Wenn du denkst, es geht nicht mehr…

Wenn wenigstens die Sonne scheinen würde im Wedding. Aber nein, alles grau in grau. Kalt ist es auch. So richtig kalt, dass es einem durch Mark und Bein kriecht. Aber raus muss ich trotzdem. Ich brauche das Geld. Geld von der Post, der Postbank, die jetzt ein Teil der Deutschen Bank ist. „Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar…“ sang Marius Müller Westernhagen. Zappeliger Held meiner Jugend. Mal schaun, ob das noch stimmt. Erstmal muss ich mein Homeoffice und meine Videokonfernzen hinter mir lassen, die mir heute schon all meine Geduld aufgefressen haben. Der Schwerhörige spricht mit der Tauben über Zoom. Wunder der Technik. Und erstmal muss ich in die einzige Filiale kommen, die die Postbank in der ganzen Gegend noch betreibt. „Klack“ macht es unter mir, und bei meinem tadellosen Schrottfahrrad, das selbst im Wedding keiner klaut, haut etwas gegen Metall. „Klack, klack, klack“, im Takt der Pedale. Der Kettenschutz hat sich gelöst. Wann habe ich den das letzte mal festgeschraubt? Lange her. Auch Fahrräder brauchen Liebe. Sonst rächen sie sich. Von wegen Liebe. Wer liebt denn mich? Mit bösen Tritten haue ich aufs verbogene Blech. Steige ab, biege hin und her, bis ich die zwei Kilometer zur Filiale am Leopoldplatz geschafft habe. Männer mit erstarrten Gesichtern in Kapuzenpullovern stehen davor herum. Auch ihnen ist kalt, sie stehen hier schon lange und ihnen fehlt das Gleiche wie mir: Wärme und Geld. In der schmierigen Vorhalle der Post sind alle Geldautomaten leer. Enttäuschte Kunden geben die Neuigkeit an mich weiter und schlurfen mit hochgezogenen Schultern nach draußen.

Hinter mir braust ein Mann mit einem überbreiten Elektrorollstuhl herein. „Alles kaputt!“, melde ich ihm die aktuelle Parole und versuche, mich von ihm nicht überfahren zu lassen. Doch, alle Achtung, liebe Post: Hinter einer Glasscheibe steht ein neuer Geldautomat, der noch Scheine hat. Keine Schlange. Die bildet sich hinter mir. Ein übernervöser junger Typ auf Position 4 fängt an zu maulen. „Wie langsam sie ihr Portemonnee herausziehn, na toll, geht das auch schneller…“ Als ich mich zum zweiten Mal bei der Geheimzahl vertippe merke ich, dass meine Nerven heute nicht mehr stark genug sind, um diesem Idioten standzuhalten. Ich ziehe meine Karte ein, bevor es der Automat tut und reihe mich in die Schlange vor den Postschaltern ein. Ich sehe die nette Frau hinter dem Tresen, mit der ich vor ein paar Tagen eine lange Diskussion über die Eintragung meiner neuen Adresse nach der Umbennung meiner Straße geführt habe. Sie wäre die nächste Freie. Als sie mich sieht, entscheidet sie sich, wichtige Dinge im Backoffice zu erledigen. Ihre blondierte Kollegin zieht stoisch den Magnetstreifen meiner Karte durch den Schlitz auf ihrer Tastatur. „Die is ja auch schon ganz schön runter.“, meckert sie. Wir einigen uns auf eine Notauszahlung auf Papier – in großen Scheinen. Da wo ich morgen hin muss, wollen sie Bares sehen.

Aber es reicht nicht. Ich brauche mehr. Gibt es noch jemand, hier auf der kalten Müllerstraße, der mir Geld schuldet? Den ich ein bisschen ausquetschen kann?
Na klar! Der Typ in dem alten kleinen Laden in der schäbigen Seitenstraße, der meine Ware für mich vertickt. Es wird endlich Zeit, mit ihm abzurechnen. Seit einem Jahr liegen die Dinger da und ich hab noch kein Geld gesehen. Als die Türglocke verstummt ist, sitzt seine Partnerin hinter dem Röhrenbildschirm und tut so, als sähe mich nicht. Alter Trick. „Einen Moment“, murmelt sie dann doch. Sie will Zeit gewinnen, das kenne ich. Mit einem Blick scanne ich den Laden. Gute Ware! Aber da, wo das beste, wichtigste Buch liegen sollte, „Das Wunder vom Sparrplatz“, ist eine Lücke im Sortiment. Wehe, Winfried, wehe dir, wenn du es mit Tricks versuchst, will ich sagen. Aber da ist Winfried mit dem grauen Haar schon aus dem Hinterzimmer auf seinem Platz und grinst mich entwaffnend an. „Ja, haben wir öfter mal empfohlen. War mir gar nicht aufgefallen, dass die schon alle weg sind. Kannst uns gerne noch ein paar bringen.“ Natürlich will er mich damit weich stimmen, für das, was jetzt unweigerlich kommt. Ich ziehe den zerknitterten Lieferschein aus der Tasche, den Winfried vor einem Jahr unterschrieben hat, und fordere meinen Anteil. Der alte Fuchs zieht die Augenbrauen hoch. „So viele waren das? Kann ich gar nicht glauben.“ Flugs holt er ein paar Geldnoten aus der Kasse. „Wann hast du das letzte mal so viel Geld gesehen?“, fragt er mich, als hätte er mich durchschaut. Er weiß, dass ich nehmen muss, was ich kriege. Schnell lasse ich die Scheine in meiner Manteltasche verschwinden und verspreche wieder zu kommen. Mit neuer Ware, so schnell wie sie mein Dealer in Holland sie liefern kann.
Zum 4. Advent wird mein Schreiberlohn für ein paar kleine Geschenke auf dem Weddinger Weihnachtsmarkt reichen. Wie wunderbar die Welt sein kann.

