Old man (take a look on my life)

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© Peterdomenie.com

 

Wir sind am Räuberrad verabredet, das jetzt wieder vor der Volksbühne steht. Ich bin pünktlich, aber er ist nicht da. Also warte ich. Es ist einer der Herbsttage, die noch so warm sind, dass die Leute im Schein der Laternen und Restaurants auf den Straßen flanieren. Ich lehne mich auf mein Fahrrad und schaue ihnen dabei zu. Gerade als ich nach meinem Telefon greifen will, klingelt es. „Wo bist du?“, fragt er gut gelaunt. „Vor dem Räuberrad, auf der Seite vom Babylon, seit einer Viertelstunde. „Siehst du, ich bin auf der anderen Seite, am Theater, auch seit einer Viertelstunde, ich komm rüber.“ Kein Gemecker, keine Vorwürfe. Es ist eine Freude, sich mit ihm zu verabreden.
Wir wollen Essen gehen und laufen die Rosa-Luxemburg-Straße runter, die verdammt schick geworden ist. Als wir  gleich zwei asiatische Restaurants finden schließt er unsere Räder zusammen und wir gehen in das, was weniger laut ist. Er weiß, dass ich schlecht höre, und wir haben uns viel zu erzählen.

Nach dem Geplänkel und Gestöhne über die Arbeit kommt die Nudelsuppe und erstmal ist Ruhe.  Wir haben die Schalen noch nicht halb geschafft, da seufzt er, richtet sich auf, drückt das Kreuz tief durch und sagt „Jetzt kann ich mich entspannen.“ Seit Tagen hat er Angst gehabt, sagt er, vor einem Gespräch mit seinem Sohn, den ich immer den „schönen Ronny“ nenne und der genau einen Tag älter ist als meine große Tochter. Wir Väter kennen uns seit dem Geburtsvorbereitungskurs im Frauenzentrum in Friedrichshain. Weiß gar nicht, ob es das noch gibt?  Der schöne Sohn jedenfalls, dieser Liebling der Götter und des Vaters,  hatte die Ausbildung geschmissen, war in der Clubszene abgetaucht und irgendwas mit Drogen war auch. Ich kenne das Drama seit Jahren und er kennt das Drama um meine Söhne. Jetzt also das Gespräch und ein Funken Hoffnung. Eine neue Ausbildung, Schluss mit den Clubs, eine neue Freundin, ein Lichtblick am Horizont. Und deswegen auch unser Treffen heute: um die Erleichterung zu feiern, die Freude zu teilen und sich ein „jetzt hat er bestimmt die Kurve gekriegt“ abzuholen. Er hat mich eingeladen.

Die Suppe ist leer und ich hab Hummeln im Hintern. Es ist nicht leicht, ihm die ganze Zeit zuzuhören. Wir laufen noch ein bisschen die Straße runter und ich hoffe, dass er nicht wieder von seinen Bandscheiben anfängt oder von irgendeiner Wunderkur. Ich schlage vor zu einem der edlen Läden zu gehen, den ich schon bei unserer Ankunft aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. Wir bestaunen stumm die angesagten Latexkleider und Corsagen. „Ich möcht mal wissen wer das kauft“, sagt er mit der Unbefangenheit eines Bauernjungen. Dabei kommt er aus Hamburg. Die Mädels, die in die Clubs reinkommen wollen, in denen dein Sohn die Dekos gemacht hat, antworte ich ihm. „Ach ja, warst schon mal in so Latexläden, du magst das“, kommt beiläufig von der Seite. Ja, sag ich halb ertappt und halb stolz: ich hab schon einiges ausprobiert – und frage mich nebenher, woher er das weiß? Wir haben in all den Jahren über alles gesprochen, wirklich alles. Dinge, über die sich Männer sonst nicht unterhalten – nur nicht über Sex. Wahrscheinlich weil meine Freundin mal seine Freundin war. Und als sie nicht mehr meine Freundin war, war wieder seine Freundin wurde. War böse, ist aber lange her. Wenn man nach sowas Freunde bleiben will, verbieten sich bestimmte Themen.

