Mein Freund, der Baum

Herrlicher Herbstmorgen. Blauer Himmel, alles schick. Nach den ersten fruchtlosen Diskussionen über die Protokolle fruchtloser Besprechungen im Homeoffice gönne ich mich den ersten Guten-Morgen-Kaffee aus dem Back-Shop nebenan. Als ich in meinen Kaffeebecher pustend an der Straßenecke stehe, merke ich, dass auf der anderen Seite ein Polizeiwagen hält. Der Wachmeister reicht einem Arbeiter mit schwarzer Wollmütze und Hoodie, der neben einer kleinen Hebebühne steht ein Formular raus und fährt weiter. Was ich noch nicht weiß: Es war der Totenschein für einen alten Freund.

Erst als ich mit den Augen dem jungen Mann folge, der das Papier in seine Hosentasche stopft, sehe ich, dass über der Stelle ungewöhnlich viel blauer Himmel zu sehen ist. Und die seit Jahren geschlossene Kneipe auf der anderen Straßenseite sticht mir mit ihrer vollen Trostlosigkeit ins Auge. Was fehlt ist das schmächtige Ahorn, das das alles mit seinen Ästen gnädig verdeckt hat. Ganz geräuschlos muss heute Morgen, während ich hinter meinem Fenster am Bildschirm versuchte, klare Gedanken zu fassen, der Gartenbauer mit schnellen Schnitten den Baum niedergemacht haben. Wie taub bin ich eigentlich mittlerweile, dass ich noch nicht mal eine Kettensäge höre?

Eifrig fegt der Arbeiter die Äste und Blätter zusammen. „War wohl nix mehr zu machen.“, beginne ich über den von innen verfaulten Stamm des Baumes gebeugt, meine Trauerrede. Denn ganz so unbemerkt soll mein langjähriger Begleiter nicht zu Sägespänen werden. „Nee, der hätte schon längst gefällt werden müssen.“, pflichtet mir der Arbeiter bei. „Aber er hat länger gestanden, als geplant. Da muss man ja viel beachten, die Brutzeiten der Vögel und so.“ Ich merke, dass es ihm auch nicht gleichgültig ist und dass er lieber etwas gepflanzt hätte, als hier Schadensbegrenzung zu betreiben. „Ja, ja“ erteile ich ihm Absolution. „Letztes Jahr bei den Herbststürmen ist ein Baum auf ein Auto gekippt.“ „Ja, ist auch für die Menschen gefährlich, da können schon vorher Äste abbrechen.“ Unwillkürlich schaue ich auf die andere Straßenseite, wo mein Moped unter einem anderen Ahorn steht. Alles gut. Glänzend gelb steht es in der Herbstsonne. Gestern bin ich sogar mit meinem Jüngsten bis zur Bibliothek damit geknattert. Und diesmal hat er sich nicht das Bein am Auspuff verbrannt. Alles gut… Zu gut! Denn warum sehe ich mein Moped überhaupt? Gestern habe ich noch eine Plane drüber gezogen. Heute steht es ohne da. Und es war ja kein Sturm heute Nacht. Mein Nachbar kommt aus der Tür. Er rettet manchmal die Plane, wenn der Wind sie verweht und legt sie mir ins Treppenhaus. Doch heute zuckt er nur mit den Achseln und zeigt auf einen grauen Haufen, der auf dem Gehweg liegt. Ist aber nicht meine Plane, sondern nur ein alter Müllsack. Ich bin also beklaut worden. Zum ersten Mal, seit ich im Wedding wohne. Ich bin erschüttert. Zwei Verluste an einem Morgen, das ist schwer zu verdauen. Aber hilft ja nix. Ich gehe in den Keller und hole die große Plane, die ich sonst unter die Hängematte im Garten lege. Sieht nicht schön aus, aber wenigstes etwas neues Grün vor meinem Haus.

