Herausgerissen

Wenn ich gewusst hätte, dass mir heute, noch bevor die Sonne ihren Zenit erreicht hat, in einem Hinterzimmer im Wedding heißes Wachs in Nase und Ohren gegossen würde, hätte ich wohl keinen Schritt vor die Tür gemacht. Wollte ich sowieso nicht, denn es ging mir hundeelend, als ich heute erwachte. Weil ich eine schlechte Nacht hatte und eine Schlaftablette genommen hatte. Schlaftabletten machen Kopfschmerzen, also brauchte ich eine Schmerztablette, aber die Schachtel mit den Kopfschmerztabletten war leer. Wer stellt leere Tablettenschachteln in meinen Medikamentenschrank? Muss wohl ich gewesen sein. Was wiederum einiges über meine Zurechnungsfähigkeit am frühen Morgen sagt. Also besser einen Kaffee trinken, bevor ich neue Drogen kaufe. Ein Blick ins Portemonnaie zeigt, dass es nur für eins reicht: Entweder Kaffee oder Pillen. Heißt, dass ich nach dem heißen Türkentrank von der fröhlichen Bäckersfrau nebenan erstmal zu EDEKA muss, weil dort der Geldautomat steht. Vor der Bäckerei treffe ich die kleine Frau wieder, deren rot gefärbten Haare am Ansatz grau werden. Gestern habe ich mit ihr in einem der Pappkartons mit unnützem Zeug rumgewühlt, die in der letzten Zeit bei uns vor den Hauseingängen stehen. Ich habe eine Schraubzwinge ergattert, sie eine Teekanne. So was verbindet. Wir nicken uns zu.

Bis zu EDEKA dauert es zehn Minuten, das reicht eigentlich, um den Kaffee wirken zu lassen. Trotzdem bin ich vorsichtig bei der finanziellen Transaktion, prüfe den Kontostand, denn ist Monatsende und der Unterhalt wird immer abgebucht, bevor das Gehalt überwiesen wird. Warum eigentlich? Muss ich mal ändern. Ach, es gibt so viel zu ändern, wenn man einen schweren Kopf hat und man weiß an einem solchen Samstagmorgen gar nicht, wie man das je schaffen soll. Und ich muss aufpassen, dass ich mir nicht noch mehr Ärger aufhalse. Es ist mir an diesem Automaten auch schon mal passiert, dass ich zwar die Karte rausgezogen habe, aber nicht die Geldscheine. Die hat der Automat dann wieder geschluckt. Hab ich dann bei der Post anrufen müssen, und die haben tatsächlich zugegeben, dass da 200 Euro zuviel in dem Automaten waren. Haben sie mir zurück überwiesen. Sehr korrekt, kann man nicht meckern.