„Was hat dir denn daran gefallen?, fragt er als rede er von einer längst vergangenen Zeit, einer Art von Leidenschaft, die lange hinter uns liegt. Der Geruch, sage ich, wenn es wirklich Latex ist, dann riecht es wie ein Fahrradschlauch. Er grient zu mir rüber. „Ach deswegen fährst du so gerne Fahrrad“. Ich grinse zurück: Nein, ich mag es wenn es im Bett nach Fahrrad riecht. „Weißt du was“, sagt er, ich bin richtig froh, dass einen das alles nicht mehr so spitz macht wie früher. Seitdem geht das mit den Frauen viel leichter.“ Sagt’s und verabschiedet sich zu seiner neuen Freundin. Ich hab ihren Namen vergessen. Irgendwas mit D am Anfang. Es waren zu viele in den Jahren, seit er sich von der Mutter seiner Kinder getrennt hat . Aber ich wünsche ihm wirklich, dass es diesmal etwas für länger ist.

Als er weg ist, frage ich mich, wann meine Finger das letzte Mal nach Fahrradschlauch gerochen haben. Eigentlich gar nicht mehr, seit ich die dicken Reifen aufgezogen habe, durch die kein Stachel mehr durchkommt.

Lasterhaftes Berlin

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Da soll doch noch einmal einer sagen, Bücher, die man nicht gelesen hat, hätten keinen Einfluss auf einen. Birgit vom Sätze und Schätze- Buchblog hat mir mit ihrer gut recherchierten Rezension über „Lasterhaftes Berlin“, einem neu aufgelegten Stadtführer durch das angeblich wilde Berliner Nachtleben der 30er-Jahre, einen Floh ins Ohr gesetzt: Wieso denken eigentlich immer alle Menschen, die nicht in Berlin leben, dass hier ständig die Post abgeht? Dass man hier nachts Sachen machen kann, die man in Leipzig oder Bietigheim nicht machen kann? Ohne Licht mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig unbescholtene Bürger anfahren, oder um zwei Uhr nachts mit einer Flasche Bier in der Hand in der U-Bahn sitzen – um mal die wildesten Exzesse zu nennen, die man sich außerhalb Berlins so vorstellen kann.

Birgit vermutet, dass die Bücher über das verruchte Nachtleben immer die Vorstellung der Leser aus der Provinz bedienen müssen, und ich glaube das stimmt. Und weil in Berlin wirklich nicht viel anderes passiert als in Köln oder Buxtehude wird einfach ein bisschen dazugedichtet. Das hat Christopher Isherwood in seinem Buch „Auf Wiedersehn Berlin“ getan (das übrigens fast gar nichts mit dem Musical und dem Film „Cabaret“ zu tun hat. Isherwood war schwul und schreibt über seine Abenteuer mit Jungs) und die anderen Bücher aus den „goldenen Zwanzigern“, die Birgit erwähnt wohl auch.

Nach dem Krieg war es dann Billy Wilder, der Marlene Dietrich einfliegen ließ, um in „Foreign Affair“ etwas Verruchtes in die jämmerliche Schwarzmarktzeit zu bringen. Später hat er es mit der auf dem Tisch tanzenden Lilo Pulver im Pünktchenkleid in „Eins, zwei, drei“ noch mal versucht. Berlin war damals plattgemacht wie ein Teller, wie mein Vater zu berichten wußte, der jahrelang Konserven für die „Senatsreserve“ nach Berlin fuhr (und abgelaufene Konserven nach Westdeutschland zurück). „Wenn ich auf das Führerhaus meines Lasters gestiegen bin, sagte er immer, „konnte ich die ganze Stadt überblicken.“ Kein Wunder, dass die meisten Fotos und Postkarten von damals Berlin bei Nacht zeigten. Das war die einzige Möglichkeit, die Stadt ohne Trümmerberge aufzunehmen. Und die einzigen Begegnungen mit fremden Frauen, von denen mein Vater berichten wollte, waren die mit den DDR-Zöllnerinnen, die ihn den ganzen Wagen mit den durchweichten Kartons per Hand aus- und wieder einladen ließen. Auf solche Uniform-Spiele muss man stehen. Mein Vater tat’s nicht. Als ich ihn kurz vor seinen Tod fragte, was er in seinem Leben heute anders machen würde, sagte er, ohne zu überlegen „Ich würde nie wieder eine Tour nach Berlin übernehmen.“

