Tam Tam? Tamam!

Lari ist wirklich eine nette Frau. Sie breitet die ganze Vielfalt ihrer Küche vor mir aus, lässt mich dies und das probieren und erklärt mir alles. Ich bin der einzige Kunde in ihrem neuen Bio-Imbiss „Laris Bio Bowl“ (ehemals “Monis Fischkajüte“) und deshalb werde ich verwöhnt und mit aller Aufmerksamkeit bedacht. Die Gerichte sind kurdisch, aber modern, leicht und elegant angerichtet und so ist Lari: Mit kurdischen Wurzeln und ganz Bio-Berlinerin, mit kurzen Haaren und kräftigem Lippenstift. Zwischen ihrem mit hellem Holz spartanisch eingerichteten Laden und den Döner-Buden und Gözleme-Bäckereien der Nachbarschaft liegen Welten und sollen wohl auch Welten liegen. Und deswegen kriegt Lari auch manches nicht mit, was draußen auf auf der Müllerstraße passiert. Sie sieht nicht die dicke, weiße Stretchlimousine, die auf der anderen Straßenseite zwischen Spielhalle und afrikanischem Imbiss vorfährt. Und sie hört nicht die wummernde Musik, die plötzlich loslegt. Paukenschläge und eine leiernde Flöte mit einem quäkenden Klang, der irgendwo zwischen proletarischen Schalmeien und indischen Schlangenbeschwörern liegt übertönen sogar den sowieso schon dröhnenden Verkehrslärm auf der Ausfallstraße zur Autobahn. Eine türkische Hochzeit, denke ich genervt. Der Sound gehört zum Wedding wie die Martinshörner der Krankenwagen und die quietschenden Reifen der rasenden PS-Protze. Aber halt. Ich bin in einem kurdischen Laden. Vielleicht ist das die beste Gelegenheit, rauszukriegen, was es damit auf sich hat. Und ob das kurdisch oder türkisch ist. Am Ende gibt es da tiefe Gräben, die ich aufreiße, wenn ich da so undifferenziert daherdenke. Also frage ich Lari. Sie muss erst einmal durch das große Ladenfenster blinzeln um zu sehen, was los ist. “Normalerweise stehen da mehr dicke Autos.“ sagt sie erstaunt, aber nicht wirklich interessiert. Ich zeige mit dem Finger auf die Schlange von dunklen Audis und BMWs , die sich hinter der Hochzeitskutsche aufreihen. „Hab ich gar nicht gesehen.“, sagt sie. „Normalerweise sind da noch dicke Blumenbuketts drauf.“ „Und was passiert da?“, bohre ich weiter. “Die Braut wird abgeholt und aus ihrer Wohnung zum Hochzeitsfest gefahren. Früher ging das vom Haus der Eltern der Frau zum Haus ihres Mannes. Aber heute geht es manchmal gleich vom Friseursalon zum Hochzeitsaal.“ „Und“, wage ich die Gretchenfrage zu stellen. „Ist das jetzt türkisch oder kurdisch? “Was weiß denn ich?“, hebt Lari entschuldigend die Arme wie ein Rabbi, dem seine Schüler eine zu schwere Frage gestellt haben. “Es gibt so viele unterschiedliche Kurden und so viele unterschiedliche Türken, da kenn ich mich nicht aus.“ Und vor lauter Verwirrung, vergisst sie, mir die Bionade in Rechnung zu stellen.

Born to ride

Die vollen Haare noch nackenlang, die Sonnenbrille cool nach oben geschoben und die dicke Lederjacke halb offen – so sitzt er vor dem Frühstückscafé und blickt in die Ferne. Vor sich einen Pott Kaffee, schwarz wie die Seele, wie sich das gehört und neben sich sein schwarzes Bike. Ich frage ihn, ob ich mich mit meinem Kaffee zu ihm setzen darf und er nickt schweigend. “Kalt“, sage ich fröstelnd. “Is ja keen Sommer.“, sagt er und schweigt weiter. Das kenne ich von vielen Motorradtreffen. Mann lebt, um zu fahren, nicht um zu reden. Nach ein paar Minuten drückt er sich ächzend hoch. Er ist ein großer, stattlicher Kerl. Dann nimmt er seinen Stock und trippelt zu seinem Cruiser Marke “Rollelektro“. Von hinten sehe ich den stolzen Harley-Davidson-Adler auf seiner gepflegten Jacke. “Hast du ne Harley?“, frage ich ihn. „Ja, ne richtige.“, kommt es kräftig zurück. „Aber seit dem Schlaganfall trau ick ma nich mehr. Einmal bin ick umjefallen, dit reicht ma.“ Er schaut mich nicht an. Er ist zu beschäftigt seinen Stock an seinem neuen Gefährt zu verstauen und den Sitzring an seine Position zu legen. Steif wuchtet er sich auf den Sattel und schnauft noch mal durch, bevor er kernig am Gasgriff dreht. Die Leute auf dem Gehweg machen einen Schritt zur Seite als er angerollt kommt und ich sehe noch, wie er sich an der nächsten Kreuzung mit einer lässigen Geste die Sonnenbrille ins Gesicht schiebt.

