Vor dem Sturm II

Am Tag der Einheit herrscht Ruhe in meinem Kietz. Auch ich hab ich nicht viel getan. Aber für eine Runde um den Block hat’s gereicht. Diesmal habe ich die schöne Seite meines Viertels gewählt – die zum Park hin. Goldenes Herbstlicht, milde Luft, wenig Leute- so ist es sogar in Berlin Wedding schön, wenn man’s mag.

Sommermärchen

Erleuchtung

Als wir mit unseren Booten kurz vor Sonnenuntergang durch den Schilfgürtel stießen, müssen wir die Grenze zu Mittelerde überquert haben. Auf dem sanften Hügel vor uns schmiegen sich Hobbit-Hütten, klein und geduckt mit filzigem, rundem Dach in die sandige Wiese. Entfernt rauscht ein Bach. Sonst ist nichts zu hören als eine Haubentaucherin, die mit ihren Jungen eins ums andere im See verschwindet und wieder herausploppt. Am Ufer erwartet uns ein entspannt lächelnder Hüne, der seinen langen, weißen Bart durch eine Holzperle gebunden hat. Er hilft uns, unsere Boote ans Land zu bringen. Wir Gefährten haben unser Ziel erreicht. Weiter von der Wirklichkeit kann man nicht entfernt sein als an diesem Flecken im Sumpfgebiet zwischen Brandenburg und Mecklenburg.

„Kommt ins Gasthaus“, raunt uns der Riese zu, „ihr seid gerade noch rechtzeitig.“ Ich folge ihm arglos, doch meine Begleiter wissen, von welcher Macht der Alte geleitet wird und wohin er uns locken soll. Sie haben mich verraten. Ich suchte ehrlich der Welt zu entfliehen. Sie aber haben die ganze Zeit Signale empfangen, die auch jetzt ihre Gesichter blau aufeuchten lassen. „Zweite Halbzeit fängt gleich an. Die Schweden führen Null zu eins,“ murmeln sie hinter mir. In den Zeiten Mordors brauchte es einen Ring, um alle zu binden. Heute sind es flache, schiefergraue Scheiben und ein Ball. Hatte ich wirklich geglaubt, ich könne „Schland“ entkommen? An diesem Tag? Die Tür zum Gasthaus öffnet sich.
Es ist ein schrecklicher Anblick, der sich uns bietet. Ein Haus voller Besessener mit glasigen, verzweifelten Blicken. Alle Waldbewohner und die Gäste aus den Hobbit-Hütten haben sich um eine bunte, lärmende Röhre versammelt. Schon haben wir ein Bier in der Hand und stieren wie die anderen auf das flimmernde Bild mit weißen und gelben Männchen. Und der Zauber, der über allem liegt, erfasst auch mich. Als ein blonder Mann mit streng gescheiteltem Haar den Ball in der letzten Minute in einem eleganten Bogen ins Tor schießt, liege ich mir mit einem wildfremdem Mann aus Sachsen in den Armen, Freudentränen in den Augen. Das öffentlich-rechtliche Extacy macht uns zu einem einig Volk von Brüdern.

Schnitt

Eine Woche später, Berlin Wedding – jenseits von Mittelerde.
Ich mäander mit meinen Zwillingen am Samstagmittag durch den Kietz. Bei Edeka waren wir schon, in der Stadtbücherei auch und auch im Bio-Laden, weil wir den Salat vergessen hatten und einer mal pullern musste.

Von den Männern in Weiß und Schwarz spricht niemand mehr. Und wenn, dann mit verkatertem Hohn über die Dummheit, mit der man sich habe hinters Licht führen lassen, als säße man in der Matrix. Aber Fußball gibt’s immer noch.

