Let the sunshine in

Schwein

Was gibt es Schöneres als sich an einem milden Sommerabend mit einem Freund am grünen Ufer der Spree ein mitgebrachtes Bier zu trinken? Auf dem Fluss wummern die Partyboote und die Bässe, Pärchen kuscheln sich auf der Wiese aneinander und junge Menschen in hautengen Anzügen gleiten stehend auf ihren Paddel-Brettern stadteinwärts, dem Sonnenuntergang entgegen. Wie alle Berliner, die an diesem Abend unterwegs sind haben wir also schon leicht einen sitzen, als wir im Biergarten Zenner ein Plastikbecherbier und die letzte Bockwurst erwischen und viele philosophische Gedanken später noch eins am mobilen Ausschank auf dem Platz. Doch da haben unsere Weltuntergangsgespräche (China, Afrika und die Frage, wie man jenseits der 50 im Job noch Begeisterung und Dynamik vortäuscht) jede Stringenz verloren und die dunklen Gedanken ballen sich zusammen wie die Gewitterwolken über unseren Köpfen. Von der Rückfahrt habe ich nur noch in Erinnerung wie mir der aufkommende Sturm auf dem S-Bahnhof die Fahrkarte aus der Hand gerissen hat und dass ich von einem betrunkenen Russen umarmt wurde, weil ich ihm die richtige Bahn nach Schöneweide aufgeschrieben habe. Zuhause angekommen, da gings mir wie Bolle. „Hab’s Fenster aufgerissen und tüchtig ventiliert und über den pladdernden Regen mich mächtig amüsiert.“

Aber dieses Geräusch in meinem Kopf ging nicht weg. Das Geräusch, das ich zuletzt vor 40 Jahren gehört habe, das metallische Ächzen, das klingt wie ein Schiffsrumpf, der mit voller Fahrt auf ein Riff läuft. Damals kam es vom Rahmen des Garagentors an dem ich mit frischem Führerschein den ralleyorangen Ford Escort meines Vaters entlangschrammte. Unsere Garagenauffahrt war so etwas wie die Nordkurve des Nürburgrings. Sie ging in einer scharfen Rechtsdrehung ein paar Meter aufwärts. Viele Abende hatte ich das elegante Kunstsstück meines Vaters beobachtet, wie er den kleinen Wagen mit einem kurzen Aufheulen des Motors genau ins Tor katapultierte. Jetzt war ich dran. Mein Vater nahm’s ruhig und versuchte erst gar nicht, mich dazu zu verdonnern, den meterlangen Kratzer aus dem Lack zu polieren. Das machte er lieber selber, weil sein Sohn mit der Brille und den wirren Ideen ja sowieso zwei linke Hände hatte. Aber vergessen war der Lackschaden nie. Wahrscheinlich blieb das Donnerwetter nur  deswegen aus, weil mein Vater eine neue Stelle als Fahrer bei den Kohlesäurewerken hatte: Chemietarifvertrag, 13. Monatsgehalt, Betriebsrente. Da war jetzt mehr drin. Der Katalog für den neuen Ford Taunus lag schon im Wohnzimmer. Erst viele Jahre später erteilte er mir Absolution. Als er nicht mehr fahren konnte und ich ihn mal wieder sehr dringend ins Krankenhaus bringen musste. „Du kannst ja richtig gut fahren.“, sagte er, halb erstaunt, halb um sich zu bedanken. Sein letztes, kleines Auto hat er mir vererbt.

Gestern nachmittag war das Geräusch wieder da. In meinem Ein-Drittel-Auto, das ich noch zusammen mit der Mutter zur Geburt unseres Jüngsten gekauft habe, weil das alte für drei Kinder zu klein war. Denn wenn man ein Kind erwartet, sich aber nichts mehr zu sagen hat, dann kauft man zusammen ein Auto, damit man was tut für das neue Kind und damit man über nichts anderes reden muss. Sie behauptet ja, sie habe das Auto allein gekauft und ich sage, dass ich mein ganzes Elterngeld da rein gesteckt habe, und dass deshalb ein Drittel davon mir gehört. Dafür habe ich aber keine Belege, weil sie das Auto und alles was dazugehört mit in ihr neues Haus genommen hat. So ein Auto ist das.

