Sommermärchen

Erleuchtung

Als wir mit unseren Booten kurz vor Sonnenuntergang durch den Schilfgürtel stießen, müssen wir die Grenze zu Mittelerde überquert haben. Auf dem sanften Hügel vor uns schmiegen sich Hobbit-Hütten, klein und geduckt mit filzigem, rundem Dach in die sandige Wiese. Entfernt rauscht ein Bach. Sonst ist nichts zu hören als eine Haubentaucherin, die mit ihren Jungen eins ums andere im See verschwindet und wieder herausploppt. Am Ufer erwartet uns ein entspannt lächelnder Hüne, der seinen langen, weißen Bart durch eine Holzperle gebunden hat. Er hilft uns, unsere Boote ans Land zu bringen. Wir Gefährten haben unser Ziel erreicht. Weiter von der Wirklichkeit kann man nicht entfernt sein als an diesem Flecken im Sumpfgebiet zwischen Brandenburg und Mecklenburg.

„Kommt ins Gasthaus“, raunt uns der Riese zu, „ihr seid gerade noch rechtzeitig.“ Ich folge ihm arglos, doch meine Begleiter wissen, von welcher Macht der Alte geleitet wird und wohin er uns locken soll. Sie haben mich verraten. Ich suchte ehrlich der Welt zu entfliehen. Sie aber haben die ganze Zeit Signale empfangen, die auch jetzt ihre Gesichter blau aufeuchten lassen. „Zweite Halbzeit fängt gleich an. Die Schweden führen Null zu eins,“ murmeln sie hinter mir. In den Zeiten Mordors brauchte es einen Ring, um alle zu binden. Heute sind es flache, schiefergraue Scheiben. Hatte ich wirklich geglaubt, ich könne „Schland“ entkommen? An diesem Tag? Die Tür zum Gasthaus öffnet sich.
Es ist ein schrecklicher Anblick, der sich uns bietet. Ein Haus voller Besessener mit glasigen, verzweifelten Blicken . Alle Waldbewohner und die Gäste aus den Hobbit-Hütten haben sich um eine bunte, lärmende Röhre versammelt. Schon haben wir ein Bier in der Hand und stieren wie die anderen auf das flimmernde Bild mit weißen und gelben Männchen. Und der Zauber, der über allem liegt, erfasst auch mich. Als ein blonder Mann mit streng gescheiteltem Haar den Ball in der letzten Minute in einem eleganten Bogen ins Tor schießt, liege ich mir mit einem wildfremdem Mann aus Sachsen in den Armen, Freudentränen in den Augen. Das öffentlich-rechtliche Extacy macht uns zu einem einig Volk von Brüdern.

Schnitt

Eine Woche später, Berlin Wedding – jenseits von Mittelerde.
Ich mäander mit meinen Zwillingen am Samstagmittag durch den Kietz. Bei Edeka waren wir schon, in der Stadtbücherei auch und auch im Bio-Laden, weil wir den Salat vergessen hatten und einer mal pullern musste.

Von den Männern in Weiß und Schwarz spricht niemand mehr. Und wenn, dann mit verkatertem Hohn über die Dummheit, mit der man sich habe hinters Licht führen lassen, als säße man in der Matrix. Aber Fußball gibt’s immer noch.

