Die heilige Katrin

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Quelle: Abgeordnetenhaus von Berlin

Wenn  ich nach der Arbeit heim komme und meinen Briefkasten aufmache, habe ich seit Jahren Angst. Angst vor einem Brief meiner Hausverwaltung. Dabei habe ich eigentlich nichts zu befürchten. Ich zahle Monat für Monat brav meine überhöhte Miete und pinkel nicht ins Treppenhaus. Und eigentlich sind die von der Hausverwaltung auch ganz nett. Der Garten wird einigermaßen in Schuss gehalten und wenn was kaputt ist reicht eine Mail und die Handwerker stehen vor der Tür. Und wenn sie mal da sind, haben sie die Order, gleich mal alles zu machen, was zu tun ist.
Als ich mich nach dem Winter wegen der undichten Fenster beschwerte, kamen zwei Wochen später die Schreiner. Und es waren keine gehetzten Billiglöhner aus der Ukraine. Sie kamen im von einer sozialen Einrichtung für behinderte Menschen. Sie  nahmen das Kinderzimmer zwei Tage in Beschlag, bauten in aller Ruhe die Fenster aus und Dichtungen ein, hobelten noch die Türen in der Speisekammer ab und bauten das alte Schloss aus der Wohnungstür. Die gehobelten Holzstellen überpinselten sie mit einer weißen Tünche. Das konnte nicht so bleiben. Eine Mail reichte, und auch die  Maler rückten an. Alter Berliner Handwerkeradel. Sie strichen komplett alle Fenster neu, die Speisekammer und die komplette Wohnungstür in einem modernen, grünlich schimmerenden Schiefergrau. Jetzt sind die Nachbarinnen neidisch.

Wieso also die Angst? Weil  ich vor drei Jahren, gleich nach meinem Einzug die Hausverwaltung auf die gesetzlich zulässige Miete verklagt habe. Und die liegt nach meiner Rechnung 150 Euro unter dem was ich bezahle. Ich habe das nicht über einen Anwalt gemacht, sondern über eine Firma, die sich auf die Berliner Mietpreisbremse spezialisiert hat. Mietright hießen  die damals, inzwischen heißen sie anders. Ich kam mir vor wie Robin Hood. Ich klage, damit die raffgierigen Kapitalisten einen Schlag in die Fresse bekommen und sich nicht mehr trauen, von mir und anderen unverschämte  Mieten zu verlangen. Meine Kollegen wünschen mir schon viel Spaß beim Umzug. Denn eins war klar: Kein Vermieter würde  sich so  was bieten lassen.
Die Legal-Tec-Firm hat sich viel Zeit gelassen mit ihren Schreiben und  der Klage, denn sie verdienen an der zurückgezahlten Miete. Sie sind so eine Art Inkassobüro. Je länger der Prozess dauert, desto mehr Rückzahlung, desto mehr Profit. Ab und zu habe ich angefragt. Seit einem Jahr liegt die Klage bei Gericht und das Damoklesschwert der Kündigung über mir.

Aber dann kam Katrin. Heilige Katrin, Beschützerin der Armen, Fürsprecherin der Witwen und Waisen. Oh Katrin, du raffgierige Senatorin, du Herrin feudaler Günstlingswirtschaft. Gebenedeit seist du unter den Weibern und gebenedeit sei die Frucht deines Geistes. 
Katrin Lompscher, Bausenatorin von der Linken. Sie setzte neben die Mitetpreisbremse den Mietpreisdeckel. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat. Aber auf jeden Fall scheint das Gesetz Zähne und Klauen zu haben. Denn im Frühjahr kam ein Brief des Vermieters, in dem er mit Schaum vor  dem  Mund gegen das Gesetz wetterte und behauptete, meine Miete sei rechtens. Ich tat nichts, denn ich wollte ihn ja nicht noch mehr reizen. Ja und  gestern lag wieder ein Brief im Kasten. Wieder vom Vermieter, der inzwischen gewechselt hatte, aber gleiche Adresse und wieder mit  Schaum vor dem Mund – und mit einer wundervollen Abrechnung im Anhang. „Baujahr 1930, Wohnlage einfach“ stand darin. Ab Dezember zahle ich sage und Schreibe 246 Euro weniger Miete, ohne dass  ich etwas getan hätte. „Wir werden den verminderten Betrag von ihrem Konto einziehen.“ Wenn das Gesetz die Prüfung vor dem Verfassungsgericht besteht (was bei der Mietpreisbremse  gelungen ist) gilt dieser Betrag für die nächsten fünf Jahre. Fertig.

So müssen Gesetze sein. Vielen Dank, gesegnete Katrin. Ich werde dir gottlosen Kommunistin in der Kirche eine Kerze anzünden. 

Gute Nachbarschaft

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Also die Särjge, die wern ja jetzt vaschweißt. Dit sieht ja nich jut aus, aber die wern ja sowieso vabrannt. Bisher ham wer alle, die mit Corona jeschtorm sin vabrannt.“, lässt mich meine stämmige Nachbarin aus dem Parterre wissen. Und wenn sie schon mal dabei ist, erzählt sie von den Details. Schwierig sei das mit den Angehörigen. Da passen ja jetzt nicht mer so viele in die Kapelle zur Aussegnung. Bei den Orthodoxen sei das ein Problem. Da würden die 50 Plätze nicht reichen. Da wären 200 keine Seltenheit. Da müsse auch mal die Polizei kommen. Ich lass sie reden. Reden von 40 Meter langen Wasserschläuchen, die sie schleppen muss, von Leichen, die „angeliefert“ werden und von ihren Gelenken, die nicht mehr mitmachen. Ich bin so froh, dass sie da ist. Noch vor zwei Stunden war Sie für mich die brummige Alte, die sich beschwerte, wenn die Jungs um 10 abends immer noch in meiner Wohnung rumtoben. Da stand sie einmal vor der Tür und sagte, dass sie Früh um Fünfe raus muss. Aber wach is sie eh schon umd Dreie, das hat sie mir auch schon mal erzählt. Dabei hat es ihre Kundschaft nicht eilig. Sie ist Friedhofsgärtnerin. Und sie ist ein Engel.