Die freie Liebe der 68’er in der Kommune 1 war wohl so frei auch nicht und wurde erst attraktiv, als mit Uschi Obermeier ein Fotomodell dazu kam, das der „Stern“ gern  ablichtete. In den Siebzigern war es dann en vouge, über das wilde Sex-Leben der Nazi-Größen in geheimen Bordellen in Berlin zu berichten. „Salon Kitty“ war so ein Buch und ein Film, der sich an strammen SS-Männern in schwarzen Uniformen weidete. Zadek überflutete die Bühnen damit. Ende der Siebziger war es dann Christiane F. und der billige Sex mit Junkies im Tierpark, der das Bild vom nächtlichen Berlin prägte. Mann, fand ich den Film aufregend. Vor Drogen hatte ich zwar tierische Angst, aber so auf dem Bahnhof mit Freunden abhängen, den Bullen weglaufen und dann direkt vor David Bowie zu stehen, wenn er „Heroes“ singt. Das wär schon was gewesen. Später sang dann „Ideal“ vom wilden Nachtleben im „Dschungel“ – Ick fühl ma jut, ick steh uf Berlin. Das war das Lied, das ich im Kopf hatte, als ich auf Klassenfahrt nach Berlin kam. Und tatsächlich standen da am hellerlichten Tag Frauen auf der Potsdamer Straße rum, die so angezogen waren, wie die Frauen, die im Kleinanzeigenteil unserer Zeitung für potenzsteigernde Mittel warben. „Na Kleener, haste Lust uf ne Sause?“, sprach mich eine an. Ich wurde knallrot und sah zu, dass ich weg kam. Im Bus zurück nachhause prahlten natürlich alle Jungs, mit dem was abgegangen sei, mit den Frauen von der Potse.

Keine fünfzehn Jahre später zog ich nach Berlin, weil die Mauer auf war und ich den Osten erleben wollte. Und es war wirklich klasse. Die ganzen improvisierten Kellerbars und die Konzerte in den alten Reichsbahn-Hallen. Aber verrucht war das nicht, höchstens verqualmt.
Ich glaubte sowieso nicht, dass es so was wie verrucht noch gab in einer Stadt in der es die Love-Parade und den Christopher Street Day gab. Wo dein Nachbar zum Motzstraßen-Fest plötzlich als Transe aus der Tür kommt und dich fragt, ob seine Strumpfnaht noch gerade sitzt. Bis, ja bis dieser amerikanische Journalist auftauchte in unserer Redaktion. Netter Kerl, Cineast, der ein Interview mit Volker Schlöndorf arrangiert hatte. Aber wer kennt schon Schlöndorf im amerikanischen Bible Belt? Es musste ein Aufmacher her, einer, der auch den gottesfürchtigen Immobilienmakler in South Carolina neugierig macht. Sinnlos mit der „Blechtrommel“ anzufangen. Es wurde  die kleine, schäbige Oben-Ohne Bar in der Yorck-Straße. Ein Relikt aus der Zeit, in der noch die amerikanischen GIs nachts auf den Straßen von Berlin nach „amusement“ suchten. Der Artikel über Schlöndorf fing dann also so an: „There is a Topless Bar right in the center of Berlin. They say topless, and they mean it!“

Nachklapp: Es stimmt natürlich nicht, dass nix los ist in Berlin. Gleich bei mir gegenüber ist die Flop-Bar, ein dunkler Schuppen, der erst um acht abends aufmacht. Die Bedienung ist ein durchscheinendes Mädchen mit einer durchscheinenden Bluse. Ich weiß nicht was da nachts abgeht. Ich war nur mal Sonntags da, und habe mir einen Tatort auf der Leinwand angeschaut. Die Kids um mich rum hatten Flips und Chips mitgebracht. In Tatort ging es um Amateur-Pornos, die anscheinend jetzt in jedem deutschen Wohnzimmer gedreht und ins Internet gestellt werden. Der Tatort kam aus München.

