Notlicht

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Also ick gloobe, die da beim Jobcenta in der Müllerstraße ham een an der Tanne. Schon seit Ewichkeiten darf da keener mehr rin. Und vor Weihnachten scheint ooch noch der Hausmeesta krank jeworden su sein. Uf jeden Fall macht da ahms keener mehr die Lichta aus. Dit Haus sieht aus wie een Weihnachtsbaum. Nu ist Weihnachten schon lange vorbei und die Bäume hat längst die Stadtreinijung jeholt. Aba die vom Jobcenta machen munta weita. Is ja ejal. Is ja nur unsa Jeld. Kann da nich mal jemand een Elektrika holn?

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Wo wers jerade vom Jeld ham. Dit sieht hier zwar so aus wie Las Vegas, aba dit is jerade dem Jobcenta jejenüba. Dit is da, wo die Jungs sonst ihre Stütze vazocken, die se sich vom Amt jeholt ham. Aber mit dem jroßen Jeld is da ooch vorbei. Allet dicht. Und damits keener merkt, hamse die Lichta in Treppenhaus anjelassen.

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Aba wenichstens Kaastad hat noch uff. Bis um achte ahms. Jeht ooch nich mehr lange, gloob ick. Aber der letzte macht dit Licht aus.

Schön Ahmnd noch!

angebohrt — socopuk

Das Schöne am Bloggen ist, dass man manchmal Menschen findet, die die eigenen Gefühle besser auf den Punkt bringen als man es selber kann.

Tage ohne Anfang, ohne Mitte, ohne Ende gekrakelte Zeilen, beschmierte Zettel, verlorene Fäden das falsche Werkzeug, das falsche Material, die falsche Technik loslassen, zulassen, einlassen atmen, warten, hören . Ich habe einen roten Faden in mir. Den lasse ich manchmal fallen. Aber ich merke, wann es soweit ist, ihn wieder aufzuheben.

angebohrt — socopuk

Anbei ein paar gekrakelte Zeilen, beschmierte Zettel und das falsche Werkzeug.

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Böller und Benzin

Es kracht und knallt. In meiner Nachbarschaft ist Zurückhaltung ein Fremdwort. Die Straße riecht nach Böllern und Benzin. Aber trotzdem muss ich raus. Einmal quer durch die Stadt mit zwei Flaschen Sekt zur zwei Personen-zwei Haushalte Sylvesterparty. Falls ich von diesem Trip nicht wiederkehren sollte, will ich euch schon jetzt zum Neuen Jahr die besten Wünsche senden und ein paar letzte bunte Bilder aus diesem verrückten Jahr. So schlecht war es gar nicht.

Zeit, die nie vergeht

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Steht die Zeit still, oder rast sie gerade? Ausgerechnet gegenüber der Charité, Berlins größtem Krankenhaus, ja das mit dem Christian Drosten, hängt diese Skulptur, diese „Franz Kafka Uhr“ (ohne Zeijer, mit Striche drop nur; BAP). Drinnen tobt das Virus auf der Intensivstation und draußen ist alles ruhig. Ich fahre durch fast leere Straßen, unter bleigrauem Himmel, immer nur zwischen zu Hause und meinem Büro. Aber da ist niemand. Fast alle Kollegen sind im Home Office, und auch ich komme nur ein paar Mal die Woche vorbei, um nachzusehen, ob es die Arbeit noch gibt. Ich bin nicht der Richtige, um ständig von zu Hause aus zu arbeiten. Ich hab so etwas, was die Piloten „Nachtflugkoller“ nennen. Wenn du nichts mehr um sich herum siehst, keinen Kontakt mehr hast, zweifelst du irgendwann, ob der Computer, den du beobachtest, noch die Wirklichkeit zeigt. Vielleicht bist du längst im Sturzflug, während der Höhenmesser Geradeausflug anzeigt. Videokonferenzen helfen da auch nicht mehr.

