Das muss jetzt

Plötzlich geht vieles, was lange nicht möglich war. Oder aufgeschoben. Oder unentschieden. Mein billiges Handy zum Beispiel. Es schwächelt schon eine Weile. Aber ich hab mich nicht dazu aufraffen können, es endlich aufzugeben. Dabei habe ich ein solides Nokia in der Schublade. Ich wollte mich halt nicht mit was Neuem, Anstrengendem beschäftigen. Aber gestern dachte ich: Du kannst doch nicht mit einem wackligen Handy rumlaufen, jetzt, in Zeiten von Corona. Du musst erreichbar sein. Du musst wissen was los ist. Also hingesetzt, Betriebsanleitung gelesen, rumgetippt, Hotline angerufen und jetzt läuft’s. So kenn ich mich gar nicht.
Oder die Sache mit dem neuen Perso. Hatte ein Schreiben bekommen. Könnte den jetzt abholen kommen. In Schöneweide, nur 20 Kilometer quer durch die Stadt. Nehme mir einen halben Tag frei, gehe durch die Tür vom Bezirksamt und da ist auf einmal ein Absperrband. Dahinter ein blondes Mädchen, so ne Azubi wahrscheinlich. Fragt mich, was ich will. Meinen Perso will ich abholen, sag ich. Geht nicht, sagt sie, neue Anweisung von heute, geht nur noch mit Termin. Oder brauchen sie den dringend, für die Bank, oder so? Ja, sag ich, ich brauch den dringend, für die Bank und so. Das glaub ich ihnen jetzt nicht, sagt sie, das ham sie jetzt von mir. Na, sag ich, dann brauch ich ihn eben für die Post, um Päckchen abzuholen. Sie müssen doch nur ins Regal hinter sich greifen. Nein, geht nicht, sagt sie und nestelt ein paar fliederfarbene Latexhandschuhe über ihre Finger, sie könnten sich infizieren. Wo könnte ich mich infiziern? frag ich. Wenn sie ihre Unterschriften leisten, da müssen sie unseren Stift benutzen, sagt sie ins Blaue hinein. Wo lernen die, sich so Sachen auszudenken? Die Jungen sind schlimmer als die Alten, denk ich mir, die wissen noch nicht welche Macht sie haben, kennen noch nicht das menschliche Maß. Und an Kafka denke ich, der sich so eine Situation hätte ausdenken können. Aber da bin ich schon wieder aus der Tür. Geht aber nicht ohne Perso. Nicht in Zeiten von Corona. Nicht wenn Ausgangssperre und Polizeikontrollen drohen, Massenunruhen und Straßenkämpfe, Lebensmittel auf Bezugschein und hungrige Kinder mit großen Augen. Ich brauche einen Perso. Ich denk an die Großmutter, die aus Vorpommern flüchten musste und als alte Preußin das Wichtigste mitnahm, was sie hatte: Ihre Kinder und ihre Papiere. Und die Papiere, das war tatsächlich das erste, wonach sie die Beamten fragten, als sie mit drei Kindern in Berlin strandete und um Hilfe bat. Geht also nicht, nicht in Preußen. Ich brauche ein Dokument, das beweist, dass ich existiere. Ich versuche Zeit zu gewinnen. Es ist Mittag, und nach der Mittagspause, so hoffe ich, wechselt das Personal. Gehe mir also selber einen Döner essen, krieg noch einen Tee auf’s Haus und eine halbe Stunde später geh ich wieder durch die schwereichene Amtstür. Ich wundere mich, über mich selber, über meine Beharrlichkeit. Und über die Verschlagenheit, die in mir aufkommt. Ich werd einfach lügen. Ich werd sagen, dass ich Krankenpfleger bin (was stimmt, auch wenn es dreißig Jahre her ist) und dass ich dringend gebraucht werde (was nicht stimmt, im Gegenteil) Und wenn das alles nicht hilft komme ich mit meinen vier Kindern. Dazu bin ich entschlossen.
Die Blonde hat ihre Absperrung hinter sich gelassen und ist jetzt als Abfangjäger in der Halle unterwegs. Sie waren doch schon mal hier, stellt sie fest. Hat sich etwas an den Umständen geändert seit eben? Ich brauche meinen Personalausweis, sag ich stumpf. Warscheinlich habe ich dabei so grimmig geschaut, wie auf meinem Passbild. Da muss sie erstmal nachfragen gehen. Hinter dem Schalter sitzt jetzt eine Dunkelhaarige, keine Preußin. Die Blonde tuschelt mit ihr und die Dunkle winkt mich heran. Sie entschuldigt sich, nicht für die Warteschleife, sondern dafür, dass sie mir keinen Platz anbieten kann. Denn aus den Stühlen im Wartezimmer haben sie ihre Absperrung gebaut. Zwei Unterschriften auf ein schwarzes Schreibpad und ich bin für 10 Jahre wieder ein Mensch, rein amtlich. Aber innerlich, innerlich merke ich, dass ich auf Überlebenskampf eingestellt bin.