Als ich einzog hat mich die alte Hausmeisterswitwe aufgeklärt: Also die da, da brauchen sie nicht denken, dass sie da mit Sachen weiter kommen, die Frauen so gefallen. Die lebt nur für ihre Katzen. Und um den Garten kümmert sie sich. Aber ihren Sohn – der hat da gewohnt wo sie jetzt wohnen – da hat sie selber die Polizei geholt, als der bis in die Nacht gefeiert hat.“ Ich war also gewarnt. Über meiner alten Wohnung gab es auch so eine Frau mit dünnen Nerven. Meine Jungs nannten sie „die Frau mit der Ente“. Den Namen hatte ihr die Großmutter der Kleinen gegeben, damit die Zwillinge keine Angst mehr vor der keifenden Furie hatten, die uns mit Anrufen und nächtlichen Besuchen malträtierte, während wir ratlos vor fieberenden und hustenden Kindern standen. Irgendwann hat sie dann die fiesen Tricks rausgeholt. Abends um sieben stand plötztlich eine Streife vor unserer Tür. „Ein Bewohner des Hauses hat uns einen Verdacht auf Gefährdung des Kindswohls gemeldet. Dürfen wir mal reinkommen?“ Da war gerade eine Stunde vorher einer der Zwilinge aus dem Hochstuhl gekippt und hatte eine dicke Beule am Kopf. Rabeneltern wir. Die Beamtin schaute sich in unserer Wohnung um: Kinder-Chaos, Ein 1 Meter mal 1 fünfzig großer Kunstdruck von Ikea überm Sofa und ein bisschen was Antikes, zusammengwürfelt aus zwei Wohnungen. Modernes Neubürgertum. Für den Wedding, wo über die Hälfte der Kinder von Sozialleistungen leben, muss das ein beruhigendes Ambiente gewesen sein. Unsere Hebamme kam immer zu uns, um sich von dem Elend, was sie sonst den ganzen Tag sah, zu erholen. „Na scheint ja alles in Ordnung zu sein.“, bescheinigte uns die Staatsmacht und verabschiedete sich. Auf die Beule hatten sie gar nicht geschaut. Die Die Frau mit der Ente hat sich danach noch mit ein paar anderen Nachbarn angelegt und musste kurz nach mir ausziehen, nachdem die lauten Nächte mit meinen Zwillingen mir selber die Nerven dünn gemacht hatten.


Seither sind viele Jahre vergangen. Die Sorgenkinder von damals spielen im herbstlichen Hinterhof in milden Sonnenstrahlen. Sie haben mit ihren Taschenmessern ein paar abgebroche Äste durchgesäbelt. Das reicht ihnen, um die Wiese in einen Kampfplatz für das Schwertduell zwischen Prinz John und Robin Hood zu verwandeln. Auch der kleine Bruder darf ausnahmsweise mitmachen. Ich glaube, er ist Brother Tuck. Alles ist wunderbar, wir haben sogar noch Kuchen vom Laternenfest übrig. Alles könnte so schön sein. Aber mir fehlt eine Dosis Koffein. Elende Drogensucht. „Jungs, sage ich, ich gehe mal kurz rüber ins Cafe und hole mir einen Becher Kaffee. Bin gleich wieder da.“ Wir haben das schon oft probiert. Mal 10 Minuten weg sein, zum Einkaufen. Da hatte ich das Handy dabei und den Jungs zu Hause die Telefonnummer eingespeichert. Alles gut. Und weil das so gut lief, schaue ich gar nicht, ob ich das Handy dabei habe. Wird schon gut gehen. Mein letzter Blick fällt auf meinen Sohn, der mit der groben Klinge die Rinde von einem Stock schält. Wir ja wohl nicht gerade jetzt was passieren.
Zum Cafe sind es nur zwei Minuten. Doch vor dem Cafe ist eine Schlange. Junge Menschen mit Mundschutz. Ich hatte Corona vergessen. Und es ist Sonntagnachmittag um vier. Die Kaffee und Kuchen-Tradition scheint über die Generationen hinweg eine der letzten Bastionen der Normalität in diesem Land zu sein.
Es müssen mehr als 10 Minuten gewesen sein, als ich mit dem Kaffeebecher zurück in den Garten komme. „Da bist du ja endlich!“ rufen die Zwillnge vorwurfsvoll. „Wir sind überall rumgelaufenen und haben dich gesucht.“ Und ich sehe das Blut auf dem Anorak des Kleinen und den dicken Pflasterverband um seinen Daumen. Er ist ganz still. Dafür klagen seine Brüder: „Das hat ganz stark geblutet und wir haben im Treppenhaus nach dir gerufen. Ich bin auch in das Cafe gelaufen, aber du warst nicht da. Und dann ist die Haustür zugefallen und ich habe Sturm geklingelt…“ Gefährdung des Kindswohls, kommt es mir durch den Kopf. Ich sollte ein schlechtes Gewissen haben, hab aber keins. Ich nehme den Kleinen auf den Schoß, krame nach Bonbons in meiner Hosentasche. „Frau Lehmann ist dann rausgekommen, und hat ein Pflaster drauf gemacht.“ Obs noch weh tut, frage ich den Kleinen und er schüttelt tapfer den Kopf. Dann schaue ich mir das Pflaster an. Es sieht so aus, wie ein Pflaster, das sich eine Gärnerin um die Finger macht, wenn sie sich mal wieder geschnitten hat: Dickes Hasaplast, drei Mal gewickelt. Ich danke dem Himmel für Frau Lehmann.

„Da hamse aber Glück jehabt, dass ich da war. Ich wollt zum Geburtstag von meinem Neffen. Hab dann aber überlegt, wegen Corona.“ „Und“, frag ich, „ist es tief?“ „Nee, grinst sie, „nur een Kratzer. Aber dickes Pflaster beruhigt doch, oder?  Jetzt schau ich doch ein bisschen betröppelt. „Na“, sagt sie, „das nächsemal nich wegjehn wenn die Taschenmesser draußen sind.“ Ich bedanke mich nochmal. Und dann mache ich mit den Jungs die Fotosafari durch den Hinterhof, die ich ihnen versprochen habe.
Wolln se mal kieckn, was die Kleenen so jesehn ham?

