Mal wieder kurz die Welt retten?

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Also wegen mir könnte es so weiter gehen. Die Straßen sind leer, die Regale voll. Keiner macht mehr Pläne oder Termine. Alle denken nur bis morgen. Viel weiter konnte ich noch nie denken. Jetzt sind wir alle gleich. Und keiner fragt mich, wohin ich in Urlaub fahre.

Corona ist gerade die Ausrede für alles. Und ich habe gerne Ausreden, weil ich mich so selten traue nein zu sagen.

Das Gedröhne der Düsenflieger über Tegel hat aufgehört und auch die Martinshörner der Krankenwagen schweigen. Sie rollen jetzt ganz still und ganz langam durch die Straßen. Das ist unheimlich. Fast wie bei einem Leichenwagen.

Morgen kommen meine Jungs zu mir. Eigentlich wollten wir zuammen an die Ostsee. Jetzt muss ich mir was einfallen lassen. Frühling unter dem Balkon. Ich brauche einen Plan, sonst gucken wir nur Videos. Ich mache nicht gerne Pläne. Sagte ich schon. Aber wenn es muss.

Heute bin ich drei Stunden unter dem weiten Himmel des Tempelhofer Feldes spazieren gegangen. So lange hat es gedauert, bis ich mit meiner Begleiterin die Weltlage einmal durch hatten. Sie glaubt, dass wir aus alledem was Gutes lernen. Ich lass mich überraschen. Durch die Hasenheide sind wir auch noch. Keine Dealer weit und breit. Ordentliche Bürger in ordentlichem Abstand. Da fuhren Polizisten mit zwei dicken Motorrädern Streife. Die Staatsmacht zeigt sich hoch zu Ross. Das gefällt denen.

Meine Tochter kommt vorbei, aber nicht wirklich. Raufkommen will sie nicht. Sie bleibt auf dem Gehweg und ich muss runter kommen. Sie hat einen schicken Mundschutz und tierische Angst. Umarmen will sie mich auch nicht, obwohl wir das als Verwandte in gerader Linie  dürften. Eigentlich sollte sie in Bulgarien sein. Aber die Uni in Sofia ist zu und der Professor nicht zu erreichen. Bis Herbst muss ihre Masterarbeit fertig sein. Ob es jemand geben wird, der sie lesen wird? Wahrscheinlich hat sie deshalb noch keine Zeile gschrieben, seit sie wieder in Berlin ist.

Meine Welt ist in Ordnung. Ich schlafe gut, seit die Stadt ruhiger geworden ist. Darf ich das? Muss ich nicht denen helfen, denen es gerade schlecht geht? Suchen nicht die Krankenhäuser verzweifelt Krankenpfleger?  Diese Rufe kenne ich. Schon vor dreißig Jahren hieß es, dass die Krankenhäuser vor dem Untergang stehen, weil das Personal fehlt. Damals war das nicht wegen Corona oder geschlossenen Grenzen. Im Gegenteil. Damals waren die Grenzen gerade aufgemacht worden. Ich also los, die kranken Menschen im Osten und den realen Sozialismus retten. Aber das einzig Reale am real existierenden Sozialismus war der Ruß. Den Ruß wischten wir jeden Tag einmal von den Fensterbrettern und nachts wurde die ganze Station durchgewischt. Der Ruß kam von Heizkraftwerk der Uni-Klinik Leipzig. Das war ein uralter ziegelroter Kasten mit einem langen Schornstein. Weil ich tagsüber brav wischte, durfte ich auch mal Nachts ran. Welliges PVC mit braunem Blümchenmuster. Viel mehr Verantwortung wollen die Schwestern auf der chirurgischender Station mir Besserwessi aber nicht übertragen. Oder doch?  Ich durfte auch kaputte Vakuumpumpen in die Werkstatt bringen und die Besorgungen der Schwestern im HO-Laden der Klinik erledigen. So war das. Muss ich nicht noch mal haben.

