Aufforderung zum Tanz

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Fête de la musique: Ein wunderbar warmer Sommerabend. Auf dem Parkplatz des Centre Français in Berlin spielt die letzte Band. Der Platz vor der Bühne ist voll. Mit wilder Polka und Balladen, mal mit deutschen, mal mit französischen Texten hat „Drückerkolonne“ die Leute in Bewegung gebracht. Aber das reicht dem Sänger nicht. Er teilt das Publikum nach links und nach rechts auf. Und dann sollen sich in dem frei gewordenen Raum in der Mitte Pärchen finden, sich einhaken und sich drehen.
Vor mir will eine kleine Frau mit weißen Haaren ihren baumlangen, stämmigen Gatten zum Tanz auffordern. Aber der steht stocksteif da und hält sich an seinem Bierbecher fest. Sie schwingt schon mit der Musik und lässt sich nicht lange bitten: Ein Lächeln, ein angebotener Arm und schon drehen wir uns mit allen anderen auf dem Platz – mal linksrum, mal rechtsrum.
Das Glück ist kurz. Kaum haben wir aufgehört zu tanzen, spüre ich von hinten die schwere Pranke ihres Mannes auf der Schulter. Kurz ist mir flau, denn dreht er mich mit seiner kräftigen Hand zu sich um. „Dit is Wedding!“, raunt er mir mit schwerer Zunge kumpelhaft zu und kreist mit dem Bierbecher rüber zu dem tanzenden Volk. „Dit is Wedding!“ stimme ich erleichtert ein, als ich weiß, dass er mir nichts Böses will.

So lernt man hier seine Nachbarn kennen.

Im Namen des Vaters

Der junge Mann sitzt mir gegenüber vor dem Imren-Imbiss und drückt seine Zitrone über seinem Pide-Brot aus. Als er fertig ist steht er auf und fragt: „Tee?“ Ich verstehe ihn erst nicht. „Türkischen Tee“, wiederholt er etwas lauter, weil gerade ein Krankenwagen mit Martinshorn Richtung Innenstadt vorbeiheult. „Gerne“. Er verschwindet mit dem Geschirr im Laden und kommt mit zwei Tulpengläsern zurück. Den Zucker holt er vom Nachbartisch. Das ist nett und das Entgegenkommenste was ich heute erlebt habe. „Arbeiten Sie hier?“, frage ich, um ein Gespräch anzufangen. „Nein, der Laden gehört meinem Onkel.“ „Ach deswegen können Sie mir hier einen Tee anbieten.“., vermute ich. „Der Tee ist frei für alle Gäste.“, kommt stolz von der Gegenseite und dann nichts mehr. Er hat sein Handy auf dem Tisch aufgebockt und schaut gebannt auf den Bildschirm.