Und mit dem Geräusch war alles weg, was ich und meine Jungs die letzten zwei Wochen zusammen erlebt hatten. Die von mir nach uralten Erinnerungen gebauten Flitzebogen, die Ninja-Ritter-Wanderung durch den kleinen Wald hinter dem Ferienlager in der Uckermark, der für die Kinder zum magischen „Wald der Harmonie“ wurde (Wer sich bei Lego-Ninjago auskennt, weiß wovon ich rede.), die Tretbootfahrt mit den Seemannsliedern und dem Knäckebrot als Schiffszwieback, der ewige Streit darüber wer wann von wem was gekriegt hat und der Streit mit der weißhaarigen Nachbarin im Ferien-Bungalow weil die Kinder morgens zu laut waren.
Wir waren auf dem Heimweg. Die Kinder waren frisch gebadet, das Auto frisch geputzt und alle Sachen, die uns die Mutter eingepackt hatte, haben wir auch wieder in den Kofferraum geräumt (plus ganz wichtige Zweige, Äste und Feuersteine, die Schwerter, Dreizacks oder Pfeile sind und minus einiger einzelner Socken, Badehosen und sowas). Es waren noch 27 Kilometer über die Autobahn zurück zur Mutter. Auf der Rücksitzbank war beste Laune. Ich hatte eine Runde Prinzen-Rolle ausgegeben, die harte Währung unseres Urlaubs. Die Sonne schien. Stadtautobahn, linke Spur, 60 Km/h. Von hinten kommt die Meldung: „In meiner Flasche ist kein Wasser.“ „Warte,“ sag ich automatisch, „ich geb dir meine.“ Greife auf die Beifahrerseite, musste mich ein bisschen strecken, und dann war es da, das Geräusch.
Rostige Leitplanke an makellosem Lack. Ganz kurz, dann waren wir wieder auf Spur. „Das war nicht gut,“ kommt es sachlich von hinten. Wahrscheinlich der Sohn, der sich im Urlaub den Titel „kleiner Polizist“ erworben hat. Ich möchte im Fahrersitz versinken, will ganz kurz nicht da sein, und dann soll alles weiter gehen. Und nichts soll gewesen sein. So wie Herbert Gröhnemeyer in „Das Boot“, der sich einfach hinlegt, als das U-Boot getroffen wird und alle um ihn herum schreien, und als er wieder aufwacht ist alles ruhig. Die Männer haben das Boot wieder zum Schwimmen gebracht und flüstern sich routiniert Befehle zu.
Das Leben ist kein Film, aber auch kein untergehendes Boot. Ich komme wieder zu mir und merke: Keiner verletzt, Auto fährt. Alles gut! Nur viel Ärger, Pulsschlag bis zum Hals und Geld, das weg ist für nix. Und so sieht das auch die Mutter. „Soll ich jetzt mit dir schimpfen?“, fragt sie matt, als sie die Schleifspur von Front bis Heck anschaut. Ja, sag ich, bitte.

Am nächsten Morgen ist das Geräusch wieder in meinem Kopf. Trotz Bier und Absolution. Ich bin unruhig, möchte etwas tun, damit der Unfall ungeschehen wird. Aber es ist Sonntag. Keine Versicherung und keine Werkstatt zu erreichen. Bewegung! Ich brauch Bewegung. Muss was tun. Soll ich Yoga machen? Sonnengruß, Atemübungen, Mantras singen? Aber dazu müsste ich erst mal Raum schaffen, den Bodenbelag aus durcheinandergewirbelten Rittern, Rennwagen und Wikingerschiffen wegräumen. Sonnenstrahlen mühen sich durch die staubblinden Scheiben des Kinderzimmers und ich weiß was ich zu tun habe. Ich reiße die alten Doppelkastenfenster auf, hole Wasser und Fensterwischer und mache mich ans Werk. Von innen nach außen, von außen nach innen. Als ich in meinem Elan auch noch die Fensterbretter wische, sehe ich die Nachbarinnen, die wie jeden Morgen ihr altes Schwein Gassi führen. Jeder sollte ein bisschen Schwein haben, finde ich und wische auch noch die Fußböden.

 

 

Dramatis personae

Wer alles dabei war:

Knut, der mit seinem sonnengegerben Gesicht, seinenen strahlend weißen Zähnen und seiner flott nach hinten frisierten Tolle aussah, als hätte er gerade von einem Viermaster abgeheuert; der immer strahlte und kurze knappe Hamburger Sätze sprach. Knut, der rübergemacht hatte, noch vor dem Mauerbau, genau wie die Kanzlerin -von Hamburg in die DDR und der da in Berlin, in der Schönhauser Allee eine Konditorei aufgemacht hatte („War toll da, konntest viel selber machen. Hab meine Eismaschine selber gebaut. Musstest nur aufpassen, dass du der Mauer nicht zu nahe gekommen bist. Dann hattest du ne Kugel im Rücken. Aber das wusste jeder.“). Knut, der 78 ist und mal ausprobieren wollte, ob Yoga was für ihn ist.

