruppe beraten hatte. „Pfennigland“, murmele ich vor mich selber hin, und es klingt wie der Name des himmlischen Jerusalems. Dass ich daran nicht gedacht hatte. Hier bin ich Stammkunde. Das ist der Ort, an dem Wunder möglich werden- zu kleinem Preis. Hier finde ich immer die Überraschungen für die Kindergeburtstage und manchmal auch Ersatzteile für mein altes DDR-Fahrrad. Doch als ich ankomme, ist das Regal leer und mein Mut verflogen. Ich könnte noch zu Karstadt, aber meine Kraft reicht nicht mehr. Geschlagen ziehe ich zu McPaper zurück und kaufte zwei Hefte blanko, Lineatur 25 für je 39 Cent das Stück, um nicht mit leeren Händen bei meinen Kindern anzukommen. Vielleicht übersieht es die gestrenge Lehrerin ja und vielleicht müssen meine Kinder nicht unter dem Versagen ihres Vaters leiden. „Ach, das hättest du jetzt nicht machen müssen.“, flötet die Mutter meiner Söhne, „Ich hätte die Hefte auch am Montag noch hier im Schreibwarenladen besorgen können. Aber an den grünen Hefter hast du gedacht? Den gibt‘s nämlich nur bei McPaper.“ Auf meinem dritten Gang in die Welt der Frauen gründe ich in Gedanken und mit wachsender Freude die erste Widerstandsgruppe für die Zeit, wenn das Matriarchat die Macht übernommen hat. Also heute.


Sommer

Vor mir, auf der lauten, vierspurigen Straße fährt eine Frau in muslimischer Tracht auf einem grünen E-Roller. Sie fährt beschwingt Schlangenlinien hin und her. Ihr braunes Kopftuch flattert, ihr schwarzer Mantel flattert und sie fährt Schlangenlinien. Sie trifft Freundinnen, strahlt sie beseelt an. Sie hat eine goldene Nickelbrille und ein Handy unterm Kopftuch. Es ist Sommer im Wedding.

Ich will eine Bockwurst essen, mit Brötchen, bei Kamps. Der Verkäufer ist jung, hat einen Wuschel voller schwarzer Locken und einen Bart, aus dem noch was werden könnte, wie der junge Che Guevara. Er holt die Bockwurst mit einer Serviette aus dem Topf und steckt sie in die Brötchentüte – eine heiße Wurst in eine Brötchentüte und reicht sie mir ohne ein Wort rüber. Mit Brötchen bitte sage ich. Da nimmt er ein Brötchen, steckt es zur Wurst in die Tüte und gibt sie mir. Immerhin: Das Brötchen ist in der Mitte aufgeschnitten. Im Radio höre ich, dass die Kneipen Schwierigkeiten haben, gute Leute zu finden, weil die jetzt alle bei Amazon oder den Gorillas arbeiten.

Im Freilichtkino läuft ein Tanzfilm. Als ich im Winter die Werbung in der U-Bahn gesehen hatte, hatte ich mir vorgenommen: Das ist einer der Filme, die ich mir auf jeden Fall wieder anschaue, wenn die Kinos offen haben. Die Werbung versprach berauschende Farben und leidenschaftliche Tanzszenen. Ich mache mich um neun Uhr auf den Weg durch den Rehberge-Park. Ich wundere mich: Es ist mild und noch hell. Ich hab zwei Jacken an. Beim Kino ist die Kasse geschlossen – nur online-Tickets. Eine Frau hält mir ihr Handy mit einem pixeligen Code entgegen: Brauchen sie noch ein Ticket? So viel Glück muss man haben. Aber ich will nicht. Ich brauch keinen Film mehr. Der Gedanke jetzt alleine zwei Stunden im Freien vor einer flimmernden Leinwand zu sitzen und mir eine dramatische Geschichte anzuschauen, hat nichts verlockendes mehr. Und berauschende Farben habe ich im Park genug.

Auf dem Rückweg treffe ich einen Haufen junger Leute, die über den Möwensee schauen und AHH und OHH rufen. Ist der Graureiher wieder da?, frage ich mich. Seine ruhige und majestätische Art hat mich und meine Jungs immer fasziniert, wenn er regungslos neben der Trauerweide saß. Nein, der Reiher ist verschwunden. Auf einem abgestorbenen Baum tummeln sich vier tapsige Waschbärenjunge. Wirklich süß. Waschbären sind große Eierräuber.

