Kurz und schmerzlos

Ist es ein Verbrechen in diesen Zeiten eine Geschichte über einen Friseurbesuch zu schreiben? Oder ein Gedicht über Bäume? Wo doch die Welt wie wir sie kennen bald untergehen wird. (Obwohl ich die Welt, die dann untergeht, ja nie richtig gekannt habe, weshalb ich ja seit Jahren diesen Blog schreibe, um ungefähr zu verstehen, was um mich herum an Unverständlichem geschieht.) Wo wir doch bald so arm sein werden, dass wir uns bestenfalls alle wieder gegenseitig die Haare schneiden werden, wenn wir denn noch eine scharfe Schere und genug warmes Wasser haben.
Ich finde ja! Solange es noch geht, will ich auf dem Vulkan tanzen, bevor er erlischt, will im Luxus schwelgen und in jungen Männern baden, die mich freundlich nach meinem Befinden fragen, mich mit Ihrem Geplapper und dem Geklapper ihrer Scheren erfreuen. Will neue Geschichten aus Paläestina oder Syrien hören, eine Tasse arabischen Kaffees dabei trinken, um danach in Rosenwasserwolken gehüllt auf die Straße zu treten und für einen Moment mit meiner neuen Schönheit und mit meinem meinen neuen Duft gegen den grauen Häuserblock anstinken – und mich dabei noch großartig und gönnerhaft fühlen, weil in den 15 Euro, die ich auf den Tresen gelegt habe, schon fünf Euro Trinkgeld drin waren. Ja, das will ich, solange ich noch einen Cent in der Tasche habe und wenn ich danach eine Woche Steckrübensuppe essen muss (wenns die noch gibt).

Aber stirbt nicht die Welt, die wir kennen schon jetzt jeden Tag ein bisschen? Ist es nicht bitter zu erfahren, dass wir schon jetzt auf jedem Schritt vom Tode und Vergänglichkeit umfangen sind? Als ich an die Tür meines Friseursalons “Alanya“ klopfe, wird mir nicht aufgemacht. Durch die gläserne Tür sehe ich verpacktes Mobiliar in einem dunklen, menschenleeren Raum. Es ist vorbei mit den Habibis. Es konnte ja nicht gut gehen mit einem Laden, in dem immer mehr gutfrisierte Friseure herumstanden als Kunden hereinkamen. Wirklich schade, ich habe sie alle gemocht, auch wenn jedes Mal ein anderer Haarkünstler sich an mir versucht hat und der Arabipop aus den Fernsehen manchmal nervte. Aber im Wedding macht gefühlt jeden Monat ein Friseurladen zu und ein anderer um die Ecke neu auf. Deswegen ist meine Trauer so kurz wie der Weg von der Seitenstraße zur Hauptstraße. Etwas Altes vergeht, damit etwas Neues entsteht. So sind die ewigen Gesetze, die auch mein Yogalehrer mich lehrt. Das Neue hat sich einen großen Friseursalon aus den 1960er Jahren ausgesucht, der lange leer stand. Er nennt sich jetzt „Hung Style“. Das ist wenig Vertrauen erweckend. Will ich meine Haare tatsächlich “nach Art des Gehängten“ frisieren lassen? Oder gut abgehangen, wie das früher hieß (aber beim Metzger).

Hm, wie immer siegt die Neugier über die Zweifel, und ich drücke den großzügigen Türknauf aus Messing, der von vergangenen, bessern Zeiten übrig geblieben ist. Auch drinnen hat sich das Flair der Wirtschaftswunderzeit erhalten. Der Salon ist riesig und vor meinem Auge sehe ich die Reihen mit Frisierhauben, die einen Höllenlärm machen, während sie die Dauerwellen von Frauen, deren Trevira-Kostüme von geblümten Nylon-Umhängen verdeckt werden vor der Kommunion oder anderen großen Festen wieder in Form bringen. Es riecht nach Haarfestiger von Wella und heißem Tantenhaar.

Doch das ist nur eine Erinnerung. Der Salon, den ich jetzt betrete ist leer bis auf eine einzelne Dame, weit hinten im Raum und einem kleinen, drahtigen Mann, der mir das einzige Wort entgegenschleudert, das er in der für ihn fremden Sprache zu kennen scheint: “Maschinesnitt?“ bellt er mehr als dass er fragt. Und als ich nicke weist er mich auf einen dicken, soliden Friseursessel aus den alten Zeiten. Und ich sage “9 Millimeter“. Fünf Minuten später ist er präzise ein paar Mal mit der surrenden Maschine um meinen Kopf gekreist, hat kein Wort verloren, hat noch mal im Nacken nachgearbeitet und löst den Knoten meines Frisierumhangs an meinem Hals. Ich deute auf meine Augenbrauen. Er geht schnell mit der Maschine drüber. Nach einem Spiegel für die Kontrolle von hinten, nach Rosenwasser und freundlichen Worten wage ich gar nicht mehr zu fragen. Wortlos zahle ich die 10 Euro, die im Display der Kasse erscheinen und bin wieder draußen. Das war kein Genuss. So ähnlich stelle ich mir den Friseur in einem Gefängnis vor.
Das süße Leben ist wohl vorbei. Es stehen mir harte Zeiten bevor.