Noch spannender ist es in meinem Hinterhof. Da sah ich heute bei Sonnenuntergang zwei Kamfpfhunde frei laufen. Ein schöner Hellbrauner mit weißen Flecken und ein Grauer. Zwei Hunde also auf der Wiese, auf der ich sonst mit meinen Jungs spiele. Natürlich hatte keiner einen Maulkorb, ein Besitzer war auch nicht zu sehen. Ja, das ist das wilde Leben in Berlin. So was gäb’s anderswo nicht.
Der Garten ist sattgrün, die Kastanien stehen voll im Saft und strecken ihre Kerzen nach oben. Und da sehe ich, wie der Braune auf die Graue steigt. Dann laufen sie wieder ein bisschen, beißen sich und der Braune steigt wieder hoch und sie vögeln wieder ein bisschen und dann laufen sie wieder. So geht das immer weiter. Und als ich mit dem Abendessen fertig bin, sind sie immer noch dran. Ob ich das dem Lonley Planet mal als Geheimtipp stecken soll?

Das Wunder vom Sparrplatz

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Es wird langsam kalt. Die Dämmerung bricht herein und ich stapfe missmutig durch den frisch gefallenen Schnee. Mein Sohn hat sich auch müde gelaufen und sich in den Kinderwagen geflüchtet. Warm und weich hat er es da in seinem Daunensack, aber auch er weiß nicht so recht was er hier draußen soll. Ich brauche ein Ziel, einen Kaffee, einen guten. Das ist mein einziger Orientierungspunkt. Aber wir finden keinen Platz in der Herberge. Ich habe schon meine gewohnte Strecke durch den gentrifizieren Teil des Wedding abgelaufen, in den ich mich manchmal flüchte. Aber alle Cafes sind zu.  Es ist der Tag nach den Heiligen drei Königen. Anscheinend sind all die schicken jungen Leute, die sonst hier ihren Latte schlürfen noch bei ihren Eltern in Westdeutschland. Oder zum Skifahren oder sonstwas Wunderbarem.  Nur ich laufe hier rum, allein mit Kind und Wagen und es wird immer dunkler. Ein wild gestikulierender Mann kommt uns entgegen. “ Ist doch alles total Scheiße hier.“ schreit er um sich, wissend, dass niemand seine Wut hört. „Alles total runtergekommen, hier. Du auch, du Arschloch“. Er schaut mich dabei nicht an, trampelt weiter, flucht irgend etwas anderes. Aber zum Beleidigen findet er keinen mehr. Die Straßen bleiben leer. Und mir reichts jetzt. Ich will jetzt was Warmes, Licht, ein freundliches Gesicht. Aber selbst das türkische Cafe „Schneeglöckchen“ an der Ecke holt gerade den Mülleimer rein. Bleibt nur der  neonkalte Späti, in dem sich zwei traurige Gestalten an einem Stehtisch festhalten. Nein, da will ich nicht rein. Da gehöre ich noch nicht dazu. Es muss etwas Anderes geben. In mir keimt eine winzige Hoffnung. In Gefahr und großer Not muss man gewohnte Wege verlassen und sein Glück wagen. Also drehe ich den Wagen um die Ecke in eine dunkle, noch nie gegangene Straße. Irgendwo da hinten, hinter dem leeren Platz ist ein Studentenwohnheim. Das muss es doch… Mein Sohn wirft gelangweilt seinen Handschuh in den Schnee. Und als ich mich bücke sehe ich im Augenwinkel große, warm leuchtende Schaufenster, Tische davor. Etwas in mir will an das Glück glauben. Mit dem letzten Fünkchen Hoffnung drehe ich auf die ferne Lichtinsel ein. Zweifel machen sich breit: Vielleicht  ist es doch bloß ein blöder Designshop, oder wenn es ein Cafe ist, ist wahrscheinlich ist die Tür schon zu – zu für dich! höhnt der Kafka in meinem Kopf. Zum Glück habe ich noch meinen Bauch. Und der macht die Tür auf und weiß, dass er zu Hause ist: Hohe Räume, eine festlich geschmückte Vitrine, kleine Tische, Pärchen beim gepflegten Schweigen. Ich pflücke meinen Sohn aus seinem Wagen und freue mich daruf, langsam aufzutauen, den Schnee auf dem Mantel schmelzen und abperlen zu lassen. Die Bedienung ist freundlich und adrett. Es gibt östereichischen Strudel, liebevoll mit Zucker überpudert und einen Milchkaffee ohne Schaum. Mein Sohn sitzt still auf meinem Knie, kriegt leuchtende Augen und wir teilen den Kuchen – eins für ihn, eins für mich. Und plötzlich laufen mir die Tränen. Ich schau das blonde Knäblein an und kanns gar nicht glauben, dass der strahlende Kleine mit den roten Winterbacken meiner ist. Dass ich hier mit ihm sitzen darf, und diese Stunde mit ihm verbringen kann. Dass ich so viel Glück habe. Wir bestellen noch einen Kuchen und ich könnte ewig hier sitzen bleiben.