Vom Sportplatz, auf dem jede Nacht unter Flutlicht  bis um kurz vor Mitternacht gebolzt werden darf, klingt Männer-Geschrei. Afrikanische Beats liegen in der Luft . Vorsichtig tasten wir uns heran. Das Tor des Fußballplatzes steht weit offen, aber wir trauen uns nicht so richtig rein. Was ist das hier? Die Spielfelder sind voll von schwarzen jungen Männern in bunten, improvisierten Trikots. Aus den Laustprechern krächtst die Stimme eines völlig überforderten Organisators mit einem sehr anstrengenden Akzent „Also die Berliner Jungs spielen jetzt auf Feld B gegen Carl Zeiss Erfurt… nein, Moment  (das Micro wird knackend weggelegt)  es ist Feld C und bitte die „Jeunesse Berlin“ auf Feld C, nein B… ist jemand von der Jeunesse da? Nein.,.. und da ihr geht jetzt mal hier weg, den Platz brauchen wir für die Siegerehrung….“ Es gibt keine erkennbare Ordung, aber viele lachende und entspannte Gesichter. Meine Jungs kennen die Anlage noch aus der Zeit, als sie hier noch mit der Kita turnen gingen, als es noch Personal dafür gab, aber sie trauen sich nicht rein. „Dürfen wir?, fragen sie. Erst als sie „Schulle“ sehen, unsere kräftige, bis an die Ohren tätowierte und gepiercte Nachbarin mit dem Kurzhaarschnitt, die im Turnverein die Jugend trainiert, wagen wir uns weiter.
Wir landen zwischen zwei Teams, den Roten und den Gelben, die ihrem Spiel entgegenfiebern. Meine Jungs sind wie elektrisiert, echte Fußballer! Alle so 18, 19, nervös, der eigenen Kräfte nicht ganz sicher, aber mit gespielter Coolness sich selbst vergewissernd. Anerkennende Blicke gehen auf das Spielfeld wo anscheinend der Gruppengegner gerade die gegnerische Manschaft austrickst. Eine halbe Stunde und zwei Spiele später sitzen die Roten wieder da. Sie haben ein Spiel gewonnen, sind Gruppensieger geworden. Und im nächsten Spiel verloren. Zwei von ihnen haben Verbände am Kopf, weil sie in der Luft zusammen gestoßen sind. Ihr Torwart hat ziemlich oft daneben gegriffen. Um sich zu entspannen übt er in einer leeren Ecke  mit (s)einem kleinen Jungen. Der Kleine ist stolz, weil er auch die großen Torwarthandschuhe haben darf.
Die roten  Jungs rechnen. Es reicht für den vierten Platz, sie sind zufrieden mit sich. Sie wissen, das sie nicht die Größten sind und viel daneben gegangen ist, aber das ist egal. Es gibt einen Pokal für sie, und das freut sie. Den Fairnesspreis. Er wird von einer Integrationspolitikerin verliehen, die ihr schönstes Kleid angezogen hat. Neben ihr stehten noch vier andere Frauen: SPD, Linke, Grüne und eine vom Bezirk. Alle finden wichtige Worte und die Jungs sind schwer beeindruckt. Dann werden Faxen mit dem Handy gemacht und stolz vor dem Pressefotografen posiert. 11 Freunde sollt ihr sein – das gibt es also wirklich noch, Fußball mit menschlichem Anlitz. Ich könnte echt ein Fan werden.

Meine Jungs spielen an diesem Abend zum ersten Mal alleine, ohne dass ich mit muss, im Hinterhof Fußball. Den Kickern im Kindergarten, denen wollen sie es Montag mal richtig zeigen.

 

 

Serendipity

Schiller

Ja, es ist eine Gabe, zufällig glückliche und überraschende Entdeckungen zu machen. Schiller braucht dafür einen ganzen Satz, die Engländer, die ja viele glückliche  Entdeckungen gemacht haben, während sie in der Welt umhersegelten haben dafür praktischer Weise ein eigenes Wort: Serendipity.

Doch brauche ich die große, weite Welt, um das Glück zu finden? Nein, bei mir ist die Welt zuhause. Und zwischen Syrischer- und Armenischer Straße hat die GESOBAU den Mut, das Dichterwort aus dem Don Calros an die frisch renovierte Fassade zu malen, groß und bunt und zu einer Zeit, wo andernorts Gedichte auf  Häuserwänden angeblich der Renovierung zum Opfer fallen. Doch nicht nur Mut und wohlgesetzte Worte machen mich glücklich, sondern auch meine Fähigkeit, das Gekrakel am Ende als die Unterschrift Schillerns entziffern zu können. In meiner Grundschulzeit erlernte ich neben der lateinischen auch noch die „Deutsche Schrift“, die mir später  noch als Geheimschrift diente, wenn ich gedankeverloren abfällige Bemerkungen über anmaßende Seminarteilnehmer auf meinen Notzizblock kritzelte. Ja, ja, nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.