 

Media vita

Luftschiffer-Denkmal von Victor Seifert, Lilienthalstraße 6, Berlin-Kreuzberg” by Neuköllner is licensed under CC BY-ND 4.0

Blüten, die ich noch nie gesehen habe, Käse, den ich noch nie gerochen habe und Garküchen aus unbekannten Ländern, die ich noch nie gekostet habe. Dazu eine Parade von teuren Fahrrädern und Lastenrädern, die es mit jeder asiatischen Metropole aufnehmen würde und viele gut angezogene Kindern wie auf einer italienische Piazza: Der Wochenmarkt am Berliner Südstern ist wirklich das pralle Leben. Ein wahrgewordener grün-alternativer Traum. Vom Guten was die Welt zu bieten hat, das Beste. Und natürlich alles bio, vegan und fair gehandelt. Es ist zum Kotzen.
Dass es mir schlecht wird, wenn ich diese neubürgerliche Selbstgerechtigkeit sehe, kann daran liegen, dass ich lange nicht mehr aus dem Wedding rausgekommen bin, dass ich mir vorkomme wie Kirchenmaus bei der Stadtmaus und merke, wie ungeniert meine Generation in Kreuzberg inzwischen ihren Wohlstand zelebriert.
Vielleicht ist es auch nur die Aspirin, die gerade aufgehört hat zu wirken und der Kater, der mich wieder krallt, mir alle Sinne schärft und mir alles bunter, lauter und ekelhafter erscheinen lässt.
Es ist spät geworden gestern. Wie alle paar Monate saß ich zusammen mit einem Freund aus alten Zeiten in seiner großzügigen Jugendstilwohnung hier im Kietz. Und wie immer wurde die Lage diskutiert, die Krankheiten und was die alten Weggefährten machen. Nicht zum ersten Mal mussten wir auch auf Menschen anstoßen, die von uns gegangen waren – Natürlich mit Schampus, das einzige, was ich an Alkohol noch vertrage. Ja, und irgendwann müssen wir die dritte Flasche aufgemacht haben, ganz leise wie immer, damit der Korken nicht die Stuckdecke ruiniert. Auf jeden Fall war sie heute morgen leer, als ich mich vom Sofa wälzte, auf dem ich mal wieder gelandet war. Und weil ein Abend nicht reicht, um alles zu bereden machten wir uns gegen Mittag auf zum Markt und wollten von da zum Auslüften in die Hasenheide, wie immer.
Doch irgendwie müssen wir, nachdem wir den quirligen Verkehrsfluss auf der vierspurigen Straße überquert hatten, mit unseren bräsigen Köpfen falsch abgebogen sein. Vielleicht war es auch der dunkle, wuchtige Klotz, den ich durch das lichte Laub der herbstlichen Bäume mehr ahnte als sah, der uns in diese Richtung gezogen hat.
Auf jeden Fall stehen wir jetzt statt auf knirschenden Parkwegen in einem stillen Totenreich. Das bunte Leben vom Wochenmarkt scheint ewig weit weg. Zur Linken tut sich eine wuchtige Kirche auf, nix besonderes, irgendwas aus der Kaiserzeit, das auf Mittelalter macht, aber katholisch, was in Berlin schon seltsam genug ist. Davor sehen wir eine Stele mit brennenden Kerzen und eine junge Frau auf einer Bank. Sie hält eine weiße Friedhoflampe in beiden Händen und fragt uns, ob wir Feuer hätten. Ich schaue mir an, wen sie mit dem ewigen Licht ehren will: Es ist Johannes Paul II – der polnische Pillen-Paule, der wahrhaftige Antichrist für jeden politisch Aktiven in den Achzigern und Neunzigern. Abtreibungsgegner, Verhütungsverteufler, Kommunistenfresser. Dem ein Licht anzünden? Auf dass er weiter sein Unwesen treibt? Mich gruselt, und ich habe wirklich keine Streichhölzer dabei. Und so gehen wir weiter in die Dunkelheit. Einmal um die Kirche rum, da steht, vom fahlen Laub bedeckt, ein weiterer Untoter vor uns: Ein gefallener Engel in der Gestalt eines Mannes in Fliegermontur; vom Himmel gestürzt, von Grünspan bedeckt und doch sehr lebendig aussehend. „Den deutschen Luftschiffern 1914-18“ steht auf seinem Sockel. Wenn ich mich recht erinnere, warfen die deutschen Luftschiffer im ersten Weltkrieg vor allem Bomben auf fremde Städte. Und dafür ein Denkmal vor einer katholischen Kirche? Auf geweihter Erde? Das ist doch absurd. Und doch sind es nicht nur meine überreizten Sinne, die mir das vorgaukeln. Wie ich später aus dem Internet erfahre, sieht es in der Kirche noch schlimmer aus. Gedenktafeln für deutsche Kolonialsoldaten und Infanteriebatallione des 2. Weltkriegs. Ist hier, im Reich der Dunkelheit, die Zeit stehen geblieben? Nicht ganz: Die Basilika ist die Heimatkirche der katholischen Militärseelsorge. Immerhin auf den Glasfenstern soll inzwischen katholischen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedacht werden. There’s a light… Aber nicht für uns. Da ist noch der dunkle Klotz mit seiner geheimnisvollen Macht, der uns erst hierher gebracht hat. Seine Anziehungskraft ist weiter unwiderstehlich. Doch um dorthin zu gelangen, müssen wir durch ein düsteres Tor aus Bruchstein. Es braucht Mut, dort einzutreten, denn nichts verrät uns, was sich dahinter verbirgt. Wir steigen die Stufen hoch und gelangen an ein gespenstisch leeres Wärterhaus. Keiner da, der uns abweisen will. Auch sonst keine Menschenseele. Das schmiedeeiserne Gittertor ist nur angelehnt. Es lässt sich lautlos öffnen. Aber wird es offen bleiben, wenn wir unbedacht hindurchschreiten, oder wird es sich hinter uns für immer schließen? Wir wagen es und finden uns wieder auf einer unheimlich leeren Paradeallee… Der Himmel ist bleigrau. Es nieselt leicht. „Den Toten im Osten“ gemahnt ein Stein zur Linken in skurriler Nierentischform. Na, wenigstens das kommt mir doch bekannt vor. Die „Toten im Osten“, das waren ja nach westdeutscher Lesart nicht die Millionen Sowjetsoldaten, nicht die Juden oder die Polen. Das waren die deutschen Soldaten, die Vermissten, die Vertriebenen, die „Brüder und Schwestern im Osten“, für die man selbst in meinem rheinischen Heimatdorf in den Sechzigern am Totensonntag noch rote Grablichter in die Fenster stellte. Mit Grausen wende ich mich ab vom Geist der Adenenauerzeit und blicke auf eine weitere Stele, in der das Grauen in modernerer Sprache ausgedeutscht wird: „Allen Opfern der Vertreibung, Vergewaltigung, Gewaltherrschaft… gedenkt der Volksbund der deutschen Kriegsgräberfürsorge. Jetzt wissen wir wenigstens, dass wir auf einem Soldatenfriedhof sind. Aber nirgendwo sind Kreuze, nirgendwo Gräber oder gar Blumen. Dafür stehen wir jetzt vor dem riesigen Steinquader, dem Klotz mit verschlossener Tür, dieser schweigenden, fensterlosen Kabaa mitten auf dem freien Feld. Was sollen wir machen? Um sie herum laufen und Suren aus dem Koran rezitieren? Mein Freund rät, ein paar Schritte zurück zu treten. Und das sehen wir, dass das Ding einen Schornstein hat. Ein Krematorium? Erinnerte mich die ganze Anlage nicht sowieso an den Totenkult der Nazis? Was ist hier passiert? Unter unseren Füßen treten wir auf etwas Hartes – wir sind zu weit zurückgegangen und stehen auf einem Gräberfeld. Kleine Betonsteine, in den Boden eingelassen, nicht größer als ein Bogen Briefpapier. Die ganze Lichtung voll. Auf allen Steinen steht das Jahr 1945; meist April oder Mai. Aber es sind keine Soldaten, es sind alte Menschen, Geburtsdaten mit einer 18 davor. Meyer, Schmidt, Schulze – Berliner Zivilisten.

