Die leckerste Kirche von Vilnius

Irgendwo zwischen dem Künstlerviertel Uzupis und der auf Hochglanz polierten Altstadt von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, fiel sie mir ins Auge. Vielleicht, weil man ihr ansah, dass sie schwere Zeiten hinter sich hatte, vielleicht weil ich Hunger hatte und mich die Speisekarte am Zaun anlockte. Von katholischen Kirchen bin ich dünne Oblaten gewohnt, die in Wein getunkt werden. Die hier lockte mit „pirmas blynas“ , also leckeren Pfannkuchen. Auch drinnen überzeugte mich das Angebot: Statt barockem Kitsch und vergoldeten Gipsfiguren herrschten hier nüchterner Beton und rostige Stahltüren vor, als hätten Berliner Architekten ein neues Café entworfen. Dabei war es, wie ich später las, ein Erbe der gottlosen Sowjetzeiten, als man die Kirche zum Getreidespeicher umfunktioniert hatte. Was sollte man auch machen, mit all den Kirchen, die im „Rom des Ostens“ plötzlich niemand mehr brauchte? Aus der Kathedrale wurde eine Gemäldegalerie. Auch schön.

Bedient und bekocht wurden mein Freund und ich von Kellnern und Köchen mit Behinderungen. Und es schmeckte großartig. Das Beste was wir bisher auf unserer Reise durch das Baltikum gefunden haben. Natürlich gabs noch was Süßes zum Dessert.

Aber nicht nur der Leib, auch der Geist braucht Nahrung. Und dafür mussten wir nur drei Treppen nach oben steigen. Dort, auf der dritten Etage des ehemaligen Speichers hat sich wieder eine christliche Gemeinde eingerichtet. Äußerlich aufs Wesentliche beschränkt und ungefähr 10 Höhenmeter näher am lieben Gott.

Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass es in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Die Tränen der Inder

„Wer will schon im Winter sein Fahrrad reparieren lassen?“, dache ich und dünkte mich schlau. Denn alles Volk hatte sich vor der Kälte unter die Erde verkrochen und fuhr in den dunklen Röhren seinem Ziel entgegen oder es spaltete den grauen Schneematsch auf den Straßen mit wuchtigem Gefährt. Leer wähnte ich die Werkstatt und schnell würden die flinken Hände des kundigen Meisters die müde Kette meines Rades von den Zahnrädern befreien, in die sie sich mit den Jahren eingefressen hatte. Bei fröhlichem Gespräch wäre das Werk schnell getan und frei und sanft würde mein Rad mit mir Richtung Frühling rollen. „Der Winter muss weichen, weil er weichen muss…“, sang ich mit Hannes Wader.

Vergessen hatte ich aber die dunklen Knechte, die mit klobigen Kapuzen auf dicken Rädern auf das Geheiß fremder Stimmen an den Rändern der breiten Avenuen ihr Tag- und vor allem ihr Nachtwerk verrichteten. Jene, die in täglicher Fron warmes Essen zu den Reichen unter den Hungrigen dieser Stadt bringen. Nicht mehr als Schatten waren sie bislang, die meine täglichen Wege lautlos begleiteten; unfassbar, unnahbar, unverständlich. Auch wenn das Schicksal uns zuweilen an einer roten Ampel zusammenführte, gab es keinen Blick, kein Lächeln, kein Zeichen gemeinsam erlittener Unbill in Wetter und Wind. Immer waren sie in einer anderen Sprache in einer andern Welt – verbunden über eine leuchtende Kiste mit einem Signal zu den Sternen.

Jetzt aber waren sie hier in der Werkstatt. „I will call you, not: You call me! Understand?“ brüllte der Fahrradmechaniker einen Mann mit rundem dunklen Gesicht an. Der hatte weiße iPods in den Ohren, eine graue Kapuze über dem Kopf und ein stoisches Buddha-Lächeln im Gesicht. Und er ging nicht weg. „Also gut, lenkte der Schrauber ein: „Wo steht es denn?“ Später sehe ich sie beide auf dem Gehweg, das schwere Lieferfahrrad im Schnee auf den Kopf gestellt. Sie diskutierten halb Deutsch, halb Englisch die Ursache für das Lahmen des Stahlrosses. Da hatte mir der Praktikant, in einer Hand einen Döner mampfend, schon den Reparaturzettel ausgestellt. „Montag, vielleicht schon Samstag. Wir rufen Sie an.“