Vom Sportplatz auf dem jede Nacht unter Flutlicht  bis um kurz vor Mitternacht gebolzt werden darf, klingt Männer-Geschrei. Afrikanische Beats liegen in der Luft . Vorsichtig tasten wir uns heran. Das Tor des Fußballplatzes steht weit offen, aber wir trauen uns nicht so richtig rein. Was ist das hier? Die Spielfelder sind voll von schwarzen jungen Männern in bunten, improvisierten Trikots. Aus den Laustprechern krächtst die Stimme eines völlig überforderten Organisators mit einem sehr anstrengenden Akzent „Also die Berliner Jungs spielen jetzt auf Feld B gegen Carl Zeiss Erfurt… nein, Moment  (das Micro wird weggelegt)  es ist Feld C und bitte die „Jeunesse Berlin“ auf Feld C, nein B… ist jemand von der Jeunesse da? Nein.,.. und da ihr geht jetzt mal hier weg, den Platz brauchen wir für die Siegerehrung….“ Es gibt keine erkennbare Ordung, aber viele lachende und entspannte Gesichter. Meine Jungs kennen die Anlage noch aus der Zeit, als sie hier noch mit der Kita turnen gingen, als es noch Personal dafür gab, aber sie trauen sich nicht rein. „Dürfen wir?, fragen sie. Erst als sie „Schulle“ sehen, unsere kräftige, bis an die Ohren tätowierte und gepiercte Nachbarin mit dem Kurzhaarschnitt, die im Turnverein die Jugend trainiert, wagen wir uns weiter.
Wir landen zwischen zwei Teams, den Roten und den Gelben, die ihrem Spiel entgegenfiebern. Meine Jungs sind wie elektrisiert, echte Fußballer! Alle so 18, 19, nervös, der eigenen Kräfte nicht ganz sicher, aber mit gespielter Coolness sich selbst vergewissernd. Anerkennende Blicke gehen auf das Spielfeld wo anscheinend der Gruppengegner gerade die gegnerische Manschaft austrickst. Eine halbe Stunde und zwei Spiele später sitzen die Roten wieder da. Sie haben ein Spiel gewonnen, sind Gruppensieger geworden. Und im nächsten Spiel verloren. Zwei von ihnen haben Verbände am Kopf, weil sie in der Luft zusammen gestoßen sind. Ihr Torwart hat ziemlich oft daneben gegriffen. Um sich zu entspannen übt er in einer leeren Ecke  mit (s)einem kleinen Jungen. Der Kleine ist stolz, weil er auch die großen Torwarthandschuhe haben darf.
Die Jungs rechnen. Es reicht für den vierten Platz, sie sind zufrieden mit sich. Sie wissen, das sie nicht die Größten sind und viel daneben gegangen ist, aber das ist egal. Es gibt einen Pokal für sie, und das freut sie. Den Fairnesspreis. Er wird von einer Integrationspolitikerin verliehen, die ihr schönstes Kleid angezogen hat. Neben ihr stehten noch vier andere: SPD, Linke, Grüne und eine vom Bezirk. Alle finden wichtige Worte und die Jungs sind schwer beeindruckt. Dann werden Faxen mit dem Handy gemacht und stolz vor dem Pressefotografen posiert. 11 Freunde sollt ihr sein – das gibt es also wirklich noch, Fußball mit menschlichem Anlitz. Ich könnte echt ein Fan werden.

Meine Jungs spielen an diesem Abend zum ersten Mal alleine, ohne dass ich mit muss, im Hinterhof Fußball. Den Kickern im Kindergarten, denen wollen sie es Montag mal richtig zeigen.

 

 

Ralley solo

in the middle

Es gibt auch Regen in der Toskana. Schon dafür hat sich die Reise gelohnt. Toskana mal ohne das ganze „Gutshaus auf dem sanften Hügel“-Gedöns. Eine öde Landstraße, eine Weggabelung. Ich muss nach links, nach Follonica, das klingt gut, das klingt nach verrückt und liegt am Meer. Das hat mir die Motorina mit der edlen Lederjacke und dem lustigen italienischen Englisch in Siena empfohlen. „This is our favorite road. It’s perfect- They straigtend it a bit after to many of us had accidents.“ Eine aufregende Straße. Aber ich bin müde und will einen Kaffee und meine Regenklamotten anziehen. Mal schauen, wie es weiter geht. Wenn überhaupt. Wer hat schon Lust auf eine kurvige Straße, wenn sie nass ist? Es gibt eine Bar am Straßenrand. Einfach eine Bar, für Leute, die hier vorbei kommen und weiter wollen. Der Wirt hat keine Lust zu reden. Ich auch nicht. Ist gut so.

Seit drei Tagen bin ich unterwegs, will die Strecke der Ralley Mille Miglia abfahren. Wieder so eine Idee von mir. Ohne Navi, ohne Smartphone ohne bella compagnia. Früher waren wir öfter zusammen im Süden. Nach unserer ersten gemeinsamen Fahrt hab ich die Sitzbank verlängern lassen, damit sie ihre langen Beine ausstrecken kann. Jetzt ist da ein Gepäcknetz mit meinem Proviant. Ist aber trotzdem gut gelaufen, die Reise, bisher. Das alte Motorrad ist meine Eintrittskarte. Als ich vor einer verschlafenen Bar in der Po-Ebene Halt gemacht habe, kamen die alten Männer raus, um meine Moto Guzzi zu bestauenen „Anni settanti, anni settanti“ und dann erzählten sie mir ihre Erinnerungnen aus den Siebzigern. Ich verstand kein Wort, aber einer war so aufgeregt, dass ihm fast die falschen Zähne rausflogen. Die Chinesin hinter der Bar mit dem Gesicht und der Frisur eines Sumo-Ringers verzog keine Miene. Die Jungen auch nicht. Sie guckten meine Maschine an, als würde sie noch mit Dampf betrieben, setzten sich auf ihre koreanischen Motorroller und waren weg. Oder der Tankwart in Modena, einer der wenigen Tankwarte die noch nicht von den vollautomatischen Zapfsäulen ersetzt wurden: Graue Lockenmähne, melierter Bart, rote Tankwartsjacke, kurze Hosen, Badelatschen hockte er gelassen auf seinem Schemel. Die Arme verschränkt hört er sich an, wie ich in meinem Volkshochschulkurs-vor-zwanzig-Jahren-Italienisch nach dem Weg fragte. Dann antwortete er in klarem Englisch: „First right, then left, then it will become complicated. You better ask.“ Er schaute auf mein Motorrad: „Nice bike“ „It’s italian“, antwortete ich. „I know!“ antwortete er, verschränkte die Arme wieder und machte klar, dass die Unterhaltung jetzt zu Ende ist. Er könnte auch Türsteher im Berghain sein.

