Avanti Dilletanti

Dilletant war zu Goethes Zeiten kein Schimpfwort.“, klärt uns Susanne gleich zu Beginn ihres Kurses in ihrem Atelier in Berlin Wedding auf. Und das ist Balsam für meine Seele. Denn seit der frühen Schulzeit trage ich nicht nur den Ruf einer sportlichen Null, sondern auch den Makel eines malerischen Nichtskönners mit mir herum. Schuld war diesmal nicht meine dicke Brille oder mein blöder Bruder, sondern meine Mutter. Als wäre mein Leben ohne räumliches Sehvermögen beim Fußball nicht schon schlimm genug gewesen, hatte sie mir zum Schulstart in der Hauptschule aus Versehen keinen Deckmalkasten gekauft, sondern einen Aquarellkasten. Die Lehrerin wollte aber leuchtend bunte Farben sehen, so wie sich das damals gehörte. Kinder malen fröhliche, bunte Bilder. Aber so sehr ich auch mit dem Pinsel herumquirlte, es kam nur wässriges Gekleckse dabei heraus. Und weil man Diversität damals nicht förderte, sondern die Jugend auf Linie bringen wollte, ging ich mit einem Brief an meine Eltern und einer vier in Kunst nach Hause.

Aber es ist nie zu spät für eine glückliche Jugend. Es braucht nur die richtige Therapie. Und an diesem Samstag ist Susanne Haun meine Heilerin. Von ihren herrlichen transparenten Tuschebildern hängen inzwischen einige bei mir zu Hause. Jetzt will sie uns in ihre Geheimnisse einweihen. Tusche, Tinte und Aquarell steht auf dem Programm. Kaffee und Kuchen gibt es nebenher und reichlich, denn “Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Noch so ein aufmunterndes Zitat – diesmal von Karl Valentin. Bevor wir an die Pinsel dürfen, lernen von der Pike auf erstmal alles, was zum Handwerk gehört: Papierqualitäten, den Unterschied zwischen Aquarellfarben und Tusche und dass Pinsel mit Tierhaar noch immer die besten sind. Nicht ganz Peta, aber dafür sehr nachhaltig. Staunend dürfen wir einen Rotmarderpinsel bewundern, den Susanne noch von ihrer Großmutter geerbt hat. Na, und dann geht‘s los. Erstmal mit Farbe aus der Tube, ungemischt. Viel Farbe, wenig Farbe. Ich natürlich immer zuviel und zu dick, wegen dem Kindheitstrauma. Aber so langsam wird es was. Magische Landschaften entstehen, alles fließt. Ich sehe mich schon mit Sonnenhut an der See sitzen und den Horizont aquarelliern. Oben blau unten gelb. Aber da geht noch mehr. Denn jetzt wird es wissenschaftlich. Was kommt dabei heraus, wenn wir Farben mischen? Tabellen werden gezeichnet, die verwendeten Farben aufgeschrieben und im Raum wird es muxsmäuschenstill – wie bei einer Klassenarbeit – so konzentriert sind wir bei der Sache. Irgendwann fangen wir doch wieder an zu quasseln und dann passierts: da mische ich Bordeauxrot mit Bergbau, statt mit Senegalblau und die ganze schöne Farbtabelle gerät durcheinander. Egal. Jetzt habe ich auf meiner Palette genau die Farben, um die Aquarelle von Janosch nachzeichnen zu können. Die richtigen, nicht die Tigerente. Mach ich aber nicht. Susanne legt uns Motive hin, Blumen, Steine, Seidenpapier. Und jetzt haben wir uns “freigemalt“. Werden mutiger mit den Strichen und sparsamer mit der Farbe. Ja, Farben dürfen durchscheinend sein. Manchmal reicht sogar das Auswaschwasser aus den Pinselgläsern um etwas aufs Papier zu hauchen. Danke Susanne. Wenn das meine Kunstlehrerin noch erleben dürfte.

Und euch, liebe Leserinnen und Leser, schicke ich meinen schönsten Blumengruß Ins Wochenende.

