„Beginne mit einer Explosion…“

„…und steigere dich dann langsam.“ Das ist angeblich das Rezept, nach dem Hollywood- Blockbuster gedreht werden. Filme, die sich die Menschen anschauen, um ihr wirkliches Leben für eine Weile zu vergessen.

Das wirkliche Leben beginnt nämlich langsam, morgens um Drei, wenn mein Jüngster mit kalten Füßen in mein Bett krabbelt und ich schweigend, aber beharrlich beginne,  um meinen Teil der Bettdecke zu kämpfen. Einer der vielen vergeblichen Kämpfe von denen der kommende Tag voll sein wird. Das wird spätestens um Sechs klar, wenn die ein Meter breite Matratze dann für vier Kerle reichen muss, von denen einer angeblich der Erziehungsberechtigte ist. Einer gegen Drei, das ist nicht fair. Aber so ist das Leben, das wirkliche. Es klappt einigermaßen, wenn die Burschen gut gelaunt sind. Aber wenn schon beim Frühstück der Übermut so groß ist, dass die startenden Düsenflieger über unserem Haus übertönt werden, dann heißt das nichts Gutes.

Und doch ist es uns am Abend wieder gelungen, den Tag mit seiner Serie von Dreikämpfen (Frühstück-Zähneputzen-Anziehen; Spielplatz-Kinderbauernhof-Bioladen; Schuhe aus- Hände waschen – Abendessen) so weit durchzustehen, dass ich zumindest nicht durch technisches Ko ausgeschieden bin. Die gegnerische Mannschaft hat zumindest so viel Kraft verschwendet, dass die Bratkartoffeln mit Begeisterung begrüßt werden und alle tatsächlich mit den Würstchen warten, bis der Vater den Ketchup aus dem Kühlschrank geholt hat.

Es ist ein Augenblick höchster Konzentration. Vor zwei Wochen hatten die unbedachten Kinderhändchen den Verschluss der Ketchupflasche gelöst, bevor der Vater mit kräftiger Hand mit dem Schütteln des zähen Safts begann. Eine halbe Flasche rote Tunke auf dem Fußboden und ein johlendes, minderjähriges Publikum hatten dem Abend eine unangenehme Wendung gegeben. Die mulitmedial gebildete Jugend hatte augenblicklich alle schadenfrohen Zitate aus „Meister Eder und sein Pumuckl“ parat, die um listig aufgedrehte Wasserhähne, ausgeschüttete Leimtöpfe oder ähnliches kursierten. Der Abend wurde lang.  Und für einen solchen langen Abend wird meine Kraft heute nicht mehr reichen. Immerhin erlebe ich diese Abenteuer in einem Alter, in dem mein Vater die Tage zu seinem Vorruhestand zählte.

Mit sicherer Geste prüfe ich den Verschluss, ziehe ihn noch mal extra fest und schüttele… Alles gut.  Zumindest dieser Abend würde auf dem gewünschten Gleis Richtung Zähneputzen-Sandmännchen-Gute Nacht Geschichte laufen. Aber die Filme aus Hollywood sind doch nicht so weit weg vom Leben, wie ich gedacht hatte. Niemand hatte schließlich gesagt, dass die Explosion am Anfang des Tages passieren muss. Der Film beginnt einfach in dem Moment, an dem irgendetwas in die Luft fliegt.
Und der Moment ist jetzt!
Als ich die Ketchupflasche aufschraube knallt der Verschluss wie ein Champagnerkorken in Richtung Decke. Und hinterdrein, gut aufgeschäumt, eine halbe Flasche fein vergorener Tomatensaft. Augenblicklich weiß ich, welcher Film hier läuft. Es ist ein Splatter-Movie.
Die Küche hat sich in ein Schlachthaus verwandelt, ich mich in einen Zombie und die Kinder sehen schrecklicher aus als vorgestern in ihren Halloween-Kostümen. Immerhin: Niemand ist wirklich verletzt, die Flasche war heil geblieben. Aber für einen optischen Schock hat es gereicht.
Was mich aber am meisten überrascht, ist die Ruhe. Nicht, dass tatsächlich Stille eingekehrt wäre an unserem Küchentisch, im Gegenteil. Es war als hätte ich an einem Kindergeburtstag ein Tischfeuerwerk gezündet. Die mit roten Flecken überzogenen Kinder rezitierten mit sich überschlagenden Stimmen wieder und wieder den Satz schieren Erstaunens, der mir eine Sekunde nach dem Knall entfahren sein muss und den ich hier aus Gründen der Selbstachtung nicht wiedergebe.
Es war die Ruhe in mir, die mich erstaunte. Es war mir völlig klar, dass ich in den nächsten zwei Stunden die kreischende Bande waschen, umziehen und  ins Bett bringen und gleichzeitig die gesamte Küche und alles, was sich darin befand einmal abwaschen musste, wenn ich nicht die nächsten Wochen mit Renovierungsarbeiten oder die Nacht mit immer lauter werdenden Ordnungsrufen im Kinderzimmer verbringen wollte – und es war mir klar, dass ich das tatsächlich schaffen würde.

