Im Staate Dänemark

Alles ist gut. Die Sonne scheint, eine steife Briese weht über das Achterdeck, vermischt mit leichten grauen Schleiern, die nach verbranntem Diesel riechen. Über mir dreht sich ein aufrechter Stahlzylinder, den ich zuerst für den Schiffsschornstein gehalten hatte. Es ist aber ein Rotor. Er unterstützt die Fähre von Gedsder nach Rostock mit Windenergie, das spart immerhin fünf Prozent fossilen Kraftstoff. Es geht voran. Im Bauch des Schiffes wartet ein leuchtend grüner FlixBus, der mich ohne Probleme von Kopenhagen hierher gebracht hat. Und wenn ich Glück habe und alles wie geplant läuft, erreiche ich mit ihm auch heute noch Berlin.

Natürlich habe ich Glück, schon die ganzen 14 Tage, die ich mit meinen Jungs in Dänemark verbracht habe. Die Jugendherberge, das „vandrerhjem“ war eine Insel der Sorglosigkeit. Alles war da für uns in der prächtigen, ehemaligen Arbeiterhochschule in Esbjerg. Alles war durchdacht, solide und liebevoll ausgestattet. Wir hatten das Haus, den Garten und die Küche fast für uns alleine (und nur wenn niemand drin war, trauten sich die Jungs, dort etwas zu machen). Morgens konnten wir uns am Frühstücksbuffet frische Waffeln backen und am Wochenende gab es im Versammlungsraum zwei Beerdigungsfeiern. Als wir fragten, ob wir uns deswegen besonders ruhig und pietätvoll verhalten sollten, wurden wir freundlich belächelt. Nein, das sei in Dänemark eher eine gesellige Veranstaltung. Schön wenn man was vom Leben (und Sterben) im Gastland mitbekommt. Und drei Mal (in Zahlen 3 x) gelang es mir, meine Söhne tatsächlich zu einer Wanderung zu bewegen. Obwohl man streiten kann, ob eine halbe Stunde durch die Dünen zu dem Fischereimuseum als Wanderung durchgehen dürfen. Aber die Stelle mit dem Strand, der monumentalen Skulptur, der Frittenbude und dem Blick auf den Hafen war so schön, dass sie von den Einheimischen sogar für Hochzeitsfotos genutzt wird (Das im Hintergrund sind keine Fabrikschornsteine, sondern Türme für Windkraftanlagen). Für dem Rückweg wählten meine Söhne lieber den Weg direkt an der Autostraße, weil der kürzer war und nahe dem Netto-Supermarkt endete, wo sie sich mit billiger Fanta und Chips für die abendlichen Fußball-WM-Spiele eindeckten. Sie nannten das „Aktiv-Urlaub“.

Aber auch im perfekten Dänemark braucht das Glück mal eine Pause. Und das ist auch gut so, denn sonst würde man es ja nicht zu schätzen wissen. Das Grausame daran ist nur, dass man nicht vorbereitet ist auf den Absturz aus den elysischen Höhen in die menschlichen Niederungen. Im mehr als unperfekten Deutschland schaue ich drei Mal vorher nach, ob ein Zug, den ich nehmen will, denn auch wirklich kommt. In Dänemark vertraute ich darauf, dass alles klappt. Und nur eine ganz kleine gelbe Fußnote auf der Bahnhofsanzeige (auf Dänisch) hätte mich stutzig machen können, als wir mit Koffern und Rucksäcken bepackt in dem ruhigen und menschenleeren Bahnhof von Esbjerg auf den Zug nach Kopenhagen warteten. Den zweiten Teil der Ferien wollten wir zusammen mit dem Rest der Familie in einem Ferienhaus am Roskilde-Fjord verbringen. Irgendwann fiel mir auf, dass unsere Verbindung nicht mehr angezeigt wurde. Und die gelbe Fußnote war nun auch auf Englisch: „Replacement Bus“; auf Deutsch: „Schienenersatzverkehr“ ab Fredericia stand da. Wie ich dieses Wort hasse. Zwischen lesen und verstehen dauerte es eine Weile. Und was es wirklich bedeutete, merkte ich erst, als wir mit hunderten schwer bepackten Reisenden und quengelnden Kindern in der dunklen Bahnhofsunterführung in Fredericia landeten. Unser Zug war nicht der erste, der seine Fracht in den Schlund der Verzweiflung entladen hatte. Und nirgendwo ein Zeichen, wie es weiter gehen sollte. Nach einer halben Stunde waren wir im Freien angelangt und sahen die ganze Länge der Schlange, die sich über einen Parkplatz wand. Aber immerhin: Es ging vorwärts. Eine einzige platingraue Mitarbeiterin der Dänischen Staatsbahn und ein paar Meter Flatterband reichten, um die Massen und ihr Gepäck diszipliniert auf die Busse der Viking-Line zu verteilen. Nach einer Stunde saß ich mit meinen Jungs, die das noch als Abenteuer betrachteten, im Bus. Niemand hatte bis dahin ein Wort gesprochen. Nicht in der Warteschlange und nicht unter den Reisenden. Anscheinend gab es einen unausgesprochenen Code, wie so etwas zu funktionieren hatte.