Mir reicht’s. Ich will weg aus dieser Knochenmühle. Ich habe mit Begeisterung „Wolfszeit“ gelesen. Aber am vorletzten Tag vor dem Lockdown brauche etwas mehr Lebensfreude. Einen Kaffee, einen richtigen. Meinetwegen auch einen Latte mit Sojamilch am Südkreuz.

Gutes tun

Heute war ich bei Karstadt einkaufen. Karstadt im Wedding, am Leopoldplatz. Mach ich zwei Mal im Jahr. Ne Strickjacke, ein T-Shirt und ein Hemd mit Karos. Bei Karstadt einkaufen is wichtig, denn der Karstadt am Leopoldplatz soll ja bleibm. Wolltn ihn schon zumachen. Jetzt soll er noch drei Jahre weiter leben. „Nicht auszudenken, was mit dem Wedding passieren würde, wenn der Karstadt zumacht.“, hat der Bürgermeister gesagt. Wahrscheinlich dasselbe, was mit C&A passiert ist, als der zugemacht hat. Da ist dann „Bollu“ unten reingekommen, der türkische Obst- und Gemüsefritze, dens überall gibt. Und an der Ecke wo Bollu vorher war, da ist jetzt nüscht mehr. Leerstand. Das Haus gegenüber vom alten Bollu, da wo zuletzt nur noch „Humana“ mit seinen muffigen Second-Hand-Klamotten drinne war, hamse abgerissen. Da baut jetzt die AOK was neues Großes. Ja, die AOK, die hat richtig Konjunktur hier. Krank werden die Leute ja immer.

Ich versuch ja immer, mein Geld hier im Kietz auszugeben, damit nich so ville Geschäfte zumachen. Schaff ich aber nur, wenn ich früh genug von Arbeit komme. Jetze war ich ne Woche krank. Da hab ich sogar Zeit gehabt, bei „Belle et Triste“ vorbeizuschaun, dem einzigen Buchladen hier, der sich tapfer hält. Hat sich die Frau gefreut, als ich  den „Gesang der Fledermäuse“ abgeholt hab und drei Bukowskis (einer mit Geschichten über Katzen, für meine Schwester.  Zweie über seine Frauengeschichten, für mich) und noch das neue „Sei kein Mann“ für die feministischen Diskussionen mit meiner Tochter. Da hat sie Buchhändlerin mit dem Dutt und den grauen Haaren mir sogar noch ne dicke Lage Küchenkrepp zu gegeben, damit die Bücher in meiner Tasche, in die der Regen reingelaufen war, nich nass werden. Ja, das war nett. Aber als ich sonst so die Runde gemacht hab, wurd ich richtig traurig. Da wo ich früher was zu Trinken gekauft habe, in dem Getränkeladen vis a vis („80 internationale Biersorten“), ham se das Haus renoviert, tipp-topp mit Dachgeschosswohnung und allet. Da konnte so’n schäbiger Bier- und Selterslanden natürlich nich drinne bleiben. Da ist jetze ein Kindergarten drin, und da wo bis vor kurzem noch die Otavi-Apotheke war, heißts jetze auch „Kunterbuntes Kinderland“. Na ja, Apotheken ham wa wirklich genug hier. Wie jesacht: Krank werden die Leute immer. Aber wo krieg ich jetze was zu Trinken her?. Den Getränke-Lehmann („Ick koof bei Lehmann“) an der Luxemburger hamse vor paar Monaten abjerissen. Na ja, war kein Schaden, war mehr so ne Baracke auf ner Bombenlücke, wahrscheinlich von gleich nachm Krieg. Jetze wird da gebaut, bestimmt wat Schickes. Genau so wie auf dem runtergekommenen Innenhof vom Nachbarhaus. Statt dass se da n bisschen Grün rein machen und hübsch für die Kinder, kommt da jetzt ne Tiefgarage rein und ein Apartmenthaus ohmdrüber. Na, wer sich das da wohl leisten kann? Wie war das mitm Trinken?
Der „real“ im Schiller-Zentrum ist ja nu auch zugemacht. War ich ja nie gerne, aber so ab und zu „einmal rin, allet drin“. Wo gibt’s das noch? Na ja, vielleicht am S-Bahnhof. Da hamse auch ein paar alte Baracken plattgemacht. Einer wollte dadrin vorher noch einen Döner aufmachen. Der ist dann kurz nach der Eröffnung abgebrannt -da war das Baufeld dann frei. Jetzt steht da so ein Null-acht-fuffzehn-Turm, wie sie nu überall stehen. Unten kommt ein Edeka rein. Will hoffen, dass der Edeka Fromm bei mir um die Ecke das überlebt. Sonst muss ich für jedes Bier Einvierzich zahln, bei „Jahshim’s Tante Emma Laden“, meinem Lieblingsspäti. Der hat wirklich allet. Neulich, als ich mit meiner Tochter uffn Sonntach kochen wollte, und wir schon mitten drin waren, hatte ich die Kokosmilch vergessen. „Moment, sag ich, „bin gleich zurück.“ Und in Latschen rüber zu Jaschim mit seinem hennarot gefärbten Bart. Und als ich mit der Dose wieder in der Küche erscheine, sagt die Tochter: „Respekt, dit is Berlin.“ Ja, da sind wir uns mal einig, dass das trotz allem Klasse is hier. Aber jetzt hat sie ihren ersten Job – ausgerechnet in München.