Es ist jetzt kurz vor Zehn, in der  Waschmaschine läuft eine Trommel Kinderkleider mit dem Programm „Intensiv“, die Jungs haben brav ihre Würstchen aufgegessen, das Geschirr abgewaschen und schlafen seit einer Stunde. Ich weiß  jetzt ungefähr, wie sich die Trümmerfrauen gefühlt haben müssen aber weiß noch nicht, ob ich heute Nacht ein Auge zubekommen werde. Doch das ist alles egal:
Ich wollte immer ein Leben leben wie im Film.

 

 

 

Knietief in der Kohle

F 60

Als ich die Plakate von „Gundermann“ sah, dachte ich: Ach wieder so ne Ostrockband auf der nimmerendenen Tour durch die „Gib uns unsere Jugend wieder“-Festivals jenseits der Elbe. So wie die Phudys, Keimzeit oder City. Von Gundermann hatte ich mal was gehört, nie ein Lied, nur die Geschichte: Baggerfahrer in der Braunkohle,  depressive Lieder für hoffnungslose Leute und so weiter. Nix was mich anging, dachte ich.

War aber kein Konzert, denn Gundermann ist, was ich auch nicht wusste, schon lange tot. War Werbung für einen Film, noch dazu für einen von Andreas Dresen, den ich ja besonders liebe, schon seit „Stilles Land“. Und als ich den Film, natürlich im Kino International an der Karl-Marx-Allee, dem Prachtkino der DDR, dem mit dem riesigen Foyer, in dem man so herrlich melancholisch die Abenddämmerung über dem Cafe Moskau mit seinem kleinen Sputnik und den denkmalgeschützen Plattenbauten aufsteigen sehen kann, angeschaut hatte, war ich rettungslos verloren. Ich meine: Dresen schafft es ja jedes Mal, dass ich mich in seine orientierungslosen Helden verliebe. Aber diesmal, mit diesem tolpatschigen Gundermann, der immer im falschen Moment aufrecht ist und dann wenn er mutig sein sollte, die besten Freunde verrät, der sich nicht entscheiden kann, ob er jetzt Künstler sein will, oder Bergmann wie sein Vater und der deshalb beides macht, malochen und singen, der Zeilen raushaut wie „Ich schau jeden Morgen in den Spiegel, damit ich mir mein Leben glaube.“, mit diesem Gundermann hat er mich voll erwischt.