Als wir raus kommen, hat es weiter geschneit. Der Kinderwagen ist eingepudert wie der Strudel. Mein Kleiner läuft ein Stück an meiner Hand. Stapft ungläubig im Schnee – heute ist der erste Tag in seinem Leben, an dem er im Schnee laufen kann. Die Straße ist immer noch leer und still aber das Licht der Gaslaternen leuchtet warm auf uns. Es würde mich nicht wundern, wenn auf einmal der Weihnachtsmann auf seinem Schlitten angeschwebt käme und und neben uns landete, die Leute freundlich lachend aus den Häusern kämen und sich umarmten. Weil heute so ein wunderbarer Tag ist – mitten in Berlin.

 

 

Lost in translation

„Ey, was machst du da?“, schreie ich und reiße meinen Kopf nach links. Der Typ hinter mir zuckt zusammen und zieht sein elektrisches Schergerät mit einem Ruck nach oben, aber es ist zu spät. Über dem rechten Ohr hat der Idiot eine Schneise in meine zerzausten „ich wollt schon vor drei Wochen zum Friseur gehen“-Haare gefräst. Ich kann die Kopfhaut sehen. „Das sind doch keine neun Millimeter!“, belle ich mein Spiegelbild an und sehe, wie der Aushilfs-Figaro hinter mir hilfesuchend zu seinem bärtigen Chef mit der Basecap schaut. „Oh ‚tschuldige, tut mir echt leid,“ sagt der unberührt, „ich hab null Millimeter verstanden,“ schnappt sich das noch surrende Gerät, schiebt seinen Landsmann zur Seite und versucht zu retten was zu retten ist.

Aufmerksame Leser meines Blogs, wissen, dass ich, was meine Haare angeht, experimentierfreudig bin. Nicht was die Form betrifft, sondern wie die immer gleiche Aufgabe „Neun Millimeter mit der Maschine“ von den Haarkünstlern verschiedener Herkunft in meinem Viertel gemeistert wird. Man könnte sagen, ich mache eine Reise um die Welt – nicht in meinem Kopf, sondern obendrauf. Gewöhnlich stehe ich eine Weile vor dem Schaufenster und schaue mir an, wie die Kunden behandelt werden, ob sie glücklich ausschauen, an welche Schnitte sich der Maestro heranwagt. Erst dann traue ich mich einzutreten. Doch heute musste es schnell gehen. Es ist schon halb acht abends, morgen kommt meine Schwester, ich gehe mir eine Wohnung anschauen und übermorgen ist Kindergeburtstag. Alles Anlässe, an denen ein gepflegtes Äußeres gefragt ist. Hektik ist immer gefährlich. Und so lande ich bei Haircut 2000, dem letzten Laden, der um die Zeit noch aufhat. Eine neonhelle Türkenbude, in der der ein paar Jungmänner sich an ihren schwarzen Bärten herumsäbeln und ungewünschte Haare mit grünem Wachs herausreißen lassen.

