A deux c‘est mieux

Es waren mal zwei. Zwei schwarze Frauenfiguren aus Frankreich, die sich miteinander unterhielten. Der Verkäufer pries sie uns mit geschickten Worten an: Ein afrikanisches Motiv, aber gefertigt in einer japanischen Keramik. Auch die Farben seien eine Reminiszenz an die japanische Fahne. Die Künstlerin, sie Fränzösin, sie wohne gleich nebenan, wenn wir wollten… Wir wollten nicht. Ich wollte nicht. Meine Beifahrerin hatte schon ein Auge auf die größeren Figuren geworfen. Der Laden war voll davon. Aber, sagte ich, die kriegen wir mit dem Motorrad nicht nach Hause. Das war natürlich ein kleinmütiger Gedanke. Der Laden verschickte für Touristen seine Waren in alle Welt. Die Welt, in der meine Begleiterin zu Hause war, was ich ja so faszinerend an ihr fand. Bei unserem ersten Treffen kam sie gerade aus Australien, von einer Segeltour, was sie beiläufig erwähnte. Als hätte sie einen Ausflug an die Ostsee gemacht. Ob ich auch Lufthansa-Meilen sammeln würde, fragte sie mich. Ob eine BahnCard auch zählen würde fragte bissig ich zurück. Vielflieger finde ich gewissenlos. Aber die Leichtigkeit, die sie verströmen, diese Gewissheit, dass es für sie überall auf der Welt jemanden gibt, der ihnen ihre Wünsche erfüllt, solange sie die richtige Kreditkarte haben, lässt mich das enge Weindorf vergessen, aus dem ich stamme. Als ich vom Restauranttisch aufstand, warf ich das Wasserglas um.
Jetzt waren wir in Grasse, der Stadt der Düfte. Den Vorschlag, das Motorrad auf den Autoreisezug nach Avignon zu packen, hatte ihr gefallen. Eine weitere Flugreise wäre ja nur more of the same gewesen. Mit dem Zug über Nacht nach Südfrankreich zu fahren, war für sie dagegen so exotisch wie für mich eine Safari in der Savanne. Wir waren erst spätnachts in Grasse angekomen. Das Motorrad hatte gestreikt, irgendwo in einem kleinen Dorf im Massiv Central. Ich hatte an das Ersatzteil und das Werkzeug gedacht, aber mir flatterten die Nerven. Es dämerte schon, es war die blaue Stunde, in der ich mich immer am verlorensten fühle. Schaun wir mal, sagte sie, wie das passen könnte. Eine Stunde später fuhren wir weiter. Wir kriegten noch ein Zimmer in einem Hotel, dass den verranzten Charme der 70er Jahre verströmte. Wir schoben die Betten zusammen und lachten wie die Irren, als sich die Betten nachts unter uns wieder teilten und wir nackt und verschwitzt auf dem kalten, braunen Kachelboden landeten.
Ich brachte die drei Frauen heil bis nach Hildesheim. Das war der Bahnhof, an dem der Autozug uns wieder ablud. Nach den Serpentinen Südfrankreichs warteten nun öde Kilometer durch die Magdeburger Börde bis Berlin auf uns. Und in Berlin unsere gemeinsame Wohnung im Wedding, zu der ich sie ein halbes Jahr vorher genötigt hatte. Die schwarzen Französinnen bekamen einen festen Platz auf dem Fenstersims des Wohnzimmers. Zwei Jahre später zog sich einer unserer Zwillinge bei seinen ersten Gehversuchen an der Fensterbank hoch und fegte die rechte Figur des Duos von ihrem Stammplatz. Ich setzte mich spät in der Nacht hin, schlafen konnte ich sowieso nicht, und schaffte es, die Teile noch mal zusammen zu leimen. Ich hab das in den Fingern. Ich merke, wie die Fragmente zuammen gehören, wenn die Teile sich wieder entlang der Bruchlinie einfügen. Mit dem richtigen Gespür, mit etwas Sekundenkleber und ein paar Minuten kräftigem Druck hält das dann wieder zusammen. Dachte ich. Den zweiten Sturz, ein paar Monate später, überlebte die Figur nicht mehr. Es waren zu viele Scherben, um sie noch einmal zu kitten. Das passt ja, sagte meine Frankreichfreundin, ich bin ja jetzt auch alleine.

Die zweite Figur hat ihren Platz vor ein paar Jahren auf einem neuen Fenstersims in einem Eigenheim am Stadtrand gefunden. Und wie durch ein Wunder blieb sie bisher unversehrt, obwohl es jetzt drei Jungs sind, die ihr gefährlich werden könnten. Aber letzte Woche ist es dann doch passiert. Der Kopf war ab. Am Hals war immer schon die fragilste Stelle. Ob ich es noch mal probieren solle, mit dem Reparieren, fragte ich die Mutter. Wenn du willst, sagte sie erschöpft. Ich hab keine Zeit dafür.

Darstellende Vergangenheit (Perfekt ridiculus)

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Freitagvormittag. Ich sitze vor dem Bio-Laden, meinem Bio-Laden, der noch so aussieht wie der Bio-Laden, bei dem ich in den 90ern selbst Hand angelegt habe. In Holzregalen liegen Räucherstäbchen und selbstgestrickte Mützchen. Körner gibts zum Selbermahlen und ein Schild mahnt: „Bitte denkt an eure Brotbestellungen“. Draußen ist ein Brett schief auf den Sims vor dem Schaufenster geschraubt, auf das sich vorsichtig setzen kann, wer die Sonne genießen will. Da draußen sitze ich und trinke einen Kaffee, richtig fair gehandelten natürlich, aus einer richtigen Tasse. Ist mir doch wurscht, was die Corona-Polizei sagt. „Legal, illegal, scheißegal“ hatte ich damals auf der Jacke stehn. Und natürlich lese ich dabei die taz, die für die Mitglieder des Ladens kostenlos ausliegt. Und als ob ein Filmteam zu meiner perfekten Inszenierung vergangener Zeiten noch ein paar Komparsen angeheuert hätte, kommt die laute Kinderschar aus der selbstverwalteten Eltern-Initiativ-Kita „Tüte Mücken“ auf dem Weg zum Spielplatz vorbei. Eine Erzieherin grinst mich an. Vielleicht gefällt ihr dieses störrischen Festhalten an dem, was einmal Lebensfreude bedeutete. Die Kinder merken das Interesse und fragen sie: „Was macht der Mann da?“ „Der liest eine Zeitung.“ „Was ist eine Zeitung?“ „Das erklär ich dir nachher.“

