Ohnemichel

Unbenannt

Quelle: Spiegel online.de

Ich kann’s nicht glauben. Eine Berliner Hochschule lässt sich durch Druck der Studierenden dazu bewegen, ein Gedicht von einer Wand zu entfernen, weil es nach deren Ansicht sexistisch ist. Haben die Professoren nicht das Rückgrat, die Freiheit des Wortes und die Freiheit der Kunst ihren Studierenden beizubringen und zu verteidigen?

Das Gedicht ist schön, es ist formal perfekt und es handelt von Frauen, Blumen und einem Verehrer. Ist das heute schon ein Vergehen? Ist das der Geist, der heute an unseren Unis herrscht? Was kommt als nächstes? Gehen die Studierenden in die Bibliothek und reißen alle Bücher raus, in denen das Wort „Frau“ in Verbindung mit „Verehrer“ gedruckt steht? Und ich dachte, unsere Freiheit wird fremdländischen Terroristen bedroht, von engstirnigen Radikalen, die sich die Welt nach ihrer Lesart der heiligen Bücher machen wollen.

Wenn diese Studierenden die künftigen Erzieherinnen und Sozialpädagogen werden, dann bitte ich doch vor der Einstellung um einen Gesinnungstest, damit  sie meine Kinder nicht mit ihrer engen Weltsicht vollsülzen dürfen.

Wenn ich bei Facebook wäre würde ich jetzt einen Hashtag aufmachen, in dem man Beispiele der neuen Prüderie und der Gesinnung posten kann. Und ich möchte dann unter jeden drunterschreiben, dass diese Sittenwächter nicht in meinem Namen schreiben:  #notme

 

 

Vor dem Sturm

Am letzten Tag des Jahres bin ich mit der Kamera noch mal bei mir „ums Carre“ gegangen, solange es noch ruhig und verschlafen ist. In zwei Stunden ist hier Böllerkrieg. Ich wünsche euch trotzdem ein friedliches neues Jahr.

 

Sack Reis

Acht Grad Plus und Wolken können mir die Laune ja nicht verderben. Sitze vor meinem selbstverwalteten Bio-Laden mit einem Kaffee, der hier ausdrücklich Espresso mit Milch heißt und nicht Latte Macchiato, weil man ja der Gentrifizierung keinen Vorschub leisten will, lese die  taz und versinke in Nostalgie: 30 Jahre Mai-Krawalle in Kreuzberg. Schaue mir träge die Demo-Routen fürs Wochenende an und entscheide mich für die Fahrrad-Demo des DGB, weil ich da mit meinem Liegerad wieder viele freundliche Blicke ernten werde. Und wenn ich will, kann ich auch noch  am Samstag zu „Organize- Selbstorganisiert gegen Rassismus und Ausbeutung“ im Wedding gehen. Wie schön, wenn sich der Kampf gegen die Langeweile und der Kampf für das Gute in der Welt so wunderbar verbinden lassen. Meine Fahrradtasche ist vollgestopft mit besten Bio-Sachen. Weiter zu Türken-Markt schaffe ich es heute nicht mehr. Genug Frischluft, zurück nach Hause. In routinierter Virtuosität balanciere ich mein Fahrrad mit der seitenlastigen Tasche durch die schwere Gründerzeit-Holztür und bleibe stehn: Quer vor mir steht ein leerer Supermarkt- Einkaufswagen von EDEKA Fromm. Normalerweise stehen die immer draußen auf dem Gehweg, gefüllt mit irgenwelchem Unsäglichen gammeln sie dann ein paar Wochen vor sich hin, bevor sie dann so plötzlich verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Ich weiß nicht wer sie herschiebt, ich weiß nicht wer sie abholt. Ich hab wechselweise die Alkis von der Trinker-Bude, die Türken-Kids aus der Schischa-Bar oder die Kiffer vom Kinderspielplatz im Verdacht -ist mir aber eigentlich auch immer egal gewesen. Aber jetzt fühle ich, dass es Zeit ist, die Sache in die Hand zu nehmen. Bürgersinn regt sich in mir. Das Ding muss raus, bevor die halbe Hausgemeinschaft ihren Sperrmüll da rein wirft. Draußen auf der Straße ist das mit dem Müll  ja ok, das schreckt die Schnösel ab, die die Mieten hier hochtreiben wollen. Aber hier, in meinem Hausflur – da ist die Grenze klar überschritten.

