Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass es in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Berlin, ein Garten Eden

Manchmal hat das Warten an der „Bettelampeln“ über die vierspurige Seestraße auch etwas Gutes. Denn wenn ich schnell über die Staße gekommen wäre, hätte ich die Frauen gar nicht bemerkt, die ihre Hände in die Büsche an der Straßenbahnhaltestelle Seestraße steckten. Und erst recht nicht die roten Beeren, die sie unter den halbvertrockneten Blättern der frisch gestutzten Sträucher hervorholen. „Darf ich fragen, was das für Beeren sind, die sie da pflücken?“ frage ich eine Frau mit einer schon halb gefüllten Plastiktüte. Sie versucht es zuerst auf Englisch: „You eat it with sugar.“, aber den Namen der Frucht fällt ihr nicht ein, dann auf Französisch, „pour Marmelade“, aber zuletzt ruft sie eine Freundin, mit der sie Türkisch spricht und die mir auf Deutsch antwortet. „Das sind Kizilcìk, der deutsche Name fällt mir gerade nicht ein.“ Google hilft und wir finden heraus, dass es Kornellkirschen heißt. Ich probiere eine hellrote Kirsche und es zieht mir den Mund zusammen. Sauer! „Sie müssen die dunklen nehmen.“, lacht meine Ratgeberin. „Am besten sind sie mit Zucker oder man kann sie mit Apfelsaft zu Marmelade kochen.“ Eine weitere Frau kommt vorbei und rät mir, die Beeren vorher abzuwaschen: „Wegen der Autos und der Leute, die hier vorbeikommen.“ Sie kennt noch weitere Standorte, war gerade in Rudow. Anscheinend ist gerade in ganz Berlin Erntezeit. Und sie weiß, dass es ein paar Meter weiter, vor der Kapernaum-Kirche noch eine leckere Spezialität gibt: Lorbeerkirschen. „Sie müssen den Kern zerbeißen, dann schmeckt es wie Marzipan.“, schwärmt sie. Und als sei das nicht genug, weist sie über die Straße zu dem Chinesischen Restaurant: „Dort steht ein Pflaumenbaum, schöne, kleine feste Früchte. Aber keiner erntet sie. Es ist so schade.“ Der Wedding ist ein Paradies, ein Garten Eden für den, der sich auskennt. Ich hab es immer gewusst. Der Herr sorgt für die seinen. Die Lorbeerkirschen waren mir dann aber doch zu bitter.

(Was auch gut so ist. Durch einen Kommentar habe ich erfahren, dass man die Lorberkirschen besser nicht roh isst, und vor allem nicht auf die Kerne beißt, weil die eine Vorstufe von Blausäure enthalten,)

Can kommt nicht mehr

Wo Can war, wars lebendig. Wenn er hinterm Tresen stand in seinem kleinen Backshop neben der U-Bahn-Station, lief Musik. Hip Hop oder sowas in der Richtung. Mit seinen Gästen unterhielt er sich laut und fröhlich, nicht nur, um die Musik zu übertönen, sondern weil er so war. Baumlang, spindeldürr, immer aufgedreht und gut gelaunt. Ein großer Clown. Er ging mit mit der Musik. Seine Freunde, und alle die kamen, waren seine Freunde, wurden mit einem Spruch oder mit einem High Five begrüßt. „Bist du Bäcker oder Rapper?“ fragte mal einer in der Schlange vor dem vollen Tresen. „Rapper?, niemals!“, antwortete Can sofort und wie immer etwas zu laut. „Ich bin Bäcker!“ Die Brötchen und den Kuchen verkauften die Frauen, die neben ihm standen. Leicht genervt verdrehten sie ihre Augen, wenn Can mal wieder seine Show abzog. Aber er war die Seele vom Geschäft. An den Wänden hingen Bilder, die die Kinder aus der Nachbarschaft ihm in der kleinen Spielecke hinter dem Schaufenster gemalt hatten. Andere schenkten ihm eine Fotomontage, die ihm im Fußballtrikot zeigte. „FC Can“ stand darüber. „Der fröhlichste Backshop im Wedding“ dichtete ich in meinem Hinterkopf schon die Überschrift über einen Bericht für eines unser Kiezmagazine. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Vor ein paar Wochen setzte sich Can dann mal zu mir, als ich vor dem Laden einen Kaffee trank. Und sofort fing er an, mich zu unterhalten. Ich brauchte gar nicht zu fragen. Er war einfach so. Dass die Bäckerei von seiner Mutter aufgebaut worden sei. Dass die Frauen hinter der immer prall gefüllten Theke seine Schwester und seine Frau seien. Dass die Arbeit morgens um 4 Uhr anfange, und dass ihm das immer schwerer falle, obwohl er noch gar nicht so alt sei. Dass er in seinem Leben viel Unsinn gemacht habe, dass die Familie ihn aufgefangen habe und dass die Bäckerei jetzt endlich so gut laufe, dass er mal ein wenig kürzer treten könne. Mal nicht jeden Tag im Laden stehen. Mal Urlaub machen.