Woher kenne ich das? Dass Gespräche einfach so abgebrochen werden? Von meinen Söhnen? Ganz sicher. Ein paar Stunden habe ich heute versucht, sie am Telefon davon zu überzeugen, am Wochenende zu mir zu kommen. Fussball gucken, unter freiem Himmel, Deutschland spielt. Darauf haben sie sich schon seit Monaten gefreut. Jetzt wollen sie lieber vor dem Fernseher sitzen. Zwei Wochenenden war ich bei ihnen, habe mit Ihnen die Jugendfeier zelebriert. Den Beginn des Erwachsenwerdens. Und was ist der Dank? Dass die erwachsenen Söhne bei erster Gelegenheit nicht mehr das tun, was ihr Vater von ihnen will? So war das nicht gemeint. Jetzt sitz ich hier und die erste warme Sommernacht fühlt sich ziemlich einsam an.
Na gut, ich habe mit 14 auch nicht alles gemacht, was mein Vater von mir wollte. Es gibt sogar ein Foto davon. Als er in meinem Zimmer herumgepoltert hat, dass der „Saustall“ endlich aufgeräumt werden sollte, habe ich meine Kodak Instamatic geholt und abgedrückt. Er sieht nicht gut darauf aus. Es gibt eine ganze Serie, die meine Unterdrückung durch das kleinbürgerliche System dokumentieren sollte. Zum Glück gab es noch keine social media, sonst hätte ich es gepostet.
Aber das heißt ja nicht, dass ich nicht trotzdem verinnerlicht hätte, was meine Eltern mir mitgeben wollten.
Das merke ich jedes Mal, wenn ich einen Fahrradschlauch flicken will. Jedes Mal kommen mir da die alten Geschichten meines Vaters aus der Kriegs- und Nachkriegszeit in Erinnerung. Wie sie mit Nichts hätten auskommen müssen, wie sie die Reifen mit alten Gummistücken unterlegt hätten, wenn sie dünn geworden seien. Sie hätten sich halt zu helfen gewusst. Als er einmal mit mir im Fernsehen einen Bericht über Zeitungsjungs in Lateinamerika sah, in dem gezeigt wurde, wie ein Junge sein plattes Fahrrad mit einem Flicken reparierte, den er vorher auf den heißen Auspuff eines Motorrades gelegt hatte, war sein Kommentar „Ja, der weiß sich zu helfen“. Seitdem kann ich nie einen Fahrradschlauch wegwerfen, bevor ich nicht x-Mal versucht habe, ihn zu reparieren. Diesmal war es besonders knifflig. Die Luftblasen stiegen an der Stelle auf, an dem das Ventil in den Schlauch geklebt ist. Aussichtslos. Wenn ich nicht mit 18 auf einer Fahrradtour schon mal dass Problem gehabt hätte und in der Jugendherberge Rüdesheim einen alten Automechaniker kennengelernt hätte, der mir gezeigt hat, wie man das macht. Die Lifehacks waren damals wirklich noch „live“… Aber 50 Jahre später kommen die Schläuche aus Korea und sind auch nicht mehr aus Kautschuk. Der Auspuff-Bruzzel-Trick funktioniert nicht mehr und die Ventile sind auch anders – untenrum. Ich habe es trotzdem probiert, mit zwei Unterlegscheiben und einem zurechtgeschnittenen Stück aus einem alten Schlauch als Dichtung. Und es hätte auch klappen können, wenn ich etwas mehr Geduld gezeigt hätte. So hat es genau einen Tag gehalten und meine Nachbarn waren auf dem Gehweg mein Publikum bei meiner Nachkriegs-wir-haben ja nichts-Notreparatur-Inszenierung . Heinrich Böll hätte eine Kurzgeschichte drüber schreiben können. Ich bin tags drauf in den Radladen gefahren und hab für 9,90 Euro einen neuen Schlauch gekauft.

Gut, dass meine Söhne nicht dabei waren. Und ich hoffe nur, dass sie in der Zeit was gelernt haben, was ihnen im Leben mehr hilft als die Schrullen ihres Vaters.

Auf der Baustelle

Er war schon da, als ich noch nicht da war. Und seit ich da bin war ich nie da. Aber seit ein paar Monaten ist er verschwunden und deswegen habe ich habe ihn endlich gefunden.