Und während sich die Baumhausmenschen im Westen gegen die Bagger der RWE stemmten, versank ich tief im Osten in einem Braunkohlesumpf . Der Film hatte mich nicht nur dazu gebracht, nächtelang Gundermanns Balladen zu hören, bis vor lauter Schwermut die Welt um mich herum versank, er hatte auch an eine alte Saite in mir zum Klingen gebracht: Meine alte Faszination für alles, was im Osten qualmte.
Denn während ich im Westen so öko war, dass ich mit Stolz die abgelatschte Birkenstocksandale auch im juristischen Seminar trug,  wusste ich doch aus den Fahrten mit meinem Vater, der mich in seinem LKW in die Fabriken von Leverkusen bis Essen mitgenommen hatte, dass es hinter meiner grünen Fahrrad-Windrad-Komposthaufen-Utopie noch eine andere Welt gab. Die Welt der Kraftwerke, der Chemie-Komplexe und der Schwerindustrie. Und am schwersten war sie im Osten. Man konnte sie riechen wenn man auf der Transit-Autobahn nach West-Berlin fuhr, man konnte sie sehen, wenn man den Interzonenzug über Eisenach nahm, der an den riesigen, rostbraunen Leuna-Werken vorbeischlich.  Das war was anderes als das, was ich kannte. Die großen Werke im Westen hatten eine saubere Fassade und Filter im Schornstein, die den gröbsten Dreck zurück hielten. Im Osten war alles alt, ungeschminkt, ehrlich, brutal und kurz davor, zusammenzubrechen. Und wenn mich etwas noch mehr faszinierte als luftig-grüne Zukunftsvisionen, dann war das die Vorstellung, etwas Altes, von niemandem Geschätztes vor dem Untergang zu retten.
Kaum war die Mauer auf, machte ich rüber. Als gelernter Krankenpfleger war es damals leicht, eine Stelle zu bekommen. In Leipzig lernte ich Annette kennen, eine Jura-Studentin die vorher in der „Produktion“ gearbeitet hatte, auf einem Braunkohlebagger als Klappenschläger – was immer das war. Ich war fasziniert. Eine Jura-Studentin, die ehrliche Arbeit kannte hatte ich in Heidelberg noch nicht getroffen. Sie stellte mich ihrem Vater vor, der gerade als Ingenieur im Tagebau in den Vorruhestand geschickt worden war. Ich ließ nicht locker, bis er mich durch die abgrundtiefen Löcher in der Lausitz führte. So oft, dass er irgendwann sagte, er müsse aufhören, weil es  zu schmerzhaft für ihn sei.

Aber das Thema Kohle kam immer wieder, sei es dass wir in unserer ersten, natürlich Ostberliner, Wohnung mit Brikett heizen mussten, was ich romantisch fand, bis auf die Tatsache, dass die Bude nie warm wurde und unsere Tochter von einer Bronchitis zur nächsten Mittelohrentzündung taumelte, bis die Mutter, was damals noch möglich war, von einem Tag auf den anderen eine neue, zentralbeheizte Wohnung an Land zog  – wohl auch wegen der Ratten im Kohlenkeller, sei es, dass mich ein Bekannter aus dem Dessauer Bauhaus in die aufgelassenen Gruben um Gräfenhainichen führte und vor der kargen Wüstenlandschaft, in der noch ein paar rostige Bagger standen, von seinem Projekt schwärmte, bei dem aus den alten Baggern eine Kulisse für eine Open-Air-Bühne inmitten einer Seenlandschaft von gefluteten Tagebaulöchern entstehen würde. „Industrielles Gartenreich“ nannte er das. Ich hielt das für eine typische spinnerte Idee junger Kreativer, die nichts von der wirklichen Welt wissen. Vor zwei Monaten war ich, umrundet von mächtigen Schaufelrädern, zu einem Konzert in dem Areal, das jetzt „Ferropolis“ heißt.

Und als mich ein Freund, mitten in meinem Gundermann-Blues, zu einer Motorradtour einlud, ging es natürlich zur „F 60“, einer schwindelerregend hohen Förderbrücke, einem gigantischen, filigranen Meisterwerk der Ingenieurskunst, das man nach der Wende aus einem Tagebau gerettet hat. Kaum waren wir vom Wind zerzaust zurück in Berlin, versuchten wir uns in seiner Stammkneipe „Idyll“ etwas aufzuwärmen. Und kaum hatten wir dem Wirt erzählt, wo wir waren, fing er an, von seiner Jugend zu erzählen. Die gefährlichen Wintereinsätze, zu denen er als Soldat auf eine F 60 abkommandiert wurde, Einsätze bei denen es viele Tote gab. Und als er es so erzählt, denke ich, dass ich keinem Bergmann in der Lausitz oder in Hambach ins Gesicht sagen könnte, dass ich seine Arbeit am liebsten von heute auf morgen stillegen möchte.

Als ich aus der Kneipe rauskomme, klingelt das Telefon. Annette ist dran. „Du, hast du Gundermann gesehen? Ich musste ja so an dich denken. Wie du mit meinem Vater rumgeklettert bist. Ich weiß ja bis heute nicht, was du damals in der Kohle gesucht hast.“

 

 

 

Keine Ruhe in Berlin

BND

Nur raus hier! Raus aus dem Gedrängel zwischen Paketauto und Bierkutscher, zwischen den PS-protzenden Jungtürken und den orientierungslosen Touristenkisten aus NRW. Runter von der lauten und engen Chausseestraße. Zehn Radfahrer hat es dieses Jahr in Berlin schon erwischt. Ich will nicht der nächste sein. Rein in eine ruhige Seitenstraße. Und am besten erst einmal eine Pause und einen Kaffee. Das Café „Du und Ich“ ist zwar nur halb so hip wie die mit den englischen Namen auf der Touristenmeile, aber hier ist Ruhe. Und das brauche ich jetzt.