Robert, unser Lehrer, der früher mal eine Computer-Bude hatte und jetzt perfekt Yoga und Sanskrit beherrscht. Der immer lächelt, wenn er uns sagt, dass wir unseren Schmerz wegatmen sollen und der natürlich auch doppelt so lange fastete wie alle anderen.

Dorothee, die mit Knackis in Berlin Kunsttherapie macht und die so entrückt war, dass ich immer schon drei Sätze weiter war, bis sie einen gesagt hatte.

Bernd, ein deftiger Ostberliner Schornsteinfegermeister auf der Suche nach dem Sinn, der schon alles ausprobiert hat: Von schamanischen Schwitzhütten bis zu koreanischen Heilerinnen, der mal den gleichen chaotischen Qi Gong -Lehrer hatte wie ich (Berlin ist ein Dorf), der die gleiche Strickjacke und die gleiche Outdoorjacke trägt wie ich, der alleine lebt und von der Einheit mit allem träumt.

Daniela, die Altenpflegerin mit dem knarzigen Süddtiroler Akzent, die wegen der Liebe nach Berlin kam, jetzt verwittwet ist  und die, wie beim letzten Mal, gleich am ersten Fastentag einen Kreislaufkollaps bekam, weil sie so überarbeitet war und die nicht weiß, ob sie ihren Job noch bis zur Rente durchhält.

Manfred, der freundliche Gitarrenspieler mit der großen Klappe. Der allen erzählte, welche Marathons er schon gelaufen sei, der morgens in den eiskalten See sprang, und am zweiten Tag mit einem blutenden Fuß rauskam und dann aber heroisch mit einem weißen Verband weiter Yoga machte.

Mohdil, die kasachische Assistentin von Robert, die für alle ein paar freundliche Streicheleinheiten hatte, die auch morgens in den See sprang, aber kein so großes Gewese drum machte und die auch heil wieder rauskam.

Elfriede, die Gesundheitsjournalistin, die zu jedem Pups was zu sagen hatte, die uns nicht in Ruhe ließ, bis wir zum Möhrensaft einen Tropfen Öl nahmen (damit die Vitamine besser resorbiert werden), die sich in allen Winkeln des  menschlichen Körpers auskannte und die manchmal sogar lachen konnte, manchmal über sich selbst und ihren gebrochenen Arm, den sie sich geholt hatte, als sie beim Joggen über die eigenen Füße fiel.

Marlene, die Leherin in Neukölln war, die in einem selbstverwalteten Haus lebt, das immer mal wieder von Autonomen angegriffen wird, weil es für sie ein Symbol der Gentrifizierung ist und die unsere Obstreste sammelte, um damit die Regenwürmer in ihrem Schrebergarten zu füttern.

Sofie, die junge Yogaschülerin, die Robert mit ihrer Querflöte zur indischen Orgel begleitete und die noch rot wurde, als sie uns fragte, ob sie mit uns fünf alten Männern mit in die Sauna fahren könne, die aber dann doch da geblieben ist.

Susanne, die Heil-Yoga unterrichtet und eingehüllt in einen dicken Schal schniefend ihre Übungen machte.

Elise und Peter, das schlohweiße Aussteigerpärchen vom Bauernhof nebenan, die von ihren Kämpfen mit den Dorfbewohnern erzählten, von eingerissenen Zäunen und dem Burgfieden, der jetzt eingehalten werde.

Wir alle haben zusammen in der Uckermark eine Woche gefastet und Yoga gemacht (außer die Frau aus dem Bundeskanzleramt, die nach ein paar Tagen wieder zurück nach Berlin musste und der Ingenieur, der während unserer Yoga-Woche nebenher Lebensmittelfabriken einrichten wollte und der abreiste, weil unser abgeschiedens Refugium in einem Funkloch lag.). War nicht immer leicht, ging hoch und runter aber am Ende waren wir alle wieder etwas gelenkiger, etwas leichter und etwas glücklicher als vorher. Nächstes Jahr wieder, das haben wir uns alle versprochen.