Schön, dachte ich, den Anschluss in Kopenhagen werden wir verpassen, aber dann nehmen wir halt den nächsten. Alles kein Problem. Und der Bus rollte ruhig und klimatisiert über die Meerenge. Da klärte uns ein Mitreisender auf, dass die Reise nur bis Odense gehe und dass danach noch mal gewechselt werden müsse von Bus zu Zug und von Zug zu Bus. Und dann wieder Zug. Er lächelte amüsiert. So sei das nun mal.

Die Eisenbahnbrücke über den Bahnhof von Odense ist, wie alles in Dänemark, ein Meisterwerk des modernen Designs. Aber wenn man zwei Kinder und drei Koffer die Stufen hoch bringen muss, sieht man sie mit anderen Augen. Der Zug, der uns am Bahnsteig erwartete, war einer der typischen dänischen Züge mit Gummipuffer vorne und hinten. Aber er war alt. Die Farbe blätterte ab, und nur ein Tür öffnete sich. So dauerte es lange mit dem Aus- und Einsteigen. Mein Sohn nahm es sportlich, drängelte sich vor und ergatterte uns Sitzplätze Wir mit den Koffern hinterher. Weil die Klimaanlage nicht funktionierte, kamen wir schon durchgeschwitzt in der nächsten Endstation an. Was dort geschah, wollte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht erleben. Nichts war klar, niemand war da, der etwas regelte. Mal hieß es, ein Zug kommt, und dann hieß es: Alles in die Busse! 3-4 mal wechselten wir mit Gepäck über die alte Bahnhofsüberführung zum Busbahnhof und zurück aber es kam immer nur vereinzelt ein Bus, der sofort belagert wurde. Keiner regelte irgendetwas und bevor unsere Koffer im Gepäckraum des Busses verstaut waren, hatten sich Schnellere ohne Gepäck schon die Sitze im Bus geschnappt. Wir mussten also die Koffer wieder aus dem Gepäckraum holen. 3-4 mal, und die Jungs, die schon ohne zu fragen in den Bus gerutscht waren, wieder raus aus dem Bus holen. All das ging ohne Panik, weil die Wartenden zwar ungehalten, aber gefasst waren. Man sprach immer noch wenig. Eine Frau erklärte uns, dass wohl ein Unwetter am Wochenende die Bauarbeiten an der Hauptstrecke verzögert hätte.

Zeit für das Notfallszenario, dass ich mir für solche Fälle zurecht gelegt hatte. Nicht verzweifeln! Ein Taxi und ein Hotel suchen und am nächsten Tag weiterfahren. Aber es gab keine Taxis und wenn, dann waren sie vorbestellt. Es gab nur Uber, und die kann man nur über eine App bestellen, die auf meinem Handy nicht bei installierbar war. Da stand ich nun handlungsunfähig mit zwei aufgeregten und aktionistischen Jungs.

Und dann löste sich die Sache von selbst. Wir gaben die Taxi-Idee auf und gingen zurück zum Busbahnhof. Dort waren es noch mehr Wartende geworden, denn alle halbe Stunde spuckte ein neuer Zug Reisende nach Kopenhagen aus, die sich um die wenigen Busse drängten. Aber dann fand mich mein Glück wieder, das mich den ganzen Tag verlassen hatte. Da stand ein Linienbus, der nach Ringstedt fuhr, genau dahin, von wo der nächste Zug nach Kopenhagen weiter fahren sollte. Die Tür war offen und wir gingen einfach hinein. (Ich will dir nicht schon wieder das Kafka-Zitat bemühen, aber der Bus stand dort schon vor einer Stunde und ich hätte einfach nur durch die offene Tür gehen müssen.) Der Bus war voll, und wir mussten stehen, aber nach einer schwitzigen Fahrt über die dänischen Dörfer kamen wir in der Dunkelheit in Ringstedt an. Und diesmal war es der unwahrscheinlichste aller Freunde, der uns rettete: die Deutsche Bahn. Denn während die Webseite der dänischen Bahn zusammengebrochen war, zeigte uns die Bahn App, dass wir sogar noch den einen Zug bis zu unserem Ferienort erreichen würden. Mit einem Vorortzug fuhren wir von Kopenhagen nachts um 11 Uhr in das dunkle Nirgendwo der dänischen Provinz. Ich klingelte die Mutter meiner Söhne aus dem Bett, und sie stimmte widerwillig zu, uns noch nach Mitternacht vom Bahnhof in abzuholen. Bis zum letzten Moment blieb ich angespannt, denn wir mussten noch einmal den Zug wechseln, bevor wir auf dem idyllischen Bahnhof von Olsted endlich den Zug verlassen konnten.