Und wo soll ich jetzt hin? Mein Zimmer hab ich in einem Hostel in Pisa gebucht. Das sind noch mindestens 150 Kilometer. Ich übernachte in Hostels, habe sogar meinen Jugenherbergsausweis dabei. Den kriegt man, wenn man noch Kinder hat auch jenseits der 50. Als ich die Karte in Rimini zum ersten mal auf den Tresen legte, blickt die Empfangsdame ratlos und sagte: „Nice“. Ich zeigte auf das Jugendherbergszeichen an der Tür und sie lächelte: „We are having a party here, sorry. It will be loud tonight.“ Als Trostpflaster gab sie mir einen Gutschein für einen Cocktail an der Bar. Was hatte ich in Rimini erwartet? Früchtetee und einen Stempel in mein Wanderbuch?

Der Regen hat nachgelassen, also weiter. Die Straße zieht sich. Es gibt einen Lastwagen vor mir, der mich mit Sprühregen einnnebelt, den ich aber unmöglich überholen kann, weil er schneller durch die Kurven jagt, als ich es  je wagen würde. Kurz vor der Küste reißt der Himmel auf und dann ist da eine Trattoria hinter einem großen Parkplatz. Wie in Frankreich, früher, die Relais des Routiers, vor denen die Lastwagen kilometerweit standen und die weinseligen Fernfahrer ihre Mittagspause machten.
Ich geh rein und bin in einem Fellini-Film. Die Mittagspause ist vorbei. Nur zwei Jungs mit dichten, dunklen Haaren und schicken Frisuren sitzen da mit ihren Schulmappen und erzählen sich wichtige Sachen mit dem Eifer, wie ihn nur Zehnjährige haben können. Die Oma bringt zwei Teller mit Pasta. Sie schlingen sie rein, ohne mit dem Reden aufzuhören. Der Opa kommt, und nimmt einen auf den Schoß, aber der will – wohin? Natürlich zur Mama. Die Mama steht hinter der Bar, ist groß und blond, nimmt ihn an die dicke Brust und tröstet ihn. Ich muss warten, bis ich dran bin. Dann gibt’s für mich Carpaccio vom Fisch und Aqua frizzante. Keinen Wein?, fragt sie. Nein, keinen Wein. Das Motorrad… Wir haben auch kleine Gläser, lockt sie mich. Nein Danke – Es ist ein Elend, Italien ohne Wein.

Dafür das Meer. Über häßliche Industriestraßen, durch hundert Rotondas, wie hier die Kreisverkehre mit den winzigen, verwirrenden Wegweisern heißen und vorbei an rostigen Werften bin ich endlich da. Ich stelle den Motor ab, sehe die Fähren nach Elba ziehen und stehe augenblicklich im Wasser. Die Sonne hat wieder ihre volle Kraft und lässt mich in der Lederjacke schmoren. „Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher“ singt mir Hans Albers. Und ich habe Glück! In einem mit Oleander überwucherten Winkel zweier verschlungener Rotondas finde ich das ausgeblichene blaue Schild nach Santa Vincenze – die Küstenstraße, die alte Via Aurelia – jenseits der neuen Superstrada. Über viele wunderbare Kilometer bauen riesengroße leicht einander zugeneigte Pinien ein schattiges Dach über mir. Durch Dörfer zieht die Straße, vorbei an kleinen Läden und Bars. Rechts ab gehen schnurgerade Pinienalleen, die zu alten Weingütern führen. Ruhig wie ein Schiffsmotor bollert meine Guzzi. Das ist die Straße, das ist die Geschwindigkeit, für die sie gemacht ist. Ich werde später noch in die Berge fahren und durch enge Kurven jagen. Und auch das macht Freude. Aber das hier, diese Straße, dieses Italien, das wars, was ich erleben wollte.