Und nur eine Häuserzeile weiter hilft mir dieses Wissen, wieder etwas Neues zu entdecken – und wieder etwas Neues zu lernen:

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Neuer Spruch, gleiche Unterschrift. Hat Schiller, der alte Schotte, also auch noch den Macbeth geschrieben? Und das auch noch hundert Jahre vor seiner Geburt? Ich erzittere vor dem Genie unseres Dichterfürsten und dem radikalen Beitrag der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft zur kritischen Shakespeare-Forschung. Ich bin verwirrt.

Aber nicht aus meinem Kopf, sondern einen halben Meter dahinter kommen die Worte „Ich kenne noch einen Carlos, nicht den Don Carlos, aber Carlos Castaneda!“ Ich drehe mich um und sehe einen kleinen, stämmigen Mann mit Strickmütze und Felljacke. Er lehnt über dem Lenker seines Fahrrades und lächelt mir wissend zu. Er spricht mit osteuropäischem Akzent, lächelt immerfort und lässt mich wissen, dass viele Pilze die Menschen glücklich machen können, wenn sie nicht so verteufelt würden. Ich erfahre von den Ritualen mit dem Fliegenpilz, der die Hexen habe fliegen lassen und den schamanischen Pilz-Praktiken sibirischer Heiler. Am Ende seines Monologs zwinkert er mir zu: „Ich weiß, dass du ein Symbol des Teufels bei dir trägst. Wirf es fort.“

Nun weiß ich seit meiner Grundschulzeit, dass die Hölle im Keller unserer Schule liegt, dort wo der Turnraum war und ich unsägliche Qualen erleiden musste. Aber dass vom Teufel etwas in meiner Jacke hängen geblieben sein soll, erscheint mir doch befremdlich. „Es ist dein Personalausweis, kärt er mich, sichtlich stolz über sein Geheimwissen, auf. „Halt ihn gegen das Licht, und du wirst das Zeichen des Teufels sehen.“ Und noch bevor ich etwas entgegenen kann, ist er weg. Zufälliges Glück und ewige Verdammnis- so eng liegt das also zusammen. Nachdenklich ziehe ich weiter und komme an meiner alten Videothek in der Müllerstraße vorbei. Glückliche Stunden hat sie mir geschenkt, als ich mir dort Filme mit der schönen Monica Bellucci ausgeliehen habe. Doch auch hier scheint der Teufel sein Unwesen getrieben zu haben. Denn sie sieht jetzt so aus:

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Zuerst denke ich, dass der Anwalt aus dem ersten Stock sich ein cooleres Image für die immer stärker werdende englischsprachige Hipster-Community geben möchte. Aber dann lese ich „artspace“ und muss da auf Teufel komm raus rein. Das Glück ist mit den Tapferen sage ich mir und drücke die Klinke.

Es empfängt mich ein Geruch, den ich aus WG-Zeiten kenne. Der Muff von Sperrmüll-Sofas und der käsige Mief von alten Socken, die Mama nicht mehr waschen wollte. Und wie durch einen Zauber scheine ich unsichtbar geworden zu sein. Keiner der handvoll junger Männer, die unkoordiniert im Raum herumlaufen, scheint mich zu sehen. Neben der Eingangstür steht ein karibischer Voodoaltar und in dem vor Blicken geschützen Winkel, in dem früher die Erotik-Abteilung war, ist jetzt die „Voodo-Bar“ eingerichtet. Die Altersbeschränkung scheint aufgehoben.

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Ich weiß nicht so recht, was hier passiert und frage ein Mädchen, das aus der Ecke herein gehuscht kommt, ob ich fotografieren darf. „Du, ich weiß nicht,“ sagt sie schüchtern, „ich bin heute den ersten Tag hier.“ Die anderen Typen zu fragen, die mittlerweile auf der ausrangierten Wohnlandschaft flätzen, habe ich auch keine Lust. Ich glaube, denen ist Vieles egal. Mit Kunst hat das hier wenig zu tun, eher mit der Freiheit, alles mal auszuprobieren. Aber dann finde ich doch noch etwas, was mir gefällt. DSCF1171

Ein Experiment mit Noppenfolie. Die unbekümmerte Farbspielerei in der jede Blase einzeln mit Wasserfarbe gefüllt wurde, hat sicher eine Menge Arbeit gemacht.  Mich macht sie fröhlich. Schönen Dank.