Danach habe ich Can lange nicht gesehen. Ich bin auch nicht jeden Tag an der U-Bahn und habe nicht immer Zeit für einen Kaffee. Aber dass auf einmal andere Frauen hinter dem Thresen standen, das fiel mir schon auf. Und ein anderer Mann, älter, graue, kurze Haare, schweigsam. Wo Can sei, fragte ich dann doch einmal, weil es mir komisch vorkam. „Can macht Urlaub“, hieß es dann knapp. Und als ich ein paar Wochen später noch einmal fragte, hieß es dann: „Can kommt nicht mehr.“ Er habe ein paar Wochen Urlaub in der Türkei gemacht und dann sei er mit der Idee zurück gekommen, sich dort niederzulassen, was Neues anzufangen. Und dann habe er den Laden an den neuen Besitzer übergeben. Es klang nach der offiziellen Version für die neugierigen Kunden. Sie machte eine Kopfbewegung nach draußen, wo der neue Besitzer mit Gästen am Tisch saß und sich mal auf Deutsch, mal auf Türkisch mit ihnen unterhielt. So wie Can. Sie lachten auch, aber es war nicht mehr das Gleiche. 

Ich wünsche ihm Glück, wo immer er jetzt auch ist.

Weltmeisterschaft next door

Ehrlich gesagt: Ich war froh als es vorbei war. Das lustlose Gekicke der DFB-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft. Die späten Abende, die man sich um die Ohren schlug, nur um mit der Gewissheit ins Bett zu gehen: Das wird nichts.

Und überhaupt. Warum muss ich mich vor den Bildschirm setzen und mir Übertragungen aus den fernen Amerikas anschauen, wenn sich die Nationen der Welt bei mir über die Straße treffen? Am Samstag war hier mal wieder das Berliner Interkulturelle Fußballturnier. Bereits das 16. mittlerweile. Ich musste es nicht lange suchen, denn die wummernden Beats, die die 18 Mannschaften begleiteten und die sich wie ein Klangteppich über unser Afrikanisches Viertel (heißt wirklich so, weil hier die Straßen ursprünglich nach den ehemaligen deutschen Kolonien benannt wurden) legten, wiesen mir den Weg. Dieses Jahr war etwas weniger los als sonst. Das Team der Berliner Polizei fehlte. Aber es war wie immer bunt und fröhlich. Die Teams hatten wie immer die Auflage, sich aus mindestens drei Herkunftsnationen zusammen zu setzen. Und wie jedes Jahr nahmen viele Gefüchteten-Teams teil.
Und wie jedes Jahr war alles wieder ziemlich durcheinander. Gespielt wurde quer über den Platz, immer zwei Matches gleichzeitig. Da war es für den Spielleiter mit der mächtigen, goldglänzenden Hip-Hopper-Sonnenbrille nicht einfach, den Überblick zu behalten. Manche Teams verschwanden mitten im Turnier, manche waren zur Siegerehrung nicht mehr da. Und auch die Trikots zeigten nicht immer an, wer zu welcher Mannschaft gehörte. Anscheinend hatte „Titan FC Berlin“ noch ein paar Shirts mehr mitgebracht, die auch andere Teams überzogen. Aber alle zeigten ununterbrochen vollen Einsatz. Da mag sich unsere Nationalelf mal eine Scheibe abschneiden.