Damals hat wenigstens keiner von „Helden des Alltags“ gesprochen. Statt warmer Worte gab es richtiges Geld. 600 Mark der DDR im Monat. Und als ich zurück in den Westen kam noch mal 600 Westmark. Es gab da so einen Fonds, für Medizinpersonal, das in den Osten gegangen war. Mein Bewilligunsbescheid hatte die laufende Nummer 001.

 

 

Unser Dorf soll schöner werden

Mein Wedding(c) Michael Fanke

Berlin Wedding ist grau und trist? Keineswegs! Der Mittelstreifen der Müllerstraße im  Wedding wird sich vom 15. August bis zum 4. Oktober 2020 durch 12 Kunstwerke wieder in eine Freiluftgalerie verwandeln. Das war schon in den vergangenen sechs Jahren so, aber dann fand sich keiner mehr, dies oder ders machen wollte. Also hat Susanne Haun, die Bloggerin und Künstlerin aus dem Wedding ein paar Mitstreiter um sich geschart – und schon kommt im Sommer wieder Farbe auf den „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“.

Das Schöne ist: Alle können etwas dazu beitragen, denn die Grundlage der Ausstellung ist ein Kunstwettbewerb. Künstlerinnen, Künstler, Kitas, Schulen oder interessierte Freizeitmalerinnen und -maler sowie Fotografinnen und Fotografen aus Berlin rufen wir auf, Kunstwerke zu gestalten, die sich mit dem Stadtteil Wedding auseinandersetzen und Typisches aus dem Wedding aufgreifen. Die besten 12 Beiträge werden von einer Jury für die Ausstellung ausgewählt. Für die ersten drei Plätze gibt es ein Preisgeld.

Preisgeld
1. Platz 200 Euro und als Standort vor der Bibliothek
2. Platz 100 Euro und als Standort vor dem Rathaus
3. Platz 50 Euro und als Standort vor dem Alhambra

Wer mitmachen will, der schaue sich die Website des Wettbewerbs an.

https://meinwedding2020.home.blog

Es würde mich freuen, wenn der ein oder andere von euch mal vorbeikommt, sich den Wedding anschaut und (sich) davon ein Bild macht.

Hier ein paar Beispiele prämierter Beiträge aus den letzten Jahren.

No go aereas

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Berlin Wedding ist wirklich ein einladender Ort. Überall gibt es Neues zu entdecken und alle Türen stehen einem offen. Ich lebe gerne hier und es ist ja auch alles so schön bunt. Aber es gibt Orte, die würde ich selbst am hellerlichten Tag nicht betreten.

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Hier zum Beispiel möchte ich nicht tot über’m Zaun hängen. Neuerdings ist das eine   Location, die  „Silent Green“ heißt. So wie das grüne Zeug in dem Film „Soylent Green“, das aus Leichen gemacht wird. In den unterirdischen, fensterlosen Leichenhalle wird Kunst gezeigt.  Was aus den Besuchern gemacht wird, will ich gar nicht wissen.

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Im Krematorium sind die Leute wenigstens richtig tot. Aber wer diese Treppe hinunter geht, trifft Zombies – lebende Tote, mit oder ohne Telefon vorm Gesicht. Die U6 ist ein Gesamtkunstwerk. Die Gestalten, der Mief und der Krach… Wer für nur 2,90 Euro mal Geisterbahn fahren will, ist hier genau richtig.

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Wo wir’s gerade von lebenden Toten haben. Im Wedding hat auch die Berliner SPD ihre Zentrale….

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Nee, war ’n Scherz. Bei der SPD siehts so aus. War ich aber auch noch nie drin.

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Hier übrigens auch noch nicht. Obwohl es hier auch schön rot ist und die Tür Tag und Nacht offen steht.

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Dieser freundliche Mann hat mich auch gleich eingeladen. Das Foto sollte mich ein Fässchen Schultheiss Bier kosten.