Hilfe

An der Tankstelle. Ich brauche Luft. Neben mir ein glänzend weißer Mercedes, der von vier jungen schwarzen Männern in modernem, makellosem Sportdress gewienert wird. Sie machen das mit Begeisterung und rufen sich auf Englisch lachend Neckereien zu. Es ist ihr Auto und sie sind stolz darauf. Mit großen Handys machen sie immer wieder Fotos – von sich und dem Auto. Es ist ein Sportwagen, tiefergelegt, mit breiten Reifen und filigranen Speichenrädern. Ich sehe die dunkelroten Bremssättel, die über riesigen silbernen Bremsscheiben sitzen. Protzig, aber nichts Besonderes. Eher so Angeber-Mittelklasse im Wedding. Nichts Besonderes ist auch das ukrainische Nummernschild. Ich hab schon dickere Autos mit dem blau-gelben Zeichen die Müllerstraße langrasen gesehen. Die Männer brauchen bestimmt keine Hilfe.

Aber vielleicht brauche ich bald Hilfe von Ihnen. Der Druckmesser funktioniert nicht. Ich klemme den Luftschlauch auf das Ventil, aber die Luft geht nicht rein, nur raus. Gleich ist der Reifen platt und ich muss mit dem platten Motorrad zur nächsten Tankstelle eiern. Eine, die noch eine intakte “Luft und Wasser“- Station hat. Ich bin nicht verzweifelt. Ich kenn das schon. Da hält mir jemand einen schwarzen Luftschlauch über die Schulter. Es ist der schmächtige Kerl mit dem kleinen Geländemotorrad von der Station neben mir. “Hier, nimm mal den. Der funktioniert.“ Ohne weitere Worte stellt er sich an die Druckluftsäule und drückt auf dem Knopf, bis ich Stopp sage. Solidarität funktioniert nicht nur mit der Ukraine.

Grün ist die Hoffnung

Das Jahr 2022 hat für mich an der Ostsee begonnen. Auf dem “Pfad der Besinnung“ in Puttbus. War gut, mal für ein paar Tage weg zu sein. Wieder zurück begrüßt mich ein trüber, regnerischer Sonntagmorgen. Frau Coroco hat mich vor Weihnachten auf einen Kris Kristofferson-Trip geschickt. Jetzt bin ich wieder auf den “Sunday Morning Sidewalks“ gelandet. Aber mit etwas Abstand finde ich ein paar grüne Flecken auf den grauen Gehwegen. Ich wünsche euch, dass auch ihr im neuen Jahr ein paar grüne Flecken der Hoffnung findet.

Aus der Weihnachtsbäckerei

Als ich ein Kind war, und es gab in der Adventszeit ein besonders rotes Abendrot, dann sagte meine Mutter zu mir: “Das sind die Engelchen, die helfen dem Christkind, Weihnachtsplätzchen zu backen.“ Das glaubte ich natürlich. Denn rote Glut sah ich im Winter immer im gusseisernen Ofen in unserer Küche (in der auch mein Lieblingskuschelhund verschwand, nachdem ich drauf gekotzt hatte, als ich Blinddarmentzündung hatte), und ich sah auch, wie meine Mutter den Plätzchenteig machte, mit viel guter Weihnachtsbutter vom Butterberg und nach einem Rezept von Dr. Oetker. Das ganze wurde durch den Fleischwolf gedreht. Vorne war eine schmale Schablone, durch die der Teig herausquoll. Ein endloses Band das in Schleifen, Schlangen oder Kringel gelegt wurde. Daraus wurden dann duftende Berge von Spritzgebäck, mal mit Schokoladenguss an den Spitzen, mal ohne. Die mit Schokolade waren natürlich am schnellsten weg.

Heute habe ich eine Gasheizung mit blauer Flamme und weiß längst, dass das Rot beim Abendrot von der Luftverschmutzung kommt. Deshalb glüht der Himmel über Berlin abends ja oft in besonders flammenden Farben. Natürlich weiß ich auch, dass die Weihnachtsgeschenke vom DHL-Mann gebracht werden. Aber Engelchen, Engelchen, die Weihnachtsgeschenke basteln, die gibt es immer noch. Ehrlich!
Sie heißen Birgit und Matthias und sie haben mir dabei geholfen, ein feines, kleines Buch zu veröffentlichen, um es euch unter den Weihnachtsbaum zu legen.