„Ist schon komisch“, sagt die Friseurmeisterin mit der roten Petra-Pau-Lookalike-Igelfrisur und bunter Halskette. „Seit das Baugerüst vor unserem Laden ist, haben wir mehr Kundschaft. „Vielleicht weil die Leute langsamer gehen und merken: Da ist ja noch ein Friseur.“, mutmaße ich. Denn genau so ist es mir gegangen. Erst durch den Aufsteller mit dem völlig aus der Zeit gefallenen Plakat auf dem Gehweg bin ich in den Laden gestolpert. Nächstes Wochenende hat mein Ältester Jugendfeier, da muss ich obenrum gut aussehen, weil er mir schon eine handbreit über den Kopf gewachsen ist und ich neben ihm sonst aussehe wie ein grauer Gnom.
„Haare ab?“ fragt die Chefin, als ich meine Mütze an die Garderobe hänge. Die Jacke nimmt sie mir ab, und hängt sie auf einen Bügel mit Kunstlederbezug und Nieten. „Haare ab!“ nicke ich, froh mal nicht nach den Worten suchen zu müssen, die passen, wie es bei den türkischen, kurdischen, arabischen oder vietnamesischen Barbershops in meinem Viertel üblicherweise tue, und trotzdem verstanden zu werden. Die Frau macht sich gleich an die Arbeit und sie gibt mir das Gefühl, dass ich mich jetzt entspannen kann. Ohne zu wissen, was ich erst später erfrage, dass sie Friseurmeisterin ist und dass sie den Laden seit 23 Jahren führt, merke ich an jedem Handgriff, dass hier jemand am Werk ist, die weiß, was sie tut und weiß was ich brauche. Und sie beherrscht die Kunst des unverbindlichen Friseurgeplauders. Nie aufdringlich, nie zu persönlich. Freundlich und respektvoll. Neben mir arbeitet ihr schmaler kleiner Kollege im roten Friseurkittel und schütterem Haar an den eingeschäumten Haaren einer älteren Frau. Sie erzählt wie sie als Kind in den Trümmern der Stadt gespielt hat und dass sie jetzt auf eine goldene Hochzeit eingeladen ist. Altes Deutschland. Ein bisschen ist es wie beim Dorffriseur in meiner Kindheit. Auf dem Bord über den Spiegeln stehen Frisierpuppen und ein Männerkopf mit eingeseiftem Bart. „Haben da ihre Lehrlinge das Rasieren gelernt?“, frage ich. „Ja, aber heute darf man ja nicht mehr nass rasieren. Gesundheitsgefährdung, sagt die Berufsgenossenschaft.“ Ich hake noch mal nach, ob es mit Blut und HIV zu tun hat, aber das ist ihr dann doch zu verbindlich. Statt einer Antwort holt sie den Spiegel und lässt mich meinen frisch frisierten Nacken begutachten. „So gut sah ich lange nicht mehr aus.“, flachse ich und sie nimmt das Kompliment freundlich schweigend entgegen. „18 Euro Fünfzig“.
Im Rausgehen sag ich noch gut gelaunt in den Raum: „Wahrscheinlich merkt wieder keiner, dass ich beim Friseur gewesen bin.“ „Ich geh jeden Tag zum Friseur.“, kontert der kleine Mann am Frisierstuhl, „Und das merkt ooch keener.“ Berliner Schnauze, mal gut gelaunt. Das nächste Mal zahl ich Eintritt.

Müll mal anders

Es ist ein kleines Frühlingsfest für den Kiez. Mittwochnachmittags um drei treffen sich die Menschen vor dem großen Spielplatz, an dem ich viele Stunden mit meinen Söhnen verbracht habe. Die Berliner Stadtreinigung BSR hat zum „Kieztag“ aufgerufen. Zum großen Frühjahrsputz für alle Anwohner, die noch überflüssigen Kram im Keller haben. Vier große Laster parken an den Straßenrändern, ein Zelt ist als Tauschbörse aufgebaut und auch Kekse und Getränke gibt es, allerdings etwas abseits, am Wahlkampfstand der Linken, die ja neuerdings die Sauberkeit auf den Straßen als Wahlkampfthema entdeckt hat.

Aus allen Richtungen strömen Menschen herbei. Auf Fahrradanhängern, auf Kinderwagen, mit Handkarren oder mit bloßen Händen tragen sie herbei, was sie wegwerfen oder tauschen wollen. Eine junge Frau schultert sportlich einen grünen 50er-Jahre-Polstersessel und wuchtet ihn in die Presse des Müllwagens. Schade, denn der wäre ein paar hundert Meter weiter in einem der Trödelläden am Leo als „Vintage“ durchgegangen. Ein junger Mann hat einen kaputten Einbauherd auf einem Rollen-Gestell verzurrt, das sonst nur eine Einkaufstasche tragen muss. Ganz vorsichtig manövriert er damit über das Pflaster und schafft es bis zu dem LKW für den Elektroschrott. Nur Lastenräder, eigentlich ein Symbol für Transport ohne Auto, sehe ich keine. Autos auch nicht.

