Ils sont fous, ces …

Haun_Susanne_02© Susanne Haun.com

Ja, wir spinnen, das ist klar. Schon vor wenigen Monaten, als wir ankündigten, in Berlin Wedding, mitten in Coronazeiten einen Kunstwettbewerb für eine Open air-Galerie zu starten, fragte ein Kommentator auf diesem Blog, ob wir noch in der gleichen Welt leben würden? Ob wir glauben würden, dass wirklich im August auf der vierspurigen Müllerstraße Plakate mit Kunstwerken zu sehen sein würden? Das war die Zeit der Kontaktsperre, wenn sich jemand erinnert und es war sehr, sehr leer auf den Straßen.

Und um ehrlich zu sein: Nein, manchmal haben wir daran nicht mehr geglaubt. Denn neben Corona gab es ja noch den ganz normalen Berliner Wahnsinn. Wenn zum Beispiel für den Standort eines Plakates zwei verschiedene Bezirksämter inklusive einer landeseigenen Immobilienverwaltung zuständig sein könnten, aber keiner eine Entscheidung trifft und das ganze dann scheitert, dass auch in der Raucherecke des JobCenters ausreichende Abstände zur Belüftung und Beleuchtung eingehalten werden müssen, dann wird es manchmal etwas viel.
Wir haben trotzdem weiter gemacht. Weiter gemacht, als plötzlich 2000 Flyer wertlos wurden, weil alle Kneipen und Cafés geschlossen hatten, in denen wir sie verteilen wollten. Als der Bescheid des Bezirksamtes für die „Ausnahmegenehmigung gem. § 46 StVO“ vom Fachbereich Straßen- und Grünflächenverwaltung auch nach monatelanger Wartezeit und hundert Nachfragen immer noch nicht kommen wollte. Und weiter gemacht, als das Postfach für die Einsendungen in den ersten Monaten, bis auf ein paar Fotos von vollgestopften Mülleimern und weggeworfenen Fernsehern, leer blieb.

Und jetze? Allet jut. Jetzte is allet durch. 🙂
Die Genehmigungen sind da, das Centre Francais de Berlin ist als Träger mit eingesprungen, das Postfach ist kurz vor Einsendeschluss übergelaufen und die Jury hatte plötzlich mehr als 180 tolle, farbenfrohe, melancholische, coole, kreative, unmögliche, dunkle, strahlende, bescheuerte, liebevolle, trashige, brave, schwarz-weiße, persönliche, abstrakte oder einfach großartige  Collagen, Fotos, Ölbilder, Grafiken, Tuschezeichnungen, Webteppiche!, Kinderzeichnungen, Aquarelle – und wat sonst noch allet – dazuliegen und musste daraus die zwölf besten aussuchen.
Und dit in zwee Stunden uffn Nachmittach.

Deshalb dürfen wir euch jetzt einladen zur Ausstellungseröffnung

Samstag, den 15. August 2020, 11 Uhr
im interkulturellen Garten „Rote Beete“
neben dem Centre Francais de Berlin,
Müllerstraße 75,
13349 Berlin

Der Bürgermeister von Mitte kommt auch und die ganzen Künstlerinnen und Künstler. So zum Angucken und Anstoßen. Wird bestimmt nett. Ick freue mir so.

Ach ja: Diesen Sommer keinen Blogbeitrag ohne Blumengruß aus dem Hinterhof.

DSCF4090

 

Urban Jungle

Eigentlich wollte ich in meinem Leben einmal den Dschungel sehen, richtigen Regenwald mit riesigen Bäumen, Pflanzen mit fetten Blättern und üppigen exotischen Blüten. So wie im Dschungelbuch, so stelle ich mir das vor. Costa Rica wurde mir von Freunden als Land genannt, wo es das alles zu sehen gibt – und noch ein paar Vulkane dazu. Jetzt sieht es so aus, als würde es ein Wettrennen gegen die Zeit geben, denn der Regenwald verschwindet so schnell, dass es vielleicht keinen mehr gibt, bevor wieder Flugzeuge oder Schiffe in das Land meiner Sehnsucht fahren.
Es bleibt mir also nur, das Fernrohr umzudrehen und ganz nah ranzugehen an das, was ich hier jeden Tag sehen kann. Dann zeigt sich, dass auch unser Hinterhof Blüten und Farben in in Hülle und Fülle zu bieten hat. Fehlen nur noch die Affen.