Heute schaffe ich es auf den ersten Anlauf, verstaue mein Geld, vergesse nicht, die Karte aus dem Automaten zu ziehen, trete auf die Straße in den windigen Sommertag und atme durch. Erste Aufgabe geschafft! Das könnte ein schöner Tag werden. Zur Apotheke müsste ich jetzt links, aber ich schaue auf die andere Straßenseite und sehe, dass der deutsche Frisörsalon aufgegeben hat. Kein Verlust, denn an die Künste der robusten Damen mit den Kittelschürzen und den rosa Kunstfingernägeln erinnere ich mich mit Schmerzen. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Ihre türkischen KollegInnen, die den Laden übernommen haben, übertreffen sie in perfider Grausamkeit bei weitem.
Doch erstmal siegt die Neugier. Ein Grund, den neuen Laden auszuprobieren ist schnell gefunden: In zwei Wochen heiratet meine Schwester. Nach 35 Jahren wilder Ehe, hat ihr Lebensgefährte endlich seinen Mut zusammengenommen und hat sie gefragt. Auf die Knie konnte er vor ihr nicht mehr gehen, denn er hat Arthrose. Zur Hochzeit muss Mann ordentlich aussehen, also rein in den Laden, der jetzt Alanya heißt, oder so ähnlich. Ein junger Mann kümmert sich um eine Kundin, ein anderer steht rum und mißachtet meine Anwesenheit. Erst als er von dem Jüngeren einen Hinweis auf Türkisch bekommt, macht er sich bei mir schüchternen Gesten bemerkbar und winkt mich freundlich auf einen Sessel zum Haarewaschen. Das hatte ich noch nie, aber warum nicht? Ein bisschen warmes Wasser und Kopfkraulen ist genau das, was meine gemarterten Hirnzellen jetzt brauchen. Mit einem Handtuch auf dem Kopf werde ich dann auf einen Frisierstuhl bugsiert. Gerade versuche ich meinem stummen Zauberlehrling meine Wünsche zu erklären (Maschinenschnitt, 9 Milimeter), da rauscht aus einem Hinterzimmer eine Frau in einem billigen Baumwollkleid in den Salon, sieht was los ist und meckert laut „Ich hasse es, mit Männern zusammen zu arbeiten.“ Offensichtlich ist mein Junior-Figaro Ziel ihres Zorns, denn von nun ab weicht sie ihm nicht mehr von der Seite. Die Prozedur nähert sich nach einigen Nachbesserungen einem akzeptablen Ende, als ich darum bitte, dass er sich auch noch den Haaren in den Ohren widmen soll. Normalerweise zücken dann Männer, die ihr Handwerk in türkischer Tradition erlernt haben, ein Feuerzeug oder einen brennenden Wattebausch und wedeln mit der Flamme ein paar mal über die Ohren ihres Klienten. Nicht so hier. „Das darf er nicht.“, triumphiert die Friseurin, „das mache nur ich. Wenn sie mir in mein Zimmer folgen wollen.“ Benommen wechsele ich ein weiteres mal den Platz und finde mich auf einer Liege wieder, mit dem Kopf nach unten. Ich sehe wie sie eine glitzernde grüne Masse anrührt, ahne was jetzt kommt und wünsche mir, doch zuerst die Schmerztabletten gekauft zu haben. Mit diabolischem Grinsen nähert sie sich mit dem Wachs meinem Ohr und träufelt es hinein. Es wird warm. „Willkommen in der Welt des Schmerzes“, sagt Jeff Goldblum als ungeschickter Folterer in „The big Lebowsky“. Weiter komme ich nicht mehr, da gibt es einen Ruck und ein Reißen, und mit dem Ausdruck größer Befriedigung und irre funkelnden Augen hält die Magierin einen schillernd grünen Abguss meines Innenohrs, gespickt mit ein paar grauen Härchen über mein Gesicht. Mein Ohr fühlt sich plötzlich kühl an und sehr sehr sauber. So wie es sich anfühlte, als ich mit meiner Freundin vor vielen Jahren mit indianischen Ohrenkerzen experimentierte. Richtig gut. Und von selber fällt mir ein, dass es ja auch noch in der Nase Haare gibt, die weg müssen. Die Wachs-Reißerin freuts. Als ich den Salon verlasse habe ich drei Mal so viel Geld da gelassen wie üblich. Aber mein Kopf ist klar und ich fühle mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Der Wind weht zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus.

Pole Dance

Sie war nicht mehr jung und sie war mir auch nicht gleich aufgefallen. Erst als ich an der der Ampel warten musste und ich lange zu ihr hinüberschaute, merkte ich, dass sie tanzte. Es war ein kleiner Tanz. Zwei Schritte vor, zwei zurück, die Hand immer am Rücken und wie flüchtig an einen Parkpfosten angelehnt. In den paar Minuten, in denen ich ihr zuschaute, probierte sie auch seitliche Schritte, aber immer wieder blieb sie am Schluss an dem Poller stehn. So sehen Leute aus, denen rundherum das Land wegbricht.

Sie war eine stolze Frau. Als ich sie fragte, ob ich ihr weiter helfen könne, schaute sie mich keck an. „Ja, ja das denken sie, dass ich nicht mehr weiter komme. Aber ich will nur sehen, was da vorne auf dem Schild steht, aber ich seh es nicht mehr.“ Ich ging ein paar Schritte vor, nun noch ein paar, weil die Messingplatte in der Abendsonne spiegelte. „ Ha!“, triumphierte sie: „ Sie müssen auch nah ran!“ Ich kam zurück und nannte ihr den Namen. „Ist das nicht das Verwaltungsgericht?“ Nein, sagte ich, das ist das Verkehrsministerium. „Ich frage nur, weil ich hier mal war, und ich dachte ich hätte es wieder erkannt.“ Es folgte ein etwas durcheinandergewürfelter Bericht über einen Prozess vor langer Zeit, den sie anscheinend gewonnen hatte. „Das Verwaltungsgericht ist drüben, sagte ich und wies mit dem Finger Richtung Bahnhof, aber das schien sie nicht wirklich mehr zu interessieren.