Ich wuchte mein Rad auf den wackligen Ständer, schnappe mir das Elendsgestell, und stehe schon halb damit in der Tür, als zwei erschreckte junge Frauen, na eher noch Mädchen, die Treppe runter kommen. Entschuldigung, Entschuldigung, wir hatten den Wagen nur mitgenommen, weil es uns zu schwer war, die Sachen vom Supermarkt heim zu tragen, jammern sie. Und ich weiß nicht, was mich mehr ärgert: Dass ich jetzt als Blockwart die Erstsemester-Mädchen zurecht weise, die, gerade dem behüteten Elternhaus entflohen, gleich beim ersten Mal erwischt werden, an dem sie versuchten ein bischen den Berliner Lebensstil anzunehmen. Oder ärgere ich mich , dass meine Feindbilder durcheinander geraten. Bevor ich mir klar werden kann, gibt’s ein dumpfes, klirrendes Geräusch und mein Fahrrad liegt auf der Seite wie ein sterbendes Pferd. Der Apfelsaft, denke ich, der ökologisch korrekt in einer Pfandflasche gekaufte Apfelsaft – und vielleicht auch noch die Eier. An die Tomaten will ich gar nicht erst denken. Ich stelle mir die Matsche vor, die sich jetzt in meiner Tasche breit macht. „Große Leiden machen alle kleineren gänzlich unfühlbar… und umgekehrt, bei Abwesenheit großer Leiden verstimmen uns selbst die kleinsten Unannehmlichkeiten.“ Das ist aus dem Buch „Die Schopenhauer-Kur“ von Irvin Yalom, das ich gerade lese. Ein Trost in allen Lebenslagen.

Oben angekommen schütte ich meine Einkäufe in die Dusche, rette was zu retten ist und ändere meine Pläne für’s Abendessen: Es gibt Rührei.

Ein Mann namens Uwe

fremde

Es gab nur einen, wirklich nur einen Moment, an dem ich wirklich froh war, Uwe zu sehen.  Das war, als eine kleine Gruppe von Halbwüchsigen auf unseren Hof kam und anfing an den Fahrrädern rum zu machen. Frech grinsten sie mich an, als ich hinging und sagte, sie sollen das lassen. Und als sie weitermachten, und als sie nicht reagierten wurde ich wütend und brüllte sie an, sie sollten verschwinden. Ich wusste dass es keinen Wert hatte. Aber ich wusste mir nicht zu helfen. Und als das Grinsen immer breiter wurde, als dann einer von den Nassforschen seinen Hosenschlitz öffnete und ankündigte, er werde jetzt gegen mein Bein pissen, als ich gar nichts mehr zu sagen wusste und nur noch wie ein wütender alter Mann da stand, da kam Uwe um die Ecke. Ausgerechnet Uwe. Uwe ist bullig, kahlköpfig und kann sehr grimmig gucken. Er brauchte nur zwei Schritte hin zu den Pissern zu machen, und schon waren sie verschwunden. So was kann er. Beim Leute erschrecken ist er richtig gut. Aber ansonsten ist Uwe der Pickel am Arsch unserer Nachbarschaft. Wenn ich mir einen Wutbürger vorstellen will, denke ich an Uwe. Wenn ich ihn im Treppenhaus treffe, hat er immer etwas, worüber er sich aufregt. Dass die Hausverwaltung wieder nix tut, dass der Hausmeister für nichts zu gebrauchen ist und dass auf dem neuen Spielplatz so viele Türken wären, dass er mit seinem Sohn da nicht mehr hin gehen würde. „Die da“ nennt er die Menschen, die nicht so aussehen wie er und schaut dabei vielsagend. Er sagt nicht Türken oder Araber, er sagt „Die da“ und schwenkt sein Kinn einmal von links nach rechts. Uwe kennt „Die da“ hauptsächlich aus dem Knast, denn Uwe ist Schließer in der JVA-Tegel. Da lernt man sicher nicht die nettesten Menschen kennen. Da kann man auch mal Angst bekommen, wenn einer sagt: „Ey, wenn ich rauskomm, weiß ich wo du wohnst.“ Aber Uwe hat sowieso Angst, vor allem Angst, dass etwas Unvorhergesehenes passiert. Seine Wohnungstür hat er mit zwei dicken Balkenriegeln verstärkt. Und wenn ich mal klingel, weil ich zum Beispiel seinen kleinen Finn zum Kindergeburtstag einladen will (was nur einmal geklappt hat), dann klackt es zwei Mal und ganz langsam geht die Tür auf – und wenn  er dann aus dem Türschlitz linst, denke ich immer, dass er auch noch eine Knarre im Anschlag hat.