Göttlich

Im Sprengel-Kiez muss man Zeit haben. Wer hier lebt hat wenig. Wenig Verkehr, wenig Lärm, kaum einer hat ein Auto. Dafür tun hier alle so als hätten sie viel Zeit. Es gibt hier viele kleine Läden. Aber auch in denen gibt es nicht viel. Hansi, der Bäcker hat nur fünf Sorten Brot im unbehandelten Holzregal. Nur Mittwoch bis Samstag und erst ab 9 Uhr. Aber dafür sind die natursauer und handgemacht. Ein Tortencafé, das Kaffee und Kuchen anbietet wie ihn die Tanten meiner Jugend zubereiteten wird von zwei jungen Frauen betrieben, die sich mit dem Abarbeiten der Bestellungen Zeit lassen. Alles wird mit betonter Sorgfalt und Umständlichkeit zubereitet. Der Laden ist trotzdem voll und die Tische stehen bis auf die Straßenecke. Ein anderes Café heißt „Göttlich“ und bietet viele einfache Genüsse, nur keinen schnellen Service. Geboten wird vor allem allem höllisch bitterer und sündhaft teurer Kaffee auf den man auf den groben Holzbänken draußen so lange warten muss, als warte man auf ein Gespräch mit seinem Beichtvater. Beschweren ausgeschlossen: Denn das heilige Gebräu wird von einer der jungen Baristas mit einer herablassenden Geste serviert, die ich sonst nur von Priestern der katholischen Kirche kenne: Ich bin der, der das Ritual kennt und ich bin derjenige, der dich der Gnade des Abendmahls teilhaftig werden lässt. Wer will sich beschweren, wenn es um sein Seelenheil geht?

Als Mensch, der noch in irdischen Dingen gefangen ist, wird einem auch das göttliche Lachen der Gelassenen zuteil. Im Bio Laden, in den ich auf dem Weg von der Arbeit kurz hinein springe, um schnell einen Liter Milch zu holen, werde ich in meiner Hektik von einem betont entspannten Gespräch des Verkäufers mit einem Kunden gebremst. In aller Ruhe und Freundlichkeit wird über die drei Möhren und das halbe Vollkorn-Brot gesprochen, das der wohl mit dem Bio-Krämer befreundete Mann nach langem Wägen aus dem halbleeren Holzregal wählt. Natürlich ist das persönliche Gespräch wichtiger als der nackte Warentausch. Wo wäre der Mensch weniger Mensch als dort, wo er allein auf seine reine Rolle als Konsument reduziert wird? Und auch die ausgebeutete Verkäuferin, die im grellen Neonlicht zum Mindestlohn die Waren über den Scanner zieht, und keine Zeit für ein freundliches Wort mit den Menschen hat. Wollten wir das nicht alles überwinden? Ja, morgen. Jetzt habe ich es eilig und ich mache den Fehler, es auch zu sagen: „Geht das auch ein bisschen schneller, ich habs eilig?“. Die Stille, die darauf folgte, war tödlich und währte nur eine Sekunde. Dann verzog der Krämer genüsslich sein Gesicht und grinste zu seinem Kumpel rüber „Oh, da muss jemand wohl noch lernen, sich zu entspannen.“ Geruhsam führte er sein Auswahlgespräch fort und nach einer unendlich scheinenden Zeit geruhte er, mir den unverschämten Preis für die Milch von entspannt grasenden Kühen (mit Hörnern, wie mir das Etikett versicherte) abzuverlangen.

Der früh verstorbene Satiriker Wiglaf Droste vermutete schon vor der Jahrtausendwende, dass die Langsamkeit der Menschen in den Bio-Läden daher komme, dass die gesunde Kost, die dort angeboten wird halt doch nicht so viel Energie verleihe, wie von Ihren Anhängern ständig mantraartig gepriesen wird. In jener Zeit wollte man aber immerhin noch die Entschleunigung für alle (ich weiß das noch genau, denn ich war Mitglied im Öko-Coop „Wurzelwerk“). Jetzt ist die Langsamkeit nur noch eine schnöselige Attitüde derer, die zeigen wollen, dass sie es nicht nötig haben, im Hamsterrad zu laufen – und trotzdem dauernd Kaffee trinken.

Meinen nächsten Kaffee trinke ich wieder bei Edeka in der Müllerstraße. Da ist der Kaffee dünn und es ist laut und hektisch. Aber man bekommt ihn sofort und alles zusammen ist belebender als das geweihte Koffein aus dem Sprengel-Kiez. (Und die gleiche Bio-Milch ist bei Edeka einen Euro billiger).

Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Berlin, ein Garten Eden

Manchmal hat das Warten an der „Bettelampel“ über die vierspurige Seestraße auch etwas Gutes. Denn wenn ich schnell über die Staße gekommen wäre, hätte ich die Frauen gar nicht bemerkt, die ihre Hände in die Büsche an der Straßenbahnhaltestelle Seestraße steckten. Und erst recht nicht die roten Beeren, die sie unter den halbvertrockneten Blättern der frisch gestutzten Sträucher hervorholen. „Darf ich fragen, was das für Beeren sind, die sie da pflücken?“ frage ich eine Frau mit einer schon halb gefüllten Plastiktüte. Sie versucht es zuerst auf Englisch: „You eat it with sugar.“, aber den Namen der Frucht fällt ihr nicht ein, dann auf Französisch, „pour Marmelade“, aber zuletzt ruft sie eine Freundin, mit der sie Türkisch spricht und die mir auf Deutsch antwortet. „Das sind Kizilcìk, der deutsche Name fällt mir gerade nicht ein.“ Google hilft und wir finden heraus, dass es Kornellkirschen heißt. Ich probiere eine hellrote Kirsche und es zieht mir den Mund zusammen. Sauer! „Sie müssen die dunklen nehmen.“, lacht meine Ratgeberin. „Am besten sind sie mit Zucker oder man kann sie mit Apfelsaft zu Marmelade kochen.“ Eine weitere Frau kommt vorbei und rät mir, die Beeren vorher abzuwaschen: „Wegen der Autos und der Leute, die hier vorbeikommen.“ Sie kennt noch weitere Standorte, war gerade in Rudow. Anscheinend ist gerade in ganz Berlin Erntezeit. Und sie weiß, dass es ein paar Meter weiter, vor der Kapernaum-Kirche noch eine leckere Spezialität gibt: Lorbeerkirschen. „Sie müssen den Kern zerbeißen, dann schmeckt es wie Marzipan.“, schwärmt sie. Und als sei das nicht genug, weist sie über die Straße zu dem Chinesischen Restaurant: „Dort steht ein Pflaumenbaum, schöne, kleine feste Früchte. Aber keiner erntet sie. Es ist so schade.“ Der Wedding ist ein Paradies, ein Garten Eden für den, der sich auskennt. Ich hab es immer gewusst. Der Herr sorgt für die seinen. Die Lorbeerkirschen waren mir dann aber doch zu bitter.

(Was auch gut so ist. Durch einen Kommentar habe ich erfahren, dass man die Lorberkirschen besser nicht roh isst, und vor allem nicht auf die Kerne beißt, weil die eine Vorstufe von Blausäure enthalten,)

Weltmeisterschaft next door

Ehrlich gesagt: Ich war froh als es vorbei war. Das lustlose Gekicke der DFB-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft. Die späten Abende, die man sich um die Ohren schlug, nur um mit der Gewissheit ins Bett zu gehen: Das wird nichts.

Und überhaupt. Warum muss ich mich vor den Bildschirm setzen und mir Übertragungen aus den fernen Amerikas anschauen, wenn sich die Nationen der Welt bei mir über die Straße treffen? Am Samstag war hier mal wieder das Berliner Interkulturelle Fußballturnier. Bereits das 16. mittlerweile. Ich musste es nicht lange suchen, denn die wummernden Beats, die die 18 Mannschaften begleiteten und die sich wie ein Klangteppich über unser Afrikanisches Viertel (heißt wirklich so, weil hier die Straßen ursprünglich nach den ehemaligen deutschen Kolonien benannt wurden) legten, wiesen mir den Weg. Dieses Jahr war etwas weniger los als sonst. Das Team der Berliner Polizei fehlte. Aber es war wie immer bunt und fröhlich. Die Teams hatten wie immer die Auflage, sich aus mindestens drei Herkunftsnationen zusammen zu setzen. Und wie jedes Jahr nahmen viele Gefüchteten-Teams teil.
Und wie jedes Jahr war alles wieder ziemlich durcheinander. Gespielt wurde quer über den Platz, immer zwei Matches gleichzeitig. Da war es für den Spielleiter mit der mächtigen, goldglänzenden Hip-Hopper-Sonnenbrille nicht einfach, den Überblick zu behalten. Manche Teams verschwanden mitten im Turnier, manche waren zur Siegerehrung nicht mehr da. Und auch die Trikots zeigten nicht immer an, wer zu welcher Mannschaft gehörte. Anscheinend hatte „Titan FC Berlin“ noch ein paar Shirts mehr mitgebracht, die auch andere Teams überzogen. Aber alle zeigten ununterbrochen vollen Einsatz. Da mag sich unsere Nationalelf mal eine Scheibe abschneiden.