Blue Hour

Ich muss raus, muss ne Runde drehen. Es ist sieben Uhr am Abend und die letzte Videokonferenz ist vorbei. Ich will noch was vom Leben sehn. Draußen sind schon die Lampen an, aber der Himmel ist noch nicht schwarz. Blaue Stunde. Aber kein Grund traurig zu sein. Im Wedding ist immer was los. Im Wedding ist alles möglich. Beim Frisör brennt noch Licht. Warum nicht, denke ich? Mein alter Laden, aber wieder ein neuer Scherenkünstler. Zehn Minuten beschäftigt er sich allein mit meinem Nacken. Was soll das? Interessiert doch niemand. Ich sag ihm, er soll einfach die Maschine nehmen und einmal drüber gehen. Er ist enttäuscht, ich geb ihm ein gutes Trinkgeld und bin wieder auf der Straße. Das ist kein Abend, den man drinnen verbringt. Der Sommer ist spät dran, aber es ist warm, überall Lichter und Leute. Zum Döner? Dafür muss ich am Café Lale vorbei, vor dem sie vor ein paar Wochen drei Leute umgeschossen haben. Die weißen Kreidekreise, mit denen die Patronenhülsen von der Polizei angezeichnet wurden, waren noch lange auf dem Pflaster zu sehen. Komisch, heute sitzen hier nur Deutsche hinter den Shisha-Pfeifen und den Bildschirmen mit türkischen Popsongs. Irgendwas ist anders. Auch beim Döner. Ein alter Mann bedient mich, den ich noch nicht gesehen habe. Er kann noch nicht lange hier sein, denn er kennt noch die gute Sitte, dass man zu einer Linsensuppe nicht nur Brot, sondern auch eine kleine Schale mit Gemüse reicht. Paprika, ein paar Zwiebelringe, scharfe Peperoni. Es gibt einen Platz für mich in diesem Döner-Laden, der ist drinnen, aber man sitzt trotzdem draußen. Im Sommer geht das, wenn sie die Fenster ganz zur Seite schieben. Unter der Markise leuchten ein paar Glühbirnen. Nebenan ein Eisladen. Südfrankreich, denk ich. Das hätte van Gogh malen können. Die Lichter, der tintenblaue Himmel. Ein junger Kerl kommt vorbei. Rote Locken, kurze Hose, er schlenkert eine Bierflasche. Die Ohren sind noch dran. Ein Typ, den man überall treffen könnte. An jedem Ort, der einen Flughafen hat. Ich versuche mich in eine einsame Melancholie fallen zu lassen. Aber es geht nicht mehr. Vor ein paar Stunden habe ich mit einer jungen Frau telefoniert, die mir die Krankenkasse verordnet hat. „Sie sollten auf ihre Schlafhygiene achten. Immer zur gleichen Zeit ins Bett, immer zur gleichen Zeit aufstehen.“ Ach Mädchen, hast du nichts anderes? Ich bin doch noch nicht in Rente. Ich hab doch noch ein Leben. Das hier zum Beispiel. Ich zieh weiter, vorbei an einer kauernden Frau mit stumpfen Haaren, die ein Eis isst, vorbei an jungen Chinesen, die wahrscheinlich ihren ersten Döner essen und großen Spaß dabei haben. Biege links ein. Die Eckkneipe ist leer und die Barfrau fegt mit Mundschutz den Dreck raus. Die Pizzeria Sole Mio brummt. Der mürrische Wirt hat seine Plastiktische den ganzen Gehsteig bis zum Künstleratelier aufgestellt. Stiernackige Biertrinker sitzen unsicher im Halbdunkel. Wahrscheinlich sind’s die Kerle, die sonst in der Kneipe hocken. Auch sie vom Sommerabend verzaubert? Kaum zu glauben. Auch im Atelier was Neues. Statt des alten, langhaarigen Zottels, der sich in seinen rostigen Müll-Installationen vergraben hatte, sitzt ein junger Mann im aufgeräumten, strahlend erleuchteten Atelier. Bunte Bilder an den Wänden und eine junge Frau mit blauen Haaren neben ihm. Ihr schwarzes Oberteil hat Träger mit Nieten und Ösen. Ihr Punk passt nicht zu den mystischen Motiven. Aber vielleicht bringt sie ihn auf neue Ideen. Als ich in die Straße zu meiner Wohnung einbiege, läuft ein Mädchen vor mir her. Ihr rot weiß gestreifter Faltenrock hängt schlaff, die dünnen Beine enden in Chucks, diesen halbhohen Turnschuhen, und schlurfen kraftlos übers Pflaster. Einen Moment denke ich, eine ältere Kollegin vor mir zu haben, die sich oft zu jung anzieht. So schwer ist ihr Gang. Aber dann seh ich , dass die Kleine heult, herzzerreißend, wie nur Kinder heulen können. Sie drückt etwas an sich. Eine Tasche oder ein Kuscheltier? Und sie läuft nirgendwo hin, sondern vor etwas weg. Rein ins Dunkle. Liebeskummer, totes Meerschweinchen oder Schläge? Im Wedding ist alles möglich.