Es hätte mich skeptisch machen müssen, dass mein Friseur mich nicht mit Worten auf den Stuhl bat, sondern mit Gesten. Als er mir die Halskrause umlegte hörte ich, dass er viele Fragen an seinen Chef hat. Tamam? Tamam! ging es hin und her. Jetzt ist es zu spät. Der Mann, der mich nach dem Massaker aus dem Spiegel anschaut ist blass, eckig, hart  und sehr grau. Ich versuche mich an das Gesicht gewöhnen, mit dem ich die nächsten Wochen herumlaufen muss. Verlegen lächelt der Ungeschickte mich an. „Creme?“, fragt er und weil ich nicht weiß, was er will, und weil jetzt schon alles egal ist, nicke ich ergeben. Er beginnt, meine Wangen und meinen Nacken mit Nivea-Creme zu massieren. Und als er damit fertig ist, nimmt er meinen Unterarm und walkt ihn mit seinen klobigen, festen Händen. Er  arbeitet sich weiter über die Schultern und landet mit seinen beiden Unterarmen auf meinem Rücken. Jetzt weiß ich was das wird. Das ist die kochenbrechende Art von Massagen, die man als Mann in türkischen Bädern bekommt. „Er möchte sich bei Ihnen entschuldigen“, übersetzt mir der Chef die Körpersprache. Die Entschuldigung nehme ich an. Diese harten, männlichen Freundlichkeitsbeweise sind genau das, was ich nach meinem hysterischen Kindergeburtstagsvorbereitungstag gebraucht habe. Aber in Worte fassen konnte ich dieses Bedürfnis nicht. Was die Wünsche meines Körpers angeht, bin ich genau so sprachlos, wie mein türkischer Masseur, der neu in Deutschland ist.

Jetzt  kann ich wieder lächeln und schau noch mal in den Spiegel: Sieht doch gar nicht so schlecht aus, so kurz. So ein bisschen gewagter, nicht so bieder – und als ich mir die Brille aufsetzte sehe ich ganz klar: Ein gereifter, distinguierter Großstadt-Intellektueller. „Geht aufs Haus“, sagt der Chef, als er mich zur Tür begleitet.

Aztekische Arier

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Der Abend soll noch nicht zu Ende sein. Irgendwas muss noch kommen.

Ich komme von einem schönen Saunaabend mit einem Freund, bin quer durch die Stadt mit dem Rad nach Hause gefahren und stehe an der letzten Ampel. Eigentlich bin ich fertig. Und trotzdem ist noch irgendwas offen. Es ist halb elf. Ich sollte jetzt anfangen Yoga-Übungen zu machen, bewusst zu atmen und die Muskeln anspannen, entspannen, anspannen, damit ich gut schlafe. Sollte ich. Mein Bauch entscheidet sich heute wieder für die alte Methode: Flasche Bier, Tüte Chips. Schon stehe ich im Späti zwischen Bierkisten, Chips und chinesischen Tütensuppen.

An der Kasse lungern drei junge Kerle. Ein Araber führt das große Wort. „Echt, ich sag euch: Der Hitler hat das alles nur geklaut. Das Hakenkreuz, das ist ein altes Zeichen der Azteken. Das hat er geklaut. Wenn du dir die Azteken-Sachen anschaust: Überall Hakenkreuze! Und das mit den Ariern: Auch alles Azteken. Das heißt auf Aztekisch „Freunde der Sonne“.  „Na, dit sachste mal besser nich laut auffm Alex“, versucht sein Kumpel den Prediger in die Wirklichkeit zurück zu holen, „da kommste nich weit mit.“ „Kommste ooch in Wedding nich weit mit“, ergänzt klug der Dritte. Ich habe mit derweil für Natur-Chips mit Rosmarin entschieden und leg sie auf die Kasse. Kurz überlege ich, ob ich mich trauen soll, was zu sagen, oder ob ich mir hier eine blutige Nase hole. Dann sage ich: „Inder“. Und in das kurze Schweigen hinein: „Das mit dem Hakenkreuz kommt von den Indern, nicht von den Azteken.“