Samastagnachmittag. Drei laute Kinder toben auf meinem Sofa herum. Es sind meine eigenen. Draußen fällt Schneeregen. Mir muss bald etwas einfallen, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen, sonst platzt mir der Kopf. Vor ein paar Tagen hatte ich begonnen, meinen Keller aufzuräumen, um der Trübsal der Telearbeit zu entgehen. Einen Umzugskarton voller Dias samt Projektor habe ich nach oben geschafft. Der Projektor geht noch. Lange Nächte habe ich seitdem im Schein der 150 Watt Halogenlampe verbracht, mit dem Rauschen des lauten Gebläses und dem harten Klacken, das der Greifer macht, wenn er sich ein neues Bild aus dem Magazin zieht. Stundenlange Meditationen über die Vergänglichkeit waren das, mit stockfleckigen Bildern aus einer untergegangenen Epoche voller Aufbruchsgeist, unterbrochen nur von dem bienenschwarmigen, wütenden Gesumm des Ventilators, wenn mal wieder ein Dia hängengeblieben war.
Vor ziemlich genau einem Jahr, als man zu den Winterferien noch mit den Kindern verreisen konnte, habe ich mit einem guten Freund in Bayern zusammen gesessen, während die Kinder draußen im Schnee tobten. Ermattet hatten wir uns über die ständig zunehmende Hektik in unerem Leben beklagt. „Weißt du noch, was vor zehn Jahren war, hatte er gefragt, oder vor dreißig?“. „Nee“, sagte ich, „Total weg. Bin froh, wenn ich weiß, was letzte Woche war.“ Der Freund nickte. Bei ihm sind zwar die Kinder aus dem Haus, aber er ist jetzt Leiter eines Pflegedienstes.
Wenigstens mir lässt Corona jetzt Zeit zur Besinnung. Magazine mit vergilbten Notizzetteln aus Umweltschutzpapier „Heidelberg 93“, Polen/Litauen 94, „Berlin am Anfang“, „Reichstag 95“ ziehe ich eins nach dem anderen aus dem Karton. Menschen mit weichen, rotwangigen, Gesichtern lachen mich an, als ich die Bilder durchklicke. Mein Freund bei seiner Hochzeit, bei der ich Trauzeuge war. Gemeinsam mit meiner Freundin spannen wir mit unseren Armen eine große, schimmernde Plastikfolie über dem Hochzeitspaar aus, weil es beim Fest im Garten ihrer alten Villa plötzlich angefangen hatte zu regnen. Bei der Reichstagsverhüllung ein Jahr später waren wir gerade nach Berlin gezogen. Cristo und Jean Claude waren mir ein ganzes Magazin wert. Dazwischen Bilder von schmalen, baumbestandenen Straßen in Osteuropa und Selfies aus dem Rechtsanwaltsbüro in England. Und dann ein kleines Mädchen, das vor unserem Schrebergarten an der S-Bahn erste Fahrübungen mit dem Rad macht. Alles einmal durch, alles mitgenommen. Ein Jahrzehnt Achterbahn, aber wenigstens bin ich dabei nicht aus der Kurve geflogen. Das kam später. Ein Drittel der Bilder habe ich weggeworfen, weil ich wirklich nicht mehr wusste, warum ich zehn Mal den Müll in den Straßen von Manchester fotografiert hatte. Oder gerade weil ich mich wieder erinnerte, warum ich es getan hatte. Weil ich das wild und urban fand, als ich noch im sauber geleckten Heidelberg lebte. Jetzt kann ich Müll auf der Straße jeden Tag haben und ich finde das nicht mehr aufregend.

Der Schneeregen hat aufgehört, das Rumgehopse auf dem Sofa nicht. „Kommt“, sage ich zu meinen Jungs, „ich zeige euch mal was.“ Ich werfe den Projektor an und ein leuchtendes Quadrat erscheint an der Wand. „Ach“, sagen sie, „wie in der Schule, wenn wir Videos gucken.“ „Nein, sage ich, „das ist ein Apparat, der kleine Bilder groß macht.“ Ich zeige ihnen ein kleines Dia, lege es in den ausklappbaren Schlitz und warte, bis der Autofokus! (war mal ein teures Gerät) mit viel Hin- und Hergesumm das Bild scharf gestellt hat. „Was ist das?“, fragen sie. „Das ist das Schild vor einer Stadt. Ihr könnt doch schon lesen. Lest mal.“ „ALITUS“ buchstabieren sie vom Sockel eines realsozialistischen Betonmonuments herunter. „So heißt eine Stadt, in der du gewesen bist?“ „Ja, und was seht ihr noch?“ Die Jungs springen in den Lichtkegel – und sehen gar nichts mehr. Erste Lektion gelernt. Im zweiten Anlauf klappt es. „Eine Kuh!“ „Genau“, sage ich, „und was hat die Kuh da im Maul? “ „Das ist so was wie bei den Pferden, wo die Zügel drankommen.“ „Richtig“, sage ich, das war eine freilaufende Kuh. Die hat der Bauer am Abend am Zaumzeug wieder nach Hause geholt.“ „Ein wilde Kuh?“ „Nein, eine freilaufende Kuh. Und Wiesen ohne Zäune.“ Das gab es damals in Litauen noch.
„Wir machen ein Spiel.“, ruft einer von den Zwillingen. Er holt ein Blatt Papier aus dem Müll. „Wer zuerst sieht, was auf dem Bild ist, kriegt einen. Punkt.“ Der Nachmittag ist gerettet. Wir jagen zwei Magazine durch. Der spannendste Moment ist immer der Augenblick, wenn aus dem verschwommenen Bild langsam ein scharfes wird. „Ein Bagger“ (Baustelle für ein Großkraftwerk). „Ein See!“ (Ihr Vater badet in vor der Kurischen Nehrung). „Wilde Wolken!“ (Dramatischer Sonnenuntergang über Masuren). „Und wer ist das?, fragen sie verdattert? „Das bin ich.“ (Bild mit cooler Sonnenbrille am Strand in Portugal). „Nee, echt, du? So hast du mal ausgesehen? Is ja krass.“ „Und wer ist das daneben?“ „Das ist eure große Schwester, als sie so alt war wie ihr jetzt.“ „Echt jetzt? Und wer ist die Frau daneben?“. „Das ist die Mutter eurer Schwester.“ „Echt jetzt, du hast zwei Frauen? Die da und Mama?“ „Ja“, sage ich, „aber nacheinander.“ „Echt jetzt? Machen wir das Spiel noch mal, wenn wir wieder bei dir sind?“