Auf dem Rückweg von der Arbeit treffe ich hier an der Ecke ab und zu Leute, die nicht mehr weiter wissen. Die Straße runter ist ein Altersheim und da starten sie manchmal zu einem Ausflug. Zwei Querstraßen weiter wissen sie nicht mehr, wo sie sind. Aber auf den Rollatoren steht gottseidank die Telefonnummer und dann kommt der Pfleger sie abholen. Aber meine Tanzpartnerin heute war keine von hier. Sie sah aus wie eine Bergwanderin mit ihrer hellgrauen Funktionsjacke und den soliden Schuhen. Nur den Wanderstab hatte sie vergessen. Sie hielt sich immer noch an dem Pfosten fest. Ich streckte meine Hand aus und wollte sie ihr reichen. „Fassen Sie mich nicht an, sonst fall ich um!“, bat sie. Mit ihrem letzten Rest Geschmeidigkeit rettete sie sich auf ein warmes Mauersims – wie eine Eidechse saß sie da. „Darf ich sie ein Stück mitnehmen?, fragte ich ahnend, dass sie auch von der Mauer nicht mehr weg käme. Sie schaute mein Fahrrad an, und meinte spöttisch: „Was, denken sie ich setzte mich auf ihre Gepäckstange? Wir lachten beide, lächelten uns an und ich fuhr weiter.

Sommer

Vor mir, auf der lauten, vierspurigen Straße fährt eine Frau in muslimischer Tracht auf einem grünen E-Roller. Sie fährt beschwingt Schlangenlinien hin und her. Ihr braunes Kopftuch flattert, ihr schwarzer Mantel flattert und sie fährt Schlangenlinien. Sie trifft Freundinnen, strahlt sie beseelt an. Sie hat eine goldene Nickelbrille und ein Handy unterm Kopftuch. Es ist Sommer im Wedding.

Ich will eine Bockwurst essen, mit Brötchen, bei Kamps. Der Verkäufer ist jung, hat einen Wuschel voller schwarzer Locken und einen Bart, aus dem noch was werden könnte, wie der junge Che Guevara. Er holt die Bockwurst mit einer Serviette aus dem Topf und steckt sie in die Brötchentüte – eine heiße Wurst in eine Brötchentüte und reicht sie mir ohne ein Wort rüber. Mit Brötchen bitte sage ich. Da nimmt er ein Brötchen, steckt es zur Wurst in die Tüte und gibt sie mir. Immerhin: Das Brötchen ist in der Mitte aufgeschnitten. Im Radio höre ich, dass die Kneipen Schwierigkeiten haben, gute Leute zu finden, weil die jetzt alle bei Amazon oder den Gorillas arbeiten.

Im Freilichtkino läuft ein Tanzfilm. Als ich im Winter die Werbung in der U-Bahn gesehen hatte, hatte ich mir vorgenommen: Das ist einer der Filme, die ich mir auf jeden Fall wieder anschaue, wenn die Kinos offen haben. Die Werbung versprach berauschende Farben und leidenschaftliche Tanzszenen. Ich mache mich um neun Uhr auf den Weg durch den Rehberge-Park. Ich wundere mich: Es ist mild und noch hell. Ich hab zwei Jacken an. Beim Kino ist die Kasse geschlossen – nur online-Tickets. Eine Frau hält mir ihr Handy mit einem pixeligen Code entgegen: Brauchen sie noch ein Ticket? So viel Glück muss man haben. Aber ich will nicht. Ich brauch keinen Film mehr. Der Gedanke jetzt alleine zwei Stunden im Freien vor einer flimmernden Leinwand zu sitzen und mir eine dramatische Geschichte anzuschauen, hat nichts verlockendes mehr. Und berauschende Farben habe ich im Park genug.