Es dauert eine Weile, bis die aufgepeitschten Nerven in der Lage sind das Umfeld wahrzunehmen. Und mein Kaffee ist schon fast alle, als ich das Auto sehe. Ein völlig ausgebranntes Auto in einer Parkbucht auf der anderen Straßenseite. Ey, denk ich, Autos abfackeln ist doch schon seit fünf Jahren out. Oder ist das jetzt schon wieder in und ich hab was verpasst? In Berlin wechseln ja die Moden ständig. Und als ich so schaue, merke ich, vor welchem Haus das Wrack steht. Vor der neuen Zentrale des Bösen, dem Bayern-Import aus Pullach: der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. „Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung“ steht mit eisernen Lettern an der Tür. Ach, denke ich mir , so was lernt man jetzt also als Azubi beim BND. Andere feilen im ersten Lehrjahr ein Eisenstück bis es passt und gehen Bier holen. Und die BND-Stifte hier müssen lernen, wie man mal schnell ein Auto abfackelt, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Welcher radikalen Gruppe man das später in die Schuhe schiebt, das kommt dann erst im dritten Lehrjahr. So wie das „Celler Loch“, das die Kollegen vom Verfassungsschutz in den Achzigern in eine Gefängnismauer sprengten. Aber das war wohl schon ein richtiges Gesellenstück.

Aber nein, es ist viel schlimmer als ich es mir mit meinen altbackenen Verschwörungstheorien zurecht lege. Denn im Kofferraum des Wracks liegen Flugblätter.

flugis

„Wir bleiben wohnen“ steht da drauf.  Ich sprinte nach Hause, um meine Kamera zu holen und schaue schnell bei Google nach, was es mit dem Brand auf sich hat.

Die Berliner Woche, ein kostenloses Anzeigenblättchen, hat als einzige Zeitung recherchiert und der Angstspeicher in meinem Hirn bekommt ein Update. Wenn ich mich bisher vom allmächtigen Staat bedroht fühlte, weiß ich jetzt, dass heute andere Gruppen die Einschüchterung von wehrhaften Bürgern übernehmen. Das Auto gehörte dem Vorsitzenden einer Mieterinitiative. Die Mieter des schmucklosen Plattenbaus gegenüber dem BND wehren sich seit langem gegen Mieterhöhungen und seit einigen Monaten gegen den Abriss ihres Hauses. Die Hauseigentümer sind Brüder aus einer libanesischen Großfamilie. Diese Familien waren zuletzt in den Schlagzeilen, weil sie sich auf offener Straße bekriegen und erschießen. Und was tut der Senat? Er erteilt den Brüdern, laut Zeitungsbericht, sogar die Abrissgenehmigung für das Haus mit den mutigen Mietern.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich älter werde. Ich habe nichts mehr gegen einen starken Staat. Aber könnte man nicht die 8000 Mitarbeiter des BND umschulen in Mitarbeiter für Mieterschutz? Ein Weiterbildungszentrum wäre ja schon da.

Vor dem Sturm II

Am Tag der Einheit herrscht Ruhe in meinem Kietz. Auch ich hab ich nicht viel getan. Aber für eine Runde um den Block hat’s gereicht. Diesmal habe ich die schöne Seite meines Viertels gewählt – die zum Park hin. Goldenes Herbstlicht, milde Luft, wenig Leute- so ist es sogar in Berlin Wedding schön, wenn man’s mag.

Old man (take a look on my life)

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© Peterdomenie.com

 

Wir sind am Räuberrad verabredet, das jetzt wieder vor der Volksbühne steht. Ich bin pünktlich, aber er ist nicht da. Also warte ich. Es ist einer der Herbsttage, die noch so warm sind, dass die Leute im Schein der Laternen und Restaurants auf den Straßen flanieren. Ich lehne mich auf mein Fahrrad und schaue ihnen dabei zu. Gerade als ich nach meinem Telefon greifen will, klingelt es. „Wo bist du?“, fragt er gut gelaunt. „Vor dem Räuberrad, auf der Seite vom Babylon, seit einer Viertelstunde. „Siehst du, ich bin auf der anderen Seite, am Theater, auch seit einer Viertelstunde, ich komm rüber.“ Kein Gemecker, keine Vorwürfe. Es ist eine Freude, sich mit ihm zu verabreden.
Wir wollen Essen gehen und laufen die Rosa-Luxemburg-Straße runter, die verdammt schick geworden ist. Als wir  gleich zwei asiatische Restaurants finden schließt er unsere Räder zusammen und wir gehen in das, was weniger laut ist. Er weiß, dass ich schlecht höre, und wir haben uns viel zu erzählen.