Fachwerk reloaded

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„Einen schönen Urlaub noch!“, ruft mir die Bäckereiverkäuferin hinterher, als ich das Cafe verlasse. Mit beiger Funktionshose und kariertem Hemd sehe anscheinend genau so aus wie die sommerlichen Feriengäste, die auf dem Rotweinwanderweg oder dem Ahrtalweg unterwegs sind und hier einkehren. Die Bäckerei macht auf alt, aber es gibt sie sicher noch keine zwanzig Jahre. Ich muss das wissen, denn ich bin hier  aufgewachsen.

Ich kenne das Dorf noch aus einer Zeit, in der  niemand auf die Idee gekommen wäre, jedes Fenster in den Fachwerkfassaden mit roten Geranien zu schmücken. Wäre zu viel Arbeit gewesen und man hatte genug zu tun mit den Feldern, den Kindern und dem Vieh. Den Garten hatte man hintenraus und da wuchs, was man zum Leben brauchte. Auch ein paar Blumen.
Aber ich will mich hier nicht als Einheimischer aufspielen. Auch wir waren „Zugezogene“, die hinter dem Bahndamm, der das alte Dorf vom Rest des Ortes trennte, neu gebaut hatten. Flüchtlinge waren mein Vater und sein Vater. Und die wollten wieder ein Zuhause haben. An die schäbige Hinterhofwohnung im Schatten der katholischen Kirche, in der meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe mit uns gehaust hatten, habe ich kaum Erinnerungen. Mein Leben begann in diesem neuen Zweifamilienhaus, in das der Großvater seinen Lastenausgleich, wie die Entschädigung  für den enteigneten schlesischen Bauernhof hieß, und meine Mutter ihren ganzen Verstand und ihre Nerven investierte. Denn sie war es, die die Formulare ausfüllte und das Geld zusammen hielt. Aber im Grundbuch stand natürlich mein Vater, der nach meiner Vorstellung alleine das große Loch gegraben hatte, in das dann der Keller kam.

Meine Erinnerungen passen nicht zu diesem sonnigen Nachmittag in einem aufgeputzten Fachwerkdorf mit fröhlichen Senioren und Streuselkuchen. Das Dorf hatte für mich als Kind nichts Liebliches, Romantisches, Gefälliges. Es war grau von Arbeit und dem Kampf ums Notwendige. Tagsüber rackerten die Männer in irgendeiner Baufirma oder Fabrik, abends gingen sie in den Stall, reparierten was am Haus oder fuhren auf die Felder. Die Frauen trugen tagein tagaus Kittelschürzen aus Nylon. Grau war auch jahrelang die Farbe unseres Hauses, denn das Geld hatte nicht mehr für einen Verputz gereicht. Diese Burg aus bröseligem Bimsstein war die Bühne für die Dramen unser Großfamilie.  Mehrgenerationenhaus würde man das heute nennen und viele glauben, dass dies die Lösung einiger sozialer Probleme ist. Auch so eine romantische Vorstellung.

Auf meinem Rundgang suche ich das Haus, in dem mein Schulfreund Günther wohnte. Es war auf dem Berg, im Wald. Ich finde es nicht mehr. Später merke ich, dass es hinter den Bäumen verschwunden ist, die in den letzten 50 Jahren weiter gewachsen sind. Meine Schule finde ich, aber ich erkenne sie nicht wieder. Sie war, wie unser Haus, neu gebaut, um die Kinder aus den Neubaugebieten aufzunehmen. Vier Räume für acht Klassen, Turnraum im Keller. Ein Foto meiner Einschulung zeigt einen gewagten, modernen Neubau mit viel Licht und Glas. Im Stil der Zeit sind auch die Frisuren der Jungs igelkurz und die meisten Mädchen tragen Kleider und Zöpfe, manche eine kecke Kurzhaarfrisur wie auch meine Schwester eine hatte. Kunst am Bau gab es auch: Eine Wandmalerei zeigt ein Paar, das eine Friedenstaube fliegen lässt. Jetzt ist die Schule ein Blechkasten, doppelt so groß wie früher, mit Wärmeisolierung und Außenrollos. Der Hausmeister kommt auf mich zu um mir zu sagen, dass die Kinder von der Corona-Kinderbetreuung erst in einer halben Stunde zurück kommen. „Ich war hier selber Kind.“, erwidere ich und er lässt mich auf den Schulhof. Bald finden wir uns in alten Zeiten wieder. Den Direktor mit dem Holzbein und Bauer Willi mit der großen Scheune, in der wir uns als Kinder vor dem Kommunionsunterricht versteckt haben. „Bauer Willi hat jetzt auch aufgegeben.“, seufzt er. „Die Grundstückspreise. Es kommen so viele Leute aus Köln und Bonn. Er ist raus aus dem Dorf.“ Mit seiner Hand weist er über den Schulhof, auf dem mir einst der rothaarige Rudi Bleffert beim Völkerball das Schlüsselbein brach, über eine Containersiedlung auf eine freigemachte Baufläche. „Hier kommt unser dritter Kindergarten hin und eine Turnhalle. „Endlich“, denke ich, „wenigstens kein Medizinballrollen mehr in dunklen Kellern.“