Und Weihnachten? „Das glaubst du doch selber nicht, dass in paar Tagen Weihnachten sein soll.“, schreit mich mein Sohn auf dem leeren Hinterhof an. Meine Kinder sind zur Zeit, was soll ich sagen? Etwas unausgeglichen. Wer soll es ihnen verübeln? In der Schule saßen sie über Wochen mit Mundschutz. Und draußen ist es dreizehn Grad warm und trocken. Eher ein bewölkter Frühlingstag als „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, das ich mit ihnen tapfer für die Bescherung übe. Noch nicht mal Regen, von Schnee ganz zu schweigen. In der Schule sind die ganzen Adventssachen ausgefallen. Adventssingen, Adventsfeier, Adventsbasar. Noch nicht mal die Großmutter ist zu ihrem unausweichlichen Adventswochenende vorbei gekommen. Der innere Kalender der Kleinen ist durcheinander. Auf der letzten Fahrt von Berlin in den Brandenburger Speckgürtel sahen wir ganze fünf beleuchtete Weihnachtsmänner und nur drei leuchtende Schneemänner. Dafür spenden jetzt einsame Herrenhuther Sterne Licht in der Dunkelheit. Aber die Jungs, die den Dezember nur als sich steigernden Konsum- und Lichterrausch von Nikolaus über Geburtstag (die Zwillinge) bis Heiligabend kennen, merken so kleine Lichtlein gar nicht. Es ist schwer, in solchen Zeiten den Glauben an den Weihnachtsmann aufrecht zu erhalten. Und wenn die Frohe Botschaft für das Fest „Impfstoff“ heißt, kommt man mit den Liedern von dem Kindlein in der Krippe, das angeblich den Tod überwunden hat, auch nicht weit.
Immerhin: Es ist eine beschauliche, ja fast besinnliche Vorweihnachtszeit. Etwas eintönig zwar, aber wenigstens ohne Schokoladen- Glühwein- und Weihnachtsfeierorgien. Mir gefällt das. Ich verziehe mich im Winter (ho ho ho) gerne in meine Höhle. Aber es macht mich irre, wenn ich sehe, dass immer mehr Menschen und die Welt, die ich bisher kannte, ganz leise sterben.
Natürlich haben wir trotzdem ein Weihnachtsbäumchen gepflanzt – in mein Wohnzimmer. Mit Strohsternen und Kerzen. Als meinem Sohn eine Christbaumkugel runtergefallen ist, und ich schon Scherben sah, meinte er nüchtern: „Brauchst keine Angst zu haben, die sind aus Plastik.“

Ich wünsche euch trotz allem ein frohes Weihnachtsfest.

Bleibt gesund.

All the way from China

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Das kleine Flugzeug hat’s geschafft. Es hat drei Wochen gedauert, aber jetzt ist des da, wo es hin wollte.
In Shenzen, dem großen Industriegebiet in Kanton ist es gestartet, dann in Hongkong in den großen Flieger umgestiegen und damit einmal um die halbe Welt nach Frankfurt geflogen – nur weil ich einmal im Internet auf einen Knopf gedrückt habe. Und von Frankfurt hat es das Postauto nach Berlin gebracht. Da hab ich es abgeholt. Dann habe ich den Karton versteckt, weil ich Nikolaus spielen wollte. Aber meine Jungs haben ihn am Tag vor Nikolaus gefunden, den Karton. Sie haben ihn aufgerissen, das Flugzeug gefunden uns sind auf die Wiese gelaufen. Sie haben das kleine Flugzeug wie wild um sich geschmissen. Und das Flugzeug war glücklich, denn dafür ist es gebaut worden, um von Kindern in die Luft geworfen zu werden. Mit tollen Loopings ist es vom Himmel wieder zurück gekommen. Und die Jungs  haben sich gefreut. So hatten es die Menschen in China es konstruiert, dass es tolle Loopings fliegt, wenn Kinder es richtig in die Luft werfen. Das können die Chinesen gut, kleine Jungs mit ein bisschen Plastik glücklich machen. Aber gibt es in China auch Bäume? Wissen die Chinesen, dass es in unserem Hinterhof die Ahornesche gibt und und die Hainbuche, die Walnuss und die Kastanie? Die große Kastanie in der schon so manches gelandet, aber nicht wieder zurück gekommen ist. Anscheinend wissen sie auch das. Denn wie durch ein Wunder kommt das kleine Flugzeug immer wieder auf die Erde, auch wenn es in den Zweigen hängen geblieben ist, auch wenn es sich heillos verheddert zu haben scheint. So glatt ist es, das kleine Flugzeug, so leicht, dass es immer wieder nach unten kommt, wenn die Kinder nur heftig genug an den Zweigen rütteln, oder Stöcke in den Baum werfen, oder Kastanien. Oder den Vater rufen. Der hangelt dann über die dünnen Stämmchen des Fliederbuschs, von besserwisserischen Brillenträgern drei Meter unter ihm frech gefragt, ob er wisse, was er da tue? Und ob das nicht gefährlich sei, so hoch in der Luft mit dem langen Besenstiel nach dem Flugzeug zu angeln?