Als Öko-bewegter Zivi hing in meinem Zimmer ein Plakat mit dem Spruch „Was wäre der Mensch ohne den Trost der Bäume?“  Und heute will man ja sogar wissen, dass Bäume auch sprechen können. Was würden die Pinien an der Via Aurelia mir Don Quichotte auf meinem alten, weißen Ross hinterherrufen wollen? „Arrividerchi motorino. Ci vediamo!“

Lasterhaftes Berlin

fremde

Da soll doch noch einmal einer sagen, Bücher, die man nicht gelesen hat, hätten keinen Einfluss auf einen. Birgit vom Sätze und Schätze- Buchblog hat mir mit ihrer gut recherchierten Rezension über „Lasterhaftes Berlin“, einem neu aufgelegten Stadtführer durch das angeblich wilde Berliner Nachtleben der 30er-Jahre, einen Floh ins Ohr gesetzt: Wieso denken eigentlich immer alle Menschen, die nicht in Berlin leben, dass hier ständig die Post abgeht? Dass man hier nachts Sachen machen kann, die man in Leipzig oder Bietigheim nicht machen kann? Ohne Licht mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig unbescholtene Bürger anfahren, oder um zwei Uhr nachts mit einer Flasche Bier in der Hand in der U-Bahn sitzen – um mal die wildesten Exzesse zu nennen, die man sich außerhalb Berlins so vorstellen kann.

Birgit vermutet, dass die Bücher über das verruchte Nachtleben immer die Vorstellung der Leser aus der Provinz bedienen müssen, und ich glaube das stimmt. Und weil in Berlin wirklich nicht viel anderes passiert als in Köln oder Buxtehude wird einfach ein bisschen dazugedichtet. Das hat Christopher Isherwood in seinem Buch „Auf Wiedersehn Berlin“ getan (das übrigens fast gar nichts mit dem Musical und dem Film „Cabaret“ zu tun hat. Isherwood war schwul und schreibt über seine Abenteuer mit Jungs) und die anderen Bücher aus den „goldenen Zwanzigern“, die Birgit erwähnt wohl auch.

Nach dem Krieg war es dann Billy Wilder, der Marlene Dietrich einfliegen ließ, um in „Foreign Affair“ etwas Verruchtes in die jämmerliche Schwarzmarktzeit zu bringen. Später hat er es mit der auf dem Tisch tanzenden Lilo Pulver im Pünktchenkleid in „Eins, zwei, drei“ noch mal versucht. Berlin war damals plattgemacht wie ein Teller, wie mein Vater zu berichten wußte, der jahrelang Konserven für die „Senatsreserve“ nach Berlin fuhr (und abgelaufene Konserven nach Westdeutschland zurück). „Wenn ich auf das Führerhaus meines Lasters gestiegen bin, sagte er immer, „konnte ich die ganze Stadt überblicken.“ Kein Wunder, dass die meisten Fotos und Postkarten von damals Berlin bei Nacht zeigten. Das war die einzige Möglichkeit, die Stadt ohne Trümmerberge aufzunehmen. Und die einzigen Begegnungen mit fremden Frauen, von denen mein Vater berichten wollte, waren die mit den DDR-Zöllnerinnen, die ihn den ganzen Wagen mit den durchweichten Kartons per Hand aus- und wieder einladen ließen. Auf solche Uniform-Spiele muss man stehen. Mein Vater tat’s nicht. Als ich ihn kurz vor seinen Tod fragte, was er in seinem Leben heute anders machen würde, sagte er, ohne zu überlegen „Ich würde nie wieder eine Tour nach Berlin übernehmen.“

Die freie Liebe der 68’er in der Kommune 1 war wohl so frei auch nicht und wurde erst attraktiv, als mit Uschi Obermeier ein Fotomodell dazu kam, das der „Stern“ gern  ablichtete. In den Siebzigern war es dann en vouge, über das wilde Sex-Leben der Nazi-Größen in geheimen Bordellen in Berlin zu berichten. „Salon Kitty“ war so ein Buch und ein Film, der sich an strammen SS-Männern in schwarzen Uniformen weidete. Zadek überflutete die Bühnen damit. Ende der Siebziger war es dann Christiane F. und der billige Sex mit Junkies im Tierpark, der das Bild vom nächtlichen Berlin prägte. Mann, fand ich den Film aufregend. Vor Drogen hatte ich zwar tierische Angst, aber so auf dem Bahnhof mit Freunden abhängen, den Bullen weglaufen und dann direkt vor David Bowie zu stehen, wenn er „Heroes“ singt. Das wär schon was gewesen. Später sang dann „Ideal“ vom wilden Nachtleben im „Dschungel“ – Ick fühl ma jut, ick steh uf Berlin. Das war das Lied, das ich im Kopf hatte, als ich auf Klassenfahrt nach Berlin kam. Und tatsächlich standen da am hellerlichten Tag Frauen auf der Potsdamer Straße rum, die so angezogen waren, wie die Frauen, die im Kleinanzeigenteil unserer Zeitung für potenzsteigernde Mittel warben. „Na Kleener, haste Lust uf ne Sause?“, sprach mich eine an. Ich wurde knallrot und sah zu, dass ich weg kam. Im Bus zurück nachhause prahlten natürlich alle Jungs, mit dem was abgegangen sei, mit den Frauen von der Potse.