Coming home

Am Spreeufer gegenüber dem Hauptbahnhof tanzen sie Südamerikanisches. Am Humboldthafen haben ein paar Junge Gitarre und Saxophon ausgepackt und dudeln entspannt vor sich hin. Am Nordhafen sind am alten Speicherhaus endlich die Gerüste gefallen. Sieht aus wie aus dem Ei gepellt. Auf meiner Seite des Hafens liegen sie alle auf dem schmalen Uferstreifen und lassen die Sonne untergehen. Zwischen den Bäumen hat jemand Luftballons aufgehängt, die zusammen das Wort “Party“ ergeben. Ein elektrischer Verstärker wummert Elektrisches. Junge Frauen mit Kopftuch sitzen auf einer Parkbank und rauchen Shisha. Unter der neuen S-Bahn-Brücke haben ein paar Obdachlose ein solides Zuhause errichtet. Sie sichern es für die Nacht. In der Tegler Straße klingt lautes Stimmengewirr aus den Cafés und von den Terassen der Kneipen. Im alten Parkhaus an der Luxemburger brennen schon die fahlen Neonlichter. Im dunkeln „Klein Zaches“ haben sich die Raucher vor dem milden Sommerwendabend versteckt. Auf der Seestraße rumpeln die Straßenbahnen. Ich warte auf die Martinshörner, weil die Straße zum Rudolf-Virchow-Klinikum geht. Aber heute ist es leise. Letzte müde Eltern sitzen auf dem Spielplatz auf dem Grünstreifen der Togostraße und warten darauf, die Kinder ins Bett zu bringen. Für die anderen fängt der Tanz jetzt erst an. Und keiner, der heute Abend draußen ist, wird diese Nacht je vergessen. Vor meiner Haustür höre ich es wummern. Tiefe Bässe fliegen in den hohen Himmel. Das muss das Konzert im Garten des Centre Francais sein. Sie feiern die Fete de la Musique. Da tobt das Leben. Aber ich bin jetzt zu Hause.

Neulich vorm Jobcenter

Das ist ein Lamborghini. Am Freitagnachmittag vorm alten Jobcenter in Berlin- Wedding (wir haben zwei davon). Und sofort läuft ein Film bei mir ab: Der Bildzeitung-, BZ-, Berliner-Kurier-Film: Angehörige stadtbekannter Clans holen sich ihre Stütze mit der protzigen Nobel-Karosse von Amt ab… Ich erwarte niemand anders als Abu Chaker persönlich, mit dunkler Sonnenbrille und schwarzem Bart aus der Türe treten und sich die goldberingten Hände reiben. Die wahre Wirklichkeit überrascht. Aus dem Haus tritt ein schmächtiger Mann Mitte Vierzig. Schütteres Haar, kurze Cargo-Hose und einen braunen Einkaufsbeutel ums Handgelenk geschlungen, den Blick gesenkt. Ich habe schon ein paar Fotos von seinem Wagen vor der Sozialbehörde gemacht und rufe ihm zu: „Das werden schöne Bilder.“ Er missversteht das als Kompliment für sein Auto und nuschelt: “Danke.“, lässt sich hinters Lenkrad fallen und den Motor aufheulen. Quietschende Reifen, ein scharfer U-Turn und er ist weg.

Kein Ort nirgends

Wir sitzen am Sonntagnachmittag im sonnigen Schrebergarten und trinken Kaffee. Die Bäume spenden Schatten und es gibt Kekse. Es ist ein Ort, von dem man glauben will, dass man hier alt werden wird. Hier eine Hecke, dort ein Beet; Bäume, die man wachsen sehen möchte. Ein paar Kinder auch.

Doch die Gespräche passen nicht dazu. Es geht um unsere Reisen nach Skandinavien, es geht um Fluchtpunkte. „Nordschweden ist so gut wie unbesiedelt, da könnte man noch hin.“ “Vergiss es. Da leben schon jede Menge Deutsche und du wirst da von den Mücken aufgefressen. Und außerdem wirkt dort der Klimawandel noch stärker als hier.“ Finnland ist auch nicht mehr der Traumort, seit hier die Fortsetzung des „Fortsetzungskrieges“ von 1941 gegen Russland möglich scheint. Mein stiller Geheimtipp war der Urwald an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland. In einem Roman von Olga Tokarczuk hatte sich die Hauptfigur dort versteckt, weil dort nur ein paar Naturforscher leben und die Polizei einen nicht mehr findet. Seit dort syrische Flüchtlinge über die Grenze getrieben wurden, liegen in dem Wald Leichen und es gibt mehr Polizei als in Berlin am 1. Mai. Die Orte, wo man sich vor dem ganzen Wahnsinn verstecken und überleben kann, werden also knapp. Mittlerweile gibt es sogar Bücher, die europäische Flüchtlingsströme nach Zentralafrika vorhersagen, weil es dort nach dem Klimawandel am erträglichsten sein soll.