Zurück bin ich eine Woche später alleine gereist. Mit dem Bus. Auch nach einer ruhigen Woche unter einem dänischen Ferienhausdach: Eine weitere Bahnreise hätten meine Nerven nicht überstanden.

Nebel der Verfluchten

Der Rhein verdampft. In den dichten Nebelschwaden die aus seinem trockenen Flussbett aufsteigen fliegen die Wassergeister, die Rheintöchter und Walküren in den kalten Rauhnächten unerkannt über Tal und Wiesen und schaffen Wirrnis und Wahnsinn unter den Menschen und ihren Gehilfen. Die Zeit versinkt, die Uhren laufen rückwärts und weh dem Reisenden, der sich ohne Schutz auf den Weg in den Osten nach Westfalen wagt. „Warum heißt das eigentlich Ostwestfalen? Das gibt doch keinen Sinn.“, weiß mir die wirkliche weise Rheintochter, die mir auf dem Weg nach Hamm beisteht. Ach Tochter, wenn doch dieses verfluchtes Land nur diese Wirrnis der Worte seit Generationen erdulden müsste. Sag mir lieber, wo der Zug geblieben ist, den wir in Hamm zu erhaschen geglaubt hatten. Hat ihn der Nebel verschluckt, haben böse Geister ihn von den Gleisen geraubt? Oder irrt er, voll mit verlorenen Seelen auf ewig durch ein dunkles Reich im Jenseits, fern aller Fahrpläne, gestrandet und dazu verdammt, niemals wieder in die Wirklichkeit zurück zu kehren? Welcher Verkehrsminister muss zur Buße seiner Frevel auf ewig im Steuerstand dieses verfluchten ICE stehen und welcher Bahnchef muss als Strafe für seine Hoffahrt in diesem Geisterzug auf immer die verstopfte Toilette putzen?

„Einen ICE um 14 Uhr 11 von Hamm nach Berlin hat es nie gegeben.“, höhnt der Mann mit der Schirmmütze hinter der Panzerglasscheibe der Bahnhofsinformation. Aber hier steht es doch, in meinem Telefon, will ich sagen, will ihm die Nachricht, die uns auf den falschen Weg geleitet hat vor sein amtliches Gesicht halten. „Ja“, hallt es aus der Amtsstube, „ein altes iPhone. Da werden die Züge seit Wochen eine Stunde früher angezeigt. Das ist bekannt.“

Damit wir es selber lesen können, hebt er uns sein Amtstelefon an die Scheibe. Natürlich, es ist meine Schuld. Warum weiß ich nicht, was der Amtsperson wohlbekannt ist? Warum habe ich ein altes Telefon und auch noch von der falschen Marke? Nicht böser Geister Willkür hat mich und meine Tochter vom rechten Weg abgebracht, sondern fehlende Wachsamkeit meinerseits. Tief beschämt nehmen wir eine Stunde später unsere Plätze in dem Zug ein, den die Bahn für uns bestimmt hat. Wie konnten wir uns so in die Irre führen lassen? Da kommt hinter Hannover die Durchsage: „Leider haben wir derzeit 15 Minuten Verspätung. Die Verspätung wird sich bis Berlin leider noch erhöhen. Grund dafür ist ein vorausfahrender Zug auf der Strecke.“ Da ist er! Der Geisterzug. Es gibt ihn doch. Und er wird immer auftauchen, wenn die Bahn eine Ausrede für ihre Verspätungen braucht. Also noch sehr, sehr lange. Bis in alle Ewigkeit. Ein Erlöser ist nicht in Sicht. Ich schaue durch das Zugfenster. Dunkelheit hat den Nebel verschluckt. Aber sehe ich nicht vor uns die schwachen roten Rücklichter eines vorausfahrenden Zuges? Und höre ich nicht leise das Wehgeschrei der Verdammten in seinen Abteilen? Nein, es ist der Schaffner in blutroter Livree, der uns Gummibärchen anbietet, um uns trotz Verspätung bei Laune zu halten. Sind wir wirklich im richtigen Zug? Und wird unsere Fahrt je enden?

Dornröschen und der böse Lindemann

Wir fahren tapfer mit dem Rad von Leipzig nach Berlin. Durch Sachsen und Brandenburg. Es gibt viel Schönes zu sehen und viel Trauriges.

Und natürlich blühende Landschaften!