Ich wünsche euch auch ein frohes Wochenende.

Ein König im Wedding

Ein Mann mit Stuhl wartet auf den König

Es war ein besonderer Tag in diesem eher biederen Teil des Wedding, der seit über 100 Jahren „Afrikanisches Viertel“ heißt. Es ist geprägt von Kleingartenanlagen,von Kneipen, die „Zur gemütlichen Ecke“ oder „KIKI-die Partykneipe“ heißen und von Leuten, die sich im türkischen Aufbackshop Jumbo-Schrippen für 35 Cent kaufen. Wann schaut hier schon mal jemand vorbei?

Doch letzten Freitag war alles anders. Da war mein Viertel mal so bunt und vielfältig, wie es sein Name verspricht. Und an so einem besonderen Tag kam auch ein richtiger König zu Besuch. Etwa hundert Menschen aller Hautfarben und Nationen versammelten sich, um zwei neue Straßenschilder zu feiern. Auf dem einen stand „Manga-Bell-Platz“ auf dem anderen „Cornelius- Fredericks-Straße“. Beides Widerstandskämpfer gegen die Kolonialherrschaft, die von den deutschen Truppen ermordet wurden. Vorher stand da „Lüderitzstraße“ und „Nachtigalplatz“. Beides Namen von Männern, die für die grausame koloniale Vergangenheit Deutschlands standen. Es gab Life-Musik und die Stimmung war fröhlich und hoffnungsvoll. Alle hatten sich fein gemacht, um das Besondere des Tages zu unterstreichen: Nicht nur die Botschafter von Kamerun und Namibia. Auch Jean-Yves Eboumbou Douala Bell, König der Douala in Kamerun hatte sich trotz des nebelkalten Tages ein farbenfrohes Gewand angezogen und harrte darin tapfer die ganze, mehr als zwei Stunden dauernde Zeremonie aus. Zum Glück hatte einer seiner Untertanen daran gedacht, ihm zwar keinen Thron, aber immerhin einen soliden Stuhl mitzubringen, damit der greise Herrscher sich ab und zu mal setzen konnte. Die einheimischen Unterstützenden von „Berlin Postkolonial“ trugen zur Feier der Tages ihre beste Streetwear und Strickmützen in grellen Farben, oft von ausgesuchten Labels. Die neuen Straßenschilder waren mit einer handgewebten Ashanti-Hülle aus Ghana verdeckt, wie mir Viktor, der Inhaber der afrikanischen Modeschneiderei in meiner Straße kundig verriet. Er freute sich, dass sein Geschäft jetzt in der Cornelius- Fredericks-Straße liegt. „Schau mal. Der Vogel auf dem Stoff dreht seinen Kopf nach hinten. Das ist das Sankofa, ein Symbol für etwas, was man verloren hatte und wieder findet, oder sich wieder holt.“ Die vielen Redner bei der feierlichen Enthüllung ließen keinen Zweifel daran, was sie verloren und wiedergefunden hatten. Es sei die Würde der afrikanischen Menschen, die nach den Verbrechen der deutschen Kolonialmacht durch die Benennung zweier Straßen in der deutschen Hauptstadt mit den Namen afrikanischer Widerstandskämpfer wieder hergestellt werde.

Es hätte also für alle ein Tag des Feierns, der Freude und der Vergebung werden können. Versöhnung auch mit den Anwohnenden, die sich mit Widersprüchen und eine rechts gerichteten Bürgerinitiative gegen die Umbenennung gewehrt hatten. Dass die alten Gräben noch nicht zugeschüttet sind, merkte man an einigen älteren Frauen, die grimmig schauend an der Feiergemeinde vorbeihuschten und giftige Worte zischten und an den heftigen Reaktionen der Aktivisten darauf. Eine Frau riss sogar vor der Veranstaltung die Verhüllung von dem neuen Straßenschild und rief „Lüderitz ist einfach eine Stadt in Afrika.“, bevor sie abgedrängt wurde. Viele der Hiesigen sind aber auch für die Umbenennung. Auf der Feier ich finde ich genug Mitbewohnende, die, wie ich, froh sind „den Lüderitz los zu sein.“

