Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.
Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.
Die Stadt ist dunkel, warm und voll mit Polizei. Ständig muss ich mit meinem Moped rechts ran, weil von hinten Blaulicht und Sirenen ihren Respekt fordern. Es ist der Abend nach dem CSD-Anschlag. „Eine Stadt sucht einen Mörder“, titelt der Tagesspiegel. Ich weiß zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass sie ihn schon gefunden und erschossen hat. Ich habe andere Sorgen. Jedes Mal geht mir bei der Aktion der Motor aus. Der Tank ist fast leer und der Vergaser verstopft. So auch jetzt an der Ampel. Ich muss wieder ankicken und komme gerade noch über die Kreuzung. In der Straße rechts sehe ich im Vorbeifahren ein Polizeimotorrad, blau weiß, Moto Guzzi, wie sie auch die Berliner Polizei mal hatte. Mein Motor geht aus. Ich schiebe nach der Kreuzung das Moped auf den Bordstein. Das Motorrad hält neben mir. Ich hab keine Angst. Nicht vor einer übereifrigen Polizei, wie im heißen Herbst 77, als eine Freundin mit ihrer Vespa in Bonn genau vor dem Kanzleramt liegen geblieben war und plötzlich in den Lauf einer Maschinenpistole guckte. Nicht vor irgendwelchen Kontrollen. Denn das letzte Mal, als ich von der Polizei mitten in der Nacht wegen meines Bremslichts angehalten wurde, stieg der Beamte aus und outete sich als Simson-Fahrer. Statt eines Strafzettels zeigte er mir, an welcher Schraube ich mein Bremslicht richtig einstellen könnte.
Jetzt sehe ich, dass es keine Berliner Maschine ist, die neben mir hält, sondern eine von der Policia Stradale aus dem Italien der 1970er Jahre. Ein renovierter Oldtimer. In dem Zustand ein kleines Vermögen wert. Gefahren wird sie von einer jungen Frau mit Jet-Helm, rundem Gesicht und robusten Klamotten. Sie hat eine Freundin im gleichen Outfit auf dem Sozius. „Kann ich dir helfen?“, fragt die junge Frau über den Lenker. „Du brauchst Sprit, nicht?“ „Ja“, sag ich noch ganz überrascht von dem Angebot, „Mir fehlt Sprit.“ „Also, ich kann für dich zur nächsten Tanke fahren. Ne Wasserflasche hab ich dabei, wenn dir ein Liter weiterhilft. Ich mein: gibst mir nen Fünfer und wartest hier.“ Woher kenne ich das? Das ist Motorradfahrerethos der ganz alten Schule. Noch älter als das Motorrad, auf dem die beiden Frauen sitzen. „Motorradfahrer helfen einander“ Weil jedem mal was passieren konnte. Weil die Maschinen unzuverlässig waren, weil man zu einer kleinen, vom Bürgertum verachteten Minderheit gehörte. Klacks Leverkus, der Herausgeber der Zeitschrift „Motorrad“ hat sie in den 1960ern in die Welt gesetzt als noch nicht jeder Rechtsanwalt neben seinem BMW eine Harley in der Garage hatte. Genau so war ich unterwegs, als ich mein erstes richtiges Motorrad hatte. Helfen um dazu zu gehören – zu den richtigen Motorradfahren. „Danke,“, sag ich. „Ich schieb das Moped um die Ecke. Ist nicht weit bis zur nächsten U-Bahn. Dann kann ich es morgen abholen.“ Aber sie lässt nicht locker. „Du hast es doch bestimmt weit bis nach Hause, da ist doch besser, wenn ich dir jetzt was hole.“ The Girl on a Motorcycle. Das ist ein Film mit Marianne Faithful, die im engen Lederanzug mit einer Harley durch die Männerfantasien der 60er- Jahre bis nach Heidelberg braust. Hab ich mir das nicht immer gewünscht? Ich brauche keine Hilfe. Aber warum nicht einen Sommerabend mit zwei hilfsbereiten Frauen zu Ende bringen? Sie zum Dank auf ein Bier einladen, hier mitten im verrückt gewordenen Berlin? „Ich brauche Benzin und Öl.“, sag ich stattdessen. „Ist ein Zweitakter.“ „Zweitakter?, Versteh ich nicht.“, sagt sie. „Ist zwar ein altes Motorrad hier, aber ich lass das in der Werkstatt machen.“ Diese pfadfinderhafte Ehrlichkeit, und jetzt bringe ich sie auch noch um ihre gute Tat für diesen Tag. „Ich brauche ein paar Tropfen Öl im Benzin, sonst läuft der Motor heiß. Ist bei den alten Mopeds so.“ , entschuldige ich mich. Sie bleibt freundlich und ich finde ein paar höfliche Worte über ihre geleistete Motorradfahrer*innensolidarität. Sie gibt Gas, dreht auf die andere Straßenseite und beide winken mir noch mal aufmunternd zu. Ich stottere mit meinem Moped bis zur nächsten Tanke. Zwei Liter E5 pur, das wird den Vergaser durchspülen und der Motor wird es schon aushalten bis nach Hause. Als ich bezahlen will, liegen sich der Tankwart und die Tankwartin hinter der Würstchentheke in den Armen und strahlen sich an. „Wir haben uns gerade gesagt, dass wir unsere Arbeit lieben.“, sagt die Wartin und mir fällt nichts anderes ein als „Ich liebe ihre Arbeit auch.“, weil ich mich wirklich freue, kurz vor Mitternacht noch Benzin zu bekommen. „Dann liken sie uns doch auf K Circle Station Chausseestraße.“ „Werde ich ganz sicher tun.“, verabschiede ich mich. Draußen erwarten mich noch ein paar rasende Blaulichter in alle Richtungen, aber ich komme heil nach Hause. Es gibt noch Menschen, die einem Hoffnung machen in dieser wunderbaren Stadt.