Auch am Spielfeldrand zeigte sich Vielfalt. Seien es die kleinen Nachwuchskicker, die einfach so auf dem Spielfeld mit einem Plastikball die ersten Pässe probierten und vom Spielleiter schnell verjagt wurden, sei es das Team von der Elfenbeinküste, das versuchte beim Team-Foto professionell dreinzuschauen oder der Stand auf der BAOBAB-Messe, an dem mir freundliche Frauen äthiopischen Kaffee in kleinen Porzellanschalen für einen Euro anboten.

Irgendwann traf ich auch einen Mann mit Hut und in grünem Expeditions-Outfit, der sich als Matthias Oberg vom NARUD e.V. vorstellte. Er hat das Ganze hier auf den Platz gebracht. Ganz fest versprach ich ihm, dass ich über das Turnier in unserem Kiez-Magazin berichten werde. Aber dann stellte sich heraus, dass es wichtigere Neuigkeiten gab. Vor einem türkischen Späti war eine Handgranate explodiert.

Hitze

Samstagnachmittag in der Müllerstraße. Nur wenige Menschen sind auf der Sonnenseite unterwegs. Das Weltmeisterschaftsfahnenmeer vor dem Müller-Shop weht matt in einem heißen Wind, der keine Abkühlung bringt. Jeder BVG-Bus, der vorbeikommt, wirft einen neuen Schwall von Dieselabgasen und heißer Abwärme auf die Passanten.

Die Bauarbeiter an der Dauerbaustelle neben der Schiller-Bibliothek haben sich auf dem seit Jahren abgesperrten Trottoir eine private Plansche gebaut, in der kalkiges Wasser dümpelt.

Die richtige Plansche für die Kinder im Schillerpark ist kaputt. Reparatur kann dauern, sagt das Bezirksamt. Aber die Kinder wissen sich zu helfen. Vor dem Bolu-Supermarkt sprüht der alte, wettergegerbte Verkäufer mit einem Gartenschlauch den Gehweg ein, um sein Gemüse abzukühlen. Unentschlossen stehen ein Junge und ein Mädchen vor dem schnurrbärtigen Mann. Dann trauen sie sich, in den gesprühten Nebel hinein zu springen. Sie lachen, hüpfen hin und her, aus dem Wasser raus und wieder rein. Der Verkäufer macht das Spiel mit, bis die Kinder von ihren Eltern weiter gezogen werden.

Als Nächster kommt schon der Verkäufer-Kollege in der blauen Schürze und hält dem Alten das Gesicht hin. Vorsichtig streicht er von Weitem mit seinem Wasserstrahl über Gesicht und Arme des Mannes. Ein kleines Mädchen mit Sommerkleid und hellem Strohhut steht mit seiner Mutter schüchtern daneben. „Willst du auch mal?“ fragt der Verkäufer. Das Kind nickt. Aber da kommen nur noch ein paar Tropfen aus dem Schlauch und laufen über seine blassen Beine. Enttäuschte Kinderaugen sehen den Verkäufer stumm an. Der lacht und drückt auf den Vernebler und das Kind steht in einem kühlen Tropfenvorhang und dreht sich.

Aufforderung zum Tanz

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Fête de la musique: Ein wunderbar warmer Sommerabend. Auf dem Parkplatz des Centre Français in Berlin spielt die letzte Band. Der Platz vor der Bühne ist voll. Mit wilder Polka und Balladen, mal mit deutschen, mal mit französischen Texten hat „Drückerkolonne“ die Leute in Bewegung gebracht. Aber das reicht dem Sänger nicht. Er teilt das Publikum nach links und nach rechts auf. Und dann sollen sich in dem frei gewordenen Raum in der Mitte Pärchen finden, sich einhaken und sich drehen.
Vor mir will eine kleine Frau mit weißen Haaren ihren baumlangen, stämmigen Gatten zum Tanz auffordern. Aber der steht stocksteif da und hält sich an seinem Bierbecher fest. Sie schwingt schon mit der Musik und lässt sich nicht lange bitten: Ein Lächeln, ein angebotener Arm und schon drehen wir uns mit allen anderen auf dem Platz – mal linksrum, mal rechtsrum.
Das Glück ist kurz. Kaum haben wir aufgehört zu tanzen, spüre ich von hinten die schwere Pranke ihres Mannes auf der Schulter. Kurz ist mir flau, denn dreht er mich mit seiner kräftigen Hand zu sich um. „Dit is Wedding!“, raunt er mir mit schwerer Zunge kumpelhaft zu und kreist mit dem Bierbecher rüber zu dem tanzenden Volk. „Dit is Wedding!“ stimme ich erleichtert ein, als ich weiß, dass er mir nichts Böses will.