Unser Dorf soll schöner werden

Mein Wedding(c) Michael Fanke

Berlin Wedding ist grau und trist? Keineswegs! Der Mittelstreifen der Müllerstraße im  Wedding wird sich vom 15. August bis zum 4. Oktober 2020 durch 12 Kunstwerke wieder in eine Freiluftgalerie verwandeln. Das war schon in den vergangenen sechs Jahren so, aber dann fand sich keiner mehr, dies oder ders machen wollte. Also hat Susanne Haun, die Bloggerin und Künstlerin aus dem Wedding ein paar Mitstreiter um sich geschart – und schon kommt im Sommer wieder Farbe auf den „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“.

Das Schöne ist: Alle können etwas dazu beitragen, denn die Grundlage der Ausstellung ist ein Kunstwettbewerb. Künstlerinnen, Künstler, Kitas, Schulen oder interessierte Freizeitmalerinnen und -maler sowie Fotografinnen und Fotografen aus Berlin rufen wir auf, Kunstwerke zu gestalten, die sich mit dem Stadtteil Wedding auseinandersetzen und Typisches aus dem Wedding aufgreifen. Die besten 12 Beiträge werden von einer Jury für die Ausstellung ausgewählt. Für die ersten drei Plätze gibt es ein Preisgeld.

Preisgeld
1. Platz 200 Euro und als Standort vor der Bibliothek
2. Platz 100 Euro und als Standort vor dem Rathaus
3. Platz 50 Euro und als Standort vor dem Alhambra

Wer mitmachen will, der schaue sich die Website des Wettbewerbs an.

https://meinwedding2020.home.blog

Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere von euch mal vorbeikommt, sich den Wedding anschaut und (sich) davon ein Bild macht.

Hier ein paar Beispiele prämierter Beiträge aus den letzten Jahren.

Dicke Hintern

Der Fotograf schaut mich von unten mit seinen braunen Hundeaugen an, als ich mich im grellen Neonlicht Schicht für Schicht vor ihm entblättere. Er ist nicht wirklich interessiert und kümmert sich lieber um die Kleine mit dem dunklen Bob, die aufgeregt vor einem Bildschirm steht. Sie scheint nicht zufrieden zu sein mit dem Shooting, das er mit ihr gemacht hat. Flott sieht sie aus, hat Fön und Schere in den Händen, mit denen sie wie mit Pistolen in die Luft zielt. Das ganze „Foto Image“-Studio ist voll von solchen kreativen Bildideen des Künstlers. Eine schwarze Schwangere mit einem Sprühsahneherz auf dem prallen Bauch, eine Frau im weißen Hochzeitskleid, die sich pathetisch über eine Parkbank wirft, während sie die Hand ihres erstarrten Bräutigams hält. Solche Bilder. Sie füllen den Raum und laufen in Dauerschleife auf dem Bildschirm. Der Fotograf redet mit seiner Kundin was auf Türkisch, dann fallen sie ins Deutsche. Erst als ich Schal, dann Helm, dann Mütze ausgezogen habe, bemerkt er mich und grunzt ein Geräusch des Wiedererkennens. Es ist sein Recht, sich gleich wieder schlecht gelaunt hinter seinem Monitor zu vergraben, denn keiner erkennt seien wahre Meisterschaft und ich will auch nur Passfotos.
„Wird das ein Prospekt für Ihren Friseursalon?“, frage ich die Frau neben mir, um ein bisschen Konversation zu machen, bis der Meister geruht, nach meinen Wünschen zu fragen. „Nein, sagt sie, ich bin mobile Hundefriseurin. Aber ich habe auch ein Zimmer bei einem Tierarzt. Und da soll jetzt das Foto hin…“ „Damit ihre Kunden sehen, dass sie nicht beißen“, ergänze ich, verwundert über meinen Sprachwitz kurz nach Feierabend. „Ist das hier im Wedding?“ „Nee, im Wedding gibt’s ja nicht mehr so viele Deutsche. Und Türken haben kaum Hunde.“ Bevor ich richtig anfangen kann, Smal Talk zu machen, kommt der Fotograf wie eine schlecht gelaunte Kröte hinter seinem Tresen hervor. Es ist klar, dass er jetzt bald den Laden zumachen will. „Zufrieden?“, macht er eine Kopfbewegung  zu der Frau hin. Sie nickt. „Du hast wenigstens meinen Leberfleck im Gesicht gelassen. Ich war bei einem anderen, der hat auf dem Foto alles weggemacht. Als ob das was Schlechtes wär. Das gehört doch auch zu mir.“ „Da warst du bei einem Türken“, erhebt der Meister belehrend seine Stimme. „Die machen alles mit einem Klick weg, das ist ein Programm, da drücken die nur einmal drauf. Geh nicht zu Türken.“  Und es ist klar, dass es für ihn billige Türken gibt, und gute Türken, so wie ihn. „Ich bin doch selber Ausländerin, kommt es zurück. Aber die haben nicht gefragt. So ein Leberfleck ist doch schön, oder?“ Sie blickt mich fragend an. „Ja,“ sag ich,  war früher sogar Mode, sich Schönheitsflecken ins Gesicht zu kleben.“ „Jetzt sind dicke Hintern Mode“, kommt es von der anderen Seite des Tresens. Die kleine Frau nickt. „Mit so was kleinem wie meinem, guckt dich keiner mehr an.“ Der Fotograf erklärt mir das neue Berliner Schönheitsideal. „Da hatte ich die Tage eine schwarze Frau, und die haben ja sowieso schon…“ Er macht mit seinen Händen die Geste einer aufgehenden Sonne. „Aber die sagte: Kannst du das nicht so machen, dass es ein bisschen nach mehr aussieht, sonst gefällt das meinem Freund nicht.“