Für heute hab‘ ich genug Glück beim Finden gehabt. Ich fahr nachhause und hoffe, dass mich da keine Überraschungen erwarten.

 

 

 

Vor dem Sturm

Am letzten Tag des Jahres bin ich mit der Kamera noch mal bei mir „ums Carre“ gegangen, solange es noch ruhig und verschlafen ist. In zwei Stunden ist hier Böllerkrieg. Ich wünsche euch trotzdem ein friedliches neues Jahr.

 

Sack Reis

Acht Grad Plus und Wolken können mir die Laune ja nicht verderben. Sitze vor meinem selbstverwalteten Bio-Laden mit einem Kaffee, der hier ausdrücklich Espresso mit Milch heißt und nicht Latte Macchiato, weil man ja der Gentrifizierung keinen Vorschub leisten will, lese die  taz und versinke in Nostalgie: 30 Jahre Mai-Krawalle in Kreuzberg. Schaue mir träge die Demo-Routen fürs Wochenende an und entscheide mich für die Fahrrad-Demo des DGB, weil ich da mit meinem Liegerad wieder viele freundliche Blicke ernten werde. Und wenn ich will, kann ich auch noch  am Samstag zu „Organize- Selbstorganisiert gegen Rassismus und Ausbeutung“ im Wedding gehen. Wie schön, wenn sich der Kampf gegen die Langeweile und der Kampf für das Gute in der Welt so wunderbar verbinden lassen. Meine Fahrradtasche ist vollgestopft mit besten Bio-Sachen. Weiter zu Türken-Markt schaffe ich es heute nicht mehr. Genug Frischluft, zurück nach Hause. In routinierter Virtuosität balanciere ich mein Fahrrad mit der seitenlastigen Tasche durch die schwere Gründerzeit-Holztür und bleibe stehn: Quer vor mir steht ein leerer Supermarkt- Einkaufswagen von EDEKA Fromm. Normalerweise stehen die immer draußen auf dem Gehweg, gefüllt mit irgenwelchem Unsäglichen gammeln sie dann ein paar Wochen vor sich hin, bevor sie dann so plötzlich verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Ich weiß nicht wer sie herschiebt, ich weiß nicht wer sie abholt. Ich hab wechselweise die Alkis von der Trinker-Bude, die Türken-Kids aus der Schischa-Bar oder die Kiffer vom Kinderspielplatz im Verdacht -ist mir aber eigentlich auch immer egal gewesen. Aber jetzt fühle ich, dass es Zeit ist, die Sache in die Hand zu nehmen. Bürgersinn regt sich in mir. Das Ding muss raus, bevor die halbe Hausgemeinschaft ihren Sperrmüll da rein wirft. Draußen auf der Straße ist das mit dem Müll  ja ok, das schreckt die Schnösel ab, die die Mieten hier hochtreiben wollen. Aber hier, in meinem Hausflur – da ist die Grenze klar überschritten.

Ich wuchte mein Rad auf den wackligen Ständer, schnappe mir das Elendsgestell, und stehe schon halb damit in der Tür, als zwei erschreckte junge Frauen, na eher noch Mädchen, die Treppe runter kommen. Entschuldigung, Entschuldigung, wir hatten den Wagen nur mitgenommen, weil es uns zu schwer war, die Sachen vom Supermarkt heim zu tragen, jammern sie. Und ich weiß nicht, was mich mehr ärgert: Dass ich jetzt als Blockwart die Erstsemester-Mädchen zurecht weise, die, gerade dem behüteten Elternhaus entflohen, gleich beim ersten Mal erwischt werden, an dem sie versuchten ein bischen den Berliner Lebensstil anzunehmen. Oder ärgere ich mich , dass meine Feindbilder durcheinander geraten. Bevor ich mir klar werden kann, gibt’s ein dumpfes, klirrendes Geräusch und mein Fahrrad liegt auf der Seite wie ein sterbendes Pferd. Der Apfelsaft, denke ich, der ökologisch korrekt in einer Pfandflasche gekaufte Apfelsaft – und vielleicht auch noch die Eier. An die Tomaten will ich gar nicht erst denken. Ich stelle mir die Matsche vor, die sich jetzt in meiner Tasche breit macht. „Große Leiden machen alle kleineren gänzlich unfühlbar… und umgekehrt, bei Abwesenheit großer Leiden verstimmen uns selbst die kleinsten Unannehmlichkeiten.“ Das ist aus dem Buch „Die Schopenhauer-Kur“ von Irvin Yalom, das ich gerade lese. Ein Trost in allen Lebenslagen.