Wenn da nicht, ja wenn da nicht die Berliner Verwaltung wäre. Bis auf eine Pressemitteilung vor zwei Wochen, in der baldige Information der Bürgerinnen und Bürger versprochen wurde, tat das Bezirksamt nicht viel, um die Anwohner über die Folgen der seit 2016 geplanten Umbenennung zu informieren. „Wir wussten absolut nichts, als wir vor ein paar Wochen unsere Praxis in die Lüderitzstraße verlegt haben.“, schüttelt Podologin Ilona den Kopf, die sich in unserer Straße neue Praxisräume angemietet hat. Sie deutet auf Kartons mit neuen Briefbögen, Rechnungsvordrucken und Notizzetteln, die in dem frisch renovierten Laden stehen. „Das können wir jetzt alles ins Altpapier werfen. Und die Autos müssen wir auch wieder ummelden.“
Dem Bezirksamt ist damit ein weiterer Schild-Bürgerstreich gelungen, der sich in die Reihe von ungeschickten bis arroganten Umgang mit den Anwohnenden bei dieser Umbenennung nahtlos einreiht. Auf die Widersprüche gegen die Umbenennung hatte es vor einigen Jahren Ablehnungen mit happigen Gebührenbescheiden gehagelt. So züchtet man sich Wut-Bürger. Auch jetzt gibt es nur knappe Handzettel, mit denen die Anwohnenden eine Woche vorher informiert wurden. Und das noch nicht mal für alle. Während der Nachtigalplatz vor einer Woche mit den recht allgemein gehaltenen Flyern des Bezirksamtes regelrecht zugepflastert wurde, blieb die Lüderitzsstraße die Straße der Ahnungslosen. Niemand hat hier einen Zettel gesehen. Wahrscheinlich war die Kraft der Bezirksamtsmitarbeitenden durch den Exzess am Nachtigalplatz schon verbraucht. Und vielleicht war das auch besser so. Denn die auf den Zetteln versprochene bevorzugte Terminvergabe im Dezember, zur Ummeldung beim Bürgeramt über die Bürgernummer 115, ist dort leider völlig unbekannt. „Ist ja schön, dass wir das auch mal erfahren.“, versucht es eine freundliche Call-Center-Mitarbeiterin bei der 115 mit Berliner Galgenhumor, als ich nach der Zeremonie am Nachmittag einen Termin beantragen will. Ich kann ihnen einen Termin am 27. Januar 2023 in Lichtenberg anbieten.“ Aber ihr Interesse ist geweckt. Sie stellt mich in die Warteschleife und will sich erkundigen. „Da geht keiner mehr ran.“, entschuldigt sich die Dame nach zwei Minuten am Telefon. „Die sind Freitag nur bis 14:30 Uhr da.“ Der versprochene Rückruf erreicht mich nie. Am Abend will ich auch meiner Bank online meine neue Adresse mitteilen. „Diese Adresse ist uns leider unbekannt.“, lehnt die Eingabemaske die Cornelius-Fredericks-Straße ab. Google bietet mir eine Straße in Namibia an. Meine Schwester, die bei der Post arbeitet, rät mir, mir selbst einen Testbrief an die neue Adresse zu schreiben, bevor ich die Päckchen mit den Weihnachtsgeschenken für meine Kinder ordere. „Wenn die Post das nicht weiß, klappt das bei den Online-Händlern auch nicht.“ Ich hoffe, dass es für meine Nachbarn und mich nach dem frohen Fest am 2. Dezember auch ein Frohes Fest am 24. Dezember geben wird.

Aufgegeben?

Es schneit seit zwei Tagen, dünn, flockig, nass. Ich streife unter dem grauen Winterhimmel ziellos durch die Straßen. Seit fünf Tagen habe ich nichts gegessen. Ein, zwei Tage halte ich das noch durch. Ich beklage mich nicht. Ich muss unnützen Ballast abwerfen. Eben habe ich meine alte Motorradjacke an einen Haken an der Mauer des Eckhauses gehängt, dort wo früher eine kroatische Familie ein Restaurant hatte. Der Laden steht schon lange leer, so wie alle Läden in dieser Straße. Die Jacke war nicht mehr dicht und sie wurde mir langsam zu schwer. Den Aufnäher „Elefantentreffen Nürburgring 2009, den mir noch meine Mutter aufgenäht hatte, habe ich abgerissen. So sentimental bin ich denn doch. Damals habe ich auch gefroren, als ich von Berlin im Februar in die Eifel gefahren bin. Ich muss jetzt ohne sie weiter, Richtung Norden, immer geradeaus. Wenn ich zurück komme, wird die Jacke einen neuen Besitzer gefunden haben. Hier frieren viele.

Seit Tagen treibe ich mich in diesem Viertel herum, aber diese Richtung ist mir erst jetzt in den Sinn gekommen. Durch verlassene, winterfest gemachte Kleingärten, graue Nachkriegsreihenhäuser komme ich in die weiße Siedlung. Bruno Taut, Bauhaus. Unnützes Wissen. Was ich brauche, ist was Warmes. Auf dem Mittelstreifen taucht ein Kiosk auf. Genau so alt und verrottet, wie der andere, an dem ich vor zehn Minuten vorbeigekommen bin. Auf die alten Neonreklamen für Zeitungen, die es schon lange nicht mehr gibt, haben sich schmutziggrüne Flechten heimisch gemacht. „Bin um 15 Uhr zurück“, steht auf dem Zettel, der am heruntergelassenen Rollo hängt. Wie lange wohl schon? Leere Bierflaschen gammeln vor dem Tresen vor sich hin und ein Napf aus Blech für die Hunde, in dem noch eine Pfütze Wasser steht. Wieder nichts. Ich will schon weiter gehen, da hupt ein schwarzer Mercedes. Vielleicht will er nicht auf das Bild, das ich von dem letzten leeren Proviantlager auf meinem Weg in Richtung Norden machen will? Da steht Herr Nyugen vor mir. Ein hageres Gesicht voller Falten, mehr Lücken als Zähne im Mund schaut mich freundlich an. „Einen Moment noch“, sagt er, als er die Tür zum Kiosk aufschließt. Bald rattert das Rollo nach oben und Herr Nyugen schaut frohgemut aus der Luke. „Ich musste noch einen Freund ins Krankenhaus fahren.“, sagt er in verständlichem Deutsch. Ich schaue auf die Uhr: Es ist 15:01 Uhr. Der Zettel war von heute. Manchmal sind die Dinge nicht so hoffnungslos wie sie aussehen. Von dem Bier, der Cola oder der Capri Sonne, die mir der Budenbesitzer anbietet, darf ich nichts nehmen. Das habe ich geschworen, als ich mich vor einer Woche auf den Weg gemacht habe. Ich muss weiter, am Möwensee vorbei zurück, zu dem Ort wo ich hingehöre, wo mein Fastentee auf mich wartet. Am Montag ist Fastenbrechen. Dann gehe ich Herrn Nyugen besuchen. Ich bin sicher, er wird auf mich warten. Einer wartet immer.

Rolf ist wieder da!