Keine fünfzehn Jahre später zog ich nach Berlin, weil die Mauer auf war und ich den Osten erleben wollte. Und es war wirklich klasse. Die ganzen improvisierten Kellerbars und die Konzerte in den alten Reichsbahn-Hallen. Aber verrucht war das nicht, höchstens verqualmt.
Ich glaubte sowieso nicht, dass es so was wie verrucht noch gab in einer Stadt in der es die Love-Parade und den Christopher Street Day gab. Wo dein Nachbar zum Motzstraßen-Fest plötzlich als Transe aus der Tür kommt und dich fragt, ob seine Strumpfnaht noch gerade sitzt. Bis, ja bis dieser amerikanische Journalist auftauchte in unserer Redaktion. Netter Kerl, Cineast, der ein Interview mit Volker Schlöndorf arrangiert hatte. Aber wer kennt schon Schlöndorf im amerikanischen Bible Belt? Es musste ein Aufmacher her, einer, der auch den gottesfürchtigen Immobilienmakler in South Carolina neugierig macht. Sinnlos mit der „Blechtrommel“ anzufangen. Es wurde  die kleine, schäbige Oben-Ohne Bar in der Yorck-Straße. Ein Relikt aus der Zeit, in der noch die amerikanischen GIs nachts auf den Straßen von Berlin nach Amüsemang suchten. Der Artikel über Schlöndorf fing dann also so an: „There is a Topless Bar right in the center of Berlin. They say topless, and they mean it!“

Nachklapp: Es stimmt natürlich nicht, dass nix los ist in Berlin. Gleich bei mir gegenüber ist die Flop-Bar, ein dunkler Schuppen, der erst um acht abends aufmacht. Die Bedienung ist ein durchscheinendes Mädchen mit einer durchscheinenden Bluse. Ich weiß nicht was da nachts abgeht. Ich war nur mal Sonntags da, und habe mir einen Tatort auf der Leinwand angeschaut. Die Kids um mich rum hatten Flips und Chips mitgebracht. In Tatort ging es um Amateur-Pornos, die anscheinend jetzt in jedem deutschen Wohnzimmer gedreht und ins Internet gestellt werden. Der Tatort kam aus München.

Noch spannender ist es in meinem Hinterhof. Da sah ich heute bei Sonnenuntergang zwei Kamfpfhunde frei laufen. Ein schöner Hellbrauner mit weißen Flecken und ein Grauer. Zwei Hunde also auf der Wiese, auf der ich sonst mit meinen Jungs spiele. Natürlich hatte keiner einen Maulkorb, ein Besitzer war auch nicht zu sehen. Ja, das ist das wilde Leben in Berlin. So was gäb’s anderswo nicht.
Der Garten ist sattgrün, die Kastanien stehen voll im Saft und strecken ihre Kerzen nach oben. Und da sehe ich, wie der Braune auf die Graue steigt. Dann laufen sie wieder ein bisschen, beißen sich und der Braune steigt wieder hoch und sie vögeln wieder ein bisschen und dann laufen sie wieder. So geht das immer weiter. Und als ich mit dem Abendessen fertig bin, sind sie immer noch dran. Ob ich das dem Lonley Planet mal als Geheimtipp stecken soll?

Der alte Russ

Wo er wirklich herkam, wußte niemand so genau. Und niemand wollte es wirklich wissen. In unserer Familie ging das Gerücht, dass er der verrückt gewordene Sohn reicher Leute aus unserer Stadt sei. Aber das war nur eins der vielen Gerüchte, die in unserer Familie so daher erzählt wurden. So wie das von Onkel Nick, dem U-Boot-Fahrer. Alles was von ihm geblieben war, war ein Foto mit einer Mütze der Kriegsmarine und eine Postkarte aus Oslo. Da schrieb er, dass es bald losgehen werde und dass er sich freue. Das war 1943. Onkel Nick ist nicht wiedergekommen, aber unter seinen neun Geschwistern hielt sich das Gerücht, dass sein Boot in der Ostsee versenkt worden wäre. Er sei einer der wenigen Überlebenden gewesen und in russische Kriegsgefangenschaft geraten. Das hatte ein Nachbar erzählt, um meine Großmutter zu trösten, die die Nachricht vom Tod ihres Sohnes nicht ertragen konnte und nächtelang klagend durch ihr Haus gelaufen war. Er erzählte ihr, dass die Sache mit der Gefangenschaft im „Feindsender“ gehört habe, wo Listen der deutschen Gefangenen verlesen wurden. Nun, das war edel und mutig, denn auf das Hören ausländischer Sender standen hohe Strafen, und es verfehlte seine Wirkung nicht. Aber es war so wenig wahr wie das Gerücht, dass der „ahle Russ“, ein Obdachloser, der mit seinem grauen Bart und seinem schmierigen Mantel ab und zu unsere Straße herunter lief,  wirklich ein Russe war.