Aber der Vater weiß, was er tut. Er kriegt nicht nur das kleine Flugzeug wieder runter vom Baum (obwohl es dort gerne geblieben wäre – Flugzeuge sind gerne dem Himmel so nah); er hat sogar noch Satz neue Flugzeuge in petto, damit er in Nacht zum Nikolaus den drei Jungs was in die Stiefel stecken kann, die vor der Tür stehen werden -ungeputzt natürlich. Denn auch die Schuhe sind aus Plastik. Der Nikolaus weiß, dass man die nicht mehr putzen muss, behaupten die Jungs. Aber das werden andere Flugzeuge sein. Denn eigentlich wollte der Vater ja gar keine Sachen aus China bestellen, billige Sachen, die mit dem Flieger geschickt werden, und erst recht nicht welche, die in den Kartons mit dem lächelnden Pfeil ins Haus kommen.
Deswegen war er im Bastelgeschäft und hat für jeden Jungen ein Flugzeug aus Holz gekauft, so eins, das man noch aussägen und zusammenbasteln muss, so eins, wie er es selber gerne gehabt hätte, als er ein Junge war. Eigentlich wollte er ihnen das später schenken, wenn sie schon größer und geschickter sind. Aber ein Nikolausmorgen ohne was im Stiefel? Und die Kinder sind wirklich erstaunt, als sie die Schuhe ausgeräumt und die Schokolade in den Mund gestopft haben. So was haben sie noch nie gesehen. Aber sie machen, was sie immer machen, wenn sie Geschenke bekommen: Sie reißen erst ungedudig die Kartons auf und dann die kleinen Tütchen, in denen die Einzelteile verpackt sind. Und der Vater sieht’s und rauft sich das graue Haar, als er die vielen Teile, die dünnen Drähtchen, die Stäbchen und Plättchen unter den Kinderbettchen verschwinden sieht. Rasch wird nach donnernder Ermahnung alles von flinken Händen eingesammelt und auf den Küchentisch gelegt. Doch wieder rauft der Vater das Haar, als er die Bauanleitung sieht. Denn die ist auf Polnisch geschrieben. Unwirsch scheucht er seine neugierigen Nachkommen aus der Küche, setzt sie im Wohnzimmer vor den Computer und beginnt sein Werk. Und mählich allmählich kommt die Erinnerung wieder, an die Laubsägearbeit im Keller des Großvaters, an Holzleim, Klemmen und Klebeband. An die Ruhe und die Geduld, die der Großvater versuchte ihn zu lehren. Stolz zeigt der  Vater jeden Bauabschnitt den Knaben, die mehr und mehr Interesse bekommen. Zart wölben sich hauchdünne Balsaholzscheiben über zerbrechlichen Spanten. Geschickt biegt er mit zwei Zangen ein Stückchen Draht zum Widerlager für den Propellerantrieb. Und feierlich kommt es zur Hochzeit – der Verbindung von Flügeln und Rumpf. Die Sonne ist schon lange hinter den Häuserdächern verschwunden als vier ehrfürchtige Piloten das filigrane Maschinchen zum Jungfernflug in den Garten tragen. Kleine Taschenlampen leuchten dem Holzvogel den Weg, als er sich vom Gummiband getrieben mit schnurrendem Propeller steil in die Lüfte erhebt – und ebensoschnell abstürzt. Schwerpunkt, Trimmung, Balance: All diese Worte kommen dem Vater in den Sinn, Worte, die er im Polnischen nicht zu lesen vermochte. Worte, die er seinen Kindern nicht erklären kann. Als nach drei Versuchen der Propeller abbricht, fragen sie nur: „Können wir das andere Flugzeug mit zu Mama nehmen?“ Das kleine, billige chinesische Flugzeug freut sich. Es ist in den Herzen der Kinder angekommen. Zerschmettert lieg die europäische Handwerkskunst am Boden. Nur im Märchen gewinnen die Edlen und Schönen.