Dann winkt er mich in sein Atelier, das nur durch einen Glasperlenvorhang vom Laden geteilt ist, sagt mir, wie ich biometrisch schauen soll und knipst ein paar Mal. Kommentarlos gibt er den Druckauftrag in die riesige Entwicklermaschine hinter sich. Auf den Bildern, die sie ausspuckt, sehe ich aus wie ein Typ aus „Breaking Bad“ und das sage ich dem Meister auch. „Reicht jetzt“, zischt er, nimmt meine 10 Euro und schließt die Ladentür hinter mir zu.

No go aereas

DSCF2305

Berlin Wedding ist wirklich ein einladender Ort. Überall gibt es Neues zu entdecken und alle Türen stehen einem offen. Ich lebe gerne hier und es ist ja auch alles so schön bunt. Aber es gibt Orte, die würde ich selbst am hellerlichten Tag nicht betreten.

DSCF2323

Hier zum Beispiel möchte ich nicht tot über’m Zaun hängen. Neuerdings ist das eine   Location, die  „Silent Green“ heißt. So wie das grüne Zeug in dem Film „Soylent Green“, das aus Leichen gemacht wird. In den unterirdischen, fensterlosen Leichenhalle wird Kunst gezeigt.  Was aus den Besuchern gemacht wird, will ich gar nicht wissen.

DSCF2314

Im Krematorium sind die Leute wenigstens richtig tot. Aber wer diese Treppe hinunter geht, trifft Zombies – lebende Tote, mit oder ohne Telefon vorm Gesicht. Die U6 ist ein Gesamtkunstwerk. Die Gestalten, der Mief und der Krach… Wer für nur 2,90 Euro mal Geisterbahn fahren will, ist hier genau richtig.

DSCF2349

Wo wir’s gerade von lebenden Toten haben. Im Wedding hat auch die Berliner SPD ihre Zentrale….

DSCF2309

Nee, war ’n Scherz. Bei der SPD siehts so aus. War ich aber auch noch nie drin.

DSCF2344

Hier übrigens auch noch nicht. Obwohl es hier auch schön rot ist und die Tür Tag und Nacht offen steht.

DSCF2362

Dieser freundliche Mann hat mich auch gleich eingeladen. Das Foto sollte mich ein Fässchen Schultheiss Bier kosten.

DSCF2334

„Die Tür mach auf, das Tor mach weit…“ Die Christen am Leopoldplatz kümmern sich um die Menschen, die gerne mehr als ein Schultheiss trinken.

DSCF2360

Und wenn das Bier mal alle sein sollte: Der Spätkauf hat immer auf.

 

DSCF2353

Man konnte auch im Wedding abends natürlich auch mal etwas Anständiges machen. Aber diese Schule hat nur noch ein Buch – und das ist die Getränkekarte.