War er schon da, als ich kam? Oder kam er, als ich schon da war? Wann ist er gegangen? Warum bin ich geblieben? Seine Wege waren die gleichen, die ich ging, sein Viertel war mein Viertel. Er kannte jede Ecke und ich folgte seinen Spuren. Immer wieder konnte ich etwas Neues von ihm entdecken: In der U-Bahn, an einem Verkehrsschild, auf einem Ampelmast. Rolf war da und doch weg, nah aber doch unfassbar. Spielte er ein Spiel mit mir, oder wollte er mich zum Wahnsinn treiben? Es war wie Hase und Igel. Kaum lief ich nachts durch die Straßen des Wedding, schon konnte ich am nächsten Tag dort frische Tags finden. Verfolgte er mich heimlich, oder war er mir immer einen Schritt voraus? Warum verwendete er meinen Namen? War es auch seiner, oder hatte er sich die vier Buchstaben als „Tag“ zugelegt,um mich zu verhöhnen? Ich dachte, ich würde es nie erfahren, denn irgendwann war Rolf weg. Es muss vor fünf Jahren gewesen sein, als ich seinen letzten Tag fand. Um die gleiche Zeit, als meine Kinder mit ihrer Mutter in den Berliner Speckgürtel zogen und ich mir eine neue Wohnung suchen musste. Keine Tags mehr, keine Überraschungen. Vielleicht hatte Rolf auch einfach das Spiel satt.

Es war ja von Anfang an eine blöde Idee. Wer heißt denn heute noch Rolf? Emil, Emma und Paul sind wieder en vouge. Aber Rolf? Schon der Pfarrer, der mich taufte, weigerte sich, diese Zumutung von einem Namen in das Kirchenbuch einzutragen. Dort steht „Rudolf“, die ursprüngliche Version, weil es bei den Katholiken keinen heiligen Rolf gibt. Eher im Gegenteil. Rolf Hochhuth zum Beispiel, der seinen „Stellvertreter“, das Drama in dem er die Nazi-Kollaboration des Papstes anprangert, im Jahr meiner Geburt als Manuskript vorlegte. Vielleicht durfte der Name deshalb nicht in ein katholisches Kirchenbuch. Hatte der heilige Stuhl Wind davon bekommen? Oder Rolf Mützenich, der streitbare SPD-Fraktionsvorsitzende, der weiter wacker Deeskalation zwischen Russland und der Ukraine fordert. Ja, ja, das sind ehrenhafte Männer, aber sonst findet man den Namen vor allem in den Todesanzeigen der Zeitungen. Rolf war immer zu einsilbig und immer zu kurz, um verstanden zu werden („War das jetzt Wolf oder Ralf?“) Und immer öfter ist Rolf auch tot.

Aber keine Bange. Wer so einen blöden Namen hat, der lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Der hat gelernt, Tiefschläge einzustecken und sich zu wehren. Es gibt von Johnny Cash das wunderbare Lied „A Boy Named Sue“ Die Geschichte von einem Vater, der seinem Sohn einen Mädchennamen gibt und sich dann aus dem Staub macht. Irgendwann findet ihn der Sohn, verdrischt seinen Vater und der antwortet. „I gave you that name and I said goodbye. And I knew you‘d get tough or die.“ Und deshalb war es weniger eine Überraschung als eine Gewissheit, die Wirklichkeit wurde, als ich gestern am U-Bahnhof Seestraße aus dem Fenster schaue. Rolf ist wieder da!

Groß, selbstbewusst und unübersehbar. Sein Stil ist gereift. Auf das Wesentliche reduziert. Keine Farbspielereien, keine überheblichen Sprüche. Nur der pure Rolf. Rolf 65. Und wer im Wedding wohnt weiß, dass das kryptische Zahlenspiel kein Geburtsdatum oder eine Altersangabe ist, sondern ein klares Bekenntnis zur alten Heimat. 1 Berlin 65 ist die alte Postleitzahl des Wedding.

Rolf, wo immer du dich rumgetrieben hast. Ick freue mir, dass de wieder da bis. Willkommen zu Hause!

Oh wie schön ist Brandenburg

Wir hatten einen Plan. Einen bescheidenen Plan, wie ich finde. Zwei Tage Hamburg sollten es sein. Ein ordentliches Hotel, ein bisschen Zeit zusammen und keine Kinder. Die Großmutter war als Babysitterin geordert und ihre bissigen Bemerkungen darüber, dass wir zwei, nach Jahren der Trennung mal wieder ein Wochenende gemeinsam verbringen hätte es gar nicht gebraucht, denn es wurde natürlich nichts draus. Und ehrlich gesagt, hatte ich auch nicht wirklich daran geglaubt.
Drei Tage vor Abreise kriegte der Älteste Fieber und Husten, was bei ihm keine Seltenheit ist. Aber dass es eine Woche nach den letzten Fieber und Husten-Tagen wieder los ging, erstaunte uns dann doch. Aber als dann am Tag zwei vor der Abreise der Corona-Test ganz leicht hellblau wurde, war auch dieses Rätsel gelöst und statt an der Elbe zu spazieren hingen wir am Telefon und Computer, um der Großmutter abzusagen, dem Hotel abzusagen, die Bahn-Tickets zu stornieren und den Traum von ein paar unbeschwerten Stunden, wie das meine Eltern, die ich jetzt viel besser verstehe, es genannt hätten, zu begraben. Tschüüs Hamburg, willkommen Berliner Speckgürtel. Denn dort steht das Haus, in dem meine Söhne mit ihrer Mutter wohnen. Ich schnappte mir mein Fahrrad, klingelte vor der Tür und war entschlossen, trotzdem ein wildes Wochenende zu verbringen. Wenn nicht mit der Mutter, dann mit den Söhnen. Wenn man sich nur genug anstrengt, dann hat die sandige Mark Brandenburg sogar Geheimnisse zu bieten. Geheimnisse, die es zu erforschen gilt. Ein Dammwildgehege, einen Sumpf oder ein altes Gasthaus, das nur per Boot oder über einen versteckten Schleichpfad hinter der Autobahnbrücke zu erreichen ist.
Wenn es nicht regnet. Den lange vermissten Brandenburger Landregen, der ab Mittag in wuchtigen Wellen gegen die Isolierglasfenster prasselte. Sogar der automatische Rasenmäher hatte sich in seine Dockingstation verkrochen.