Es wird Montag in der Mittagspause. Der Meister ist allein. Hektisch, aber mit genauen Griffen zirkelt er zwischen meinem aufgebockten Rad, einem Pappbecher mit Kaffee und einer Packung Tabak hin und her. Der Zweiradmechanikermeister, bei dem ich die Jahre davor war, hat mit 50 einen Herzinfarkt bekommen und den Laden an seinen Gesellen abgeben müssen. Mein neuer Meister ist Anfang Dreißig und hat das noch vor sich, wenn er so weiter macht. Er ist überall gleichzeitig. Als eine junge Frau mit ihrem Rad in den Laden kommt, weiß er sofort, wo es hakt, drückt mir gleichzeitig mein Rad für die Probefahrt in die Hand und dreht sich eine mit dem Tabak. Als ich zurückkomme sitzt er vor seinem Laden und raucht. Die Schaltung geht nicht ganz geschmeidig. Das lässt ihm keine Ruhe, und schon sind wir wieder in der Werkstatt. „Dauert nur einen Moment.“, sagt er und drückt auf die Kaffeemaschine – für mich. Mit dem Becher in der Hand kommen wir ins Reden. „Du machst viel für Wolt, oder?“ frage ich neugierig. „Nein, ich mach das für die Jungs. Die Fahrräder müssen sie selber leasen. 150 Euro im Monat. Aber die Firma hat in Berlin nur zwei Werkstätten und da müssen sie sich eine Woche vorher anmelden. Deshalb kommen sie zu mir.“ „Und das geht so einfach, bei geleasten Rädern?“ „Die Jungs kommen aus Pakistan oder Indien, die werden bei Wolt pro Lieferung bezahlt. Die haben Druck und nehmen keine Rücksicht auf das Material. Das sind gute Räder, aber auch die halten das nicht lange aus. Wenn ihr Rad kaputt ist, können sie nicht eine Woche warten. Sie kommen zu mir und weinen. Was soll ich machen?“ Ein stolzes Grinsen fährt über sein Gesicht: „Erst wollte der Hersteller mir verbieten, ihnen zu helfen. Aber ich habe mir dann die Teile besorgt, aus China. Inzwischen kann ich alles außer dem Steuergerät selber machen.“ Einen größeren Laden bräuchte er. Den hier teile er sich mit dem türkischen Schlüsseldienst. Und er sei sehr froh, dass sie ihn reingelassen haben. Alleine könne er die Miete für den Laden nicht stemmen. „Da müsste ich 150 Euro am Tag nur für die Miete verdienen.“ Dabei stehen im Wedding dutzende Läden in allen Größen leer. Von mir will er 20 Euro weniger als ich für die Reparatur im anderen Laden vor drei Jahren bezahlt habe. Dabei hat er zusätzlich noch alle Seilzüge ausgetauscht. „Hat ja keiner Geld heute“, murmelt er. Am Wochenende sei er übrigens selber auf Tour, erzählt er, noch in der Tür stehend, als ich mein Rad nach draußen schiebe: Für Lieferando. Es sei schwer, nach einer Woche in der Werkstatt Sonntags früh aus den Federn zu kommen. Aber da werde er nach Stunden bezahlt. 13 Euro irgendwas. Und er fahre die Touren mit dem Auto. Mit dem Fahrrad sei es zu anstrengend.

Wer diese Lieferung am Ende wohl bezahlt hat?

Nachtschatten

Wie ein Pinselstrich im Gemälde der nächtlichen Stadt.

Vertuscht verschwommen.

Nur einen Augenblick sichtbar

Und doch Teil des Bildes.

Wie ein blitzender Faden auf dem Lichtteppich der Straßen

Unbemerkt und doch da.

Auf einer geraden Bahn auf den nassglänzenden Straßen

die dafür gemacht sind ihn zu tragen

Und doch verloren im Gewirr

Zielstrebig, aber doch an jeder Ecke neu entscheidend.

Zwangsläufig aber doch frei

Not to touch the sky, not to touch the sun. Nothing left to do but run run run…

In der riesigen Kulisse spielt er keine Rolle, aber ohne ihn wäre es ein anderes Stück. Das Theater ist da für ihn und alle andern. Es gibt keinen Dirigenten, aber jeder ist ein Ton in der Großstadtsymphonie. Jede Sekunde eine Uraufführung.

Jeder ist ein Solist und der Star des Abends, solange er dabei ist.