Einfach abhauen, sich verstecken, an einem einsamen Ort, an dem das Weltgeschehen einfach vorbeiläuft: Das ist seit langem eine Exitstrategie, ohne die ich nicht leben kann. Ich bin groß geworden mit den Erzählungen meines Vaters, der als Kind in Schlesien im Winter 45 zuerst von den deutschen, dann von den sowjetischen und dann endgültig von den polnischen Soldaten aus seinem Vaterhaus vertrieben wurde. Das wollte ich nicht erleben. Schon im Kalten Krieg habe ich deshalb dem Frieden nicht so recht getraut und mich in das alte Bauernhaus eines Freundes im Hunsrück verzogen. Eine menschenleere Gegend zwischen Rhein und Saar. Doch kaum war ich da, beschloss die US-Armee, genau dort ihre atombestückten Cruise Missiles zu stationieren. Damals haben wir uns noch gewehrt. Demonstriert, blockiert und gesungen. Irgendwann waren die Cruise Missiles weg, sie wurden dann später auf Bagdad abgefeuert, aber ich suchte mir lieber einen neuen Fluchtpunkt: im Osten. Hier, soviel war nach dem Mauerfall klar, würde es so bald keinen Krieg mehr geben. Die Geschichte war zu Ende, und es gab jede Menge verlassene Gebäude, in denen man sich hätte einnisten können. Kleine Bahnwärterhäuschen hatte ich besonders im Auge, weil die mich an den Film “Die Stunde Null“ von Edgar Reitz erinnerten. Hier ziehen am Kriegsende die Amis und die Russen einfach an einer solchen Eisenbahnersiedlung vorbei. Das Glück wollte ich auch haben. Das Gleiche las ich in Stefan Heyms Roman “Schwarzenberg“, wo ein kleiner Ort im Erzgebirge am Kriegsende von den Siegermächten einfach vergessen wird. Ich erinnere mich auch an eine Reihe von Filmen nach den 90ern, alle mit Joachim Król, in denen die Flucht nach Osten als idealem Ort durchgespielt wurde. “Wir können auch anders“, „Zugvögel“ oder später irgendwas mit Schamanen in Sibirien. Aber weiter als Berlin bin ich nicht gekommen. Und alles weiter östlich ist gerade nicht mehr so attraktiv.

Was also tun? Im Keller wieder Kohlen, Kartoffeln und selbst Eingemachtes lagern, wie das meine Eltern gemacht haben? Dazu müsste ich erst einmal wieder einen Ofen haben und keine Gas-Therme, die diesen Winter kalt bleiben wird. Rausgehen „Into the Wild“ (auch so ein Flucht-Film) und mir eine Hütte bauen? Das habe ich schon bei den Pfadfindern nicht gemocht. Wahrscheinlich mache ich das, was ich immer schon gemacht habe: Hoffen, dass das alles irgendwie gut geht. In den Filmen gibt es ja auch immer ein Happy End.

Sehnsucht

Überseehafen Rostock

Jeden Tag die gleichen Wege. Morgens auf‘s Rad, rein nach Berlin-Mitte, am Hohenzollernkanal entlang zum Nordhafen, an der Charité vorbei. Blick zum Reichstag rechts und später zum Brandenburger Tor. Am Feierabend über die Chausseestraße zurück. Asia-Restaurants und Yoga-Studios, dann an der BND-Zentrale vorbei und an der ewigen Baustelle auf der Müllerstraße. Döner-Buden und einkaufen in türkisches Gemüseläden. Hinter Lidl links rein, noch mal in den Bio-Laden reingeschaut. Feierabend!
Das kann doch nicht alles gewesen sein…(…das bisschen Urlaub, der Führerschein, sang Wolf Biermann in den 60ern). Ja, ich war erst letzte Woche weg, im Rheinland, bei der Schwester, mit dem Zug, mit den Kindern. Auch schön. Aber das meine ich nicht. Es gibt doch noch eine andere Welt da draußen, und ich will sie mal wieder sehen. Ich hab Sehsucht, Sehnsucht, Seesucht. Ich will auf‘s Schiff. Nur mal ganz kurz, um mal wieder raus zu kommen. Mal wieder einen weiten Himmel sehen. Nach Norden. Mit dem Finger auf der Landkarte reise ich nach Dänemark. Da habe ich Freunde, die ich vor 15 Jahren das letzte Mal besucht habe. Damals wohnten sie noch in Jütland. Jetzt in der Nähe von Kopenhagen. Da gibt es eine Fähre. Von Rostock nach Trelleborg in Schweden. Und eine Bahn von Trelleborg nach Helsingborg. Dauert nur eine gute Stunde. Und eine Fähre von Helsingborg nach Helsingör in Dänemark. Zwei Mal Schiff fahren! Wie für mich gemacht. Die Kolleginnen haben nichts gegen einen Spontanurlaub. Die Kinder sind über Pfingsten bei ihrer Mutter. Die Freunde in Dänemark freuen sich auf den Besuch. „Du willst ein Abenteuer haben.“ sagt mir Hanne in ihrem drolligen Deutsch am Telefon, als sie meine Reiseroute erfährt. Ja, will ich. Bahn und Fähre bis Trelleborg werden gebucht, für den Rest vertraue ich auf den gut organisierten Verkehr in Skandinavien. Den alten Rucksack vom Schrank genommen. Die Fähre geht um halb 11 Uhr abends. Ich fahre über Nacht. Los geht‘s.