p.s: Wenn sich einer über die Tippfehler wundert: Mit WordPress geht es auch den Bach runter. Seit es den neuen Block-Editor gibt, funktioniert bei mir das nachträgliche Bearbeiten nicht mehr. Kommt nur noch eine weiße Seite. Kennt das jemand? Vielleicht liegt das daran, dass ich mir, seit ich im Wedding wohne, keinen neuen Computer geleistet habe. Und das sind ja jetzt auch schon zehn Jahre. Ach ja…

 

Wir müssen leider draußen bleiben

Ich habe Husten. Ganz normalen Husten, wie man ihn im Herbst halt so hat. Morgens nach dem Aufstehen schlimmer als über den Tag. Ärgerlich, aber mit ein paar Hustenbonbons (Fishermans Friend) und Brausetabletten (ACC akut) gut zu überstehten. Bronchitis nannte man das noch im vergangenen Jahr und rechnete so mit zwei bis drei Wochen, dann war der Spuk meist vorbei. Husten war etwas, das alltäglich war, etwas, das man im Griff hatte „Olaf hat Husten – Seine Mutter hat Wick Vaporoub“  klang die beruhigende Nachricht aus der Vorarbendwerbung längst vergangener Tage.  Vom Husten gequälte Menschen hatten viele Freude. Nicht nur Mutti, sondern auch einen fröhlichen, zuversichtlich Bonbons werfenden Bären: „Nehmt den Husten nicht so schwer – gleich kommt der Hustinettenbär!“. Und wenn man sich beim Husten in Veranstaltungen höflicherweise die Faust vor den Mund gehalten hat, galt das als Ausweis allerbester Kinderstube.

Heute herrscht Panik. Heute hat man mit Husten wenige Freunde. Von der Veranstaltung „Soft Solidarity“ werde ich mit harschen Worten ausgegrenzt. „Gäste mit erkennbaren Symptomen einer Atemwegsinfektion und diejenigen, die nicht bereit sind, sich auf unsere Vorkehrungen einzulassen, müssen wir leider bitten, wieder zu gehen.“ Ist es das, was man heute unter „sanfter Solidarität“ versteht? So sanft, dass man sie kaum noch spürt? „Be nice or fuckin leave“ steht als Leuchtreklame im Schaufenster der neuen Hipster-Bar um die Ecke.  Wer krank scheint, ist jetzt sehr alleine. Und das geht tief bis in die Familie hinein.
„Warum hast du dich nicht auf Corona testen lassen?“ , ist dann auch gleich die erste Frage, die ich statt eines „Hallo, schön, dass du da bist.“ von meiner Tochter zu hören kriege, als sie mich in Venedig am Giardini di Bienale vom Boot abholt. „Weil ich meinen Husten kenne.“, sage ich mürrisch. „Es ist der gleiche wie im letzten Jahr.“ Statt mich zu beglückwünschen, dass ich es trotz aller Widrigkeiten durch alle Kontrollen zu Ihr geschafft habe, dass ich im Flieger ganz flach geatmet habe, nur um von Berlin-Mitte (damals noch kein Risikogebiet) nach Venedig (erstaunlicherweise auch nach meinem Besuch immer noch kein Risikogebiet) zu ihr zu kommen, um mit ihr und ihrer Mutter gemeinsam die Abschlussfeier ihres Studiums zu begehen, treffen mich zwei Tage lang vorwurfsvolle Blicke. Das kenne ich schon und halte das auch ganz gut aus. Ich genieße es einfach mit meiner Tochter durch das fast touristenfreie, sonnige Venedig zu stromern. Die Kais der Kreuzfahrschiffe sind seit Monaten verödet. Das Wasser in der Lagune ist so klar, dass die Tochter sich wie ein Kind über einen Schwarm kleiner Fische freut, den sie zum ersten Mal in einem der türkisgrün schimmernden Kanäle sichtet. Und sie hat ein halbes Jahr hier gewohnt.

Doch die Freude ist kurz.  Wie ein Damoklesschwert hängt über der Familie die Frage: Darf der kranke Vater mit in den Festsaal, ohne dass wir unauslöschliche Schuld auf die Famile laden? Es kommt zur Nacht der langen Messer, in der auch Tränen fließen, und zum Beschluss: Papa ante portas. Ich darf mir nur die Live-Übertragung aus der Scuola di San Rocco anschauen. „Aber danach gehen wir zusammen nett Essen.“, heißt es von der Restfamilie fröhlich.

Es ist ein wenig, als würde ich meine Tochter zur Hochzeitsfeier in die Kirche bringen, als wir vor dem prächtigen Portal der Scuola stehen. Um uns herum fein gemachte Studentinnen und Studenten, aufgeregtes Geplapper und würdevolle Ältere. Es fehlt nur der Pfarrer. Immerhin lassen sich Magnifizenzen aus ganz Europa in ihren prächtigen Talaren sehen und verschwinden als letzte im Dunkel der Marmorhalle. Meine Tochter ist mit ihrer Mutter auch schon drin – nur ich muss draußen bleiben…. Nein, es fühlt sich nicht richtig an. Ich fühle mich zurückgesetzt, verurteilt ohne Beweis. Und es geht auch ein wenig ums Ankommen. Ich komme aus einfachen Verhältnissen, meine Eltern trauten sich nie zu einer meiner akademischen Abschlussfeiern. Das war ihnen zu fremd, dazu führten sie sich zu klein, was mich schon damals sehr traurig machte. Ich hätte meine Freude über das Erreichte gerne mit ihnen geteilt. Aber für sie war ich jemand, der damit seine Herkunft verraten hat. (obwohl meine Mutter natürlich im ganzen Dorf erzählte, was für ein Examen ich bestanden hatte). Und was war ich jetzt? War ich jetzt selber Akademiker oder immer noch der Junge vom Dorf, der in so eine prachtvolle Veranstaltung nicht hinein gehörte? Oder war ich einfach nur der Mohr, der seine Schuldigkeit getan hatte? Gab’s ja schon mal in Venedig.

Zum Glück habe ich meinen Kafka gelesen. Und ich weiß, dass auch die schwersten Türen für einen offen stehen, wenn man den Mut hat zu fragen. Ich also rein in die Halle, werde kurz vom Security-Mann mit der Fieber-Pistole gecheckt und für gut befunden. Am Empfangstisch in meinem besten Englisch die Wahrheit gesagt, dass ich einen Husten habe, und ob dass ein Problem sei? Ob ich Fieber habe, fragt die Empfangsdame freundlich. Und als ich verneine gibt sie mir das Anmeldeformular. You’re welcome!