DSCF2372

Und das war auch mal eine gute Schule, auf die ich gerne meine Kinder geschickt hätte. Und weil zu viele Eltern davon gehört hatten, dass es eine gute Schule ist, kamen viele Kinder. Und dann kamen die Container. Dass der Senat mit den Containern auch gleich mehr Lehrer geliefert hat, glaub ich nicht.

DSCF2377

Für mich gibt es jetzt nur noch eine Tür durch die ich gehen möchte. Mein Kietz-Café. Nicht schön von aussen, aber…

DSCF2374

Einen schönen Abend wünsche ich euch.

 

Zwei Mal Kommunion, mit Scharf

IMG_6484

Es war ein Sonntag vor ziemlich genau fünfzig Jahren. Ein Sonntag, den man bei uns „Weißer Sonntag“ nannte. Da lief ich im schwarzen Anzug mit einer dicken Kerze hinter unserem Pastor und neben meinen Mitschülerinnen in Weiß durch die Dorfstraße. Hinter uns lagen Monate des priesterlichen Katechismusunterrichts und viele Testläufe, wie wir einer nach dem anderen zum Altar schreiten sollten, wie wir die Zunge rausstrecken sollten, damit der Pfarrer die geweihte Hostie darauf legen sollte und wie wir in tiefer Versenkung gebeugten Hauptes unter den Augen unserer Eltern zurück zu den knarrenden Holzbänken schreiten sollten.
Vor uns lag die Dorfkirche, was Kleines zum Futtern (immerhin: der Leib Christi) , was Leckeres zum Trinken und ein Fest mit allen Tanten und Onkeln, fettem Buttercremekuchen und: Geschenke! Dafür machten wir ja das alles mit. Leider gab es von den Tanten vor allem Pralinen, nur manchmal einen 10-Mark-Schein und, immerhin, meine erste Uhr und mein erstes eigenes Fahrrad! Metallicblau und mit viel Chrom. Dieses Ritual, diese Bestechung und diese Gewissheit, endlich zu den Großen und Rechtgläubigen zu gehören, hat mich stramm auf Kurs gehalten, bis in die Pubertät. Ich bin brav in die Kirche gegangen, habe Lieder gesungen, die ich nicht verstanden habe und Sünden gebeichtet, die ich nie begangen hatte. Dabeisein ist alles.

Meine Söhne sind jetzt Acht, ungetaufte Heidenkinder und nicht im Schoß der hl. katholischen Kirche wachsen sie auf, sondern, zumindest wenn sie zu ihrem Vater kommen,  in der großen Stadt, die laut und verwirrend für sie ist. Wie kann ich ihnen das Gefühl vermitteln, dass aus sie jetzt schon groß sind und dazu gehören, zu der Welt der Erwachsenen? Am besten ohne lange zu überlegen, aus dem Bauch heraus.