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„Die Tür mach auf, das Tor mach weit…“ Die Christen am Leopoldplatz kümmern sich um die Menschen, die gerne mehr als ein Schultheiss trinken.

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Und wenn das Bier mal alle sein sollte: Der Spätkauf hat immer auf.

 

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Man konnte auch im Wedding abends natürlich auch mal etwas Anständiges machen. Aber diese Schule hat nur noch ein Buch – und das ist die Getränkekarte.

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Und das war auch mal eine gute Schule, auf die ich gerne meine Kinder geschickt hätte. Und weil zu viele Eltern davon gehört hatten, dass es eine gute Schule ist, kamen viele Kinder. Und dann kamen die Container. Dass der Senat mit den Containern auch gleich mehr Lehrer geliefert hat, glaub ich nicht.

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Für mich gibt es jetzt nur noch eine Tür durch die ich gehen möchte. Mein Kietz-Café. Nicht schön von aussen, aber…

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Einen schönen Abend wünsche ich euch.

 

Zwei Mal Kommunion, mit Scharf

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Es war ein Sonntag vor ziemlich genau fünfzig Jahren. Ein Sonntag, den man bei uns „Weißer Sonntag“ nannte. Da lief ich im schwarzen Anzug mit einer dicken Kerze hinter unserem Pastor und neben meinen Mitschülerinnen in Weiß durch die Dorfstraße. Hinter uns lagen Monate des priesterlichen Katechismusunterrichts und viele Testläufe, wie wir einer nach dem anderen zum Altar schreiten sollten, wie wir die Zunge rausstrecken sollten, damit der Pfarrer die geweihte Hostie darauf legen sollte und wie wir in tiefer Versenkung gebeugten Hauptes unter den Augen unserer Eltern zurück zu den knarrenden Holzbänken schreiten sollten.
Vor uns lag die Dorfkirche, was Kleines zum Futtern (immerhin: der Leib Christi) , was Leckeres zum Trinken und ein Fest mit allen Tanten und Onkeln, fettem Buttercremekuchen und: Geschenke! Dafür machten wir ja das alles mit. Leider gab es von den Tanten vor allem Pralinen, nur manchmal einen 10-Mark-Schein und, immerhin, meine erste Uhr und mein erstes eigenes Fahrrad! Metallicblau und mit viel Chrom. Dieses Ritual, diese Bestechung und diese Gewissheit, endlich zu den Großen und Rechtgläubigen zu gehören, hat mich stramm auf Kurs gehalten, bis in die Pubertät. Ich bin brav in die Kirche gegangen, habe Lieder gesungen, die ich nicht verstanden habe und Sünden gebeichtet, die ich nie begangen hatte. Dabeisein ist alles.

Meine Söhne sind jetzt Acht, ungetaufte Heidenkinder und nicht im Schoß der hl. katholischen Kirche wachsen sie auf, sondern, zumindest wenn sie zu ihrem Vater kommen,  in der großen Stadt, die laut und verwirrend für sie ist. Wie kann ich ihnen das Gefühl vermitteln, dass aus sie jetzt schon groß sind und dazu gehören, zu der Welt der Erwachsenen? Am besten ohne lange zu überlegen, aus dem Bauch heraus.