Auch am Spielfeldrand zeigte sich Vielfalt. Seien es die kleinen Nachwuchskicker, die einfach so auf dem Spielfeld mit einem Plastikball die ersten Pässe probierten und vom Spielleiter schnell verjagt wurden, sei es das Team von der Elfenbeinküste, das versuchte beim Team-Foto professionell dreinzuschauen oder der Stand auf der BAOBAB-Messe, an dem mir freundliche Frauen äthiopischen Kaffee in kleinen Porzellanschalen für einen Euro anboten.

Irgendwann traf ich auch einen Mann mit Hut und in grünem Expeditions-Outfit, der sich als Matthias Oberg vom NARUD e.V. vorstellte. Er hat das Ganze hier auf den Platz gebracht. Ganz fest versprach ich ihm, dass ich über das Turnier in unserem Kiez-Magazin berichten werde. Aber dann stellte sich heraus, dass es wichtigere Neuigkeiten gab. Vor einem türkischen Späti war eine Handgranate explodiert.

Aufforderung zum Tanz

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Fête de la musique: Ein wunderbar warmer Sommerabend. Auf dem Parkplatz des Centre Français in Berlin spielt die letzte Band. Der Platz vor der Bühne ist voll. Mit wilder Polka und Balladen, mal mit deutschen, mal mit französischen Texten hat „Drückerkolonne“ die Leute in Bewegung gebracht. Aber das reicht dem Sänger nicht. Er teilt das Publikum nach links und nach rechts auf. Und dann sollen sich in dem frei gewordenen Raum in der Mitte Pärchen finden, sich einhaken und sich drehen.
Vor mir will eine kleine Frau mit weißen Haaren ihren baumlangen, stämmigen Gatten zum Tanz auffordern. Aber der steht stocksteif da und hält sich an seinem Bierbecher fest. Sie schwingt schon mit der Musik und lässt sich nicht lange bitten: Ein Lächeln, ein angebotener Arm und schon drehen wir uns mit allen anderen auf dem Platz – mal linksrum, mal rechtsrum.
Das Glück ist kurz. Kaum haben wir aufgehört zu tanzen, spüre ich von hinten die schwere Pranke ihres Mannes auf der Schulter. Kurz ist mir flau, denn dreht er mich mit seiner kräftigen Hand zu sich um. „Dit is Wedding!“, raunt er mir mit schwerer Zunge kumpelhaft zu und kreist mit dem Bierbecher rüber zu dem tanzenden Volk. „Dit is Wedding!“ stimme ich erleichtert ein, als ich weiß, dass er mir nichts Böses will.

So lernt man hier seine Nachbarn kennen.

Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Habemus cinemam


Wir haben ein neues Kino in unserem Kiez. Es ist gleich bei mir um die Ecke, in der Plantagenstraße. Wenn sie nach Berlin kommen, schauen sie mal vorbei. Denn es ist schön geworden, das neue Kino Arsenal in der renovierten Westhalle des ehemaligen Krematoriums (das jetzt zum „Silent Green“-Kulturquartier geworden ist). Geradezu umwerfend schön. Ein echtes Juwel in Berlin. Da will ich mal nicht meckern. Noch vor einem Jahr war die Halle eine Baustelle, der man die ursprüngliche Nutzung als Aufbahrungshalle für Verstorbene noch anmerkte. Jetzt ist hier ein Kinosaal entstanden, der in Berlin seinesgleichen sucht.