Oben angekommen schütte ich meine Einkäufe in die Dusche, rette was zu retten ist und ändere meine Pläne für’s Abendessen: Es gibt Rührei.

Kafka in the air

Ach, was für ein herrlicher Tag! Ein Sammstagmorgen im 2.Stock 2.Hinterhof (neben mir wohnt ein Philosoph, würde Inga Humpe jetzt ergänzen). Ich hab so viel vor heute, will den Tag nutzen. Die To-Do-Liste ist geschrieben. Fenster auf, frische Luft rein! Blauer Himmel -wunderbar! Ran an den Sonnengruß (drei Runden Sonnengruß am Tag werden den Leben verändern, verspricht mein Yoga-Guru). Als ich bäuchlings auf meiner Matte liege und mich in die Cobra stemme, sehe ich die Staubflusen. Ach ja: Putzen steht noch nicht auf der Liste. Ist schon spät, so um 10, als ich in die Küche komme. Heute brunche ich mit mir. Zwei Spiegeleier, brauche ja Kraft für den Tag. Ich schaffe es, bis zum letzten Bissen mein Telefon zu ignorieren, schaue dann aber doch rein und die Mails mit den Wohnungsangeboten klingeln. Alles zu weit, zu teuer -ach überhaupt. Lasst mich in Ruhe! Ich lebe doch ganz gut hier. Wenn da nicht die kleinen Jungs wären, die ab und zu mal bei mir übernachten. Die kein eigenes Bett haben und deren Eisenbahn ich jedes Mal wieder abbauen muss. Ah!, da gibt es etwas Schönes, frisch saniert, groß hell, nur 10 Minuten entfernt, teuer, natürlich. Und natürlich kommt wieder das Gefühl, es unbedingt noch mal zu versuchen. Also Rechner an, auf die Anzeige geantwortet. Wird doch wieder nix.

Raus jetzt, auf die Straße. Der leere Bierkasten kommt mit und eine ungefähre Idee, von dem was ich mit dem Tag anfangen werde. Im Bio-Laden ein kleiner Schwatz mit der Besitzerin. Ach, umgezogen? Ja, 1200 Euro warm, ja, ja, nicht leicht heute, aber ich gönn mir das, strahlt sie. Vielleicht sollte ich mir das auch mal sagen. Weiter zum Türken-Markt, die große Tasche dabei. Hier stimmt die Welt wieder für mich. Für ein bisschenn Kleines kriege ich mehr als ich tragen kann und was nettes Süßes noch dazu. Es sind nicht alle Menschen schlecht zu mir.

Auf dem Leopoldplatz ist Flohmarkt. Steht nicht auf meinem Zettel. Geh nicht hin, sag ich mir. Du hast genug eigenes Gerümpel und keinen Platz sowieso. Und schon stehe ich mitten drin. Zwischen den Resten verganger Existenzen. Früher wollte ich davon immer etwas retten, etwas bei mir weiter leben lassen. Jetzt schaue ich nur interessiert. Bilderrahmen mit einem fröhlichen Mädchen in verschieden Altersstufen. Ein FDJ-Ausweis dazu, ausgestellt 1976, letzte 30 Pfennig-Marke eingeklebt Dezember 1989. Erinnerungen einer toten Mutter, deren Tochter jetzt Mitte 40 ist und sich nicht mehr für ihre Vergangenheit interessiert. Schnell weg hier, sonst denke ich noch daran, was meine Tochter mit dem Bild von ihr machen wird, das bei mir an der Kühlschranktür klebt und sie stolz beim Abitur zeigt….

Als ich zu meinem Fahrrad zurück komme, hat jemand die Spitze des türkischen Baguettes abgebissen, das ich auf dem Gepäckträger gelassen hatte. Es Zeit für den ersten Kaffee. Das Café Leo ist ein gefördertes Multi-Kulti-Anti-Drogen-Projekt. Ich muss mir das in Erinnerung rufen, sonst würde ich sagen, es ist eine enge Döner-Bude mit einem großen Zelt hinten dran, damit die Alkis auf dem großen Platz ein Plätzchen im Trockenen haben. Draußen kreischt eine Frau in orthopädischen Schuhen, weil der nicht ganz so helle Café-Gehilfe ihren halb abgebissenen Burger abgeräumt hat, während sie sich von einem abgerissenen Typen die Funktion eines Haschisch-Inhalators hat erklären lassen.