Es ist Sonntag, der letzte Tag der Winterferien. Hinter uns liegen ein paar Tage in Bayern, in denen wir nur mit viel Glück ein paar verschneite Hügel gefunden haben. Es ist Mittag. Vor uns nichts als ein leerer Tisch und ein leerer Kühlschrank. Ich hatte nach zwei mal Umsteigen mit zwei Jungs und einem 20 Kilo schweren Koffer einfach keine Lust mehr, einzukaufen. „Wart ihr schon mal beim Döner?“, frage ich. „Na klar!“, kommt es zurück. „Kennen wir schon!“ Ich glaube den kleinen Großmäulern kein Wort. „Mit Mama? Bestimmt nicht“. Ein, zwei Fangfragen später ist klar: Es ist Zeit, meinen Söhnen die wirkliche Welt des Wedding zu zeigen. „Kommt, wir gehen in die Müllerstraße. Heute gibt es Döner zu Mittag.“ Ungläubige Kindergesichter hellen sich auf: „Echt jetzt? Das dürfen wir jetzt?“ „Ja“, sag ich, „los jetzt, in die Jacken, und vergesst die Mützen nicht, die ich euch zu Weihnachten geschenkt habe.“ Diese Mützen finden sie doof und wollen damit auf keinen Fall gesehen werden. Heute geht es ohne Murren. Mit Triumph und Vorfreude geht es, der Vater mit den Söhnen, die Müllerstraße runter. Wir haben was vor, ein Abenteuer! „Drei Mal Mini-Döner, zwei Mal Kräuter, ein Mal scharf, ohne Zwiebel“, bete ich vor den Augen meiner staunenden Zwillinge das Berliner Evangelium fehlerfrei vor dem Dönermann runter. Sie beobachten das heilige Ritual des Messerschärfens, des Absäbelns und das Grillen der Brote. Ich bin selbst ganz ergriffen. Hat der Dönermann nicht gerade gesagt „Nehmet, und esset alle davon?“, als er die kleinen Fladen über den Tresen reichte?  Nein, er hat gesagt: Die Getränke nehm se sich selbst ausm Kühlschrank.“ ‚Ruhig bleiben. Fanta und Sprite. Jeder darf sich  eine eigene Flasche aus dem großen Kühlschrank holen und trägt sie wie einen Schatz zum Tisch, auf den sie schon Gabeln und Messer gelegt haben. „Das ist Lamm, was ihr da esst“, schocke ich die beiden, die schon mit den Gabeln in den Brottaschen herumpicken. Glauben wollen sie es lieber nicht. Hab ich das mit dem Lamm Gottes geglaubt, damals? Nein, aber es hing ja auch nicht an einem Spieß und war knusprig braun.
So schnell, dass ich nicht gucken kann, haben sich die Jungs die Döner nach Berliner Sitte in die Hand genommen und beißen beherzt zu. Fällt kaum was auf den Boden. Schon fast wie die Großen. „Is nicht zu scharf?“ frage ich. „Nö“ kommt es echt cool (oder crash, wie das immer öfter bei ihnen heißt) von den harten Burschen an der anderen Tischseite. Hallelujah! Es ist vollbracht.
Die Flaschen jonglierend sprinten wir über die sonnige Straße zurück. Zuhause warten noch Geschenke auf sie. Zwei Armbanduhren, es ist das richtige Alter. Ich habe sie vom Roten Kreuz für’s Blutspenden bekommen. „Das ist mein Blut, dass ich für euch…“ Eine katholische Erziehung sitzt doch tiefer, als man denkt.

 

Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.

 

 

 

Fast wie zu Hause

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Das Blöde am Fliegen ist, dass es so schnell geht.

Kaum hab ich mich  wieder darüber eingekriegt, dass der 128er zum Flughafen mal wieder ausgefallen ist und die BVG ne volle Viertelstunde gebraucht hat, um aus dem Depot gleich nebendran am Kutschi einen Ersatzbus zu beschaffen und dass ich, obwohl ich ja eigentlich die Flugzeuge bei mir über der Wohnung an den Rädern packen kann und ich zwei Stunden vor Abflug losgefahren bin, mich in der Security-Schlange noch vordrängeln musste, um dann auch noch in die Sprengstoffkontrolle zu kommen und dass ich dann auf den letzten Drücker ohne Hosengürtel durch die nach billigem Parfüm und Schokolade stinkende Mall zum Gate zu hetzen musste, da bin ich auch schon gelandet.