Eine große graue Plastikwanne dient als Tauschbörse für Kleider und wird von Männern und Frauen sorgfältig durchforstet. Ein paar junge Kerle schieben eine schwere Holzkiste mit viel Kraft und Fußtritten und ohne anzuheben ratternd über das Kopfsteinpflaster bis zu den BSR-Männern in Orange. Man kann auch aus Müllentsorgung einen Sport machen. Das Gleiche passiert mit ausrangierten Tischen. Wer glaubt, dass fehlende Transportmöglichkeiten die Bewohner daran hindern, ihren Müll ordnungsgemäß los zu werden, der wird hier eines Besseren belehrt. Wo ein Wille, ist auch ein Weg, es muss nur ein Angebot da sein. 

Eine BSR-Frau im Zelt verwaltet, was abgegeben wurde: Kinderbücher, Spiele, Nippes. Zwei Frauen streiten sich höflich um eine silberne Kaffeekanne. Die eine findet eine kleine Espressokanne und entscheidet sich dafür. Es ist genug für alle da. Ein magerer Mann mit geflochtenen Haaren hat eine ganz Garnitur Teelöffel ergattert und hält sie in seiner Faust fest. Ein Mutter lädt einen ein verwitterten weißen Plastik-Gartenstuhl auf den Kinderwagen und zieht zufrieden los. Ihr etwa einjähriges Kind lernt auf den Heimweg an ihrer Hand das Laufen. 
Zwischen Zelt und Pollern, mitten auf dem Weg, hat jemand eine Badezimmergarnitur abgelegt: Kloschüssel und Waschbecken, weiß und so weit ich sehe in Ordnung.  Ich frage den bärtigen BSR-Mann mit den orangen Socken, der die Nachbarn an die richtigen Lastwagen weist, was denn jetzt damit geschieht. „Das lag schon da, als wir angefangen haben. Das dürfen wir nicht mitnehmen. Das ist Bauschutt.“, erklärt er. „Wenn wir das in die Presse werfen, dann nehmen uns die Kollegen die ganze Fuhre nicht mehr ab. Da muss eine Spezialfirma kommen und das abholen.“
Ach, einmal klappt was in Berlin und dann wird es gleich wieder kompliziert. Aber wer weiß: Vielleicht hat ja auch die solide Keramik am Ende des Tages einen neuen Liebhaber gefunden.

Stadtaffe

Uns ist langweilig. Mein Jüngster und ich hängen im Wohnzimmer rum. Er fläzt auf dem Sofa mit einem lustigen Taschenbuch, ich sitze im Sessel und scroll im Handy. Wir waren zusammen Pfingsten an der Ostsee. Jetzt sind wir zurück. Eigentlich sollten wir längst bei der Mutter sein, aber die hat sich in einer heroischen Aufopferung die Zwillinge geschnappt, die in zwei Wochen Jugendweihe haben, und ist mit ihnen an den Ku Damm gefahren, passende Anzüge kaufen. Das kann dauern. Und so sitzen wir hier auf Abruf, bis sie sich wieder auf den Rückweg machen. Aber was sollen wir tun? Der Kreuzworträtselblock ist schon bei der Zugfahrt gelöst worden, das Wortagon-Rätsel im Handy auch, alle Urlaubs-Bilder sind schon drei Mal durchgeschaut und die Serien bei TOGGO und das Hörspielkonto bei Apple sind auch schon strapaziert. Mit Süßigkeiten haben wir uns auch schon vollgestopft. Also was jetzt? Wenn einem langweilig wird, hilft die Kunst. Dafür ist sie ja da. Ich hole die Schachtel mit den Wasserfarben und den Malblock, die im Regal verstauben. Die Begeisterung für bunte Bilder hat bei meinen Großen aufgehört, seit sie aus der Grundschule raus sind. Und der Kleine macht nichts, was die Großen auch nicht mehr machen. Also muss ich mit gutem Beispiel voran gehen. Ein Portrait meines Sohnes werfe ich mit groben Strichen aufs Papier. Seit der Schule habe ich auch nur noch selten einen Pinsel angefasst. Am Ende sieht er aus wie Bert von der Sesamstraße. Aber mir gefällts.