Unser Dorf soll schöner werden

Mein Wedding(c) Michael Fanke

Berlin Wedding ist grau und trist? Keineswegs! Der Mittelstreifen der Müllerstraße im  Wedding wird sich vom 15. August bis zum 4. Oktober 2020 durch 12 Kunstwerke wieder in eine Freiluftgalerie verwandeln. Das war schon in den vergangenen sechs Jahren so, aber dann fand sich keiner mehr, dies oder ders machen wollte. Also hat Susanne Haun, die Bloggerin und Künstlerin aus dem Wedding ein paar Mitstreiter um sich geschart – und schon kommt im Sommer wieder Farbe auf den „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“.

Das Schöne ist: Alle können etwas dazu beitragen, denn die Grundlage der Ausstellung ist ein Kunstwettbewerb. Künstlerinnen, Künstler, Kitas, Schulen oder interessierte Freizeitmalerinnen und -maler sowie Fotografinnen und Fotografen aus Berlin rufen wir auf, Kunstwerke zu gestalten, die sich mit dem Stadtteil Wedding auseinandersetzen und Typisches aus dem Wedding aufgreifen. Die besten 12 Beiträge werden von einer Jury für die Ausstellung ausgewählt. Für die ersten drei Plätze gibt es ein Preisgeld.

Preisgeld
1. Platz 200 Euro und als Standort vor der Bibliothek
2. Platz 100 Euro und als Standort vor dem Rathaus
3. Platz 50 Euro und als Standort vor dem Alhambra

Wer mitmachen will, der schaue sich die Website des Wettbewerbs an.

https://meinwedding2020.home.blog

Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere von euch mal vorbeikommt, sich den Wedding anschaut und (sich) davon ein Bild macht.

Hier ein paar Beispiele prämierter Beiträge aus den letzten Jahren.