Für ein Kind ist es ein Leichtes, das Gerücht von dem in Russland verschollenen Onkel mit dem von einem alten Mann aus Russland zusammen zu bringen. Die Welt um mich herum war voll mit Spätheimkehrern und Männern, die nicht darüber sprechen wollten, was sie erlebt hatten. So war das Erscheinen der ausgestoßenen Kreatur für mich immmer mit einem schönen Schauer verbunden. Ich ging im aus dem Weg, wie alle, das war klar. Nur ein paar Mutige, warfen ihm ein freches: „Na, alher Russ“ an den Kopf, um schnell wieder zu verschwinden. Der Alte antwortete nie und stieß auf die Frecheiten nur ein gequältes Brummen aus. Aber für mich war klar, das musste mein Onkel sein- und keiner außer mir wußte es.

Und wenn das Leben ein Roman wäre, dann könnte ich jetzt erzählen, wie ich dem Mann nachgeschlichen bin, wie ich herausfand wo er wohnte, dass ich irgendwann den Mut gefunden hätte, ihn anzusprechen und dass er mir ein Freund geworden wäre, von dem ich alles alles das gelernt hätte, was mir mein Wirtschaftwunder-Vater, der immer auf Achse war, nie die Zeit hatte mir beizubringen. Aber Romane werden ja deshalb so gerne gelesen, weil in ihnen das Unwahrscheinliche geschieht, das Magische, das, was alle sich wünschen, was aber in im eigenen Leben eben nie vorkommt.

Der alte Russ war eines Tages einfach verschwunden, und keiner verlor ein Wort darüber. Verschwunden wie die andern Männer, die mich als Kind faszinierten. Der „Hunsrücker“, ein fliegender Händler, der ein mal im Monat auf dem Parkplatz vor dem Ausflugshotel seinen Stand mit billigen Kindersachen aufschlug und der „Eifler“, der uns einmal in der Woche drei glänzende Brotlaibe brachte, aus denen dann meine Mutter die Butterbrote machte, die mein Vater auf seine langen Fahrten nach Berlin mitnahm, um Spesen zu sparen.

Ein paar Jahre später erfuhr ich, dass das Haus, in dem der alte Russ gehaust hatte, abgerissen werden sollte. Es lag hinter dem Friedhof auf einer schönen Wiese mit Obstbäumen. Und es war trotzdem ein unheimlicher Ort. Ich näherte mich der fensterlosen Ruine nur zögernd, Schritt für Schritt. Als ich über die Schwelle trat, knischte unter meinen Sohlen zersplittertes Glas und Metall. Die Räume waren vollgestoft mit Müll und nutzlosem Gerümpel. Der alte Russ war ein Messi gewesen, der alles Alte in unserem Städtchen zusammenraffte und in Plastiktüten in seine Höhle brachte. Ich fand einen schönen Wecker, Junghans, braun mit Leuchtziffern und glänzendem Zifferblatt. Zu Hause versuchte ich ihn wieder zum Laufen zu bringen. Ich wollte ja immer ein Mechaniker sein, um meinen Vater zu beeindrucken. Aber ich bin keiner. Irgendwann raffte meine Mutter die von mir achtlos liegengelassenen Einzelteile zusammen, und schmiss sie in den Mülleimer.

Ach ja: Mein Onkel ist im Mittelmeer gestorben. Sein Boot wurde auf seiner ersten Fahrt von einem britischen Schiff versenkt. Es gab keine Überlebenden. So steht es seit 1943 im Sterberegister unserer Stadt.

 

 

 

Living next door to Alice

Der leichte Nieselregen schluckt das funzlige Licht der wenigen Straßenlaternen. Die Fenster der Häuser sind finstre Löcher. Es ist eine der Straßen, in die Männer nicht alleine gehen sollten. Das sagt einem schon das Gefühl. Und mein Gefühl ist nicht gut, als ich in die schäbige Gasse neben der alten Fabrik einbiege. Kein Mensch unterwegs, die wenigen Autos jagen schnell vorbei. Ich überlege kurz, ob das eine der Gegenden ist, vor denen die Polizei warnt. Eine der Gegenden im Wedding, die man nach Sonnenuntergang nicht mehr betreten soll. Ach was, lache ich in mich hinein, und wische mir den Regen und den Schweiß von der Stirn. Es wird schon gut gehen. Ich kann mir Vorsicht nicht leisten: Ich bin ich bin nicht mehr jung und ich habe keine Wahl.