Jetzt muss ich Modell sitzen. Gar nicht so leicht. Der junge Künstler will alle Perspektiven meines Charakterkopfes einfangen. Als er sich dann zum Malen entschließt, macht er sich nicht die Mühe, die Pinsel nach dem Anrühren der Farbe wieder gerade zu streichen, bevor er die Nuancen auf das Papier bringt. So gerät manches breiter als gewollt. Vor allem die Ohren. Die Nass-in-Nass-Technik führt zu interessanten Verläufen und Schattierungen wogegen die Bartstoppeln in drastischem Schwarz überbetont werden. Freiheit der Kunst. Mein Junge ist ernsthaft bei der Sache und erzählt, was er malt. Am Ende schaut er sein Werk kritisch an: Sieht aus wie ein Affe, sagt er. Ja, sage ich, aber die Farben gefallen mir. Wir können es „True Colours“ nennen. Damit kann er nichts anfangen. Willst du`s mitnehmen?, frage ich. Nee, sagt er, kannst du bei dir aufhängen. Ich bestehe noch auf einer Signatur. Da klingelt die Mutter durch, und wir müssen los.

Habemus cinemam


Wir haben ein neues Kino in unserem Kiez. Es ist gleich bei mir um die Ecke, in der Plantagenstraße. Wenn sie nach Berlin kommen, schauen sie mal vorbei. Denn es ist schön geworden, das neue Kino Arsenal in der renovierten Westhalle des ehemaligen Krematoriums (das jetzt zum „Silent Green“-Kulturquartier geworden ist). Geradezu umwerfend schön. Ein echtes Juwel in Berlin. Da will ich mal nicht meckern. Noch vor einem Jahr war die Halle eine Baustelle, der man die ursprüngliche Nutzung als Aufbahrungshalle für Verstorbene noch anmerkte. Jetzt ist hier ein Kinosaal entstanden, der in Berlin seinesgleichen sucht.

Foto: Vali Djordjević

Spektakulär ist auf den ersten Blick die Akustikverkleidung unter der spitz zulaufenden Decke. Es ist als hätte man eine Kulisse aus einem expressionistischen Stummfilm mit einem  Raumschiff gekreuzt. Dr. Caligari meets Raumpatroullie, um es mal für Filmfreunde zu beschreiben.

Die stramm gepolsterten Sitzreihen mit viel Beinfreiheit sollen „Zurücklehnen und aktive Teilnahme ermöglichen“, wie die künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, Stefanie Schulte Strathaus es bei der Test-Vorstellung verkündete. Also kritische Filmkunst – kein Popcorn-Kino. Deshalb ist viel schwarz-weiß auf der Leinwand zu sehen. Den Anfang machte ein iranischer Film über einen Postboten aus den 50ern. Eine Woyzeck- Adaption in der der traurige Held ständig Hanfsamen essen muss. Ich mag solche Filme. Und mit mir vielleicht hundert andere Leute, die dafür aus ganz Berlin gekommen sind. Bevor das Arsenal-Kino aufmachte war ich im Centre Français (auch bei mir um die Ecke, mit einem Kinosaal aus den 1960ern) zwei Mal in der schwarz-weißen Neuverfilmung von „Der Fremde“ und natürlich auch in „Nouvelle Vague“. Auch in schwarz-weiß. Und inzwischen auch schon wieder in „Das Mädchen mit dem Koffer“, mit Claudia Cardinale, aus den 1960ern im Arsenal. Und das geht jetzt immer so weiter. Ich hätte ständig einen Grund, mir einen schönen Abend zu machen.
Auch vor dem Kino gibt es genug Raum für schöne Abende. Durch eine Tür im Foyer kann man auf das Gelände des Silent Green und des Restaurants MARS gelangen. Eine milde Frühsommernacht empfängt mich. Und wenn man vergisst, dass man zwischen einem Krematorium und einem verlassenen Urnenfriedhof sitzt, kann man hier wunderbar unter Lampions mit Freunden den letzten Film durchquatschen.