Fast wie Weihnachten

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Gloria in excelsis deo! Lange Zeit sah es so aus, als wäre diese atemberaubend abschüssige Straße unter der fast fertigen neuen Brücke für die S 21, die meinen bisherigen Arbeitsweg abschneidet (die Brücke, nicht die Straße) das einzige Geschenk, das die Stadt Berlin mir zum hl. Fest macht. Und das würde ja eigentlich auch schon reichen, würde ja schon ein Zeichen der Hoffnung sein, weil diese Ersatzstraße tatsächlich fertig wurde, bevor die alte Straße gesperrt wurde. Da hat sich einer mal was gedacht. Hat an die Radfahrer gedacht, die sich sonst über die rumplige Tegler Straße nach Mitte quälten und hat ihnen was Nagelneues, Makelloses hingestellt, wo’s mal ein bisschen flotter wird und der Tag mit einem Jauchzen beginnt.

Aber Berlin kann mehr. Ich meine, für fast eine Milliarde Euro vier Kilometer S-Bahn bauen, das kann man anderswo wahrscheinlich besser und schneller, aber kurz vor Weihnachten auf n Nachmittag noch mal für eine richtige Überraschung sorgen, mal eben das Seelenheil retten, so auf die Schnelle, das geht nur hier.
Lauf ich doch mit meinem Jüngsten durch einen wundervoll stillen vierten Adventsnachmittag, so mehr so aus Verlegenheit und weil der Junge noch mal an die frische Luft muss, in Richtung Kinderbauernhof. Komm am Cafe Stern vorbei, nehm noch einen dieser wunderbaren Kaffees für ein Euro und einen Keks für den Kleinen. Trinke den in Ruhe, obwohl der Besitzer drängelt, weil er auch mal Weihnachten haben will, machen Wettrennen (mit dem Sohnemann, nicht mit dem Besitzer) auf dem Hof der Beuth-Hochschule und schauen uns die ewig gleichen Meerschweinchen, Ponys, Ziegen, Schafe, Gänse an. Füttern verboten. Der Knabe fremdelt beim Animalischen und friert. Noch ein Wettrennen bis zur Ampel. Wer sich auskennt, weiß, dass wir jetzt nur einen Steinwurf von dem epochalen Brückenbauwerk entfernt sind, aber das tut hier nichts zur Sache. Denn wir schnüren in die andere Richtung, der Heimat zu und ich will das junge Herz nicht mit den Abgründen Berliner Bauskandale belasten, schielen noch kurz zum Atze-Kindertheater rüber, weil ein bisschen Kultur wär ja nicht schlecht, so an einem langen Winterabend. Aber mein Junge hat es noch nicht so mit den darstellenden Künsten. Vergangene Weihnacht musste ich das barmende Kind im Foyer des Puppentheaters trösten, nur weil einmal das Krokodil zugebissen hatte. Also noch einmal um die Wette durch den Matsch gerannt. Kommen wir an der evangelischen Kirchenburg an der Seestraße vorbei, an der auf dem Hinweg eifrige Menschen ein Transparent aufhängten „Konzert 17 Uhr“. Hängt immer noch da, jetzt im Halbdunkel. Bin ich neugierig, schau ich aufs Handy. Nur ne halbe Stunde, überrede ich den Jungen , einfach mal reinschauen. Erwarte mir Orgelklang und steifes Gefiedel im leeren Kirchenschiff. Aber siehe: Die Bude ist voller Leben. Heute ist großes Weihnachtssingen, wo ich doch gestern noch, als wir unsern Weihnachtsbaum mit dem Handwagen nach Hause zogen, mit ebenjenem Kinde O Tannenbaum textsicher alle drei Strophen in die ungläubigen Straßen schallte. Der Junge, dem Vater gleich, singt gerne.
Auf der eichenen Kirchenbank liegt das Textheft mit vielen, vielen Liedern, die mein Herz in Schwingung setzen. Ich singe immer gleich von der ersten Strophe mit, die eigentlich dem Kirchenchor gehört, wie die Pfarrerin eindringlich mahnt, hauen doch ab der zweiten Strophe  der infernalische Posaunenchor und routinierte Kirchensänger, die es sonntags mit jeder Orgel aufnehmen können jede Besinnlichkeit in Fetzen. Warum machen die Evangelischen immer so einen Krach? Doch egal, auch wenn es nicht besinnlich ist. So wie ich da sitze und mit dem holden Knaben auf dem Schoß „Ihr Kinderlein kommet“ anstimme wird die Stimme flattrig und die Augen feucht. Nach zwei Stunden Lobpreis treten wir halbtaub auf die ruhig scheinende Straße. Das brave Kind kriegt einen der geliebten Eukalyptusbonbons, beim Vater hilft nichts mehr. Auf dem Heimweg stimmen uns lieblich die Martinshörner der Krankenwagen auf ihrem eiligen Weg zur Charité wieder in den Rhythmus der Großstadt ein. Ich bin reich beschert worden.