Ich laufe über die Hauptstraße zurück. Neben der Dorflinde (die ich als Kind nie wahrgenommen habe), an der Auffahrt zum Schützenhaus hängt ein Plakat, das den traditionellen St. Martinszug im Dorf anpreist. Komische Vorstellung, dass beim selbstverständlichen Lanternenumzug der Kinder und beim großen Martinsfeuer jetzt Touristen zuschauen sollen. Aus Einheimischen werden dann Eingeborene, die man bei einem Ritual beobachtet, an dem man selber nicht teilnimmt.
Was mich tröstet ist die Kastanie am Ende der Dorfstraße, die überlebt hat, obwohl wir sie als Kinder im Herbst mit Stöcken traktierten, um auch die letzten grünen Stachelkugeln aus dem Baum zu holen. Denn ein Mal im Jahr kam ein Lastwagen von Haribo aus Bonn, dessen Besitzer als großzügige Geste an die Dorfjugend die Kastanien für sein Wildgehege einsammelte und gegen Süßigkeiten eintauschte. Und wo wir es gerade von Süßigkeiten haben: An der Bruchsteinmauer neben dem Bahnhof (von der ich erst jetzt erfahre, dass sie zur einer Tiefburg gehört), da wo ich dann später auf den Bus zur Hauptschule gewartet habe, hängt noch ein Kaugummiautomat, an den ich mich nicht mehr erinnere, aber der so aussieht, als wäre er damals schon da gewesen. Ich freue mich über etwas echtes Altes in diesem überlackierten Dörfchen. Zum Glück hat noch niemand einen Geranientopf drauf gestellt.
Ich werfe 20 Cent rein, und er funktioniert noch! Der Kaugummi kommt jetzt in Plastikverpackung, aber immerhin. Ich ziehe drei Stück- für jeden meiner Jungs einen.

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Im falschen Film

And you may find yourself in a beautiful house
With a beautiful wife
And you may ask yourself, well
How did I get here?

Die Verandatür ist offen. Es ist ein warmer Tag mit makellos blauem Himmel. Der automatische Rasenmäher surrt über den millimetergenau gestutzen Rollrasen. Auf dem Rasen spielen drei Jungs. Unsere Jungs. Sie nennen den Rasenmäher „Die Kröte“. Neben mir steht ihre Mutter und fragt mich, ob ich einen Kaffee will. Ich nicke. Die Jungs werfen Flugzeuge aus Styropor mit einer wuchtigen halben Drehung ihrer sehnigen Körper in die Luft. Bausparkassenwerbung.

Die Flieger kommen mit Loopings wieder zurück. Einer landet auf dem Garagendach des Nachbarn. Ein fragender Blick. Ich hole die lange Aluleiter aus dem Keller. Als ich mit der Leiter am Türrahmen anstoße, zuckt die Mutter. Immer bin ich es, der ihrem Idyll eine Schramme verpasst. Vorsichtig prüfe ich das Dach, ich bin nicht sicher, ob es mich trägt. Die Jungs staunen, als ich den Flieger nach unten werfe. Der Papa löst die kleinen Probleme, Mutter kocht im stahlend weißen Eigenheim einen Kaffee.

And you may tell yourself
This is not my beautiful house!
And you may tell yourself
This is not my beautiful wife!

Ich bin nur zu Besuch. Habe mich außer der Reihe selbst eingeladen, weil mir die Zeit zu lang wurde, in denen ich die Jungs nicht sehe. Wir spielen noch eine Runde Pokemon-Karten auf dem Rasen. Dann ist Zeit für’s Bett. Die Schule hat wieder angefangen. Hastig decken wir den Abendbrottisch. Als ich mich mich auf mein Motorrad setze, sind die Jungs schon im Schlafanzug. Sie kommen noch mal an die Tür. „Wir wollen hören, wie du den Motor anmachst.“

You may ask yourself
Where does that highway go to?
And you may ask yourself
Am I right? Am I wrong?
And you may say yourself
„My God! What have I done?“

Die Talking Heads haben wir in den 80ern in Dauerschleife im Kino in der Heidelberger Hauptstraße gesehen. Waren so schön überdreht, die Bühnenshow, die Texte. Jetzt ist das mein Alltag.

Same as it ever was
Same as it ever was
Same as it ever was

 

 

 

 

 

 

 

Dämon Alkohol

Wir haben gekocht. Sitzen am Küchentisch und stochern im Spargelsalat mit Linsen. Meine Idee. „Linsen hatte ich heute schon“, mäkelt die Tochter. Sie hatte sich auf Spargel gefreut. Aber es sind nur ein paar Stangen in der Schüssel. Ich habe mich an das Rezept gehalten. Na ja, einen Versuch war’s wert. Ich versuche das Gute an dem Abend zu sehen: Schön, dass sie da ist. Schön zu hören, dass sie sich wieder um ihre Masterarbeit kümmert. Um das Thema zu wechslen, zeige ihr auf meiner Kamera die Blümchenbilder, die ich im Garten gemacht habe und auf die ich so stolz bin. „Hübsch“, sagt sie. Die Stimmung war schon einmal ausgelassener.
Da fällt mir die kleine Flasche Ouzo ein, den sie mir aus ihrem letzten Griechenlandurlaub mitgebracht hat. Ich trink ja sonst nix, ehrlich, steht schon ein Jahr bei mir rum, aber auf einmal habe ich große Lust auf Schnaps. Ich wedele die Flasche vor ihrer Nase rum. „Willst du einen?“ „Warum nicht?“, kommt es erstaunt zurück. Darf ich die Jugend zum Trinken verführen? Muss ich als Vater nicht Vorbild sein? Wir trinken den Schnaps aus Eierbechern. Was anderes hab ich nicht. Das Zeug ist süß und lecker und ungekühlt. Läuft so rein.
Nach dem zweiten Becher zeige ich ihr den Trick mit dem umgedrehten Objektiv. Sie hatte sich  im letzten Jahr eine alte Kamera gekauft und ein paar Schwarzweißfilme verschossen. So richtig ernst gemeint war es wohl nicht. Eher so ein Trend. Als ich ihr zum Geburtstag einen Belichtungsmesser schenkte, hat sie ihn angeschaut, als wäre es ein Faustkeil. Aber der Trick gefällt ihr. Objektiv abschrauben, umdrehen und vor die Kamera halten – und schon kann man winzige Details ganz groß machen. Unter den Augen meiner Tochter verwandelt sich mein Küchentisch. Abstrakte Formen, zerkratzte Details, wie aus einer alten Fabrik. Die Fotos, die sie knipst könnte man als Deko in ein Vorstadtcafé hängen, oder in einen Club, finde ich und sage es ihr auch. Meine Euphorie ist echt. Sie hat wirklich ein gutes Auge und ich bin beim vierten Eierbecher angelangt. Sie ist auch ganz begeistert, als sie sieht, wie aus der  Spülbürste ein Strahlenkranz wird. Wir sind Künstler – für einen Abend. Sie tippt auf ihrem iPhone rum und überträgt sich die Bilder. „Noch einen Becher?“, frage ich. „Nee,  ich bin noch verabredet. War aber trotzdem schön.“
Zwei Tage später sind wir mit Freunden nach Brandenburg gefahren – zum Spargelessen. Diesmal richtig.