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Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch die großzügige Unterstützung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Wolfgang Weimer. Der BKM hat sich in Berlin unbeliebt gemacht, denn er hat etwas gegen Buchläden, die er politisch für zu links hält. Aber er (oder vielleicht eher seine Vorgängerin Claudia Roth) scheint ein großes Herz für den Wedding zu haben. Unterstützung gibt es nicht nur für das neue Arsenal-Kino. Nachrichten melden auch eine Beteiligung des BKM bei dem geplanten Umbau des ehemaligen französischen Soldatenkinos L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm in ein Berliner „House of Jazz“. Mir soll’s recht sein. Dann muss ich auch meinem Kiez gar nicht mehr raus. Berlin kann so schön sein. Kommse doch mal rüber kiecken

Warum?

Von weit her schreit mich die Frau von ihrem Balkon an: „Warum?“, ruft sie und es klingt wütend. Gerade habe ich ein Foto von dem heruntergekommen Wohnblock gemacht, in deren Erdgeschoss sie mit ihrer Familie in der Sonne sitzt. Mehr Worte werden nicht gewechselt, wohl auch, weil sie wenige Worte in Deutsch kennt. Aber sie schafft es das eine Wort so auszusprechen, dass ich genau verstehe, was sie meint: Wieso nimmst du dir das Recht heraus, uns hier zu fotografieren? Warum fotografierst du dieses schäbige Haus? Und warum können wir uns nicht dagegen wehren? Ja warum? Warum fotografiere ich nicht die Schillerparksiedlung, durch die ich gerade gelaufen bin? Die ist schön, Bauhausarchitektur, UNESCO-Weltkulturerbe, warum nicht die 50er-Jahre-Siedlung nebendran? Die ist immerhin geschütztes Denkmal, leicht, luftig, mit großen Balkons. Warum habe ich erst den Fotoapparat herausgeholt, als ich in die Siedlung kam, in der die Farben verblichen waren, wo an einigen Fenstern noch die Rauchspuren von vergangenen Zimmerbränden an der Fassade sichtbar waren und die wie bunte Kinderkleckse auf der Wand verteilten, grob zugeschmierten Löcher in der schon wieder renovierungsbedürftigen Wandisolierung? Elendstourismus in die Nachbarschaft? „Es ist wegen der Farbe. Wegen pastellfarbenen Balkone unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel.“, würde ich gerne rufen. Aber das würde die Frau wohl nicht verstehen. Ich verstehs ja selber nicht. Statt dessen rufe ich „Nicht Sie, ihr Haus!“. Lösche das Bild und laufe weiter. Vielleicht sollte ich anfangen, die Menschen zu fragen und dann die Menschen zu fotografieren und nicht die Häuser. Das habe ich versucht. Aber nur so zum Spaß will das in Zeiten der deep fakes keiner mehr.

Als ich mir später in der Pizzeria die Fotos anschaue, gefallen sie mir trotzdem.

Red Skies over Paradise

Als ich abends um acht aus der U-Bahn steige, denke ich: Die Welt geht unter. Schwarzer Himmel und eine glutrote Wolke über den Häusern, so tief und so riesig, wie ein UFO. Das kann ja nicht mehr mit rechten Dingen zugehen.