Auf dem Rückweg treffe ich einen Haufen junger Leute, die über den Möwensee schauen und AHH und OHH rufen. Ist der Graureiher wieder da?, frage ich mich. Seine ruhige und majestätische Art hat mich und meine Jungs immer fasziniert, wenn er regungslos neben der Trauerweide saß. Nein, der Reiher ist verschwunden. Auf einem abgestorbenen Baum tummeln sich vier tapsige Waschbärenjunge. Wirklich süß. Waschbären sind große Eierräuber.

Projekt „Abendsonne“

Nele meint auf WeChange, der Termin für die Demo müsse im Plenum besprochen werden. Wo das Plenum stattfindet, schreibt sie nicht. Anscheindend ist das allen klar. Lennard postet, dass er eine Datenbank für die Bilder erstellt hat, man müsse sich nur noch über die Formate einigen. Anja erinnert im thread „gestaltung“ auf „slack“, dass man sich jetzt auf diesen Messenger geeinigt hat, weil der praktischer sei als der auf WeChange. Johanna von der AG Selbstverständnis gibt mir auf dem „pad“ für den Basistext den Link, für das Papier „Visionen“, das so als erster Entwurf zeige, wo es mit der Initiative lang gehen soll. Barbara schickt mir endlich per Mail den zoom-Link für das nächste Plenum, nachdem ich zwei Mal in der Conference-Funktion von WeChange zum angesagten Plenums-Termin mit zwei Gleichaltrigen alleine war. Als ich in der AG Öffentlichkeitsarbeit vorschlage, ganz old school eine Homepage einzurichten, kommt von Anja die höfliche Antwort, dass die Social Media Kanäle wichtiger wären und schneller gingen. Und darauf wolle man sich konzentrieren. Ganz freundlich schiebt sie meinen Beitrag, den ich wieder mal in der falschen Diskussionsgruppe gepostet habe, in die richtigen „thread“.


Ich bin einer Bürgerinitiative beigetreten, einer, die es wegen Corona nur virtuell gibt. Leute, die sich sozial engagieren hieß es neulich in der Zeitung, seien gegen die Corona-Depression besser geschützt. Die Initiative will ein lange leerstehendes Gebäude im Park nebenan wieder mit Leben füllen. Da ist bei den ersten Visionen die Rede von chillen und von gutem Kaffee, von Nachhaltigkeit und der Sonne, die man auf der Haut spüren wolle. Das passt gut. Denn ich will wieder ein schönes Bier im Abendrot trinken, wie damals, als es in dem Pavilion noch eine Gaststätte mit Biergarten gab. Das Bezirksamt wollte den Schuppen einfach abreißen lassen, aber er hat Denkmalschutz. Jetzt soll eine Bürgerbeteiligung her. Alternative Konzepte sind gefragt. Vor dem Bio-Laden traf ich Barbara, eine Aktivistin, die mich direkt ansprach, ob ich nicht mitmachen wolle. Barbara arbeitet als Clownin, ist also ausreichend verrückt, um an den Erfolg der Sache zu glauben. Eine Initiative im Lockdown durchzuziehen, darin habe ich Erfahrung, sagte ich ihr. Im Frühjahr 2020 haben wir „Mein Wedding“ als Open-Air-Kunstausstellung organisiert. Aber da waren wir zu viert und kannten uns persönlich. Als ich endlich den Weg in virtuelle Plenum auf „zoom“ gefunden habe, wird mir klar, dass hier mindestens 50 Leute dabei sind. Meistens jung, deutsch, akademisch und in der digitalen Welt zu Hause. Viele kennen sich anscheinend von andern Gruppen und Aktivitäten. Die Strukturen und Abläufe sind ein wichtiges Thema. An meinem zweiten Abend höre ich einen Vortrag über „Soziokratie“. „Basisdemokratisch“ hätte man das genannt, als wir noch Flugblätter auf der Reiseschreibmaschine tippten. Heute bekommen wir per zoom eine Power Point eingeblendet. So soll das funktionieren.