Zwei Mal Kommunion, mit Scharf

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Es war ein Sonntag vor ziemlich genau fünfzig Jahren. Ein Sonntag, den man bei uns „Weißer Sonntag“ nannte. Da lief ich im schwarzen Anzug mit einer dicken Kerze hinter unserem Pastor und neben meinen Mitschülerinnen in Weiß durch die Dorfstraße. Hinter uns lagen Monate des priesterlichen Katechismusunterrichts und viele Testläufe, wie wir einer nach dem anderen zum Altar schreiten sollten, wie wir die Zunge rausstrecken sollten, damit der Pfarrer die geweihte Hostie darauf legen sollte und wie wir in tiefer Versenkung gebeugten Hauptes unter den Augen unserer Eltern zurück zu den knarrenden Holzbänken schreiten sollten.
Vor uns lag die Dorfkirche, was Kleines zum Futtern (immerhin: der Leib Christi) , was Leckeres zum Trinken und ein Fest mit allen Tanten und Onkeln, fettem Buttercremekuchen und: Geschenke! Dafür machten wir ja das alles mit. Leider gab es von den Tanten vor allem Pralinen, nur manchmal einen 10-Mark-Schein und, immerhin, meine erste Uhr und mein erstes eigenes Fahrrad! Metallicblau und mit viel Chrom. Dieses Ritual, diese Bestechung und diese Gewissheit, endlich zu den Großen und Rechtgläubigen zu gehören, hat mich stramm auf Kurs gehalten, bis in die Pubertät. Ich bin brav in die Kirche gegangen, habe Lieder gesungen, die ich nicht verstanden habe und Sünden gebeichtet, die ich nie begangen hatte. Dabeisein ist alles.

Meine Söhne sind jetzt Acht, ungetaufte Heidenkinder und nicht im Schoß der hl. katholischen Kirche wachsen sie auf, sondern, zumindest wenn sie zu ihrem Vater kommen,  in der großen Stadt, die laut und verwirrend für sie ist. Wie kann ich ihnen das Gefühl vermitteln, dass aus sie jetzt schon groß sind und dazu gehören, zu der Welt der Erwachsenen? Am besten ohne lange zu überlegen, aus dem Bauch heraus.

Es ist Sonntag, der letzte Tag der Winterferien. Hinter uns liegen ein paar Tage in Bayern, in denen wir nur mit viel Glück ein paar verschneite Hügel gefunden haben. Es ist Mittag. Vor uns nichts als ein leerer Tisch und ein leerer Kühlschrank. Ich hatte nach zwei mal Umsteigen mit zwei Jungs und einem 20 Kilo schweren Koffer einfach keine Lust mehr, einzukaufen. „Wart ihr schon mal beim Döner?“, frage ich. „Na klar!“, kommt es zurück. „Kennen wir schon!“ Ich glaube den kleinen Großmäulern kein Wort. „Mit Mama? Bestimmt nicht“. Ein, zwei Fangfragen später ist klar: Es ist Zeit, meinen Söhnen die wirkliche Welt des Wedding zu zeigen. „Kommt, wir gehen in die Müllerstraße. Heute gibt es Döner zu Mittag.“ Ungläubige Kindergesichter hellen sich auf: „Echt jetzt? Das dürfen wir jetzt?“ „Ja“, sag ich, „los jetzt, in die Jacken, und vergesst die Mützen nicht, die ich euch zu Weihnachten geschenkt habe.“ Diese Mützen finden sie doof und wollen damit auf keinen Fall gesehen werden. Heute geht es ohne Murren. Mit Triumph und Vorfreude geht es, der Vater mit den Söhnen, die Müllerstraße runter. Wir haben was vor, ein Abenteuer! „Drei Mal Mini-Döner, zwei Mal Kräuter, ein Mal scharf, ohne Zwiebel“, bete ich vor den Augen meiner staunenden Zwillinge das Berliner Evangelium fehlerfrei vor dem Dönermann runter. Sie beobachten das heilige Ritual des Messerschärfens, des Absäbelns und das Grillen der Brote. Ich bin selbst ganz ergriffen. Hat der Dönermann nicht gerade gesagt „Nehmet, und esset alle davon?“, als er die kleinen Fladen über den Tresen reichte?  Nein, er hat gesagt: Die Getränke nehm se sich selbst ausm Kühlschrank.“ ‚Ruhig bleiben. Fanta und Sprite. Jeder darf sich  eine eigene Flasche aus dem großen Kühlschrank holen und trägt sie wie einen Schatz zum Tisch, auf den sie schon Gabeln und Messer gelegt haben. „Das ist Lamm, was ihr da esst“, schocke ich die beiden, die schon mit den Gabeln in den Brottaschen herumpicken. Glauben wollen sie es lieber nicht. Hab ich das mit dem Lamm Gottes geglaubt, damals? Nein, aber es hing ja auch nicht an einem Spieß und war knusprig braun.
So schnell, dass ich nicht gucken kann, haben sich die Jungs die Döner nach Berliner Sitte in die Hand genommen und beißen beherzt zu. Fällt kaum was auf den Boden. Schon fast wie die Großen. „Is nicht zu scharf?“ frage ich. „Nö“ kommt es echt cool (oder crash, wie das immer öfter bei ihnen heißt) von den harten Burschen an der anderen Tischseite. Hallelujah! Es ist vollbracht.
Die Flaschen jonglierend sprinten wir über die sonnige Straße zurück. Zuhause warten noch Geschenke auf sie. Zwei Armbanduhren, es ist das richtige Alter. Ich habe sie vom Roten Kreuz für’s Blutspenden bekommen. „Das ist mein Blut, dass ich für euch…“ Eine katholische Erziehung sitzt doch tiefer, als man denkt.