Der Überseehafen in Rostock ist nichts für Touristen. Die fahren in Warnemünde mit den großen Kreuzfahrtschiffen ab. Hier gibt es nur LKW mit Containern und osteuropäischen Kennzeichen – und Wohnmobile. Hier fühle ich mich wohl. Die Kneipe auf dem Terminal ist für die Lastwagenfahrer eingerichtet. Es gibt Gebratenes und eine Frau mit zerfurchtem Gesicht macht mir ein Fischbrötchen. Matjes oder Bismarck? Die Vielfalt des Nordens. Die Handvoll Reisenden, die ohne Auto unterwegs sind sammeln sich in einem zugigen Unterstand. Ein paar junge Frauen mit Rucksack, eine Pfadfindergruppe mit Gitarre – so wie wir damals, 1978 als wir uns über Helsingör nach Schweden aufmachten mit den katholischen Pfadfindern. Ich war 16 und hatte noch nie das norddeutsche Flachland gesehen. Als hinter Bielefeld die Berge aufhörten, bekam ich Angst.
Über steile Stiegen geht es auf die MS Mecklenburg Vorpommern. „Nicht barrierefrei“, hake ich in meinem Kopf ab. Der letze Gedanke an meine Arbeit für die nächsten Tage. Der dröge Name des Stahlkolosses lässt erst gar keine Hoffnungen auf ein Traumschiff aufkommen. Ein breiter Mann mit sächsischem Akzent weist mir meine Schlafkoje zu. Sie liegt oben in einer Reihe von Schlafwaben, die aussehen wie diese unglaublichen Bilder von japanischen Automatenhotels, von denen ich nie glaubte, dass es sie wirklich gibt. Der Waschraum verdirbt mir die Lust am Zähneputzen. Im Restaurant erwarte ich die üblichen lustigen betrunkenen Skandinavier auf dem Heimweg von einer Sauftour durch Europa. Statt dessen sitzen erschöpft blickende Trucker hinter einer Büchse Cola und tuscheln in slavischen Sprachen miteinander. Leise beginnen die Schiffsmotoren zu vibrieren. Der Abendhimmel über dem Hafen ist so tiefblau und sternenlos wie ich ihn mir erträumt habe. Ich fühle mich wie Jack Kerouac als “Lonsome Traveler“. Das wars wert.

Am nächsten Morgen um sechs lichtet sich der Morgennebel. Wir laufen in Trelleborg ein, und es ist klar, dass das Abenteuer schon vorbei ist. Alles ist wie erwartet. Alles funktioniert. Ich bekomme in dem fremden Land keine andere Münzen in die Hand, muss kein Wort wechseln und niemand will meine Papiere oder meine Corona-App sehen. Alles geht mit Kreditkarte und reibungslos. Zwei Stunden später bin ich über den Öresund in Dänemark. Und noch drei Stunden später sitze ich bei der Schwiegermutter von Hanne an einem festlich gedeckten Tisch, auf dem neben vielen Bierdosen und süß eingelegtem Hering ein kleiner Dannebrog, die dänische Fahne, steht. Wie immer, wenn es in Dänemark etwas zu feiern gibt. Und ich bin zum richtigen Tag erschienen: Es ist Pfingsten, Vatertag und Verfassungstag. Die alte Dame entscheidet, dass ein Öko-Bier der Marke “Bavaria“ das beste für mich sei und geht danach zum Aquavit über. Linien-Aquavit. Der beste, den es gibt. Er muss in einem Eichenfass zwei Mal den Äquator überquert haben, bevor er abgefüllt werden darf. Ich trinke auf Ex und muss als einziger husten. Die Hausherrin meint höflich, das sei ein Zeichen, dass ich bei meiner nächsten Reise den Aquavit über den Äquator begleiten sollte, um mich an ihn zu gewöhnen. Die Frau spricht mir aus dem Herzen.

Vatertag

Rheinsöhne

Es ist nicht mehr so einfach, meinen Jungs was vorzumachen. Statt magischen Wesen vertrauen sie lieber Ninjas oder Pokemons, die es ja ganz real in Papas Handy gibt und mit denen man Abenteuer erleben und kämpfen kann. Es ist ja auch nicht so einfach, noch an so was wie den Weihnachtsmann zu glauben, wenn der sich, wie letztes Jahr, so dermaßen blamiert hat. Alle drei hofften auf eine aktuelle Spiel-Konsole. Und was brachte der Weihnachtstrottel: Eine gebrauchte Wii von Nintendo, 10 Jahre alt, die er bei “rebuy“ besorgt hatte. Weil der Weihnachtsmann ja auf Nachhaltigkeit achtet. Und auf’s Geld. Das wäre ja noch nicht so schlimm gewesen, wenn das Ding wenigstens funktioniert hätte. Aber selbst die Schwiegermutter, immerhin gelernte Elektroingenieurin, kriegte das altersschwache Gerät nicht zum Laufen. Dem Weihnachtsmann blieb nichts anderes übrig, als zu reklamieren und noch mal zu reklamieren: Man kennt das ja. Irgendwann gab es dann wenigstens das Geld zurück. Die Kinder fragten ab und zu noch mal, aber zum Glück ist das Langzeitgedächtnis in dem Alter noch nicht so lang und die Sache war bald vergessen. Aber wenigstens dem Kleinen sollte der Glaube an den Weihnachtsmann nicht so früh verloren gehen. Also dachten meine Schwester und ich uns eine verwegene Story aus: Meine Schwester arbeitet bei der Post. Und der Weihnachtsmann habe das Geschenk, das nicht funktioniert hat, bei der Post zurückgegeben und eine neues Geschenk liege deshalb bei meiner Schwester bereit, wenn wir sie am Vatertag besuchen kommen. Zugegeben: Die Story ist hanebüchen und wurde von den zwei 10jährigen sofort mit spöttischen Kommentaren auseinander genommen. Aber als ich durchblicken ließ, dass der Weihnachtsmann nicht noch einmal enttäuschte Kindergesichter sehen wollte und deshalb das neueste Modell, eine “Switch“, besorgt hätte, machte sich auf der Zugfahrt ins Rheinland sogar so etwas wie gespannte Vorfreude breit.