Als wir Wandervögel die blaue Blume gefunden haben, finden wir auch das Ende des Regenbogens.

Das Trostlose dieser Welt verschwindet. Und am Ende des Regenbogens steht das Haus am See.

Wir lassen uns hineinziehen in den zugewucherten Park und stehen bald vor einem echten Traumschloss.

Da kommt schon der Wächter des Schlosses (mit Ölkanne und Akkuschrauber). Er hat seinen Kafka nicht gelesen und weiß nicht, dass er uns abweisen muss. Er öffnet uns die Tür…

Das Schloss schläft seit dreißig Jahren.

Viele Stunden sind wir im Banne des Kastellans. Unglaubliches erzählt er in seiner unglaublichen Sprache. Über viele hundert Jahre spannt er den Bogen. Vom starken August bis zum magischen Investor, der hier alles bestimmt. Bis er uns endlich von dem Geist erzählt, der in diesen Mauern haust. Es ist ein Geist aus der Zeit des gottlosen Sozialismus. Es ist der Geist von Werner Lindemann, der vor sechzig Jahren, als sich das Haus „Kulturhaus“ nannte, der Herr des Schlosses war.

Und nur sein böser Sohn Till, ein berühmter Geisterbeschwörer, kann das Schloss von seinem Fluch befreien und es zu neuem Leben erwecken. Aber wo ist das Dornröschen, das er wach küssen könnte?

Dornröschen ist abgehauen. Wir sehen sie an der nächsten Bahnstation. Sie hat den bösen Till schon getroffen. Geküsst hat sie ihn dabei hoffentlich nicht…

Die Herrlichkeit des Lebens

Die Tiefgarage ist ein langer Schlauch. Das Ende kann ich nicht sehen, denn ich habe keine Brille dabei. Mir ist kalt, ich habe nur einen Bademantel an und an meinen Beinen klebt eine nasse Sporthose. An der Hose hängt ein dicker, schwarzer Plastikknopf, der eigentlich entfernt wird, wenn man an der Kasse bezahlt. Ich habe Hose nicht gestohlen. Trotzdem werde ich den Knopf nicht los. Die Frau neben mir sagt: „Ich war noch nie in einem Bademantel in einer Tiefgarage.“ Was tun wir hier? Keines der Autos gehört uns. Kinder spielen in den Parklücken. Es sind nicht unsere Kinder. Als wir die schwere Brandschutztür öffnen, riechen wir den Rauch des Feuers. Vom Strand her klingen die Trommeln. Es ist die Osternacht und es ist kein Traum.

Als Franz Kafka vor hundert Jahren an die Ostsee reiste, kämpfte er mit seiner Tuberkulose und fand seine letzte Liebe, Dora Diamant. Das alles ist wunderbar erzählt und anrührend verfilmt gerade in die Kinos gekommen.

Als ich hundert Jahre später an die Ostsee reise, habe ich meine Badehose vergessen. Das ist kein Schicksalsschlag und keine Tragödie, aber es führt zu filmreifen Szenen. Wenn man ein Wochenende in einem Hotel mit Schwimmbad und warmem Solebecken verbringen will, sollte man angemessene Badekleidung tragen. Das ist heute nicht anders als zu Kafkas Zeiten, glaube ich. „Soll ich mitkommen?“, fragt die Mutter meiner Söhne, als ich ihr gestehe, dass ich den ersten Urlaubstag nicht mit ihr im warmen Wasser sondern im Gewerbegebiet unseres Badeortes verbringen muss. Das weise ich als erwachsener Mann natürlich zurück. Ins Kaufhaus Stolz (heißt wirklich so) muss ich alleine gehen. Anscheinend bin ich dort nicht der einzige Badehosenvergesser, denn die Ständer mit Bademoden für den Herrn sind gut sortiert. Gleich finde ich ein himmelblaues Modell in Größe L, das gut zu meiner Augenfarbe passt. Ich lege die Hose ganz unten in meine Tasche, um sie am Abend als Überraschung auszupacken. Wir lassen uns durch den Tag treiben und kommen mit dem kostenlosen Bäderbus und viel Glück überall hin. Kafka soll, wenn man dem Film glauben will, mit dem Motorrad und seiner Liebe auf dem Sozius an der Küste entlang geknattert sein, aber die Zeiten sind bei uns vorbei. Ich muss mit anderen Qualitäten beeindrucken: Es kommt der Abend und mit ihm mein großer Auftritt. Für den Besuch im Solebad streife ich mir mit großer Geste die neue Hose über die schlanken Lenden. Doch gefühlt ist das Ergebnis nicht ganz so berauschend wie gehofft. Um ehrlich zu sein: Es spannt an mehreren Stellen erheblich. Das kann nicht an meinem Körper liegen, den ich gerade durch eine Haferflocken-Diät auf Idealmaß gebracht habe. „Du hast eine italienische L gekauft, deutsch ist das Größe 152, das ist was deine Söhne brauchen…“ Der milde Spott meiner Begleiterin treibt mich in die Dunkelheit, zu Fuß durch öde Plattenbausiedlungen, vorbei an schäbigen Sammelgaragen zurück zum Stolz, denn der hat nur noch eine halbe Stunde auf. Ich verlasse den Laden mit einem dunklen, geräumig geschnitten Modell mit drei Streifen an der Seite, mit dem ich als Sportplatzplatzwart eine gut Figur machen würde. Im Solebad schwebend fasse ich an meine Seite und spüre etwas Hartes. Dort ist noch die Diebstahlsicherung. Die Verkäuferin muss sie in der Hektik kurz vor Ladenschluss vergessen haben. „Mama take this Badge from me. I can’t bear it anymore.” Das ist nicht Kafka sondern „Knockin on heaven’s door”. Am Ostersonntagmorgen suchen meine Jungs bei ihren Großeltern Ostereier, Jesus steht von den Toten auf. Ich laufe noch einmal durch die sozialistische Einöde der Vorstadt um mich von dem Kainsmal befreien zu lassen und sehe keinen brennenden sondern einen blühenden Busch. Am Nachmittag, im Solebad, baden mehrere junge Frauen nackt. Sie nehmen sich ihr Recht.