Bei manchen Sachen ist Uwe sehr empfindlich. Als der Hausmeister, nachdem der Aufzug mal wieder stecken geblieben war, an der Tür ein Schild „Maximale Traglast 300 Kilo“ angebracht hat, da hat Uwe das persönlich genommen. Weil er fett ist, genau wie seine Frau – und zusammen mit dem Jungen… Könnte schon ungefähr hinkommen. Auf jeden Fall haben sie sich im Hausflur angebrüllt, und nicht nur einmal. Jetzt laufen Beleidigungsklagen vor Gericht. Neulich hat der Aufzug endgültig den Geist aufgegeben. Jetzt muss Uwe die Treppen hochschnaufen, bis in den fünften Stock. Und wehe, es kommt ihm einer entgegen.

Dass ich Uwe aus dem Weg gehe wo ich kann, brauche ich wohl nicht extra zu sagen. Aber neulich, abends um halb neun, da komm ich aus der Haustür und bleib noch mal kurz stehen, um eine Nachricht zu tippen. Ohne es zu merken, lehne ich mich gegen die Metallplatte mit den Klingelschildern und läute damit Alarm – minutenlang,  ausgerechnet bei Uwe! Als erstes fliegt ein Fenster im fünften Stock auf und Uwes Frau kreischt:“Seid ihr jetzt völlig plem plem?“ Ich rufe noch „Tschuldigung, falsche Klingel.“, da geht im Treppenhaus das Licht an und da steht er auch schon vor mir: Uwe! In Schlafanzugshosen, die Arme breit, den Kopf gesenkt- wie ein wilder Stier! Er sieht mich an, und statt mir eins auf die Nase zu hauen stammelt er: „Du? Du bist das?“ – dreht sich langsam um und trottet wieder nach oben. Von der halben Treppe höre ich ihn noch jammern: „Du, ich find das echt Scheiße von dir!“

Am anderen Tag hab ich eine Flasche Rotwein gekauft und eine Karte, auf der ich mich entschuldigt habe. Ich habe die Flasche vor die Wohnungstür gestellt. An der Tür hing eine Kette aus kindlich bunte Holzbuchstaben, die mich  „Herzlich Willkommen“ hießen. Zu läuten habe ich mich trotzdem nicht getraut.

Meine kleinen Freunde

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Quelle: Airfix.com

Die tränenüberströmte Frau trägt das Meditationskissen vor sich auf ihren ausgestreckten Armen. Mit langsamen Schritten geht sie auf den Mann zu und hält es ihm hin: „Trage du die Last, Vater. Ich habe sie lange genug getragen.“ Der verdatterte Mann nimmt das Kissen und steht hilflos mitten im Raum. Die Frau lächelt befreit. Ich sitze in einer psychotherapeutischen Familienaufstellung. Aus den tiefsten Gründen der Seele entstehten Erzählungen von hilflosen Vätern, kontrollierenden Müttern, kriegsgeschädigten Großvätern, engen Reihenhaushälften und qualvollen Kindheiten. Es geht mir alles sehr nahe, ich halt es kaum aus. Ich kann nicht weg, also hebe ich ab. Meine Messerschmitt steht schon bereit, der Assistent reicht mir den Fallschirm und schon bin ich in der Luft. Leicht und elegant kurve ich mich in den Himmel. Ein Blick über die Tragflächen: Die Erde ist weit weg. Der Himmel ist offen und leer, ich spüre die Kraft des 1000 PS-Motors. Alles um mich herum ist leicht und ruhig. Hier kann mir keiner was.

Bei den alten Flugzeugen fühle ich mich wohl. Das hat ganz früh angefangen. Sonntags nachmittags vor dem Schwarz-Weiß-Fernseher in einem engen Eigenheim. Die öffentlich-rechtlichen Sender waren sich damals nicht zu blöd, statt dem treuen Hund Lassie zur besten Familien-Sendezeit eine Dokumentation über das, was man den „Frankreich-Feldzug“ nannte zu bringen. Ausgiebig wurde auf Nazi-Propaganda-Material zurückgegriffen. Stramme Soldaten im Gegenlicht präsentierten die Gewehre und marschierten in die Rümpfe von Flugzeugen aus denen sie mit dem Fallschirm abspringen sollten. Und ich, der ich mich normalerweise unter dem Beistelltisch verkroch und heulte, wenn bei den Wild-West-Filmen ein Pferd erschossen wurde, schaute fasziniert drein. Wohl auch weil mein Vater den Film zynisch, aber mit einem gewissen Stolz kommentierte. Ja, so sei es gewesen, antwortete er mir, der sonst wenig sagte und der den Krieg als 10-Jähriger von seiner dreckigen Seite, als Vertriebener aus Schliesien erlebt hatte, die deutschen Flugzeuge seien die besten gewesen. Die Heinkels und die Messerschmitts hätten den Tommy gelehrt was eine Harke ist. Ich hätte gern noch mehr erfahren, aber da kam nichts mehr. Und abends um 10 packte meine Mutter ihm wieder die Stullen ein und er war wieder weg – für drei Tage- mit einer Fuhre Lebensmittel aus dem Rheinland für die Senatsreserve von West-Berlin. Er war weg mit seinem Laster – und ließ mir seine Last da.