Schön eigentlich, ein Wetter um sich mit einer Zeitung und einer Tasse Tee melancholischen Gedanken hinzugeben, aber eine Katastrophe, wenn man drei Jungs zu Abenteuern vor die Tür locken will, weil sie Bewegung und frische Luft brauchen. Ja, richtig gelesen: Drei! Denn dem einstmals hustenden Corona-Sohn ging es natürlich wieder prächtig, so prächtig, dass er mit seinen Brüdern das durch den Regen von der Außenwelt abgeschlossenen Einfamilienhaus in ein Tollhaus verwandelte, wenn sie sich nicht in ihren Betten mit dicken Büchern verbarrikadierten. Am Ende half nur Bestechung. Den Weg zur dörflichen Eisdiele, in der das einst üppige Angebot um die Hälfte reduziert war und in der lange Listen darüber berichteten, wie teuer die Zutaten geworden waren, wurde zwischen zwei Schauern geradelt. 1,80 EUR eine Kugel Eis. Als ich nach Berlin zog, war es mal gerade eine Mark. Die Kinder waren glücklich, aber nicht so glücklich, dass sie sich abends ohne Widerpruch in ihre Betten getrollt hätten, in denen sie schon den halben Tag verbracht hatten. Irgendein Streit über die Spielzeit auf der Konsole brachte einen der Zwillinge so sehr auf, das er noch um halb 12 Uhr wach war. Danach legte ich die Streitschlichtung in die gottergebenen Hände der Mutter und versuchte im Keller zu schlafen.
Der Sonntag wenigstens machte seinem Namen alle Ehre. Aber die Jugend blieb unbeeindruckt vom blauen Himmel, der sich über sattgrünen Wiesen spannte. Immerhin den Jüngsten lockte ich aus dem Haus zum Brötchenholen. Aber der Aufbackbäcker neben dem Norma-Discounter hatte das lange Wochenende genutzt, um dem Brandenburger Elend zu entfliehen. Wer kann’s ihm verdenken? Immerhin erspähte mein geübtes Berliner Auge in der Ferne einen Dönerladen, der morgens um 10 Uhr seine Türe offen hatte. Ein frisches Ekemek-Fladenbrot ist auch eine Beute, die man von einem Jagdzug mit dem Sohn durch die Brandenburger Wildnis als Trophäe mitbringen kann. Der Kleine kriegte vom Dönermann auch noch einen Lolli und es kam das für einen Mann erhebende Gefühl in mir auf, in so einem menschenleeren Landstrich genug erbeutet zu haben, um meine Familie zu ernähren. Doch zurück zu Hause fand sich keiner, der die frisch erlegte Strecke zu würdigen wusste. Träge krochen die Halbtoten der nächtlichen Diskussionsschlachten gegen 11 Uhr ihren Betten. Und als auch gegen Mittag noch nicht die ganze Familie am Frühstückstisch saß, keimte in mir und der Mutter meiner Kinder der verwegene Gedanke auf, die ganze undankbare Brut einfach für ein paar Stunden mit ihren Büchern alleine zu lassen und das einsame gutbürgerliche Gasthaus, das ich mit den Jungs erradeln wollte, einfach zu zweit zu besuchen. Letzte Reste elterlicher Fürsorge ließen uns an unseren Jüngsten denken, der alleingelassen von seinen großen Brüdern in die Zwickmühle genommen werden würde. „Aber ich will eine Pizza!“, machte er zur Bedingung für unsere Rettungsaktion und ich war schon bereit, den Nachmittag an den schäbigen Alutischen im Vorraum eines Pizza-Services zu verbringen, als ich die Mutter mit einer aus der Verzweiflung genährten Kaltblütigkeit lügen hörte: „Der Weiße Schwan ist eine Pizzeria, der hat nur einen deutschen Namen.“

Diese kleine Lüge war der Schlüssel zum Paradies. Wir entdeckten den Schleichpfad, der hinter den Bahngleisen des Henningsdorfer Stahlwerks verborgen liegt und fanden uns auf einer Zeitinsel. Ein Haus wie aus Kaisers Zeiten mit einem Biergarten, der von alten Kastanien überschattet wurde. Drinnen gab’s Spitzendeckchen, viel Verschnörkeltes und eine freundliche Kellnerin. Auf der Speisekarte stand nicht viel mehr als Schnitzel mit frischen Pilzen und Eierkuchen. Aber das war genau das, was wir wollten. Ein riesiger Eierkuchen für den Kleinen. Einen Eierkuchen, wie ich ihn seit meiner Kinderzeit nicht mehr gesehen hatte. Mit Zimtzucker und Apfelmus. Von Pizza war keine Rede mehr. Hinterher sammelten wir Kastanien und verfütterten sie an die Ziegen auf der Koppel hinter dem Haus. Große Ziegen, so große Ziegen, wie ich sie noch nie gesehen hatte. Sie waren verrückt nach den Kastanien und unser Kleiner traute sich, sie sich von der flachen Hand wegknabbern zu lassen. Sogar die Sonne kam für einen Moment durch die Wolken und wir wärmten uns in den Strahlen.

Zurück zu Hause hatten die Zwillinge unsere Abwesenheit nicht mal bemerkt.
Vielleicht sind wir in Wirklichkeit auch nie weg gewesen.

Tod mit guter Aussicht

Terrasse des Museums für Sepulkralkultur, Kassel

Das Ende war dann noch sehr schön.