Die Überraschung gelang: Kaum bei meiner Schwester angekommen, versteckte ich das Paket im dunklen Keller und ließ die Jungs suchen. Wie die Trüffelschweine rasten sie durchs Haus und kamen mit dem aufgerissenen Paket ins Wohnzimmer, herzten und lobten ihren Vater und die Tante. Und als ich wieder davon anfing, dass das ja der Weihnachtsmann… sagten sie nur: Ja, ja, natürlich. Aber weil sie dankbar waren und mir und ihrem kleine Bruder einen Gefallen tun wollten, spielten sie mit, dankten dem Weihnachtsmann und sagten meine Geschichte noch mal auf.

So richtig war damit aber noch nichts gewonnen. Wir mussten erst an einen Ort gehen, an dem man von allen guten Geistern verlassen ist, um den Glauben an das Übernatürliche wieder zu finden. Also fuhren wir mit der Deutschen Bahn an einem Sonntag nach einem langen Wochenende zurück nach Berlin. Wir gerieten in den trödeligsten Trödelzug, wie es mein Jüngster später nennen würde. Ungezählte Baustellen und eine defekte Tür ließen die 20 Minuten Umsteigezeit in Köln dahinschmelzen. Und ich musste mit den drei Jungs und zwei Koffern auch noch von Gleis 1 nach Gleis 5. Als wir ankamen war unser ICE offiziell schon abgefahren. Aber wenn man sich bei der Bahn auf etwas verlassen kann, dann ist es die Verspätung. Wir hasteten aus dem Regionalzug, sahen unseren Zug noch auf seinem Gleis stehen, schlängelten durch die Menschenmassen, die unschlüssig herumstanden, schubsten Alte und Gebrechliche aus dem Weg und frästen uns unseren Weg zu Gleis 5. Dort stand er noch, ein riesiger, weißer ICE nach Berlin Ostbahnhof. Unser Zug. Aber der Bahnsteig war leer und die Türen waren schon zu. Ich drückte auf alle Knöpfe, aber es passierte nichts. Aus den Augenwinkeln sah ich den Zugführer, wie er mit dem Lokführer etwas Wichtiges beredete. Sein Blick traf meinen und er sah meine Jungs und unsere Misere. Ein Kopfnicken zum Lokführer und die Knöpfe an den Türen leuchteten wieder. Ein Kopfnicken zu mir, und ich wusste, dass wir gerettet waren. Allmächtiger! Mein Finger berührte den grün leuchtenden Knopf, und die Tür öffnete sich für uns. “Papa Glückshand hat die Tür auf magische Weise geöffnet.“ tippte mein Mittlerer in eine Nachricht an meine Schwester. Na bitte. Wenn schon nicht an den Weihnachtsmann, dann glauben sie jetzt wenigstes an die magischen Kräfte des Vaters. Soll mir recht sein.

Und ABBA glaubt sogar an Engel.

Saure-Gurken-Zeit

Ruhig bleiben Tief Luft holen Nicht aufregen (freigelegte Beschriftung in unserem Seminarraum für gewaltfreie Kommunikation)