So lernt man hier seine Nachbarn kennen.

Auf der Baustelle

Er war schon da, als ich noch nicht da war. Und seit ich da bin war ich nie da. Aber seit ein paar Monaten ist er verschwunden und deswegen habe ich habe ihn endlich gefunden.

„Ist schon komisch“, sagt die Friseurmeisterin mit der roten Petra-Pau-Lookalike-Igelfrisur und bunter Halskette. „Seit das Baugerüst vor unserem Laden ist, haben wir mehr Kundschaft. „Vielleicht weil die Leute langsamer gehen und merken: Da ist ja noch ein Friseur.“, mutmaße ich. Denn genau so ist es mir gegangen. Erst durch den Aufsteller mit dem völlig aus der Zeit gefallenen Plakat auf dem Gehweg bin ich in den Laden gestolpert. Nächstes Wochenende hat mein Ältester Jugendfeier, da muss ich obenrum gut aussehen, weil er mir schon eine handbreit über den Kopf gewachsen ist und ich neben ihm sonst aussehe wie ein grauer Gnom.
„Haare ab?“ fragt die Chefin, als ich meine Mütze an die Garderobe hänge. Die Jacke nimmt sie mir ab, und hängt sie auf einen Bügel mit Kunstlederbezug und Nieten. „Haare ab!“ nicke ich, froh mal nicht nach den Worten suchen zu müssen, die passen, wie es bei den türkischen, kurdischen, arabischen oder vietnamesischen Barbershops in meinem Viertel üblicherweise tue, und trotzdem verstanden zu werden. Die Frau macht sich gleich an die Arbeit und sie gibt mir das Gefühl, dass ich mich jetzt entspannen kann. Ohne zu wissen, was ich erst später erfrage, dass sie Friseurmeisterin ist und dass sie den Laden seit 23 Jahren führt, merke ich an jedem Handgriff, dass hier jemand am Werk ist, die weiß, was sie tut und weiß was ich brauche. Und sie beherrscht die Kunst des unverbindlichen Friseurgeplauders. Nie aufdringlich, nie zu persönlich. Freundlich und respektvoll. Neben mir arbeitet ihr schmaler kleiner Kollege im roten Friseurkittel und schütterem Haar an den eingeschäumten Haaren einer älteren Frau. Sie erzählt wie sie als Kind in den Trümmern der Stadt gespielt hat und dass sie jetzt auf eine goldene Hochzeit eingeladen ist. Altes Deutschland. Ein bisschen ist es wie beim Dorffriseur in meiner Kindheit. Auf dem Bord über den Spiegeln stehen Frisierpuppen und ein Männerkopf mit eingeseiftem Bart. „Haben da ihre Lehrlinge das Rasieren gelernt?“, frage ich. „Ja, aber heute darf man ja nicht mehr nass rasieren. Gesundheitsgefährdung, sagt die Berufsgenossenschaft.“ Ich hake noch mal nach, ob es mit Blut und HIV zu tun hat, aber das ist ihr dann doch zu verbindlich. Statt einer Antwort holt sie den Spiegel und lässt mich meinen frisch frisierten Nacken begutachten. „So gut sah ich lange nicht mehr aus.“, flachse ich und sie nimmt das Kompliment freundlich schweigend entgegen. „18 Euro Fünfzig“.
Im Rausgehen sag ich noch gut gelaunt in den Raum: „Wahrscheinlich merkt wieder keiner, dass ich beim Friseur gewesen bin.“ „Ich geh jeden Tag zum Friseur.“, kontert der kleine Mann am Frisierstuhl, „Und das merkt ooch keener.“ Berliner Schnauze, mal gut gelaunt. Das nächste Mal zahl ich Eintritt.

Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Ausflug ins Grüne

In meinem Stadtteil gibt es eine große Unbekannte. Eine sehr große: 80 Hektar groß, 135 Gebäude, 85 Hallen, der Eingang direkt zwischen Kentucky Fried Chicken und Autobahnzubringer gelegen: Die Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr. Als hier noch die französische Armée de l‘ Air einquartiert war gab´s das Deutsch-Französische Volksfest und ab und zu mal eine Parade die Straße runter. Von der Bundeswehr, die hier seit 1994 eingezogen ist, kriegt man wenig mit. Selten sieht man Rekruten und Rekrutinnen beim Gepäckmarsch durch den angrenzenden Park schwitzen, manchmal ein Hubschrauber, aber sonst ist die graue Betonmauer mit Stacheldraht hoch genug, um die Kaserne von der Welt abzuschirmen. Früher gab es mal einen Tag der offenen Tür. Aber das ist dieses Jahr auch nichts geplant, zumindest nicht in der Kaserne. Statt dessen Plakate überall in der Stadt, die für den Wehrdienst werben. Freiwillig, natürlich. Da will ich mal nachhören, was da so los ist und was die Freiwilligen erwartet. Es ist nicht gut, wenn Gesellschaft und Militär nichts voneinander wissen. Außerdem wird es nicht mehr lange so ruhig bleiben. Immerhin las ich in der Zeitung, dass in die Kaserne 190 Millionen Euro investiert werden sollen. So etwas geht an einem Stadtviertel nicht einfach so vorbei. Also frage ich mich mal durch, so als Feierabendjournalist. Ich lande bei einem Presseoffizier, einem mürrischen Oberstleutnant, der mir nach langem Warten schriftlich zur Antwort gibt, dass man „die Anfrage weder von den Kapazitäten noch inhaltlich sicher stellen“ könne. Und außerdem: Die Sicherheitslage. Na gut: Unser Kiez-Magazin ist nicht der Spiegel. Aber auch der machte sich neulich etwas befremdet lustig über das Fremdeln der Truppe mit der Öffentlichkeit. Ich bleibe hartnäckig und bekomme endlich den genervten Anruf, dass die eingereichten Fragen noch vor Ostern beantwortet würden. Ich bin gespannt. Aber jetzt brauche ich ja noch Fotos von der Liegenschaft. Meinen Oberstleutnant will ich nicht noch mal belästigen. Also mache ich einen Sonntagsnachmittagsausflug über die neu angelegte, mit grünen Streifen markierten Fahrradstraße entlang der Kasernenmauer.

Natürlich ist es heikel, in den heutigen Zeiten eine Militäranlage zu fotografieren. Aber nirgendwo sehe ich die im Osten so verbreiteten Schilder, die das Fotografieren verbieten. Sind ja auch eine Demokratie mit Pressefreiheit, schließlich. Dafür wird vor Schusswaffengebrauch gewarnt. Auch nicht gemütlich. Aber so weit kommt es nicht. Das Wachbatalion der Bundeswehr nähert sich leise in einem französischen Elektroauto des BW-Fuhrpark, schwarz mit Eisernem Kreuz. Ein ausgesprochen entspannter junger Soldat in Flecktarn-Uniform steigt auf der Beifahrerseite aus. Wir tauschen Höflichkeiten aus, die von gegenseitiger Wertschätzung, Interesse und dem deutlichen Fähigkeit zur Deeskalation geprägt sind, derweil der etwas derbere Fahrer bereit steht, wenn es nötig würde, unfreundlich zu werden. Gerne zeige ich meinen Ausweis und erzähle von meinem Kontakt mit dem Presseoffizier. Der Soldat wundert sich, als ich ihm von der mühseligen Informationsbeschaffung berichte. Eigentlich seien doch ständig Journalisten in der Kaserne und er sei gerne bereit mir Fragen zu beantworten. Ob es stimme, dass es einen Kindergarten auf dem Kasernengelände gebe, frage ich. „Ja, die Kita „Wilde Wiese“, bestätigt er. Und ob die Elektroleitungen wirklich noch aus der französischen Zeit stammten, wie sein General der Zeitung anvertraut habe? „Ja, die Wasserleitungen auch.“ Doch bald erlahmt seine Konversationsfreude und er fragt mich, was ich heute noch vor hätte. Mit der Kaserne sei ich fertig, ich wolle jetzt essen gehen. Das reicht ihm und er lässt mich ziehen. Ich bin froh, dass ich meine Kamera nicht herausgeben musste und das Elektroauto surrt weiter. Es stimmt nicht, dass die Bundeswehr den Herausforderungen der modernen Zeit nicht gewachsen ist.

Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.