Als ich den Laden betrete bin ich allein. Die Ruhe die mich umfängt, als die schwere Tür der alten Lagerhalle hinter mir zufällt, ist gespenstisch. Das Licht blendet. Noch kannst du gehen, durchzuckt es mich, aber als mich meine Augen an die Helligkeit gewöhnt haben, sehe ich, das ich richtig bin: In großen Stapeln liegt vor mir der Stoff, den ich so dringend brauche .

Und da kommt auch schon die Frau – es ist immer eine Frau – aus dem Hinterzimmer angeschlichen, um ihr Opfer zu betrachten. Es ist schwer zu schätzen, wie alt sie ist. Ihre Augen sind im Laufe der Jahre zu arglistigen Schlitzen geworden, sie ist billig geschminkt und ihre Haare türmen sich zu etwas auf, was einmal eine Frisur war. Wir sind allein, nur sie und ich. Ich merke, wie ich nervös in meinen Manteltaschen die Fäuste balle. Sie schaut mich von oben bis unten an – das ist der erste Teil des Rituals, das ich hasse und durch das ich jetzt durch muss. Die Alte fragt mich gleichgültig, was ich brauche. Sie weiß, dass sie mich jetzt in der Hand hat. Ich könnte schreien, aber niemand würde mich hören. Ich nenne ihr zwei Nummern – Es sind seit Jahren immer die gleichen: 34 -32, Es ist ein Code aus den USA, und ich hoffe, dass er auch diesmal klappt. Sie äugt mich mißtauisch an und gibt mir die eiskalte Antwort: Na, de Beene sin ja noch schlank – aber ohmrum, da jeb ich ihn bessa ne 35.

Es ist schwer als Mann, bei diesem Deal seine Würde zu behalten. Wie ein getretener Hund verschwinde ich mit dem Stoff, den die Frau mir zugeteilt hat hinter dem Vorhang. Ein erster Test sagt mir: Er ist gut, atemberaubend gut. Ich halte die Luft an. Ich schaue in den Spiegel und sehe – einen jungen Gott! Was das Zeug alles mit einem macht… Das war der Kick, den ich gebraucht habe. Mit stolz geschwellter Brust verlasse ich die Kabine – da steht auch schon die Alte und taxiert mich. War wohl n bissjen ville Jans an Weihnachten, wa? Dit sitz ja wie eene Corsasch bei ihnen.

Die Luft ist raus, der Rausch verflogen. Ich hasse sie. Und ich ahne, dass es noch schlimmer kommen wird. Ohne Kommentar reicht sie mir ein sackartiges Gebilde, das mich wieder aufatmen lässt. Ein alter Mann schaut mich aus dem Spiegel an. Fehlen nur noch die Hosenträger.  In der andan wah ihr Po aba knackijer, feixt die Alte zufrieden und ich frage mich, obs hier irgendwas zu übermalen gibt, so wie bei der Alice-Salomon-Hochschule ein paar Kilometer entfernt. Platter geht der Sexismus ja wohl nicht. Vielleicht die Plakate mit den durchtrainierten Knaben, die überall an der Wand hängen und die mir ein gnadenloses Körperschema aufzwingen, vielleicht die Preisschilder mit den Prozentzeichen, die die Ware dieses Outletcenters anpreisen und die Männer wie mich dazu bringen, sich in die Krallen dieser zynischen Wölfin zu stürzen.

Ich nehme natürlich beide Hosen, die vernünftige und die knackige. Ick ha ihn da een Sonderpreis druf jemacht, gurrt die Verkäuferin mütterlich. Veilleicht merkt sie, dass sie zu weit gegangen ist. Aber was bringt mir das gesparte Geld, wenn ich damit gleich in den nächsten Supermarkt rennen muss, um das Schokoladenregal leerzuräumen?

Es gibt Wunden, die nicht verheilen.

 

Das gelobte Land

Mit einer Tasche voller Weihnachtseinkäufe (der Christbaumständer fehlt noch) stolpere ich ins „Haircut 64“, ein arabischer Friseurladen im Afrikanischen Viertel. Noch einmal ordentlich hübsch machen für die Feiertage. Der diensthabende Figaro tut so, als erinnere er sich an mich:

Stufe 5 , einmal alles, oder?

Nein, Stufe 6 an den Seiten, Stufe 9 oben – so war das.

Ehrlich? Wollen Sie auch rasieren mit warmen Schaum und Wachs an den Seiten?

Nein, aber Augenbrauen ausdünnen und Ohren absengen.