Auf Linie

Würde die Welt eine bessere sein, wenn die Frauen die Macht hätten? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Aber wenn ich einen Blick auf die Bereiche werfe, in denen die Frauen jetzt schon das Sagen haben, lässt das bei mir zumindest nicht allzu große Hoffnungen für die Zeit nach der Niederwerfung des Patriarchats entstehen. Ich rede von der Grundschule. Ich rede von der Wunschliste der Lehrerinnen zum Anfang des neuen Schuljahres, von Lineaturen, Heftformaten und Schnellheftern.
Die SMS, die ich von der Mutter meiner Söhne bekam, klang wie beiläufig: „Kannst du bei McPaper vorbeigehen und einen Schnellhefter in grün -aber nur von Durable, keinen anderen, und zwei Geometriehefte Lineatur 24 mitbringen?“ Sie ahnte nicht, dass sie mich damit auf eine Reise schickte, die mich einen sonnigen Nachmittag und den Rest meiner Nerven kostete. Diese Reise kafkaesk zu nennen, wäre hier am Platz. Aber ich habe dabei auch viel über unser Land gelernt.
Bei McPaper stehe ich vor dem Regal mit den Schulheften und verstehe die Welt nicht mehr. Später werde ich erfahren, dass es in Deutschland mehr als 30 verschiedene Lineaturen gibt, dazu noch mindesten drei verschiedene Formate von Din A4 bis Quart und natürlich das alles als Block und als Heft, mit 16 und 32 Blatt mit und ohne Rand… Wer hat sich diesen Wahnsinn ausgedacht? War das schon immer so? Und warum?
Die Verkäuferinnen bei McPaper sind nicht besonders gut in Warenkunde. Aber immerhin können sie mir sagen, dass sich hinter „Geometrieheft“ ein Heft ohne Linien verbirgt. Blanko, sozusagen, weiße Blätter. Das gibt es auch noch. Aber wie kann ein Blanko-Heft eine Lineatur haben? In Deutschland geht alles. Ich finde ein Blanko-Heft mit Lineatur 25 aber ohne Rand, und tue was alle Väter tun: Ich stehe im Laden und rufe die Mutter an, die nicht wirklich geglaubt hatte, das Problem an mich losgeworden zu sein. „Weiß ich auch nicht.“, seufzt sie, „Es muss halt 24 draufstehen, mehr weiß auch nicht.“ Es ist also kein Frage der Pädagogik oder des Kindeswohls, sondern eine Frage der Autorität. Man will der Lehrerin gefallen, in dem man jeden ihrer absurden Wünsche erfüllt. Meine Zwillinge gehen in zwei verschiedene Klassen, im gleichen Jahrgang der gleichen Schule. Ich kann also gut vergleichen. Der eine hat das Schreiben in Blockschrift gelernt, der andere in Schreibschrift. Auch die Mathebücher waren unterschiedlich. Alles nach Ermessen der Klassenlehrerin. Und wenn die Lehrerin wechselt, was oft geschieht, wechseln auch die Anforderungen. Absprache, Koordination, einheitliche Regeln? Fehlanzeige. Alle meckern über den Hick-Hack der 16 Bundesländer. Aber das Problem fängt wohl früher an. Und das Problem hat zwei Seiten: Es gibt eine, die die Regeln aufstellt, und eine, die sie befolgt. Warum sind Mütter, die sonst den Konflikt mit den Lehrerinnen (auf der Grundschule meiner Kinder gibt es keinen Lehrer) um Schulessen, Pausenzeiten oder besondere Coronaregeln nicht scheuen, so devot und so kleinteilig, wenn es um die Schulsachen geht? Und warum wälzen sie diese Aufgabe dann auf mich ab?


Meine Odyssee, die bei McPaper begonnen hat bringt mich in alle Läden, die unsere Müllerstraße, die mal „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“ genannt wurde, noch zu bieten hat. Zu Woolworth, zu McGeiz und zu Müllers Drogerie. Überall das gleiche Bild: Ratlose Eltern, mit und ohne Anhang zwischen zerrupften Regalen, die extra für die „Schulsonderaktion“ aufgestellt wurden. Türkische Mütter mit Kopftuch und ganzer Familie in regem wie verzweifeltem Austausch, ein russischer Vater mit Sohn und großer Einkaufsliste, die ich zuerst bei „Müllers“ und dann noch drei Mal mit immer prallerem Beutel treffen werde. Ein arabischer Mann mit Sohn, der ihm die Wunschliste auf dem Handy vorliest, telefonierende Männer… Geheimtipps machen die Runde: Bei „Pfennigland“ soll es noch Blanko-Hefte geben, raunt mir eine junge Frau zu, die gerade eine türkische Frauengruppe beraten hatte. „Pfennigland“, murmele ich vor mich selber hin, und es klingt wie der Name des himmlischen Jerusalems. Dass ich daran nicht gedacht hatte. Hier bin ich Stammkunde. Das ist der Ort, an dem Wunder möglich werden- zu kleinem Preis. Hier finde ich immer die Überraschungen für die Kindergeburtstage und manchmal auch Ersatzteile für mein altes DDR-Fahrrad. Doch als ich ankomme, ist das Regal leer und mein Mut verflogen. Ich könnte noch zu Karstadt, aber meine Kraft reicht nicht mehr. Geschlagen ziehe ich zu McPaper zurück und kaufte zwei Hefte blanko, Lineatur 25 für je 39 Cent das Stück, um nicht mit leeren Händen bei meinen Kindern anzukommen. Vielleicht übersieht es die gestrenge Lehrerin ja und vielleicht müssen meine Kinder nicht unter dem Versagen ihres Vaters leiden. „Ach, das hättest du jetzt nicht machen müssen.“, flötet die Mutter meiner Söhne, „Ich hätte die Hefte auch am Montag noch hier im Schreibwarenladen besorgen können. Aber an den grünen Hefter hast du gedacht? Den gibt‘s nämlich nur bei McPaper.“ Auf meinem dritten Gang in die Welt der Frauen gründe ich in Gedanken und mit wachsender Freude die erste Widerstandsgruppe für die Zeit, wenn das Matriarchat die Macht übernommen hat. Also heute.