Und so begann ich allein meine Suche nach den Wundermaschinen und den deutschen Helden. Fündig wurde ich ausgerechnet im Kaufhaus eines Herrn Moses in der Nachbarstadt. Dort gab es die deutschen Flieger, als Plastikbausatz, Maßstab 1:72 zum selber bauen und bemalen. Und die Heldengeschichten gab es in jedem Zeitschriftenladen als Groschenheft. „Der Landser“ hießen die. Das waren Erbauungstraktate für die entmannte Kriegergeneration, über all die vergeblichen Heldentaten, die technischen Wunderleistungen, die verteidigten Festungen. Die Geschichten endeten meist mit dem Tod des Ritterkreuzträgers oder spätestens im April 45. Dass die Deutschen, trotz ihrer Helden und ihrer tollen Waffen besiegt worden waren, wurde nirgends erwähnt.

Ich bastelte Flugzeuge. Auf dem Küchentisch, im Zimmer meines Großvaters oder auf dem gestampften Lehmfußboden des Kellers. Ich wünschte, meine Eltern hätten mir damals etwas anderes gezeigt, mich aus der Welt, die ich so langsam um mich aufbaute, heraus geholt. Aber da kam nichts. Statt auf Urlaubsreisen lernte ich so Europa entlang der Schlachtfelder des 2. Weltkriegs kennen, flog über die Fjorde Norwegens auf der Suche nach allierten Geleitzügen, jagte britische Hurricanes über Südengland und bombardierte Rouen. Der Krieg in den Lüften wurde mein zu Hause. Als ich dann mit 14 zum ersten Mal aus Deutschland raus und mit dem Schüleraustausch nach Frankreich kam, nahm ich nicht etwa ein Bild meiner Familie mit, um es mir auf den Nachttisch zu stellen, sondern eine Heinkel He 111, einen Blitzkriegbomber mit Hakenkreuz und Kriegsbemalung. Meine französischen Gasteltern reagierten sehr diplomatisch, sagten nichts und luden mich dann zu einem Wochendendausflug aufs Land ein. Sie zeigten mir die Ruine ihres Elternhauses, mit dem Hinweis, dass es durch deutsche Bomben zerstört worden sei – Volltreffer.

Ich wurde sehr seltsam und sehr einsam. In unserer Straße gab es noch einen traurigen Jungen, der der gleichen Leidenschaft verfallen war. Ein anderer führte Vernichtungskriege gegen die Ameisen auf seinem Gartenweg. Ich wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Einsame Menschen meiden einander. Und überhaupt: So verrückt wie die war ich doch nun wirklich nicht. Ich merkte es daran, dass ich irgendwann, da hatte ich mich  mich schon zum Gymnasium in einer anderen Stadt durchgeboxt, am Bahnhofskiosk statt des monatlichen Modellbaumagazins mit hochrotem Kopf den Playboy kaufte, den mir  mein Zeitungsverkäufer mit einer Geste väterlichen Wohlwollens überreichte. Und mit den neuen Freunden auf der Oberschule wurde ich Ende der 70er dann in die Friedensbewegung integriert. Eine unserer ersten Aktionen war eine gegen Kriegsspielzeug. Wir sammelten auf dem Marktplatz den Kriegsschrott aus den Kinderzimmern. Ich steuerte meine letzte Messerschmitt Me 262 bei. Ein Düsenjäger, die deutsche Wunderwaffe überhaupt. Ein schweres Opfer.

Wirkliches Fliegen hat mich nie interessiert. In meiner Zivildienstzeit traf ich im Krankenhaus einen alten Mann, der die He 111 geflogen hatte. Ich liebte seine Geschichten. Er war in einem Segelflugverein und lud mich ein. Es war das erste Mal das ich flog und es war eine Enttäuschung. Es war laut, auch ohne Motor rauschte der Wind beängstigend und ich wusste nicht wo Oben und Unten ist. Und überhaupt: Ich bin nicht schwindelfrei.