Gelandet in einem anderen Land, in dem der Flughafen so gebaut ist, dass man mit ein paar Schritten aus der Halle am Busbahnhof ist, wo auch schon ein schicker Reisebus auf mich wartet, mit zwei Chauffeuren, die auch in der Dunkelheit Sonnenbrillen tragen und mich zur Piazzale Roma bringen. Kostet dann allerdings auch nich 2,80 Euro wie zu Hause, sondern gleich acht.

Das Gute an Venedig ist, dass man sich nicht groß an was Neues gewöhnen muss.
Wie zu Hause in Berlin, wo man mit dem 100er Bus, der vom Zoo bis zum Alex alle schönen Sachen abklappert, die die Touristen so sehen wollen, kann man hier das Vaporetto Linie 1 nehmen und den ganzen Canal Grande runterschippern bis zum Markusplatz und weiter. Und wenn man dann morgens früh um achte mit den ganzen schlecht gelaunten Leuten, die auf Arbeit müssen im Fährboot sitzt, dann ist das genau so wie im BVG-Bus. Nur lauter. So ungefähr wie in einem BVG-Bus von vor der Wende bei dem das Getriebe kaputt ist. An jeder Haltestelle haut der Gondoliere erst mal den Rückwärtsgang rein um vom Pier loszukommen und dann macht’s ratsch und dann Vorwärtsgang Vollgas. Wenn das einem zu viel wird, kann man sich raus an die frische Luft setzen. Aber wer macht das schon im November? So was wie die BSR haben die auch hier. Die Müllboote sind schwarz mit einem grünen Streifen und heißen „Veritas“.

Für das, was man zu sehen kriegt, hätte man auch nicht von Berlin weg müssen. Alte, runtergekommene Häuser mit feuchtem Mauerwerk. Haben wir ja auch zu Hause genug von. Fragen sie mal bei der Deutschen Wohnen AG . Nur haben sie hier vergessen den Stuck abzuklopfen. Da gab’s ja in Berlin nach dem Krieg vom Senat eine Prämie für. Hier gab’s das wohl nicht. Aber einigen Palazzos hätte das doch ganz gut getan. Irgendwann hat wohl ein Venediger damit angefangen, so mit Türmchen und gedrehten Säulchen und mit orientalischen Fensterchen. Und man weiß ja wie das ist: Wenn das einer in der Straße hat, wollen die Nachbarn das auch. Und einen dicken Bootssteg vor dem Haus sowieso. Und so ist das jetzt den ganzen Kanal rauf und runter.
Also wenn bei uns ein reicher Russe so ein Zuckerbäckerpalast, sagen wir mal in Charlottenburg an die Spree bauen würde, dann würde man doch sagen: „Reicher Russe,“ würde man sagen,“reicher Russe, das macht man bei uns nicht mehr so. Haste schon mal was von Bauhaus gehört? Nicht das Bauhaus mit den roten Schildern, wo du deine Stuckengel und Barock-Balkons für deine Neureichenvilla kaufst. Nee, das richtige Bauhaus. So „Form follows Function“, weißte?“ „конечно „, würde der reiche Russe sagen. „Wenn du Bauhaus haben willst, hier in Venedig, dann musst du nach Lido fahren. Kanns dir auch auf dem Markusplatz den Dogenpalast anschauen, der sieht aus wie „Karstadt Sport“ am Zoo, gleiches Muster. Und jetzt lass mich in Ruhe.“ „Na klasse,“sag ich, „nachm Lido wollt ich sowieso, weil da meine Tochter studiert. Und die wollt ich ja besuchen.“

Auf dem alten Flughafen auf dem Lido kommen keine Flieger mehr, so wie in Tempelhof. Aber er ist nicht so runtergekommen, sondern frisch renoviert und wirklich wieder schick. Schön weiß und schön ruhig. Draußen edelstes Bauhaus, drinnen Art Deco und ein helles, großzügiges Restaurant. An der Wand vor Kraft strotzende Fliegerbilder aus dem Futurismus. Die wissen, wie sie mich kriegen können, die Italiener.