Herausgerissen

Wenn ich gewusst hätte, dass mir heute, noch bevor die Sonne ihren Zenit erreicht hat, in einem Hinterzimmer im Wedding heißes Wachs in Nase und Ohren gegossen würde, hätte ich wohl keinen Schritt vor die Tür gemacht. Wollte ich sowieso nicht, denn es ging mir hundeelend, als ich heute erwachte. Weil ich eine schlechte Nacht hatte und eine Schlaftablette genommen hatte. Schlaftabletten machen Kopfschmerzen, also brauchte ich eine Schmerztablette, aber die Schachtel mit den Kopfschmerztabletten war leer. Wer stellt leere Tablettenschachteln in meinen Medikamentenschrank? Muss wohl ich gewesen sein. Was wiederum einiges über meine Zurechnungsfähigkeit am frühen Morgen sagt. Also besser einen Kaffee trinken, bevor ich neue Drogen kaufe. Ein Blick ins Portemonnaie zeigt, dass es nur für eins reicht: Entweder Kaffee oder Pillen. Heißt, dass ich nach dem heißen Türkentrank von der fröhlichen Bäckersfrau nebenan erstmal zu EDEKA muss, weil dort der Geldautomat steht. Vor der Bäckerei treffe ich die kleine Frau wieder, deren rot gefärbten Haare am Ansatz grau werden. Gestern habe ich mit ihr in einem der Pappkartons mit unnützem Zeug rumgewühlt, die in der letzten Zeit bei uns vor den Hauseingängen stehen. Ich habe eine Schraubzwinge ergattert, sie eine Teekanne. So was verbindet. Wir nicken uns zu.

Bis zu EDEKA dauert es zehn Minuten, das reicht eigentlich, um den Kaffee wirken zu lassen. Trotzdem bin ich vorsichtig bei der finanziellen Transaktion, prüfe den Kontostand, denn ist Monatsende und der Unterhalt wird immer abgebucht, bevor das Gehalt überwiesen wird. Warum eigentlich? Muss ich mal ändern. Ach, es gibt so viel zu ändern, wenn man einen schweren Kopf hat und man weiß an einem solchen Samstagmorgen gar nicht, wie man das je schaffen soll. Und ich muss aufpassen, dass ich mir nicht noch mehr Ärger aufhalse. Es ist mir an diesem Automaten auch schon mal passiert, dass ich zwar die Karte rausgezogen habe, aber nicht die Geldscheine. Die hat der Automat dann wieder geschluckt. Hab ich dann bei der Post anrufen müssen, und die haben tatsächlich zugegeben, dass da 200 Euro zuviel in dem Automaten waren. Haben sie mir zurück überwiesen. Sehr korrekt, kann man nicht meckern.

Heute schaffe ich es auf den ersten Anlauf, verstaue mein Geld, vergesse nicht, die Karte aus dem Automaten zu ziehen, trete auf die Straße in den windigen Sommertag und atme durch. Erste Aufgabe geschafft! Das könnte ein schöner Tag werden. Zur Apotheke müsste ich jetzt links, aber ich schaue auf die andere Straßenseite und sehe, dass der deutsche Frisörsalon aufgegeben hat. Kein Verlust, denn an die Künste der robusten Damen mit den Kittelschürzen und den rosa Kunstfingernägeln erinnere ich mich mit Schmerzen. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Ihre türkischen KollegInnen, die den Laden übernommen haben, übertreffen sie in perfider Grausamkeit bei weitem.
Doch erstmal siegt die Neugier. Ein Grund, den neuen Laden auszuprobieren ist schnell gefunden: In zwei Wochen heiratet meine Schwester. Nach 35 Jahren wilder Ehe, hat ihr Lebensgefährte endlich seinen Mut zusammengenommen und hat sie gefragt. Auf die Knie konnte er vor ihr nicht mehr gehen, denn er hat Arthrose. Zur Hochzeit muss Mann ordentlich aussehen, also rein in den Laden, der jetzt Alanya heißt, oder so ähnlich. Ein junger Mann kümmert sich um eine Kundin, ein anderer steht rum und mißachtet meine Anwesenheit. Erst als er von dem Jüngeren einen Hinweis auf Türkisch bekommt, macht er sich bei mir schüchternen Gesten bemerkbar und winkt mich freundlich auf einen Sessel zum Haarewaschen. Das hatte ich noch nie, aber warum nicht? Ein bisschen warmes Wasser und Kopfkraulen ist genau das, was meine gemarterten Hirnzellen jetzt brauchen. Mit einem Handtuch auf dem Kopf werde ich dann auf einen Frisierstuhl bugsiert. Gerade versuche ich meinem stummen Zauberlehrling meine Wünsche zu erklären (Maschinenschnitt, 9 Milimeter), da rauscht aus einem Hinterzimmer eine Frau in einem billigen Baumwollkleid in den Salon, sieht was los ist und meckert laut „Ich hasse es, mit Männern zusammen zu arbeiten.“ Offensichtlich ist mein Junior-Figaro Ziel ihres Zorns, denn von nun ab weicht sie ihm nicht mehr von der Seite. Die Prozedur nähert sich nach einigen Nachbesserungen einem akzeptablen Ende, als ich darum bitte, dass er sich auch noch den Haaren in den Ohren widmen soll. Normalerweise zücken dann Männer, die ihr Handwerk in türkischer Tradition erlernt haben, ein Feuerzeug oder einen brennenden Wattebausch und wedeln mit der Flamme ein paar mal über die Ohren ihres Klienten. Nicht so hier. „Das darf er nicht.“, triumphiert die Friseurin, „das mache nur ich. Wenn sie mir in mein Zimmer folgen wollen.“ Benommen wechsele ich ein weiteres mal den Platz und finde mich auf einer Liege wieder, mit dem Kopf nach unten. Ich sehe wie sie eine glitzernde grüne Masse anrührt, ahne was jetzt kommt und wünsche mir, doch zuerst die Schmerztabletten gekauft zu haben. Mit diabolischem Grinsen nähert sie sich mit dem Wachs meinem Ohr und träufelt es hinein. Es wird warm. „Willkommen in der Welt des Schmerzes“, sagt Jeff Goldblum als ungeschickter Folterer in „The big Lebowsky“. Weiter komme ich nicht mehr, da gibt es einen Ruck und ein Reißen, und mit dem Ausdruck größer Befriedigung und irre funkelnden Augen hält die Magierin einen schillernd grünen Abguss meines Innenohrs, gespickt mit ein paar grauen Härchen über mein Gesicht. Mein Ohr fühlt sich plötzlich kühl an und sehr sehr sauber. So wie es sich anfühlte, als ich mit meiner Freundin vor vielen Jahren mit indianischen Ohrenkerzen experimentierte. Richtig gut. Und von selber fällt mir ein, dass es ja auch noch in der Nase Haare gibt, die weg müssen. Die Wachs-Reißerin freuts. Als ich den Salon verlasse habe ich drei Mal so viel Geld da gelassen wie üblich. Aber mein Kopf ist klar und ich fühle mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Der Wind weht zum einen Ohr rein und zum andern wieder raus.