Es heißt „Das Wunder vom Sparrplatz“. Birgit hat es tatsächlich geschafft, in meinen mittlerweile mehr als 250 Blogbeiträgen über Gott und die Welt einen roten Faden zu finden. Sie beschreibt das im Vorwort so:

„Das Wunder vom Sparrplatz“, das sind Erzählungen eines Vaters aus dem rauen Berliner Stadtteil Wedding. Das ist ein Vater mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen. Ein (manchmal etwas melancholischer) Single-Mann, der allein oder mit seinen Kindern durch seinen Kiez im Wedding streift. Dabei richtet sich seine Aufmerksamkeit ganz auf das Leben auf der Straße, auf die kleinen Alltagsszenen, die sich in den Cafés seines Viertels, beim Friseur oder auch am Spielplatz entfalten. Ein Flaneur mit Kinderwagen.

Ins Buch gekommen sind fast dreißig Geschichten aus sieben Jahren. Von Kindern und Abenteuern, von grauen Straßen, großem Glück und kleinen Fluchten. Und von Wundern natürlich, die immer wieder geschehen können. Es schneit auch viel in den Erzählungen.
Matthias hat das alles professionell mit vielen Korrekturschleifen in einer wunderschönen Schrift gesetzt und jetzt ist es ein richtiges Buch geworden. Ich freu mich sehr darüber. Es ist etwas ganz anderes, einen Text in ein Blog zu tippen, oder einen Text für ein Buch vorzubereiten. Zu sehen, wie die Rechtschreibfehler verschwinden und manche Brüche in den Erzählungen, wie aus Flattersatz ein solider Blocksatz wird und der Stolz zu erleben, die letzten Korrekturfahnen in der Hand zu halten. Es war ein Abenteuer eigener Art. Und ich glaube, es hat sich gelohnt. Dass wir es geschafft haben, es jetzt noch vor Weihnachten herauszubringen, ist sowieso ein Wunder. Es ist natürlich das ideale Geschenk für alle, die schöne Bücher lieben. Schaut mal rein – es lohnt sich. 😉

Das Buch ist bei bookmundo.de im Selbstverlag herausgekommen.

Wer möchte, kann es dort direkt bestellen (leider mit 4,99 Euro Versandkosten, egal wie viele Bücher man bestellt).

Aber viel schöner ist es ja sowieso, sich das Wunderbuch in einer richtigen Buchhandlung abzuholen. Im Wedding gibt es das Buch natürlich in der einzigen inhabergeführten Buchhandlung im ganzen Kiez: belle et triste in der Amsterdamer Straße. Ihr könnt es in jeder anderen Buchhandlung bestellen unter der ISBN 9789403644677

Ihr könnt es auch direkt bei mir bestellen. Einfach eine Mail an info@kafkaontheroad.blog

Dann kostet es 8,50 Euro und 2 Euro Versand.

Tja, und jetzt bin ich mal gespannt, wie es euch gefällt.

Rolf Fischer
Das Wunder vom Sparrplatz
Selbstverlag bei bookmundo.de
ISBN 9789403644677
80 Seiten, 8,50 Euro

Avanti Dilletanti

Dilletant war zu Goethes Zeiten kein Schimpfwort.“, klärt uns Susanne gleich zu Beginn ihres Kurses in ihrem Atelier in Berlin Wedding auf. Und das ist Balsam für meine Seele. Denn seit der frühen Schulzeit trage ich nicht nur den Ruf einer sportlichen Null, sondern auch den Makel eines malerischen Nichtskönners mit mir herum. Schuld war diesmal nicht meine dicke Brille oder mein blöder Bruder, sondern meine Mutter. Als wäre mein Leben ohne räumliches Sehvermögen beim Fußball nicht schon schlimm genug gewesen, hatte sie mir zum Schulstart in der Hauptschule aus Versehen keinen Deckmalkasten gekauft, sondern einen Aquarellkasten. Die Lehrerin wollte aber leuchtend bunte Farben sehen, so wie sich das damals gehörte. Kinder malen fröhliche, bunte Bilder. Aber so sehr ich auch mit dem Pinsel herumquirlte, es kam nur wässriges Gekleckse dabei heraus. Und weil man Diversität damals nicht förderte, sondern die Jugend auf Linie bringen wollte, ging ich mit einem Brief an meine Eltern und einer vier in Kunst nach Hause.