 

Before, in and after the Wedding

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Kindermund

Bin mit meinen Söhnen auf dem Weg zum Fotografen. Der Fotograf, der auch alle Babybilder von ihnen gemacht hat. So Bilder, auf denen man als Paar glücklich lächelnd auf dem kuschligen Schafsfell sitzt und das Baby in die Mitte nimmt. Der Fotograf ist klug, denn er hat seinen Laden direkt neben dem Hochzeitsgeschäft. Zuerst die Hochzeitsfotos, dann die Babybilder. Normalerweise jedenfalls. Bei uns war’s ja anders. Das fällt jetzt auch einem meiner Jungs auf: „Papa, was ist eigentlich Hochzeit?“ fragt er vor dem Schaufenster mit den Rüschenkleidern. „Hochzeit ist“, erwiedere ich unwillg, „wenn Mann und Frau sich sagen, dass sie immer zusammen bleiben möchten.“ Pause. „Hast du deswegen Mama nicht geheiratet, weil du wusstest , dass ihr es nicht miteinander aushaltet?“ Die Frage kommt nicht vorwurfsvoll sondern sachlich. Er versucht sich einen Reim auf das Durcheinander der letzten Jahre zu machen. Was soll ich ihm erzählen? Von all der schönen Zeit, die ihre Mutter und ich hatten, die romantischen Liebeserklärungen, die vielen Reisen, bis…ja bis die Kinder kamen. Nicht eins, sondern gleich zwei auf einmal. Aber das würde ja heißen, dass die Kinder schuld sind. Und das, Lektion 1 für Trennungsseltern, darf man den Kindern nie und niemalsnicht sagen. Haben wir einen Kurs für gemacht. Dafür hat’s nach der Trennug noch gereicht. Außerdem stimmts nicht. Ich habe mir nie vorstellen können, so wie meine Eltern, mein Leben lang mit einer Frau zusammen zu leben. Jetzt hab ich den Salat und drei Kinder und mehr. Und manchmal klappt es so auch ganz gut – so getrennt. „Hm“, antworte ich meinem Sohn, „so ungefähr.“ Mit der Antwort ist er zufrieden, ich auch.

Unter Männern

Nach solchen nervenzehrenden pädagogsischen Herausforderungen suche ich manchmal die Ruhe und Stärkung durch kräftig Speisen. Der Wedding bietet ja nicht nur Restaurants aus aller Welt, sondern auch an, versteckten Ecken, noch deutsches Deftiges. Nix wie rin also. Und im „Fabea“ wird nicht nur deutsche Küche geboten, sondern auch ein deutscher Sammtisch. Vier Männer von Vierzig bis Siebzig am Samstag früh bei Bier und Kümmerling.  Ich studiere die Speisekarte, die so deutsch ist, dass sie sogar in Fraktur gesetzt wurde (übrigens immer in der falschen, aus England stammenden gotischen Typo). Drüben geht’s um Fußball. Und so sehr ich dem Koch danke für seine sublime austro-erotische Kreation 31 „Erdäpfel küssen Eier dazu Gewürzgurke“, entscheide ich mich doch für den Klassiker „Kassler Nackenkamm mit Sauerkraut“. Am Stammtisch sind die Männer inzwischen bei der Verurteilung eines KZ-Aufsehers angelangt („Unmöglich, so was gibt es nur in Deuschland“. „Die DDR-Grenzer, die haben wirklich geschossen, die verurteilt niemand…“) Muss ja nicht stimmen, aber sie sind ja am Stammtisch, da hat jeder Recht. Und überhaupt: Schimpfen die Männer schon längst wieder über den Berliner Senat und die Grünen mit ihren Fahrradwegen, die sich wundern werden…. und so weiter. Was mich freut ist, dass keiner schreit, keiner den Platzhirsch macht,  und dass auch mal ein „kann man ja auch mal so sehen…“ dazwischen kommt. Mein Kassler ist auch schon da, ein ganzer Teller voll, ohne besondere Feinheiten, aber solide. Ich entschuldige mich bei dem armen Schwein, das für meine Gelüste sein Leben lassen musste und gehe beruhigt nach hause, bis ich an einer Litfassäule hängen bleibe:

After the Wedding

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After the Wedding?

Was soll nach dem Wedding schon kommen?

Erstmal kommt der Wedding (schon seit Jahren).

Und dann kommt lange nix.

Lange

Und dann kommt Reineckendorf.

Ein Film über Reineckendorf?

Wie öde ist das denn?

 

Schönet Wochenende noch, wünsch ick Ihnen

 

Lasset die Kindlein

 

Ein grauer, regnerischer Tag in Berlin. Also schnapp ich mir den Fotoapparat und such mir was in meinem Kiez, was Buntes. Muss nicht lange laufen, um mein Thema zu finden. In so ziemlich jeden leerstehenden Laden ist in den letzten zwei-drei Jahren eine Kita eingezogen. Der Kindersegen muss enorm sein. Die Grundschule musste Container aufstellen. Während die Hipster-Cafes schon wieder pleite gehen, und der Montessoriladen seine Pforten für immer geschlossen hat (was da jetzt wohl reinkommt?) boomen die Hinterhofkitas.