Unerwarteter Besuch

Katrin kenne ich schon seit über zehn Jahren. Wir haben nie viel miteinander gesprochen, obwohl wir uns jede Woche sehen. Es musste erst Corona kommen, um das Eis zu brechen. Heute stand sie zum ersten Mal vor meiner Tür. Ich hatte mich endlich getraut sie anzurufen, ihr ein kleines Briefchen geschrieben und vor die Tür gelegt, Sie kam sofort, hatte mir was Nettes mitgebracht und lächelte mir zu. Ich winkte ihr aus dem Hausflur, sie winkte zurück. Näher konnten wir einander nicht kommen, aber wir verstanden uns ohne viele Worte. Das war nicht immer so.
Es ist ein seltsames Gefühl, plötzlich von der Welt abgeschnitten zu sein. Erst merkt man nichts, Homeoffice wie gewohnt. Aber irgendwann ist der Kühlschrank leer und man muss anfangen, sich Gedanken zu machen. Und der unangenehmste Gedanke ist: Wen kann ich um Hilfe bitten? Im Haus sind alle einigermaßen nett, aber mehr als ein paar Worte wechsele ich mit niemand. Meine Freunde leben mehr so über die Stadt verstreut. Meine Tochter braucht eine Stunde zu mir und hat ihren ersten Job, auch Homeoffice, aber so einfach kann sie auch nicht weg. Ich mache eine lange Liste und bin erstaunt, was ich alles für eine Woche brauche. Nein: Klopapier ist noch nicht mal dabei, aber ich merke: Das schafft einer ohne Auto nicht. Dann denke ich an Heiko, wir kennen uns über unsere Jungs, treffen uns öfter und der hat ein Lastenrad. Versuch macht kluch. Ich rufe ihn an und er ist so semi begeistert. Hat am Wochenende schon was anderes vor, könnte aber vielleicht am Samstag ganz früh beim Naturkostladen die Sachen abholen, die ich dort bestellen kann. Das geht. Ein bisschen peinlich ist mir das schon. Also überlege ich, wie ich ihm die Sache einfacher machen kann. Einfach weniger essen! Oder noch besser: Einfach gar nichts essen. Eine Woche lang fasten. Mache ich eigentlich ein Mal pro Jahr um Ostern, aber wegen Corona ist ja alles durcheinander. Aber nichts essen heißt nicht, dass ich nichts brauche. Eine Kiste Saft, ein bisschen Gemüse für das dünne Süppchen, dass man zwischendurch essen soll, leckeren Tee, Honig…..
Ich rufe im Laden an, und einer von den wuschelköpfigen Weltverbesserern ist dran, die sich in dem Laden die Klinke in die Hand geben. Woolheaded, woolminded lentilstirrers nannte mein englischer Freund die Sorte. Mürrisch nimmt er Namen und Bestellung auf und als ich nach dem Saft frage, muss er kurz in den Laden rufen. Sie müssen alle rufen und fragen, denn die Chefin in dem Laden ist Katrin. Und nur Kathrin weiß wie man es richtig macht, denn es ist seit 20 Jahren ihr Laden und keine weiß es so gut wie sie. Deswegen hält es auch keiner lange bei ihr aus. Denn selbst der enthusiastischste Müsli-Jünger fragt sich bald, ob er sich der guten Sache wegen diesen Drachen antun muss. Auch die Kundschaft wird gerne mit erlesenster Berliner Patzigkeit begrüßt oder am besten geschäftig ignoriert. Auch ich wurde über die vielen Jahre keines Blickes gewürdigt und mein fröhlicher Gruß blieb meist unerwidert zwischen den Holzregalen stecken.
Doch seit einem Monat hat sich was verändert. Das war, als ich mit den Flugblättern für die neue Bürgerinitiative in den Laden kam. Auf einmal strahlte das süßeste Lächeln in Katrins Gesicht. Ist es, weil ihre neue Freundin Barbara auch bei unserer Ini mitmacht? Sie erwiederte meinen Gruß sogar mit meinem Namen, den sie anscheinend seit Jahren kennt. Und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich an dem Tag nicht beschwingt aus dem Geschäft geschwebt wäre. Und kaum hörte heute Kathrin meinen Namen, als der umständliche junge Mann laut meine Adresse auf den Bestellblock notierte, riss sie ihm den Hörer aus der Hand und säuselte: „Das bringe ich dir natürlich persönlich vorbei.“ Ich glaube, Kathrin hat Frühlingsgefühle. Oder ihr Laden läuft so schlecht, dass sie für ihre verbliebenen Kunden eine Charmoffensive startet.
In den Umschlag, auf den ich Kathrins Namen geschrieben und in den ich die geforderte Summe gelegt habe, tue ich ich noch ein paar Euro extra. Fürs Bringen. Denn ich möchte sicher sein, dass unsere Beziehung eine geschäftliche bleibt.