Aber es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend. Es braucht nur die richtige Therapie. Und an diesem Samstag ist Susanne Haun meine Heilerin. Von ihren herrlichen transparenten Tuschebildern hängen inzwischen einige bei mir zu Hause. Jetzt will sie uns in ihre Geheimnisse einweihen. Tusche, Tinte und Aquarell steht auf dem Programm. Kaffee und Kuchen gibt es nebenher und reichlich, denn “Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Noch so ein aufmunterndes Zitat – diesmal von Karl Valentin. Bevor wir an die Pinsel dürfen, lernen von der Pike auf erstmal alles, was zum Handwerk gehört: Papierqualitäten, den Unterschied zwischen Aquarellfarben und Tusche und dass Pinsel mit Tierhaar noch immer die besten sind. Nicht ganz Peta, aber dafür sehr nachhaltig. Staunend dürfen wir einen Rotmarderpinsel bewundern, den Susanne noch von ihrer Großmutter geerbt hat. Na, und dann geht‘s los. Erstmal mit Farbe aus der Tube, ungemischt. Viel Farbe, wenig Farbe. Ich natürlich immer zuviel und zu dick, wegen dem Kindheitstrauma. Aber so langsam wird es was. Magische Landschaften entstehen, alles fließt. Ich sehe mich schon mit Sonnenhut an der See sitzen und den Horizont aquarellieren. Oben blau unten gelb. Aber da geht noch mehr. Denn jetzt wird es wissenschaftlich. Was kommt dabei heraus, wenn wir Farben mischen? Tabellen werden gezeichnet, die verwendeten Farben aufgeschrieben und im Raum wird es muxsmäuschenstill – wie bei einer Klassenarbeit – so konzentriert sind wir bei der Sache. Irgendwann fangen wir doch wieder an zu quasseln und dann passierts: da mische ich Bordeauxrot mit Bergblau, statt mit Senegalblau und die ganze schöne Farbtabelle gerät durcheinander. Egal. Jetzt habe ich auf meiner Palette genau die Farben, um die Aquarelle von Janosch nachzeichnen zu können. Die richtigen, nicht die Tigerente. Mach ich aber nicht. Susanne legt uns Motive hin, Blumen, Steine, Seidenpapier. Und jetzt haben wir uns “freigemalt“. Werden mutiger mit den Strichen und sparsamer mit der Farbe. Ja, Farben dürfen durchscheinend sein. Manchmal reicht sogar das Auswaschwasser aus den Pinselgläsern um etwas aufs Papier zu hauchen. Danke Susanne. Wenn das meine Kunstlehrerin noch erleben dürfte.

Und euch, liebe Leserinnen und Leser, schicke ich meinen schönsten Blumengruß Ins Wochenende.