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Und wenn die Sonne wieder scheint machen wir weiter mit den neuen Seniorenresidenzen und Pflegestationen, wo die Baby-Boomer meiner Generation so nach und nach versorgt werden….

Erwachsen werden

In der leeren Küche steht auf dem abgewischten Tisch ein übriggebliebenes, rotes Halma-Männchen. Schwer vorzustellen, dass dieses Männlein und seine bunten Freunde noch vor ein paar Stunden der Grund für ein existenzielles Drama unter Brüdern waren. Tränen, Geschrei, Schläge, Türenknallen, Anschuldigungen, Betrug, Schmollen, Decke über den Kopf ziehen und theatralische Abgänge. Das Spiel, das gegeben wurde hieß „Mensch ärgere dich nicht“ und sowohl die Söhne als auch der Vater sind noch weit entfernt davon, den gut gemeinten Befehl des Spieleerfinders zu befolgen und Gelassenheit walten zu lassen. Es fochten Bruder gegen Bruder, Vater gegen die Söhne (in abwechselnder Folge), Söhne gegen den Vater. Es wurde an der falschen Stelle gelacht und mit Häme über das Mißgeschick des anderen nicht gespart. Wer die Szenen von außen betrachtet hätte, hätte meinen können, es ginge um das Verteilen des väterlichen Erbes oder ähnlich schicksalsbsestimmende Entscheidungen. Und irgendwie hätte er auch recht gehabt.
Dann war alles still. Von einem Augenblick auf den anderen verlor das Spiel seine Bedeutung. Das war, als ich auf die Uhr schaute und sagte: Zieht euch an, in 10 Minuten kommt Mama. In der üblichen Hektik wurden Sachen in Taschen gestopft, Socken gesucht, und die Medikamente nicht vergessen. Aber irgendwas fehlt immer.
Zurück in meiner nun ruhigen Wohnung stehen verlassene Spielautos in Ecken, liegen Vorlesebücher auf dem Bett und der Sonnenhut, der eben nicht zu finden war, findet sich in der Lego-Kiste, in die die Jungs auch ihre bewundernswerten Bauwerke versteckt haben. Bis zum nächsten Mal.
Ich werfe alles was ich finde ins Kinderzimmer und mache die Tür zu. So mache ich das jedesmal, wenn die Kinder weg sind. Es dauert immer eine Weile, bis ich den Anblick des leeren Zimmers ertrage. Das Halma-Männchen hatte ich übersehen. Und er macht mich traurig. Wie oft werde ich noch mit ihnen spielen, bis sie in ihren eigenen Spielen verschwinden, zu denen ich keinen Zugang mehr habe?
Im sonnenheißen Garten wartet noch das halb aufgeblasene Planschbecken von gestern darauf, wieder im Keller zu verschwinden und auch die Picknickdecke, die die Kinder seltsamerweise zwischen den Müllcontainern für das Abendessen aufgeschlagen hatten. Kurz überlege ich, ob ich das nasse Plastikbecken einfach in meinen Keller schmeiße, zu dem anderen Gerümpel aus meinem Leben und auch da einfach die Tür zu mache. Das Verweigern von Ordnung war schon immer meine Art, mit unangenehmem Druck umzugehen. Die Dinge mussten darunter leiden. Doch ich bin keine 16 mehr. So langsam habe ich den Unterschied zwischen elterlichem Ordnungswahn und vernüftigem Umgang mit empfindlichen Dingen gelernt. Vorsichtig drücke ich die Luft aus den dicken Wülsten, lasse die PVC-Haut eine Weile in der Sonne trocknen und wische dann mit einem Stück alten Betttuchs Sand und Wasser aus den Nähten. Es soll ja noch ein paar Sommer mit den Jungs aushalten.

 

Let the sunshine in

Schwein

Was gibt es Schöneres als sich an einem milden Sommerabend mit einem Freund am grünen Ufer der Spree ein mitgebrachtes Bier zu trinken? Auf dem Fluss wummern die Partyboote und die Bässe, Pärchen kuscheln sich auf der Wiese aneinander und junge Menschen in hautengen Anzügen gleiten stehend auf ihren Paddel-Brettern stadteinwärts, dem Sonnenuntergang entgegen. Wie alle Berliner, die an diesem Abend unterwegs sind haben wir also schon leicht einen sitzen, als wir im Biergarten Zenner ein Plastikbecherbier und die letzte Bockwurst erwischen und viele philosophische Gedanken später noch eins am mobilen Ausschank auf dem Platz. Doch da haben unsere Weltuntergangsgespräche (China, Afrika und die Frage, wie man jenseits der 50 im Job noch Begeisterung und Dynamik vortäuscht) jede Stringenz verloren und die dunklen Gedanken ballen sich zusammen wie die Gewitterwolken über unseren Köpfen. Von der Rückfahrt habe ich nur noch in Erinnerung wie mir der aufkommende Sturm auf dem S-Bahnhof die Fahrkarte aus der Hand gerissen hat und dass ich von einem betrunkenen Russen umarmt wurde, weil ich ihm die richtige Bahn nach Schöneweide aufgeschrieben habe. Zuhause angekommen, da gings mir wie Bolle. „Hab’s Fenster aufgerissen und tüchtig ventiliert und über den pladdernden Regen mich mächtig amüsiert.“