Nach dem Geplänkel und Gestöhne über die Arbeit kommt die Nudelsuppe und erstmal ist Ruhe.  Wir haben die Schalen noch nicht halb geschafft, da seufzt er, richtet sich auf, drückt das Kreuz tief durch und sagt „Jetzt kann ich mich entspannen.“ Seit Tagen hat er Angst gehabt, sagt er, vor einem Gespräch mit seinem Sohn, den ich immer den „schönen Ronny“ nenne und der genau einen Tag älter ist als meine große Tochter. Wir Väter kennen uns seit dem Geburtsvorbereitungskurs im Frauenzentrum in Friedrichshain. Weiß gar nicht, ob es das noch gibt?  Der schöne Sohn jedenfalls, dieser Liebling der Götter und des Vaters,  hatte die Ausbildung geschmissen, war in der Clubszene abgetaucht und irgendwas mit Drogen war auch. Ich kenne das Drama seit Jahren und er kennt das Drama um meine Söhne. Jetzt also das Gespräch und ein Funken Hoffnung. Eine neue Ausbildung, Schluss mit den Clubs, eine neue Freundin, ein Lichtblick am Horizont. Und deswegen auch unser Treffen heute: um die Erleichterung zu feiern, die Freude zu teilen und sich ein „jetzt hat er bestimmt die Kurve gekriegt“ abzuholen. Er hat mich eingeladen.

Die Suppe ist leer und ich hab Hummeln im Hintern. Es ist nicht leicht, ihm die ganze Zeit zuzuhören. Wir laufen noch ein bisschen die Straße runter und ich hoffe, dass er nicht wieder von seinen Bandscheiben anfängt oder von irgendeiner Wunderkur. Ich schlage vor zu einem der edlen Läden zu gehen, den ich schon bei unserer Ankunft aus den Augenwinkeln bemerkt hatte. Wir bestaunen stumm die angesagten Latexkleider und Corsagen. „Ich möcht mal wissen wer das kauft“, sagt er mit der Unbefangenheit eines Bauernjungen. Dabei kommt er aus Hamburg. Die Mädels, die in die Clubs reinkommen wollen, in denen dein Sohn die Dekos gemacht hat, antworte ich ihm. „Ach ja, warst schon mal in so Latexläden, du magst das“, kommt beiläufig von der Seite. Ja, sag ich halb ertappt und halb stolz: ich hab schon einiges ausprobiert – und frage mich nebenher, woher er das weiß? Wir haben in all den Jahren über alles gesprochen, wirklich alles. Dinge, über die sich Männer sonst nicht unterhalten – nur nicht über Sex. Wahrscheinlich weil meine Freundin mal seine Freundin war. Und als sie nicht mehr meine Freundin war, war wieder seine Freundin wurde. War böse, ist aber lange her. Wenn man nach sowas Freunde bleiben will, verbieten sich bestimmte Themen.

„Was hat dir denn daran gefallen?, fragt er als rede er von einer längst vergangenen Zeit, einer Art von Leidenschaft, die lange hinter uns liegt. Der Geruch, sage ich, wenn es wirklich Latex ist, dann riecht es wie ein Fahrradschlauch. Er grient zu mir rüber. „Ach deswegen fährst du so gerne Fahrrad“. Ich grinse zurück: Nein, ich mag es wenn es im Bett nach Fahrrad riecht. „Weißt du was“, sagt er, ich bin richtig froh, dass einen das alles nicht mehr so spitz macht wie früher. Seitdem geht das mit den Frauen viel leichter.“ Sagt’s und verabschiedet sich zu seiner neuen Freundin. Ich hab ihren Namen vergessen. Irgendwas mit D am Anfang. Es waren zu viele in den Jahren, seit er sich von der Mutter seiner Kinder getrennt hat . Aber ich wünsche ihm wirklich, dass es diesmal etwas für länger ist.