Ganz einfach also -in der Theorie. In der digitalen Praxis läuft alles – wie in den schlechten analogen Zeiten – natürlich über private Kontakte quer zur Struktur. Alle sind über Whats-App oder sonstewie vernetzt, einige sitzen in allen AGs gleichzeitig und einige sind schon in Kontakt mit der Politik. Wer sich an die Regeln hält, bekommt das Wichtigste nicht mit. Dabei ist „Transparenz“ natürlich der Anspruch, der in den offiziellen Foren heftig eingefordert wird. Und viele geben sich auch ganz ehrlich Mühe, den Anspruch aufrecht zu erhalten. Ich bewundere die Disziplin und die Struktur, die hier gelebt wird. Keine endlosen Labereien, wie in den Plenen/Plena/Plenums vergangener Tage. Die Konferenzen sind gut getaktet, fast alle halten sich an das Zeitlimit. Es ist auch einfacher, einen Laberkopf aus einem zoom-meeting rauszuwerfen als einen körperlich anwesenden Welterklärer aus dem Sitzungsaal im AStA.

Was der Nachteil für mich ist: Auf den digitalen Plattformen haben die digital natives die Lufthoheit. Und ich spüre den digital gap. Mühsam klicke ich mich durch die Foren und das endlose Geschnatter. Es ist wie bei den Nachrichten, die ich -selten- von meiner großen Tochter kriege. Statt eines Anrufes brauchen wir fünf SMS und vier Nachfragen, bis klar ist, wann und wo wir uns das nächste Mal treffen. Es kostet mich auch viel Kraft, nach dem Plenum auch noch eine Stunde AG Sitzung online durchzuziehen. Ich schwänze immer öfter und sehne ich mich nach einer konkreten Aufgabe. Deshalb übernehme den Text für den Flyer zur Demo. Großer Fehler! Denn ersmal „reden“ wir eine Weile aneinander vorbei. Für mich ist ein Flyer ein kleines Flugblatt, das man jemand in die Hand drückt und für die Post-Techno Generation ist ein Flyer ein Zettel, den man irgendwo hin klebt, meist mit einem kurzen Solgan und einem facebook-hashtag. Als wir das sortiert haben, heißt meine Aufgabe „Faltblatt zur Selbstdarstellung der Initiative“. Ein Himmelfahrtskommando bei einer Gruppe, in der die einen von der Sonne träumen und die anderen Investoren aus dem Kietz vertreiben wollen. Aber ich nehme es als technisches Training, um mich mit dem ganzen social-media-Kram zu beschäftigen, der auch auf der Arbeit immer mehr Raum einnimmt. Immerhin schaffe ich auf WeChange ein „pad“ einzurichten und bin mächtig stolz auf mich. In einem „pad“ können viele Menschen gleichzeitig online an einem Text arbeiten. Eine tolle Erfindung. Ich mache einen Entwurf und einige aus anderen Arbeitskreisen machen Ergänzungen. Wunderbar. Der Text ist fertig. Die Grafikerinnen machen ein professionelles Layout dazu. Alles schick!
Doch dann kommt Liam und mir fällt wieder ein, warum ich irgendwann Ende der 80er diese „jeder hat die gleiche Stimme“-Foren satt hatte.  Liam ist ein(e) Kämpfer(in). So ganz klar ist das mir bei ihm oder ihr mit der Geschlechteridentität nicht. Ist aber allen wichtig. Auf jeden Fall bekomme ich heftig Schelte, als ich „Liebe Liam“ schreibe. Liam streicht den ganzen Text und die Struktur, macht daraus ein antikapitalistisches Pamphlet und erklärt patzig: Der Flyer geht so nicht raus. Ich erkläre in der AG meine Arbeit, meine Struktur und dass es wichtig ist, alle sprachlich zu erreichen. Das mache ich seit 30 Jahren. Zweiter Fehler: Sich auf Erfahrung zu berufen. Alle stellen sich hinter Liam. Jeder könne doch gute Texte schreiben. Und sicher  sei an der Überarbeitung doch das ein oder andere bedenkenswert. Ich schlafe eine Nacht schlecht.