Eine Woche später gehe ich in Berlin zum Arzt. Ja, sagt er, so eine Bronchitis kann lange dauern und schreibt mich eine Woche krank. Eigentlich hätte ich mit meinen Jungs in die Jugendherberge im Harz fahren wollen. Aber da dürfen wir jetzt wirklich nur noch hin, wenn wir alle einen negativen Coronatest haben. Und vielleicht ist es auch keine gute Idee zu verreisen – mit Kindern in Zeiten der Pandemie.

 

Die Zärtlichkeit der Armen

Iskembe ist billiger als Döner. Nicht jeder türkische Imbiss hat dieses Arme-Leute-Essen, aber in den traditionellen Buden, die noch nicht zu einer Kette gehören gibt es neben Linsen- und Schafskopfsuppe auch immer die türkische Pansensuppe – für drei Euro. Und weil auch Leute mit wenig Geld satt werden sollen, gibt es zu der Schale mit dem cremig-weißen Sud, in dem kleine Kuttelstückchen schwimmen auch noch zwei dicke Fladenbrote und etwas Gemüse dazu, meist Pepperoni oder weißen Rettich. Zitrone auch, aber das ist eher was für den Geschmack.
Ich mag Kuttelsuppe. Das weiß ich seit ich als Student eines Abends bei Jürgen vorbei kam, ein Schwabe, der unter unser WG wohnte. Jürgen, der gerne an alten Simcas mit Heckmotor schraubte, Jura studierte und den alle nur Kümmel nannten, saß einsam in seiner Küche und war dabei sich zu betrinken. Auf dem Tisch stand ein großer Alu-Topf mit weißer Suppe. Ich hatte wie immer Hunger, fragte kurz, und langte zu. Schmeckte gut, schön süß-sauer und die Stückchen, die gummiartigen, die darin rumschwammen waren auch nicht schlimmer als das, was sie uns in der Mensa als Calamares verkauften. Nach meinem zweiten Teller fing Jürgen an zu weinen – vor Glück. „Du magst meine Kuttelsuppe, du magst meine Kuttelsuppe.“ sabberte er besoffen. „Keiner hat sie essen mögen, alle sind gegangen.“ Jürgen hatte groß eingeladen, um eine Spezialität aus seiner Heimat aufzutischen, aber die Gäste waren angewiedert gegangen, als Jürgen ihnen erzählt hatte, was sie dort essen sollten: Rinderpansen. Schlachtabfall also, der schon damals nur noch zu Hundefutter verarbeitet wurde. Keiner hat es seitdem wieder gewagt, Kuttelsuppe auf den Tisch zu bringen. Jürgen hat seine Examen gemacht und ist zurück nach Stuttgart gegangen – zu Bundesbahn. Die wollte da einen neuen Bahnhof bauen und brauchte viele Juristen. „Wer nix is und wer nix ko geht zu Poscht und Oisaboh.“ hab ihm zum Abschied auf die Tür gemalt. Denn in Zwischenzeit hatte er mir, seinem Helfer in der Not, die Freundin ausgespannt. Aber seine Suppe blieb unvergessen und unerreicht.

Deswegen war ich froh, als ich sie in Berlin wieder fand. Ich machte ein kleines Ritual draus. Ein Spiel. Immer wenn ich Dienstags von der Karate-Stunde wiederkam setzte ich mich in den immer gleichen Imbiss und aß schweigend mein Armensüppchen. Ich spielte eine Figur, die ich bei Camus in „Die Pest“ so beeindruckend fand. Einen Mann ohne besondere Eigenschaften, von dem man nicht genau erfährt, was er eigenlich macht und der nur damit beschrieben wird, dass er ein einfaches Zimmer bewohnt und abends eine Suppe in einem bescheidenen Restaurant zu sich nimmt. Ich fühlte mich gut in der Rolle als Unberührbarer und spielte sie mit Liebe zum Detail. So legte ich oft meine Kappe beim Essen auf den Tisch, wie ich es bei ältern türkischen Männern gesehen hatte. Bis eines Tages die Wirklichkeit für einen Moment das kokette Spiel überholte. Plötzlich war ich tatsächlich arm. Ich hatte mein Geld vergessen. Keinen Sou in meiner Tasche. Das merkte ich aber erst, als ich zur Kasse ging. Ich wusste, dass der Mann hinter der Theke kein Deutsch sprach. Also zeigte ich ihm mein leeres Portemonnaie. Ich wollte anschreiben lassen, als Stammgast, der ich war. Aber der Döner-Mann machte nur eine Kopfbewegung von unten nach schräg oben. Und die hieß: „Ist schon gut, ich weiß, dass du ein armer Schlucker bist. Also vergessen wir’s. Gehab dich wohl.“ Das war eine zärtliche und großzügige Geste, die ich in so einer armen Gegend wie dem Wedding nicht erwartet hätte. Mein Wirt hatte sicher viele Gäste, die nichts in der Tasche hatten und die Zeche nicht zahlen können. Und trotzdem diese Großzügigkeit. Ich fühlte mich warm und aufgehoben in dieser großen Stadt. Am dem Tag beschloss ich, mit diesem Arme-Leute-Spielen aufzuhören. Es gibt andere, die diese Geste dringender brauchten als ich. Und ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich fühlte mich, als hätte ich mit meinem Schicksal gespielt, das es bisher gut mit mir meinte. Ich hatte keine Lust, wirklich arm zu sein.
Aber Iskembe esse ich trotzdem weiter gerne.

Is ma gut jetzt

Meine Tochter hat Corona – denkt sie. Oder nein, denkt sie eigentlich nicht, aber sie ist sich nicht sicher. Eigentlich hat sie nur Angst. Angst, sie könnte was falsch machen. Andere anstecken und so. Auf jeden Fall ging’s ihr seit ein paar Tagen nicht gut. Sie geht zum Arzt und kriegt promt einen Corona-Test. Und das Ergebnis kommt erst in paar Tagen. Wir waren aber heute verabredtet. Heute Abend liest Max Goldt in Neukölln. Max Goldt! Der feinsinnige Held meiner Titanic-Zeit, der federleichte Moralist, der Mann, der Lachen und Humor auseinanderhalten kann und den ich noch nie zu Angesicht bekommen habe. Die Erste Lesung war abgesagt worden, wegen Corona natürlich. Jetzt also die Entschuldigungstour. Und weil ich weiß, dass meine Tochter so was mag, so lustige Männer mit Wortwitz auf der Bühne, habe ich sie eingeladen, schon vor Wochen.