Ja, der Rote Wedding macht seinem Namen alle Ehre. Und auch der Weddinger Blutmai hatte gerade wieder Jubiläum. Aber um ehrlich zu sein, denke ich vor allem an das legendäre Album von FischerZ „Red Skies over Paradise“. Ist auch ein Song über Berlin drauf. „This sore red eyes explore the room again…“ Müde Augen, die rastlos die Zimmerwände in einer Butze in Berlin absuchen? Ein Getriebener, an seiner Existenz und an Berlin leidend, diesem “island in Germany“. Wie habe ich mich mit Zwanzig danach gesehnt. Kann ich jetzt jede Nacht in meinem Zinmer in Berlin haben. Und ab heute noch mit rotem Himmel dazu. Dass ich das noch erleben darf.

Generationswechsel

Die CDU hatte immer recht: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau; Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee 1. Mai 2026

Ich bin mal wieder im falschen Film. Unter roten Fahnen aufgestellt laufe ich über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Zwischen prächtig herausgeputzten Plattenbauten, das frisch renovierte Kino „International“ und die viel besungene Mokka-Milch-Eis-Bar zur rechten und das ebenfalls grundsanierte Café Moskau zur linken, strebt die Demonstration auf das Rote Rathaus zu. Auch das „Haus der Statistik“ hat seine Zeiten als bröckelnde Ruine und Trümmer-Theater hinter sich und strahlt in frischem Weiß. Auf den Transparenten um mich herum wird der Sieg des Sozialismus und die internationale Solidarität beschworen. Junge Männer verteilen kostenlos das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“. Auf dem Alexanderplatz hieven mächtige Kräne einen neuen Wolkenkratzer aus dem Beton, höher noch und prächtiger als der Turm des Interhotel „Hotel Stadt Berlin“, das das in den 1970ern das höchste Hotel in Berlin – Hauptstadt der DDR war. Das neue Haus wird so hoch, dass es fast dem Fernsehturm Konkurrenz macht, an manchen Stellen verdeckt es ihn sogar. Hat der Sozialismus doch gesiegt? Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonn scheint ohn Unterlass. Es geht vorwärts. Ich gehe mit.

Wo bin ich? In einem besseren Land, in dem es keinen Wohnungsmangel, keine Inflation und keine Kriegsgefahr gibt? Oder bin ich hier in die Dreharbeiten für „Good bye Lenin II“ geraten? Vielleicht ist das ein Reinactment der 1. Mai-Paraden? Aber wo sind dann die Betriebskampfgruppen und die Ehrentribühne des Politbüros? Und wieso ist das Ambulatorium – eine der wichtigsten Errungenschaften jeder sozialistischen Siedlung- so heruntergekommen? Hat man vergessen die Fassade rechtzeitig für die 1. Mai-Parade zu tünchen, oder bin ich in Wirklichkeit einem Land, das kein Geld mehr hat für die Kranken?