Es ist Sonntag, der letzte Tag der Winterferien. Hinter uns liegen ein paar Tage in Bayern, in denen wir nur mit viel Glück ein paar verschneite Hügel gefunden haben. Es ist Mittag. Vor uns nichts als ein leerer Tisch und ein leerer Kühlschrank. Ich hatte nach zwei mal Umsteigen mit zwei Jungs und einem 20 Kilo schweren Koffer einfach keine Lust mehr, einzukaufen. „Wart ihr schon mal beim Döner?“, frage ich. „Na klar!“, kommt es zurück. „Kennen wir schon!“ Ich glaube den kleinen Großmäulern kein Wort. „Mit Mama? Bestimmt nicht“. Ein, zwei Fangfragen später ist klar: Es ist Zeit, meinen Söhnen die wirkliche Welt des Wedding zu zeigen. „Kommt, wir gehen in die Müllerstraße. Heute gibt es Döner zu Mittag.“ Ungläubige Kindergesichter hellen sich auf: „Echt jetzt? Das dürfen wir jetzt?“ „Ja“, sag ich, „los jetzt, in die Jacken, und vergesst die Mützen nicht, die ich euch zu Weihnachten geschenkt habe.“ Diese Mützen finden sie doof und wollen damit auf keinen Fall gesehen werden. Heute geht es ohne Murren. Mit Triumph und Vorfreude geht es, der Vater mit den Söhnen, die Müllerstraße runter. Wir haben was vor, ein Abenteuer! „Drei Mal Mini-Döner, zwei Mal Kräuter, ein Mal scharf, ohne Zwiebel“, bete ich vor den Augen meiner staunenden Zwillinge das Berliner Evangelium fehlerfrei vor dem Dönermann runter. Sie beobachten das heilige Ritual des Messerschärfens, des Absäbelns und das Grillen der Brote. Ich bin selbst ganz ergriffen. Hat der Dönermann nicht gerade gesagt „Nehmet, und esset alle davon?“, als er die kleinen Fladen über den Tresen reichte?  Nein, er hat gesagt: Die Getränke nehm se sich selbst ausm Kühlschrank.“ ‚Ruhig bleiben. Fanta und Sprite. Jeder darf sich  eine eigene Flasche aus dem großen Kühlschrank holen und trägt sie wie einen Schatz zum Tisch, auf den sie schon Gabeln und Messer gelegt haben. „Das ist Lamm, was ihr da esst“, schocke ich die beiden, die schon mit den Gabeln in den Brottaschen herumpicken. Glauben wollen sie es lieber nicht. Hab ich das mit dem Lamm Gottes geglaubt, damals? Nein, aber es hing ja auch nicht an einem Spieß und war knusprig braun.
So schnell, dass ich nicht gucken kann, haben sich die Jungs die Döner nach Berliner Sitte in die Hand genommen und beißen beherzt zu. Fällt kaum was auf den Boden. Schon fast wie die Großen. „Is nicht zu scharf?“ frage ich. „Nö“ kommt es echt cool (oder crash, wie das immer öfter bei ihnen heißt) von den harten Burschen an der anderen Tischseite. Hallelujah! Es ist vollbracht.
Die Flaschen jonglierend sprinten wir über die sonnige Straße zurück. Zuhause warten noch Geschenke auf sie. Zwei Armbanduhren, es ist das richtige Alter. Ich habe sie vom Roten Kreuz für’s Blutspenden bekommen. „Das ist mein Blut, dass ich für euch…“ Eine katholische Erziehung sitzt doch tiefer, als man denkt.

 

Before, in and after the Wedding

DSCF1991

Kindermund

Bin mit meinen Söhnen auf dem Weg zum Fotografen. Der Fotograf, der auch alle Babybilder von ihnen gemacht hat. So Bilder, auf denen man als Paar glücklich lächelnd auf dem kuschligen Schafsfell sitzt und das Baby in die Mitte nimmt. Der Fotograf ist klug, denn er hat seinen Laden direkt neben dem Hochzeitsgeschäft. Zuerst die Hochzeitsfotos, dann die Babybilder. Normalerweise jedenfalls. Bei uns war’s ja anders. Das fällt jetzt auch einem meiner Jungs auf: „Papa, was ist eigentlich Hochzeit?“ fragt er vor dem Schaufenster mit den Rüschenkleidern. „Hochzeit ist“, erwiedere ich unwillg, „wenn Mann und Frau sich sagen, dass sie immer zusammen bleiben möchten.“ Pause. „Hast du deswegen Mama nicht geheiratet, weil du wusstest , dass ihr es nicht miteinander aushaltet?“ Die Frage kommt nicht vorwurfsvoll sondern sachlich. Er versucht sich einen Reim auf das Durcheinander der letzten Jahre zu machen. Was soll ich ihm erzählen? Von all der schönen Zeit, die ihre Mutter und ich hatten, die romantischen Liebeserklärungen, die vielen Reisen, bis…ja bis die Kinder kamen. Nicht eins, sondern gleich zwei auf einmal. Aber das würde ja heißen, dass die Kinder schuld sind. Und das, Lektion 1 für Trennungsseltern, darf man den Kindern nie und niemalsnicht sagen. Haben wir einen Kurs für gemacht. Dafür hat’s nach der Trennug noch gereicht. Außerdem stimmts nicht. Ich habe mir nie vorstellen können, so wie meine Eltern, mein Leben lang mit einer Frau zusammen zu leben. Jetzt hab ich den Salat und drei Kinder und mehr. Und manchmal klappt es so auch ganz gut – so getrennt. „Hm“, antworte ich meinem Sohn, „so ungefähr.“ Mit der Antwort ist er zufrieden, ich auch.