Wenn’s schnell gehen muss

Eigentlich geht’s mir gerade so lala. Heute morgen habe ich mich noch gefragt, wie ich die fünf Jahre schaffen soll, bis ich meine Rente kriege. Und dass das Durcheinander auch dann kein Ende hat, weil meine Rotznasen dann erst 13 und 16 sind und ich auch in der Rente immer noch keine Ruhe habe. Dann bin ich mit meinem Jüngsten ins Strandbad Plötzensee gefahren. Wetter war schön, Wasser war kalt, die Stullen haben geschmeckt. Sonnenbrand haben wir auch gekriegt und ein Eis. Na dann ging’s mal wieder ein Weilchen.
Nur zum Bloggen komme ich nicht mehr. Man muss sich ja dafür manchmal recht viele Gedanken machen. Und das mache ich mir ja sowieso die ganze Zeit. „Heute mache ich mir keine Gedanken, heute mache ich mir ein Brot.“ soll der Kabarettist Wolfgang Neuss mal gedichtet haben. Recht hat er. Sollen doch andere die Arbeit erledigen. Die Künstliche Intelligenz soll da doch da ganz gut sein. Also Chat GPT angeworfen und mal so aus Daffke „Spaziergang durch den Wedding im Stil von Franz Kafka“ eingegeben. Kafka war zwar mal in Berlin. Aber sicher nicht im Arbeiterbezirk Wedding. Vor dem ersten Weltkrieg kam er ein paar mal Felice Bauer, seine Verlobte aus gutem Hause, besuchen und 1923 kam er noch mal für länger nach Steglitz, aber da ging’s ihm schon so schlecht, dass er nicht mehr spazieren ging. Also muss sich die KI da was zusammenreimen.

Und das tut sie auch. „Der Spaziergänger könnte sich zwischen endlosen Mauern verlaufen, ohne einen Ausweg zu finden.“ Etwa so? “Der leichte Nieselregen schluckt das funzlige Licht der wenigen Straßenlaternen. Die Fenster der Häuser sind finstre Löcher. Es ist eine der Straßen, in die Männer nicht alleine gehen sollten. Das sagt einem schon das Gefühl. Und mein Gefühl ist nicht gut, als ich in die schäbige Gasse neben der alten Fabrik einbiege. Kein Mensch unterwegs, die wenigen Autos jagen schnell vorbei. Ich überlege kurz, ob das eine der Gegenden ist, vor denen die Polizei warnt. Eine der Gegenden im Wedding, die man nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten soll. Ach was, lache ich in mich hinein, und wische mir den Regen und den Schweiß von der Stirn…“ Weiter rät mir der Algorithmus “… und plötzlich von seltsamen Gestalten verfolgt werden, die aus dem Nichts auftauchen.“ Etwa so? „Ein wild gestikulierender Mann kommt uns entgegen. „Ist doch alles total Scheiße hier.“, schreit er um sich, wissend, dass keiner seine Wut hört. „Alles total runtergekommen, auch du, du Arschloch.“ Er schaut mich dabei nicht an und trampelt weiter. Die Straßen bleiben leer.“ Hm, kommt mir bekannt vor. „Es könnte auch Momente geben, in denen die Umgebung ihre Gestalt verändert, und man sich in einer völlig fremden Landschaft wiederfindet.“ Also so? „Wir verlassen den Bahnhof, aber kehren wie von einem Zwang geleitet wieder zurück – um Fahrkarten zu kaufen. Der Automat spuckt die Karten in die Stille, die nichts Bedrohliches hat. Die Sonne scheint golden. Es gibt keine Zeit. Dann ist Nacht. Ich steige aus dem Auto, greife meinen Rucksack, greife mir meine Zwillinge, und gehe in meine Wohnung. Doch in der Wohnung hat sich der Rucksack verwandelt. Es ist jetzt der Rucksack der Mutter der Jungs. Ich telefoniere, will sie zurückholen. Aber ihr Handy klingelt in meinem Flur. Dann wieder Sonne, eine vierspurige Ausfallstraße im Osten Berlins.“
Die aufmerksame Leserin und der aufmerksame Leser wird es längst gemerkt haben: Die Beispiele sind keine Vorschläge der KI, sondern Texte von „Kafkaontheroad“. Habe ich also seit Jahren Texte geschrieben, die der Anweisung eines Computerprogramms entsprechen, das ich nur noch nicht kannte? Wusste da in den USA jemand schon lange, dass ich irgendwann auf die Idee kommen werde, kafkaeske Geschichten aus Berlin zu erzählen? Und ich habe nur erfüllt, was eine unbekannte Macht schon lange für mich vorherbestimmt hatte? Kafka hätte die Idee gefallen. Mir nicht!