Pole Dance

Sie war nicht mehr jung und sie war mir auch nicht gleich aufgefallen. Erst als ich an der der Ampel warten musste und ich lange zu ihr hinüberschaute, merkte ich, dass sie tanzte. Es war ein kleiner Tanz. Zwei Schritte vor, zwei zurück, die Hand immer am Rücken und wie flüchtig an einen Parkpfosten angelehnt. In den paar Minuten, in denen ich ihr zuschaute, probierte sie auch seitliche Schritte, aber immer wieder blieb sie am Schluss an dem Poller stehn. So sehen Leute aus, denen rundherum das Land wegbricht.

Sie war eine stolze Frau. Als ich sie fragte, ob ich ihr weiter helfen könne, schaute sie mich keck an. „Ja, ja das denken sie, dass ich nicht mehr weiter komme. Aber ich will nur sehen, was da vorne auf dem Schild steht, aber ich seh es nicht mehr.“ Ich ging ein paar Schritte vor, nun noch ein paar, weil die Messingplatte in der Abendsonne spiegelte. „ Ha!“, triumphierte sie: „ Sie müssen auch nah ran!“ Ich kam zurück und nannte ihr den Namen. „Ist das nicht das Verwaltungsgericht?“ Nein, sagte ich, das ist das Verkehrsministerium. „Ich frage nur, weil ich hier mal war, und ich dachte ich hätte es wieder erkannt.“ Es folgte ein etwas durcheinandergewürfelter Bericht über einen Prozess vor langer Zeit, den sie anscheinend gewonnen hatte. „Das Verwaltungsgericht ist drüben, sagte ich und wies mit dem Finger Richtung Bahnhof, aber das schien sie nicht wirklich mehr zu interessieren.

Auf dem Rückweg von der Arbeit treffe ich hier an der Ecke ab und zu Leute, die nicht mehr weiter wissen. Die Straße runter ist ein Altersheim und da starten sie manchmal zu einem Ausflug. Zwei Querstraßen weiter wissen sie nicht mehr, wo sie sind. Aber auf den Rollatoren steht gottseidank die Telefonnummer und dann kommt der Pfleger sie abholen. Aber meine Tanzpartnerin heute war keine von hier. Sie sah aus wie eine Bergwanderin mit ihrer hellgrauen Funktionsjacke und den soliden Schuhen. Nur den Wanderstab hatte sie vergessen. Sie hielt sich immer noch an dem Pfosten fest. Ich streckte meine Hand aus und wollte sie ihr reichen. „Fassen Sie mich nicht an, sonst fall ich um!“, bat sie. Mit ihrem letzten Rest Geschmeidigkeit rettete sie sich auf ein warmes Mauersims – wie eine Eidechse saß sie da. „Darf ich sie ein Stück mitnehmen?, fragte ich ahnend, dass sie auch von der Mauer nicht mehr weg käme. Sie schaute mein Fahrrad an, und meinte spöttisch: „Was, denken sie ich setzte mich auf ihre Gepäckstange? Wir lachten beide, lächelten uns an und ich fuhr weiter.

Sommer

Vor mir, auf der lauten, vierspurigen Straße fährt eine Frau in muslimischer Tracht auf einem grünen E-Roller. Sie fährt beschwingt Schlangenlinien hin und her. Ihr braunes Kopftuch flattert, ihr schwarzer Mantel flattert und sie fährt Schlangenlinien. Sie trifft Freundinnen, strahlt sie beseelt an. Sie hat eine goldene Nickelbrille und ein Handy unterm Kopftuch. Es ist Sommer im Wedding.