Der Araber würdigt mich keines Blickes. Er schiebt in unveränderter Haltung das Wechselgeld rüber. Und dann fängt er wieder an zu predigen: “ Die Inder! Leute hört euch das an. Da seht ihr mal, was man mit Bildung alles kann! Geht auf die Schule und passt auf, Leute!“

Das ist nicht echt, denke ich im Hinausgehen. Das ist ne schlechte Soap: Ein arabischer Bildungsprediger. Das ist ein kitschiger Sozialarbeitertraum.

Ein Traum. Genau das ist es, was mir heute noch fehlt.

 

Kadaverchaos

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Vorm Spätkauf um die Ecke, dort wo tagein, tagaus ein paar deutsche Trinker ihre Tage auf glänzenden Aluminiumstühlen totschlagen, stellt sich mir heute ein junger Mann mit gepflegetem Vollbart in den Weg. „Entschuldigung, vielleicht können Sie uns helfen“, bittet er und deutet auf eine Gruppe älterer türkischer Männer, die um einen Bistrotisch sitzen. Ich sehe Teegläser und eine Bild-Zeitung. Die Trinker sind weg. Ich suche das Schild „Neubewirtschaftung“, finde aber keins.“Heißt es „der Kadaver“ oder „das Kadaver“? fragt mich der Junge in akzentfreiem Deutsch. Völlig überrascht von so viel Bildungseifer, freue ich mich natürlich, den Menschen bei der Integration helfen zu können. „Der Kadaver“, antworte ich selbstsicher. „Aber warum“, hakt der Frager mit kindlichem Eifer nach, „heißt es nicht „das Kadaver“? Es heißt doch auch „das Kadaverchaos“. Ich schweige für einen Augenblick, weiß nicht was ich sagen soll. Was ist aus meinem Späti geworden? Bisher bekam ich hier mit verlässlich schlecht gelauntem „Eeneurofufzich“ mein Absackerbier über die überladene gläserne Einkaufstheke mit den verschrumpelten Fettkringeln vom Vortag gereicht. Und was ist das jetzt hier? Eine Straßenakademie, ein germanistisches Seminar? „Was für ein Chaos?“, frage ich um Zeit zu gewinnen. „Kadaverchaos, na so was wo viele tote Fische ans Ufer geschwemmt werden.“ Ich habe die Bild-Zeitung in Verdacht, dass sie diesen Menschen, die sich guten Willens der deutschen Sprache nähern, das Hirn mit solch bekloppten Sprachschöpfungen verklebt. Mich bringt das in eine peinliche Situation: Ich habe doch selber keine Ahnung von der deutschen Grammatik. Aber wenn ich mir jetzt die Blöße gebe, mein Unwissen zuzugebe, leiste ich dem Terrorismus Vorschub. Denn wofür verachten uns die Islamisten? Dafür, dass wir den Kontakt zu den Wurzeln unser Kultur, unserer Religion verloren haben. Wenn sie auch noch merken, dass wir noch nicht mal die Gesetze unserer Sprache kennen, mit der wir sie in den Integrationskursen traktieren….

„Es heißt „das Chaos“, antworte ich mit einer archaischen Gewissheit,  die sich vor den ewigen Textinterpretationen in der Oberstufe in meinem Hirn eingenistet haben muss, „Deshalb heißt ein Chaos mit Kadavern „das Kadaverchaos“. „Seht ihr“, wendet sich der Junge an die Männer am Tisch, „ist doch ganz einfach!“ Ja, so einfach ist es, einen Beitrag zum Weltfrieden zu leisten.

Stadt der Engel

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Berlin ist die Hauptstadt der Einsamkeit. Wohin ich auch schaue, einsame, traurige Menschen. Nirgends in Deutschland leben mehr Menschen allein, nirgends gibt es so viele Singlepartys, Speeddatings und Kuschelseminare. Der Berliner sehnt sich nach Kontakt. „Jeder hat n Hund, aber keinen zum Reden, “ singt Peter Fox in seiner Hymne auf die Hauptstadt. Da hat er Recht.