Ach, Frühling

Gestern noch hätte ich ein wehklagendes Weltuntergangsgedicht schreiben wollen. Mit ächzenden Baukränen, die stöhnen wie untergehende Tanker, dem Mantel einer Selbstmörderin, der nachts verlassen auf einer Bank am Kanalufer liegt und kalkweißen Lichtfingern, die den Himmel über Berlin nach neuem Unheil absuchen. „Oh Welt…,! Das volle Expressionistenprogramm.
Zum Glück scheint heut Morgen die Sonne. Ich hole mir einen Kaffee beim türkischen Bäcker um die Ecke und suche mir ein warmes Plätzchen. Vor den Ruinen des kroatischen Restaurants an der Ecke hat jemand für mich die Reste des Mobiliars auf das Trottoir gestellt. Menschen rennen vorbei, Paketautos kurven in Parklücken. Ich sitze auf einem klapprigen Lederstuhl und spüre die zaghafte Wärme. Am Schaufenster hängt noch das muntere Plakat für die Demo am Wochenende, das ich selber geklebt habe. War gar nicht schlecht. Der Bürgermeister war da und hat uns das Blaue vom Himmel herunter versprochen. Auch schon wieder vorbei. Der Wind bläht die Plane über meinem Motorrad. „Ruhig Brauner!“ raune ich ihm zu. „In ein paar Stunden sind wir auf der Autobahn.“ Ein Blick auf die Uhr. Mit wippenden Schritten federe Ich meinem Home Office entgegen. Das kommt von den neuen, wunderbar weichen Silikoneinlagen- in den Schuhen. Merkt keiner, aber lassen mich wieder laufen wie einen jungen Hüpfer. „I look pretty tall, but my heels are high.“ Das Jahr kann so weiter gehen.

Projekt „Abendsonne“

Nele meint auf WeChange, der Termin für die Demo müsse im Plenum besprochen werden. Wo das Plenum stattfindet, schreibt sie nicht. Anscheindend ist das allen klar. Lennard postet, dass er eine Datenbank für die Bilder erstellt hat, man müsse sich nur noch über die Formate einigen. Anja erinnert im thread „gestaltung“ auf „slack“, dass man sich jetzt auf diesen Messenger geeinigt hat, weil der praktischer sei als der auf WeChange. Johanna von der AG Selbstverständnis gibt mir auf dem „pad“ für den Basistext den Link, für das Papier „Visionen“, das so als erster Entwurf zeige, wo es mit der Initiative lang gehen soll. Barbara schickt mir endlich per Mail den zoom-Link für das nächste Plenum, nachdem ich zwei Mal in der Conference-Funktion von WeChange zum angesagten Plenums-Termin mit zwei Gleichaltrigen alleine war. Als ich in der AG Öffentlichkeitsarbeit vorschlage, ganz old school eine Homepage einzurichten, kommt von Anja die höfliche Antwort, dass die Social Media Kanäle wichtiger wären und schneller gingen. Und darauf wolle man sich konzentrieren. Ganz freundlich schiebt sie meinen Beitrag, den ich wieder mal in der falschen Diskussionsgruppe gepostet habe, in die richtigen „thread“.


Ich bin einer Bürgerinitiative beigetreten, einer, die es wegen Corona nur virtuell gibt. Leute, die sich sozial engagieren hieß es neulich in der Zeitung, seien gegen die Corona-Depression besser geschützt. Die Initiative will ein lange leerstehendes Gebäude im Park nebenan wieder mit Leben füllen. Da ist bei den ersten Visionen die Rede von chillen und von gutem Kaffee, von Nachhaltigkeit und der Sonne, die man auf der Haut spüren wolle. Das passt gut. Denn ich will wieder ein schönes Bier im Abendrot trinken, wie damals, als es in dem Pavilion noch eine Gaststätte mit Biergarten gab. Das Bezirksamt wollte den Schuppen einfach abreißen lassen, aber er hat Denkmalschutz. Jetzt soll eine Bürgerbeteiligung her. Alternative Konzepte sind gefragt. Vor dem Bio-Laden traf ich Barbara, eine Aktivistin, die mich direkt ansprach, ob ich nicht mitmachen wolle. Barbara arbeitet als Clownin, ist also ausreichend verrückt, um an den Erfolg der Sache zu glauben. Eine Initiative im Lockdown durchzuziehen, darin habe ich Erfahrung, sagte ich ihr. Im Frühjahr 2020 haben wir „Mein Wedding“ als Open-Air-Kunstausstellung organisiert. Aber da waren wir zu viert und kannten uns persönlich. Als ich endlich den Weg in virtuelle Plenum auf „zoom“ gefunden habe, wird mir klar, dass hier mindestens 50 Leute dabei sind. Meistens jung, deutsch, akademisch und in der digitalen Welt zu Hause. Viele kennen sich anscheinend von andern Gruppen und Aktivitäten. Die Strukturen und Abläufe sind ein wichtiges Thema. An meinem zweiten Abend höre ich einen Vortrag über „Soziokratie“. „Basisdemokratisch“ hätte man das genannt, als wir noch Flugblätter auf der Reiseschreibmaschine tippten. Heute bekommen wir per zoom eine Power Point eingeblendet. So soll das funktionieren.