Das Glück erwischt einen ja an den Orten, an dem man es am wenigsten erwartet. Es braucht nur ein bisschen Sonnenschein, eine Nacht, in der das Thermometer um 10 Grad gestiegen ist und die erste Tour mit dem Moped, dann wird sogar ein Café in einem Berliner Waschbetonviertel aus den 1970er-Jahren zu einer Insel der Glückseligkeit. 2000 Kilometer weiter östlich tobt seit vier Jahren ein Krieg, über unsere Straßen rollen Autos, die Panzern gleichen und an der Ecke verwandeln sich hinter den Baugerüsten Sozialbauten in Investmentobjekte. Wie immer. Aber doch nicht gerade jetzt, doch nicht in diesem Moment. Grade ist doch alles friedlich. Sogar das rasende Bollern der SUV-Reifen über das Kopfsteinpflaster, das durch die offene Tür herein kommt, hört sich für mich an wie ein willkommenes Zeichen des wiedererwachten Lebens. Mir geht‘s gut. Die selbstbewussten Frauen, die das Café Freysinn hier seit Jahren schmeißen haben mir die Wahl zwischen fünf vegetarischen Gerichten gelassen und als ich danach noch sehnsüchtig auf den Mohnkuchen in der Vitrine schmulte (das ist mein Lieblings-Alt-Berliner Wort und bedeutet „verstohlen neugierig schauen“), kriegte ich das Reststück für n‘ nen Euro. So schön kann Berlin sein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu. Natürlich nicht. „Jedes echte Glücksgefühl ist künstlich.“, heißt der alte Säuferspruch. Aber bei mir ist es kein Schnaps, der mich froh macht in einer Welt, die zum Heulen ist, sondern Vitamin B 12. Das fehlte mir nämlich bis vor einer halben Stunde. „Die Spritze wird von manchen Menschen als euphorisiernd empfunden.“, hatte mich die Ärztin gewarnt. So ist das mit der Körperchemie. Man denkt es ist der holde Lenz, der die zartesten Gefühle in einem weckt und dabei kommt das Glück aus den Retorten der Bayer AG, hier um die Ecke in der Seestraße. Aber wie alles Glück ist auch das aus der Spritze nicht vollkommen. „Ihnen fehlt auch noch Selen“, hatte die Ärztin sorgenvoll mit Blick auf die Laborwerte festgestellt. „Das ist ein Element, das steckt in Brot und Getreide.“ Seltsam, davon esse ich doch mehr als genug, staunte ich. Aus heimischem Anbau und in bio. „Ja, aber Deutschland ist ein Selen-Mangelgebiet. Das kommt hier im Boden nicht ausreichend vor.“, wurde ich aufgeklärt. Da hatte mich die Weltpolitik wieder. Die Deutschen können sich mit seltenen Erden nicht selber versorgen. Wer hat das Monopol auf Selen-Tabletten? Hängt mein Glück und meine Gesundheit am Ende vom Erfolg der China-Reise des Bundeskanzlers ab?
Nein. Mein Glück hängt vom Glück meiner Mitmenschen ab. Heute Abend klingelte es an der Haustüre. Eine verwaschene Männerstimme meinte durch die Sprechanlage, ich solle „mal aufmachen“. Irgend ein geknechteter Mensch wahrscheinlich, der die Briefkästen mit Prospekten vollstopfen will. Da bin ich natürlich solidarisch und skeptisch zugleich. Ist ja schon einiges vorgekommen. Also drücke ich auf den Öffner und gehe gleich nach unten, um zu schauen. In der offenen Tür lehnt ein Typ meines Alters, spindeldünn, schwarze Klamotten, Bikerbart und eine Bierflasche in der Hand. Nicht die erste für heute, denn gerade stehen kann er nicht mehr. Vitamin B 12 hätte ihn auch nicht glücklicher machen können. In der anderen Hand hat er den Schlüssel meines Mopeds. „Den haste in deiner Simson stecken lassen.“, sagt er und deutet auf mein Moped, das vor der Tür auf dem Gehsteig parkt. „Darfste nich machen, die Dinger sind schwer begehrt. Ich weiß, wovon ich rede.“ Drückt mir den Schlüssel in die Hand, wuchtet sich vom Türrahmen weg und schlurft glücklich weiter.
Ich repariere mein Moped auf dem Gehweg vor der Haustüre. Hatte einen blöden Unfall vor ein paar Tagen an der Ecke wo das Spielcasino ist. Der Mann im Kleinwagen vor mir sieht einen Kumpel in der Kneipe auf anderen Straßenseite, haut in die Bremsen und zieht links rüber. Ich knalle hinten drauf. „Ich hab doch geblinkt“, schreit der blasse, dünne Kerl, der aus dem Auto springt. „Du bist rübergezogen ohne zu blicken“, schrei ich zurück. „Hol doch die Polizei, die wird dir sagen, wer hier schuld ist.“ Ich fotografiere sein Nummernschild. Das übliche Gezeter. Plötzlich steht sein Freund aus der Kneipe neben ihm. Breitschultrig, dunkler Bart, hängende Arme. „Kann ich helfen?“, fragt er. Und er will mich wohl wirklich nach Hause fahren. Der Fahrer will dafür, dass ich das Foto lösche. Irgendwas ist hier faul, aber: zwei gegen einen. Ich sehe zu, dass ich das Moped wieder ans Laufen kriege und fahre weiter. Meine Söhne warten, dass ich sie vom Sport abhole. Jetzt sitz ich hier mit dem Schaden. Ich habe den Scheinwerfer ausgebaut, kneife ein Auge zu und halte die Glühbirne prüfend gegen den wolkenlosen Himmel. Die ist hinüber. „Wie ein Diamant“, höre ich jemand hinter mir sagen. Ein junges arabisches Pärchen geht mit seinem Kinderwagen an mir vorbei. „So prüft man einen Diamanten“, ruft der junge Mann über die Schulter zu und lacht aufmunternd. Der Autoteileladen am Ende der Müllerstraße verkauft mit einen neuen Diamanten für 5,90 Euro.
Na, ist noch jemand zu Hause? Oder sind alle draußen im Grünen bei dem schönen Wetter? Also mein Freund und ich waren nach dem Feiertag (ja, Berlin hat die Befreiung von Krieg und Naziherrschaft am 8. Mai mit einem Feiertag begangen) mit dem Rad unterwegs. Von Frankfurt/Oder durchs Schlaubetal nach Eisenhüttenstadt und zurück. Die „Mönchstour“, weil man dabei am Kloster Neuzelle vorbeikommt. Ja, war wieder schön gewesen. Hier ist Brandenburg so ein bisschen wie da wo ich herkomme. Es klappert die Mühle am rauschenden Bach. Die Schlaube ist ein kleiner Bach, an dem früher viele Mühlen und Eisenhämmer betrieben wurden. Heute sind das Biergärten. Wir kehren gleich beim ersten ein, nachdem wir den Schreck am Bahnhof Frankfurt hinter uns haben: Viel Polizei in voller Montur. Grenzkontrollen an der Friedensgrenze zu Polen. Und das auf nüchternen Magen. Wir sind unverdächtig. Und nachdem ich mich bei der Bäckereiverkäuferin, die tapfer das babylonische Sprachgewirr ihrer Kundschaft meistert, mit einer Bockwurst versorgt habe, die so fade, fett und verkocht schmeckt, dass ich mich sofort wohlig in die alte DDR zurückversetzt fühle (noch schlimmer sind nur die, die man in Polen kriegt), suchen wir gleich die erste Gelegenheit, um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Ist viel passiert hier, seit ich das letzte Mal da war. Neue Fußgängerbrücke, geteerte Fahrradwege und keine Menschen mehr auf den Straßen. Alles leer, auch im Biergarten, der ein Idyll ist. Es klappert.. (siehe oben). Eigentlich ist geschlossen. „Ich kriege ja kein Personal mehr.“, klagt die weißhaarige Mühlenwirtin. „Nur noch Ukrainerinnen, die was schwarz neben dem Bürgergeld verdienen wollen.“ Ob‘s noch ein Bier gebe, fragt mein Freund. „Ein Bier gibt‘s immer.“, ist die joviale Antwort, und schon stehen zwei „Radler“ in schimmernden Glaskrügen vor uns. „Aber den Blütenstaub kann ich nicht auch noch von den Tischen wischen.“ Und heiter gehts weiter. Solange wir uns an die ausgeschilderte Route halten (das Zeichen, dem wir folgen ist ein Mönch, der gemütlich auf seinem Fahrrad schlingert) ist‘s auch wirklich nett, dunkel, üppig und voller Nachtigallen. Aber als wir einmal falsch abbiegen, sind wir wieder in der Brandenburger Wirklichkeit: Staubige, kahle Äcker, leere Dörfer, die aus einem Baumarktkatalog zusammengebaut zu sein scheinen und kläffende Hunde hinter Zäunen. Mir tut mein Knie weh. Unsere Rettungsinsel ist das Kloster Neuzelle. Eine barocke Pracht, die man eher aus Bayern kennt. Geht auch in Brandenburg. Und selbstgebrautes Bier gibt‘s auch: „Schwarzer Abt“. Danach schlingern wir wie der Mönch auf unseren Rädern nach Eisenhüttenstadt, der „ersten sozialistischen Stadt auf deutschem Boden“ – heute das größte Flächendenkmal Europas. Menschenleer, wie die Dörfer drumherum. Aber das Stahlwerk arbeitet noch. Ein Geruch nach Koks und kaltem Kamin, wie ich sie noch aus meiner ersten Berliner Wohnung mit Ofenheizung kenne, liegt schon Kilometer vorher in der Luft. Eigentlich hätten wir stilgerecht im Hotel „Lunik“ absteigen müssen, ehedem das erste Haus am Platze, aber das Lunik ist eine Ruine. Also wird es das Hotel „Berlin“, das einzige Hotel, das es in der Stadt noch gibt. Der Empfang ist solide und herzlich. „Ham‘ ses doch noch jeschafft.“, kumpelt die Empfangsdame, die ich von unterwegs angerufen hatte, weil wir uns ja verfahren hatten. Sie empfiehlt uns das deutsche Restaurant nebenan, in dem es grabesstill ist und nach kaltem Frittenfett riecht. Also gehen wir zum Griechen, gleich unten im Keller. Hier brummt der Laden, Familien mit Kindern feiern (Jugendweihe?) und die Lammkotteletts schmecken wie Schuhsohle. „Nimm Essen mit, du fährst nach Brandenburg.“, singt Reinald Grebe.
Wandgemälde von Walter Womacka; Karl-Marx-Alle, EisenhüttenstadtMuseum „Utopie und Alltag“ Eisenhüttenstadt; Glasfenster von Walter WomackaAlltag ohne Utopie in Fürstenberg
Am nächsten Tag, dem Samstag, treffen wir nur nette Menschen in unserem Alter. Ist wirklich so. Keine Ahnung, wo die anderen abgeblieben sind, die Jungen, die Familien, die ganz Alten. Vielleicht interessieren sie sich nicht für das Museum „Utopie und Alltag“, das in einem ehemaligen Kindergarten untergebracht ist. Und eigentlich hat das Museum auch noch zu. Aber ein Herr in unserem Alter steht davor, er ist Maler (hab noch bei Tübke in Frankenhausen das Bauernkriegsfries mitgemalt; 3,50 Meter davon sind von mir…) und Mitglied des Museumsbeirates, der sich früh trifft und nachdem die Computer und die Lichtanlage hochgefahren sind, weist uns eine beflissene Frau in unserem Alter in die Dauer- und die Sonderausstellung (Völkerfreundschaft) ein. Es ist wirklich ein gut kuratiertes Museum über die Alltagskultur der DDR. Es gibt ja einige, in denen nur ein paar Küchengegenstände aus Plaste und ein Schwalbe-Moped in eine Scheune gestellt werden. https://www.utopieundalltag.de/
Als ich nach dem Ausstellungsplakat zur „Fremde Freunde“ frage, kriege ich die Antwort: „Ist aus. Wir drucken das gerade nach. Die waren ganz schnell vergriffen.“ Völkerfreundschaft an der Friedensgrenze? Im Landkreis an der Oder hat die AfD im Februar 39,1 Prozent geholt. Wo sind die ganzen Nazis? Sitzen die alle zu Hause? Auf dem Radweg auf dem Oderdeich treffen wir nur freundliche Leute (unseres Alters) in Funktionskleidung auf Elektrorädern. Einer erklärt mir die Industrieruine, die hinter dem Deich auftaucht: Das war ein Kraftwerk, das die Nazis haben bauen lassen, weil sie hier mitten im Krieg eine große Chemiefabrik errichten wollten. Die Deutschen haben sich hier in den letzten Kriegstagen verschanzt, die Russen haben sie zusammengeschossen, als sie über die Oder sind. War da heute nicht was? Genau: 9. Mai, 80 Jahre Kriegsende. An einem sowjetischen Kriegerdenkmal halten wir an. An Kriegerdenkmälern hat es in Brandenburg keinen Mangel. Aber das ist das einzige, so weit ich mich auskenne, das für sowjetische Matrosen errichtet wurde. „Schwarzmeerflotte, ewiger Ruhm den Helden, die für die Freiheit der Sowjetunion und der Heimat… so weit reicht mein Russisch immer. Sie sind mit ihrem Boot in der Oder ertrunken. Arme Kerle. Auf dem Sockel liegen ein paar kümmerliche Nelkensträuße. Nebendran bietet ein fliegender polnischer Blumenhändler seine Ware an. Mit dem Wort „Schnittblumen“ kann er nichts anfangen. Ich kaufe eine rote Geranie im Topf für 2,50 Euro und stelle sie auf den Stein. Dank euch, ihr Sowjetsoldaten.
Ein paar Kilometer flussabwärts wird es dann richtig konkret mit der Völkerfreundschaft. In Aurith ist heute Deutsch-Polnisches Volksfest. Hier gibt es eine Fähre über die Oder (wenn der Fluss genug Wasser hat) und die Mädchen der „Oderwendischen Volkstanzgruppe“, nicht zu verwechseln mit den Sorben, wie ich belehrt werde, mümmeln Bratwurst vor ihrem Auftritt. „Bei den Polen ist heute noch viel mehr los.“, versucht mich ein EU-gesponserter Tourismusbeauftragter auf die andere Seite zu locken. Aber mein Freund will nach Hause. Immerhin erfahre ich bei der Tourismusinfo auch, dass das „Lunik“ in Eisehüttenstadt wieder aufgebaut wird. Diesen Sommer beginnt es als provisorische Theaterspielstätte. „Sie müssen unbedingt kommen, und unbedingt vorher die Führung durch das „Lunik“ mitmachen!“ charmiert eine Theaterbegeisterte aus Eisenhüttenstadt, die ausnahmsweise nicht in unserem Alter ist. Na, dann muss ich da wohl nochmal hin.
Auf dem Rückweg treffen wir dann doch noch einen Nazi, einen verklemmten. Er kommt auf einem schwarzen BMW-Motorrad mit Beiwagen daher, wie eine Motorradpatroullie der Wehrmacht. Es soll eine BMW R 71 aus Vorkriegsproduktion sein, was er da fährt, aber es ist eine mit versteckten Runen und Frakturbuchstaben umlackierte sowjetische Kopie, eine M72 Molotov. Da kenne ich mich aus. Hatte selber mal so eine, aber in lila!
So ist das mit den Nazis heutzutag: Alles eine russische Kopie.
So sieht das Moped aus, mit dem Björn Höcke mit der AfD stärkste Kraft in Thüringen geworden ist. Eine Simson S 51 aus dem VEB Fahrzeug- und Jagdwaffenwerk „Ernst Thälmann“ Suhl/Thüringen. Eine auch gestalterisch gelungene Eigenkonstruktion aus der DDR. Einfache, anspruchslose Technik, leicht zu reparieren (und zu „frisieren“). Als ich sie zum ersten Mal Ende der 1970er auf einem Prospekt sah, den mir ein Freund von der Internationalen Motorrad und Fahrrad Messe in Köln mitbrachte, war ich begeistert. Ich fuhr zu der Zeit eine Simson Spatz, auch aus der DDR. Ein ziemlich hässliches Entlein, das ein Nachbar vor 10 Jahren bei Neckermann gekauft hatte und damit jeden Tag 10 Kilometer zum Bahnhof gefahren war. Für 100 D-Mark, die ich mit Zeitung austragen verdient hatte, habe ich sie ihm abgekauft. Die rote Farbe war ausgeblichen und der Rost blühte. Ein Freund half mir, sie wieder flott zu machen und ich überstrich die Rostflecken mit oranger Mennige. Die Flecken umrahmte ich mit bunter Lackfarbe. So bekam das Ost-Moped einen Hauch von Flower Power. Aber gegen die Zündapps, Hercules und Yamahas, die vor unserer Schule parkten konnte ich damit natürlich nicht ankommen. Und das Ding hatte eine Sitzbank für nur eine Person – Mädchen mitnehmen war nicht. Da wäre eine S 51 schon was anderes gewesen. Schick, 3,7 PS, 60 Km/h flott und Platz für zwei. Aber vielleicht zu flott für den Westen. Es gab sie nur im Osten zu kaufen. Und dort erlebt sie seit Jahren eine Rennaissance. Bei alten Kerlen, wie mir, die ihre Jugendträume ausleben wollen und vor allem bei der Jugend. Eine „Simme“ zu fahren, gehört außerhalb von Berlin zum guten Ton und ist für Viele auch ein Teil einer zusammengestrickten Ost-Identität. Das Internet ist voll mit Schraubertipps, es gibt deutschlandweit Clubs und Treffen auf der grünen Wiese. Eine Firma in Thüringen mit einem imposanten Lagerhaus versorgt die Szene mit Ersatzteilen und findige Händler finden immer neue Schrott-Mopeds zum „Neuaufbauen“ (bau auf, bau auf, Freie Deutsche Jugend, bau auf!), die sogar aus Vietnam zurück gekauft werden.
Das alles ist bekannt. MDR, RBB haben interessante Reportagen über das Simson-Fieber und die halbseidenen Geschäfte gemacht. Aber nur Björn Höcke hat sich für ein Wahlplakat auf eine Simson gesetzt. Man sah ihn grauhaarig, ohne Helm auf öffentlicher Straße mit gezogener Kupplung. Gefahren sein kann er so nicht wirklich. Das Plakat kam trotzdem an. „Ja zur Jugend“ hat seine Werbeagentur draufgeschrieben. Bei einer Befragung von Schülern, die schon wählen durften meinten sie, das mit der „Simme“, das wäre doch toll gewesen.
Warum hat sich nicht Bodo Ramelow auf einer Simson ablichten lassen? Mehr Thüringen geht doch nicht? Und inzwischen gibt es die Simson auch mit Elektroantrieb. Ein findiges Start-Up um einem wuschelköpfigen Maschinenbaustudenten hat einen Weg gefunden, den knatternden Zweitakter an einem Nachmittag in ein summendes Elektromobil zu verwandeln. Ramelow auf der E-Simme. Warum hat es das nicht gegeben? Weil auch die Simson-Szene inzwischenzeit auch von Rechten unterwandert wird, die auf den Treffen den Hitlergruß zeigen? Weil sich der Designer der S 51 inzwischen deshalb davon distanziert? Ich glaube es war nicht die Angst. Ich glaube, Die Linke und die anderen Parteien und ihre professionellen Berater haben das mit den Simsons einfach nicht mitbekommen. Sie wussten schlicht nicht, was sie Jugendlichen umtreibt. Nicht auf Tik Tok und nicht auf der Straße. Und ihre Werbeagentur kam wahrscheinlich aus Berlin. Da gabs mal einen Hype um alte Schwalbe-Motorroller. Auch von Simson, aber das war nach der Wende. Das ist für Werber wie aus einem anderen Jahrtausend.
Die Wahl ist verloren, aber ich liebe meine Simson immer noch. Vor zwei Jahren habe ich mir eine S 51 zu Weihnachten geschenkt. Unterstütze ich jetzt die Nazis, wenn ich damit durch Berlin brause? Verdächtig viele grinsen mich freundlich an, geben ein Thumbs up oder kurbeln sogar die Seitenfenstern runter, um mit ihre Begeisterung durch den Verkehrslärm zu brüllen. Bisher dachte ich, das seien so groß gewordene Kinder, die auch gerne mit den alten Sachen von früher spielen wie ich. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr sicher. Die AfD kann einem wirklich den schönsten Sommer verderben.
Ergänzung im September 2025: Nach der Wahl ist in Thüringen die Sache noch mal hochgekocht. Nachdem Höcke nun zum Glück doch nicht Ministerpräsident geworden ist, hat er viel Zeit, mit Jugendlichen AfD-Simson-Touren anzubieten (hoffentlich mit Helm). Aber auch die anderen Parteien haben die Popularität der kleinen Mopeds endlich erkannt: Im Landtag wurde ein Beschluss der Regierungsparteien CDU, SPD und BSW gefasst, sich dafür einzusetzen, alle Simsons die Höchstgeschwindigkeit von 60 km/h zu erlauben. Bisher war das nur den in der DDR oder bis 1992 in Gesamtdeutschland zugelassenen Simsons erlaubt.
Ja, ja, überall regt es sich in Berlin. Aus allen Ecken bricht etwas Lebendiges hervor. Wohin man auch schaut. Ich brauche deshalb heute nicht zu einer 1. Mai-Demo gehen, um mir Menschen mit bunten Transparenten anzuschauen. Die Revolution findet auf meinem Balkon statt. Vor zwei Wochen habe ich in einem Buch ein Tütchen mit Sonnenblumensamen gefunden. Ich verstecke gerne Erinnerungsstücke als Lesezeichen in Büchern. Muss schon sechs Jahre alt sein. Ein Werbegeschenk des „Sunflower Backpacker Hostels“ am Bahnhof von Pisa. War mit dem Motorrad da. Lange her. Eigentlich zu alt für Samen. Da ist bestimmt alles tot. Aber versucht habe ich es trotzdem. Schön verteilt auf drei kleine Tontöpfe, in denen ich in den vergangenen Jahren immer mal Blumensamen mit meinen Jungs vorgezogen habe, damit sie erleben, wie neues Leben entsteht. Und was soll ich sagen? Vor meinem Fenster stehen jetzt zwei grüne Sprösslinge, schief wie der schiefe Turm von Pisa. Recordi di Italia, oder so ähnlich. Ich habe einen alten Bleistift als Stütze reingesteckt, damit sie auch „zum Lichte empor“ wachsen. So viel Revolutionsromantik muss am ersten Mai sein. Im dritten Topf tat sich lange nichts. Dann habe ich noch Ringelblumensamen vom letzten Jahr dazu gemischt. Das hat dem müden Sonnenblumenkern anscheinend einen Kick gegeben. Jetzt wächst beides in einem Topf. Das wird wahrscheinlich wieder Streit unter den Brüdern geben, denn jeder Topf ist mit bunten Glitzersteinen markiert. Und die, die nur eine Sonnenblume im Topf haben werden sich natürlich beschweren, dass ihr Bruder mehr in seinem Topf hat. Wenn es sie überhaupt noch interessiert. Ich bin noch weit entfernt von einer grünen Revolution im Privaten, aber es bewegt sich was, das mich gleichzeitig beruhigt. Und ich hoffe, bei euch ist das auch so. Ich werd heute Abend mal meine Tochter anrufen, wie es in Neukölln war. Aber wahrscheinlich war sie nicht auf der Demo, sondern im siebten Himmel. Frühling halt.
Wenn man will: Jeder Tag ein Drama mit vier Akten, oder fünf. Zu viel im Kopf, um es aufzuschreiben. Ist ja auch immer das Gleiche. Oder ich mache immer das Gleiche draus: „Flyn over the same old ground, what have we found? Same old fear…“ Mein Motorrad hab ich verkauft. War nicht leicht, nach 15 Jahren. Hab dem Händler noch die Regenplane mitgegeben, damit es nicht im Regen steht auf dem fremden Hof. Gibt auch nette Sachen. Zoobesuche mit den Jungs. Jeder einzeln, jeder anders, aber alle begeistert. Morgen zum dritten Mal. Ich bin reich gesegnet. Mein Lieblingsvogel ist der nachdenkliche Haubenkakara. Ach ja: Ich habe noch einen Lieblingsvogel. Es ist ein Geier. Hat mich beeindruckt, wie er, unbeeindruckt von den Besuchern, sein tägliches Stück Aas zerfetzt hat. Muss halt jeder tun, was er am besten kann.
Ich lese, was ich so unterwegs finde. Schreiben tue ich jetzt gerne wieder auf Papier. Sinnlose Sachen, aber schön geschrieben. Soll beruhigen, tut es auch manchmal. Habe in meiner Sammlung einen russischen Füller mit goldener Feder gefunden, einen Авторучка aus St. Petersburg. Schreibt unregelmäßig, kratzig, wie eine alte Feder. Macht großen Spaß. Meiner Tochter schreibe ich kleine Nachrichten mit russischen Wörtern, seit ich das kyrillische Alphabet auf meinem iPhone gefunden habe. Kleiner Geheimcode. Wir verstehen uns gerade gut.
Ach ja: Ist bei euch auch die Jetpack-App abgestürzt?
Es ist schon erstaunlich, was alles so in einen Tag hineinpasst. So ohne Plan, so von Dawn till Dusk. Bin mit der Sonne aufgewacht, das war nach neuer Uhrzeit um 7 Uhr und mit der Abenddämmerung um halb 5 wieder in die Straße eingebogen, die in meiner Adresse vorkommt. Hätte ein voller Arbeitstag sein können. Aber einziger Tagesordnungspunkt heute war: Fädenziehen. Vor zwei Wochen hat mich mein Motorrad abgeworfen. Im Stehen. Vor der Haustür. Das muss man erstmal hinkriegen. Und sich dabei das Schlüsselbein zu brechen, schafft auch nicht jeder, selbst in meinem Alter. Meine Jungs haben mit mir das Motorrad wieder aufgestellt, die Mutter meiner Kinder hat mich ins Krankenhaus gefahren. Ein Freund hat das Motorrad abgeholt und bei sich untergestellt. Auch wenn ich auf die Nase falle: Ich bin nicht allein. Das ist gut zu wissen. Und zwei Tage später lag ich unterm Messer. Alles ging flott und professionell. Vom 13. Stock des frisch renovierten Charité-Hochhauses konnte ich auf Berlin schauen, mit besten Aussichten auf den Bundestag. Meine Tochter kam mich besuchen. Alles hat sein Gutes. Auch dass ich mit dem Arm in der Schleife mal wieder aus dem Wedding ins gediegene Westend komme, zu meiner Orthopädin, zu der ich eigentlich so schnell nicht wieder hin wollte. Aber einmal da, und mit einem Attest für die nächsten zwei Wochen entlassen, wollte ich auch nicht wieder nach Hause. Was soll ich da? Mich einstauben lassen? Es war noch nicht mal 10 Uhr. Unentschlossen bummele ich den Kaiserdamm zurück zur S-Bahn, finde eine Bäckerei, trinke erst mal einen Kaffee und vor der S-Bahn-Treppe sehe ich, das gleich nebendran ein ruhiges Viertel liegt, mit Gründerzeithäusern, Linden und Kopfsteinpflaster. Die Sonne scheint, es ist ein heller Herbsttag. Das merke ich erst jetzt. Also die S-Bahn fahren lassen und ins unbekannte Viertel eingeschwenkt. Mein Handy sagt mir, dass hier der Liezensee um die Ecke ist, ein Jugendstil-Gartendenkmal, von dem ich schon oft gehört haben, das ich aber auch nach 25 Jahren Berlin noch nicht gesehen habe. Eine Runde um den See, ein bisschen mit dem Herbstlaub rascheln. Ganz vorsichtig die Treppen runter, denn mein Knochen sagt mir, dass er nicht noch einmal einen Sturz aushält. Ehrfürchtig schweigende Kindergartenkinder werden von plappernden Erzieherinnen in elektrisch surrenden Karren über die Kieswege zum Parkspielplatz gelenkt. Ältere Pärchen in Daunenjacken begehen den gemeinsamen Lebensabend. Laubengänge leiten mich zum Ufer. Das einzig räudige hier sind die jungen Schwäne, die noch ein paar graue Streifen im schon ziemlich anmutigen Federkleid haben. Die Stadt ist doch nicht so schrecklich wie sie scheint. Ich mach Pause vom Überlebenskampf. Eine Seegaststätte in Blickweite stärkt meine Schritte. Die Stühle sind hochgestellt, die Küche noch nicht warm, aber ich kriege ein Rührei und einen Tee. Ich mag es, wenn man für mich eine Ausnahme macht. Der Blick geht auf den Funkturm. Als ich an der anderen Uferseite weiter streife, lande ich in einer Bücherbox, in der der Nachlass eines Menschen gelandet ist, der nicht viel älter als ich gewesen sein kann. Eine fast komplette Ausgabe von Asterixheften und ein Roman von John Fante machen meine Tasche schwer. Es ist Mittag. Auf den sonnenbeschienenen Bänken am Ufer sammeln sich einsame Seelen mit Büchern in der Hand. Für eine halbe Stunde darf ich einer von ihnen sein. Dann befällt mich der Skrupel: Zwischen „es sich gut gehen lassen“ und „sich gehen lassen“ kann ich nicht gut unterscheiden. Also zurück in den Wedding. Aber auch da habe ich keine Lust auf Heimkehr. Neben dem S-Bahnhof Wedding gibt es einen alten CD-Laden, über den ich immer schon mal berichten wollte. Rein in die Höhle, die mit Heavy-Metal-Postern tapeziert ist. Ein kleiner Plausch mit Manfred, der den Laden schon seit 1981 führt. Ich verspreche, mit meinem Fotoapparat wieder zu kommen, laufe weiter, die Straße hoch, lande im Lesesaal der Schiller-Bibliothek. Tauche ab zwischen eifrigen Schülerinnen mit Kopftuch und schweigenden Lesern. Eine Stunde und zwei Comics später bin ich wieder auf der Straße. Was für einen Luxus habe ich mir gegönnt. Ich schlendere weiter, mache kleine Besorgungen bei der Post und bei der Bank, schaue was Tschibo Neues hat und lande in einem türkischen Frühstückscafé, das gerade dabei ist, seine Auslage einzuräumen. Denn Frühstück ist lange vorbei, draußen versinkt die Stadt schon in der Dämmerung, Blue Hour. Wo ist die Zeit geblieben? Früher habe ich die Melancholie dieser Übergangszeit geliebt und gefürchtet. Wer jetzt kein Heim hat, findet keines mehr. Heute habe ich eins und mache mich in der Dämmerung auf den letzten Teil meines Weges. Es ist mir warm.
wenn der Regen fällt in der Stadt. Dann sind die Straßen leer. Die Touristen haben sich in die Shopping-Malls geflüchtet und du hast freie Bahn auf der Friedrichstraße von Nord nach Süd. Auch auf dem alten Tempelhofer Flughafen ist niemand, außer du und dein Freund. Im Sturm lauft ihr über das Rollfeld. Es ist wie ein Spaziergang auf dem Deich an der Nordsee. Ihr erzählt euch eure Krankheiten. Auf dem Hinweg werden die rechten Hosenbeine nass, auf den Rückweg die linken. Dazwischen sitzt ihr im Café 108, in dem sonst kein Platz zu finden ist, und putzt euch eure Brillen. Natürlich ist das ein Sommer, an dem die Mopeds Trauer tragen. Aber die Kastanien im Garten haben noch kräftig grüne Blätter wo im letzten Jahr nur noch brauner Mottenfraß war. Auch ich lebe auf. Neue Ideen sprießen.