Manchmal, wenn ich mich ablenken will, streife ich heute noch durch die Spielzeugabteilungen in den Kaufhäusern. Da gibt es die Flugzeug-Bausätze noch, neben den Star-Wars-Raumschiffen und den Figuren, mit denen man sich in die Fantasy-Welt von World of Warcraft hineinbasteln kann. Ich nehme sie dann ein paar Kartons in die Hand, betrachte die Bilder, werde ganz ruhig und lächele wissend in mich hinein. Es ist als wenn ich liebe alte Freunde wiederträfe.

 

 

 

 

Nur geträumt?

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Is nicht wahr, denke ich als in den Schrebergarten komme. Alles ist voll: Die Apfelbäume biegen sich, der Pflaumenbaum wirft mir seine Früchte auf den Weg und Mirabellen gibts in Hülle und Fülle. Weiter hinten reifen Brombeeren, ein paar letzte Erdbeeren und Trauben. Die Tomaten tragen so schwer, dass die Stöcke gebrochen sind. Keiner will sie. Die Besitzer haben den Garten nur zum Chillen. Die Obstbäume haben sie vom Vorpächter übernommen. Jetzt, mitten in der Erntezeit, sind sie für ein paar Wochen in Südfrankreich. Wir sollen aufpassen. Der Anfang von Frau Holle kommt mir in Erinnerung. Ich würd am liebsten die Ärmel aufkrempeln, die Bäume schütteln und loslegen. So wie bei meinem schlesischen Großvater damals. Jeder Apfel wurde angefasst und war für etwas gut. Zum Lagern im Keller, für Kompott oder für die Saftpresse, die er selber gebaut hatte. Das ganze Haus roch ab September süßlich nach Eimachgläsern voller Kompott und herbstlich-modrig nach den Jute-Säcken in denen die schlechtesten Äpfel auf die Mosterei warteten. War die Arbeit vorbei gab es „Riemchenkuchen“: Hefekuchen mit Apfelmus und dünnen Streifen  Teig darüber gelegt.

Brombeeren waren die Leidenschaft meines Vaters. Er kannte die besten Stellen, direkt neben dem Bahndamm oder in den Kiesgruben. Beerensammeln war Wochenendverpflichtung. Der Vater zog eine alte Jacke an, packte sich Frau und  Kinder ins Auto  und warf sich in die Dornenhecken. Durch die Schneisen, die er schlug, folgte seine Familie und hatte bald die Eimer voll. Brombeersaft in Mineralwasserflaschen (herrlich zu Vanillepudding), Brombeergelee, Bromberschnaps und Rumtopf füllten die Regale im Keller. Sie gesellten sich zu einelegen Kürbissen süß-sauer, Schnippelbohnen und Steinguttöpfen mit Sauerkraut. Mein Vater und Großvater waren Bauern gewesen. Da war Vorräte einkellern selbstverständlich. Und sie waren Heimatvertriebene, die Angst hatten, dass „der Russe“ wieder kommt. Das Bevorraten  wurde zur staatlich geförderten Angsbewältigung im kalten Krieg. Als meine Großeltern starben, hinterließen sie einen gut bestellten, großen Garten und Regalbretter mit Eingemachtem, von dem keiner mehr wusste, wie lange es da schon stand.

Wir verlassen den Schrebergarten mit einer Tüte Äpfel,  ein paar Tomaten und drei Kindern die ganz erstaunt sind, dass man auch Obst vom Baum essen kann. Ein Sack voll Fallobst kommt in den Fahrradanhänger. Zu Hause schmeissen wir es in die Bio-Tonne. Wann sollen wir denn damit was anfangen? Wir haben doch eh so wenig Zeit. Sollen wir uns etwa für ein Glas Apfelmus die Abende um die Ohren schlagen?

Im Radio läuft am Abend die Nachricht, dass der Innenminister -zum ersten Mal seit 30 Jahren-  den Bürgern empfiehlt wieder Vorräte für fünf Tage anzulegen. Zuerst kann ich es gar nicht glauben, dass es diese Nachricht wirklich gegeben hat. Als mich Google überzeugt hat, dass er diese Empfehlung wirklich am Mittwoch ausgeben wird, ist mir klar: Damit sind  die dreißig Jahre Sorglosigkeit seit dem Mauerfall vorbei.

Vielleicht sollten wir uns einen Schrebergarten zulegen.