 

Ski und Rodel gut

Buam

Warum schreibe ich nicht einfach, dass es schön war? Die paar Tage mit meinen Jungs im Schnee. Die ganze Zeit vor der Reise erwartete ich ein Drama und hatte mir auch schon die passenden Worte zurecht gelegt für meinen Bericht im Blog. Natürlich war ich höllisch aufgeregt, wie vor jeder Reise, aber diesmal besonders, weil ich mir ja auch noch Gedanken machen musste, wie wir gemeinsam eine zweistündige Schneeschuhwanderung überleben könnten, die zu dem Programm gehörte, das ich mit einem anderen Vater in der Jugendherberge Füssen gebucht hatte.
Mal sah ich mich im steif gefrorenen Wehrmachtsmantel im Schneesturm irren, wie einst Clemens Florel in „So weit die Füße tragen“. Mal sah ich uns unter einer Lawine verschüttet, mal die anklagenden Augen meiner Jungs und die blau gefrorenen Kninderfüße vor mir, weil ich nicht die richtigen Schuhe eingepackt hatte. Und auch die darauf folgenden Fieberschübe konnte ich mir aus der jüngsten Erinnerung in den grässlichsten Farben ausmalen.
Und manchmal sah ich gar nichts. Gar keinen Schnee, nur enttäuschte Kindergesichter in einer öden Jugendherberge, weil die weiße Pracht, die mir das Internet versprach natürlich weggetaut sein würde, wenn sich Kafka on the road begibt.

Nun gehe ich ja nicht zum ersten Mal im Winter auf Reisen. Vor ziemlich genau zehn Jahren bin ich mit einem klapprigen russischen Motorrad mit Beiwagen mitten im Februar von Berlin zum Nürburgring in die Eifel geknattert, weil ich einmal dabei sein wollte beim „Elefantentreffen“, bei dem es sich ziemlich verrückte Männer mit ihren dicken Maschinen ein Wochenende im Schnee gemütlich machen. Ich habs geschafft. Noch heute trage ich mit Stolz den roten Elefanten auf meiner Motorradjacke. Und von diesesem Abenteuer weiß ich: „Bevor du frierst, lass alle Würde fahren“. Damals hieß das, dass ich mir ein Schafsfell unter meinen Hintern schnallte, um meine edelsten Teile zu schützen und heute heißt das: Kauf dir endlich eine warme Winterjacke und bitte die Mutter der Zwilinge, den Koffer zu packen. Dann bist du auf der sicheren Seite und kannst dich nachher auch noch beschweren, dass das natürlich alles zu viel war, was sie eingepackt hat.

Und so begann die Reise ins Winterwunderland mit einem riesigen Koffer, vielen Hasenbroten für die Kinder und einer nagelneuen knallroten Daunenjacke für den Vater (damit uns die Hubschrauber der Bergwacht besser finden können). In München hatten wir genug Zeit beim Umsteigen, um noch eine Weißwurst in einem richtigen Wirtshaus zu essen und dann fuhren wir scheinbar endlos durch eine glitzernde, blau weiße sonnenbeschienene Winterlandschaft. Die Jungs holten ihre Pinguine aus ihren Rucksäcken, denn solchen Schnee hatten weder die armen Stadtkinder noch ihre Kuscheltiere je gesehen. Und Pinguine wollen ja in den Schnee. Der Jüngste sagte: „Ich glaube, das träume ich.“

Für die Scheeschuhwanderung im Tal brauchten wir dann vor allem eins: Sonnencreme (auch daran hatte die Mutter gedacht). Die Skihosen und die von mir sorgfältig imprägnierten Winterschuhe hätten wir uns schenken können, denn der pulvrige Tiefschnee fand seinen Weg in die Hosen und Schuhe der Kinder, als sie, hüfthoch versinkend, behände durch die watteweiche Masse jagten oder sich einfach quiekend im Schnee wälzten. Aber es war egal. Was ich nach 20 trüben Berliner Wintern vergessen hatte: Man kann im Schnee laufen, und es kann einem trotzdem warm sein.  Vom Übermut sorglos geworden wagten wir uns auch noch mit klatschnassen Socken mit der Seilbahn ein paar hundert Meter höher und legten uns mit den feschen Snowbordern in die Liegestühle, sonnten uns und ließen uns Milchkaffee bringen.