KI geht nämlich auch andersrum: Da die KI nichts Neues erfinden kann, bedient sie sich aus den Inhalten im Netz. Und da es dort zu Kafka und Berlin-Wedding nichts zu finden gibt, sucht sie einfach weiter und stößt auf „Kafkaontheroad“ der in Berlin-Wedding lebt. Dumm wie sie ist, nimmt sie das als Texte des Meisters. Meine Texte haben also beeinflusst, was Chat GPT künftig zu Kafka und Berlin ausspucken wird. Chat GPT hat bei mir abgeschrieben, und nicht umgekehrt.
Das ist doch ein beruhigendes Gefühl, den Inhalt vieler Schüleraufsätze zu Kafka beeinflusst zu haben. Also, liebe Deutschlehrerinnen und Lehrer: Wenn euch die fleißigen Lernenden erzählen, dass Kafka im Wedding um die Häuser gezogen ist: Das ist Fake. Das ist abgeschrieben. Und ich pflege jetzt meinen Sonnenbrand und überlege mir, womit ich die KI als nächstes hinters Licht führe. Hatte Kafka nicht ein Motorrad? Ja hatte er. Und er hatte auch viel Spaß damit. Aber welche Marke? Solche Suchanfragen landen manchmal bei mir. Ich werde die Welt davon überzeugen, dass es so was wie meine Moto-Guzzi war, obwohl es die zu Kafkas Zeiten noch nicht gab. Und bald wird ein völlig unbekanntes Kafka-Manuskript auftauchen: „Aus KI und Wahnsinn“. Ich werde es im Strandbad schreiben. Zwischen Kindergeschrei, Pommes und Sonnenöl. Ihr werdet von mir lesen.