Foto: Vali Djordjević

Spektakulär ist auf den ersten Blick die Akustikverkleidung unter der spitz zulaufenden Decke. Es ist als hätte man eine Kulisse aus einem expressionistischen Stummfilm mit einem  Raumschiff gekreuzt. Dr. Caligari meets Raumpatroullie, um es mal für Filmfreunde zu beschreiben.

Die stramm gepolsterten Sitzreihen mit viel Beinfreiheit sollen „Zurücklehnen und aktive Teilnahme ermöglichen“, wie die künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, Stefanie Schulte Strathaus es bei der Test-Vorstellung verkündete. Also kritische Filmkunst – kein Popcorn-Kino. Deshalb ist viel schwarz-weiß auf der Leinwand zu sehen. Den Anfang machte ein iranischer Film über einen Postboten aus den 50ern. Eine Woyzeck- Adaption in der der traurige Held ständig Hanfsamen essen muss. Ich mag solche Filme. Und mit mir vielleicht hundert andere Leute, die dafür aus ganz Berlin gekommen sind. Bevor das Arsenal-Kino aufmachte war ich im Centre Français (auch bei mir um die Ecke, mit einem Kinosaal aus den 1960ern) zwei Mal in der schwarz-weißen Neuverfilmung von „Der Fremde“ und natürlich auch in „Nouvelle Vague“. Auch in schwarz-weiß. Und inzwischen auch schon wieder in „Das Mädchen mit dem Koffer“, mit Claudia Cardinale, aus den 1960ern im Arsenal. Und das geht jetzt immer so weiter. Ich hätte ständig einen Grund, mir einen schönen Abend zu machen.
Auch vor dem Kino gibt es genug Raum für schöne Abende. Durch eine Tür im Foyer kann man auf das Gelände des Silent Green und des Restaurants MARS gelangen. Eine milde Frühsommernacht empfängt mich. Und wenn man vergisst, dass man zwischen einem Krematorium und einem verlassenen Urnenfriedhof sitzt, kann man hier wunderbar unter Lampions mit Freunden den letzten Film durchquatschen.

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Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch die großzügige Unterstützung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Wolfgang Weimer. Der BKM hat sich in Berlin unbeliebt gemacht, denn er hat etwas gegen Buchläden, die er politisch für zu links hält. Aber er (oder vielleicht eher seine Vorgängerin Claudia Roth) scheint ein großes Herz für den Wedding zu haben. Unterstützung gibt es nicht nur für das neue Arsenal-Kino. Nachrichten melden auch eine Beteiligung des BKM bei dem geplanten Umbau des ehemaligen französischen Soldatenkinos L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm in ein Berliner „House of Jazz“. Mir soll’s recht sein. Dann muss ich auch meinem Kiez gar nicht mehr raus. Berlin kann so schön sein. Kommse doch mal rüber, kieken.

Ausflug ins Grüne

In meinem Stadtteil gibt es eine große Unbekannte. Eine sehr große: 80 Hektar groß, 135 Gebäude, 85 Hallen, der Eingang direkt zwischen Kentucky Fried Chicken und Autobahnzubringer gelegen: Die Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr. Als hier noch die französische Armée de l‘ Air einquartiert war gab´s das Deutsch-Französische Volksfest und ab und zu mal eine Parade die Straße runter. Von der Bundeswehr, die hier seit 1994 eingezogen ist, kriegt man wenig mit. Selten sieht man Rekruten und Rekrutinnen beim Gepäckmarsch durch den angrenzenden Park schwitzen, manchmal ein Hubschrauber, aber sonst ist die graue Betonmauer mit Stacheldraht hoch genug, um die Kaserne von der Welt abzuschirmen. Früher gab es mal einen Tag der offenen Tür. Aber das ist dieses Jahr auch nichts geplant, zumindest nicht in der Kaserne. Statt dessen Plakate überall in der Stadt, die für den Wehrdienst werben. Freiwillig, natürlich. Da will ich mal nachhören, was da so los ist und was die Freiwilligen erwartet. Es ist nicht gut, wenn Gesellschaft und Militär nichts voneinander wissen. Außerdem wird es nicht mehr lange so ruhig bleiben. Immerhin las ich in der Zeitung, dass in die Kaserne 190 Millionen Euro investiert werden sollen. So etwas geht an einem Stadtviertel nicht einfach so vorbei. Also frage ich mich mal durch, so als Feierabendjournalist. Ich lande bei einem Presseoffizier, einem mürrischen Oberstleutnant, der mir nach langem Warten schriftlich zur Antwort gibt, dass man „die Anfrage weder von den Kapazitäten noch inhaltlich sicher stellen“ könne. Und außerdem: Die Sicherheitslage. Na gut: Unser Kiez-Magazin ist nicht der Spiegel. Aber auch der machte sich neulich etwas befremdet lustig über das Fremdeln der Truppe mit der Öffentlichkeit. Ich bleibe hartnäckig und bekomme endlich den genervten Anruf, dass die eingereichten Fragen noch vor Ostern beantwortet würden. Ich bin gespannt. Aber jetzt brauche ich ja noch Fotos von der Liegenschaft. Meinen Oberstleutnant will ich nicht noch mal belästigen. Also mache ich einen Sonntagsnachmittagsausflug über die neu angelegte, mit grünen Streifen markierten Fahrradstraße entlang der Kasernenmauer.