Gleich nebendran, in einem alten Kloster, brütet meine Tochter über ihren Klausuren.  Das Hochwasser hat an der Uni alles durcheinander gebracht, und so muss sie auch am Wochenende ran. Aber dann ist es vorbei und der Klosterhof füllt sich mit glücklichen Studentinnen. „Was hast du bei der Frage geschrieben?“ „Was haben die bei der letzten Frage gemeint?“ „Ich hatte viel zu wenig Zeit…“ Die gleichen Sachen, die wir uns an der Uni so nach der Klausur gefragt haben – aber hier stellen sie die Fragen in perfektem Englisch. Hauptsache vorbei. Töchterchen sieht mich und strahlt.  „Lass uns hier abhauen,“ sagt sie, „ich hab jetzt Hunger, aber keine Lust auf Mensa.“ „Na prima“, sag ich, „zufällig kenne ich hier ein erstklassiges Restaurant, gleich um die Ecke. Und so sitzen wir bei goldbraunen Kürbis-Gnocci mit leichtem Maronengeschmack im alten Flughafen und sie erzählt mir, wie gefährlich das war mit dem Hochwasser und wie sie trotzdem alles hingekriegt hat. Und dann läd sie mich zum Espresso in ihre Lieblingsbar am Fähranleger ein, da wo alle Studis sich zwischen den Vorlesungen unter die Lastwagenfahrer mischen, die von Festland rüber kommen. Und der Laden heißt doch tatsächlich „Moka Efti“. „Ist ja wie bei uns zu Hause.“, sag ich. War doch so ne Serie im Fernsehn, Babylon Berlin. Kennst du die?“ „Nee,“ sagt sie, ich guck nur Netflix.“

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Westwärts

Eigentlich wollt ich ja was ganz anderes schreiben. Aber als ich den Blog aufmache, lese ich als Erstes die epische Geschichte von Glumm über seine Fahrten per Autostopp nach Frankreich. Und die ist so gut, dass ich selber zurückrutsche in diese Zeit Ende der 70er, als ich mit Rucksack und Freund Werner durch Frankreich getrampt bin.
Werner war ein ruhiger Typ, einen Kopf kleiner als ich und der Chef unserer Amesty-Gruppe. Er lebte bei seinen Eltern, in einem Eifel-Dorf neben der A 61. Sein Vater hatte bei Eternit gerackert. Jetzt hatte er Asbestose und hustete sich zu Hause die Lunge aus dem Leib. Werner rauchte Selbstgedrehte. Er war Landvermesserlehrling, ich hatte es ein Jahr zuvor von der Realschule auf’s Gymnasium geschafft,
Wir wollten trampen und wir wollten nach Irland, wegen der Musik und so.
Mit dabei: Zwei sperrige Tragegestell-Rucksäcke, ein Fähnchen von einem Nylon-Zelt, das unter Garantie nicht einen Tropfen Regen abhalten würde und den bleischweren Schlafsack meines Vaters aus der Schlafkabine seines LKW. Mein Vater war Fernfahrer und nahm uns bis Oostende mit. Wie wir es dann bis nach Calais geschafft haben, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass wir es uns in den Kopf gesetzt hatten, genau auf den Kreidefelsen über der Stadt unser Zelt aufzubauen. Klappte aber nicht. Wir waren 17, noch nie an der See gewesen und wussten also auch nix vom Wind, der über die Klippen peift. Die Nacht brach ein, und wir hatten nix zum Schlafen. Und dann tat Werner das, was er in den kommenden Wochen immer tun würde, wenn wir nicht weiter wussten: Er drehe sich eine und rauchte. Damit strahlte er für mich so eine Ruhe aus, dass ich ganz zuversichtlich wurde. Wir haben noch in der gleichen Nacht in einem Laster den Kanal überquert.