Für den zweiten Tag meines Besuchs hatte ich mir eine kleine Mutprobe auferlegt: „Das Museum für Sepudingsda?“ frage ich die Frau in einem der allgegenwärtigen weißen Garderobencontainern, an dem man seine Rucksäcke abgeben muss. „Ja, den Namen musste ich auch erst lernen.“, sagte sie freundlich.“ Das ist ist hinter der Grimm-Welt die Straße hoch.“ Noch vor fünf Jahren habe ich schockiert auf die Empfehlung von docvogel reagiert, die das Museum für Totenkultur in Kassel pries. Dunkle Grüfte mit verwesenden Kadavern stellte ich mir vor. So wie in Neapel. Ich hatte eine Heidenangst vor Totenkulten und all dem schwarzen Zeug, das da drumherum gemacht wird. Aber man wird ja älter und der Gedanke kommt näher. Und es war dann auch gar nicht so schlimm, im Gegenteil: Es war recht wunderbar. Ein Haus auf dem Hügel, viel Licht und eine Terrasse wie auf dem Deck eines Luxusliners. Die Exponate über Gevatter Tod in seinen vielen Formen verloren bei so viel Helligkeit ihren Schrecken und endlich stand ich für die Länge eines Kaffees auf der Terrasse in der Sonne und über den Dingen. Deswegen war ich nach Kassel gekommen.

Ach ja, und wegen der documenta. Die ganze Zugfahrt zurück nach Berlin (halbe Stunde Verspätung) versuchte ich das Assoziationskarussell einigermaßen in den Griff zu bekommen, das die Ausstellung gestern bei mir angeworfen hatte und das sich die Nacht über weiter drehte. Gab es einen gemeinsamen Nenner? War alles beliebig nebeneinander? War das überhaupt wichtig? Bleiben wir bei den Fakten:

Menschen: Ich habe in den zwei Tagen mit genau einem Menschen gesprochen. Er stand vor dem Schloss, vor dem Joseph Beus begonnen hatte seine 7000 Eichen zu pflanzen und fegte den Platz zwischen den Bäumen. Er trug die gleiche Mütze wie ich und eine graue Weste wie Beus. Es war offensichtlich sinnlos was er da machte. Ebensogut hätte er wie ein buddhistischer Mönch ein Mandala in den Sand legen und dann wieder wegwischen können. Das sagte ich ihm, und er freute sich. Er war nicht halb so verrückt, wie ich vermutet hatte, sondern sehr klar. Es wollte an die Beus-Aktion vor dem Düsseldorfer Landtag erinnern. Mit dem Besen hatte der den Platz gefegt und behauptet, er habe damit mehr für die Gemeinschaft getan, als alle Abgeordneten mit ihren Beschlüssen. Seinen Besenstiel hatte mein neuer Freund in den Farben der Bundesfahne lackiert.

Gemeinschaft: Damit wären wir bei dem Wort, an dem man auf der documenta nicht vorbei kam „lumbung“. Ich hatte das Glück, gleich am ersten Tag morgens im „ruru Haus“, dem Empfangsgebäude in einem leerstehenden Kaufhaus aus den 50ern, in einen Vortrag von einer indonesischen Künstlergruppe (rungagrupa?) zu stolpern und war gleich fasziniert.

Nicht nur von der Geduld, mit der diese sichtbar übermüdeten Männer geduldig das indonesische Prinzip des gemeinsamen Wirtschaftens erklärten, war ich beeindruckt. Auch von der Tatsache, dass es auf den 1700 indonesischen Inseln etwa genau so viele Sprachen und Dialekte gäbe, aber kein Wort für den Begriff „Ich“. Man hebe die Verdienste des Einzelnen nicht hervor, verwende den Passiv, der offen lässt, wer was oder wieviel getan hat für die Gruppe. Dagegen sei der Begriff des „zum Gedeihen der Ernte/ des Gemeinwesens beizutragen“ sehr wichtig. „Nourishing“ wie es ungenügend ins Englische übersetzt wurde. Man müsse nicht nur sähen und ernten, sondern müsse auch etwas dafür tun, dass der Boden fruchtbar bleibe, dass die Gemeinschaft gedeihe. Der Gedanke entstamme aus dem Matriarchat, das vor den männlich dominierten Religionen auf den Inseln herrschte. Ach war das schön. Mal was Positives, etwas, von dem wir lernen können, statt des erwarteten Imperialisten-Bashings. Ich kaufte mir das Buch der Gruppe (30 Euro) und war einigermaßen enttäuscht. Was ich da las, von den klugen Bäuerinnen und Bauern, die klug genug sind, ihre Sachen in Eigenregie und zum Wohle aller zu regeln (wenn man sie denn lässt), kannte ich schon. „Die Bauern von Solentiname“ von Ernesto Cardenal aus Nicaragua. Theologie der Befreiung. Auch die lebten auf einer kleinen Insel. Hab ich mit 20 gelesen.

Worte an der Wand: Über all steht was geschrieben. Mal als Kunst, mal als Meinungsäußerung, mal als Ablaufschema das zeigt, wie sich Ideen entwickeln sollen. Viel Mindmap und Brainstorming. Hat mich dann recht bald nicht mehr interessiert. Unsortierte Gedanken habe ich selber genug und wenn ich lesen will, kauf ich mir ein Buch.

Ruhe: Im Obergeschoss des Staatstheaters war kein Mensch. Nur eine recht übersichtliche Installation mit Materialien wie Sand, Holz und Stahl, die Stoffe halt, aus denen das Haus gebaut wurde. Ich hole mir den Audio-Guide, lege mich auf eine Bank am Fenster und lasse mich von der ruhigen Stimme der isländischen Künstlerin über die Herkunft des Eichenparketts belehren. Habe lange nicht so gut geschlafen. Die Audiofiles kann man sich im Internet anhören.

