
Im Sprengel-Kiez muss man Zeit haben. Wer hier lebt hat wenig. Wenig Verkehr, wenig Lärm, kaum einer hat ein Auto. Dafür tun hier alle so als hätten sie viel Zeit. Es gibt es viele kleine Läden. Hier gibt es nicht viel. Hansi, der Bäcker hat nur fünf Sorten Brot im unbehandelten Holzregal. Aber dafür sind die natursauer und handgemacht. Ein Tortencafé, das Kaffee und Kuchen anbietet wie ihn die Tanten meiner Jugend zubereiteten wird von zwei jungen Frauen betrieben, die sich mit dem Abarbeiten der Bestellungen Zeit lassen. Alles wird mit betonter Sorgfalt und Umständlichkeit zubereitet. Der Laden ist trotzdem voll und die Tische stehen bis auf die Straßenecke. Ein anderes Café heißt „Göttlich“ und verspricht viele einfache Genüsse, nur keinen schnellen Service. Geboten wird vor allem allem höllisch bitterer und sündhaft teurer Kaffee auf den man auf den groben Holzbänken draußen so lange warten muss, als warte man auf ein Gespräch mit seinem Beichtvater. Beschweren ausgeschlossen: Denn das heilige Gebräu wird von einer der jungen Baristas mit einer herablassenden Geste serviert, die ich sonst nur von Priestern der katholischen Kirche kenne: Ich bin der, der das Ritual kennt und ich bin derjenige, der dich der Gnade des Abendmahls teilhaftig werden lässt. Wer will sich beschweren, wenn es um sein Seelenheil geht?
Als Mensch, der noch in irdischen Dingen gefangen ist, wird einem auch das göttliche Lachen der Gelassenen zuteil. Im Bio Laden, in den ich auf dem Weg von der Arbeit kurz hinein springe, um schnell einen Liter Milch zu holen, werde ich in meiner Hektik von einem betont entspannten Gespräch des Verkäufers mit einem Kunden gebremst. In aller Ruhe und Freundlichkeit wird über die drei Möhren und das halbe Vollkorn-Brot gesprochen, das der wohl mit dem Bio-Krämer befreundete Mann nach langem Wägen aus dem halbleeren Holzregal wählt. Natürlich ist das persönliche Gespräch wichtiger als der nackte Warentausch. Wo wäre der Mensch weniger Mensch als dort, wo er allein auf seine reine Rolle als Konsument reduziert wird? Und auch die ausgebeutete Verkäuferin, die im grellen Neonlicht zum Mindestlohn die Waren über den Scanner zieht, und keine Zeit für ein freundliches Wort mit den Menschen hat. Wollten wir das nicht alles überwinden? Ja, morgen. Jetzt habe ich es eilig und ich mache den Fehler, es auch zu sagen: „Geht das auch ein bisschen schneller, ich habs eilig?“. Die Stille, die darauf folgte, war tödlich und währte nur eine Sekunde. Dann verzog der Krämer genüsslich sein Gesicht und grinste zu seinem Kumpel rüber „Oh, da muss jemand wohl noch lernen, sich zu entspannen.“ Geruhsam führte er sein Auswahlgespräch fort und nach einer unendlich scheinenden Zeit geruhte er, mir den unverschämten Preis für die Milch von entspannt grasenden Kühen (mit Hörnern, wie mir das Etikett versicherte) abzuverlangen.
Der früh verstorbene Satiriker Wiglaf Droste vermutete schon vor der Jahrtausendwende, dass die Langsamkeit der Menschen in den Bio-Läden daher komme, dass die gesunde Kost, die dort angeboten wird halt doch nicht so viel Energie verleihe, wie von Ihren Anhängern ständig mantraartig gepriesen wird. In jener Zeit wollte man aber immerhin noch die Entschleunigung für alle (ich weiß das noch genau, denn ich war Mitglied im Öko-Coop „Wurzelwerk“) Jetzt ist die Langsamkeit nur noch eine schnöselige Attitüde derer, die zeigen wollen, dass sie es nicht nötig haben, im Hamsterrad zu laufen – und trotzdem dauernd Kaffee trinken.
Meinen nächsten Kaffee trinke ich wieder bei Edeka in der Müllerstraße. Da ist der Kaffee dünn und es ist laut und hektisch. Aber man bekommt ihn sofort und alles zusammen ist belebender als das geweihte Koffein aus dem Sprengel-Kiez. (Und die gleiche Bio-Milch ist bei Edeka einen Euro billiger).





