Mein Kaffee wirkt, die Sonne wärmt mir die Stirn. Es wird Zeit sich zu konzentrieren. Bücher, denke ich, du wolltest dir noch Bücher empfehlen lassen für den langen Flug nach China, der mir bevorsteht. Es gibt tatsächlich eine Buchhandlung bei uns, versteckt in einer Seitenstraße zwischen Rossmann und Asia-Imbiss. „Belle et Triste“ heißt sie, aber hat nix Schönes – außer den Büchern und der gold lächelnden Händlerin, die irgendwo aus Dahlem eingeflogen sein muss. Sie empfiehlt mir die „Schopenhauer-Kur“ und „Der Distelfink“ von Donna Tartt. Ein Buch übers Älter werden – ein Buch über einen Jungen, der ins Leben startet. Genau dazwischen hänge ich ja, als alter Vater mit drei kleinen Jungs. Ich nehme sie beide. „Eins für den Hinflug und eins für den Rückflug“, sagt sie unerwartet kess. Ich fühle mich gut beraten.

Im Treppenhaus treffe ich die Nachbarin, die schon 20 Jahre hier wohnt. Sie macht irgendwas mit Kunst. Sie ist die einzige im Haus, mit der ich Kontakt habe. Sonst alles junges Volk und Menschen, die fremde Sprachen sprechen. Sie singt im Chor und das will ich auch mal wieder. Ein kleiner Schwatz, eine Adresse, bei der ich mal vorsprechen kann – wunderbar!

Zu Hause packe ich meine Schätze aus. Aus den frischen Sachen vom Markt wird ein schnelles Steh-Buffet und mir fällt ein, das ich nicht mehr auf meinen Zettel geguckt hab. Egal, ich leg mich erst mal hin. Als ich aufwache, denke ich an den Fotoapparat, den ich mir noch für den Urlaub leisten wollte. Ja, jetzt, gegen alle Vernunft. Aber vorher will ich noch mal auf mein Konto schauen.  Und schon sitze ich wieder vor dem Rechner. Draußen wirds dämmrig. Es gibt noch so viel zu tun. Da lande ich auf der Seite der Wolkenbeobacherin und muss laut lachen über das Video, das sie eingestellt hat. Der Abend ist gerettet.

Mogen gehe ich ein Doppelstockbett für meine Jungs abholen. Ein Freund hilft mir beim Aufbauen.