Am nächsten Morgen weiß ich: Ich streite mich nicht mehr um ein paar Worte auf einem Stück Papier. Und ich habe nicht die Kraft, gegen virtuelle Windmühlen zu kämpfen. Etwas traurig wünsche ich meinen MittreiterInnen ein frohes Gelingen der Initiative, verabschiede mich bis zur Demo, verabschiede mich von „slack“ und beschäftige mich mit der nächsten Generation. Zusammen mit meinem Sohn entwerfe ich eine neue Struktur. Er einen Strich, ich einen Strich. Er eine Farbe, ich eine Farbe. Ich finde, das sieht doch für die Zukunft schon ganz vielversprechend aus.

Wedding Wonderländ

Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich das noch erleben darf. Vor drei Jahren stand ich mit meinen Jungs auf dem zugefrorenen Plötzensee und dachte: Gut, dass ich ihnen das noch mal zeigen konnte. Das wird es nie wieder geben. Klimawandel und so. Und jetzt? Ein Winterwunder! Der Himmel strahlt und das Eis lockt, Zäune zu übersteigen. Die Natur ist wohl doch noch für ein paar Überraschungen gut.
Die Menschen leider auch. Denn was ich dann sehe, als ich an den See komme, verdirbt mir die Winterlaune. Genau wie im Sommer wird der See zum Partymachen missbraucht. Musik wummert, die geschützen Uferböschungen werden rücksichtslos zertrampelt, das Eis aufgehackt, gerade an den Stellen wo Kinder unterwegs sind. Keine Rücksicht auf Niemand. Es gibt echt zu viele Bekloppte in Berlin.

White Wedding

Es ist kalt in Berlin-Wedding. Neun Grad Minus, aber wunderschön weiß. Es hat so viel geschneit, dass wir am Wochenende zwei Mal Schlitten fahren gehen konnten. Und heute nochmal! Die Schönheit des winterlichen Wedding ist schon an anderen Orten sehr poetisch beschrieben worden. Das muss ich nicht noch mal versuchen. Aber ich hoffe, es weiß von meiner werten LeserInnenschaft jemand zu würdigen, dass ich mir fast die Finger abgefroren habe, um diese Fotos mit euch zu teilen. (jammer).

Ils sont fous, ces …

Haun_Susanne_02© Susanne Haun.com

Ja, wir spinnen, das ist klar. Schon vor wenigen Monaten, als wir ankündigten, in Berlin Wedding, mitten in Coronazeiten einen Kunstwettbewerb für eine Open air-Galerie zu starten, fragte ein Kommentator auf diesem Blog, ob wir noch in der gleichen Welt leben würden? Ob wir glauben würden, dass wirklich im August auf der vierspurigen Müllerstraße Plakate mit Kunstwerken zu sehen sein würden? Das war die Zeit der Kontaktsperre, wenn sich jemand erinnert und es war sehr, sehr leer auf den Straßen.

Und um ehrlich zu sein: Nein, manchmal haben wir daran nicht mehr geglaubt. Denn neben Corona gab es ja noch den ganz normalen Berliner Wahnsinn. Wenn zum Beispiel für den Standort eines Plakates zwei verschiedene Bezirksämter inklusive einer landeseigenen Immobilienverwaltung zuständig sein könnten, aber keiner eine Entscheidung trifft und das ganze dann scheitert, dass auch in der Raucherecke des JobCenters ausreichende Abstände zur Belüftung und Beleuchtung eingehalten werden müssen, dann wird es manchmal etwas viel.
Wir haben trotzdem weiter gemacht. Weiter gemacht, als plötzlich 2000 Flyer wertlos wurden, weil alle Kneipen und Cafés geschlossen hatten, in denen wir sie verteilen wollten. Als der Bescheid des Bezirksamtes für die „Ausnahmegenehmigung gem. § 46 StVO“ vom Fachbereich Straßen- und Grünflächenverwaltung auch nach monatelanger Wartezeit und hundert Nachfragen immer noch nicht kommen wollte. Und weiter gemacht, als das Postfach für die Einsendungen in den ersten Monaten, bis auf ein paar Fotos von vollgestopften Mülleimern und weggeworfenen Fernsehern, leer blieb.