Wann habe ich zuletzt um 11 Uhr morgens Salzgurken zum Frühstück gegessen? Wie lange ist es her, dass ich nachts um 2 mit dem Rad quer durch Berlin nach Hause geschwankt bin? Wann habe ich das letzte Mal die langen Schlangen vor dem neuen „Tresor“ und den anderen Clubs gesehen, Clubs in denen ich nie war und deren Namen ich vergessen habe?
Im Kühlschrank finde ich noch zwei Eier, die vom Pfannkuchenbacken beim letzten Besuch meiner Jungs übrig geblieben sind. Es ist so lange her, dass ich nicht weiß, ob sie noch gut sind. Aber ich brat mir damit ein Spiegelei – das misslingt. Ich hol die Ketchupflasche und denke dabei an das Gekicher, mit dem meinem Jüngster jedes Mal wieder die Geschichte von der Ketchupflasche wiederholt, die mir in der Hand explodiert ist. Heute kein Kichern, dafür gedämpfte Gedanken. Was war das gestern? Und warum?
Warum fühlt sich das, was ich sonst jeden Sommer gemacht habe, nicht mehr so an wie Sommer? Ich schau aus dem Fenster, und sehe, dass die Kastanienblüte schon vorbei ist. Ich erinnere mich schwach daran, wie mir diese Explosion der Natur vor ein paar Jahren zum ersten Mal bewusst wurde, wie ich mit dem Fotoapparat förmlich in die Blüten hinein gekrochen bin und die Fotos in meiner ganzen Wohnung aufgehängt habe. Sie hängen immer noch da, aber die Blüte hat mich dieses Jahr nicht begeistert. Statt dessen schaue ich auf den braun vertrockneten Rasen unter den mächtigen Bäumen. Und das verdirbt mir den Glauben an die Wiederkehr der Natur. Im Netz finde ich meinen Beitrag zu den verfallenden Parkhäusern im Wedding, an dem ich lange gearbeitet habe. Ja, auch da bin ich wieder mit der Kamera herumgekrochen, hab eine ganz eigene Freude daran gefunden, der Welt ein offensichtliches Geheimnis zu entlocken und nachts in diesen Betonkästen herumzustreunen. Beton statt Blüten. Was ist in den letzten Jahren mit mir passiert? Gestern konnte ich das noch auf den Punkt bringen. Meiner jungen Nachbarin im Seminar zur gewaltfreien Kommunikation sagte ich “Die Hälfte meiner Selbstgewissheit hat der russische Krieg zunichte gemacht, die andere Hälfte die moderne Technik.“ Sie lachte, drehte sich eine Zigarette und verriet mir, dass sie am Abend auf den Rummel in der Hasenheide in Neukölln gehen würde, auf dem sie schon als Kind war. Den Rummel würde es dieses Jahr zum letzten Mal dort geben. Und sie wolle nochmal mit der “Wilden Maus“ fahren.

Wenn Träume wahr werden

Es wird immer enger. Aber es geht immer weiter. Aus Sälen werden Flure, aus Fluren wird eine Wendeltreppe. Du willst nicht weiter, aber du musst. Aus der Treppe wird eine Empore. Und dann stehst du da, und kannst nicht mehr weg. Du schaust über das dünne Geländer nach unten: nichts als Leere. Du schaust zurück: Zurück geht es nicht mehr. Nicht für dich, denn du hast dein Motorrad dabei, mit dem du durch das ganze Haus gefahren bist. Dein Motorrad, in einem engen Haus? Du wunderst dich nicht, aber du fragst dich: “Wie soll ich rückwärts damit wieder die Treppe hinauf kommen?“ Und dann der erlösende Gedanke: Du brauchst dich nicht darum zu kümmern. Das machen Leute, die sich damit auskennen. Und tatsächlich: Plötzlich bist du wieder zu Hause und schaust auf die Straße: Da steht dein Motorrad. Es ist dir gebracht worden. Wie haben die das geschafft?, fragst du dich. Mit dem Gedanken wachst du auf.

Träume können ein Warnzeichen sein. Für nervliche Überspanntheit oder ein Warnzeichen für drohende Ereignisser in der Zukunft. Wohl dem, der diese Warnung versteht. Zunächst dachte ich, der wirre Alb, der mich in der Nacht gedrückt hatte komme davon, dass ich mich in den letzten Tagen zu viel mit einer Obsession beschäftigt hatte, die mich nicht mehr loslassen wollte. Als freiwilliger Lokaljournalist als der ich seit ein paar Monaten unterwegs bin, hatte mich ein neues Thema gepackt: Das Thema “Parkhäuser“. Seltsam genug, mag mancher denken. Aber die Parkhäuser sterben in unserem Viertel einen unbemerkten Tod. Vernachlässigt gammeln diese grauen Dinosaurier aus dem Benzinzeitalter vor sich hin. Keiner will mehr was damit zu tun haben. Alles steht einem offen. Und solche Orte ziehen mich magisch an. Immer noch. Zwar bin ich dem Ruhestand näher als dem Alter, in dem es als cool gilt, seine Leidenschaften auszuleben, trotzdem schlich ich mich Nachts mit dem Fotoapparat durch spärlich beleuchtete Parkdecks voller Autowracks und Taubenkacke, schraubte Bauzäune auf und kletterte durch verbogene Armierungseisen. Parkhäuser sind Orte reinen Horrors. Waschbeton gewordene Albträume. Kein Wunder, dass mich das in den Schlaf verfolgt. Dachte ich.

