There’s a light

Die ganze Zeit hat sie geleuchtet, Tag und Nacht, im leeren Café. Sie war mein Hoffnungsschimmer in trostloser Zeit, mein Stern am Abend. Diese biedere Stehleuchte. Sie hat durchgehalten, während ich verzagte. Die Blumen im Schaufenster vertrockneten, mein Mut sank. Aber sie schien weiter. Sie ist das Markenzeichen des kleinen Flop-Cafés bei mir um die Ecke und eine, die nie den Glauben daran verliert, dass es weiter geht.
Lange hatte ich geglaubt, dass mein zweites Wohnzimmer, mein Kaffeehaus seine zweite große Krise nicht übersteht.
Die erste war vor einem Jahr über das ältere syrische Ehepaar herein gebrochen, als ihr Sohn, der in unserer Straße die Flop-Bar aufgemacht hatte, und für seine Eltern das Café, ganz überraschend starb. Blutvergiftung, munkelten die Nachbarn. Zu spät gemerkt. Keiner konnte ihm mehr helfen. Dabei war er erst Anfang 30.
Ein Monat war zu, dann standen alten Leutchen wieder auf den Beinen. „Ich bin froh, dass Sie wieder da sind.“, sagte ich zu dem zurückhaltenden Herrn mit dem weißen Schnurrbart. „Und ich danke Ihnen, dass Sie wiedergekommen sind.“, erwiderte er leise mit erlesener Höflichkeit. Er hat in Syrien wahrscheinlich etwas anderes gemacht als Schalen mit Humus und Kibbe zu verkaufen. Er ist langsam und mit seinen Gedanken oft woanders. Ich könnte mir ihn gut in einer Bibliothek vorstellen. Seine Frau sitzt am Tisch in der Ecke, wenn sie nicht in der Küche ist. Sie spricht kein Deutsch, aber sie hat aus ihrem Café eine Art syrisches Jugendzentrum gemacht. Immer sitzen junge Leute um sie und reden, während die jungen Deutschen an den anderen Tischen in ihre Laptops tippen. Manchmal trippelt ihr Mann zum Tisch, will dabei sein, steht aber etwas verloren rum. Die beiden sind rührend miteinander.
Dann kam Corona. Von einem Tag auf den anderen war zu. Und kein Hinweis darauf, dass es weiter geht. Kein Schild, kein Eintrag bei Facebook (das wohl noch vom Sohn eingerichtet wurde und seit Jahren unverändert ist) keine Telefonnummer. Nur die Lampe war geblieben, wie das ewige Licht in de Kirche, das immer leuchtet und die Gemeinde an die Wiederauferstehung glauben lässt. Irgendwann fand ich das Cafe auf der Seite von „Berlin hilft“, kaufte einen Gutschein und schenkte ihn meiner Tochter, die in dem Cafe viele Tage verbracht hat, als sie bei mir wohnte. „Hast du gesehen? fragte ich sie, als sie gestern endlich mal wieder vorbei kam, „Unser Cafe hat wieder auf.“ „Ja“, sagte sie nebenbei, „bin schon dran vorbei gelaufen.“ Den Gutschein hatte sie schon vergessen. Ist ja schon vier Wochen her. Eine Ewigkeit in dem Alter.

Urban Jungle

Eigentlich wollte ich in meinem Leben einmal den Dschungel sehen, richtigen Regenwald mit riesigen Bäumen, Pflanzen mit fetten Blättern und üppigen exotischen Blüten. So wie im Dschungelbuch, so stelle ich mir das vor. Costa Rica wurde mir von Freunden als Land genannt, wo es das alles zu sehen gibt – und noch ein paar Vulkane dazu. Jetzt sieht es so aus, als würde es ein Wettrennen gegen die Zeit geben, denn der Regenwald verschwindet so schnell, dass es vielleicht keinen mehr gibt, bevor wieder Flugzeuge oder Schiffe in das Land meiner Sehnsucht fahren.
Es bleibt mir also nur, das Fernrohr umzudrehen und ganz nah ranzugehen an das, was ich hier jeden Tag sehen kann. Dann zeigt sich, dass auch unser Hinterhof Blüten und Farben in in Hülle und Fülle zu bieten hat. Fehlen nur noch die Affen.