Das muss jetzt

Plötzlich geht vieles, was lange nicht möglich war. Oder aufgeschoben. Oder unentschieden. Mein billiges Handy zum Beispiel. Es schwächelt schon eine Weile. Aber ich hab mich nicht dazu aufraffen können, es endlich aufzugeben. Dabei habe ich ein solides Nokia in der Schublade. Ich wollte mich halt nicht mit was Neuem, Anstrengendem beschäftigen. Aber gestern dachte ich: Du kannst doch nicht mit einem wackligen Handy rumlaufen, jetzt, in Zeiten von Corona. Du musst erreichbar sein. Du musst wissen was los ist. Also hingesetzt, Betriebsanleitung gelesen, rumgetippt, Hotline angerufen und jetzt läuft’s. So kenn ich mich gar nicht.
Oder die Sache mit dem neuen Perso. Hatte ein Schreiben bekommen. Könnte den jetzt abholen kommen. In Schöneweide, nur 20 Kilometer quer durch die Stadt. Nehme mir einen halben Tag frei, gehe durch die Tür vom Bezirksamt und da ist auf einmal ein Absperrband. Dahinter ein blondes Mädchen, so ne Azubi wahrscheinlich. Fragt mich, was ich will. Meinen Perso will ich abholen, sag ich. Geht nicht, sagt sie, neue Anweisung von heute, geht nur noch mit Termin. Oder brauchen sie den dringend, für die Bank, oder so? Ja, sag ich, ich brauch den dringend, für die Bank und so. Das glaub ich ihnen jetzt nicht, sagt sie, das ham sie jetzt von mir. Na, sag ich, dann brauch ich ihn eben für die Post, um Päckchen abzuholen. Sie müssen doch nur ins Regal hinter sich greifen. Nein, geht nicht, sagt sie und nestelt ein paar fliederfarbene Latexhandschuhe über ihre Finger, sie könnten sich infizieren. Wo könnte ich mich infiziern? frag ich. Wenn sie ihre Unterschriften leisten, da müssen sie unseren Stift benutzen, sagt sie ins Blaue hinein. Wo lernen die, sich so Sachen auszudenken? Die Jungen sind schlimmer als die Alten, denk ich mir, die wissen noch nicht welche Macht sie haben, kennen noch nicht das menschliche Maß. Und an Kafka denke ich, der sich so eine Situation hätte ausdenken können. Aber da bin ich schon wieder aus der Tür. Geht aber nicht ohne Perso. Nicht in Zeiten von Corona. Nicht wenn Ausgangssperre und Polizeikontrollen drohen, Massenunruhen und Straßenkämpfe, Lebensmittel auf Bezugschein und hungrige Kinder mit großen Augen. Ich brauche einen Perso. Ich denk an die Großmutter, die aus Vorpommern flüchten musste und als alte Preußin das Wichtigste mitnahm, was sie hatte: Ihre Kinder und ihre Papiere. Und die Papiere, das war tatsächlich das erste, wonach sie die Beamten fragten, als sie mit drei Kindern in Berlin strandete und um Hilfe bat. Geht also nicht, nicht in Preußen. Ich brauche ein Dokument, das beweist, dass ich existiere. Ich versuche Zeit zu gewinnen. Es ist Mittag, und nach der Mittagspause, so hoffe ich, wechselt das Personal. Gehe mir also selber einen Döner essen, krieg noch einen Tee auf’s Haus und eine halbe Stunde später geh ich wieder durch die schwereichene Amtstür. Ich wundere mich, über mich selber, über meine Beharrlichkeit. Und über die Verschlagenheit, die in mir aufkommt. Ich werd einfach lügen. Ich werd sagen, dass ich Krankenpfleger bin (was stimmt, auch wenn es dreißig Jahre her ist) und dass ich dringend gebraucht werde (was nicht stimmt, im Gegenteil) Und wenn das alles nicht hilft komme ich mit meinen vier Kindern. Dazu bin ich entschlossen.
Die Blonde hat ihre Absperrung hinter sich gelassen und ist jetzt als Abfangjäger in der Halle unterwegs. Sie waren doch schon mal hier, stellt sie fest. Hat sich etwas an den Umständen geändert seit eben? Ich brauche meinen Personalausweis, sag ich stumpf. Warscheinlich habe ich dabei so grimmig geschaut, wie auf meinem Passbild. Da muss sie erstmal nachfragen gehen. Hinter dem Schalter sitzt jetzt eine Dunkelhaarige, keine Preußin. Die Blonde tuschelt mit ihr und die Dunkle winkt mich heran. Sie entschuldigt sich, nicht für die Warteschleife, sondern dafür, dass sie mir keinen Platz anbieten kann. Denn aus den Stühlen im Wartezimmer haben sie ihre Absperrung gebaut. Zwei Unterschriften auf ein schwarzes Schreibpad und ich bin für 10 Jahre wieder ein Mensch, rein amtlich. Aber innerlich, innerlich merke ich, dass ich auf Überlebenskampf eingestellt bin.

Schlüsselerlebnis

Gestern bin ich über mich selbst hinausgewachsen. In meiner Montagnachmittags-Lieblingsbäckerei. Hab ein bisschen die Welt gerettet und  freu mich heute noch drüber!

Bevor ich hereinkam sah ich auf einem der Tische vor der Bäckerei einen Schlüsselbund liegen. Brav nahm ich ihn mit in den Laden, um ihn der Verkäuferin zu übergeben, damit sie ihn für den unglücklichen Besitzer aufbewahrt, bis dieser, kurz vor Ladenschluss in die Bäckerei hastet und die atemlose Frage nach dem Schlüssel stellt. Kurz stellte ich mir sein glückliches Gesicht vor, wenn er seinen ersehnten Bund dann, mit einem milden Lächeln des Verständnisses von der wohlmeinenden Verkäuferin, überreicht bekommen würde.