Frechdachse

Abends vor Denns Biomarkt in der Müllerstraße. Ich will mein Fahrrad vor dem Ladenschaufenster in der Seitenstraße abstellen. Zwei Jugendliche kommen auf mich zu: „Da dürfen Sie keine Fahrräder abstellen.“, sagt der Kleinere wichtigtuerisch im Straßenslang. Der Ältere weist mit dem Arm ins Dunkle, wo an einem Laternenmast mehrere Fahrräder stehen. „Da hinten müssen Sie hin!“, will er mich dirigieren. Die beiden können das schon ganz gut nachmachen, das typisch berlinerische Rumkommandieren. „So so“, sag ich. „Ich bleib aber mal hier stehen.“ Der Kleine gibt noch nicht auf. Er hebt sein riesiges Handy vor seinen Mund: „Dann ruf ich jetzt die Polizei.“, droht er und versucht, dabei so entschlossen zu klingen, wie ein 12-Jähriger klingen kann . Wo er das nur her hat? Lernen die Kinder das jetzt in der Schule, oder ist die Straße ihre Schule? Ich greife in meine Hosentasche und hole meinen Dienstausweis raus. Der ist grau und sieht sehr amtlich aus. In der Dunkelheit sollte es für einen Bluff reichen: „Ich bin von der Polizei.“, brumme ich und hebe den Ausweis nur ein bisschen hoch. „Au Scheiße!“ Der Kleine hüpft ein Stück zurück und verschwindet blitzschnell in der Dunkelheit. Er grinst dabei diebisch. Wir sind quitt.

Blattgold und Brutalismus

Am liebsten möchte man der tapferen Pfarrersfrau die Hand halten und sie trösten: Ihr Schicksal hat sie mit ihrem Mann in einen der brutalistischsten aller Beton-Kirchenbauten im brutalen Berliner Märkischen Viertel verschlagen. Und an kantigen Betonbauten ist in dieser Hochhaussiedlung aus den 1960er Jahren wirklich kein Mangel. Sie habe lange gebraucht, um diese Kirche zu verstehen, sagt sie. Der Kunstsachverständige, der uns heute durch den fast lichtlosen Raum aus Sichtbeton führt, habe ihr einiges erklärt. Und an Weihnachten sei der Raum auch wirklich wunderschön. Wenn das Blattgold, mit dem der grobe Beton vom Architekten verziert wurde von den vielen Kerzen erleuchtet werde, herrsche hier wirklich eine besondere Stimmung. Aber um die Renovierungskosten für das in die Jahre gekommene Gotteshaus herbeizuschaffen, wurde der Raum noch bis vor ein paar Tagen ganz anders genutzt. Eine Filmproduktion hatte den Raum gemietet und ihn mit wenigen Requisiten in den Essenssaal eines US-Amerikanischen Gefängnisses umgebaut. „Es braucht ja nicht viel Phantasie, um sich das vorzustellen.“, bemerkt sie fast schon mit Galgenhumor.

„Schaustelle Nachkriegsmoderne“ heißt die Tour, mit der ich am „Tag des offenen Denkmals“ mit einem Bus voller grauhaariger Boomer in Berlin unterwegs bin. Es ist spanned, mal wieder Tourist in der eigenen Stadt zu sein und sich Orte zeigen zu lassen, die abseits der täglichen Routen liegen und deren Türen normalerweise verschlossen sind. In meiner Vorstellung war die Nachkriegsarchitektur hell, filigran, lichtdurchflutet. So wie die „Schwangere Auster“, die Kongresshalle aus den 1950ern an der Spree oder die achteckige Kirche neben der Kaiser- Willhelm-Gedächtniskirche mit ihren leuchtend blauen Glasbausteinen. Aber was wir zu sehen bekommen sind mehr oder weniger sanierungsbedürftige Mehrzweckbauten – Architektenträume, die lange vergangenen Bauideologien huldigen: Keine rechten Winkel, das Außen soll das Innen nicht verraten, das Außen soll im Inneren Platz finden (es gibt tatsächlich Kirchen in denen Straßenlaternen eingebaut wurden und Bodenplatten aus Asphalt), Räume sollen in ihrer Funktion nicht festgelegt werden… Was davon übrig geblieben ist, sind die Seufzer der Küster und die Klagen der Pfarrer. Von Denkmalschutz über schadstoffhaltigem Lack bis hin zu aufgequollenem Parkett ist die Liste der irdischen Prüfungen lang. Und die Kirchenbänke bleiben immer öfter leer. Da hilft es auch nicht, dass sich andere Glaubensgemeinschaften in die evangelischen oder katholischen Kirchen einmieten. „Aber was nützt das, wenn eine Gemeinde aus 20 koptische Familien hier ihren Gottesdienst abhält? Davon kann ich die drei Millionen Euro für die energetische Sanierung nicht bezahlen.“ klagt ein Pfarrer. „Und die Moscheegemeinden winken gleich ab. Die stören nicht die Kreuze, sondern die hohen Heizkosten.“