Doch dann kam dieser Sonntagabend. Nach einem Besuch bei meinen Jungs im Brandenburger Speckgürtel schwenke ich auf die Autobahn ein. Ungewöhnlich für mich, denn normalerweise nehme ich die verwinkelte Bundesstraße über die Dörfer. Aber an diesem schönen Abend wollte ich noch etwas Weite spüren, ein bisschen dahingleiten mit dem Motorrad. Entspannen. Auf einmal wird es immer enger. Die Autos staueln sich. Irgendwas war da vorne passiert. Unfall, Sperrung, oder einfach nur zu viele Verrückte, die gerade jetzt nach Berlin zurück wollten, so wie ich. Ich hätte noch abfahren können, aber wie von einer magischen Kraft gezogen musste ich immer weiter. Der Verkehr wurde zäh und blieb manchmal ganz stehen. Stehen in einem der überfüllten, engen Tunnel der Stadtautobahn. Kein Fortkommen in einem geschlossenen Raum. Kein Licht am Ende. Das halte ich nicht lange aus. Nicht umsonst fahre ich Motorrad: Weil ich keine Blechkiste um mich herum ertrage. Aber zum Glück fahre ich lange genug, um mich zwischen den dicken Kisten, den Bussen und den Sonntagsfahren hindurchschlängeln zu können. Nervenkitzel und selbstbewusste Ruhe in einem. Ich komme gut voran. Wer mich kommen sieht, macht Platz. Und langsam komme ich in den Rhythmus. Ziehe vorbei an liegengebliebenen Familienkutschen, an Eltern mit kleinen Kindern, die auf dem Seitenstreifen auf den Pannendienst warten und an alten Männern mit nagelneuen Motorrädern, die sich nicht in den schmalen Spalt zwischen polnischen Sattelschleppern und rumänischen Bussen trauen. Für mich könnte es immer so weiter gehen, und sogar die verstopfte Autobahnabfahrt schlängele ich mich durch, obwohl es wirklich immer enger wird.

Und dann ist Schluss. Vor der Ampel neben der Tankstelle. Motor geht aus, Lichter leuchten rot. Nichts geht mehr. Eben noch der weiße Ritter, der Kapitän der Landstraße bin ich jetzt nur noch ein Verkehrshindernis, das zusehen muss, wie es fünf Zentner altes Eisen von der Fahrbahn bekommt. Unter den Flüchen rasender Mütter auf elektrischen Lastenrädern wuchte ich das lahmende Pferd auf den Radweg. Ein Junge in einem Turnanzug taucht aus dem Nichts auf und bietet seine Hilfe an. Er hat ein braunes Gesicht und ist vielleicht so alt wie meine Zwillinge. Zusammen schieben vor und zurück, bis wir neben der Tankstelle stehen. An uns vorbei brummen alte Männer mit neuen Motorrädern und winken blöde. Als ich meinen Helfer frage, wo seine Eltern sind und was er so spät auf der Straße mache, faucht er wie eine wilde Katze und verschwindet. Die Sonne geht langsam unter und es sind noch drei Kilometer nach Hause. Aber ich muss mir keine Sorgen machen, denn ich brauche mich nicht zu kümmern, es gibt Leute, die sich damit auskennen. „Ein Mitarbeiter wird sich zehn Minuten vor seiner Ankunft bei Ihnen melden.“, säuselt die Telefonzentrale des ADAC. “Das kann 90 Minuten dauern“. „Wunderbar“, denke ich voller Vertrauen in traditionsreiche Vereine. „Dann kann ich ja was Essen gehen.“ Doch ein Burger beschäftigt einen keine anderthalb Stunden. Und als ich wieder zurück komme auf die nächtliche Straße, ist immer noch kein gelber Engel da. Eine Weile lehne ich mich gelangweilt an mein Motorrad und sehe damit bestimmt so lässig aus wie Marlon Brando in “The Wild One“, aber irgendwann laufen auch keine Reinickendorfer Frauen in Jogginganzügen mehr rum, die ich beeindrucken kann und es wird immer weniger Abend und immer mehr Nacht. Ich denke an die Arbeit, die morgen auf meinem Tisch liegen wird und wie ich das Motorrad in die Werkstatt kriege. Und langsam wird mir klar, dass nicht alle Träume wahr werden. Es kommt keiner, der sich darum kümmert, dass ich wieder nach Hause komme. Ich muss das im wirklichen Leben wieder selber machen.

Also wuchte ich meine üppige italiensche Schönheit vom Ständer und fange an zu schieben. Sind ja nur drei Kilometer. Drei Kilometer leicht ansteigend mit 250 Kilo auf zwei dicken Reifen. Anfangs geht es flott, fast wie von selbst. Vorbei an sommerlich erleuchteten Döner-Buden und Spätis. Viele Menschen sind auf der Straße, aber keiner wundert sich über den Mann, der mit seinem Motorrad einen Spaziergang macht. Nach zwei Kilometern bin ich durchgeschwitzt. Da klingelt der ADAC-Engel und blafft mich an: „Wie können sie sich vom vereinbarten Standort wegbewegen?“ Ich bin zu erledigt, um mich davon beeindrucken zu lassen, und rate ihm, die Straße einfach zwei Kilometer gradeaus zu fahren, da würde ich auf ihn warten. Und zu meiner Verwunderung lässt er sich darauf ein. Schimpfend parkt er seinen gelben Rettungwagen neben mir und packt sein Werkzeug aus. Helfen kann er mir aber auch nicht. Die Batterie ist platt und eine neue hat er nicht. “Und was jetzt?“, fragt er mich. „Dann schiebe ich eben den letzten Kilometer auch noch.“, verabschiede ich mich von meinem hilflosen Helfer. Und weiter gehts.

Am nächsten morgen schaue ich aus dem Fenster und sehe mein Motorrad vor meiner Tür. Es ist wie im Traum.