Ganz einfach also -in der Theorie. In der digitalen Praxis läuft alles – wie in den schlechten analogen Zeiten – natürlich über private Kontakte quer zur Struktur. Alle sind über Whats-App oder sonstewie vernetzt, einige sitzen in allen AGs gleichzeitig und einige sind schon in Kontakt mit der Politik. Wer sich an die Regeln hält, bekommt das Wichtigste nicht mit. Dabei ist „Transparenz“ natürlich der Anspruch, der in den offiziellen Foren heftig eingefordert wird. Und viele geben sich auch ganz ehrlich Mühe, den Anspruch aufrecht zu erhalten. Ich bewundere die Disziplin und die Struktur, die hier gelebt wird. Keine endlosen Labereien, wie in den Plenen/Plena/Plenums vergangener Tage. Die Konferenzen sind gut getaktet, fast alle halten sich an das Zeitlimit. Es ist auch einfacher, einen Laberkopf aus einem zoom-meeting rauszuwerfen als einen körperlich anwesenden Welterklärer aus dem Sitzungsaal im AStA.

Was der Nachteil für mich ist: Auf den digitalen Plattformen haben die digital natives die Lufthoheit. Und ich spüre den digital gap. Mühsam klicke ich mich durch die Foren und das endlose Geschnatter. Es ist wie bei den Nachrichten, die ich -selten- von meiner großen Tochter kriege. Statt eines Anrufes brauchen wir fünf SMS und vier Nachfragen, bis klar ist, wann und wo wir uns das nächste Mal treffen. Es kostet mich auch viel Kraft, nach dem Plenum auch noch eine Stunde AG Sitzung online durchzuziehen. Ich schwänze immer öfter und sehne ich mich nach einer konkreten Aufgabe. Deshalb übernehme den Text für den Flyer zur Demo. Großer Fehler! Denn ersmal „reden“ wir eine Weile aneinander vorbei. Für mich ist ein Flyer ein kleines Flugblatt, das man jemand in die Hand drückt und für die Post-Techno Generation ist ein Flyer ein Zettel, den man irgendwo hin klebt, meist mit einem kurzen Solgan und einem facebook-hashtag. Als wir das sortiert haben, heißt meine Aufgabe „Faltblatt zur Selbstdarstellung der Initiative“. Ein Himmelfahrtskommando bei einer Gruppe, in der die einen von der Sonne träumen und die anderen Investoren aus dem Kietz vertreiben wollen. Aber ich nehme es als technisches Training, um mich mit dem ganzen social-media-Kram zu beschäftigen, der auch auf der Arbeit immer mehr Raum einnimmt. Immerhin schaffe ich auf WeChange ein „pad“ einzurichten und bin mächtig stolz auf mich. In einem „pad“ können viele Menschen gleichzeitig online an einem Text arbeiten. Eine tolle Erfindung. Ich mache einen Entwurf und einige aus anderen Arbeitskreisen machen Ergänzungen. Wunderbar. Der Text ist fertig. Die Grafikerinnen machen ein professionelles Layout dazu. Alles schick!
Doch dann kommt Liam und mir fällt wieder ein, warum ich irgendwann Ende der 80er diese „jeder hat die gleiche Stimme“-Foren satt hatte.  Liam ist ein(e) Kämpfer(in). So ganz klar ist das mir bei ihm oder ihr mit der Geschlechteridentität nicht. Ist aber allen wichtig. Auf jeden Fall bekomme ich heftig Schelte, als ich „Liebe Liam“ schreibe. Liam streicht den ganzen Text und die Struktur, macht daraus ein antikapitalistisches Pamphlet und erklärt patzig: Der Flyer geht so nicht raus. Ich erkläre in der AG meine Arbeit, meine Struktur und dass es wichtig ist, alle sprachlich zu erreichen. Das mache ich seit 30 Jahren. Zweiter Fehler: Sich auf Erfahrung zu berufen. Alle stellen sich hinter Liam. Jeder könne doch gute Texte schreiben. Und sicher  sei an der Überarbeitung doch das ein oder andere bedenkenswert. Ich schlafe eine Nacht schlecht.