Nicht gespart hat man bei der St. Hedwigs-Kathedrale, der katholischen Bischofskirche in der Mitte Berlins. Dort hat man nach einem Machtwort von Bischof Woelki die ganze Nachkriegsmoderne heraus gerissen und durch einen weißgetünchten runden Saal mit Kuppel ersetzt. Fein säuberlich getrennt ist jetzt auch der Zugang zur weißen Oberkirche von dem zur dunklen Unterkirche, die nur durch eine in einem schwarzen Tunnel steil abwärts führende Treppe erreicht werden kann. Und wer denkt, das sei der Weg hinab ins ewige Fegefeuer, das einem die Katholiken als Sünder ja als Chance versprechen, wird wieder getäuscht. Es ist eine Taufkapelle. Allerdings ist der Taufstein so tief eingelassen, dass es bislang noch kein Pfarrer geschafft hat, sich so weit herabzubeugen. Deshalb wird hier gerade nicht getauft, so die Auskunft unseres Führers, der aber fairerweise zugibt, dass er für ein Architektenbüro arbeitet, das den Zuschlag für die Renovierung nicht bekommen hat. Der seltsame Taufstein zieht die Besucher trotzdem in seinen Bann.

Richtig luftige Nachkriegsmoderne bekam ich am Ende dann doch noch zu sehen:Die Judas-Thaddäus Kirche in Schöneberg im allerschönsten Nierentisch-Design. Sehr renovierungsbedürftig auch sie, aber das Kirchenschiff (Ein Schiff in den Wellen mit dem Kirchturm als Mast war tatsächlich die Idee, die der Architekt hier Ende der 1950er gebaut hat) ist voll mit herausgeputzten, lebhaften Menschen. Die ghanesische katholische Gemeinde feiert heute hier. Alle sind gleich an ihren gelben Kleidern, Kopftüchern und Hemden mit dem Logo der Gemeinde zu erkennen. Fast ein bisschen peinlich, an ihnen vorbei in die weihrauchgeschwängerte Kirche zu gehen. Aber dem Herrgott hats gefallen und er schickte ein paar Sonnenstrahlen, mitten auf den Altar. It`s a kind of magic.

Hauptstadtprosa

Foto: Gerd Danigel aus der Ausstellung „40 Jahre Fotogalerie Friedrichshain“ https://fotogalerie.berlin/austellungen/aktuell

V: Wann ist der Elternabend?

M: Heute um 18 Uhr.

V: Dann bin ich halb sechs bei dir und passe auf die Jungs auf.

M: Wie kommst du?

V: Mit der S 8.

M: Die S 8 fährt bis Ende September nicht. Komm mit der S 1 direkt zur Schule. Dann kann ich dir die Autoschlüssel geben. Dann kannst du eine halbe Stunde chillen und dann die Jungs direkt vom Sport abholen. Schau aber nach ob die S-Bahn wirklich kommt. Mit der S1 bin ich gestern stecken geblieben. Hat drei Stunden gedauert. Stellwerkprobleme.

V: Die Jungs gehen zum Sport?

M: Ich bin mir nicht sicher, ob sie gehen oder wieder in ihren Zimmern rumgammeln. Ich habe ihnen gesagt, sie sollen mit ihren Fahrrädern fahren.

V: Wenn die Jungs mit den Fahrrädern fahren, dann nehme ich auch das Fahrrad mit und komme zur Sporthalle, dann fahren wir zusammen zurück.

M: Bin mir gerade nicht sicher, ob sie die Räder nehmen. Nimm lieber das Auto.

V: Ich fahr nicht gern mit dem Auto. Und wie kommst du dann zurück?

M: Wird schon gehen, vielleicht mit dem Bus.

V: Fährt dann noch einer? Ich hab keine Lust, erst die Jungs und dann dich abholen zu fahren.

M: Du kannst auch mit der S-Bahn kommen und direkt zum Sport gehen und dann kommt ihr alle mit dem Bus.

V: Vielleicht will ja auch nur einer zum Sport. Dann komme ich mit dem Moped zur Sporthalle. Einen Sturzhelm hab ich für Hintendrauf.