Wenn mich vor einer Stunde jemand gefragt hätte, wie ich mich mit 17 gefühlt habe, dann hätte ich gesagt: Ich war der traurigste Mensch auf meiner Schule. Das Mädchen, das ich ich auf der ersten Fete (ja so hieß das, wie man es schreibt, nicht französisch mit Striche obendrauf) auf der neuen Schule kennen gelernt hatte, hatte einen anderen, die Bürgerkinder waren mir Realschüler in allem eine Nasenlänge voraus und nach Hause kam ich am besten, wenn meine Mutter schlief (Vatter war ja immer auf Tour) um mir nicht wieder eine Predigt wegen meiner langen Haare anzuhören.
Verdammt in alle Ewigkeit.
Ich hatte diesen Sommertripp vergessen, als wir  in England auf einer Wiese zelteten und morgens ein langhaariger Typ zu uns kam und uns zu einer Tasse Tee in sein Cottage einlud, als wir es schafften unsere riesigen Rucksäcke und unsere zwei biegsamen Leiber für 150 Meilen auf dem Rücksitz eines Minis zu verstauen, bis zum Fährhafen nach Irland (Holyhead?). Und wie wir es in Irland keine Meile voran schafften, weil Benzin gerade Mangelware oder zu teuer war und die wenigen alten Autos, die in diesem armen Land überhaupt fuhren, mit kinderreichen Familien vollgestopft waren. Auf einer nebligen Kreuzung im Nirgendwo, Werner war gerade dabei, sich wieder eine zu drehen, pickten uns zwei Deutsche mit einem großen Volvo auf und brachten uns auf’s französische Festland zurück.
Ich weiß nicht mehr, von was wir uns vorher ernährt hatten, in Frankreich auf jeden Fall führte ich eine strenge Baguette-Tomaten-Käse-Rotwein-Pflicht ein, weil ich das so typisch französisch fand. Ich drehte auf, sprach ganz passabel Französisch, weil ich auf der Realschule in meine Französischlehrerin verliebt gewesen war und beim Schüleraustausch mitgemacht hatte. Werner redete auch auf Deutsch nicht so viel und wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause. Das Zelten hatten wir längst aufgegeben und uns auf Jugendherbergen verlegt. Irgendwo in Lothringen fanden wir in der einbrechenden Dunkelheit an einer Herbergstür statt eines Herbergsvaters einen Zettel: „Der Herbergsvater wird nicht dafür bezahlt, den ganzen Tag auf Reisende zu warten. Wer die Schlüssel für die Herberge braucht, soll bei mir vorbei kommen. Ihr findet mich im Café …“ Ich war von diesem libertären Arbeitsethos, das ich für typisch französisch hielt, begeistert. Werner war sauer, dass wir jetzt noch mal mit vollem Gepäck durch die Stadt laufen mussten. Außerdem ging es ihm auf die Nerven, dass ich jeden Menschen, den wir an den Autobahnauffahrten trafen, und der wie wir beiden eine Anti-Atomkraft-Sonne an der Jacke trug, wie einen alten Bekannten begrüßte. Für mich waren alle, die dagegen waren (Atomkraft, Aufrüstung, Berufsverbote…) meine Freunde. Werner wollte weiter.
Wir schafften es tatsächlich, bis zur letzten Autobahnraststätte an der A 61 zusammen zu bleiben. Es war Nachts und wir sprachen eine Frau mit einem schicken BMW an, die gerade tankte. Sie musterte uns beide abgerissenen Gestalten und meinte „Ich muss ja völlig verrückt sein, mitten in der Nacht, zwei Männer, aber kommt, steigt ein.“
Das letzte Stück liefen wir auf dem Seitenstreifen der Autobahn, auf dem uns die Frau absetzte, nach dem sie die ganze Fahrt nervös geschnattert hatte, denn bis zu Werners Dorf hatte sie uns dann doch nicht bringen wollen. Vielleicht rochen wir ihr zu streng. In dieser Nacht schlief ich zum ersten und letzen Mal in Werners Zimmer. Ich hörte seinen Vater husten.