Dicke Hintern

Der Fotograf schaut mich von unten mit seinen braunen Hundeaugen an, als ich mich im grellen Neonlicht Schicht für Schicht vor ihm entblättere. Er ist nicht wirklich interessiert und kümmert sich lieber um die Kleine mit dem dunklen Bob, die aufgeregt vor einem Bildschirm steht. Sie scheint nicht zufrieden zu sein mit dem Shooting, das er mit ihr gemacht hat. Flott sieht sie aus, hat Fön und Schere in den Händen, mit denen sie wie mit Pistolen in die Luft zielt. Das ganze „Foto Image“-Studio ist voll von solchen kreativen Bildideen des Künstlers. Eine schwarze Schwangere mit einem Sprühsahneherz auf dem prallen Bauch, eine Frau im weißen Hochzeitskleid, die sich pathetisch über eine Parkbank wirft, während sie die Hand ihres erstarrten Bräutigams hält. Solche Bilder. Sie füllen den Raum und laufen in Dauerschleife auf dem Bildschirm. Der Fotograf redet mit seiner Kundin was auf Türkisch, dann fallen sie ins Deutsche. Erst als ich Schal, dann Helm, dann Mütze ausgezogen habe, bemerkt er mich und grunzt ein Geräusch des Wiedererkennens. Es ist sein Recht, sich gleich wieder schlecht gelaunt hinter seinem Monitor zu vergraben, denn keiner erkennt seien wahre Meisterschaft und ich will auch nur Passfotos.
„Wird das ein Prospekt für Ihren Friseursalon?“, frage ich die Frau neben mir, um ein bisschen Konversation zu machen, bis der Meister geruht, nach meinen Wünschen zu fragen. „Nein, sagt sie, ich bin mobile Hundefriseurin. Aber ich habe auch ein Zimmer bei einem Tierarzt. Und da soll jetzt das Foto hin…“ „Damit ihre Kunden sehen, dass sie nicht beißen“, ergänze ich, verwundert über meinen Sprachwitz kurz nach Feierabend. „Ist das hier im Wedding?“ „Nee, im Wedding gibt’s ja nicht mehr so viele Deutsche. Und Türken haben kaum Hunde.“ Bevor ich richtig anfangen kann, Smal Talk zu machen, kommt der Fotograf wie eine schlecht gelaunte Kröte hinter seinem Tresen hervor. Es ist klar, dass er jetzt bald den Laden zumachen will. „Zufrieden?“, macht er eine Kopfbewegung  zu der Frau hin. Sie nickt. „Du hast wenigstens meinen Leberfleck im Gesicht gelassen. Ich war bei einem anderen, der hat auf dem Foto alles weggemacht. Als ob das was Schlechtes wär. Das gehört doch auch zu mir.“ „Da warst du bei einem Türken“, erhebt der Meister belehrend seine Stimme. „Die machen alles mit einem Klick weg, das ist ein Programm, da drücken die nur einmal drauf. Geh nicht zu Türken.“  Und es ist klar, dass es für ihn billige Türken gibt, und gute Türken, so wie ihn. „Ich bin doch selber Ausländerin, kommt es zurück. Aber die haben nicht gefragt. So ein Leberfleck ist doch schön, oder?“ Sie blickt mich fragend an. „Ja,“ sag ich,  war früher sogar Mode, sich Schönheitsflecken ins Gesicht zu kleben.“ „Jetzt sind dicke Hintern Mode“, kommt es von der anderen Seite des Tresens. Die kleine Frau nickt. „Mit so was kleinem wie meinem, guckt dich keiner mehr an.“ Der Fotograf erklärt mir das neue Berliner Schönheitsideal. „Da hatte ich die Tage eine schwarze Frau, und die haben ja sowieso schon…“ Er macht mit seinen Händen die Geste einer aufgehenden Sonne. „Aber die sagte: Kannst du das nicht so machen, dass es ein bisschen nach mehr aussieht, sonst gefällt das meinem Freund nicht.“

Dann winkt er mich in sein Atelier, das nur durch einen Glasperlenvorhang vom Laden geteilt ist, sagt mir, wie ich biometrisch schauen soll und knipst ein paar Mal. Kommentarlos gibt er den Druckauftrag in die riesige Entwicklermaschine hinter sich. Auf den Bildern, die sie ausspuckt, sehe ich aus wie ein Typ aus „Breaking Bad“ und das sage ich dem Meister auch. „Reicht jetzt“, zischt er, nimmt meine 10 Euro und schließt die Ladentür hinter mir zu.

75

Dieses Jahr werden in Berlin eine Menge Dinge 75 Jahre alt. Zum Beispiel der sowjetische Panzer am Ehrenmal vor dem Brandenburger Tor (natürlich ein T 34, soviel Zeit muss sein), der angeblich als erster die Stadtgrenze von Berlin überfuhr. Vor 25 Jahren hat mich ein seelenruhiger Wachtmeister von dem Panzer runtergeholt als ich meinte, sein Kanonenrohr wäre ein guter Ort, um sich die Love Parade anzusehen. „Kommse mal da runter“, raunzte er, das Ding ist 50 Jahre alt, da weiß man nie, wann das zusammenbricht.“ Na, er hat jetzt 75 Jahre gehalten, genau so wie die Bombe, die sie gestern vor dem Roten Rathaus ausgegraben haben. Es war eine deutsche Bombe mit sowjetischem Zünder. Und ich kann nicht umhin, die Dialektik zu bewundern, die die Sowjets beherrschten wie niemand anders. Eine deutsche Bombe zu nehmen, um mit ihr die Nazis zu bekämpfen und dann einen sowjetischen Zünder draufzuschrauben, der seit 75 Jahren zuverlässig das tut, was ein Zünder tun soll: Nicht zu explodieren.