M: Du kannst ja auch mit dem Moped zu mir kommen und ich nehme dich dann mit dem Auto mit zur Schule.

V: Und ich krieg die Schlüssel, hol die Jungs mit dem Auto ab und dann komm ich mit dem Moped zu dir zur Schule.

M: Auf das wacklige Ding steig ich nicht auf.

V: Ach komm! Wir haben doch schon ganz andere Touren miteinander erlebt.

M: Nein! Am besten kommst du mit dem Moped hierher und wir sehen weiter. Dann kommst du auch wieder zurück nach Berlin, wenn die S-Bahn nicht fährt.

V: Und wann? Ich brauche mindestens eine halbe Stunde zu euch.

M: Ich ruf dich noch mal an. Aber vergiss auf keinen Fall, drei Brötchen mitzubringen. Das ist unser Ritual nach dem Sport.

V: Mach ich ja nicht zum ersten Mal

M: Ich sag‘s ja nur…

Vorbei! Ein dummes Wort

In Weimar ist sogar das Freibad schön. Es ist nagelneu, großzügig angelegt und es ist ausnahmsweise nicht nach Goethe- Schiller- Liszt- Herder- oder J. S. Bach oder dem Bauhaus benannt, wie sonst alle öffentlichen Einrichtungen in der Stadt. Es heißt einfach Schwanenseebad. Dabei war Tschaikowsky gar nicht hier. Die Schwimmringe im im Nichtschwimmerbecken sind schwarz, rot und gelb und weil Weimar ja auch Ort der Nationalversammlung der gleichnamigen Republik war, und auch dafür natürlich auch ein Museum hat, fällt es schwer, nicht auch darin etwas Symbolisches zu sehen. „Ach Gott ist das beziehungsreich, ich glaub, ich übergeb mich gleich.“ (Robert Gernhardt). Für meine Jungs ist vor allem der Sprungturm die Herausforderung. Trauen sie sich vom 5er oder gar vom 10er? Deshalb sind wir hier, weil mein Älterster mir jedesmal wenn wir im Urlaub ins Schwimmbad gehen, zeigen will, dass er sich das traut – und weil er weiß, dass ich das mitmache. Wegen Goethe auch, denn der hat Geburtstag und wegen Faust, denn der wird das ganze Jahr gefeiert. „Aber sie wollen mit den Kindern doch nicht nach Buchenwald?“ fragt der schmierige Jugendherbergsvater mit dem Froschblick gleich zur Ankunft und ich weiß nicht, wie er das meint. Immerhin sind wir hier im AfD-Höcke-Land Thüringen. Ich beschließe ihm zu mißtrauen und werde bestätigt, als ich merke, dass wir in dem natürlich wunderschönen Haus (Bürgervilla aus den 20er Jahren) die Dachkammer bekommen haben. Immerhin verrät er uns, dass der schönste Weg in die Stadt über den historischen Friedhof geht auf dem natürlich kein Geringerer als der Dichterfürst selbst begraben liegt. Die Jungs murren, nicht wegen der Historie, sondern wegen der vielen Bewegung (und weil Google-Maps einen anderen Weg vorschlägt). Aber dann lesen sie doch interessiert die Namen auf den bemoosten Grabsteinen. Außerdem habe ich eine Wette verloren und versprochen, sie in der Stadt einzulösen. Es ging um Schach. Ich hatte meinen guten Namen und 50 Euro darauf verwettet, dass wir in der Jugendherberge ein Schachspiel ausleihen könnten und wir deshalb unseres nicht von Berlin durch die halbe Republik schleifen müssten. Was im Ansatz richtig war, denn durch die Tücken der Deutschen Bahn mussten wir unsere schweren Koffer noch vor dem Losfahren mehrere Bahnsteige hoch und runterschleifen und in Erfurt beim Umsteigen gleich das Spielchen nochmal. Aber in dem edlen Eichenschrank, in dem sich die lieblose Spielesammlung der Herberge befand, befand sich nicht der Klassiker aller Spiele. Und das in Weimar. Dafür hatte die wohlsortierte und erstaunlich große Spielwarenhandlung in der Altstadt gleich fünf Varianten, was mich und die Jugend völlig überforderte (Mein Älterster schlug vor, noch mal bei Amazon zu checken, und sich das Spiel in die Herberge liefern zu lassen, was ich ablehnte.). Also gingen wir erst einmal auf dem Marktplatz ein Eis essen. Aber was ist Eis essen ohne Schach? Also schickte ich die hibbeligen drei Jungs mit einem Schein und dem Versprechen, sich in den Winkeln der Altstadt nicht zu verirren zurück zum Laden. Ich war schon mit dem Kaffee fertig, da kamen sie zurück. Sie hatten es tatsächlich geschafft, sich zu einigen und im Budget zu bleiben. Ein schönes, hölzernes Reiseschach aus Indien. Ich verlor drei Mal hintereinander, bevor wir endlich weiter konnten. Ich wollte in den Park an der Ilm, dem kleinen Flüsschen, das neben dem Schloss entlang plätschert. Und da passierte was ich mir bei der Vorbereitung der Reise vorgestellt hatte: Meine Jungs rannten runter zum Wasser, zogen die Schuhe aus und sprangen über die rutschige Staustufen. Die Sonne schien, das Wasser glitzerte und einer fiel rein, nass bis zum Hosenboden und lachte. Huckelberry Finn- Momente.