Und jetze? Allet jut. Jetzte is allet durch. 🙂
Die Genehmigungen sind da, das Centre Francais de Berlin ist als Träger mit eingesprungen, das Postfach ist kurz vor Einsendeschluss übergelaufen und die Jury hatte plötzlich mehr als 180 tolle, farbenfrohe, melancholische, coole, kreative, unmögliche, dunkle, strahlende, bescheuerte, liebevolle, trashige, brave, schwarz-weiße, persönliche, abstrakte oder einfach großartige  Collagen, Fotos, Ölbilder, Grafiken, Tuschezeichnungen, Webteppiche!, Kinderzeichnungen, Aquarelle – und wat sonst noch allet – dazuliegen und musste daraus die zwölf besten aussuchen.
Und dit in zwee Stunden uffn Nachmittach.

Deshalb dürfen wir euch jetzt einladen zur Ausstellungseröffnung

Samstag, den 15. August 2020, 11 Uhr
im interkulturellen Garten „Rote Beete“
neben dem Centre Francais de Berlin,
Müllerstraße 75,
13349 Berlin

Der Bürgermeister von Mitte kommt auch und die ganzen Künstlerinnen und Künstler. So zum Angucken und Anstoßen. Wird bestimmt nett. Ick freue mir so.

Ach ja: Diesen Sommer keinen Blogbeitrag ohne Blumengruß aus dem Hinterhof.

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Urban Jungle

Eigentlich wollte ich in meinem Leben einmal den Dschungel sehen, richtigen Regenwald mit riesigen Bäumen, Pflanzen mit fetten Blättern und üppigen exotischen Blüten. So wie im Dschungelbuch, so stelle ich mir das vor. Costa Rica wurde mir von Freunden als Land genannt, wo es das alles zu sehen gibt – und noch ein paar Vulkane dazu. Jetzt sieht es so aus, als würde es ein Wettrennen gegen die Zeit geben, denn der Regenwald verschwindet so schnell, dass es vielleicht keinen mehr gibt, bevor wieder Flugzeuge oder Schiffe in das Land meiner Sehnsucht fahren.
Es bleibt mir also nur, das Fernrohr umzudrehen und ganz nah ranzugehen an das, was ich hier jeden Tag sehen kann. Dann zeigt sich, dass auch unser Hinterhof Blüten und Farben in in Hülle und Fülle zu bieten hat. Fehlen nur noch die Affen.

Unser Dorf soll schöner werden

Mein Wedding(c) Michael Fanke

Berlin Wedding ist grau und trist? Keineswegs! Der Mittelstreifen der Müllerstraße im  Wedding wird sich vom 15. August bis zum 4. Oktober 2020 durch 12 Kunstwerke wieder in eine Freiluftgalerie verwandeln. Das war schon in den vergangenen sechs Jahren so, aber dann fand sich keiner mehr, dies oder ders machen wollte. Also hat Susanne Haun, die Bloggerin und Künstlerin aus dem Wedding ein paar Mitstreiter um sich geschart – und schon kommt im Sommer wieder Farbe auf den „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“.

Das Schöne ist: Alle können etwas dazu beitragen, denn die Grundlage der Ausstellung ist ein Kunstwettbewerb. Künstlerinnen, Künstler, Kitas, Schulen oder interessierte Freizeitmalerinnen und -maler sowie Fotografinnen und Fotografen aus Berlin rufen wir auf, Kunstwerke zu gestalten, die sich mit dem Stadtteil Wedding auseinandersetzen und Typisches aus dem Wedding aufgreifen. Die besten 12 Beiträge werden von einer Jury für die Ausstellung ausgewählt. Für die ersten drei Plätze gibt es ein Preisgeld.

Preisgeld
1. Platz 200 Euro und als Standort vor der Bibliothek
2. Platz 100 Euro und als Standort vor dem Rathaus
3. Platz 50 Euro und als Standort vor dem Alhambra

Wer mitmachen will, der schaue sich die Website des Wettbewerbs an.

https://meinwedding2020.home.blog

Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere von euch mal vorbeikommt, sich den Wedding anschaut und (sich) davon ein Bild macht.

Hier ein paar Beispiele prämierter Beiträge aus den letzten Jahren.