Übrigens ist die Quersumme von 75 die 12, die Zahl der Vollkommenheit. Nächstes Jahr ist es dann die 13. Mal schauen, was dann die Bomben unter Berlin so machen.

Fast wie Weihnachten

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Gloria in excelsis deo! Lange Zeit sah es so aus, als wäre diese atemberaubend abschüssige Straße unter der fast fertigen neuen Brücke für die S 21, die meinen bisherigen Arbeitsweg abschneidet (die Brücke, nicht die Straße) das einzige Geschenk, das die Stadt Berlin mir zum hl. Fest macht. Und das würde ja eigentlich auch schon reichen, würde ja schon ein Zeichen der Hoffnung sein, weil diese Ersatzstraße tatsächlich fertig wurde, bevor die alte Straße gesperrt wurde. Da hat sich einer mal was gedacht. Hat an die Radfahrer gedacht, die sich sonst über die rumplige Tegler Straße nach Mitte quälten und hat ihnen was Nagelneues, Makelloses hingestellt, wo’s mal ein bisschen flotter wird und der Tag mit einem Jauchzen beginnt.

Aber Berlin kann mehr. Ich meine, für fast eine Milliarde Euro vier Kilometer S-Bahn bauen, das kann man anderswo wahrscheinlich besser und schneller, aber kurz vor Weihnachten auf n Nachmittag noch mal für eine richtige Überraschung sorgen, mal eben das Seelenheil retten, so auf die Schnelle, das geht nur hier.
Lauf ich doch mit meinem Jüngsten durch einen wundervoll stillen vierten Adventsnachmittag, so mehr so aus Verlegenheit und weil der Junge noch mal an die frische Luft muss, in Richtung Kinderbauernhof. Komm am Cafe Stern vorbei, nehm noch einen dieser wunderbaren Kaffees für ein Euro und einen Keks für den Kleinen. Trinke den in Ruhe, obwohl der Besitzer drängelt, weil er auch mal Weihnachten haben will, machen Wettrennen (mit dem Sohnemann, nicht mit dem Besitzer) auf dem Hof der Beuth-Hochschule und schauen uns die ewig gleichen Meerschweinchen, Ponys, Ziegen, Schafe, Gänse an. Füttern verboten. Der Knabe fremdelt beim Animalischen und friert. Noch ein Wettrennen bis zur Ampel. Wer sich auskennt, weiß, dass wir jetzt nur einen Steinwurf von dem epochalen Brückenbauwerk entfernt sind, aber das tut hier nichts zur Sache. Denn wir schnüren in die andere Richtung, der Heimat zu und ich will das junge Herz nicht mit den Abgründen Berliner Bauskandale belasten, schielen noch kurz zum Atze-Kindertheater rüber, weil ein bisschen Kultur wär ja nicht schlecht, so an einem langen Winterabend. Aber mein Junge hat es noch nicht so mit den darstellenden Künsten. Vergangene Weihnacht musste ich das barmende Kind im Foyer des Puppentheaters trösten, nur weil einmal das Krokodil zugebissen hatte. Also noch einmal um die Wette durch den Matsch gerannt. Kommen wir an der evangelischen Kirchenburg an der Seestraße vorbei, an der auf dem Hinweg eifrige Menschen ein Transparent aufhängten „Konzert 17 Uhr“. Hängt immer noch da, jetzt im Halbdunkel. Bin ich neugierig, schau ich aufs Handy. Nur ne halbe Stunde, überrede ich den Jungen , einfach mal reinschauen. Erwarte mir Orgelklang und steifes Gefiedel im leeren Kirchenschiff. Aber siehe: Die Bude ist voller Leben. Heute ist großes Weihnachtssingen, wo ich doch gestern noch, als wir unsern Weihnachtsbaum mit dem Handwagen nach Hause zogen, mit ebenjenem Kinde O Tannenbaum textsicher alle drei Strophen in die ungläubigen Straßen schallte. Der Junge, dem Vater gleich, singt gerne.
Auf der eichenen Kirchenbank liegt das Textheft mit vielen, vielen Liedern, die mein Herz in Schwingung setzen. Ich singe immer gleich von der ersten Strophe mit, die eigentlich dem Kirchenchor gehört, wie die Pfarrerin eindringlich mahnt, hauen doch ab der zweiten Strophe  der infernalische Posaunenchor und routinierte Kirchensänger, die es sonntags mit jeder Orgel aufnehmen können jede Besinnlichkeit in Fetzen. Warum machen die Evangelischen immer so einen Krach? Doch egal, auch wenn es nicht besinnlich ist. So wie ich da sitze und mit dem holden Knaben auf dem Schoß „Ihr Kinderlein kommet“ anstimme wird die Stimme flattrig und die Augen feucht. Nach zwei Stunden Lobpreis treten wir halbtaub auf die ruhig scheinende Straße. Das brave Kind kriegt einen der geliebten Eukalyptusbonbons, beim Vater hilft nichts mehr. Auf dem Heimweg stimmen uns lieblich die Martinshörner der Krankenwagen auf ihrem eiligen Weg zur Charité wieder in den Rhythmus der Großstadt ein. Ich bin reich beschert worden.