Ich will eine Bockwurst essen, mit Brötchen, bei Kamps. Der Verkäufer ist jung, hat einen Wuschel voller schwarzer Locken und einen Bart, aus dem noch was werden könnte, wie der junge Che Guevara. Er holt die Bockwurst mit einer Serviette aus dem Topf und steckt sie in die Brötchentüte – eine heiße Wurst in eine Brötchentüte und reicht sie mir ohne ein Wort rüber. Mit Brötchen bitte sage ich. Da nimmt er ein Brötchen, steckt es zur Wurst in die Tüte und gibt sie mir. Immerhin: Das Brötchen ist in der Mitte aufgeschnitten. Im Radio höre ich, dass die Kneipen Schwierigkeiten haben, gute Leute zu finden, weil die jetzt alle bei Amazon oder den Gorillas arbeiten.

Im Freilichtkino läuft ein Tanzfilm. Als ich im Winter die Werbung in der U-Bahn gesehen hatte, hatte ich mir vorgenommen: Das ist einer der Filme, die ich mir auf jeden Fall wieder anschaue, wenn die Kinos offen haben. Die Werbung versprach berauschende Farben und leidenschaftliche Tanzszenen. Ich mache mich um neun Uhr auf den Weg durch den Rehberge-Park. Ich wundere mich: Es ist mild und noch hell. Ich hab zwei Jacken an. Beim Kino ist die Kasse geschlossen – nur online-Tickets. Eine Frau hält mir ihr Handy mit einem pixeligen Code entgegen: Brauchen sie noch ein Ticket? So viel Glück muss man haben. Aber ich will nicht. Ich brauch keinen Film mehr. Der Gedanke jetzt alleine zwei Stunden im Freien vor einer flimmernden Leinwand zu sitzen und mir eine dramatische Geschichte anzuschauen, hat nichts verlockendes mehr. Und berauschende Farben habe ich im Park genug.

Auf dem Rückweg treffe ich einen Haufen junger Leute, die über den Möwensee schauen und AHH und OHH rufen. Ist der Graureiher wieder da?, frage ich mich. Seine ruhige und majestätische Art hat mich und meine Jungs immer fasziniert, wenn er regungslos neben der Trauerweide saß. Nein, der Reiher ist verschwunden. Auf einem abgestorbenen Baum tummeln sich vier tapsige Waschbärenjunge. Wirklich süß. Waschbären sind große Eierräuber.

Projekt „Abendsonne“

Nele meint auf WeChange, der Termin für die Demo müsse im Plenum besprochen werden. Wo das Plenum stattfindet, schreibt sie nicht. Anscheindend ist das allen klar. Lennard postet, dass er eine Datenbank für die Bilder erstellt hat, man müsse sich nur noch über die Formate einigen. Anja erinnert im thread „gestaltung“ auf „slack“, dass man sich jetzt auf diesen Messenger geeinigt hat, weil der praktischer sei als der auf WeChange. Johanna von der AG Selbstverständnis gibt mir auf dem „pad“ für den Basistext den Link, für das Papier „Visionen“, das so als erster Entwurf zeige, wo es mit der Initiative lang gehen soll. Barbara schickt mir endlich per Mail den zoom-Link für das nächste Plenum, nachdem ich zwei Mal in der Conference-Funktion von WeChange zum angesagten Plenums-Termin mit zwei Gleichaltrigen alleine war. Als ich in der AG Öffentlichkeitsarbeit vorschlage, ganz old school eine Homepage einzurichten, kommt von Anja die höfliche Antwort, dass die Social Media Kanäle wichtiger wären und schneller gingen. Und darauf wolle man sich konzentrieren. Ganz freundlich schiebt sie meinen Beitrag, den ich wieder mal in der falschen Diskussionsgruppe gepostet habe, in die richtigen „thread“.


Ich bin einer Bürgerinitiative beigetreten, einer, die es wegen Corona nur virtuell gibt. Leute, die sich sozial engagieren hieß es neulich in der Zeitung, seien gegen die Corona-Depression besser geschützt. Die Initiative will ein lange leerstehendes Gebäude im Park nebenan wieder mit Leben füllen. Da ist bei den ersten Visionen die Rede von chillen und von gutem Kaffee, von Nachhaltigkeit und der Sonne, die man auf der Haut spüren wolle. Das passt gut. Denn ich will wieder ein schönes Bier im Abendrot trinken, wie damals, als es in dem Pavilion noch eine Gaststätte mit Biergarten gab. Das Bezirksamt wollte den Schuppen einfach abreißen lassen, aber er hat Denkmalschutz. Jetzt soll eine Bürgerbeteiligung her. Alternative Konzepte sind gefragt. Vor dem Bio-Laden traf ich Barbara, eine Aktivistin, die mich direkt ansprach, ob ich nicht mitmachen wolle. Barbara arbeitet als Clownin, ist also ausreichend verrückt, um an den Erfolg der Sache zu glauben. Eine Initiative im Lockdown durchzuziehen, darin habe ich Erfahrung, sagte ich ihr. Im Frühjahr 2020 haben wir „Mein Wedding“ als Open-Air-Kunstausstellung organisiert. Aber da waren wir zu viert und kannten uns persönlich. Als ich endlich den Weg in virtuelle Plenum auf „zoom“ gefunden habe, wird mir klar, dass hier mindestens 50 Leute dabei sind. Meistens jung, deutsch, akademisch und in der digitalen Welt zu Hause. Viele kennen sich anscheinend von andern Gruppen und Aktivitäten. Die Strukturen und Abläufe sind ein wichtiges Thema. An meinem zweiten Abend höre ich einen Vortrag über „Soziokratie“. „Basisdemokratisch“ hätte man das genannt, als wir noch Flugblätter auf der Reiseschreibmaschine tippten. Heute bekommen wir per zoom eine Power Point eingeblendet. So soll das funktionieren.

