Can kommt nicht mehr

Wo Can war, wars lebendig. Wenn er hinterm Tresen stand in seinem kleinen Backshop neben der U-Bahn-Station, lief Musik. Hip Hop oder sowas in der Richtung. Mit seinen Gästen unterhielt er sich laut und fröhlich, nicht nur, um die Musik zu übertönen, sondern weil er so war. Baumlang, spindeldürr, immer aufgedreht und gut gelaunt. Ein großer Clown, der mit seinem langen, schmalen Gesicht was von einem Pferd hatte, auch weil ihm vorne rechts einer von seinen großen weißen Zähnen fehlte. Er ging mit mit der Musik. Seine Freunde, und alle die kamen, waren seine Freunde, wurden mit einem Spruch oder mit einem High Five begrüßt. „Bist du Bäcker oder Rapper?“ fragte mal einer in der Schlange vor dem vollen Tresen. „Rapper?, niemals!“, antwortete Can sofort und wie immer etwas zu laut. „Ich bin Bäcker!“ Die Brötchen und den Kuchen verkauften die Frauen, die neben ihm standen. Leicht genervt verdrehten sie ihre Augen, wenn Can mal wieder seine Show abzog. Aber er war die Seele vom Geschäft. An den Wänden hingen Bilder, die die Kinder aus der Nachbarschaft ihm in der kleinen Spielecke hinter dem Schaufenster gemalt hatten. Andere schenkten ihm eine Fotomontage, die ihm im Fußballtrikot zeigte. „FC Can“ stand darüber. „Der fröhlichste Backshop im Wedding“ dichtete ich in meinem Hinterkopf schon die Überschrift über einen Bericht für eines unser Kiezmagazine. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Vor ein paar Wochen setzte sich Can dann mal zu mir, als ich vor dem Laden einen Kaffee trank. Und sofort fing er an, mich zu unterhalten. Ich brauchte gar nicht zu fragen. Er war einfach so. Dass die Bäckerei von seiner Mutter aufgebaut worden sei. Dass die Frauen hinter der immer prall gefüllten Theke seine Schwester und seine Frau seien. Dass die Arbeit morgens um 4 Uhr anfange, und dass ihm das immer schwerer falle, obwohl er noch gar nicht so alt sei. Dass er in seinem Leben viel Unsinn gemacht habe, dass die Familie ihn aufgefangen habe und dass die Bäckerei jetzt endlich so gut laufe, dass er mal ein wenig kürzer treten könne. Mal nicht jeden Tag im Laden stehen. Mal Urlaub machen.

Danach habe ich Can lange nicht gesehen. Ich bin auch nicht jeden Tag an der U-Bahn und habe nicht immer Zeit für einen Kaffee. Aber dass auf einmal andere Frauen hinter dem Thresen standen, das fiel mir schon auf. Und ein anderer Mann, älter, graue, kurze Haare, schweigsam. Wo Can sei, fragte ich dann doch einmal, weil es mir komisch vorkam. „Can macht Urlaub“, hieß es dann knapp. Und als ich ein paar Wochen später noch einmal fragte, hieß es dann: „Can kommt nicht mehr.“ Er habe ein paar Wochen Urlaub in der Türkei gemacht und dann sei er mit der Idee zurück gekommen, sich dort niederzulassen, was Neues anzufangen. Und dann habe er den Laden an den neuen Besitzer übergeben. Es klang nach der offiziellen Version für die neugierigen Kunden. Sie machte eine Kopfbewegung nach draußen, wo der neue Besitzer mit Gästen am Tisch saß und sich mal auf Deutsch, mal auf Türkisch mit ihnen unterhielt. So wie Can. Sie lachten auch, aber es war nicht mehr das Gleiche. 

Ich wünsche ihm Glück, wo immer er jetzt auch ist.

Weltmeisterschaft next door

Ehrlich gesagt: Ich war froh als es vorbei war. Das lustlose Gekicke der DFB-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft. Die späten Abende, die man sich um die Ohren schlug, nur um mit der Gewissheit ins Bett zu gehen: Das wird nichts.