 

Früher

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Wäre ich nur 500 Meter weiter gegangen, hätte ich es über die Grenze geschafft. Dort wo die Straße den Berg hoch geht – den Prenzlauer Berg. Dort, wo sich die Baristas hinter U-Boot großen Espressomaschinen verschanzen und wo die Luft erfüllt ist von diabolischem Zischen. Dort hätte ich einen Kaffee nach meinen Wünschen bekommen.

Aber ich musste ja unbedingt am wimmeligen, engen Ende der Invalidenstraße in diesen schäbigen, schmalen Laden, der sich zwischen den Nobel-Food-Läden und der Ackerhalle gehalten hatte. „Backen wie früher“ versprach er mir auf seinem Schild. Und rein optisch ging dieses Versprechen auch sofort in Erfüllung. Früher muss ja nicht ganz früher gewsen sein. Es reicht nach 30 Jahren ja die Zeit direkt vor dem Mauerfall. Ja, und so sah es hier auch aus. Eine abgeschabte Ladeneinrichtung aus wuchtigem Resopal, Stehtische mit zerlesenen Zeitschriften, Glasvitirine mit handgeschriebenen Schildern und ein Blick in eine Backstube, in der noch weiße Knetmaschinen für echten Brotteig stehen. Kein Firlefanz mit Ährenkränzen und dem Bild von wogenden Weizenfeldern. Ein Sperrholzregal mit vier Brotsorten, von denen eine „Scharfe Kruste“ heißt und Schluss.

Aber heißt „Backen wie früher“ auch Kaffee wie früher, also ganz früher? Ich wage es und bestelle einen Milchkaffee. Und weil ich nicht weiß, wie weit der Geist der Cafelatte–Enklave auf dem Berg schon bis hierher heruntergeschwappt ist sage ich vorsichtshalber „ohne Schaum“. So war das nämlich früher, schwärme ich der Verkäuferin vor, als Milchkaffee noch „Cafe au Lait“ hieß. Ganz Connaiseur schwadroniere ich von einem „Noir“ den man mit gleichen Teilen Milch auffüllen muss, natürlich heißer Milch…  Die Frau hinter dem Tresen schaut mich in ihrer Kittelschürze ungerührt an und raunzt: „Ohne Schaum kann die Maschine nich.“

„Also früher…“ hebe ich wieder an, komme aber nicht weit weil ich unwirsch von einem jüngeren Herrn im wieder modischen Halbmantel unterbrochen werde: „Früher gab’s mehr Lametta.“ Spricht’s und drängelt sich vor mit seiner Bestellung, natürlich Vollkornbrot, und lässt mich sprachlos. Depp! Das hieß doch ganz anders. „Früher war mehr Lametta“ polterte doch der preußische Opa bei Klimbimm. Aber was weiß so ein junger Schnösel schon von früher? Und für eine schmissige Antwort ist es eh zu spät. Dafür dauert es in meinem mit Erinnerungen überfüllten Gehirn zu lange.