Tam Tam? Tamam!

Lari ist wirklich eine nette Frau. Sie breitet die ganze Vielfalt ihrer Küche vor mir aus, lässt mich dies und das probieren und erklärt mir alles. Ich bin der einzige Kunde in ihrem neuen Bio-Imbiss „Laris Bio Bowl“ (ehemals “Monis Fischkajüte“) und deshalb werde ich verwöhnt und mit aller Aufmerksamkeit bedacht. Die Gerichte sind kurdisch, aber modern, leicht und elegant angerichtet und so ist Lari: Mit kurdischen Wurzeln und ganz Bio-Berlinerin, mit kurzen Haaren und kräftigem Lippenstift. Zwischen ihrem mit hellem Holz spartanisch eingerichteten Laden und den Döner-Buden und Gözleme-Bäckereien der Nachbarschaft liegen Welten und sollen wohl auch Welten liegen. Und deswegen kriegt Lari auch manches nicht mit, was draußen auf auf der Müllerstraße passiert. Sie sieht nicht die dicke, weiße Stretchlimousine, die auf der anderen Straßenseite zwischen Spielhalle und afrikanischem Imbiss vorfährt. Und sie hört nicht die wummernde Musik, die plötzlich loslegt. Paukenschläge und eine leiernde Flöte mit einem quäkenden Klang, der irgendwo zwischen proletarischen Schalmeien und indischen Schlangenbeschwörern liegt übertönen sogar den sowieso schon dröhnenden Verkehrslärm auf der Ausfallstraße zur Autobahn. Eine türkische Hochzeit, denke ich genervt. Der Sound gehört zum Wedding wie die Martinshörner der Krankenwagen und die quietschenden Reifen der rasenden PS-Protze. Aber halt. Ich bin in einem kurdischen Laden. Vielleicht ist das die beste Gelegenheit, rauszukriegen, was es damit auf sich hat. Und ob das kurdisch oder türkisch ist. Am Ende gibt es da tiefe Gräben, die ich aufreiße, wenn ich da so undifferenziert daherdenke. Also frage ich Lari. Sie muss erst einmal durch das große Ladenfenster blinzeln um zu sehen, was los ist. “Normalerweise stehen da mehr dicke Autos.“ sagt sie erstaunt, aber nicht wirklich interessiert. Ich zeige mit dem Finger auf die Schlange von dunklen Audis und BMWs , die sich hinter der Hochzeitskutsche aufreihen. „Hab ich gar nicht gesehen.“, sagt sie. „Normalerweise sind da noch dicke Blumenbuketts drauf.“ „Und was passiert da?“, bohre ich weiter. “Die Braut wird abgeholt und aus ihrer Wohnung zum Hochzeitsfest gefahren. Früher ging das vom Haus der Eltern der Frau zum Haus ihres Mannes. Aber heute geht es manchmal gleich vom Friseursalon zum Hochzeitsaal.“ „Und“, wage ich die Gretchenfrage zu stellen. „Ist das jetzt türkisch oder kurdisch? “Was weiß denn ich?“, hebt Lari entschuldigend die Arme wie ein Rabbi, dem seine Schüler eine zu schwere Frage gestellt haben. “Es gibt so viele unterschiedliche Kurden und so viele unterschiedliche Türken, da kenn ich mich nicht aus.“ Und vor lauter Verwirrung, vergisst sie, mir die Bionade in Rechnung zu stellen.

Born to ride

Die vollen Haare noch nackenlang, die Sonnenbrille cool nach oben geschoben und die dicke Lederjacke halb offen – so sitzt er vor dem Frühstückscafé und blickt in die Ferne. Vor sich einen Pott Kaffee, schwarz wie die Seele, wie sich das gehört und neben sich sein schwarzes Bike. Ich frage ihn, ob ich mich mit meinem Kaffee zu ihm setzen darf und er nickt schweigend. “Kalt“, sage ich fröstelnd. “Is ja keen Sommer.“, sagt er und schweigt weiter. Das kenne ich von vielen Motorradtreffen. Mann lebt, um zu fahren, nicht um zu reden. Nach ein paar Minuten drückt er sich ächzend hoch. Er ist ein großer, stattlicher Kerl. Dann nimmt er seinen Stock und trippelt zu seinem Cruiser Marke “Rollelektro“. Von hinten sehe ich den stolzen Harley-Davidson-Adler auf seiner gepflegten Jacke. “Hast du ne Harley?“, frage ich ihn. „Ja, ne richtige.“, kommt es kräftig zurück. „Aber seit dem Schlaganfall trau ick ma nich mehr. Einmal bin ick umjefallen, dit reicht ma.“ Er schaut mich nicht an. Er ist zu beschäftigt seinen Stock an seinem neuen Gefährt zu verstauen und den Sitzring an seine Position zu legen. Steif wuchtet er sich auf den Sattel und schnauft noch mal durch, bevor er kernig am Gasgriff dreht. Die Leute auf dem Gehweg machen einen Schritt zur Seite als er angerollt kommt und ich sehe noch, wie er sich an der nächsten Kreuzung mit einer lässigen Geste die Sonnenbrille ins Gesicht schiebt.