Und überhaupt. Warum muss ich mich vor den Bildschirm setzen und mir Übertragungen aus den fernen Amerikas anschauen, wenn sich die Nationen der Welt bei mir über die Straße treffen? Am Samstag war hier mal wieder das Berliner Interkulturelle Fußballturnier. Bereits das 16. mittlerweile. Ich musste es nicht lange suchen, denn die wummernden Beats, die die 18 Mannschaften begleiteten und die sich wie ein Klangteppich über unser Afrikanisches Viertel (heißt wirklich so, weil hier die Straßen ursprünglich nach den ehemaligen deutschen Kolonien benannt wurden) legten, wiesen mir den Weg. Dieses Jahr war etwas weniger los als sonst. Das Team der Berliner Polizei fehlte. Aber es war wie immer bunt und fröhlich. Die Teams hatten wie immer die Auflage, sich aus mindestens drei Herkunftsnationen zusammen zu setzen. Und wie jedes Jahr nahmen viele Gefüchteten-Teams teil.
Und wie jedes Jahr war alles wieder ziemlich durcheinander. Gespielt wurde quer über den Platz, immer zwei Matches gleichzeitig. Da war es für den Spielleiter mit der mächtigen, goldglänzenden Hip-Hopper-Sonnenbrille nicht einfach, den Überblick zu behalten. Manche Teams verschwanden mitten im Turnier, manche waren zur Siegerehrung nicht mehr da. Und auch die Trikots zeigten nicht immer an, wer zu welcher Mannschaft gehörte. Anscheinend hatte „Titan FC Berlin“ noch ein paar Shirts mehr mitgebracht, die auch andere Teams überzogen. Aber alle zeigten ununterbrochen vollen Einsatz. Da mag sich unsere Nationalelf mal eine Scheibe abschneiden.

Auch am Spielfeldrand zeigte sich Vielfalt. Seien es die kleinen Nachwuchskicker, die einfach so auf dem Spielfeld mit einem Plastikball die ersten Pässe probierten und vom Spielleiter schnell verjagt wurden, sei es das Team von der Elfenbeinküste, das versuchte beim Team-Foto professionell dreinzuschauen oder der Stand auf der BAOBAB-Messe, an dem mir freundliche Frauen äthiopischen Kaffee in kleinen Porzellanschalen für einen Euro anboten.

Irgendwann traf ich auch einen Mann mit Hut und in grünem Expeditions-Outfit, der sich als Matthias Oberg vom NARUD e.V. vorstellte. Er hat das Ganze hier auf den Platz gebracht. Ganz fest versprach ich ihm, dass ich über das Turnier in unserem Kiez-Magazin berichten werde. Aber dann stellte sich heraus, dass es wichtigere Neuigkeiten gab. Vor einem türkischen Späti war eine Handgranate explodiert.

Unter den Brücken

Karen Hellqvist beim Musik-Parcours „spreeklänge“ unter der Rohrdammbrücke, Berlin 2026

Die Kunst ahnt vieles voraus, aber die Kunst kann auch nicht alles wissen. Deswegen war es von der Berliner Akademie der Künste zwar sehr vorausschauend, den Musikparcours spreeklänge am heißesten Wochenende des Jahres direkt ans Wasser und unter die schattigen Spreebrücken zu legen, aber sie konnte auch nicht ahnen, dass der träge dahinfließende Fluß an dem Abend so aufgeheizt sein würde, dass er an manchen Stellen unangenehm nach Kloake zu riechen begann.
Das verdarb mir und meinem Freund, der mich aus meiner kühlen, abgedunkelten Wohnung gelockt hatte, aber die Freude nicht. Auch wenn die Veranstaltung einen Weg vorgab, den ich mir vor Jahren schon mal selbst erkundet hatte, war ich neugierig. An jeder der 12 Stationen hatten sich die Künstlerinnen und Künstler etwas Überraschendes einfallen lassen. Neue Klänge, auffällige Kostüme und viel Musik auf dem Wasser. Und nicht nur, weil ein Teil des Weges durch den Park von Schloss Charlottenburg führte, konnte man sich dabei fühlen wie ein Fürst, dem am Sommerabend zur Zerstreuung vielfältige Lustbarkeiten geboten wurden. Es war ein sehr exklusives Vergnügen, auch, weil nur einige wenige Entschlossene sich zu einer Reise durch die Gluthitze der Stadt an die grünen Ufer der Spree hatten aufraffen können, um neue Kompositionen und Performances rund um das Thema Wasser zu goutieren. Der Biergarten Caprivi gegenüber unserem Startpunkt im Rosengarten war deutlich besser besucht. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Wer hat das noch mal gesagt?