Humor: Es gab einen Running Gag auf der dokumenta. Überall gab es Werbeschilder für einen Hähnchen-Imbiss. Das hat ein britischer Künstler sich ausgedacht, als satirische Antwort auf den Unterstellung der britischen Presse, dass in den muslimischen Händelbratereien in England heimlich für den Dschihad gearbeitet werde. Und zu einem richtigen Dschihad gehört natürlich auch eine „Befreiungsfront der gebratenen Hähnchen.“ Der aktuelle „Spiegel“ hat den Witz nicht kapiert und hält den Künstler für einen wirklichen Gotteskämpfer. Um den Irrtum zu vermeiden, hätte man als Qualitätsjournalist nur die zwei Seiten im Ausstellungskatalog lesen müssen. Oder den Podcast „Birds of Paradise“ auf YouTube anschauen.

Politische Kunst: Habe ich auf der documenta kaum mehr gefunden. Außer der Botschaft der australischen Ureinwohner in einem Zelt und einem aus der Zeit gefallenen Agitprop-Plakat an der Fassade von C&A. Aber außerhalb der Ausstellung, in der dunklen gotischen Alten Brüderkirche bin ich zufällig auf eine sehr radikale und sehr verwirrende Ausstellung von Jan Kath getroffen. Rug Bombs sind riesige, handgeknüpfte Wandteppiche, die moderne (US-amerikanische) Waffen mit klassischen Teppichmustern zeigen, jeweils vor dem Hintergrund von Flucht, Vertreibung und Zerstörung. Die Bilder haben im Dunkeln eine magische Wirkung. Sie sind wohl das politische Coming Out eines erfolgreichen Designers, der Luxusvillen mit teuren Teppichen ausstattet. Für ein Bomben-Bild wird mehr als 35 000 Euro aufgerufen. So werden diese politischen Anklagen wohl wieder in Luxusvillen landen. Vorher kommen sie aber noch mal in eine Galerie in Berlin.

Treiben lassen: Recht bald merkte ich, dass es mich bei dem klaren Herbstwetter mehr reizte, die sehr grüne Stadt zu erkunden, als ziellos in einer künstlich in eine Wellblechhütte verwandelten Ausstellungshalle herumzuirren, in der man auch noch eine lärmende Halfpipe für Skater aufgebaut hatte. Es gab auch eine Ausstellung an der Fulda, im Bootsverleih „Ahoi“. Die Kunst dort bestand aus einem Gang, in dem man sich immer tiefer bücken musste um an einen Bildschirm zu kommen, um dort irgendwas über die Schleimspur japanischer Schnecken zu erfahren, die jetzt in Korea leben. Ich schnappte mir das letzte verbliebene Kajak und ließ mich eine Weile auf der Fulda treiben. Abends lief ich zurück zum Hotel, denn die Straßenbahnen fuhren nur noch alle halbe Stunde, als ich an einem großen Irish-Pub vorbei kam, aus dem wehmütige Folk-Songs von der geliebten grünen Insel klangen. Ich wagte einen Schritt hinein, prallte vor einer Wand von menschlichen Stimmen und Bierdunst zurück, aber war sofort erfüllt von einer Sehnsucht nach einem Rausch, blödem Geschwätz und sinnlosen Diskussionen über Kunst und den Rest der Welt. Gehörte das früher nicht mal zusammen: Kunst und Leben?

Kein Kunst-Mekka mehr?

Ach, es ist ja alles ganz anders. Anders als die Medienschelte vermuten lässt, anders als bei der letzten documenta und man selber ist ja auch nicht mehr der Gleiche wie vor fünf Jahren. Gemekkat wurde bei der documenta ja immer. Und ein paar Tage vor Schluss ist auch ein bisschen die Luft raus. Mein erster Eindruck ist eine Mischung aus „Tag der offenen Ateliers“, evangelischem Kirchentag und großer Verunsicherung. Wenig Spaß und Leichtigkeit. Aber froh bin ich doch, dass ich hingefahren bin, bevor die KünstlerInnen und AktivistInnen aus aller Welt wieder abreisen. Auf den Punkt bringen lässt sich für mich das Gesehene aber noch nicht. Erst einmal eine Nacht drüber schlafen und morgen noch mal hingehen. Aber das Schönste an dem Kunstfest ist ja sowieso das Drumherum, die Stadt, die BesucherInnen. Davon erstmal die idyllischen Bilder. Schön, dass ich das mit euch teilen kann. War ein langer Tag.
Morgen mehr.

Die offene Tür

Es ist für Menschen, die auf der Straße leben, nicht leicht, eine offene Tür zu finden. Um so mehr müssen sich einige obdachlose Männer gefreut haben, im Pfeiler der Ringbahnbrücke über den Kanal am Nordufer eine Tür gefunden zu haben, die zu zwei ebenerdigen Inspektionsräumen im Betonpfeiler führt. Ob die Tür offen war, oder ob sie geöffnet wurde, ist nicht klar. 2 Zimmer, Neubau, verkehrsgünstig gelegen mit Terrasse und Blick auf’s Wasser – bei so einem verlockenden Angebot braucht es nicht viel, um schwach zu werden. Die neuen Bewohner machten es sich in den Räumen und auf dem gepflasterten Platz davor gemütlich und grüßten gut gelaunt mit ihren Bierflaschen, wenn ich tagein, tagaus mit dem Rad an ihnen vorbei zur Arbeit sprintete.
Doch es wurden immer mehr Bewohner, immer mehr Einkaufswagen und immer mehr dreckige Matratzen. Den Bezirk erreichten, so erfahre ich später, die ersten Beschwerden aus der Bürgerschaft. Es soll mehrere erfolglose Hilfsangebote durch das Sozialamt und seine aufsuchenden Sozialarbeiter gegeben haben.
Eines Morgens stehen dann zwei Müllwagen der Berliner Stadtreinigung und eine handvoll Polizisten in Kampfmontur vor den Bewohnern des Platzes. Als ich vorbeikomme sehe ich einen der Bewohner heftig auf die Polizisten einreden, während die Stadtreinigung stoisch sein Bett in die Presse wirft. Ich rufe die Pressestelle des Bezirksamts Mitte von Berlin an. Schließlich schreibe ich für unseren Kietz-Blog. Und Polizeiaktionen gegen Leute, die sich schlecht wehren können, dürfen nicht unbemerkt vonstatten gehen. Die Stellungnahme des Bezirks kommt am nächsten Tag. Da heißt es dann: „Bei der Räumung war auch die Landespolizei mit zugegen, da der Betroffenenkreis im Vorfeld Aggressionsverhalten gezeigt hat. Die Landespolizei hatte einen polnischsprachigen Kollegen dabei, der er als Sprachmittler zur Deeskalation eingesetzt werden konnte. Die Personalien wurden aufgenommen (…) Ein Platzverweis wurde erteilt.“
Ich muss an den satirischen Satz denken, den der Schriftsteller Anatole France vor mehr als hundert Jahren zu solchen Aktionen eingefallen ist. „Das Gesetz in seiner majestätischen Gleichheit verbietet es den Reichen wie den Armen, unter Brücken zu schlafen…“