Also wat wolln‘ se nu?, drängelt die Berliner Bäckereifachverkäuferin. „Einen Kakao, einen heißen, stammle ich perplex.  „Dit jibt’s nich“ kommt es direkt zurück. „Wir ham Kakao nur kalt, hier in Flaschen.“ „Hier, auf ihrer Tafel steht’s doch.“, raunze ich ich jetzt auch. Nach 25 Jahren in Berlin bin ich im Zurückbellen geübt. Aber ich habe es  mit einer einheimischen Fachfrau für Höflichkeit zu tun. „Könnse nich lesn?“, blafft die Herrscherin über eine jämmerliche Baumarkt-Kaffeemaschine. „Da steht heiße Schokolade. Also wat wolln‘ se nu?“

Na das garanitert nich: Mich noch mal anblaffen zu lassen, so wie früher. Mein Weg führt mich über den früheren Mauerstreifen zurück in den heutigen Wedding. Zu freundlichen Falaffel-Bäckern und gut gelaunten Youngstern.
Von früher vermisse ich nichts mehr.

Ach ja, wer mehr über Berliner Bäckereiromantik lesen will, dem empfehle ich den Roman „Schmetterlinge aus Marzipan“ von Daniela Böhle. Eine Frau kämpft sich durch die Backstube zum Glück. Gar nicht süßlich, sondern sehr handfest.

Völlig losgelöst

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Das Schöne an diesem Sommer ist, dass jeder, der Mitte Fünfzig ist erzählen darf, wie er die Übertragung der Mondlandung erlebt hat, ohne dass jemand der Zuhörer die Augen verdreht.
Also bei mir war es morgens vor der Schule im Sonnenschein auf dem Rasen. Die Gemeinde hatte direkt vor der neuerbauten, hellen und modernen Grundschule Pavillions gesetzt, in denen die Lehrer wohnten. Und auf den Rasen vor diesem Pavillion hatte der einbeinige Schuldirektor, der sonst immer nur von Krieg und Gefangenschaft erzählte, seinen Fernseher geschleppt und uns Kinder drumerum postiert. Die Einheit von Leben und Arbeit. Damals hatte man noch Visionen – und Sendungsbewußtsein.
Bei mir scheinen nicht nur die Backpfeifen und Kopfnüsse, die der Direktor an den anderen Tagen verteilte, sondern auch der Funke der Mondlandung tiefe Spuren hinterlassen zu haben, denn auf dem Foto von Weihnachten ’69 stehe ich in einem hellblauen kunstseiden glänzenden Schlafanzug und einem weißen Raumfahrerhelm unter dem Arm. Und wenn ich mich recht erinnere, lief ich mit Schlafanzug und Helm auch noch auf dem Karnevalsumzug im folgenden Jahr herum, bis das billige, dünne Plastik zerbrach wie eine Eierschale.

Das andere Schöne an diesem Sommer ist, dass ich verstanden habe, wie ein „Narrativ“ funktioniert. Als man Ursula von der Leyen nach Brüssel schickte und die Medien nicht müde wurden zu erzählen, dass sie ja in Brüssel geboren sei, sodass es, nach heutiger Sicht ja irgendwie der Sinn ihres Lebens und all ihres Streben gewesen sein musste, nach Brüssel zurück zu kehren, wies ein kluger Journalist darauf hin, dass diese zwei Sachen, genau genommen,  nichts miteinander zu tun haben. Die pfiffigen PR-Leute der Kommissarin hatten die Verbindung hergestellt, damit aus der mit Vernunft nicht zu begründenden Entscheidung eine bewegende Geschichte wird.
Das kann ich auch.

Nehmen wir einmal an, dass der Kern meiner frühen Raumfahrtbegeisterung die Faszination über die neue Macht des Menschen war, die Schwerkraft zu überwinden. Und nehmen wir einmal an, der Wunsch, diese Kraft in neue Bahnen zu lenken, hätte mein weiteres Leben bestimmt. Dann könnte man die drei Radtouren, die ich in diesem Sommer mit meinen Freunden und meinem neuen, wundervollen, taubenblauen, chromblitzenden Fahrrad nach Brandenburg unternommen habe, als eine Reihe von planvollen Exprerimenten zur Überwindung großstädtischer Gravitation darstellen.
Und das geht so:

Jeder, der im Physikunterricht aufgepasst hat, weiß, dass die Schwerkraft oder Gravitation der Erde die Kraft ist, die alles an seinem Platz hält. Und weil die Gravitation allen Dingen innewohnt und mit der Größe der Dinge zunimmt, muss auch die große  Stadt Berlin eine große Gravitationskraft haben. Sie ist sogar so stark, dass sie Menschen aus der ganzen Welt anzieht, und sie ist so kräftig, dass die Neulinge, in Berlin angekommen, nicht mehr stehen können. Dazu braucht es kein Experiment, das kann man zur Zeit auf allen Berliner Bordsteinen beobachten. Die Anziehungskraft Berlins muss also größer sein als die der Erde, weil ja sonst die Menschen zu Hause bleiben würden. Deshalb widerum ist es für mich, einmal in Berlin sesshaft geworden, auch so schwer die Stadt wieder zu verlassen, und sei es auch nur in das nahegelegene Brandenburg. Die Schubkraft, die man dafür braucht, ist größer als die einer Apollo-Rakete.

Und jetzt behaupte ich einfach, dass ich nur deshalb nach Berlin gekommen bin, um dieses Problem rational lösen, und dass ich mich dafür einer Reihe von Experimenten unterwerfe, die auch in der Raumfahrt der 60er-Jahre zum Erfolg geführt haben.

Tierexperimente
Zuerst widerspreche ich allen Vermutungen, dass der Sturz der Nachbarskatze vom Balkon im dritten Stock in unseren Garten irgendetwas mit meiner Versuchsreihe zu tun hat. Ich habe schon als Kind das tragische Schicksal der Hündin „Laika“ in der sowjetischen Raumkapsel heftig beweint. Trotzdem hat es meine Forschung weiter gebracht. Es war wie die Sache mit Newton und dem Apfel. Als die Katze fiel und von der schreienden Besitzerin unversehrt aus den Blumenbeeten gerettet wurde, wurde mir klar, welch tückische Kraft die Gravitation ist und wie vorsichtig ich vorgehen musste.

Vordringen in die Statosphäre
Da hinter der Stadtgrenze Berlins bekanntlich das Nichts beginnt, war es wichtig, erste Erfahrungen in diesen Grenzregionen zu sammeln, um auf die zunehmede Reizlosigkeit und den Nahrungmittelmangel (Nimm Essen mit, du fährst nach Brandenburg) vorbereitet zu sein. Mit meinem Freund Michael tastete ich mich an der nördlichen Havel entlang bis nach Hennigsdorf vor. Dort wagten wir eine Strecke, die vom Radweg entlang der unnötigerweise verschwundenen Berliner Mauer in ein unbekanntes Waldgebiet führte. Zu unserem Erstaunen entdeckten wir eine Waldschänke in der es Bier und Wurst gab. Sollten unsere Annahmen über die Beschaffenheit des Raumes jenseits der Mauer falsch sein? Schnell versuchten wir den S-Bahnhof zu erreichen, unsere einzige Verbindung mit der Heimat, von dem wir den kontrollierten Rücksturz zur Erde versuchen wollten. Aber es schien in Brandenburg eine Kraft zu geben, die der natürlichen Bewegung ins Zentrum der Hauptstadt entgegenwirkt. Sie heißt „Schienenersatzverkehr“. Wahrscheinlich wurde sie von der Brandenburger Regierung erfunden, um die Menschen an der Rückkehr nach Berlin zu hindern und die ausgebluteten unendlichen Weiten wieder zu bevölkern. Unter Aufbietung unserer letzten Energie radelten wir entlang der S-Bahn-Trasse in die Stadt zurück. Das nächste Mal müssen wir vorbereitet sein.