Dafür wars bei uns abwechslungsreicher. Viel lustiges Geschnatter in den Gruppen, die sich bei den Veranstaltungsorten einfanden, wissendes Lächeln, entzücktes Lauschen und erstauntes Fragen. Oft war nicht klar ob man da nur eine Gruppe Jugendlicher sah, die an freigetrampelten Uferstellen in einem industriellen Randgebiet chillten und dabei auf kleinen Flöten bliesen, oder ob das eine „Klangstation“ war, „ein zeitgenössisches Ritual der Ko-Präsenz, in dem das Zuhören zu einer relationalen Praxis wird und die Landschaft als Mitautorin fungiert.“, wie es die Komponisten im Informationsblatt selber beschrieben. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Kunst kann für mich banal wirken, nichtssagend oder unfreiwillig komisch. Aber immer bewundere ich die Ernsthaftigkeit, mit der versucht wird etwas Neues zu wagen. Und eine Klasse von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten dazu zu bringen, ihre Instrumente selber zu bauen und drei Abende hintereinander dazu zu bringen, mal was anderes zu machen als auf ihre Smartphones zu schauen, das ist auf jeden Fall eine Kunst. Ich weiß, wovon ich rede.

Was mir sehr gefallen hat, war der Auftritt des Chors der Künste unter der Rudolf Wissell-Brücke. Zehn Boote mit dreißig Frauen in weißen Gewändern, die in einer aufwändigen, genau abgestimmten Choreografie einen Klagegesang anstimmten, der sogar den Verkehr auf der Autobahn übertönte. (Laut Prospekt ein magisches TUTTI-Ereignis, das Kollektivität, Rationalität, Schönheit, Mut und Universalität wieder zusammensetzt). Dass die mächtige, geschwungene Autobahnbrücke akut einsturzgefährdet ist, wie mir mein Freund ins Ohr raunte, machte den Kunstgenuss noch ein bisschen prickelnder. Aber mein absoluter Favorit war „two hands, two bows (one man in a boat) von Stefan Froleyks. Halb versteckt in der Vegetation saß ein Mann in einem Ruderboot, festgemacht am Spreeufer, während ganz in der Nähe die S-Bahn vorbeidonnerte. Froleyks spielt, unter einem Anglerschirm sitzend, die „Saitenwanne“. Ein selbstgebautes Instrument aus einer Zinkwanne, die er in eine Art Kontrabass verwandelt hatte, dessen Saiten er mit zwei Bögen bearbeitete. Minimalistische Musik + S-Bahn. Ich applaudierte, als er mal eine Pause machte. Der Künstler dankte, die anderen Zuhörer schauten seltsam. Macht man wohl nicht.

Zum Schluss noch was zum Thema „Ko-Präsenz“ und „relationale Praxis“: Der größte Teil der Strecke ging durch ein Kleingartengelände und ich fand es wunderbar, wie die Laubenpieper und die Künstler miteinander auskamen. Mancher stellte eine Kiste frisch gepflückte Kirschen an den Weg für die man in eine „Kasse des Vertrauens“ nach Belieben etwas einwerfen konnte, manche verkauften Honig und keiner sagte was wegen Ruhestörung, als die sechs „Maulwerker“ ununterbrochen und lautstark ihre „Verspre(e)chungen rezitierten. Aber vielleicht sind sie ja auch schon einiges gewohnt. Denn all die sensiblen Klanginstallationen und Stimmperformances wurden ständig von den hämmernden Soundanlagen der Ausflugsdampfer übertönt, die mit wummernden Roland-Kaiser-Klängen die Spree für sich beanspruchten.