Die Bürger des schicken Sprengelkiezes schlafen jetzt wieder gut, erfahre ich am Abend, als ich von der Arbeit zurückkomme und sehe, dass die Stadtreinigung gründlich gearbeitet hat. Nichts erinnert mehr an die ehemaligen Bewohner. Nur ein grüner Leihroller liegt wie weggeworfen auf dem Platz. Aber das wird geduldet. Auf der Parkbank vor dem Kinderspielplatz neben der Brücke treffe ich einen Mann, dessen Kleidung, die Bierflasche und sein sonnenverbranntes Gesicht mich glauben lassen, er sei einer der Männer, die unter Brücken schlafen. „Nein“, sagt er, als er meinen Blick bemerkt, “Ich wohne hier.“ Er sei Bauingenieur und derzeit beim Jobcenter. Er spreche Russisch und Polnisch und ein bisschen Deutsch und er habe oft für die Männer gedolmetscht. „Jetzt nicht mehr. Sie sollen mich in Ruhe lassen.“ , sagt er verärgert. Es habe immer mehr nach Urin gestunken. „Sie sollen sich eine Arbeit suchen, selber was machen“, schimpft er. Ich schaue auf seine Bierflasche, und er merkt es wieder. Nein, er sei nicht so wie „die“. Er wohne hier.

Im „Über mich“ zu meinem Blog schreibe ich: „Aber wenn ich mein tägliches Klein-Klein mal niederschreibe, merke ich, dass ich nur durch die Tür gehen muss, die geschlossen erscheint, die aber, wie Franz es ja weiß, immer offen steht.“

Die Tür im Pfeiler steht nach wie vor offen. Wer weiß, ob ich sie nicht irgendwann noch brauche.

Summer in the city

Foto: Lena M. Olbrisch

Es ist wieder so weit. Nach all den Hitzewellen und dem Schwimmbadgekreische, nach all den Kältewellen und Badeseen, nach der Woche in der Uckermark und Nachmittagen im Garten ist endlich der Sommer bei mir angekommen. Ich merke es nicht gleich. Mit einer Freundin sitze ich nach der Arbeit vor einem Weinlokal. Wir essen Blutwurstcanapés und trinken Weißwein. Die Freundin ist auf der Durchreise. Und erst als ich sie und mein Rad Richtung Bahnhof Friedrichstraße schiebe, sehe ich den weiten Himmel über der Stadt. Es ist halb neun und das Panorama über dem Friedrichstadtpalast bekommt langsam einen dunklen Rahmen. Die Straßen sind halbleer und die Autos und die grünen Elektroroller, auf denen immer zwei Jungs oder ein Pärchen stehen, gleiten und schlingern mit mir über die Chausseestraße, bis sie enger wird, gesäumt von vollen Cafés und asiatischen Restaurants. Draußen in der verklingenden Wärme eines Hochsommertages sitzen Frauen in weiten Sommerkleidern. Viel Farbe, viel Raum und viel Leben in der grauen Straßenschlucht, in der sich sonst Autos und Lastwagen um den Platz balgen.
Ich schaffe es noch unter dem S-Bahnhof Wedding durch, bis mir klar wird, dass ich noch eine Weile dabei sein will, noch ein bisschen von der Leichtigkeit genießen und ein Teil der bunten Szene werden will. Es wird das Imren in der Müllerstraße. Halb Imbiss, halb Restaurant. Hier esse ich oft eine Iskembe-Suppe und schaue unter der beleuchteten Markise auf die Straße. Neben mir packt ein Vater sein Kleinkind ein, das in einem Hochstuhl auf einen Zeichentrickfilm auf einem Handy gestarrt hatte, solange er aß. Jetzt trägt er es unter dem Arm wie ein Paket – hoffentlich nach Hause. Seinen Platz nehmen eine Truppe lachender, sehniger Männer ein. Alle jung, alle braungebrannt und in abgeschabter, schwarzer Bauarbeiterkluft mit kurzen Hosen. Alle berühren sich, streicheln sich über die Arme, wuscheln sich in den Haaren. Auf dem Tisch stehen übervolle Teller mit öligem Lammfleisch-Eintopf, der nur dem verlockend erscheinen kann, der einen Tag hart gearbeitet hat. Aber das Essen muss warten, bis jeder dem anderen noch ein paar freundliche Worte zugerufen hat. Das Ende eines guten Tages. Auch für mich.

Als ich vom Imren aufbreche ist es endgültig dunkel geworden. „Butter,“ denke ich. Ich muss noch Butter kaufen. Aber in den neongrellen Supermarkt will ich heute nicht mehr. Zu schön ist die lindwarme Dunkelheit. Der Tag soll sanft zu Ende gehen. Mir wird morgen früh schon was einfallen.