Heute Mittag ruft sich mich an, erzählt mir von dem Test. Ich sag: Du hast kein Corona. Es ist Herbstanfang, alle schniefen, deine Brüder husten schon. Alles ok. Ist wie jedes Jahr. Und sie so: Ja glaub ich ja auch nicht. Aber würd ich mir ja nie verzeihen, wenn ich da jemand anstecken würde… Der Einzige, sag ich, den du heute Abend anstecken könntest, bin ich. Und ich hab noch ein Jahr bis Riskogruppe. Sie lacht. Also, sag ich, setzt dich halt mit Mundschutz in den Saal und gut is. Wir verabreden uns vor dem Heimathafen in Neukölln. War ich noch nie. Freu mich rauszukommen und mal wieder in Gesellschaft auzugehn.

Halbe Stunde vorher ruft sie an. Nee, sie hätte jetzt noch mal in den Zettel geschaut: Bis der Test da ist, muss man in Karantäne. Ich sag, ist nicht dein Ernst? Ja, sagt sie, es tut mir ja so leid, aber geht wirklich nicht. Bist du jetzt sauer? Natürlich bin ich jetzt sauer, ich platze gleich. Sag ich auch. Wir haben uns ein paar Wochen nicht gesehen und es ist ein wunderbar warmer Abend und ich hätt mich gerne mit ihr gefreut über den schönen Abend und den lustigen Max. Aber sie war schon immer so. Lieber ’n bisschen vorsichtig, nix neben der Reihe. Oder ist sie nur bei mir so? Oder ist sie so, weil ich immer die Sachen ins Blaue mache und sie manchmal schief gehen? Oder bin ich selber so, und merks nur gar nicht? 20 Jahre Beamter ist man ja auch nicht ohne Grund. Und die Mutter erst. Auf jeden Fall kann das Kind nix dafür. Nee, sag ich also, Gesundheit geht vor. Und wenn’s dir nicht geheuer ist… Und du bist echt nicht traurig, fragt sie? Nee, sag‘ ich, aber jetzt ist Schluss. Ich geh jetzt los.

Der Heimathafen Neukölln hat ein paar Tische in den Hof vor dem Theater gestellt. Menschen beim Wein. Lampions, laue Luft und tintenblauer Himmel. Eine italienische Nacht. Das macht meine Enttäuschung noch viel größer. Wie schön hätten wir hier sitzen können? Und ich hätt sogar mal Lust auf einen Wein gehabt. Die zweite Eintrittskarte ist natürlich auch für die Katz. Einfach hinstellen, und sie ein paar Nachzüglern zu verkaufen klappt nicht, das merke ich schnell. Denn in Zeiten von Corona kommt keiner ohne vorbestelltes Ticket. Im Saal stehen die Stühle und Tische so weit auseinander, dass ein Ozeanriese zwischendurch fahren könnte. Meine Tochter hätte Opernarien singen können, ohne dass jemand ein Tröpfchen abbekommen hätte. Ich vergrabe mich immer weiter in meinen Groll und komme mir auch noch alt und hässlich dabei vor.

Aber es gibt ja noch Max Goldt. Und der braucht nur zwei Texte zu lesen und mein Herz ist wieder leicht. So ein feiner Mensch, so viel Wortgefühl. Seit vielen Jahren habe ich nichts mehr von ihm gelesen, und er ist immer noch gut. Nimm mal nich alles so schwer, sag ich mir, als er seinen Rausschmeißer „Froschfilm“ singt. Ich lasse mir von ihm ein Buch für meinen Freund Norbert signieren, mit dem ich die härtesten „Titanic“-Zeiten durchgemacht habe. Jung-Männer-Sarkasmus war unsere Alltagsdisziplin. Der ist jetzt auch schon 60. Seinen Geburtstag hab ich vergessen. Ich schick’s ihm zu Weihnachten.

Nighthawks

Foto: Lena M. Olbrisch

„Edward Hopper“, das sagen viele, die das Bild „Die Baude bei Nacht“ von Lena M. Olbrisch sehen, das es beim Kunstwettbewerb „Mein Wedding 2020“ unter die ersten 12 geschafft hat. Und sie meinen natürlich den Klassiker „Nighthawks“: Einsame Menschen, sitzen, vom kalten Neonlicht beschienen, in einem nächtlichen Restaurant. Traurige Gestalten, aber Gestalten, die gut aussehen. Mit ihren lässigen Anzügen, eleganten Kostümen, mit ihren coolen Hüten und harten Drinks könnten sie Schauspieler in einem Holywoodstreifen der schwarzen Serie sein. Selbst der Barmann ist adrett mit einem weißen Schiffchen auf dem Kopf. Das Bild, das in den 80ern in jedem billigen Bistro Westdeutschlands hing, hat  ganz wesentlich zu meiner Sehnsucht beigetragen, als einsamer Wolf durch nächtliche Straßen in der großen Stadt zu ziehen. Es war diese Sehnsucht, die mich endlich nach Berlin brachte. Einen Trenchcoat hatte ich auch dabei.

Jetzt lebe ich seit 25 Jahren hier und hab mein Ziel erreicht. Ich bin nicht nur alleine – meinen Sohn habe ich gerade bei seiner Mutter abgegeben- sondern auch richtig einsam und voller Grimm, wie jedesmal nach diesen traurigen Treffen. Kein Zuhause nirgends. Aber die Stadt kennt auch Orte, die einen trösten.