Aufforderung zum Tanz

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Fête de la musique: Ein wunderbar warmer Sommerabend. Auf dem Parkplatz des Centre Français in Berlin spielt die letzte Band. Der Platz vor der Bühne ist voll. Mit wilder Polka und Balladen, mal mit deutschen, mal mit französischen Texten hat „Drückerkolonne“ die Leute in Bewegung gebracht. Aber das reicht dem Sänger nicht. Er teilt das Publikum nach links und nach rechts auf. Und dann sollen sich in dem frei gewordenen Raum in der Mitte Pärchen finden, sich einhaken und sich drehen.
Vor mir will eine kleine Frau mit weißen Haaren ihren baumlangen, stämmigen Gatten zum Tanz auffordern. Aber der steht stocksteif da und hält sich an seinem Bierbecher fest. Sie schwingt schon mit der Musik und lässt sich nicht lange bitten: Ein Lächeln, ein angebotener Arm und schon drehen wir uns mit allen anderen auf dem Platz – mal linksrum, mal rechtsrum.
Das Glück ist kurz. Kaum haben wir aufgehört zu tanzen, spüre ich von hinten die schwere Pranke ihres Mannes auf der Schulter. Kurz ist mir flau, denn dreht er mich mit seiner kräftigen Hand zu sich um. „Dit is Wedding!“, raunt er mir mit schwerer Zunge kumpelhaft zu und kreist mit dem Bierbecher rüber zu dem tanzenden Volk. „Dit is Wedding!“ stimme ich erleichtert ein, als ich weiß, dass er mir nichts Böses will.

So lernt man hier seine Nachbarn kennen.

Auf der Baustelle

Er war schon da, als ich noch nicht da war. Und seit ich da bin war ich nie da. Aber seit ein paar Monaten ist er verschwunden und deswegen habe ich habe ihn endlich gefunden.

„Ist schon komisch“, sagt die Friseurmeisterin mit der roten Petra-Pau-Lookalike-Igelfrisur und bunter Halskette. „Seit das Baugerüst vor unserem Laden ist, haben wir mehr Kundschaft. „Vielleicht weil die Leute langsamer gehen und merken: Da ist ja noch ein Friseur.“, mutmaße ich. Denn genau so ist es mir gegangen. Erst durch den Aufsteller mit dem völlig aus der Zeit gefallenen Plakat auf dem Gehweg bin ich in den Laden gestolpert. Nächstes Wochenende hat mein Ältester Jugendfeier, da muss ich obenrum gut aussehen, weil er mir schon eine handbreit über den Kopf gewachsen ist und ich neben ihm sonst aussehe wie ein grauer Gnom.
„Haare ab?“ fragt die Chefin, als ich meine Mütze an die Garderobe hänge. Die Jacke nimmt sie mir ab, und hängt sie auf einen Bügel mit Kunstlederbezug und Nieten. „Haare ab!“ nicke ich, froh mal nicht nach den Worten suchen zu müssen, die passen, wie es bei den türkischen, kurdischen, arabischen oder vietnamesischen Barbershops in meinem Viertel üblicherweise tue, und trotzdem verstanden zu werden. Die Frau macht sich gleich an die Arbeit und sie gibt mir das Gefühl, dass ich mich jetzt entspannen kann. Ohne zu wissen, was ich erst später erfrage, dass sie Friseurmeisterin ist und dass sie den Laden seit 23 Jahren führt, merke ich an jedem Handgriff, dass hier jemand am Werk ist, die weiß, was sie tut und weiß was ich brauche. Und sie beherrscht die Kunst des unverbindlichen Friseurgeplauders. Nie aufdringlich, nie zu persönlich. Freundlich und respektvoll. Neben mir arbeitet ihr schmaler kleiner Kollege im roten Friseurkittel und schütterem Haar an den eingeschäumten Haaren einer älteren Frau. Sie erzählt wie sie als Kind in den Trümmern der Stadt gespielt hat und dass sie jetzt auf eine goldene Hochzeit eingeladen ist. Altes Deutschland. Ein bisschen ist es wie beim Dorffriseur in meiner Kindheit. Auf dem Bord über den Spiegeln stehen Frisierpuppen und ein Männerkopf mit eingeseiftem Bart. „Haben da ihre Lehrlinge das Rasieren gelernt?“, frage ich. „Ja, aber heute darf man ja nicht mehr nass rasieren. Gesundheitsgefährdung, sagt die Berufsgenossenschaft.“ Ich hake noch mal nach, ob es mit Blut und HIV zu tun hat, aber das ist ihr dann doch zu verbindlich. Statt einer Antwort holt sie den Spiegel und lässt mich meinen frisch frisierten Nacken begutachten. „So gut sah ich lange nicht mehr aus.“, flachse ich und sie nimmt das Kompliment freundlich schweigend entgegen. „18 Euro Fünfzig“.
Im Rausgehen sag ich noch gut gelaunt in den Raum: „Wahrscheinlich merkt wieder keiner, dass ich beim Friseur gewesen bin.“ „Ich geh jeden Tag zum Friseur.“, kontert der kleine Mann am Frisierstuhl, „Und das merkt ooch keener.“ Berliner Schnauze, mal gut gelaunt. Das nächste Mal zahl ich Eintritt.

Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Habemus cinemam


Wir haben ein neues Kino in unserem Kiez. Es ist gleich bei mir um die Ecke, in der Plantagenstraße. Wenn sie nach Berlin kommen, schauen sie mal vorbei. Denn es ist schön geworden, das neue Kino Arsenal in der renovierten Westhalle des ehemaligen Krematoriums (das jetzt zum „Silent Green“-Kulturquartier geworden ist). Geradezu umwerfend schön. Ein echtes Juwel in Berlin. Da will ich mal nicht meckern. Noch vor einem Jahr war die Halle eine Baustelle, der man die ursprüngliche Nutzung als Aufbahrungshalle für Verstorbene noch anmerkte. Jetzt ist hier ein Kinosaal entstanden, der in Berlin seinesgleichen sucht.

Foto: Vali Djordjević

Spektakulär ist auf den ersten Blick die Akustikverkleidung unter der spitz zulaufenden Decke. Es ist als hätte man eine Kulisse aus einem expressionistischen Stummfilm mit einem  Raumschiff gekreuzt. Dr. Caligari meets Raumpatroullie, um es mal für Filmfreunde zu beschreiben.

Die stramm gepolsterten Sitzreihen mit viel Beinfreiheit sollen „Zurücklehnen und aktive Teilnahme ermöglichen“, wie die künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, Stefanie Schulte Strathaus es bei der Test-Vorstellung verkündete. Also kritische Filmkunst – kein Popcorn-Kino. Deshalb ist viel schwarz-weiß auf der Leinwand zu sehen. Den Anfang machte ein iranischer Film über einen Postboten aus den 50ern. Eine Woyzeck- Adaption in der der traurige Held ständig Hanfsamen essen muss. Ich mag solche Filme. Und mit mir vielleicht hundert andere Leute, die dafür aus ganz Berlin gekommen sind. Bevor das Arsenal-Kino aufmachte war ich im Centre Français (auch bei mir um die Ecke, mit einem Kinosaal aus den 1960ern) zwei Mal in der schwarz-weißen Neuverfilmung von „Der Fremde“ und natürlich auch in „Nouvelle Vague“. Auch in schwarz-weiß. Und inzwischen auch schon wieder in „Das Mädchen mit dem Koffer“, mit Claudia Cardinale, aus den 1960ern im Arsenal. Und das geht jetzt immer so weiter. Ich hätte ständig einen Grund, mir einen schönen Abend zu machen.
Auch vor dem Kino gibt es genug Raum für schöne Abende. Durch eine Tür im Foyer kann man auf das Gelände des Silent Green und des Restaurants MARS gelangen. Eine milde Frühsommernacht empfängt mich. Und wenn man vergisst, dass man zwischen einem Krematorium und einem verlassenen Urnenfriedhof sitzt, kann man hier wunderbar unter Lampions mit Freunden den letzten Film durchquatschen.