Parabelflug
Wie hatte es Wernher von Braun gemacht? Einfach eine Rakete über die Ostsee geschossen und geschaut, wie die Schwerkraft sie wieder runter holt. In Form einer perfekten Parabel. So wollten wir es auch versuchen. Früh morgens schossen wir uns mir dem Regionalexpress nach Rheinsberg (ja, das von Tucholsky) um von dort langsam in einem schönen Bogen zurück nach Berlin zu gleiten. Das lief auch Anfangs ganz gut und wir flogen mit Leichtigkeit durch den jungen Morgen. Doch wir hatten vergessen, dass die Verbindung nach Berlin immer nur über geschütze Korridore funktioniert hat: Transitautobahnen, Luftkorridore, Fernradwege. Radfahrer, die die Fernradwege verlassen, werden von Vogonen gejagt, die einen mit mehr als 100 km/h von hinten anpeilen und knapp vorbeiziehen (wie man aus dem „Hitchhiker’s Guide to Galaxy“ weiß, schießen Vogonen gottseidank immer daneben.) Wenn wir gedacht hatten, dass es in Brandenburg nach 30 Jahren EU-Förderung keine Straße ohne Radweg mehr gibt, hatten wir uns auch da getäuscht. Das Geld ist für die glatt asphaltierten Bundesstraßen und die überdimensionierten Feuerwachen in jedem Dorf draufgegangen. Verzweifelt versuchten wir auf unserer Karte einen Ausweg zu finden. Aber die aktuellste Fahrradkarte für das Ruppiner Land ist von 2011, was uns eine Warnung hätte sein sollen. Sie zeigte uns einen Weg über die Felder, der erst zu einem Panzerplattenweg wurde und dann vor einem Golfclub endete, den die Karte noch nicht kannte. Da sag einer, die Östlichen Länder hätten den Aufschwung nicht geschafft. Da die Schwerkraft kein Zurück kennt, fuhren wir einfach querfeldein weiter auf einen naheliegenden Bahnübergang hin. Aber hier kam uns die Relativitätstheorie in die Quere. Wer sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, für den wird der Raum immer kürzer. Wer sich aber, wie wir, nahe dem absoluten Stillstand herumkrebst, für den wird selbst das naheliegendste Ziel unerreichbar. Fluchend rumpelten wir in schwüler Hitze durch die schattenlose Agrarsteppe, unsere Köpfe glühend wie zwei Supernovas kurz vor der Explosion. Die Gaststätte im nächsten Dorf hatte den Betrieb eingestellt. Nimm Wasser mit, du fährst nach Brandenburg.

Die Pforten des Himmels
Der dritte Versuch musste gelingen. Mit meinem Freund Jürgen machte ich einen Plan. Wir mussten zuerst das Schwarze Loch in der S-Bahnverbindung überwinden und dann so weit weg von Berlin kommen, dass wir beim Rücksturz über den Berlin-Kopenhagen- Radweg genug Energie hatten, den autoverseuchten Speckgürtel samt Autobahnring zu durchstoßen und direkt ins Zentrum der Hauptstadt zurückzukehren. Das Erste gelang uns mühelos, denn wir kannten ja inzwischen die Route neben den Gleisen. Dann schoß uns die Bahn bis nach Fürstenberg an der Havel. Von dort waren es nur ein paar Kilometer nach Himmelpfort. Das ist da wo der Weihnachtsmann seine Briefe schreibt. Eigentlich hatten wir unser Ziel erreicht und hätten zurückfahren können. Doch wir gerieten in den Sog eines neuen Gravitationsfeldes. Und das heißt Uckermark. Sanfte Hügel, dichte Wälder, tiefe Seen. Es zog uns weiter und weiter nach Osten. Irgendwann war klar, das wir hier würden übernachten müssen. Ja, wir wollten sogar. Und als wären wir mit dem Douglas Adam’schen Unwahrscheinlichkeitsgenerator unterwegs, tauchte vor uns das Schloss Boitzenburg auf, das auch noch zwei Zimmer für uns hatte. Und auch das Restaurant am Ende des Universums hatte noch offen für uns. Es heißt Grüner Baum und bietet das Feinste und Einfachste, was ich je nördlich von Berlin gegessen habe.
Nur die Vogonen hatten uns nicht vergessen. Sie hatten mittlerweile ihre riesigen Geländewagen und protzigen Ami-Schlitten hinter dem Schloss geparkt. Jetzt strömten sie in den Rittersaal, gerade unterhalb unserer Zimmer, um das zu feiern, was sie „Hochzeit“ nannten. Schrille Stimmen und wummernde Bässe, die den Boden unter meinen Füßen beben ließen. Als das dritte Abba-Lied nacheinander gedröhnt wurde, nahm ich eine Schlaftablette – nein zwei.