„Zeigt eure Fahnen!“ brüllt eine junge Frau von einem Lastwagen herunter eine bunt zusammengewürfelte Truppe an, die mit den Fahnen der DGB-Gewerkschaften hinter dem Musik-Truck hertrotten. Das hat was von Love-Parade und reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich taumele an einem Stand der SPD vorbei, die wie immer die wirklichen Bedürfnisse der revolutionären Massen gut erkannt hat. Die Genossen schenken Kaffee in roten Pappbechern aus. Der bringt mich in die Gegenwart zurück. Danke, Genossen!
„Wir wollen ein schönes Leben für alle“ blökt es durch ein anderes Megafon, durch das vorher die krassesten Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt wurden. Das klingt nicht nach Klassenkampf sondern nach Bullerbü. „Wir wollen ein bezahlbares und solidarisches Neukölln“ steht bescheiden auf einem Banner. Das erinnert mich an meine Tochter, die dort wohnt und sich in ihrem Kiez nützlich macht. Ich schicke ihr ein Foto und fordere sie ironisch auf „Heraus zum 1. Mai“, wohl wissend, dass sie an ihren freien Tagen kaum um 11 Uhr aus dem Bett kommt. „Bin schon da!“ kommt es zurück „vorne links“. Und wieder glaube ich zu träumen, als ich das große Kind in roter Gewerkschaftsweste finde. Davon wusste ich gar nichts. Des Vaters Fußstapfen sind nicht so groß, dass sie hineintreten müsste, aber ich freue mich trotzdem. Brav rufe ich mit ihr und ihren Freunden „Hoch die internationale Solidarität“ und „Wir sind die Generation, die den Faschismus stoppt“. Zwischendrin fragt sie mich, warum ich mich so dick angezogen hätte und ob ich mein Gesicht gegen die Sonne geschützt hätte? Sie reicht mir die Sonnencreme Schutzfaktor 50 rüber. Es riecht nach Urlaub. Zusammen gehen wir noch über das Maifest am Marx-Engels-Forum. Aber da geht es nur noch um die Wurst. Es gibt Bratwurst von ver.di oder von der BSR oder von der IG-Metall. Aber ich fülle die Gewerkschaftskassen schon genug mit meinen Beiträgen, da muss ich mich nicht noch in die Arbeitereinheitsfront vor der Wurstbude einreihen, zumal im Hintergrund eine echtes proletarisches Schalmeienorchester quääckt. Und ich denke erleichtert, dass ich langsam aufhören kann auf Demos zu gehen und das der nächsten Generation überlassen kann.

Freigang

Von einem Freund habe ich mir gestern ein Buch über den Berliner Knast in Tegel ausgeliehen; genauer: über einen Schauspieler, der als Vollzugshelfer einen lebenslang einsitzenden Mörder regelmäßig besucht. Harter Stoff. Aber dadurch weiß ich, dass auch Gefangene eine Stunde am Tag aus ihrer Zelle raus müssen. Also rappele ich mich auf, ziehe den dicken Parka an, den ich eigentlich schon in den Schrank gehängt hatte und schleppe mich ins Café am U-Bahnhof. „Wir machen aber gleich zu.“, bekomme ich zu Begrüßung mit der Tasse Kaffee überreicht. Wieder zu spät für die schönen Dinge im Leben.

Vor dem Eingang stapeln sich die achtlos stehengelassenen E-Roller. Die Straße runter wird es auch nicht freundlicher. Der vietnamesische Blumenladen hat auch am Sonntag auf, aber die Blüten sind schon halb verwelkt und finden keinen Käufer mehr. Im Fahrradladen daneben daneben verstauben die Kinderroller und die Rennräder in der Auslage. Die braune Rampe, die es den Kunden leichter machen sollte, in den Laden zu kommen, ist wie eine Zugbrücke hochgeklappt. Lebt hier noch jemand? Den rostigen Fahrradleichen, die vor dem Laden dahingammeln, drohen ausgeblichene Zettel des Ordnungsamtes schon seit Wochen den Abtransport an. Irgendwann wir der Wind sie abreißen und niemand wird kommen.

Über der Stadt haben sich die lange angekündigten Regenwolken zusammengezogen. Es fängt an zu tröpfeln. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und sehe, wie sich auf der anderen Straßenseite die Junkies vor dem Drogenkonsumraum „Müllerstube“ dicht an die Wand. drücken, um nicht nass zu werden. Nützt aber nichts, denn jetzt fängt es richtig an, dunkel zu werden.

Und in dem Dunkel ist ein Leuchten. Als ich meinen Rundgang abbreche und durch den trommelnden Regen nach Hause einschwenke, liegt rund um einen polnischen Transporter ein neongrüner Teppich aus Ahornblüten. Wie Fronleichnam in meiner katholischen Heimat, als wir Grundschüler vor den Heiligenbildern Bilder aus Wiesenblumen legten. Auch mein Moped badet im Blütenmeer. Die Natur räumt auf und erholt sich. Mich braucht sie dafür nicht. Ich kann wieder in meine Zelle.