 

 

 

 

 

Als wir Götter waren

Eichhof

Wir waren Götter, Götter auf Zeit. Wir lebten von Nektar, Luft, Liebe und Gesängen. Wir fühlten uns leicht. Der Himmel über uns war weit offen. Die Sonne schien nur für uns. Unser Olymp war ein Hügel in der Uckermark mit einem alten Gutshaus drauf . Hier beherrschten wir für ein paar Tage vor allem uns selbst.

Weil wir nichts zu essen brauchten, hatten wir alle Zeit für uns. Wir verbrachten sie mit Yoga und Frohlocken. Zum indischen Harmonium lobten wir Krishna, Shiva und all die anderen befreundeten Himmelsbewohner. Als am dritten Tag das „Hare Krishna“ angestimmt wurde, grinste meine bislang stumme Nachbarin zu mir rüber „Jetzt hamm se uns. Jetzt sind wa inner Sekte“. Wir sangen die 108 Namen Krishnas. „Der für frische Butter tanzt“ „Der sich frische Butter besorgt“ waren nur zwei davon. Der Kerl wurde mir immer sympathischer. Und überhaupt drehte sich bei unseren Gesprächen erstaunlich viel ums Essen. Weil die einzige Speise ein Glas frischer Fruchtsaft am Tag war, gab es nichts, was der Phantasie Grenzen gesetzt hätte. Es sei denn, man tat es selbst. „Du bist doch auch Veganer, oder?“, war meist der Einstieg in ein langes Gespräch über alles, was man durch Weglassen an Glück dazu gewinnen kann.  Alle hatten ihren eigenen Weg zur Seeligkeit. Von Rohkost über geschrotetes Korn bis zu Ayurveda. Große Lust verschaffte auch das Studium der Beipackzettel der Nahrungsergänzunsgsmittel, die eine zweite Religion waren. Dass der Weg zur Erkenntnis der Astralwelt  über den Körper geht, soweit waren wir uns einig – und der Magen ist ja nun mal ein besonders wichtiger Teil davon, auch wenn wir ihn in unserer Fastenzeit kaum spürten. Das war ein wirklich göttliches Gefühl. Nichts zu essen, und doch keinen Hunger zu haben.

Für den Rest des Körpers gab es Yoga. Fasten macht die Gelenke geschmeidig. Und wo es nicht alleine ging, half der Lehrer nach. „Genießt den Schmerz“, lächelte der Weise. Und wirklich: Die Schreie der Verzückung und Schreie des Schmerzes waren kaum auseinander zu halten. Ich schaffte es zum ersten Mal in meinem Leben in den Lotussitz und nur mein verflixter Meniskus beendete meine Meditation, kurz bevor ich Kontakt zu meinem Astralkörper aufnehmen konnte.

Nur selten verließen wir unseren märkischen Olymp. Wenn unser Körper nach einer intuitiven Massage im Nachbardorf verlangte, oder nach einer Sauna mit Sprung in den eisklaren See. Und weil Fasten wirklich Energie freisetzt, war zwischen zwei Yoga-Sessions auch noch Luft für eine stramme Radtour über die brandenburgischen Schlaglochpisten. Danach war der Körper dann endlich mal so erledigt, dass er beim Meditieren Ruhe gab.

Doch wehe dem, der die Gesetze der Götter bricht. Denn unsere elysische Leichtigkeit beruhte auf strengem Verzicht. Nur wer sich auf ein Glas Saft am Tag beschied, durfte ihrer teilhafitig werden. Das wußte ich, aber am fünften Tag ging es mir so gut, dass ich mich für unverwundbar hielt. Nicht nur ein Mal nahm ich vom Göttertrank sondern zwei Mal und weil noch was übrig war, auch noch ein drittes Mal. Die Strafe kam leise. Es waren nicht die Blitze des Zeus, nicht Thors Hammer noch Shivas Tanz der Vernichtung. Ich wurde auch nicht aus dem Paradies vertrieben, sondern einfach nur ein paar Stunden an den Ort verbannt, an den auch die Götter zu Fuß gehen. Als ich davon erzählte, erschallte das götttliche Lachen, von dem schon Goethe berichtet, und ich durfte wieder dabei sein.

Der richtige Rausschmiss aus dem Paradies, hatten wir dann tatsächlich einem Apfel zu verdanken. Am siebten Tage gab es einen gedämpften Apfel zum Frühstück. Damit begann das Fastenbrechen und die Pforten des Himmels schlossen sich für uns. Jetzt dürfen wir wieder als Halbgötter die Steine von unten nach oben schieben – aber viel entspannter.

Himmelpfort