Kalt weht der Herbstwind durch meine dünne  Schimanski-Jacke, als ich im fahlen Licht der untergehenden Herbstsonne auf die Curry-Baude am Bahnhof Gesundbrunnen zusteuere, dem Treffpunkt aller Nachteulen, die hier in Berlins irrester Ecke gestrandet sind. Ein mageres schwarzes Mädchen in einem dünnen Kleidchen kommt mir auf dem Bahnhofsvorplatz entgegen, geschmeidig tanzend, selig lächelnd. In ihrer Hand verbirgt sie etwas, etwas Glänzendes, wahrscheinlich das Zeug, das sie gerade glücklich macht. Ich lächle zurück, denn auch ich  verstecke etwas, das glücklich machen soll. Die Baude ist hell erleuchtet, wie auf dem Foto. Doch im kalten Neonlicht (s.o.) hinter dem Tresen steht eine alte gebeugte Frau, die schon zu lange da steht. Zu viele Jahre und zu viele Stunden heute. Sie ist die Chefin, oder sie war es mal, das macht ihr Gesicht klar. Aber was macht die alte Chefin Sonntagabend um 8 noch im im Lokal? Mit der Hand stützt sie sich am Tisch ab, als sie meine „Curry Spezial mit Paprika und Mais“ zurecht schnippelt. Nichts erwartend als die nächste Bestellung. Hinter ihr gießt eine aus der Form geratene junge Frau mit struppigen, farblosen Haaren altes Frittenfett einen Eimer. Jetzt oder nie. Als ich die zwofuffzich für die Wurst auf die Glasschale zähle, ziehe ich mit der Linken etwas aus meiner Tasche. Keinen geladenen Colt, wie es Humphrey Bogart gemacht hätte, keinen Briefumschlag mit Dollarnoten. Nein, es sind die Postkarten mit den Bildern der Wettbewerbsgewinner, die wir nun im Wedding verteilen. „Hier“, sage ich, „wollte ich ihnen geben. Das Foto von Ihrer Baude hat einen Kunstpreis gewonnen.“ Kurz meine ich, dass sie ärgerlich wird, weil ich sie in ihrer Routine unterbrochen habe, die sie mit Mühe aufrecht erhält. Dann ruft sie nach hinten einen Männernamen: „Da ist jemand mit dem Foto, das die Kundin neulich gemacht hat.“ Ein hagerer Endvierziger kommt aus dem Lagerraum und  wischt sich die Hände ab, bevor er die Karten nimmt. Ich sage mein Sprüchlein noch mal. „Danke“, sagt er, „dass Sie an uns gedacht haben.“ Das Foto gefällt ihm. Freundlich zeigt er die Karten seiner grauen Helferin. Die werkelt immer noch am Boden, dreht kurz den Kopf und verzieht das Gesicht. Die alte Dame ist schon bei der nächsten „Zwee ma ohne Darm mit Pommes.“

Ist also Kunst doch für was gut? Na ja, auf jeden Fall hat sie mich zu der schärfsten und besten Currywurst in Berlin geführt (vergesst Konopke und Curry 36 gleich mit). Und mit der Curry intus habe ich sogar den Rückweg mit der U6 überlebt. Als am Leopoldplatz nicht nur die üblichen vier betrunkenen Polen (heute waren es nur drei, ich mach mir Sorgen) säuerlich nach Bier und Erbrochenem riechend in den Wagen torkelten, sondern auch noch ein Mann mit einem Seppelhut, der einen Rollstuhl mit einer Bierflasche drin vor sich herschob, sich mit den Fußsstützen in der Festhaltestange verhakte und so die ganze Tür blockierte. Und als der endlich durch war, noch zwei Jungs reinkamen (einer tatsächlich mit umgedrehter Basecap und goldener Gliederkette um den Hals), die noch irgendeinem Mädchen auf dem Bahnsteig imponieren wollten und ihre Hacken zwischen die zugehende Tür klemmten. Was aber auch wieder nichts mehr ausmachte, weil der ganze Zug außerplanmäßig noch fünf Minuten im Bahnhof stehen blieb, was uns der Fahrer über knarzende und hallende Lautsprecher lakonisch zubrüllte. War alles zu ertragen, selbst mit Maske vorm Gesicht.

Wir halten also fest: Wer Kunst so nah an sich ran lässt, dass er sie für Wirklichkeit hält, der läuft sein Leben lang falschen Vorbildern nach. („Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“ (Fehlfarben)). Wer aber Kunst nicht an sich ran lässt, verpasst die besten Orte, die erstaunlichsten Menschen und bleibt ewig in einem Vorortbistro mit einer schlechten Kopie von den „Nighthawks“ hängen.

Einen schönen Abend wünsch ich noch.

 

Hausstrecke

Die Hausstrecke ist für einen Motorradfahrer das, was für den Fußgänger die „Runde um den Block“ ist.  Eine Strecke, die vor der Tür anfängt, die man gut kennt und auf der nichts Besonderes zu erwarten ist.

Meine Hausstrecke ist die Berliner Stadtautobahn, die A100. Da fahr ich hin, wenn mich die Moto Guzzi vor meiner Tür lange genug traurig angeguckt hat, wenn mal wieder keine Zeit war für eine richtig Tour oder wenn ich meinen Freund Michael besuchen will. Nach Feierabend geht es los, Richtung Westen, wo die Sonne untergeht (komm Baby, lass uns nach San Francisco fahren, die Sonne putzen!). Auf der frei schwebenden Rudolf Vissell-Brücke vorbei am Westend-Klinkum, wo meine Jungs geboren wurden, vorbei an der silbernen Hülle des ICC und dann in einem großen Bogen Richtung Osten. Dreißig Kilometer Hin- und herschwimmen auf dieser hässlichen Verkehrsschneise aus den 70ern, zwischen zu vielen Autos, vier Spuren, und langen Tunneln. Nichts im Kopf außer ein Bier im „Idyll“, Michaels Stammkneipe. Und genau auf dieser Strecke ist es gestern passiert.
Ein Autofahrer hat regelrecht Jagd auf Motorradfahrer gemacht. Viele Verletze lagen auf der Straße. Die Bilder sind schrecklich. Wie bei allen Motorradfahren, die unter die Räder gekommen sind, wünsche ich ihnen, dass sie bald wieder auf den Beinen sind. Ein Auto kann eine Waffe sein: Eine Tonne Stahl beschleunigt von immer zu viel PS. Diese Waffe gezielt gegen Schwächere einzusetzen ist hinterhältig. Deswegen ermittelt die Staatsanwaltschaft ja auch wegen versuchten Mordes.
Als es noch nicht klar war, was das Motiv des Täters war, meldeten die Medien korrekt „ein Mann, vermutlich psychisch gestört“. Und los ging die Hetze in den Kommentaren. Gegen die Presse, die angeblich das Wichtigste verschweigt, gegen Ausländer, denn nur sie wären ja zu so was fähig… Und das ein halbes Jahr nach den tödlichen Schüssen von Hanau. Der Fahrer ist wohl in der Psychatrie gelandet. Und da gehört er auch hin, gerade wenn er „Alluh Akbar“ gerufen haben sollte. Seinen Gott als Alibi für eine Gewalttat zu missbrauchen -da tickt einer nicht ganz richtig. Aber wenn ich wegen jedem Autofahrer, der sie nicht mehr alle beisammen hat, Angst haben würde, dürfte ich mich nicht mehr auf Deutschlands Straßen trauen.
Und das will ich nicht. Ich bleibe on the road .