Beim ersten Mal tut es noch weh

Also die 850 Euro, die sind dann warm?, frage ich. Ach, ja ja, das haben wir geschrieben, sagt der Wohnungsfuzzi, aber da kommen dann noch mal 70 Euro Nebenkosten dazu. Also 920?, frage ich ungläubig. Ja, ja genau: 920.  Da bin raus, sage ich matt, wie ein Skatspieler, der weiß, dass er nicht genug Trümpfe auf der Hand hat, um zu gewinnen. Ich bin wütend, rase das dunkle Treppenhaus runter, raus auf die ruhige Straße, atme die kalte Januarluft ein, schnappe mir mein Fahrrad und bin weg. Ich kann nichts machen, ich bin in meinem Stolz gekränkt, fühle mich verrarscht. 10 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter für eine lieblos sanierte 2-Zimmer-Wohnung in einem 30er-Jahre Bau in der Einflugschneise des Tegler Flughafens – die spinnen doch! Ein paar Querstraßen weiter komme ich zur Ruhe, halte an, wäge ab. Natürlich will ich die Wohnung. Sie liegt nur ein paar Straßen von dem Haus, in der meine Jungs wohnen. Sie ist groß genug, dass sie auch mal ein paar Tage bei mir sein können. Sie ist gut geschnitten und hat einen großen Hof mit Sandkasten – und ich habe das Geld. Ich will es nur nicht diesen Idioten in den Rachen schmeißen, jeden Monat. Langsam wird mir klar: Ich habe mich verzockt. Ich habe einfach darauf vertraut, dass es für mich in Berlin immer eine billige, große Wohnung geben wird.  Eigentlich war das der Grund hier her zu kommen. Hat die letzten 20 Jahre auch geklappt. Aber jetzt ist Schluss. Jetzt können die ruhig schlafen, die sich ein Häuschen hingestellt oder eine Wohnung gekauft haben. Und ich bin wieder da, wo ich nie wieder hin wollte: Auf dem Mieterstrich. Es war meine erste Wohnungsbesichtigung. Ich mus mich an die Preise gewöhnen, muss mich anbiedern, freundlich sein, mich von der Sympathie anderer abhängig machen… Ich hasse es, schlucke meinen Stolz runter, fahre zurück, warte bis einer der gegelten Hippster, der mit mir auf Besichtigung war, aus der Tür kommt und gehe wieder rein. Ich will die Wohnung, sage ich dem dicken Verkäufer. Er grinst, ermutigt mich und wartet geduldig, bis ich den Bewerberbogen ausgefüllt habe. Ich hoffe inbrünstig, dass es bei diesem Preis nicht viele geben wird, die bei der Stange bleiben. Das nennt man wohl Dialektik. Zur Sicherheit habe ich auch die geforderten Unterlagen dabei: blütenreine Schufa-Auskunft, Mietschuldenfreiheitsbescheinigung, Gehaltszettel- der ganze finanzielle Striptease. Was machen eingentlich die, die mal daneben getreten haben, die sich was getraut haben, und jetzt eben kein regelmäßiges Gehalt haben? Wie kriegen die eine Wohnung?, frage ich mich kurz. Doch der Gedanke ist sofort wieder weggewischt, denn dort wo ich die Mappe mit den Referenzen einer soliden bürgerlichen Existenz rausholen will, greife ich nur einen Aktendeckel mit Unterlagen, mit denen ich mich am Abend noch hinsetzen wollte. Bewerbungsunterlagen? Weg, nischt, nada! Und ich merke, wie sich in mir Leere ausbreitet. Nicht nur , weil ich die Wohnung jetzt vergessen kann, sondern weil es einen blinden Fleck in meinem Leben gibt, den ich mir nicht erklären kann. Weil ich die Kontrolle verliere. Ich bin kein besonders ordentlicher Mensch, aber bei wichtigen Sachen weiß ich immer die ein, zwei Orte, wo sie sein könnten. Wenn sie da nicht sind, habe ich das Gefühl wie bei einem Flimriss, das Gefühl, dass es einen Zeitraum in meinem Leben gegeben hat, an den ich mich nicht mehr erinnere. Und das nimmt mir das Gefühl, dass ich mein Leben im Griff habe. Das ist das Schlimmste.

Macht nix, kumpelt mich der Wohnungsmakler an,  dann schicken sie mir die Sachen morgen per Mail. Ich torkle aus dem Haus und rette mich in mein Stammcafe. Und als die Chefin mich auffordert Platz zu nehmen, sage ich, dass ich erst mal stehen bleiben will. Sie ist freundlich, versucht mich aufzuheitern, schenkt mir ein Stück belgische Schokolade, aber ich bin woanders, versuche mich zu erinnern, wo ich diese Mappe zuletzt in den Händen hatte. Auf dem Kopierer, auf dem Schreibtisch?  Ich rufe im Büro an, meine Kollegin sucht, aber findet nichts. Ich entschuldige mich für die Mühe, und überlege, woher ich jetzt noch eine Schufa-Auskunft bekomme, woher noch eine Gehaltsbescheinigung? Es hilft alles nichts. Ich muss los, zum Kindergarten, meinen Kleinsten abholen. Der lacht. Im Umkleideraum tauschen wir die Mützen und lachen noch mehr. Zu Hause warten wir auf die anderen. Machen Abendbot. Wurst mit Pistazien. Pistazienwurst. Pi, Pi, Pi, Pistazien machen wir. Und dann sag ich P-Ordner. PPP-Ordner. Natürlich P-Ordner! Das ganze Bewerbungszeug ist im Büro in meinem Persönlichen Ordner abgespeichert. Das kann ich morgen als Mail rausschicken. Vielleicht hilfts noch. Ich lache und pruste: Papa hat einen P-Ordner. Und der Kleine sagt: Nochmal! Und ich sage Papa hat einen P-Ordner. Und er lacht und sagt: Nochmal!  Und ich sage Papa hat…….

Am nächsten Tag finde ich meine Unterlagen in der Tasche, die ich bei der Wohnungsbesichtigung dabei hatte. Sie hatten sich in den Aktendeckel geschoben.