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Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch die großzügige Unterstützung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Wolfgang Weimer. Der BKM hat sich in Berlin unbeliebt gemacht, denn er hat etwas gegen Buchläden, die er politisch für zu links hält. Aber er (oder vielleicht eher seine Vorgängerin Claudia Roth) scheint ein großes Herz für den Wedding zu haben. Unterstützung gibt es nicht nur für das neue Arsenal-Kino. Nachrichten melden auch eine Beteiligung des BKM bei dem geplanten Umbau des ehemaligen französischen Soldatenkinos L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm in ein Berliner „House of Jazz“. Mir soll’s recht sein. Dann muss ich auch meinem Kiez gar nicht mehr raus. Berlin kann so schön sein. Kommse doch mal rüber, kiecken.

Warum?

Von weit her schreit mich die Frau von ihrem Balkon an: „Warum?“, ruft sie und es klingt wütend. Gerade habe ich ein Foto von dem heruntergekommen Wohnblock gemacht, in deren Erdgeschoss sie mit ihrer Familie in der Sonne sitzt. Mehr Worte werden nicht gewechselt, wohl auch, weil sie wenige Worte in Deutsch kennt. Aber sie schafft es das eine Wort so auszusprechen, dass ich genau verstehe, was sie meint: Wieso nimmst du dir das Recht heraus, uns hier zu fotografieren? Warum fotografierst du dieses schäbige Haus? Und warum können wir uns nicht dagegen wehren? Ja warum? Warum fotografiere ich nicht die Schillerparksiedlung, durch die ich gerade gelaufen bin? Die ist schön, Bauhausarchitektur, UNESCO-Weltkulturerbe, warum nicht die 50er-Jahre-Siedlung nebendran? Die ist immerhin geschütztes Denkmal, leicht, luftig, mit großen Balkons. Warum habe ich erst den Fotoapparat herausgeholt, als ich in die Siedlung kam, in der die Farben verblichen waren, wo an einigen Fenstern noch die Rauchspuren von vergangenen Zimmerbränden an der Fassade sichtbar waren und die wie bunte Kinderkleckse auf der Wand verteilten, grob zugeschmierten Löcher in der schon wieder renovierungsbedürftigen Wandisolierung? Elendstourismus in die Nachbarschaft? „Es ist wegen der Farbe. Wegen pastellfarbenen Balkone unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel.“, würde ich gerne rufen. Aber das würde die Frau wohl nicht verstehen. Ich verstehs ja selber nicht. Statt dessen rufe ich „Nicht Sie, ihr Haus!“. Lösche das Bild und laufe weiter. Vielleicht sollte ich anfangen, die Menschen zu fragen und dann die Menschen zu fotografieren und nicht die Häuser. Das habe ich versucht. Aber nur so zum Spaß will das in Zeiten der deep fakes keiner mehr.

Als ich mir später in der Pizzeria die Fotos anschaue, gefallen sie mir trotzdem.

Red Skies over Paradise

Als ich abends um acht aus der U-Bahn steige, denke ich: Die Welt geht unter. Schwarzer Himmel und eine glutrote Wolke über den Häusern, so tief und so riesig, wie ein UFO. Das kann ja nicht mehr mit rechten Dingen zugehen.

Ja, der Rote Wedding macht seinem Namen alle Ehre. Und auch der Weddinger Blutmai hatte gerade wieder Jubiläum. Aber um ehrlich zu sein, denke ich vor allem an das legendäre Album von FischerZ „Red Skies over Paradise“. Ist auch ein Song über Berlin drauf. „This sore red eyes explore the room again…“ Müde Augen, die rastlos die Zimmerwände in einer Butze in Berlin absuchen? Ein Getriebener, an seiner Existenz und an Berlin leidend, diesem “island in Germany“. Wie habe ich mich mit Zwanzig danach gesehnt. Kann ich jetzt jede Nacht in meinem Zinmer in Berlin haben. Und ab heute noch mit rotem Himmel dazu. Dass ich das noch erleben darf.