Aber dieses Geräusch in meinem Kopf ging nicht weg. Das Geräusch, das ich zuletzt vor 40 Jahren gehört habe, das metallische Ächzen, das klingt wie ein Schiffsrumpf, der mit voller Fahrt auf ein Riff läuft. Damals kam es vom Rahmen des Garagentors an dem ich mit frischem Führerschein den ralleyorangen Ford Escort meines Vaters entlangschrammte. Unsere Garagenauffahrt war so etwas wie die Nordkurve des Nürburgrings. Sie ging in einer scharfen Rechtsdrehung ein paar Meter aufwärts. Viele Abende hatte ich das elegante Kunstsstück meines Vaters beobachtet, wie er den kleinen Wagen mit einem kurzen Aufheulen des Motors genau ins Tor katapultierte. Jetzt war ich dran. Mein Vater nahm’s ruhig und versuchte erst gar nicht, mich dazu zu verdonnern, den meterlangen Kratzer aus dem Lack zu polieren. Das machte er lieber selber, weil sein Sohn mit der Brille und den wirren Ideen ja sowieso zwei linke Hände hatte. Aber vergessen war der Lackschaden nie. Wahrscheinlich blieb das Donnerwetter nur  deswegen aus, weil mein Vater eine neue Stelle als Fahrer bei den Kohlesäurewerken hatte: Chemietarifvertrag, 13. Monatsgehalt, Betriebsrente. Da war jetzt mehr drin. Der Katalog für den neuen Ford Taunus lag schon im Wohnzimmer. Erst viele Jahre später erteilte er mir Absolution. Als er nicht mehr fahren konnte und ich ihn mal wieder sehr dringend ins Krankenhaus bringen musste. „Du kannst ja richtig gut fahren.“, sagte er, halb erstaunt, halb um sich zu bedanken. Sein letztes, kleines Auto hat er mir vererbt.

Gestern nachmittag war das Geräusch wieder da. In meinem Ein-Drittel-Auto, das ich noch zusammen mit der Mutter zur Geburt unseres Jüngsten gekauft habe, weil das alte für drei Kinder zu klein war. Denn wenn man ein Kind erwartet, sich aber nichts mehr zu sagen hat, dann kauft man zusammen ein Auto, damit man was tut für das neue Kind und damit man über nichts anderes reden muss. Sie behauptet ja, sie habe das Auto allein gekauft und ich sage, dass ich mein ganzes Elterngeld da rein gesteckt habe, und dass deshalb ein Drittel davon mir gehört. Dafür habe ich aber keine Belege, weil sie das Auto und alles was dazugehört mit in ihr neues Haus genommen hat. So ein Auto ist das.

Und mit dem Geräusch war alles weg, was ich und meine Jungs die letzten zwei Wochen zusammen erlebt hatten. Die von mir nach uralten Erinnerungen gebauten Flitzebogen, die Ninja-Ritter-Wanderung durch den kleinen Wald hinter dem Ferienlager in der Uckermark, der für die Kinder zum magischen „Wald der Harmonie“ wurde (Wer sich bei Lego-Ninjago auskennt, weiß wovon ich rede.), die Tretbootfahrt mit den Seemannsliedern und dem Knäckebrot als Schiffszwieback, der ewige Streit darüber wer wann von wem was gekriegt hat und der Streit mit der weißhaarigen Nachbarin im Ferien-Bungalow weil die Kinder morgens zu laut waren.
Wir waren auf dem Heimweg. Die Kinder waren frisch gebadet, das Auto frisch geputzt und alle Sachen, die uns die Mutter eingepackt hatte, haben wir auch wieder in den Kofferraum geräumt (plus ganz wichtige Zweige, Äste und Feuersteine, die Schwerter, Dreizacks oder Pfeile sind und minus einiger einzelner Socken, Badehosen und sowas). Es waren noch 27 Kilometer über die Autobahn zurück zur Mutter. Auf der Rücksitzbank war beste Laune. Ich hatte eine Runde Prinzen-Rolle ausgegeben, die harte Währung unseres Urlaubs. Die Sonne schien. Stadtautobahn, linke Spur, 60 Km/h. Von hinten kommt die Meldung: „In meiner Flasche ist kein Wasser.“ „Warte,“ sag ich automatisch, „ich geb dir meine.“ Greife auf die Beifahrerseite, musste mich ein bisschen strecken, und dann war es da, das Geräusch.
Rostige Leitplanke an makellosem Lack. Ganz kurz, dann waren wir wieder auf Spur. „Das war nicht gut,“ kommt es sachlich von hinten. Wahrscheinlich der Sohn, der sich im Urlaub den Titel „kleiner Polizist“ erworben hat. Ich möchte im Fahrersitz versinken, will ganz kurz nicht da sein, und dann soll alles weiter gehen. Und nichts soll gewesen sein. So wie Herbert Gröhnemeyer in „Das Boot“, der sich einfach hinlegt, als das U-Boot getroffen wird und alle um ihn herum schreien, und als er wieder aufwacht ist alles ruhig. Die Männer haben das Boot wieder zum Schwimmen gebracht und flüstern sich routiniert Befehle zu.
Das Leben ist kein Film, aber auch kein untergehendes Boot. Ich komme wieder zu mir und merke: Keiner verletzt, Auto fährt. Alles gut! Nur viel Ärger, Pulsschlag bis zum Hals und Geld, das weg ist für nix. Und so sieht das auch die Mutter. „Soll ich jetzt mit dir schimpfen?“, fragt sie matt, als sie die Schleifspur von Front bis Heck anschaut. Ja, sag ich, bitte.

Am nächsten Morgen ist das Geräusch wieder in meinem Kopf. Trotz Bier und Absolution. Ich bin unruhig, möchte etwas tun, damit der Unfall ungeschehen wird. Aber es ist Sonntag. Keine Versicherung und keine Werkstatt zu erreichen. Bewegung! Ich brauch Bewegung. Muss was tun. Soll ich Yoga machen? Sonnengruß, Atemübungen, Mantras singen? Aber dazu müsste ich erst mal Raum schaffen, den Bodenbelag aus durcheinandergewirbelten Rittern, Rennwagen und Wikingerschiffen wegräumen. Sonnenstrahlen mühen sich durch die staubblinden Scheiben des Kinderzimmers und ich weiß was ich zu tun habe. Ich reiße die alten Doppelkastenfenster auf, hole Wasser und Fensterwischer und mache mich ans Werk. Von innen nach außen, von außen nach innen. Als ich in meinem Elan auch noch die Fensterbretter wische, sehe ich die Nachbarinnen, die wie jeden Morgen ihr altes Schwein Gassi führen. Jeder sollte ein bisschen Schwein haben, finde ich und wische auch noch die Fußböden.