Herbei, herbei zum 4. Mai

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Geschlossen war zum 1. Mai seit hundert Jahren nur eins: Die solidarische, unbezwingbare Arbeitereinheitsfront, die auf den Plätzen und Straßen gegen ihr Elend  und die Macht des Kapitals kämpfte. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Plätze verwaist, die Straßen im Griff des Ordnungsamtes, das mit strengem Blick darauf achtet, dass das Volk nicht zusammenkommt und die Gewerkschaften demonstrieren online. Ich vermute, die Absage der großen DGB-Demos, die sonst mit Trillerpfeifen das Schweinesystem erschütterten, geht nicht auf die staatsragende Einsicht der Einheitsgewerkschaften in coronabedingte polizeiliche Auflagen zurück, sondern auf Scham.
Denn was würde dieses Jahr unter roten Bannern zur Schau gestellt?  Wohlstandsbürgerinnen und Bürger fortgeschrittenen Alters in den immergleichen Plastikleibchen mit Gewerkschaftslogo?  Das wäre schon schlimm genug. Aber dieses Jahr kämen herausgewachsene Blondierungen, ausgewaschene Dauerwellen, graue Streifen in vormals schwarzen Haaren, büschelweise Haare in den Ohren und verzottelte VoKuHilas dazu. So darf die stolze organisierte Arbeiterschaft sich nicht auf der Straße zeigen, will sie sich nicht mit dem alten Schimpfwort „Lumpenproletariat“ verhöhnen lassen. Natürlich ist das ein perfider Schachzug der Bourgeoisie. Warum wohl dürfen die Friseure erst nach dem 1. Mai öffnen, die kleinen Geschäfte aber schon seit vergangener Woche? Eben! Wusste die herrschende Klasse doch, dass die erzwungene Schließung der Friseurläden tiefere Einschnitte in die Kampfkraft der Arbeitnehmervertretungen bewirkt, als es alle bisherigen Finten des Kapitals.
Doch was soll ich tun? Auch in mir steckt ein kleinbürgerlicher Reaktionär. Auch ich meide schamhaft die Nähe meiner Kolleginnen und Kollegen, weil ich ihren Spott fürchte. Meine ansonsten von freundlichen arabischen Männern auf 9 mm Einheitsschnitt getrimmten Resthaare nehmen barocke Formen an. Barock nicht im Sinne einer gepuderten Lockenpracht sondern barock im Sinne eines „gesprengten Giebels“. Das heißt: Links und rechts wuchert es verspielt und üppig und in der Mitte klafft eine Lücke, die nichts anderes ausdrückt als Vergänglichkeit. In die moderne Popkultur ging diese Form der Frisur ein als Erkennungszeichen verrückter Wissenschaftler. Auch im Comic ist sie beliebt. Der Chef der hoffnungslosen Bürohengstes Dilbert trägt sie.

Wenn ich wenigstens in der Wüste oder in der Eifel lebte, wo mich nichts an meine Verunstaltung erinnerte. Aber nein! Ich lebe wahrscheinlich in dem Stadtteil mit der höchsten Friseur-Dichte Deutschlands. Ich leide Tantalusqualen, wenn ich durch die Straßen gehe. Denn in meinem Bezirk gibt es amtlich gezählte 67 Friseurgeschäfte, – im Wedding legt man viel Wert auf gepflegtes Aussehen – aber was nützt mir das? Alle, alle haben zu!

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Das kleine Vergnügen eines Friseurbesuchs, das Eintauchen in die fremden Welten, das kurze Glück exotischer Sprachen und Düfte habe ich auf diesem Blog schon oft beschrieben. Aber das erhebende Gefühl, mit frisch gestutztem Haar sich wieder als Teil der zivilisierten Welt fühlen zu dürfen, wird mir verweigert. Und sogar die Hoffnung, das mein Leiden am 4. Mai ein Ende haben wird, wird mir verwehrt. Denn wenn wir auch  alle wissen, dass nach der Krise nichts mehr so sein wird  wie es vorher war, hat mich dieser Aushang im Salon „Aufhübschstation für die Dame und den Herrn“ doch sehr erschüttert.

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Vorbei die Zeit, als ich mich aus einer Laune heraus nach Feierabend in einen Frisiersalon fallen lassen konnte, um mich zu entspannen. Vorbei die Zeit als ich ungewaschen den Salon verlassen konnte, und ja, auch vorbei die Zeit, in der ich selbst bestimmen konnte, ob ich mir Wimpern oder Brauen färben lassen wollte. Das ist jetzt alles für mich geregelt. Na ja, wenn’s der Infektionsbekämpfung dient… Wir müssen ja alle Opfer bringen. Aber für gute Ratschläge, welche Wimpernfarbe sich am schnellsten wieder auswaschen lässt, wäre ich dankbar.

Das ist eine Geschichte mit Happy End (gesehen in einem Kunstsalon in der Otavistraße).

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Unser Dorf soll schöner werden

Mein Wedding(c) Michael Fanke

Berlin Wedding ist grau und trist? Keineswegs! Der Mittelstreifen der Müllerstraße im  Wedding wird sich vom 15. August bis zum 4. Oktober 2020 durch 12 Kunstwerke wieder in eine Freiluftgalerie verwandeln. Das war schon in den vergangenen sechs Jahren so, aber dann fand sich keiner mehr, dies oder ders machen wollte. Also hat Susanne Haun, die Bloggerin und Künstlerin aus dem Wedding ein paar Mitstreiter um sich geschart – und schon kommt im Sommer wieder Farbe auf den „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“.

Das Schöne ist: Alle können etwas dazu beitragen, denn die Grundlage der Ausstellung ist ein Kunstwettbewerb. Künstlerinnen, Künstler, Kitas, Schulen oder interessierte Freizeitmalerinnen und -maler sowie Fotografinnen und Fotografen aus Berlin rufen wir auf, Kunstwerke zu gestalten, die sich mit dem Stadtteil Wedding auseinandersetzen und Typisches aus dem Wedding aufgreifen. Die besten 12 Beiträge werden von einer Jury für die Ausstellung ausgewählt. Für die ersten drei Plätze gibt es ein Preisgeld.

Preisgeld
1. Platz 200 Euro und als Standort vor der Bibliothek
2. Platz 100 Euro und als Standort vor dem Rathaus
3. Platz 50 Euro und als Standort vor dem Alhambra

Wer mitmachen will, der schaue sich die Website des Wettbewerbs an.

https://meinwedding2020.home.blog

Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere von euch mal vorbeikommt, sich den Wedding anschaut und (sich) davon ein Bild macht.

Hier ein paar Beispiele prämierter Beiträge aus den letzten Jahren.