Dicke Hintern

Der Fotograf schaut mich von unten mit seinen braunen Hundeaugen an, als ich mich im grellen Neonlicht Schicht für Schicht vor ihm entblättere. Er ist nicht wirklich interessiert und kümmert sich lieber um die Kleine mit dem dunklen Bob, die aufgeregt vor einem Bildschirm steht. Sie scheint nicht zufrieden zu sein mit dem Shooting, das er mit ihr gemacht hat. Flott sieht sie aus, hat Fön und Schere in den Händen, mit denen sie wie mit Pistolen in die Luft zielt. Das ganze „Foto Image“-Studio ist voll von solchen kreativen Bildideen des Künstlers. Eine schwarze Schwangere mit einem Sprühsahneherz auf dem prallen Bauch, eine Frau im weißen Hochzeitskleid, die sich pathetisch über eine Parkbank wirft, während sie die Hand ihres erstarrten Bräutigams hält. Solche Bilder. Sie füllen den Raum und laufen in Dauerschleife auf dem Bildschirm. Der Fotograf redet mit seiner Kundin was auf Türkisch, dann fallen sie ins Deutsche. Erst als ich Schal, dann Helm, dann Mütze ausgezogen habe, bemerkt er mich und grunzt ein Geräusch des Wiedererkennens. Es ist sein Recht, sich gleich wieder schlecht gelaunt hinter seinem Monitor zu vergraben, denn keiner erkennt seien wahre Meisterschaft und ich will auch nur Passfotos.
„Wird das ein Prospekt für Ihren Friseursalon?“, frage ich die Frau neben mir, um ein bisschen Konversation zu machen, bis der Meister geruht, nach meinen Wünschen zu fragen. „Nein, sagt sie, ich bin mobile Hundefriseurin. Aber ich habe auch ein Zimmer bei einem Tierarzt. Und da soll jetzt das Foto hin…“ „Damit ihre Kunden sehen, dass sie nicht beißen“, ergänze ich, verwundert über meinen Sprachwitz kurz nach Feierabend. „Ist das hier im Wedding?“ „Nee, im Wedding gibt’s ja nicht mehr so viele Deutsche. Und Türken haben kaum Hunde.“ Bevor ich richtig anfangen kann, Smal Talk zu machen, kommt der Fotograf wie eine schlecht gelaunte Kröte hinter seinem Tresen hervor. Es ist klar, dass er jetzt bald den Laden zumachen will. „Zufrieden?“, macht er eine Kopfbewegung  zu der Frau hin. Sie nickt. „Du hast wenigstens meinen Leberfleck im Gesicht gelassen. Ich war bei einem anderen, der hat auf dem Foto alles weggemacht. Als ob das was Schlechtes wär. Das gehört doch auch zu mir.“ „Da warst du bei einem Türken“, erhebt der Meister belehrend seine Stimme. „Die machen alles mit einem Klick weg, das ist ein Programm, da drücken die nur einmal drauf. Geh nicht zu Türken.“  Und es ist klar, dass es für ihn billige Türken gibt, und gute Türken, so wie ihn. „Ich bin doch selber Ausländerin, kommt es zurück. Aber die haben nicht gefragt. So ein Leberfleck ist doch schön, oder?“ Sie blickt mich fragend an. „Ja,“ sag ich,  war früher sogar Mode, sich Schönheitsflecken ins Gesicht zu kleben.“ „Jetzt sind dicke Hintern Mode“, kommt es von der anderen Seite des Tresens. Die kleine Frau nickt. „Mit so was kleinem wie meinem, guckt dich keiner mehr an.“ Der Fotograf erklärt mir das neue Berliner Schönheitsideal. „Da hatte ich die Tage eine schwarze Frau, und die haben ja sowieso schon…“ Er macht mit seinen Händen die Geste einer aufgehenden Sonne. „Aber die sagte: Kannst du das nicht so machen, dass es ein bisschen nach mehr aussieht, sonst gefällt das meinem Freund nicht.“

Dann winkt er mich in sein Atelier, das nur durch einen Glasperlenvorhang vom Laden geteilt ist, sagt mir, wie ich biometrisch schauen soll und knipst ein paar Mal. Kommentarlos gibt er den Druckauftrag in die riesige Entwicklermaschine hinter sich. Auf den Bildern, die sie ausspuckt, sehe ich aus wie ein Typ aus „Breaking Bad“ und das sage ich dem Meister auch. „Reicht jetzt“, zischt er, nimmt meine 10 Euro und schließt die Ladentür hinter mir zu.