Generationswechsel

Die CDU hatte immer recht: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau; Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee 1. Mai 2026

Ich bin mal wieder im falschen Film. Unter roten Fahnen aufgestellt laufe ich über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Zwischen prächtig herausgeputzten Plattenbauten, das frisch renovierte Kino „International“ und die viel besungene Mokka-Milch-Eis-Bar zur rechten und das ebenfalls grundsanierte Café Moskau zur linken, strebt die Demonstration auf das Rote Rathaus zu. Auch das „Haus der Statistik“ hat seine Zeiten als bröckelnde Ruine und Trümmer-Theater hinter sich und strahlt in frischem Weiß. Auf den Transparenten um mich herum wird der Sieg des Sozialismus und die internationale Solidarität beschworen. Junge Männer verteilen kostenlos das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“. Auf dem Alexanderplatz hieven mächtige Kräne einen neuen Wolkenkratzer aus dem Beton, höher noch und prächtiger als der Turm des Interhotel „Hotel Stadt Berlin“, das das in den 1970ern das höchste Hotel in Berlin – Hauptstadt der DDR war. Das neue Haus wird so hoch, dass es fast dem Fernsehturm Konkurrenz macht, an manchen Stellen verdeckt es ihn sogar. Hat der Sozialismus doch gesiegt? Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonn scheint ohn Unterlass. Es geht vorwärts. Ich gehe mit.

Wo bin ich? In einem besseren Land, in dem es keinen Wohnungsmangel, keine Inflation und keine Kriegsgefahr gibt? Oder bin ich hier in die Dreharbeiten für „Good bye Lenin II“ geraten? Vielleicht ist das ein Reinactment der 1. Mai-Paraden? Aber wo sind dann die Betriebskampfgruppen und die Ehrentribühne des Politbüros? Und wieso ist das Ambulatorium – eine der wichtigsten Errungenschaften jeder sozialistischen Siedlung- so heruntergekommen? Hat man vergessen die Fassade rechtzeitig für die 1. Mai-Parade zu tünchen, oder bin ich in Wirklichkeit einem Land, das kein Geld mehr hat für die Kranken?

„Zeigt eure Fahnen!“ brüllt eine junge Frau von einem Lastwagen herunter eine bunt zusammengewürfelte Truppe an, die mit den Fahnen der DGB-Gewerkschaften hinter dem Musik-Truck hertrotten. Das hat was von Love-Parade und reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich taumele an einem Stand der SPD vorbei, die wie immer die wirklichen Bedürfnisse der revolutionären Massen gut erkannt hat. Die Genossen schenken Kaffee in roten Pappbechern aus. Der bringt mich in die Gegenwart zurück. Danke, Genossen!
„Wir wollen ein schönes Leben für alle“ blökt es durch ein anderes Megafon, durch das vorher die krassesten Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt wurden. Das klingt nicht nach Klassenkampf sondern nach Bullerbü. „Wir wollen ein bezahlbares und solidarisches Neukölln“ steht bescheiden auf einem Banner. Das erinnert mich an meine Tochter, die dort wohnt und sich in ihrem Kiez nützlich macht. Ich schicke ihr ein Foto und fordere sie ironisch auf „Heraus zum 1. Mai“, wohl wissend, dass sie an ihren freien Tagen kaum um 11 Uhr aus dem Bett kommt. „Bin schon da!“ kommt es zurück „vorne links“. Und wieder glaube ich zu träumen, als ich das große Kind in roter Gewerkschaftsweste finde. Davon wusste ich gar nichts. Des Vaters Fußstapfen sind nicht so groß, dass sie hineintreten müsste, aber ich freue mich trotzdem. Brav rufe ich mit ihr und ihren Freunden „Hoch die internationale Solidarität“ und „Wir sind die Generation, die den Faschismus stoppt“. Zwischendrin fragt sie mich, warum ich mich so dick angezogen hätte und ob ich mein Gesicht gegen die Sonne geschützt hätte? Sie reicht mir die Sonnencreme Schutzfaktor 50 rüber. Es riecht nach Urlaub. Zusammen gehen wir noch über das Maifest am Marx-Engels-Forum. Aber da geht es nur noch um die Wurst. Es gibt Bratwurst von ver.di oder von der BSR oder von der IG-Metall. Aber ich fülle die Gewerkschaftskassen schon genug mit meinen Beiträgen, da muss ich mich nicht noch in die Arbeitereinheitsfront vor der Wurstbude einreihen, zumal im Hintergrund eine echtes proletarisches Schalmeienorchester quääckt. Und ich denke erleichtert, dass ich langsam aufhören kann auf Demos zu gehen und das der nächsten Generation überlassen kann.