Zum Glück bin ich nicht allein in Berlin. Ich habe viele Freunde. Freunde an jeder Ecke, auf allen Wegen und selbst in der Nacht. Sie begleiten mich wohin ich auch gehe, sie kümmern sich darum, dass ich gute Laune habe und es vergeht kein Tag, an dem zwei oder drei von ihnen treffe.

Schon am Morgen, wenn ich mich, noch nicht ganz wach, auf mein Fahrrad schiebe und mürrisch Richtung Arbeit ächze, wenn ich noch nich weiß, woher ich die Kraft nehmen soll, um bis zu meiner ersten Tasse Kaffee zu überleben, ist einer meiner Freunde zur Stelle. Gleich an der ersten Kreuzung, an der ich warten muss, schleicht er sich von hinten an (Sie kommen immer von hinten), sieht, dass ich eine Aufmunterung brauche, neckt mich mit seinem Blaulicht und schaltet dann direkt neben meinem Kopf sein Martinshorn an. Heißa, bin ich dann wach! „Danke, Freund“, denke ich, „das hat mir heute noch gefehlt.“Doch der Freund wartet nicht, bis ich mich bei ihm bedanke, sondern braust blinkernd und zwinkernd um die Ecke zum Virchow-Klinikum. Ich habe dann genug Adrenalin im Blut, um den Weg zum Büro im Fluge zu meistern.

Abends das gleiche Spiel. Nach sinnlosen Sitzungen oder einem Tag vor dem Computer sind meine Akkus leer und meine Nerven dünn wie Porzellan. Meine Freunde machen sich Sorgen und versuchen mich aufzumuntern. Oft fahren sie auf der Straße „Unter den Linden“  eine blaulichtbewehrte Eskorte von Polizeimotorrädern auf, um mich zu erfreuen. Ich liebe Motorräder! Und ich liebe es, eine Viertelstunde zu warten, bis auch die letzte Staatskarosse vom Hotel Adlon losgefahren ist und der letzte Polizist in seinem Lurchianzug die Straße freigegeben hat, bis ich loshetzen kann, um meine Kinder aus der Kita abzuholen. Und sollte das mit dem Staatstheater mal nicht klappen, holen mich meine Freunde spätestens in der nächsten engen und besonders schön hallenden Straßenschlucht ein, um mir auf dem Weg zur Charité einen Gruß zur blauen Stunde  zu schicken. Auch nachts schlafen meine Freunde nicht. Egal ob sie zu einer Messerstecherei in die Shisha-Bar im Vorderhaus gerufen werden, oder ob besorgte Menschen den Entstörungsdienst der Gasag gerufen haben, nie vergessen meine Freunde, mir einen fröhlich tönenden Gruß durch die hoffnungslos überforderten Doppelglasfenster zu schicken. Ich schlafe dann zwar nicht mehr, aber ich verbringe die Nacht in der Gewissheit: Ich bin nicht allein.

In solchen Nächten mache ich mir manchmal tiefe Gedanken. Ist es wirklich wahre Freundschaft, die mich mit den Menschen verbindet? Kann die Freundschaft zwischen Menschen wirklich von Dauer sein, oder ist es nur Jesus, der mich wirklich immer liebt? Schwer drücken mich solche Fragen am nächsten Tag, wenn ich nach dem  morgendlichen Kleinkrieg um ungeputze Zähne und zu warme Jacken meine Jungs in die evangelische Kita bugsiert habe. Kaum stehe ich nach vollbrachter Tat vor der Tür des Horts der schreienden Kinder, kaum hätte ich eine Minute, um das Klingeln in meinen Ohren wieder abklingen zu lassen, gibt mir das dröhnende Geläut der drei Bronzeglocken in der nahen Kirchenburg ein eindeuiges Zeichen. Schönen Dank auch, Jesus. Ja, ja, ich lieb dich auch.