Als er weg ist, frage ich mich, wann meine Finger das letzte Mal nach Fahrradschlauch gerochen haben. Eigentlich gar nicht mehr, seit ich die dicken Reifen aufgezogen habe, durch die kein Stachel mehr durchkommt.

Im Baggerloch

wirsindmehr

Als das am Wochenende mit den Nazis in Chemnitz hochkochte, da habe ich zusammen mit 10 000en „Nazis raus!“ gebrüllt. Hat nur keiner gehört. Denn wir standen in einem alten Braunkohle-Tagebau-Loch irgendwo im Osten.  Ich, mein Freund und die anderen guten Deutschen. Rund um uns alte Bagger. Und vorne die Toten Hosen. Sie erzählten uns, dass sie am Montag in Chemitz spielen würden. Und das wir alle kommen sollten. Und alle haben gejohlt. Und dann gab’s noch ne Zugabe, und dann haben alle ihre Pfandbecher abgegeben, sind zum Parkplatz gegangen, zu ihren Klein- und Mittelklassewagen, viele ziemlich neu und gut gepflegt, und sind weggefahren. Wir hatten unsern Spaß gehabt, noch mal gezeigt, dass wir die Wilden waren und jetzt ging das Leben weiter.

Mein Freund und ich, wir haben in unserem gemieteten Transporter geschlafen und weil es so schweinekalt war, machte ich mir warme Gedanken. Dass ich am Montag auch nach Chemitz fahren würde. Einfach im Büro anrufen: Chef, ich bin jetzt da, wo du auch sein solltest. Heldenträume. Und als wir am Morgen die Schiebetür aufmachten, schien die Sonne und der Parkplatz war nur für uns da. War schön. Beim Frühstück an der Tanke sagte mein Freund, dass er den Bus um drei in Berlin wieder zurück geben müsste, und ich dachte, dass ich am Montag ganz sicher im Büro gebraucht würde, wegen der einen wichtigen Sache, an der wir die ganze Woche gearbeitet hatten. Und so sind wir zurück gefahren nach Berlin. Ich legte mich in die Wanne um den Kohlestaub und die wilden Gedanken einzuweichen und dachte: Montag, das wird ein Dankeschön-Konzert für die paar Antifa-Hanseln, die da schon die ganzen Tage sind.

Am Montag war ich dann im Büro und die wichige Sache war gar nicht mehr so wichtig. Wichtig war nur, dass alle meine guten Deutschen, denen ich das gar nich zugetraut hatte,  in Chemnitz waren. Da hab ich mich ein bisschen geschämt, aber froh war ich auch, dass so viele da waren, in Chemitz. Und Campino hat im Radio gesagt, dass er nur ein Musiker sei, dass er tue, was er könne. Aber er singe jetzt schon seit 30 Jahren gegen die Nazis, und das können doch nicht alles sein, die Musik gegen rechts. Da müsse doch jetzt mal was von anderen kommen. Er klang ein wenig müde. Campino ist so alt wie ich. Und zwei Tote Hosen-Konzerte in drei  Tagen hätt auch ich nicht durchgehalten.

 

 

Zusammenrücken

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Wenige Tage nachdem ich in meine neue Wohnung eingezogen war, hatte ich einen seltsamen Traum. Zwei dunkle Wesen standen pötzlich in meinem Schlafzimmer und betrachteten mich. Sie waren nicht zufrieden mit mir, das spürte ich deutlich. Die Präsenz war so real, dass ich fühlte, wie sie mich anfassten… in Panik wachte ich auf. Ich brauchte eine Weile, bis ich merkte, dass da niemand war, packte meine Sachen und schlief im Wohnzimmer. Vorsichtshalber ließ ich das Licht an. In der nächsten Nacht der gleiche Traum, diesmal mit nur einem Besucher. Danach war ich bereit auszuziehen.

Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Wohnung.  Hatte nicht die Nachbarin erzählt, dass die Wohnung , obwohl frisch renoviert, unverständlicher Weise viele Jahre leer gestanden hatte? War es nicht sowieso seltsam, dass es keinen anderen Bewerber auf dieses Schmuckstück gegeben hatte und die Vermieterin sofort bereit war, mir einen weiteren Besichtigungstermin zu geben, nachdem ich den ersten verpasst hatte? Und das in Berlin, wo sich auf jede Wohnung hunderte bewerben? Ging es hier mit rechten Dingen zu? Hatte nicht die Frau unter mir, die schon seit vielen Jahren hier lebt und  neun Katzen hat, neulich  so verräterisch freundlich gelächelt, als sie mich sah? Das konnte alles kein Zufall sein. Es hätte mich nicht gewundert, wenn an den frisch geweißelten Wänden plötzlich ein Blutfleck aufgeschienen wäre oder ich die Stimme eines Geistes gehört hätte, der mir davon berichtete, wie er hier qualvoll zu Tode gekommen war; ein ungesühntes Verbrechen, das alle Bewohner dieser Wohnung dazu verdammte, hier ihr Unglück zu finden. Dabei habe ich noch nie ein Buch von Steven King gelesen und über das Gespenst von Canterville herzlich gelacht.
Eine Freundin, die ich dazu ins Vertrauen zog, riet mir einen Schamanen zu holen. Sie sei in eine Wohnung gezogen, in der sie nicht habe schlafen können. Der Schamane habe herausgefunden, dass zuvor ein Paar mit einer schlechten, verlogenen Beziehung in den Räumen gewohnt hätte. Der kundige Mann habe seine Rituale vollzogen und seitdem schlafe sie wieder gut. Sie gab mir seine Adresse.

Nun leben wir im 21. Jahrhundert, und wiewohl ich den Schamanismus für eine wirkmächtige Tradition halte, die tiefe Schichten der Seele zu erreichen vermag, suchte ich doch lieber nach einer Erklärung, die ich mit dem Verstand einigermaßen nachvollziehen konnte. Dabei kam mir eines Tages das Wort „Wohnraumbewirtschaftungsgesetz“ in den Kopf. Das mag nun einigen Menschen seltsamer vorkommen als ein Traum von verdammten Seelen und ungesühnten Verbrechen. Aber ich hab nun mal sieben Jahre meines Lebens den Rechtswissenschaften geopfert, und Juristen denken manchmal solche Worte. Ich schaute nach, und dieses Gesetz gab es wirklich. Es wurde 1953 erlassen, und erlaubte es den Behörden bei Wohnungsnot, Menschen in Wohnungen einzuweisen, in denen schon andere Menschen leben. Gleich kamen mir die Erzählungen meines Vaters in Erinnerung, der als schlesischer Flüchtling bei einer ostfrisischen Bauernfamilie eingewiesen worden war, die ihm das Leben schwer machte. Oder die Szene aus „Schindlers Liste“ als die vertriebene Familie im Warschauer Ghetto in eine kleine Wohnung eingewiesen wird, in der dann plötzlich noch eine vielköpfige Familie galizischer Juden in der Tür steht. So langsam kam ich meinem Unterbewußtsein auf die Schliche: Ich wurde nicht von bösen Geistern heimgesucht, ich hatte ein schlechtes Gewissen. Drei Jahre war ich in einer kleinen 1-Zimmer Wohnung prima klar gekomen. Nur wenn meine Jungs kamen, wurde es etwas eng. Und jetzt gönnte ich mir den Luxus von viel Platz in hellen Räumen, einem eigenen Zimmer für die Kinder, die nur wenige Tage im Monat da sind. Ist das nicht ein bisschen feist, in Zeiten in denen so viele eine Wohnung suchen? Sollten wir nicht alle ein wenig zusammenrücken?

Ja, sollten wir. Heute parkte ein bis unters Dach vollgestopfter Citroen Berlingo vor meiner Tür ein. Die Fahrerin brauchte drei Anläufe, aber dann stieg sie stolz mit roten Backen aus und umarmte mich. Meine große Tochter ist mit dem Bachelor fertig. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat sie im März ein Praktikum und bis dahin weiß sie nicht so recht was machen und wohin.  Und was macht man als guter Vater? Man trägt die Kartons, in denen sich vor allem ungezählte Paar Schuhe in unterschiedlichen Phasen des Zerfalls befinden, brav nach oben in mein größtes Zimmer, den schweren Futon hinterher und die roten Ölfässser, die der Vater in seinen wilden Zeiten zu einem Schreibtisch zersägt hatte und die von der Tochter in Ehren gehalten werden.  Ich hoffe, dass mich die mißgünstigen bösen Geister jetzt in Frieden lassen. Ruhiger wird es wohl trotzdem nicht werden, in meinem Zuhause .