Unter Männern

Nach solchen nervenzehrenden pädagogsischen Herausforderungen suche ich manchmal die Ruhe und Stärkung durch kräftig Speisen. Der Wedding bietet ja nicht nur Restaurants aus aller Welt, sondern auch an, versteckten Ecken, noch deutsches Deftiges. Nix wie rin also. Und im „Fabea“ wird nicht nur deutsche Küche geboten, sondern auch ein deutscher Sammtisch. Vier Männer von Vierzig bis Siebzig am Samstag früh bei Bier und Kümmerling.  Ich studiere die Speisekarte, die so deutsch ist, dass sie sogar in Fraktur gesetzt wurde (übrigens immer in der falschen, aus England stammenden gotischen Typo). Drüben geht’s um Fußball. Und so sehr ich dem Koch danke für seine sublime austro-erotische Kreation 31 „Erdäpfel küssen Eier dazu Gewürzgurke“, entscheide ich mich doch für den Klassiker „Kassler Nackenkamm mit Sauerkraut“. Am Stammtisch sind die Männer inzwischen bei der Verurteilung eines KZ-Aufsehers angelangt („Unmöglich, so was gibt es nur in Deuschland“. „Die DDR-Grenzer, die haben wirklich geschossen, die verurteilt niemand…“) Muss ja nicht stimmen, aber sie sind ja am Stammtisch, da hat jeder Recht. Und überhaupt: Schimpfen die Männer schon längst wieder über den Berliner Senat und die Grünen mit ihren Fahrradwegen, die sich wundern werden…. und so weiter. Was mich freut ist, dass keiner schreit, keiner den Platzhirsch macht,  und dass auch mal ein „kann man ja auch mal so sehen…“ dazwischen kommt. Mein Kassler ist auch schon da, ein ganzer Teller voll, ohne besondere Feinheiten, aber solide. Ich entschuldige mich bei dem armen Schwein, das für meine Gelüste sein Leben lassen musste und gehe beruhigt nach hause, bis ich an einer Litfassäule hängen bleibe:

After the Wedding

DSCF1998

After the Wedding?

Was soll nach dem Wedding schon kommen?

Erstmal kommt der Wedding (schon seit Jahren).

Und dann kommt lange nix.

Lange

Und dann kommt Reineckendorf.

Ein Film über Reineckendorf?

Wie öde ist das denn?

 

Schönet Wochenende noch, wünsch ick Ihnen

 

Weddingfenster

Paderborn hat ein „Hasenfenster“, Heidelberg hat ein „Hiroshimafenster“ und ich hab jetzt ein „Weddingfenster“. Jahrelang war ich Tag für Tag auf dem Weg von der Arbeit an Daniels Laden „colorblindpatterns“ in der Antwerpener Straße vorbeigeradelt. Und immer war ich fasziniert von der arabisch angehauchten Kalligrafie, die er in immer neuen Variationen auf sein Schaufenster malte. Heute hatte ich Zeit, hab mir ein Herz gefasst und bin reingegangen. Und ich hatte Glück. Daniel ist nicht nur ein freundlicher Mensch, er hatte, so wie ich, an diesem ruhigen Brückentag ein bisschen Zeit und zwei Stunden später war er schon am Werk. Mit einem Kreidestift, wie ihn sonst Cafés für ihre Speisekarten nutzen, zauberte er mir Grüße aus einer fernen Welt auf die Kastenfenster, die mich an meine Moscheebesuche in der Türkei und gleichzeitig an das Multikulti im Wedding erinnern.  Und wenn ich davon mal genug habe, halten sie mir auch die Blicke der neugierigen Nachbarn vom Hals und versüßen mir den Blick auf die grauen Fassaden gegenüber. Gespannt bin ich schon, welche Muster das Gaslaternenlicht heute Nacht durch das Buchstabengitter auf meine Wand werfen wird. Weil alle Kunst ein Geheimnis hat, lohnt es sich genau hinzuschauen: In vier der sechs Kassettenfenster hat Daniel die Anfangsbuchstaben meiner Kinder versteckt – in Fraktur.
Und sollten die Fenster im sürmischen Winter wieder kalte Luft reinlassen, hol ich mir nach dem Grafiker einen Dichter ins Haus….;-)

Daniel macht übrigens auch Textilien und Taschen mit diesen und anderen grafischen schwarz-weiß-Mustern. Schaut mal rein, wenn ihr in Berlin seid.

colorblind patterns
Daniel Arab
Antwerpenerstraße 46
13353 Berlin
colorblindpatterns.com

 

 

Lasset die Kindlein

 

Ein grauer, regnerischer Tag in Berlin. Also schnapp ich mir den Fotoapparat und such mir was in meinem Kiez, was Buntes. Muss nicht lange laufen, um mein Thema zu finden. In so ziemlich jeden leerstehenden Laden ist in den letzten zwei-drei Jahren eine Kita eingezogen. Der Kindersegen muss enorm sein. Die Grundschule musste Container aufstellen. Während die Hipster-Cafes schon wieder pleite gehen, und der Montessoriladen seine Pforten für immer geschlossen hat (was da jetzt wohl reinkommt?) boomen die Hinterhofkitas.

