Heißa!

Nee, heißa wird nich. 37 Grad sind schon genug für hier in Berlin. Das Blut pulst, die Schuhe drücken. Na, mit dem Herz is ja auch nicht mehr so bei mir. Meine Kolleginnen ham schon alle die Schuhe ausgezogen und schweben wie barfüßige Göttinnen über die blaue Auslegeware. Selbst die Kollegin, die früher mal ein Kollege war überrascht heute im luftigen Sommerkleid. Na, wer’s tragen kann. Und dann die ständige Diskussion: Fensta uff oda Fensta zu? Natürlich zu! Aber sach das mal die Kollegen. Nee saren die, der Luftzuch, das erfrischt doch und so. Für dit bisschen Luftzuch lassen sie den heißen Saharawind int Haus. Verbrennt einem fast die Haut. Aba ich kann ja nich meckern.  Ich hab ja einen neuen Ventilator, und die nich. He!  Ja, so einen neuen, mit ohne Propeller. Früher hat ich so einen Kleinen runden, noch vom VEB irgendwas, wahscheinlich Typ Taigasturm. War vom Polenmarkt, aber einwandfrei. Aber da is die Haustechnik hinterher gewesen. Aufkleba druff: Bitte entsorgen. Sach ich: Wie soll ich denn denken, wennet heiß wird? Schreiben die: „Wir werden zu gegebener Zeit eine Messung durchführen.“ Affen! Sind aber tatsechlich jekommen mit so nem schwarzen Kasten, morjens halb elfe. „26 Grad“, sacht der Kollege, „reicht nich. Müssen 27 Grad sein.“ Und ich sach: „Und nu?“. „Na,“ sacht er, weil wir uns ja morjens imma nett grüßen: „Vielleicht hab ich nich richtig geguckt, waren doch 28 Grad, oder?“ Malt ne schöne Acht auf seinen Zettel und keine Woche später kommt er mit so een weißet Ding. Sieht aus wie een großet Nadelöhr, Betriebsanleitung wie ein Telefonbuch. Aber klappt! Pustet mal nach links, mal nach rechts. Reicht doch.
Un Arbeit? Bei die Hitze? Aber muss ja. Hab was geschrieben, so ohne viel Nachdenken und an die Kollegin geschickt. Schreibt sie, is jut jeworden und bedankt sich. Na, so jenau wird se wohl auch nicht geguckt ham, heute bei die Hitze. Hat ja noch nich mal een Ventilator im Büro.

Heuteahmd geh ich ins Kino. Kino International, Zombies gucken. Aber nur weil ich gelesen hab, dass das International schon seit 1963 eine Klimaanlage hat. Hoffentlich funsioniert die noch.

Schönen Tach wünsch ich Ihnen auch.

 

Retro-Welle

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„Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft“, hat Sartre mal geschrieben. Aber wenn ich mich in Berlin umschaue, so scheint es mir so, als hätten die Twens (auch so ein Retro-Wort) eher Sehnsucht nach der Vergangenheit. Gerade bei den Fahrzeugen sind Modelle aus den späten 70ern angesagt: Diesel-Mercedes oder die protzigen Ford-Modelle mit unendlich viel Hubraum. Bei den Fahrrädern hat man die eleganten französischen, die Peugeots, Motobecanes, oder die flotten italienischen Bianchis aus den Kellern der Eltern geholt, oder die teutonisch soliden Hercules, die begehrt waren, als ich auf die Oberschule kam und die sich damals nur die Söhne und Töchter der Ärzte und  Rechtsanwälte leisten konnten. Proletarisch-trotzig möbelte ich mir ein Stoewer-Fahrrad aus der Wirtschaftswunderzeit auf und malte es bunt an. Kreativität gegen Konsum. Retro-Sehnsüchte sind mir also nicht unbekannt. Auch den Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft habe ich damals sehr engagiert verfolgt. Und als neulich der Aufruf für einen Volksbegehren zur Enteignung der Deutsche Wohnen AG rauskam, habe ich sofort unterschrieben.

Auch deswegen ist mir das, was der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert gerade als Zukunftsvision für mehr Gerechtigkeit aus dem Hut zaubert, nicht ganz unsümpatisch. Aber wie die alten Fahrräder aus den 70ern mit ihren ratternden Dynamos und schlechten Bremsen: ich will die elenden Sozialismusdiskussionen der linken Splittergruppen nicht wieder haben. Auch kein rotes BMW-Werk in Volkseigentum. Auch das gab’s schon mal. Hieß dann EMW und lag in Eisenach.
Aber sollte Kühnerts Griff in die politische Mottenkiste Wirklichkeit werden, zeige  ich hier schon mal einen Vorschlag für ein neues Logo für die Edelmarke, die dann wahrscheinlich wieder nur Karossen für die sozialistischen Funktionäre bauen würde.

Ach ja, die Kevins. Vor zwanzig Jahren saßen sie alle allein zu Haus, mussten sie als Synonym für eine randständige, hoffnungslose Generation herhalten – jetzt machen sie wieder Unsinn. Die Hoffnung, die sich die Berliner Chansonniers Pigor und Eichhorn vor zehn Jahren über diese Generation machten, scheinen sich nicht zu erfüllen.