Blue Hour

Ich muss raus, muss ne Runde drehen. Es ist sieben Uhr am Abend und die letzte Videokonferenz ist vorbei. Ich will noch was vom Leben sehn. Draußen sind schon die Lampen an, aber der Himmel ist noch nicht schwarz. Blaue Stunde. Aber kein Grund traurig zu sein. Im Wedding ist immer was los. Im Wedding ist alles möglich. Beim Frisör brennt noch Licht. Warum nicht, denke ich? Mein alter Laden, aber wieder ein neuer Scherenkünstler. Zehn Minuten beschäftigt er sich allein mit meinem Nacken. Was soll das? Interessiert doch niemand. Ich sag ihm, er soll einfach die Maschine nehmen und einmal drüber gehen. Er ist enttäuscht, ich geb ihm ein gutes Trinkgeld und bin wieder auf der Straße. Das ist kein Abend, den man drinnen verbringt. Der Sommer ist spät dran, aber es ist warm, überall Lichter und Leute. Zum Döner? Dafür muss ich am Café Lale vorbei, vor dem sie vor ein paar Wochen drei Leute umgeschossen haben. Die weißen Kreidekreise, mit denen die Patronenhülsen von der Polizei angezeichnet wurden, waren noch lange auf dem Pflaster zu sehen. Komisch, heute sitzen hier nur Deutsche hinter den Shisha-Pfeifen und den Bildschirmen mit türkischen Popsongs. Irgendwas ist anders. Auch beim Döner. Ein alter Mann bedient mich, den ich noch nicht gesehen habe. Er kann noch nicht lange hier sein, denn er kennt noch die gute Sitte, dass man zu einer Linsensuppe nicht nur Brot, sondern auch eine kleine Schale mit Gemüse reicht. Paprika, ein paar Zwiebelringe, scharfe Peperoni. Es gibt einen Platz für mich in diesem Döner-Laden, der ist drinnen, aber man sitzt trotzdem draußen. Im Sommer geht das, wenn sie die Fenster ganz zur Seite schieben. Unter der Markise leuchten ein paar Glühbirnen. Nebenan ein Eisladen. Südfrankreich, denk ich. Das hätte van Gogh malen können. Die Lichter, der tintenblaue Himmel. Ein junger Kerl kommt vorbei. Rote Locken, kurze Hose, er schlenkert eine Bierflasche. Die Ohren sind noch dran. Ein Typ, den man überall treffen könnte. An jedem Ort, der einen Flughafen hat. Ich versuche mich in eine einsame Melancholie fallen zu lassen. Aber es geht nicht mehr. Vor ein paar Stunden habe ich mit einer jungen Frau telefoniert, die mir die Krankenkasse verordnet hat. „Sie sollten auf ihre Schlafhygiene achten. Immer zur gleichen Zeit ins Bett, immer zur gleichen Zeit aufstehen.“ Ach Mädchen, hast du nichts anderes? Ich bin doch noch nicht in Rente. Ich hab doch noch ein Leben. Das hier zum Beispiel. Ich zieh weiter, vorbei an einer kauernden Frau mit stumpfen Haaren, die ein Eis isst, vorbei an jungen Chinesen, die wahrscheinlich ihren ersten Döner essen und großen Spaß dabei haben. Biege links ein. Die Eckkneipe ist leer und die Barfrau fegt mit Mundschutz den Dreck raus. Die Pizzeria Sole Mio brummt. Der mürrische Wirt hat seine Plastiktische den ganzen Gehsteig bis zum Künstleratelier aufgestellt. Stiernackige Biertrinker sitzen unsicher im Halbdunkel. Wahrscheinlich sind’s die Kerle, die sonst in der Kneipe hocken. Auch sie vom Sommerabend verzaubert? Kaum zu glauben. Auch im Atelier was Neues. Statt des alten, langhaarigen Zottels, der sich in seinen rostigen Müll-Installationen vergraben hatte, sitzt ein junger Mann im aufgeräumten, strahlend erleuchteten Atelier. Bunte Bilder an den Wänden und eine junge Frau mit blauen Haaren neben ihm. Ihr schwarzes Oberteil hat Träger mit Nieten und Ösen. Ihr Punk passt nicht zu den mystischen Motiven. Aber vielleicht bringt sie ihn auf neue Ideen. Als ich in die Straße zu meiner Wohnung einbiege, läuft ein Mädchen vor mir her. Ihr rot weiß gestreifter Faltenrock hängt schlaff, die dünnen Beine enden in Chucks, diesen halbhohen Turnschuhen, und schlurfen kraftlos übers Pflaster. Einen Moment denke ich, eine ältere Kollegin vor mir zu haben, die sich oft zu jung anzieht. So schwer ist ihr Gang. Aber dann seh ich , dass die Kleine heult, herzzerreißend, wie nur Kinder heulen können. Sie drückt etwas an sich. Eine Tasche oder ein Kuscheltier? Und sie läuft nirgendwo hin, sondern vor etwas weg. Rein ins Dunkle. Liebeskummer, totes Meerschweinchen oder Schläge? Im Wedding ist alles möglich.

Auf Linie

Würde die Welt eine bessere sein, wenn die Frauen die Macht hätten? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Aber wenn ich einen Blick auf die Bereiche werfe, in denen die Frauen jetzt schon das Sagen haben, lässt das bei mir zumindest nicht allzu große Hoffnungen für die Zeit nach der Niederwerfung des Patriarchats entstehen. Ich rede von der Grundschule. Ich rede von der Wunschliste der Lehrerinnen zum Anfang des neuen Schuljahres, von Lineaturen, Heftformaten und Schnellheftern.
Die SMS, die ich von der Mutter meiner Söhne bekam, klang wie beiläufig: „Kannst du bei McPaper vorbeigehen und einen Schnellhefter in grün -aber nur von Durable, keinen anderen, und zwei Geometriehefte Lineatur 24 mitbringen?“ Sie ahnte nicht, dass sie mich damit auf eine Reise schickte, die mich einen sonnigen Nachmittag und den Rest meiner Nerven kostete. Diese Reise kafkaesk zu nennen, wäre hier am Platz. Aber ich habe dabei auch viel über unser Land gelernt.
Bei McPaper stehe ich vor dem Regal mit den Schulheften und verstehe die Welt nicht mehr. Später werde ich erfahren, dass es in Deutschland mehr als 30 verschiedene Lineaturen gibt, dazu noch mindesten drei verschiedene Formate von Din A4 bis Quart und natürlich das alles als Block und als Heft, mit 16 und 32 Blatt mit und ohne Rand… Wer hat sich diesen Wahnsinn ausgedacht? War das schon immer so? Und warum?
Die Verkäuferinnen bei McPaper sind nicht besonders gut in Warenkunde. Aber immerhin können sie mir sagen, dass sich hinter „Geometrieheft“ ein Heft ohne Linien verbirgt. Blanko, sozusagen, weiße Blätter. Das gibt es auch noch. Aber wie kann ein Blanko-Heft eine Lineatur haben? In Deutschland geht alles. Ich finde ein Blanko-Heft mit Lineatur 25 aber ohne Rand, und tue was alle Väter tun: Ich stehe im Laden und rufe die Mutter an, die nicht wirklich geglaubt hatte, das Problem an mich losgeworden zu sein. „Weiß ich auch nicht.“, seufzt sie, „Es muss halt 24 draufstehen, mehr weiß auch nicht.“ Es ist also kein Frage der Pädagogik oder des Kindeswohls, sondern eine Frage der Autorität. Man will der Lehrerin gefallen, in dem man jeden ihrer absurden Wünsche erfüllt. Meine Zwillinge gehen in zwei verschiedene Klassen, im gleichen Jahrgang der gleichen Schule. Ich kann also gut vergleichen. Der eine hat das Schreiben in Blockschrift gelernt, der andere in Schreibschrift. Auch die Mathebücher waren unterschiedlich. Alles nach Ermessen der Klassenlehrerin. Und wenn die Lehrerin wechselt, was oft geschieht, wechseln auch die Anforderungen. Absprache, Koordination, einheitliche Regeln? Fehlanzeige. Alle meckern über den Hick-Hack der 16 Bundesländer. Aber das Problem fängt wohl früher an. Und das Problem hat zwei Seiten: Es gibt eine, die die Regeln aufstellt, und eine, die sie befolgt. Warum sind Mütter, die sonst den Konflikt mit den Lehrerinnen (auf der Grundschule meiner Kinder gibt es keinen Lehrer) um Schulessen, Pausenzeiten oder besondere Coronaregeln nicht scheuen, so devot und so kleinteilig, wenn es um die Schulsachen geht? Und warum wälzen sie diese Aufgabe dann auf mich ab?