Ganz einfach also -in der Theorie. In der digitalen Praxis läuft alles – wie in den schlechten analogen Zeiten – natürlich über private Kontakte quer zur Struktur. Alle sind über Whats-App oder sonstewie vernetzt, einige sitzen in allen AGs gleichzeitig und einige sind schon in Kontakt mit der Politik. Wer sich an die Regeln hält, bekommt das Wichtigste nicht mit. Dabei ist „Transparenz“ natürlich der Anspruch, der in den offiziellen Foren heftig eingefordert wird. Und viele geben sich auch ganz ehrlich Mühe, den Anspruch aufrecht zu erhalten. Ich bewundere die Disziplin und die Struktur, die hier gelebt wird. Keine endlosen Labereien, wie in den Plenen/Plena/Plenums vergangener Tage. Die Konferenzen sind gut getaktet, fast alle halten sich an das Zeitlimit. Es ist auch einfacher, einen Laberkopf aus einem zoom-meeting rauszuwerfen als einen körperlich anwesenden Welterklärer aus dem Sitzungsaal im AStA.

Was der Nachteil für mich ist: Auf den digitalen Plattformen haben die digital natives die Lufthoheit. Und ich spüre den digital gap. Mühsam klicke ich mich durch die Foren und das endlose Geschnatter. Es ist wie bei den Nachrichten, die ich -selten- von meiner großen Tochter kriege. Statt eines Anrufes brauchen wir fünf SMS und vier Nachfragen, bis klar ist, wann und wo wir uns das nächste Mal treffen. Es kostet mich auch viel Kraft, nach dem Plenum auch noch eine Stunde AG Sitzung online durchzuziehen. Ich schwänze immer öfter und sehne ich mich nach einer konkreten Aufgabe. Deshalb übernehme den Text für den Flyer zur Demo. Großer Fehler! Denn ersmal „reden“ wir eine Weile aneinander vorbei. Für mich ist ein Flyer ein kleines Flugblatt, das man jemand in die Hand drückt und für die Post-Techno Generation ist ein Flyer ein Zettel, den man irgendwo hin klebt, meist mit einem kurzen Solgan und einem facebook-hashtag. Als wir das sortiert haben, heißt meine Aufgabe „Faltblatt zur Selbstdarstellung der Initiative“. Ein Himmelfahrtskommando bei einer Gruppe, in der die einen von der Sonne träumen und die anderen Investoren aus dem Kietz vertreiben wollen. Aber ich nehme es als technisches Training, um mich mit dem ganzen social-media-Kram zu beschäftigen, der auch auf der Arbeit immer mehr Raum einnimmt. Immerhin schaffe ich auf WeChange ein „pad“ einzurichten und bin mächtig stolz auf mich. In einem „pad“ können viele Menschen gleichzeitig online an einem Text arbeiten. Eine tolle Erfindung. Ich mache einen Entwurf und einige aus anderen Arbeitskreisen machen Ergänzungen. Wunderbar. Der Text ist fertig. Die Grafikerinnen machen ein professionelles Layout dazu. Alles schick!
Doch dann kommt Liam und mir fällt wieder ein, warum ich irgendwann Ende der 80er diese „jeder hat die gleiche Stimme“-Foren satt hatte.  Liam ist ein(e) Kämpfer(in). So ganz klar ist das mir bei ihm oder ihr mit der Geschlechteridentität nicht. Ist aber allen wichtig. Auf jeden Fall bekomme ich heftig Schelte, als ich „Liebe Liam“ schreibe. Liam streicht den ganzen Text und die Struktur, macht daraus ein antikapitalistisches Pamphlet und erklärt patzig: Der Flyer geht so nicht raus. Ich erkläre in der AG meine Arbeit, meine Struktur und dass es wichtig ist, alle sprachlich zu erreichen. Das mache ich seit 30 Jahren. Zweiter Fehler: Sich auf Erfahrung zu berufen. Alle stellen sich hinter Liam. Jeder könne doch gute Texte schreiben. Und sicher  sei an der Überarbeitung doch das ein oder andere bedenkenswert. Ich schlafe eine Nacht schlecht.

Am nächsten Morgen weiß ich: Ich streite mich nicht mehr um ein paar Worte auf einem Stück Papier. Und ich habe nicht die Kraft, gegen virtuelle Windmühlen zu kämpfen. Etwas traurig wünsche ich meinen MittreiterInnen ein frohes Gelingen der Initiative, verabschiede mich bis zur Demo, verabschiede mich von „slack“ und beschäftige mich mit der nächsten Generation. Zusammen mit meinem Sohn entwerfe ich eine neue Struktur. Er einen Strich, ich einen Strich. Er eine Farbe, ich eine Farbe. Ich finde, das sieht doch für die Zukunft schon ganz vielversprechend aus.