DSCF1976

Und wenn die Sonne wieder scheint machen wir weiter mit den neuen Seniorenresidenzen und Pflegestationen, wo die Baby-Boomer meiner Generation so nach und nach versorgt werden….

Schon vorbei?

Sonntagabend dachte ich: Endlich Sommer! Nachts um 11 lief ich von der Straßenbahn nach Hause – einfach weil es noch so angenehm warm war. Und weil  ich mir die letzte Strecke Geisterbahnfahrt mit den Schreckgestalten in der U6 ersparen wollte. Und weil es im Wedding auf einmal wie Urlaub war, wie in der Türkei oder in Italien.
Entlang der Müllerstraße war ein Summen von Stimmen in der Luft, saßen Menschen vor den Köfte-, Gözleme- und Dönerläden, vor dem Asia-Imbiss und vor dem türkischen Eiscafé. Manche mit, manche ohne Kopftuch, viele Kinder dazwischen, von denen ich nicht wissen wollte, wie sie es am nächsten Tag in die Schule schaffen würden. Denn die Ferien sind vorbei. Um die Ecke die Afrikaner mit eigenem Restaurant. Und auch hier: alles brechend voll und viel Geschnatter. Als hätten meine Nachbarn geahnt, dass das so schnell nicht wieder kommt. Jetzt ist es morgens schon wieder ein bisschen frisch und so lange hell ist auch nicht mehr. Die Herbstferien müssen geplant werden.
War’s das mit Sommer? Die Woche mit den Kindern in der Uckermark und dann noch eine mit ihnen in Berlin als Alleinunterhalter. Das Japsen im 40 Grad heißen Büro und die kurzen Ausflüge nach Brandenburg? Fühlte sich das früher nicht viel entspannter an? Wo sind diese „ewigen Sommer“ geblieben, die ich irgendwo noch in den Stammzellen abgespeichert habe? Mit Ferien, die nicht enden wollten. Mit langen Tagen im Freibad, denen lange Tage im Freibad folgten. Später dann das Gleiche in dänischen Ferienhäusern oder auf Usedom. Sommerferien, die so lang waren, dass man alle Zügel schleifen ließ und irgendwann sogar ihr Ende herbeisehnte, um der Langeweile zu entkommen.

Dass ich mit meiner biologischen Uhr etwas durcheinander bin, kann ja auch daran liegen, dass dieses Jahr Ostern viel zu spät war, sodass der Frühling noch gar nicht richtig angefangen hatte, als schon die frühen Berliner Sommerferien losgingen. Die Berliner müssen ja überall immer die Ersten sein.
Jetzt sind die Ferien vorbei und es ist noch so viel Sommer übrig, mit dem ich gar nichts anfangen kann oder will.  Hinzu kommt, dass ich die schönsten Sommer immer in Gruppen verbracht habe. Im Park mit meiner Tochter, ihren Freunden, den Nachbarn und den Frauen unserer „Kindergarten-Mafia“. Tempi passati? Ich vermisse das, auch wenn es mir damals oft auf die Nerven gegangen ist.

Na, wenigstens eine unverzichtbare Zutat zu einem gelungenen Sommer werde ich noch genießen können: Una fiesta sui brati, ein richtiges dickes Sommerfest. Ein guter alter Freund feiert Silberhochzeit. Ich war damals sein Trauzeuge, Best Man, wie er mich heute noch nennt. Das Hochzeitsfest feierten wir in der alten, verfallenen Landvilla mit dem großen Garten, in der er damals mit seiner Frau und ein paar wechselnden Gefährten wohnte. Es war so leicht und wundervoll, wir alle waren so jung und gutaussehend (wenn ich mir die Fotos anschaue), dass ich noch heute oft daran denke. Dass wir 25 Jahre später in seinem Schrebergarten neben der neugebauten Sozialsiedlung feiern, in der sie ihre Kinder großgezogen haben, ist mir egal. Es wird der Höhepunkt dieses Sommers.