Meine Odyssee, die bei McPaper begonnen hat bringt mich in alle Läden, die unsere Müllerstraße, die mal „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“ genannt wurde, noch zu bieten hat. Zu Woolworth, zu McGeiz und zu Müllers Drogerie. Überall das gleiche Bild: Ratlose Eltern, mit und ohne Anhang zwischen zerrupften Regalen, die extra für die „Schulsonderaktion“ aufgestellt wurden. Türkische Mütter mit Kopftuch und ganzer Familie in regem wie verzweifeltem Austausch, ein russischer Vater mit Sohn und großer Einkaufsliste, die ich zuerst bei „Müllers“ und dann noch drei Mal mit immer prallerem Beutel treffen werde. Ein arabischer Mann mit Sohn, der ihm die Wunschliste auf dem Handy vorliest, telefonierende Männer… Geheimtipps machen die Runde: Bei „Pfennigland“ soll es noch Blanko-Hefte geben, raunt mir eine junge Frau zu, die gerade eine türkische Frauengruppe beraten hatte. „Pfennigland“, murmele ich vor mich selber hin, und es klingt wie der Name des himmlischen Jerusalems. Dass ich daran nicht gedacht hatte. Hier bin ich Stammkunde. Das ist der Ort, an dem Wunder möglich werden- zu kleinem Preis. Hier finde ich immer die Überraschungen für die Kindergeburtstage und manchmal auch Ersatzteile für mein altes DDR-Fahrrad. Doch als ich ankomme, ist das Regal leer und mein Mut verflogen. Ich könnte noch zu Karstadt, aber meine Kraft reicht nicht mehr. Geschlagen ziehe ich zu McPaper zurück und kaufte zwei Hefte blanko, Lineatur 25 für je 39 Cent das Stück, um nicht mit leeren Händen bei meinen Kindern anzukommen. Vielleicht übersieht es die gestrenge Lehrerin ja und vielleicht müssen meine Kinder nicht unter dem Versagen ihres Vaters leiden. „Ach, das hättest du jetzt nicht machen müssen.“, flötet die Mutter meiner Söhne, „Ich hätte die Hefte auch am Montag noch hier im Schreibwarenladen besorgen können. Aber an den grünen Hefter hast du gedacht? Den gibt‘s nämlich nur bei McPaper.“ Auf meinem dritten Gang in die Welt der Frauen gründe ich in Gedanken und mit wachsender Freude die erste Widerstandsgruppe für die Zeit, wenn das Matriarchat die Macht übernommen hat. Also heute.


Herausgerissen

Wenn ich gewusst hätte, dass mir heute, noch bevor die Sonne ihren Zenit erreicht hat, in einem Hinterzimmer im Wedding heißes Wachs in Nase und Ohren gegossen würde, hätte ich wohl keinen Schritt vor die Tür gemacht. Wollte ich sowieso nicht, denn es ging mir hundeelend, als ich heute erwachte. Weil ich eine schlechte Nacht hatte und eine Schlaftablette genommen hatte. Schlaftabletten machen Kopfschmerzen, also brauchte ich eine Schmerztablette, aber die Schachtel mit den Kopfschmerztabletten war leer. Wer stellt leere Tablettenschachteln in meinen Medikamentenschrank? Muss wohl ich gewesen sein. Was wiederum einiges über meine Zurechnungsfähigkeit am frühen Morgen sagt. Also besser einen Kaffee trinken, bevor ich neue Drogen kaufe. Ein Blick ins Portemonnaie zeigt, dass es nur für eins reicht: Entweder Kaffee oder Pillen. Heißt, dass ich nach dem heißen Türkentrank von der fröhlichen Bäckersfrau nebenan erstmal zu EDEKA muss, weil dort der Geldautomat steht. Vor der Bäckerei treffe ich die kleine Frau wieder, deren rot gefärbten Haare am Ansatz grau werden. Gestern habe ich mit ihr in einem der Pappkartons mit unnützem Zeug rumgewühlt, die in der letzten Zeit bei uns vor den Hauseingängen stehen. Ich habe eine Schraubzwinge ergattert, sie eine Teekanne. So was verbindet. Wir nicken uns zu.

Bis zu EDEKA dauert es zehn Minuten, das reicht eigentlich, um den Kaffee wirken zu lassen. Trotzdem bin ich vorsichtig bei der finanziellen Transaktion, prüfe den Kontostand, denn ist Monatsende und der Unterhalt wird immer abgebucht, bevor das Gehalt überwiesen wird. Warum eigentlich? Muss ich mal ändern. Ach, es gibt so viel zu ändern, wenn man einen schweren Kopf hat und man weiß an einem solchen Samstagmorgen gar nicht, wie man das je schaffen soll. Und ich muss aufpassen, dass ich mir nicht noch mehr Ärger aufhalse. Es ist mir an diesem Automaten auch schon mal passiert, dass ich zwar die Karte rausgezogen habe, aber nicht die Geldscheine. Die hat der Automat dann wieder geschluckt. Hab ich dann bei der Post anrufen müssen, und die haben tatsächlich zugegeben, dass da 200 Euro zuviel in dem Automaten waren. Haben sie mir zurück überwiesen. Sehr korrekt, kann man nicht meckern.

Heute schaffe ich es auf den ersten Anlauf, verstaue mein Geld, vergesse nicht, die Karte aus dem Automaten zu ziehen, trete auf die Straße in den windigen Sommertag und atme durch. Erste Aufgabe geschafft! Das könnte ein schöner Tag werden. Zur Apotheke müsste ich jetzt links, aber ich schaue auf die andere Straßenseite und sehe, dass der deutsche Frisörsalon aufgegeben hat. Kein Verlust, denn an die Künste der robusten Damen mit den Kittelschürzen und den rosa Kunstfingernägeln erinnere ich mich mit Schmerzen. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Ihre türkischen KollegInnen, die den Laden übernommen haben, übertreffen sie in perfider Grausamkeit bei weitem.
Doch erstmal siegt die Neugier. Ein Grund, den neuen Laden auszuprobieren ist schnell gefunden: In zwei Wochen heiratet meine Schwester. Nach 35 Jahren wilder Ehe, hat ihr Lebensgefährte endlich seinen Mut zusammengenommen und hat sie gefragt. Auf die Knie konnte er vor ihr nicht mehr gehen, denn er hat Arthrose. Zur Hochzeit muss Mann ordentlich aussehen, also rein in den Laden, der jetzt Alanya heißt, oder so ähnlich. Ein junger Mann kümmert sich um eine Kundin, ein anderer steht rum und mißachtet meine Anwesenheit. Erst als er von dem Jüngeren einen Hinweis auf Türkisch bekommt, macht er sich bei mir schüchternen Gesten bemerkbar und winkt mich freundlich auf einen Sessel zum Haarewaschen. Das hatte ich noch nie, aber warum nicht? Ein bisschen warmes Wasser und Kopfkraulen ist genau das, was meine gemarterten Hirnzellen jetzt brauchen. Mit einem Handtuch auf dem Kopf werde ich dann auf einen Frisierstuhl bugsiert. Gerade versuche ich meinem stummen Zauberlehrling meine Wünsche zu erklären (Maschinenschnitt, 9 Milimeter), da rauscht aus einem Hinterzimmer eine Frau in einem billigen Baumwollkleid in den Salon, sieht was los ist und meckert laut „Ich hasse es, mit Männern zusammen zu arbeiten.“ Offensichtlich ist mein Junior-Figaro Ziel ihres Zorns, denn von nun ab weicht sie ihm nicht mehr von der Seite. Die Prozedur nähert sich nach einigen Nachbesserungen einem akzeptablen Ende, als ich darum bitte, dass er sich auch noch den Haaren in den Ohren widmen soll. Normalerweise zücken dann Männer, die ihr Handwerk in türkischer Tradition erlernt haben, ein Feuerzeug oder einen brennenden Wattebausch und wedeln mit der Flamme ein paar mal über die Ohren ihres Klienten. Nicht so hier. „Das darf er nicht.“, triumphiert die Friseurin, „das mache nur ich. Wenn sie mir in mein Zimmer folgen wollen.“ Benommen wechsele ich ein weiteres mal den Platz und finde mich auf einer Liege wieder, mit dem Kopf nach unten. Ich sehe wie sie eine glitzernde grüne Masse anrührt, ahne was jetzt kommt und wünsche mir, doch zuerst die Schmerztabletten gekauft zu haben. Mit diabolischem Grinsen nähert sie sich mit dem Wachs meinem Ohr und träufelt es hinein. Es wird warm. „Willkommen in der Welt des Schmerzes“, sagt Jeff Goldblum als ungeschickter Folterer in „The big Lebowsky“. Weiter komme ich nicht mehr, da gibt es einen Ruck und ein Reißen, und mit dem Ausdruck größer Befriedigung und irre funkelnden Augen hält die Magierin einen schillernd grünen Abguss meines Innenohrs, gespickt mit ein paar grauen Härchen über mein Gesicht. Mein Ohr fühlt sich plötzlich kühl an und sehr sehr sauber. So wie es sich anfühlte, als ich mit meiner Freundin vor vielen Jahren mit indianischen Ohrenkerzen experimentierte. Richtig gut. Und von selber fällt mir ein, dass es ja auch noch in der Nase Haare gibt, die weg müssen. Die Wachs-Reißerin freuts. Als ich den Salon verlasse habe ich drei Mal so viel Geld da gelassen wie üblich. Aber mein Kopf ist klar und ich fühle mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Der Wind weht zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus.