Natürlich ist es heikel, in den heutigen Zeiten eine Militäranlage zu fotografieren. Aber nirgendwo sehe ich die im Osten so verbreiteten Schilder, die das Fotografieren verbieten. Sind ja auch eine Demokratie mit Pressefreiheit, schließlich. Dafür wird vor Schusswaffengebrauch gewarnt. Auch nicht gemütlich. Aber so weit kommt es nicht. Das Wachbatalion der Bundeswehr nähert sich leise in einem französischen Elektroauto des BW-Fuhrpark, schwarz mit Eisernem Kreuz. Ein ausgesprochen entspannter junger Soldat in Flecktarn-Uniform steigt auf der Beifahrerseite aus. Wir tauschen Höflichkeiten aus, die von gegenseitiger Wertschätzung, Interesse und dem deutlichen Fähigkeit zur Deeskalation geprägt sind, derweil der etwas derbere Fahrer bereit steht, wenn es nötig würde, unfreundlich zu werden. Gerne zeige ich meinen Ausweis und erzähle von meinem Kontakt mit dem Presseoffizier. Der Soldat wundert sich, als ich ihm von der mühseligen Informationsbeschaffung berichte. Eigentlich seien doch ständig Journalisten in der Kaserne und er sei gerne bereit mir Fragen zu beantworten. Ob es stimme, dass es einen Kindergarten auf dem Kasernengelände gebe, frage ich. „Ja, die Kita „Wilde Wiese“, bestätigt er. Und ob die Elektroleitungen wirklich noch aus der französischen Zeit stammten, wie sein General der Zeitung anvertraut habe? „Ja, die Wasserleitungen auch.“ Doch bald erlahmt seine Konversationsfreude und er fragt mich, was ich heute noch vor hätte. Mit der Kaserne sei ich fertig, ich wolle jetzt essen gehen. Das reicht ihm und er lässt mich ziehen. Ich bin froh, dass ich meine Kamera nicht herausgeben musste und das Elektroauto surrt weiter. Es stimmt nicht, dass die Bundeswehr den Herausforderungen der modernen Zeit nicht gewachsen ist.

Stairway to Heaven

Arztbesuche eröffnen manchmal ungewohnte Aussichten: Das ist die Dankeskirche auf dem Weddingplatz in Berlin. Auf dem Boden stehend eine ziemlich hässliche Betonkirche. Aus der Praxis meines neuen Arztes im 4. Stock hat man den Überblick, ist man dem Himmel näher und erkennt das Große und Ganze in seiner aufstrebenden Schönheit. Und es keimt Hoffnung in mir auf, dass es doch noch was werden könnte mit dem Seelenfrieden. Was ich denn tun müsse, frage ich den Doktor, um trotz meiner müden Knochen irgendwann doch noch auf den Pilgerweg in Spanien gehen zu können? Sport soll ich machen, sagt der Doktor, Muskelaufbau. Ich? Sport? Soll ich im Alter anfangen, Dummheiten zu machen, die ich mein ganzes Leben vermieden habe? Oh Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen…