Vatertag

Rheinsöhne

Es ist nicht mehr so einfach, meinen Jungs was vorzumachen. Statt magischen Wesen vertrauen sie lieber Ninjas oder Pokemons, die es ja ganz real in Papas Handy gibt und mit denen man Abenteuer erleben und kämpfen kann. Es ist ja auch nicht so einfach, noch an so was wie den Weihnachtsmann zu glauben, wenn der sich, wie letztes Jahr, so dermaßen blamiert hat. Alle drei hofften auf eine aktuelle Spiel-Konsole. Und was brachte der Weihnachtstrottel: Eine gebrauchte Wii von Nintendo, 10 Jahre alt, die er bei “rebuy“ besorgt hatte. Weil der Weihnachtsmann ja auf Nachhaltigkeit achtet. Und auf’s Geld. Das wäre ja noch nicht so schlimm gewesen, wenn das Ding wenigstens funktioniert hätte. Aber selbst die Schwiegermutter, immerhin gelernte Elektroingenieurin, kriegte das altersschwache Gerät nicht zum Laufen. Dem Weihnachtsmann blieb nichts anderes übrig, als zu reklamieren und noch mal zu reklamieren: Man kennt das ja. Irgendwann gab es dann wenigstens das Geld zurück. Die Kinder fragten ab und zu noch mal, aber zum Glück ist das Langzeitgedächtnis in dem Alter noch nicht so lang und die Sache war bald vergessen. Aber wenigstens dem Kleinen sollte der Glaube an den Weihnachtsmann nicht so früh verloren gehen. Also dachten meine Schwester und ich uns eine verwegene Story aus: Meine Schwester arbeitet bei der Post. Und der Weihnachtsmann habe das Geschenk, das nicht funktioniert hat, bei der Post zurückgegeben und eine neues Geschenk liege deshalb bei meiner Schwester bereit, wenn wir sie am Vatertag besuchen kommen. Zugegeben: Die Story ist hanebüchen und wurde von den zwei 10jährigen sofort mit spöttischen Kommentaren auseinander genommen. Aber als ich durchblicken ließ, dass der Weihnachtsmann nicht noch einmal enttäuschte Kindergesichter sehen wollte und deshalb das neueste Modell, eine “Switch“, besorgt hätte, machte sich auf der Zugfahrt ins Rheinland sogar so etwas wie gespannte Vorfreude breit.

Die Überraschung gelang: Kaum bei meiner Schwester angekommen, versteckte ich das Paket im dunklen Keller und ließ die Jungs suchen. Wie die Trüffelschweine rasten sie durchs Haus und kamen mit dem aufgerissenen Paket ins Wohnzimmer, herzten und lobten ihren Vater und die Tante. Und als ich wieder davon anfing, dass das ja der Weihnachtsmann… sagten sie nur: Ja, ja, natürlich. Aber weil sie dankbar waren und mir und ihrem kleine Bruder einen Gefallen tun wollten, spielten sie mit, dankten dem Weihnachtsmann und sagten meine Geschichte noch mal auf.

So richtig war damit aber noch nichts gewonnen. Wir mussten erst an einen Ort gehen, an dem man von allen guten Geistern verlassen ist, um den Glauben an das Übernatürliche wieder zu finden. Also fuhren wir mit der Deutschen Bahn an einem Sonntag nach einem langen Wochenende zurück nach Berlin. Wir gerieten in den trödeligsten Trödelzug, wie es mein Jüngster später nennen würde. Ungezählte Baustellen und eine defekte Tür ließen die 20 Minuten Umsteigezeit in Köln dahinschmelzen. Und ich musste mit den drei Jungs und zwei Koffern auch noch von Gleis 1 nach Gleis 5. Als wir ankamen war unser ICE offiziell schon abgefahren. Aber wenn man sich bei der Bahn auf etwas verlassen kann, dann ist es die Verspätung. Wir hasteten aus dem Regionalzug, sahen unseren Zug noch auf seinem Gleis stehen, schlängelten durch die Menschenmassen, die unschlüssig herumstanden, schubsten Alte und Gebrechliche aus dem Weg und frästen uns unseren Weg zu Gleis 5. Dort stand er noch, ein riesiger, weißer ICE nach Berlin Ostbahnhof. Unser Zug. Aber der Bahnsteig war leer und die Türen waren schon zu. Ich drückte auf alle Knöpfe, aber es passierte nichts. Aus den Augenwinkeln sah ich den Zugführer, wie er mit dem Lokführer etwas Wichtiges beredete. Sein Blick traf meinen und er sah meine Jungs und unsere Misere. Ein Kopfnicken zum Lokführer und die Knöpfe an den Türen leuchteten wieder. Ein Kopfnicken zu mir, und ich wusste, dass wir gerettet waren. Allmächtiger! Mein Finger berührte den grün leuchtenden Knopf, und die Tür öffnete sich für uns. “Papa Glückshand hat die Tür auf magische Weise geöffnet.“ tippte mein Mittlerer in eine Nachricht an meine Schwester. Na bitte. Wenn schon nicht an den Weihnachtsmann, dann glauben sie jetzt wenigstes an die magischen Kräfte des Vaters. Soll mir recht sein.

Und ABBA glaubt sogar an Engel.

Billige Gefühle

Zugegeben, es waren nicht die edelsten Gedanken, die mich ins “Happy Day“ führten. Niemand sollte sein Süppchen darauf kochen, wenn große Träume zerplatzen, wenn Traditionen zerbrechen und ein Lebenswerk auf dem Ramschtisch landet. Aber mir gings um die Bilder. Nach dem Fall der Berliner Mauer bin ich lange in zerfallenen Kasernen und verlassenen Fabriken umhergestreift und konnte vom Hauch der Vergänglichkeit und vom Untergang großer Zeiten nicht genug bekommen. “Lost-Places-Fotografie“ nannte man das später. Jetzt hatte es mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gejuckt. An dem Laden in der Müllerstraße konnte ich einfach nicht vorbei, als ich die Schilder sah, die den Ausverkauf ankündigten. Ich wollte da rein, wollte nicht nur die Nase neugierig an die Scheibe drücken, mir meinen Teil denken. Ich wollte hinter die Kulissen schauen, den Niedergang dokumentieren und die wahre Geschichte erfahren, mit den Menschen sprechen – und wieder schräge Bilder machen. Ich wolle eine Geschichte erfahren, die weiter nicht von meinem eigenen Leben entfernt sein könnte als diese. Und ja, es ging mir auch um das blöde Wortspiel mit “Wedding“ und “Hochzeit“. Ich ging zum Schlussverkauf in ein Brautmodengeschäft. Ich kriegte alles was ich wollte. Und es wurde ein trauriger Tag.

Ganz offiziell hatte ich die besten Absichten. Ich hatte mir einen Rechercheauftrag des „Weddingweisers“ besorgt, dem “Was ist los in deinem Kiez?“-Portal für den Wedding. Einen Interviewtermin mit der Besitzerin hatte ich auch, die lakonisch mit “Ein bisschen Werbung kann ja nicht schaden.“, zugesagt hatte. Und dem Motto meines Blogs war ich auch treu: „Manche Geschichten sind einfach zu schön, als dass sie vergessen werden dürften.“

Als ich in den Laden trete, ist es still. Ich rufe, niemand antwortet. Auf dem Boden verstreut liegen weiße Pumps, aufgeklappte Kartons und eine Stehleiter. Hier hat noch vor kurzem eine Auswahlschlacht getobt. Zeichen von Leben in dem sonst grabesstillen Räumen. Was ist hier los? Ich schaue mich um, hole vorsichtig die Kamera raus, mache zaghaft die ersten Bilder. Ich bin vorsichtig. Es ist ein Terrain, das man als Mann selten alleine betritt, und das ich mein Leben lang gemieden habe wie der Fisch das Fahrrad.

Was mir als erstes auffällt sind die Unmengen von Kitsch. “Accessoires“ wird das die Besitzerin später nennen. Nippesfigürchen für Hochzeitstorten, Tischdeko und Spardosen für die Flitterwochen in der Form von fröhlich kopulierenden Schweinen. Das alles gemischt mit katholischen Ritualgegenständen, Kerzen, Taufkissen und lebensgroßen Kinderpuppen wie aus einem Horrorfilm, erstarrt in weißen Kleidchen für die Kommunion. Das alles durchdrungen vom Geruch einer schlecht gelüfteten katholischen Kirche. Oder holt mein Gedächtnis diesen Geruch wieder hervor, weil es diese Devotionalien sieht? Mir wird zum ersten Mal schlecht.

Aus dem Nichts erscheint die Besitzerin. “Keine Bange, ich hatte sie die ganze Zeit im Blick: Videoüberwachung.“, lächelt sie und bietet mir ein bisschen widerwillig einen Platz auf der altdeutschen Polstergarnitur an. Ihr Gesicht ist perfekt geschminkt und ich schätze sie 10 Jahre jünger als ihr Alter, das sie mir später verraten wird. Aber sie ist eine Weddinger Hochzeitsschneiderin und völlig ohne Glamour. Sie kleidet sich wie ihre Kundschaft: Jeans, Glitzerpullover und Turnschuhe von undefinierbarer Farbe. Einen größeren Kontrast zu den edlen Roben, die dicht gedrängt bis unter die Decke hängen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich sie an der Kasse von Edeka getroffen hätte, sie wäre mir nicht aufgefallen.

Das Gespräch beginnt schleppend. Die Frau wirkt misstrauisch und müde wie ihr Laden. 30 Jahre werden es in diesem Mai, seit sie das Geschäft mit ihrem Mann gestartet hat. Fünf Angestellte hatten sie mal, Auszubildende auch. Seit Corona machen sie Verluste. Als ich sie frage, wann sie endgültig Schluss machen, zögert sie kurz, als würde ihre Entscheidung in diesem Moment fallen: “Schreiben sie Ende Juni. Und dass es bis dahin bis zu 80 Prozent Rabatt auf alle Kleider gibt.“ Was dann sein wird, wage ich sie nicht zu fragen. Ich fühle mich immer unwohler, als sei ich in einem Beerdigungsinstitut statt in einem Brautladen. Alle Lebensfreude, all die Zukunftsträume, die mit einer Hochzeit verbunden sein sollen, sind aus diesem Laden gewichen. Die blicklosen Augen der Schaufensterpuppen, der Ramsch, die vertrockneten Blumen; alles erdrückt nur noch. Und auch die 400 festlichen Kleider in creme, champagner und ivory hängen wie leblose Fahnen der Kapitulation von der Decke. „Ja, schreiben sie Ende Juni.“, sagt sie mit plötzlich kratziger Stimme. „Noch so eine tote Saison will ich nicht erleben.“

Die Rote

Nein, heute gibt es nichts Neues im Blog. Ist zu spät und ich habe zu viele böse Briefe geschrieben. An Leute, die noch weniger vom Fach verstehen als ich. Und das will was heißen. Außerdem war es ein grauer Tag. Ein grauer Wintertag mit Nieselregen und eiskalten Windböen wie es sie nur in Berlin gibt: Aus allen Richtungen. Das wär ja nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht schon seit einer Woche so grau wäre, und wenn ich nicht zum Zahnarzt gemusst hätte. Und das wär nicht so schlimm gewesen, wenn wenigsten die U-Bahn gefahren wäre. Ist sie aber nicht. Die Strecke sollte schon vor einer Woche wieder klappen, aber heute seh ich wieder die gleichen müden Massen an der Ersatzbushaltestelle. (Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht..) Also wieder kehrt gemacht, das Fahrrad rausgeholt. Wenn man erst mal drauf sitzt, ist es ja nicht mehr so schlimm mit dem Wind und dem Regen und der Kälte. Sind ja nur 10 Kilometer quer durch die Stadt. Was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn wenigstens alle wirklich wegen Corona zu Hause geblieben wären. Sind sie aber nicht. Alle sitzen im Auto, weil ja die U-Bahn nicht fährt und man sich im Ersatzbus den Tod holt. Inzidenz 3000 in Berlin-Mitte. Was auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn nicht noch die wummernden LKWs und die Martinshörner von hinten gekommen wären, was mich auch nicht gejuckt hätte, wenn es an der Müllerstraße wenigstens einen Radweg gäbe und nicht die vielen Ersatzbusse einen eingedieselt hätten. Doch auch da wäre ich schnell durch gekommen, wenn der Hinterreifen nicht die Luft verloren hätte. Also mit voller Kraft treten um mit halber Geschwindigkeit zu fahren. Aber pünktlich angekommen. Und natürlich war die Zahnärztin krank und an ihrer Stelle ein weißhaariger Vertreter im Dienst. Ich weiß nicht, aus welchem Ruhestand die Ärztekammer ihn geholt hat, aber als er mich, als ich mit Helm, nasser Jacke und beschlagener Brille ins Behandlungszimmer komme, fragt, ob ich mit dem Fahrrad da wäre, wusste ich: Das wird nix mit uns. Wir haben es tapfer hinter uns gebracht, und ich glaube, er war darüber mehr erfreut als ich. Eine Stunde später kam der Anruf, dass der Abguss nichts geworden ist, und ich morgen noch mal kommen muss. Aber das wusste ich ja noch nicht, als ich vor der Praxis stand und sah, dass das Rad natürlich endgültig platt war. Was mir aber egal war, weil vor mir jetzt der schönere Teil des Tages lag: Bergab zur Markthalle, wo ich mir immer nach dem Zahnarzt einen guten Kaffee und was Süßes gönne. („I gonna have a candy bar!“ Kennt das noch jemand aus “Little Shop of Horrors“?)
So, ich hoffe, dass ich das was jetzt kam noch einigermaßen zusammenbekomme, denn ist ja wirklich schon spät, und es war ein anstrengender Tag. Ich hoffe, das ist bis jetzt so rübergekommen. Ja, um es kurz zu machen: Dann war da diese Frau, diese Italienerin, diese Naturgewalt, diese Mama Roma. In der Marheinekehalle gibt es einen neuen Stand, irgendwas mit cuccina italiana. Da gibt es eben nicht nur allerfeinsten Cappucino, sondern auch sie! (Ich habe mich noch nicht mal getraut nach ihrem Namen zu fragen) Wie aus dem Film entsprungen, den ich gestern Abend gesehen habe. „Verliebt in scharfe Kurven“ aus dem Italien der frühen 60er mit dem jungen Jean Louis Tirtingnang (oder so, ich hab jetzt wirklich keine Zeit mehr zum Googeln), der einen schüchternen Jurastudenten spielt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig. Aber der Film war schwarz-weiß. Und diese Frau war Farbe. Rot vor allem. Rotes, eng anliegendes Kleid, rot gefärbte Haare und rote Fingernägel. „Hier kommst du nur rein, wenn du grün bist.“ war der einzige deutsche Satz, den ich von ihr hörte. Und sie meinte damit meinen Corona-Test. Den Rest der Zeit verhandelte sie mit zwei Landsleuten, die ihr Ware geliefert hatten und scheuchte ihren Gehilfen durch die Gegend. Laut, wie es nur Italienerinnen sein können. Ich war ihr so dankbar. Denn durch sie war ich augenblicklich auf einer italienischen Piazza. Der Lärm, der gute Kaffee, die vielen Hände und Arme, die sie brauchte, um klar zu machen, was sie von den Männern wollte. Ich war im Urlaub, für die Länge eines Kaffees und eines panni caldo (von dem ich mich wunderte, dass sie es in den Ofen schob. Ich war zu lange nicht mehr in Italien, um zu wissen, das caldo nicht kalt sondern heiß heißt.)

Abends rief die Mutter meiner Söhne an und fragte, ob wir Ostern nicht einfach eine Woche verschwinden könnten. Egal wohin. Die Kinder würde sie an ihre Mutter verschicken. Ja, sagte ich, gern. Mailand oder Madrid: Hauptsache Italien. Sie kannte den Witz nicht.

Aus der Weihnachtsbäckerei

Als ich ein Kind war, und es gab in der Adventszeit ein besonders rotes Abendrot, dann sagte meine Mutter zu mir: “Das sind die Engelchen, die helfen dem Christkind, Weihnachtsplätzchen zu backen.“ Das glaubte ich natürlich. Denn rote Glut sah ich im Winter immer im gusseisernen Ofen in unserer Küche (in der auch mein Lieblingskuschelhund verschwand, nachdem ich drauf gekotzt hatte, als ich Blinddarmentzündung hatte), und ich sah auch, wie meine Mutter den Plätzchenteig machte, mit viel guter Weihnachtsbutter vom Butterberg und nach einem Rezept von Dr. Oetker. Das ganze wurde durch den Fleischwolf gedreht. Vorne war eine schmale Schablone, durch die der Teig herausquoll. Ein endloses Band das in Schleifen, Schlangen oder Kringel gelegt wurde. Daraus wurden dann duftende Berge von Spritzgebäck, mal mit Schokoladenguss an den Spitzen, mal ohne. Die mit Schokolade waren natürlich am schnellsten weg.

Heute habe ich eine Gasheizung mit blauer Flamme und weiß längst, dass das Rot beim Abendrot von der Luftverschmutzung kommt. Deshalb glüht der Himmel über Berlin abends ja oft in besonders flammenden Farben. Natürlich weiß ich auch, dass die Weihnachtsgeschenke vom DHL-Mann gebracht werden. Aber Engelchen, Engelchen, die Weihnachtsgeschenke basteln, die gibt es immer noch. Ehrlich!
Sie heißen Birgit und Matthias und sie haben mir dabei geholfen, ein feines, kleines Buch zu veröffentlichen, um es euch unter den Weihnachtsbaum zu legen.

Es heißt „Das Wunder vom Sparrplatz“. Birgit hat es tatsächlich geschafft, in meinen mittlerweile mehr als 250 Blogbeiträgen über Gott und die Welt einen roten Faden zu finden. Sie beschreibt das im Vorwort so:

„Das Wunder vom Sparrplatz“, das sind Erzählungen eines Vaters aus dem rauen Berliner Stadtteil Wedding. Das ist ein Vater mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen. Ein (manchmal etwas melancholischer) Single-Mann, der allein oder mit seinen Kindern durch seinen Kiez im Wedding streift. Dabei richtet sich seine Aufmerksamkeit ganz auf das Leben auf der Straße, auf die kleinen Alltagsszenen, die sich in den Cafés seines Viertels, beim Friseur oder auch am Spielplatz entfalten. Ein Flaneur mit Kinderwagen.

Ins Buch gekommen sind fast dreißig Geschichten aus sieben Jahren. Von Kindern und Abenteuern, von grauen Straßen, großem Glück und kleinen Fluchten. Und von Wundern natürlich, die immer wieder geschehen können. Es schneit auch viel in den Erzählungen.
Matthias hat das alles professionell mit vielen Korrekturschleifen in einer wunderschönen Schrift gesetzt und jetzt ist es ein richtiges Buch geworden. Ich freu mich sehr darüber. Es ist etwas ganz anderes, einen Text in ein Blog zu tippen, oder einen Text für ein Buch vorzubereiten. Zu sehen, wie die Rechtschreibfehler verschwinden und manche Brüche in den Erzählungen, wie aus Flattersatz ein solider Blocksatz wird und der Stolz zu erleben, die letzten Korrekturfahnen in der Hand zu halten. Es war ein Abenteuer eigener Art. Und ich glaube, es hat sich gelohnt. Dass wir es geschafft haben, es jetzt noch vor Weihnachten herauszubringen, ist sowieso ein Wunder. Es ist natürlich das ideale Geschenk für alle, die schöne Bücher lieben. Schaut mal rein – es lohnt sich. 😉

Das Buch ist bei bookmundo.de im Selbstverlag herausgekommen.

Wer möchte, kann es dort direkt bestellen (leider mit 4,99 Euro Versandkosten, egal wie viele Bücher man bestellt).

Aber viel schöner ist es ja sowieso, sich das Wunderbuch in einer richtigen Buchhandlung abzuholen. Im Wedding gibt es das Buch natürlich in der einzigen inhabergeführten Buchhandlung im ganzen Kiez: belle et triste in der Amsterdamer Straße. Ihr könnt es in jeder anderen Buchhandlung bestellen unter der ISBN 9789403644677

Ihr könnt es auch direkt bei mir bestellen. Einfach eine Mail an info@kafkaontheroad.blog

Dann kostet es 8,50 Euro und 2 Euro Versand.

Tja, und jetzt bin ich mal gespannt, wie es euch gefällt.

Rolf Fischer
Das Wunder vom Sparrplatz
Selbstverlag bei bookmundo.de
ISBN 9789403644677
80 Seiten, 8,50 Euro

Licence to chill

„Ist das nicht ein bisschen kalt?“, fragt mich eine Passantin im gelben Regenmantel neugierig, als ich mein Motorrad vor der grauen Kirche abstelle. “Nö“, gutelaune ich betont fröhlich zurück, „Die Sonne scheint doch“. Ja, so ein Sonnyboy und gleichzeitig so ein taffer Kerl möcht ich sein. Einer, der auch bei 10 Grad im November keine Mine verzieht, wenn er auf sein weißes Stahlross steigt. Ich verschweige ihr natürlich, dass ich noch vor einer guten Stunde griesgrämig in Berlin aus dem Fenster geschaut habe, das glitschige Laub und den Nieselregen mit nüchternem Blick eingeschätzt und überlegt hatte, ob ich nicht doch die S-Bahn nehme. Schließlich muss ich niemandem mehr was beweisen. Niemandem? Meine Jungs lieben es, wenn ich vorbeigeknattert komme. Und ihre Mutter glaubt ja immer noch, dass wir die alte Kiste noch mal auf den Autozug laden und noch mal damit durch Frankreich gondeln. So wie in der Zeit vor den Kindern. Aber der Autozug ist schon längst aufs Abstellgleis gefahren und die letzten zehn Jahre lassen sich auch nicht so einfach wegwischen. „Außerdem“, sage ich bei solchen Anwandlungen immer ganz vernunftbetont, „möchte ich nicht derjenige sein, der unsere Kinder zu Vollwaisen macht.“ Was natürlich Quatsch ist. Seit ich eine St.Christopherus-Plakette am Lenker habe, ist mir nie wieder was passiert, zumindest nichts Schlimmes. Und meine Jungs singen heute zum ersten Mal im Kirchenchor. Deswegen habe ich mich ja auf den Weg nach Brandenburg gemacht. Bei so viel Schutz und Segen kann ja einfach nichts schiefgehen. Und auch der Regen hatte sich verflüchtigt, als ich in Berlin losgefahren bin. Freie Fahrt und blauer Himmel über der A111. Wenn das kein Zeichen ist.

„Find ich cool“, sagt der Mittlere meiner Söhne, „dass du mit dem Motorrad gekommen bist.“ Na dann hat die Reise ja ihren Zweck erreicht. Der Vater hat gute Laune, und die Jungs haben einen coolen Vater, auf den sie stolz sein können, wenn er schon so selten vorbei kommt. Sein Bruder hat mich schon mal gefragt, ob er das Motorrad kriegt, wenn ich mal tot bin. Pietät kennt man in dem Alter noch nicht. Ich hab versucht, ihm zu erklären, dass es wahrscheinlich kein Benzin mehr geben wird, wenn er so alt sein wird, dass er die alte Vergasermaschine übernehmen könnte. Aber etwas will ich von meiner Leidenschaft natürlich weiter geben, solange ich noch kann. Ich hab sie ja auch von meinem Vater. Vor ein paar Wochen haben wir gemessen, ob die Beine schon lang genug sind, um an die Fußrasten zu kommen. Sind sie. 10 Jahre werden sie im Dezember. Es gibt praktisch kein Hindernis mehr, das uns im Frühjahr davon abhalten könnte, mal eine kleine Tour zu machen. Kein Hindernis? “Nie im Leben“, sagt die Mutter, als wir die Sängerknaben in ihre Zimmer verfrachtet haben. “Am Ende kommen sie auf den Geschmack und wollen mit 16 ein Moped.“ „Jau,“, sag ich, „ich hab mit 14 angefangen.“ „Wenn du sie hier schon aufs Land verschleppt hast, musst du ihnen auch die Möglichkeit geben, von hier abzuhauen.“ Es folgt ein kleiner Schlagabtausch, bei dem ich sämtliche Unfälle der letzten zwei Jahre in Brandenburg aufgezählt bekomme -und das sind immer noch sehr viele – und ich sie daran erinnere, dass es auch nicht ungefährlich ist, mit der Familienkutsche mit 160 übermüdet mit drei Kindern nachts 300 Kilometer zur Großmutter zu brettern, wie die fürsorgliche aber immer gehetzte Mutter es zu tun pflegt.
So wird das nichts. „Deine Mutter hat uns doch neulich das Ausflugsrestaurant genannt, wo man so schön am Wasser sitzen kann. Da würde ich dich mit hin nehmen. Einen zweiten Helm hab ich ja noch.“ “Das sind ja nur 10 Kilometer, kommt es enttäuscht zurück. “Wenn dann richtig“.
Zu ihrem Geburtstag bekommen unsere Jungs von mir Handschuhe, Nierengurt und einen eigenen Helm.

Heimatlos

Die Trinker von der „Gemütlichen Ecke“ stehn jetzt auf der Straße. Sie sind ihrer Kneipe treu, den ganzen Winter schon. Nur eben draußen. Ihr Bier holen sie sich von Jashims Tante Emma Laden. Da gehe ich auch gerade hin mit meinem Leergut von der letzten Woche, neues Bier holen. Eigentlich könnt ich mich dazustellen, denn jetzt ist es schön warm und sonnig. Aber ich will nicht mehr auf der Straße rumtreiben wie ein räudiger Köter. Ich will heim. Zu Mittag war ich im Fleischerimbiss, da gab’s ne gute Suppe. Aber keine Teller. In einen Pappbecher haben sie die gefüllt, wie Kaffee und damit musste ich dann raus auf die Straße. Hab mir einen Verteilerkasten von der Post gesucht und mein Süppchen draufgestellt. Schauen einen die Leute schon komisch an, wenn man da so vor sich hin löffelt. Sogar im Wedding. Woanders auch. Als ich im Westend mir bei „Butter Lindner“ mal Fleischsalat und ne Schrippe gekauft hab und mich damit auf eine Vorgartenmauer gesetzt habe, um zu essen, da haben die älteren Damen ganz wohlerzogen und ein bisschen belustigt „Guten Appetit“ gewünscht. Machten aber einen Bogen um mich. Eine Frau, die sich einen Döner gekauft hatte und verschämt reinbiss, zwinkerte mir zu: „So was macht man hier eigentlich nicht, aber geht ja grade nicht anders und ist ja eigentlich auch ganz lustig.“ Nee, ist gar nicht mehr lustig. Ich will wieder von einem Teller essen und an einem Tisch sitzen. Am Mexicoplatz gibts einen lecker Fleischerimbiss, und draußen vor der Tür gibs ein altes Bierfass, das vor einer geschlossenen Kneipe steht. Denkste geschlossen. Kaum stell ich mein Gulasch drauf, kommt schon der Kneipenmensch und vertreibt mich. Bin dann um die Ecke gegangen und habs auf einen Briefkasten gestellt. Eigentlich ist essen im Freien so ne Marotte von mir. Irgendwo hinsetzen, auf Treppenstufen, auf einen Poller oder eine Bank. Essen und Leute gucken, das mag ich. Sieht man ne Menge bei. Wer sich abhetzt, wer neidisch guckt, wer einen für einen Penner hält. So was. Mein Lieblingsplatz ist vor dem türkischen Cafe bei mir um die Ecke, wo ich mir morgens um 10 einen Kaffee hole und mich an den Stehtisch stelle, den sie da für die Raucher hingesellt haben. Das ist mein Ausguck. Komm ja sonst nicht unter Leute, wenn ich Homeoffice mache. Die Leute da kenn mich schon. Ein kleiner Kaffee, Becher bring ich selber mit und einen von den harten Keksen, die die Mutter vont janze backt. Die schmecken wie die Hasch-Kekse von früher, is aber nix drin. Kommt da neulich einer mit som kleinen Hund, der hinkt und fragt, ob ich mal drauf aufpassen kann. Na, da hab ich mir doch gleich gedacht, da hol ich mal die Polizei. Denn der Hund, dem gehts nicht gut, das sah man, den hat jemand verprügelt. Und der Typ sah auch gleich so aus. So mit Basecap und Trainingsanzug und rote Badelatschen. „Sach ma“, sag ich, als der wieder mit ner Tüte Brötchen rauskommt. „Sach mal, deinem Hund gehts nicht gut. Was haste denn mit dem gemacht?“ Wird der rot und sacht: „Den hab ich geklaut, mit meiner Mutter zusamm.“ Wie?“, sach ich. „Ja, der gehört einem in unserm Hinterhaus und jede Nacht hat man gehört, wie der den Hund geprügelt hat. Und als der den mal wieder raus aufn Flur geschmissen hat, da ham wir uns den geschnappt. Is n ganz Lieber. Ronny nennen wir ihn. Der Tierarzt meint, das Bein wird nicht wieder.“ Ja, so kann man sich täuschen. Aber Geschichten hört man nur, wenn, man einfach mal auf der Stelle stehn bleibt, in Ruhe einen Kaffee trinkt und sich die Leute anguckt.
Aber trotzdem nervts mit Corona. Als mein Bäcker zu hatte bin ich zu Edeka und wollte mir da einen Kaffee holen. Ist da so ein Piefke und sacht mir: „Sie haben den falschen Mundschutz an.“ Denk ich hab mich verhört und der meint: Sie ham den Mundschutz falschrum auf. Passiert ja manchmal. Aber der sacht „Mit OP-Maske is nich mehr, sie brauchen FFP 2.“ Ich sach dem Jüngelchen: „Und was is das auf deiner Nase? Ist doch auch nur ne OP-Maske. Sind deine Viren besser als meine?“ Sacht der Schnösel: „Für den Verkauf gibt es eine Ausnahmeregelung.“ Und weil es für alles eine Ausnahmeregelung gibt, konnt ich ihm noch nicht mal anders kommen. Aber seine Virenschrippen konnt er behalten.
Aber wissen se was wirklich schlimm ist? Nicht, dass man nicht mehr wie ein ordentlicher Mensch behandelt wird, nicht das man nicht mehr wegefahren kann, sondern, dass se einem auch noch die Träume nehmen. Wollt ich mir nämlich mal was Gutes tun und bin morgens zum „Simit Evi“ neben dem Jobcenter. Das ist ein türkisches Frühstückscafe das wirklich so aussieht wie in der Türkei. Sesamkringel und Frühstück mit Oliven, Schafskäse und Spiegelei und natürlich sind da echte Türken drin. Wenn ich mich da rein setze und so einen kleinen Tee im Tulpenglas trinke, dann is das wirklich wie damals, als wir auf unserem lezten Urlaub vor den Kindern, irgendwo zwischen Ankara und Kayseri in einer Raststätte halt gemacht haben. Irgendwo an der Landstraße und nur Landschaft um uns rum, den Schlüssel vom Mietwagen auf den Resopaltisch gelegt und in die Sonne geguckt. Aber was machen die Berliner Türken, als sie bei Corona nix mehr zu tun haben? Die bauen um. Jetzt hängen da stylische Lampen und man kriegt zwölf verschiedene Sorten Kaffee und Pizza. Das hat hier gerade noch gefehlt.
Ich sach euch, nach Corona is auch nich alles wieder gut. Schönen Abend noch.

Zeit, die nie vergeht

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Steht die Zeit still, oder rast sie gerade? Ausgerechnet gegenüber der Charité, Berlins größtem Krankenhaus, ja das mit dem Christian Drosten, hängt diese Skulptur, diese „Franz Kafka Uhr“ (ohne Zeijer, mit Striche drop nur; BAP). Drinnen tobt das Virus auf der Intensivstation und draußen ist alles ruhig. Ich fahre durch fast leere Straßen, unter bleigrauem Himmel, immer nur zwischen zu Hause und meinem Büro. Aber da ist niemand. Fast alle Kollegen sind im Home Office, und auch ich komme nur ein paar Mal die Woche vorbei, um nachzusehen, ob es die Arbeit noch gibt. Ich bin nicht der Richtige, um ständig von zu Hause aus zu arbeiten. Ich hab so etwas, was die Piloten „Nachtflugkoller“ nennen. Wenn du nichts mehr um sich herum siehst, keinen Kontakt mehr hast, zweifelst du irgendwann, ob der Computer, den du beobachtest, noch die Wirklichkeit zeigt. Vielleicht bist du längst im Sturzflug, während der Höhenmesser Geradeausflug anzeigt. Videokonferenzen helfen da auch nicht mehr.

Und Weihnachten? „Das glaubst du doch selber nicht, dass in paar Tagen Weihnachten sein soll.“, schreit mich mein Sohn auf dem leeren Hinterhof an. Meine Kinder sind zur Zeit, was soll ich sagen? Etwas unausgeglichen. Wer soll es ihnen verübeln? In der Schule saßen sie über Wochen mit Mundschutz. Und draußen ist es dreizehn Grad warm und trocken. Eher ein bewölkter Frühlingstag als „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, das ich mit ihnen tapfer für die Bescherung übe. Noch nicht mal Regen, von Schnee ganz zu schweigen. In der Schule sind die ganzen Adventssachen ausgefallen. Adventssingen, Adventsfeier, Adventsbasar. Noch nicht mal die Großmutter ist zu ihrem unausweichlichen Adventswochenende vorbei gekommen. Der innere Kalender der Kleinen ist durcheinander. Auf der letzten Fahrt von Berlin in den Brandenburger Speckgürtel sahen wir ganze fünf beleuchtete Weihnachtsmänner und nur drei leuchtende Schneemänner. Dafür spenden jetzt einsame Herrenhuther Sterne Licht in der Dunkelheit. Aber die Jungs, die den Dezember nur als sich steigernden Konsum- und Lichterrausch von Nikolaus über Geburtstag (die Zwillinge) bis Heiligabend kennen, merken so kleine Lichtlein gar nicht. Es ist schwer, in solchen Zeiten den Glauben an den Weihnachtsmann aufrecht zu erhalten. Und wenn die Frohe Botschaft für das Fest „Impfstoff“ heißt, kommt man mit den Liedern von dem Kindlein in der Krippe, das angeblich den Tod überwunden hat, auch nicht weit.
Immerhin: Es ist eine beschauliche, ja fast besinnliche Vorweihnachtszeit. Etwas eintönig zwar, aber wenigstens ohne Schokoladen- Glühwein- und Weihnachtsfeierorgien. Mir gefällt das. Ich verziehe mich im Winter (ho ho ho) gerne in meine Höhle. Aber es macht mich irre, wenn ich sehe, dass immer mehr Menschen und die Welt, die ich bisher kannte, ganz leise sterben.
Natürlich haben wir trotzdem ein Weihnachtsbäumchen gepflanzt – in mein Wohnzimmer. Mit Strohsternen und Kerzen. Als meinem Sohn eine Christbaumkugel runtergefallen ist, und ich schon Scherben sah, meinte er nüchtern: „Brauchst keine Angst zu haben, die sind aus Plastik.“

Ich wünsche euch trotz allem ein frohes Weihnachtsfest.

Bleibt gesund.

Media vita

Luftschiffer-Denkmal von Victor Seifert, Lilienthalstraße 6, Berlin-Kreuzberg” by Neuköllner is licensed under CC BY-ND 4.0

Blüten, die ich noch nie gesehen habe, Käse, den ich noch nie gerochen habe und Garküchen aus unbekannten Ländern, die ich noch nie gekostet habe. Dazu eine Parade von teuren Fahrrädern und Lastenrädern, die es mit jeder asiatischen Metropole aufnehmen würde und viele gut angezogene Kindern wie auf einer italienische Piazza: Der Wochenmarkt am Berliner Südstern ist wirklich das pralle Leben. Ein wahrgewordener grün-alternativer Traum. Vom Guten was die Welt zu bieten hat, das Beste. Und natürlich alles bio, vegan und fair gehandelt. Es ist zum Kotzen.
Dass es mir schlecht wird, wenn ich diese neubürgerliche Selbstgerechtigkeit sehe, kann daran liegen, dass ich lange nicht mehr aus dem Wedding rausgekommen bin, dass ich mir vorkomme wie Kirchenmaus bei der Stadtmaus und merke, wie ungeniert meine Generation in Kreuzberg inzwischen ihren Wohlstand zelebriert.
Vielleicht ist es auch nur die Aspirin, die gerade aufgehört hat zu wirken und der Kater, der mich wieder krallt, mir alle Sinne schärft und mir alles bunter, lauter und ekelhafter erscheinen lässt.
Es ist spät geworden gestern. Wie alle paar Monate saß ich zusammen mit einem Freund aus alten Zeiten in seiner großzügigen Jugendstilwohnung hier im Kietz. Und wie immer wurde die Lage diskutiert, die Krankheiten und was die alten Weggefährten machen. Nicht zum ersten Mal mussten wir auch auf Menschen anstoßen, die von uns gegangen waren – Natürlich mit Schampus, das einzige, was ich an Alkohol noch vertrage. Ja, und irgendwann müssen wir die dritte Flasche aufgemacht haben, ganz leise wie immer, damit der Korken nicht die Stuckdecke ruiniert. Auf jeden Fall war sie heute morgen leer, als ich mich vom Sofa wälzte, auf dem ich mal wieder gelandet war. Und weil ein Abend nicht reicht, um alles zu bereden machten wir uns gegen Mittag auf zum Markt und wollten von da zum Auslüften in die Hasenheide, wie immer.
Doch irgendwie müssen wir, nachdem wir den quirligen Verkehrsfluss auf der vierspurigen Straße überquert hatten, mit unseren bräsigen Köpfen falsch abgebogen sein. Vielleicht war es auch der dunkle, wuchtige Klotz, den ich durch das lichte Laub der herbstlichen Bäume mehr ahnte als sah, der uns in diese Richtung gezogen hat.
Auf jeden Fall stehen wir jetzt statt auf knirschenden Parkwegen in einem stillen Totenreich. Das bunte Leben vom Wochenmarkt scheint ewig weit weg. Zur Linken tut sich eine wuchtige Kirche auf, nix besonderes, irgendwas aus der Kaiserzeit, das auf Mittelalter macht, aber katholisch, was in Berlin schon seltsam genug ist. Davor sehen wir eine Stele mit brennenden Kerzen und eine junge Frau auf einer Bank. Sie hält eine weiße Friedhoflampe in beiden Händen und fragt uns, ob wir Feuer hätten. Ich schaue mir an, wen sie mit dem ewigen Licht ehren will: Es ist Johannes Paul II – der polnische Pillen-Paule, der wahrhaftige Antichrist für jeden politisch Aktiven in den Achzigern und Neunzigern. Abtreibungsgegner, Verhütungsverteufler, Kommunistenfresser. Dem ein Licht anzünden? Auf dass er weiter sein Unwesen treibt? Mich gruselt, und ich habe wirklich keine Streichhölzer dabei. Und so gehen wir weiter in die Dunkelheit. Einmal um die Kirche rum, da steht, vom fahlen Laub bedeckt, ein weiterer Untoter vor uns: Ein gefallener Engel in der Gestalt eines Mannes in Fliegermontur; vom Himmel gestürzt, von Grünspan bedeckt und doch sehr lebendig aussehend. „Den deutschen Luftschiffern 1914-18“ steht auf seinem Sockel. Wenn ich mich recht erinnere, warfen die deutschen Luftschiffer im ersten Weltkrieg vor allem Bomben auf fremde Städte. Und dafür ein Denkmal vor einer katholischen Kirche? Auf geweihter Erde? Das ist doch absurd. Und doch sind es nicht nur meine überreizten Sinne, die mir das vorgaukeln. Wie ich später aus dem Internet erfahre, sieht es in der Kirche noch schlimmer aus. Gedenktafeln für deutsche Kolonialsoldaten und Infanteriebatallione des 2. Weltkriegs. Ist hier, im Reich der Dunkelheit, die Zeit stehen geblieben? Nicht ganz: Die Basilika ist die Heimatkirche der katholischen Militärseelsorge. Immerhin auf den Glasfenstern soll inzwischen katholischen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedacht werden. There’s a light… Aber nicht für uns. Da ist noch der dunkle Klotz mit seiner geheimnisvollen Macht, der uns erst hierher gebracht hat. Seine Anziehungskraft ist weiter unwiderstehlich. Doch um dorthin zu gelangen, müssen wir durch ein düsteres Tor aus Bruchstein. Es braucht Mut, dort einzutreten, denn nichts verrät uns, was sich dahinter verbirgt. Wir steigen die Stufen hoch und gelangen an ein gespenstisch leeres Wärterhaus. Keiner da, der uns abweisen will. Auch sonst keine Menschenseele. Das schmiedeeiserne Gittertor ist nur angelehnt. Es lässt sich lautlos öffnen. Aber wird es offen bleiben, wenn wir unbedacht hindurchschreiten, oder wird es sich hinter uns für immer schließen? Wir wagen es und finden uns wieder auf einer unheimlich leeren Paradeallee… Der Himmel ist bleigrau. Es nieselt leicht. „Den Toten im Osten“ gemahnt ein Stein zur Linken in skurriler Nierentischform. Na, wenigstens das kommt mir doch bekannt vor. Die „Toten im Osten“, das waren ja nach westdeutscher Lesart nicht die Millionen Sowjetsoldaten, nicht die Juden oder die Polen. Das waren die deutschen Soldaten, die Vermissten, die Vertriebenen, die „Brüder und Schwestern im Osten“, für die man selbst in meinem rheinischen Heimatdorf in den Sechzigern am Totensonntag noch rote Grablichter in die Fenster stellte. Mit Grausen wende ich mich ab vom Geist der Adenenauerzeit und blicke auf eine weitere Stele, in der das Grauen in modernerer Sprache ausgedeutscht wird: „Allen Opfern der Vertreibung, Vergewaltigung, Gewaltherrschaft… gedenkt der Volksbund der deutschen Kriegsgräberfürsorge. Jetzt wissen wir wenigstens, dass wir auf einem Soldatenfriedhof sind. Aber nirgendwo sind Kreuze, nirgendwo Gräber oder gar Blumen. Dafür stehen wir jetzt vor dem riesigen Steinquader, dem Klotz mit verschlossener Tür, dieser schweigenden, fensterlosen Kabaa mitten auf dem freien Feld. Was sollen wir machen? Um sie herum laufen und Suren aus dem Koran rezitieren? Mein Freund rät, ein paar Schritte zurück zu treten. Und das sehen wir, dass das Ding einen Schornstein hat. Ein Krematorium? Erinnerte mich die ganze Anlage nicht sowieso an den Totenkult der Nazis? Was ist hier passiert? Unter unseren Füßen treten wir auf etwas Hartes – wir sind zu weit zurückgegangen und stehen auf einem Gräberfeld. Kleine Betonsteine, in den Boden eingelassen, nicht größer als ein Bogen Briefpapier. Die ganze Lichtung voll. Auf allen Steinen steht das Jahr 1945; meist April oder Mai. Aber es sind keine Soldaten, es sind alte Menschen, Geburtsdaten mit einer 18 davor. Meyer, Schmidt, Schulze – Berliner Zivilisten.

Mir reicht’s. Ich will weg aus dieser Knochenmühle. Ich habe mit Begeisterung „Wolfszeit“ gelesen. Aber am vorletzten Tag vor dem Lockdown brauche etwas mehr Lebensfreude. Einen Kaffee, einen richtigen. Meinetwegen auch einen Latte mit Sojamilch am Südkreuz.

Herbei, herbei zum 4. Mai

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Geschlossen war zum 1. Mai seit hundert Jahren nur eins: Die solidarische, unbezwingbare Arbeitereinheitsfront, die auf den Plätzen und Straßen gegen ihr Elend  und die Macht des Kapitals kämpfte. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Plätze verwaist, die Straßen im Griff des Ordnungsamtes, das mit strengem Blick darauf achtet, dass das Volk nicht zusammenkommt und die Gewerkschaften demonstrieren online.
Aber ich habe da einen Verdacht: Ich vermute,dass die Absage der großen DGB-Demos, die sonst mit Trillerpfeifen das Schweinesystem erschütterten, geht nicht auf die staatsragende Einsicht der Einheitsgewerkschaften in coronabedingte polizeiliche Auflagen zurück, sondern auf Scham.
Denn was würde dieses Jahr unter roten Bannern zur Schau gestellt?  Wohlstandsbürgerinnen und Bürger fortgeschrittenen Alters in den immergleichen Plastikleibchen mit Gewerkschaftslogo?  Das wäre schon schlimm genug. Aber dieses Jahr kämen herausgewachsene Blondierungen, ausgewaschene Dauerwellen, graue Streifen in vormals schwarzen Haaren, büschelweise Haare in den Ohren und verzottelte VoKuHilas dazu.
So darf die stolze organisierte Arbeiterschaft sich nicht auf der Straße zeigen, will sie sich nicht mit dem alten Schimpfwort „Lumpenproletariat“ verhöhnen lassen. Natürlich ist das ein perfider Schachzug der Bourgeoisie. Warum wohl dürfen die Friseure erst nach dem 1. Mai öffnen, die kleinen Geschäfte aber schon seit vergangener Woche? Eben!
Wusste die herrschende Klasse doch, dass die erzwungene Schließung der Friseurläden tiefere Einschnitte in die Kampfkraft der Vertretungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bewirkt, als es alle bisherigen Finten des Kapitals vermocht haben.
Doch was soll ich tun? Auch in mir steckt ein kleinbürgerlicher Reaktionär. Auch ich meide schamhaft die Nähe meiner Kolleginnen und Kollegen, weil ich ihren Spott fürchte. Meine ansonsten von freundlichen arabischen Männern auf 9 mm Einheitsschnitt getrimmten Resthaare nehmen barocke Formen an. Barock nicht im Sinne einer gepuderten Lockenpracht sondern barock im Sinne eines „gesprengten Giebels“. Das heißt: Links und rechts wuchert es verspielt und üppig und in der Mitte klafft eine Lücke, die nichts anderes ausdrückt als Vergänglichkeit. In die moderne Popkultur ging diese Form der Frisur ein als Erkennungszeichen verrückter Wissenschaftler. Auch im Comic ist sie beliebt. Der Chef der hoffnungslosen Bürohengstes Dilbert trägt sie.

Wenn ich wenigstens in der Wüste oder in der Eifel lebte, wo mich nichts an meine Verunstaltung erinnerte. Aber nein! Ich lebe wahrscheinlich in dem Stadtteil mit der höchsten Friseur-Dichte Deutschlands. Ich leide Tantalusqualen, wenn ich durch die Straßen gehe. Denn in meinem Bezirk gibt es amtlich gezählte 67 Friseurgeschäfte, – im Wedding legt man viel Wert auf gepflegtes Aussehen – aber was nützt mir das?
Alle, alle haben zu!

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Das kleine Vergnügen eines Friseurbesuchs, das Eintauchen in die fremden Welten, das kurze Glück exotischer Sprachen und Düfte habe ich auf diesem Blog schon oft beschrieben. Aber gerade heute, wo ich das erhebende Gefühl, sich mit frisch gestutztem Haar sich wieder als Teil der zivilisierten Welt fühlen zu dürfen besonders brauche, wird mir diese kleine Wohltat verweigert. Und sogar die Hoffnung, das mein Leiden am 4. Mai ein Ende haben wird, wird mir verwehrt. Denn wenn wir auch  alle wissen, dass nach der Krise nichts mehr so sein wird  wie es vorher war, hat mich dieser Aushang im Salon „Aufhübschstation für die Dame und den Herrn“ doch sehr erschüttert.

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Vorbei die Zeit, als ich mich aus einer Laune heraus nach Feierabend in einen Frisiersalon fallen lassen konnte, um mich zu entspannen. Vorbei die Zeit als ich ungewaschen den Salon verlassen konnte, und ja, auch vorbei die Zeit, in der ich selbst bestimmen konnte, ob ich mir Wimpern oder Brauen färben lassen wollte. Das ist jetzt alles für mich geregelt. Na ja, wenn’s der Infektionsbekämpfung dient… Wir müssen ja alle Opfer bringen. Aber für gute Ratschläge, welche Wimpernfarbe sich am schnellsten wieder auswaschen lässt, wäre ich dankbar.

Das ist eine Geschichte mit Happy End (gesehen in einem Kunstsalon in der Otavistraße).

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Am 30. Mai ist der Weltuntergang

Schäfchenwolken am Himmel und blühende Bäume links und rechts. Auf dem Radweg am Hohenzollernkanal das übliche Gewusel von Radfahrern, Skaterinnen und Spaziergängern. Mein Sohn radelt mit seinem Freund um die Wette. Riskant, riskant, wie sie da um die Kurvern jagen und mit den aalglatten Typen auf ihren Carbonrädern fast kollidieren. Aber was kann schon passieren? Wir nehmen ja jetzt alle Rücksicht aufeinander. In der Jungfernheide angekommen gibt es für jeden eine Bratwurst auf die Hand und für die Väter ein Bier, damit die Kraft reicht für die Rückfahrt. „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten…“

War da nicht noch was? Sieht so ein Land im Ausnahmezustand aus? Oder kann es sein, dass gerade die Welt untergeht, und ich es nicht bemerke? Weil ich gerade nicht will, dass die Welt untergeht, oder weil ich schon so viele Weltuntergänge erlebt habe, dass ich auch dieses Mal glaube, dass es (für uns) gut ausgeht?

Nehmen wir mal die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, der gerade in der Ukraine gedacht wird. Waren ja komische Zeiten damals, auch bei uns. Durfte man auch nicht auf den Spielplatz, nichts  aus dem Garten essen und die Milch wurde weggekippt. Die Halbwertszeit von Cäsium 123 wurde damals von den Experten heruntergebetet wie heute die aktuellen Infektionszahlen. War schon gruselig. No Future, diesmal aber wirklich.
Was wäre wenn…  wenn es wirklich so schlimm gekommen wäre, wie wir damals gedacht haben? Die Böden in Europa verseucht, die Ernten verdorben, die Menschen verstrahlt? Nicht auszudenken. War aber nicht so schlimm. Nur Pilze aus Polen wurden eine Zeit lang gemieden. Sonst ging alles munter weiter.
Und eigentlich hätte ich selbst diesen misslungenen Weltuntergang nicht erleben dürfen, weil schon 1962, ein Jahr nach meiner Geburt, die Welt wegen der Kuba-Krise, wie man damals und seitdem immer wieder mit leichtem Schauder sagt „vor dem Abgrund stand“. (Komisches Bild, weil es ja im ganzen Universum keinen Abgrund gibt, in den die Welt fallen könnte. Komm mir jetzt bitte keiner mit schwarzen Löchern). Auf jeden Fall ist meine Mutter, als die Luftsirenen angingen, mit mir auf dem Arm in den Keller des alten Winzerhauses gelaufen, wo noch aus Kriegszeiten der Luftschutzkeller des Dorfes war. War aber blinder Alarm. Cold war kids are hard to kill.

Insgesamt, finde ich, sind die Weltuntergänge in den vergangenen 75 Jahren für uns hier in Westeuropa recht glimpflich abgelaufen. Anderswo, in Ruanda oder in Syrien haben die Menschen nicht so viel Glück gehabt. Und in Bangladesh gab es nur deswegen keinen Weltuntergang, weil dort das Leben jetzt schon so entsetzlich ist, wie wir es uns in Europa für die Zeit nach dem Armageddon vorstellen. Und jetzt steigt da auch noch der Meeresspiegel.

So, jetzt habe ich es geschafft, einen Text ohne die Worte Corona und Klopapier zu schreiben. Ich wünsche mir, noch viel von euch zu lesen, bevor die Welt dann wirklich untergeht. Das Datum ist für mich als Rheinländer schon sicher. Es wurde im Kölner Karneval schon Mitte der 50er Jahre festgelegt. Die Toten Hosen, von der anderen Seite des Rheins, haben 50 Jahre gebraucht, um den Schuss zu hören. Deshalb schreien sie so laut.