Pole Dance

Sie war nicht mehr jung und sie war mir auch nicht gleich aufgefallen. Erst als ich an der der Ampel warten musste und ich lange zu ihr hinüberschaute, merkte ich, dass sie tanzte. Es war ein kleiner Tanz. Zwei Schritte vor, zwei zurück, die Hand immer am Rücken und wie flüchtig an einen Parkpfosten angelehnt. In den paar Minuten, in denen ich ihr zuschaute, probierte sie auch seitliche Schritte, aber immer wieder blieb sie am Schluss an dem Poller stehn. So sehen Leute aus, denen rundherum das Land wegbricht.

Sie war eine stolze Frau. Als ich sie fragte, ob ich ihr weiter helfen könne, schaute sie mich keck an. „Ja, ja das denken sie, dass ich nicht mehr weiter komme. Aber ich will nur sehen, was da vorne auf dem Schild steht, aber ich seh es nicht mehr.“ Ich ging ein paar Schritte vor, nun noch ein paar, weil die Messingplatte in der Abendsonne spiegelte. „ Ha!“, triumphierte sie: „ Sie müssen auch nah ran!“ Ich kam zurück und nannte ihr den Namen. „Ist das nicht das Verwaltungsgericht?“ Nein, sagte ich, das ist das Verkehrsministerium. „Ich frage nur, weil ich hier mal war, und ich dachte ich hätte es wieder erkannt.“ Es folgte ein etwas durcheinandergewürfelter Bericht über einen Prozess vor langer Zeit, den sie anscheinend gewonnen hatte. „Das Verwaltungsgericht ist drüben, sagte ich und wies mit dem Finger Richtung Bahnhof, aber das schien sie nicht wirklich mehr zu interessieren.

Auf dem Rückweg von der Arbeit treffe ich hier an der Ecke ab und zu Leute, die nicht mehr weiter wissen. Die Straße runter ist ein Altersheim und da starten sie manchmal zu einem Ausflug. Zwei Querstraßen weiter wissen sie nicht mehr, wo sie sind. Aber auf den Rollatoren steht gottseidank die Telefonnummer und dann kommt der Pfleger sie abholen. Aber meine Tanzpartnerin heute war keine von hier. Sie sah aus wie eine Bergwanderin mit ihrer hellgrauen Funktionsjacke und den soliden Schuhen. Nur den Wanderstab hatte sie vergessen. Sie hielt sich immer noch an dem Pfosten fest. Ich streckte meine Hand aus und wollte sie ihr reichen. „Fassen Sie mich nicht an, sonst fall ich um!“, bat sie. Mit ihrem letzten Rest Geschmeidigkeit rettete sie sich auf ein warmes Mauersims – wie eine Eidechse saß sie da. „Darf ich sie ein Stück mitnehmen?, fragte ich ahnend, dass sie auch von der Mauer nicht mehr weg käme. Sie schaute mein Fahrrad an, und meinte spöttisch: „Was, denken sie ich setzte mich auf ihre Gepäckstange? Wir lachten beide, lächelten uns an und ich fuhr weiter.