Was soll ich sagen? Wir haben alles überlebt. Auch das Rodeln am nächsten Tag. Drei Stunden gaben die Jungs Vollgas und rockten danach noch die Jugendherberge. Auch ich schlief in dieser Nacht so gut wie lange nicht.
Also Ski und Rodel gut?
Natürlich nicht! Irgendwo, ich vermute im Außenbecken des Spaßbades, das am letzten Tag auf dem Programm stand, muss ich mir einen Schnupfen geholt haben. Ich, ein Mann Mitte Fünfzig – einen Schnupfen! Ich bin gerade noch so mit dem Leben davon gekommen, aber ich leide jetzt noch. Was tut man nicht alles für seine Kinder?

 

 

 

 

…öffnet eure Stübchen

 

Ich musste schnell mal vor die Tür gehen, um Luft zu holen. Nachdem meine große Tochter mit einem vorwurfsvollen „kein Bock auf Weihnachten“ ihre Tür hinter sich zugeknallt hat, nur weil sie wieder bei ihrer Mutter und ihren vier Halbgeschwistern unterm Christbaum sitzen muss, nachdem die Mutter meiner Söhne die Jungs samt Blautanne eingeladen hat und nachdem sie mich ermahnt hat, morgen pünktlich zu Mittag bei ihr zu sein, weil der einzige Weihnachtsmann, den sie in ihrem gottlosen Brandenburger Kaff, in dem sie jetzt wohnt, auftreiben konnte schon um zwei an der Türe klingelt. Also einfach die Kappe aufsetzen und lieber im Nieselregen durch leere Straßen laufen als sich von diesem fest von Frauenhand organisierten Fest erschlagen zu lassen.

Was ich fand, waren viele Türen, die Männern wie mir offen stehen. Sie strahlen heller als jeder Weihnachtsbaum und dahinter war es stiller als in jeder Kirche. Wer da hinein geht, spricht nicht viel und die moderen Spielautomaten sind leise. Aber warm bin ich mit dieser Welt dann doch nicht geworden. Lieber den Weihnachtswahnsinn in meiner Patchworkfamilie, als im Wedding zwischen Spielsalon und Sportsbar die stille Nacht zu verbringen.

Als ich nachhause komme, habe ich noch beim Späti eine Dose Kokosmilch gekauft. Meine Tochter hat schon das Gemüse geschnippelt. Wir kochen uns was, damit sie endlich mal was anderes isst, als die asiatische Tütensuppen, die sie sich sonst so reinzieht. Und wenn der Weihnachts-Wahnsinn vorbei ist, laufen wir zusammen eine Runde um den Schlachtensee. Wird bestimmt schön.

Euch allen wünsche ich ein mindestens genau so fröhliches Fest.

 

Achterbahn

Wieder eine Woche hinter mir. Und die nächste vorm Bug. Alles neu, alles schon mal gesehen. Auf hundert Hochzeiten getanzt, nur nicht auf der eigenen. Alles verkrampft sich und löst sich wieder. Alles geht weiter, nur ich bleib stehen. Nein, ich ringe nicht nach Luft, ich ringe mit der Zeit. Ich wollte mir welche kaufen, aber ich hab nicht genug Geld. Ich bin nicht arm, aber reich an Nachwuchs. Na klar, Liebe gibts auch. Alte Freunde, neue Freunde, kleine Kinder große Kinder. Aber die Welt wird eng, wenn der Himmel grau ist und die Tage kurz, wenn das Fahrrad geklaut ist und das Elend in der U-Bahn groß. Ich will’s nicht sehn. Ich schwebe durch die Stadt auf einem Mantel aus Gleichgültigkeit. Wenigstens die Heizung ist repariert. Halleluja!  Und danke für das russische Gas. Möge es ewig fließen. Die Wiese hinter dem Haus hat schwarze Flecken. Was im Sommer verbrannt ist, ist nicht mehr nachgewachsen. Mars bringt verbrauchte Energie sofort zurück.

Vor dem Sturm

Am letzten Tag des Jahres bin ich mit der Kamera noch mal bei mir „ums Carre“ gegangen, solange es noch ruhig und verschlafen ist. In zwei Stunden ist hier Böllerkrieg. Ich wünsche euch trotzdem ein friedliches neues Jahr.