Solch beglückende Szene stellte ich mir also vor, als ich den Schlüssel über den Thresen reichte. Doch satt dessen sagte das dünne Stimmchen hinter den Brötchen und dem Kuchen: „Legen Sie den Schlüssel bitte da hin, wo sie ihn her haben.“ Verdutzt fragte ich nach dem Wieso. „Ich habe meine Anweisungen, der Schlüssel hat draußen liegen zu bleiben,“ antworte das schmächtige Weiblein in bestem Amtsdeutsch. „Oh, sagte der Kafka in mir, „es gibt Anweisung von unbekannter höherer Stelle. Diese sind sofort zu befolgen.“ Sprachs und trollte mich nach draußen, um den Schlüssel wieder seinem Schicksal zu überlassen. Was folgte war ein absurdes Theater in fünf Akten. Während ich bei Kaffee und Puddingstreusel die Schlüssel im Blick behielt, kamen nacheinander zwei Männer, ein Kind und zwei Frauen rein und versuchten den Schlüssel zu übergeben. Alle erhielten den gleichen absurden Befehl- und all die guten Menschen legten den Schlüssel brav wieder zurück! Wir brauchen in Berlin keinen Hauptmann von Köpenick mehr, keine Offiziersuniform. Befehle werden immer noch befolgt. Um hier eine Autorität zu sein, reicht eine Bäckerschürze.

Mir wurde klar, ich muss etwas unternehmen, damit dieser Wahnsinn aufhört. Sanft fragte ich die Verkäuferin, seit wann den der Schlüssel da liege, und welche Stelle denn die strikte Anweisung gegeben habe? „Meine Kollegin hat mir das heute morgen gesagt, antwortete sie verdruckst. „Und seitdem habe ich bestimmt schon zwanzig Leute wieder rausgeschickt. Ich glaube ich träum heute Nacht von dem Schlüssel.“ Das ganze Elend der geschundenen Kreatur lag in diesen wenigen Sätzen. Tapfer hatte sie den Befehl ausgeführt, die Stellung gehalten, doch jetzt war sie am Ende ihrer Kräfte. Ich wusste, dass ich jetzt zur Autorität werden und sie an die Hand nehmen musste. Wortlos ging ich nach draußen, nahm den Schlüssel und reichte ihn ihr über den Thresen. „Jetzt nehmen sie den mal an sich, sagte ich bestimmt, „sie dürfen das!“ Ihr Gesicht hellte sich auf. „Ich kann ihn ja hier neben die Kasse legen, damit ich ihn zur Hand habe, wenn jemand fragt.“ „Genau, sagte ich.“Und wenn ihn bis Ladenschluss keiner geholt hat, gehen sie vorne zur Polizei und geben ihn dort ab. Davon merkt Ihre Kollegin gar nichts.“ „Oder ich frage meinen Mann, der ist ja Polizist und kann mir sagen, was ich tun soll“, ergänzte sie eifrig. „Genau so machen sie das“, sagte ich erleichtert, verabschiedete mich und ging meiner Wege. Es ist gut, wenn es in diesem Land noch Menschen gibt, die Verantwortung übernehmen.

Ist denn hier ein Schloss?

Fünfhundert Seiten Kafka im Februar. Da sollte ich mir gut überlegen, ob ich das nervlich aushalten kann. Aber reizen tät michs schon…

Avatar von Fabian ThomasThe Daily Frown

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Im Stroemfeld Verlag entsteht in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Institut für Textkritik seit 1995 die historisch-kritische Franz Kafka Ausgabe. Als neuester Supplement-Band ist nun Das Schloss in einer hochwertigen Faksimile-Ausgabe erschienen. So soll ein unverstellter Blick auf die frühe Editionsgeschichte von Kafkas Werk ermöglicht werden.

Im Vergleich zum Prozess, der im edlen Leinen, mit gelbem Oberschnitt und Schutzumschlag einer Luxus-Variante des Romans am nächsten kommt (zumal wenn das Kleingeld für eine Erstausgabe fehlen sollte), erweckt das unscheinbare, graue Softcover der Schloss-Aufmachung auf den ersten Blick den Eindruck einer Studienausgabe. Tatsächlich handelt es sich aber um die genaue Reproduktion zwar nicht der ersten gebundenen, so doch der dritten, auch damals als einfache Broschur erschienenen Ausgabe noch aus dem Jahr nach der Ersterscheinung, also 1927. Ein Grund für die Entscheidung des Verlags für diesen Weg mag die besonder Bewandtnis sein, die es mit der Vorlage für die Herstellung des…

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Kafka und die Kinder

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Dass man seine Texte nicht richtig verstehen wird, hat Franz immer geahnt. Auch die Willkür der Obrigkeit war für ihn eine ständiges Thema. Aber dass dereinst die Behörden seien Namen verunstalten und auf schäbige Trinkhallen in Berlin-Wedding kleben werden, wäre ihm wohl noch nicht mal in seinen dunkelsten Stunden in den Sinn gekommen. („KAfKA – ich mach mit!“ ist eine eingetragene Wort-Bild-Marke des Bezirksamts Neukölln von Berlin, Abteilung Bürgerdienste und Gesundheit, 12043 Berlin)