Den ganzen Nachmittag vertrödelten wir in dem, natürlich wunderschönen, Park, besuchten Goethes Gartenhaus und auf dem Rückweg kamen wir an einem sowjetischen Soldatenfriedhof vorbei, was mich ja immer interessiert. Vorher hatten wir über mein biblisches Alter und darüber gesprochen, was sich denn als Geschenk für meinen nächsten Geburtstag eignen würde. „Du bekommst von uns einen Grabstein.“, schlug mein Jüngster vor. Das war mein schönstes Ferienerlebnis.

Lola

Wandmosaik an der ehemaligen Berufsschule Naumburg/Saale

„I met her in a place down in old Soho where you drink champagne but it just tastes like cherry cola“ (The Kinks, Lola)

Nee, ganz so war es nicht. Es war nicht Soho, es war Wedding, hinterm Bretterzaun von der Baustelle vom U-Bahnhof Seestraße. Da wo es eng wird und wo trotzdem ein paar Stühle und Tische auf dem Gehweg stehen. Und es war auch nicht Champagner und auch nicht Cola sondern Kaffee und Pflaumenkuchen – mit Sahne, bei Thobens Backwaren für 1,95 Euro das Stück. Aber da kam tatsächlich diese Frau..

„She walked up to me and she asked me to dance“. Sie kam direkt auf mich zu, wie ich da so sitze vor dem Bäcker. Sie war ganz in Schwarz von Kopf bis Fuß: Schwarzer Hijab, Schwarzer Umhang, schwarze Turnschuhe und einen schwarzen Hackenporsche hinter sich. Niemand Ungewöhnliches also für die Gegend. Und sie fragte mich, nicht nach einem Tänzchen, natürlich, sondern „Kann ich ihr Geschirr reintragen?“. Das war seltsam. Nicht nur, weil muslimische Frauen in so einem Outfit einen als Mann normalerweise noch nicht mal anschauen und erst recht nicht ansprechen. Nur einmal ist mir das passiert, vor Jahren, als ich den Kinderwagen mit den Zwillingen vor dem Laden des Uhrmachers nicht weit von hier auf der Straße hatte stehen lassen, weil er nicht durch die Tür passte. Da kam eine Frau mit Kopftuch hinter mir her in den Laden und zische mich an: Sie können doch die Kinder nicht alleine draußen stehen lassen, nicht hier in der Gegend.“ Aber das ist eine andere Geschichte. Die Frau hier war anders. Als sie aus dem Backshop wiederkam, stellte sie sich neben mich und fing an zu erzählen.
„I asked her her name and in a dark brown voice she said, „Lola“ Nein,, Lola hieß sie natürlich nicht. Aber ihre Stimme war wirklich sehr dunkel. Und als ich mir sie weiter anschaue, sehe ich, dass auch ihre Hände sehr breit und knochig sind und dass ihr ein Zahn fehlt, ziemlich weit vorne. Aber sie erzählt immer noch und nestelt sich nervös an den silbernen Spangen, die ihr Kopftuch festhalten. Wovon sie erzählt hat weiß ich nicht mehr genau, es war irgendwas mit Äpfeln.

Dann ging sie weiter. Als ich meine Tasse in die Bäckerei zurückbringe frage ich die junge Verkäuferin: „Kennen sie die Dame?“ „Nee“, lacht sie verlegen. „Das habe ich noch nie hier erlebt.“

„Girls will be boys and boys will be girls
It’s a mixed up, muddled up, shook up world.“