Am nächsten Morgen weiß ich: Ich streite mich nicht mehr um ein paar Worte auf einem Stück Papier. Und ich habe nicht die Kraft, gegen virtuelle Windmühlen zu kämpfen. Etwas traurig wünsche ich meinen MittreiterInnen ein frohes Gelingen der Initiative, verabschiede mich bis zur Demo, verabschiede mich von „slack“ und beschäftige mich mit der nächsten Generation. Zusammen mit meinem Sohn entwerfe ich eine neue Struktur. Er einen Strich, ich einen Strich. Er eine Farbe, ich eine Farbe. Ich finde, das sieht doch für die Zukunft schon ganz vielversprechend aus.

Wedding Wonderländ

Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich das noch erleben darf. Vor drei Jahren stand ich mit meinen Jungs auf dem zugefrorenen Plötzensee und dachte: Gut, dass ich ihnen das noch mal zeigen konnte. Das wird es nie wieder geben. Klimawandel und so. Und jetzt? Ein Winterwunder! Der Himmel strahlt und das Eis lockt, Zäune zu übersteigen. Die Natur ist wohl doch noch für ein paar Überraschungen gut.
Die Menschen leider auch. Denn was ich dann sehe, als ich an den See komme, verdirbt mir die Winterlaune. Genau wie im Sommer wird der See zum Partymachen missbraucht. Musik wummert, die geschützen Uferböschungen werden rücksichtslos zertrampelt, das Eis aufgehackt, gerade an den Stellen wo Kinder unterwegs sind. Keine Rücksicht auf Niemand. Es gibt echt zu viele Bekloppte in Berlin.

White Wedding

Es ist kalt in Berlin-Wedding. Neun Grad Minus, aber wunderschön weiß. Es hat so viel geschneit, dass wir am Wochenende zwei Mal Schlitten fahren gehen konnten. Und heute nochmal! Die Schönheit des winterlichen Wedding ist schon an anderen Orten sehr poetisch beschrieben worden. Das muss ich nicht noch mal versuchen. Aber ich hoffe, es weiß von meiner werten LeserInnenschaft jemand zu würdigen, dass ich mir fast die Finger abgefroren habe, um diese Fotos mit euch zu teilen. (jammer).

Notlicht

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Also ick gloobe, die da beim Jobcenta in der Müllerstraße ham een an der Tanne. Schon seit Ewichkeiten darf da keener mehr rin. Und vor Weihnachten scheint ooch noch der Hausmeesta krank jeworden su sein. Uf jeden Fall macht da ahms keener mehr die Lichta aus. Dit Haus sieht aus wie een Weihnachtsbaum. Nu ist Weihnachten schon lange vorbei und die Bäume hat längst die Stadtreinijung jeholt. Aba die vom Jobcenta machen munta weita. Is ja ejal. Is ja nur unsa Jeld. Kann da nich mal jemand een Elektrika holn?

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Wo wers jerade vom Jeld ham. Dit sieht hier zwar so aus wie Las Vegas, aba dit is jerade dem Jobcenta jejenüba. Dit is da, wo die Jungs sonst ihre Stütze vazocken, die se sich vom Amt jeholt ham. Aber mit dem jroßen Jeld is da ooch vorbei. Allet dicht. Und damits keener merkt, hamse die Lichta in Treppenhaus anjelassen.

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Aba wenichstens Kaastad hat noch uff. Bis um achte ahms. Jeht ooch nich mehr lange, gloob ick. Aber der letzte macht dit Licht aus.

Schön Ahmnd noch!

Böller und Benzin

Es kracht und knallt. In meiner Nachbarschaft ist Zurückhaltung ein Fremdwort. Die Straße riecht nach Böllern und Benzin. Aber trotzdem muss ich raus. Einmal quer durch die Stadt mit zwei Flaschen Sekt zur zwei Personen-zwei Haushalte Sylvesterparty. Falls ich von diesem Trip nicht wiederkehren sollte, will ich euch schon jetzt zum Neuen Jahr die besten Wünsche senden und ein paar letzte bunte Bilder aus diesem verrückten Jahr. So schlecht war es gar nicht.