Wedding Wonderländ

Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich das noch erleben darf. Vor drei Jahren stand ich mit meinen Jungs auf dem zugefrorenen Plötzensee und dachte: Gut, dass ich ihnen das noch mal zeigen konnte. Das wird es nie wieder geben. Klimawandel und so. Und jetzt? Ein Winterwunder! Der Himmel strahlt und das Eis lockt, Zäune zu übersteigen. Die Natur ist wohl doch noch für ein paar Überraschungen gut.
Die Menschen leider auch. Denn was ich dann sehe, als ich an den See komme, verdirbt mir die Winterlaune. Genau wie im Sommer wird der See zum Partymachen missbraucht. Musik wummert, die geschützen Uferböschungen werden rücksichtslos zertrampelt, das Eis aufgehackt, gerade an den Stellen wo Kinder unterwegs sind. Keine Rücksicht auf Niemand. Es gibt echt zu viele Bekloppte in Berlin.

White Wedding

Es ist kalt in Berlin-Wedding. Neun Grad Minus, aber wunderschön weiß. Es hat so viel geschneit, dass wir am Wochenende zwei Mal Schlitten fahren gehen konnten. Und heute nochmal! Die Schönheit des winterlichen Wedding ist schon an anderen Orten sehr poetisch beschrieben worden. Das muss ich nicht noch mal versuchen. Aber ich hoffe, es weiß von meiner werten LeserInnenschaft jemand zu würdigen, dass ich mir fast die Finger abgefroren habe, um diese Fotos mit euch zu teilen. (jammer).

Ils sont fous, ces …

Haun_Susanne_02© Susanne Haun.com

Ja, wir spinnen, das ist klar. Schon vor wenigen Monaten, als wir ankündigten, in Berlin Wedding, mitten in Coronazeiten einen Kunstwettbewerb für eine Open air-Galerie zu starten, fragte ein Kommentator auf diesem Blog, ob wir noch in der gleichen Welt leben würden? Ob wir glauben würden, dass wirklich im August auf der vierspurigen Müllerstraße Plakate mit Kunstwerken zu sehen sein würden? Das war die Zeit der Kontaktsperre, wenn sich jemand erinnert und es war sehr, sehr leer auf den Straßen.

Und um ehrlich zu sein: Nein, manchmal haben wir daran nicht mehr geglaubt. Denn neben Corona gab es ja noch den ganz normalen Berliner Wahnsinn. Wenn zum Beispiel für den Standort eines Plakates zwei verschiedene Bezirksämter inklusive einer landeseigenen Immobilienverwaltung zuständig sein könnten, aber keiner eine Entscheidung trifft und das ganze dann scheitert, dass auch in der Raucherecke des JobCenters ausreichende Abstände zur Belüftung und Beleuchtung eingehalten werden müssen, dann wird es manchmal etwas viel.
Wir haben trotzdem weiter gemacht. Weiter gemacht, als plötzlich 2000 Flyer wertlos wurden, weil alle Kneipen und Cafés geschlossen hatten, in denen wir sie verteilen wollten. Als der Bescheid des Bezirksamtes für die „Ausnahmegenehmigung gem. § 46 StVO“ vom Fachbereich Straßen- und Grünflächenverwaltung auch nach monatelanger Wartezeit und hundert Nachfragen immer noch nicht kommen wollte. Und weiter gemacht, als das Postfach für die Einsendungen in den ersten Monaten, bis auf ein paar Fotos von vollgestopften Mülleimern und weggeworfenen Fernsehern, leer blieb.

Und jetze? Allet jut. Jetzte is allet durch. 🙂
Die Genehmigungen sind da, das Centre Francais de Berlin ist als Träger mit eingesprungen, das Postfach ist kurz vor Einsendeschluss übergelaufen und die Jury hatte plötzlich mehr als 180 tolle, farbenfrohe, melancholische, coole, kreative, unmögliche, dunkle, strahlende, bescheuerte, liebevolle, trashige, brave, schwarz-weiße, persönliche, abstrakte oder einfach großartige  Collagen, Fotos, Ölbilder, Grafiken, Tuschezeichnungen, Webteppiche!, Kinderzeichnungen, Aquarelle – und wat sonst noch allet – dazuliegen und musste daraus die zwölf besten aussuchen.
Und dit in zwee Stunden uffn Nachmittach.

Deshalb dürfen wir euch jetzt einladen zur Ausstellungseröffnung

Samstag, den 15. August 2020, 11 Uhr
im interkulturellen Garten „Rote Beete“
neben dem Centre Francais de Berlin,
Müllerstraße 75,
13349 Berlin

Der Bürgermeister von Mitte kommt auch und die ganzen Künstlerinnen und Künstler. So zum Angucken und Anstoßen. Wird bestimmt nett. Ick freue mir so.

Ach ja: Diesen Sommer keinen Blogbeitrag ohne Blumengruß aus dem Hinterhof.

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