Während er mir den Kragen umschlägt und  mich in einen schwarzen Umhang hüllt (mit Sichtfenster für die Hände – und das Handy), kommt ein junger Kerl mit langem dunklen Bart, mehr Hipster als Taliban, aus dem Hinterzimmer. Anscheinend hat er dort etwas im Internet gefunden, was seine Meinung unterstützt. Aufgeregt deklamiert schon im Anlauf auf seinen Kunden, den Mann neben mir: Oualla, ein Palästinenser hat bereut, dass er mit den Israelis zusammen gearbeitet hat. Er sagt, er will sterben, diese Schande. Was macht man mit so einem? Sein Kunde, ein massiger Araber, brüllt die Antwort, als stände er ohne Megafon vor einer Versammlung im Gaza-Streifen: Einen Verräter erschießt man oder man hängt ihn auf. Wenn Krieg ist, erschießt man ihn! Genau!, pflichtet der Bartjunge zu, ich hasse die Israelis.

Ich liebe Amerika, gibt sein Kunde überraschend  zurück. Amerika ist großartig. Aus Amerika kommt alles was wir lieben. Was für Zigaretten rauchst du?, fragt er den jungen Palestinenser. Äh, ich rauche türkischen Tabak. Der Freund der USA versucht es noch mal anders herum: Aber du trägst Jeans, die kommen aus Amerika. Du trägst keine palestinensischen Kleider, du trägst amerikanische. Amerika ist die wichtigste Wirtschaft auf der Welt, doziert er mit Stentorstimme weiter. Sogar unser Benzin kommt von da. Deutschland ist schwach. Der DAX ist bei 13 000 in Amerika sind sie bei 23 000!

Aber dich lassen sie nicht rein, gibt der Junge keck zurück. Du bist Araber. Die wollen dich nicht! Und Deutschland gibt dir Sozialamt und Asyl und Wohnung. Warum liebst du nicht Deutschland? Ich habe einen Traum, brüllt der Araber, jeder muss einen Traum haben. Irgenwann lassen sie mich rein. Jedes Land hat mal einen guten oder einen schlechten Chef. Das ist so. Und du? Warum lebst du nicht in Palästina, wenn du es so liebst? Ich sag dir: Ich finde es gut, dass die Israelis da sind. Die Israelis sind eine Demokratie! Die Araber kommen aus Afrika.

Das ist unser Land, gibt der Palästinenser ruhig zurück. Nein, beharrt der Araber, das gehört den Israelis. Moses hat es ihnen vor 2000 Jahren gegeben. Das ist ja schon eine ganz schöne Weile her, mische ich mich ein. Mein Friseuer gluckst vor Freude. Mir scheint,  dass er das Gebrüll nicht sonderlich ernst nimmt und sich auf eine deutsche Arabeske freut. Aber die Nachbarn sind zu sehr in ihrem gepflegten Streit, als dass sie auf mich eingehen könnten. Mittlerweile geht’s wieder ums Sterben.

Was machen die Israelis, wenn du ihr Feind bist?, fragt der Araber. Die schießen auf dich, und wenn du verwundet bist, bringen sie dich ins Krankenhaus, das machen die Israelis. Und was machen die Palästinenser? Wenn du ihr Feind bist, dann reißen sie dir den Arsch auf, mit einer Flasche, sie vergewaltigen dich. Der Palästinenser wird immer ruhiger. Vielleicht ist es auch nur der Respekt vor dem Kunden. den er nicht verlieren möchte. Die Israelis erschießen jeden Tag Palästinenser – und ich bin bereit zu sterben für mein Land, sagt er aufopferungsbereit. Sein Kunde greift das sofort auf und dreht es um: Du lebst hier. Und wieviel Araber erschießen die Israelis pro Tag? Vielleicht drei, vielleicht fünf. Und wieviele Araber tötet Assat in Syrien jeden Tag? Ich sag dir: Es sind hunderte!

Während der Nahostkonflikt sich ausbreitet, hat mein Friseur sein Feuerzeug gezückt und lässt die Flamme über meine Ohren lecken. Es riecht nach verbrannten Haaren.

Die Mutter des Weihnachtsmanns

Die blasse Postkarte zeigte ein Landschaftgemälde aus dem 18. Jahrhundert. Mit Bleistift war darauf geschrieben „Wir planen eine Einladung zu einem kleinen Abendessen, damit wir unseren neuen Nachbarn kennenlernen.“ Unterschrift unleserlich. Ach wie nett, dachte ich. Die Bestimmtheit, mit der der Anspruch, mich als neuen Mitbewohner kennen zu lernen hier formuliert wurde, ließ mich an eine ältere Dame denken, die noch weiß was sich gehört. Und tatsächlich hatte ich mich nicht im Haus vorgestellt, nachdem ich eingezogen war, was sich ja eigentlich gehört – oder mal gehört hat.

Aber doch nicht im Wedding. Die vierschrötige, wortkarge Berlinerin unter mir, die ich in ihrer Gartenbauerkluft für die Hausmeisterin hielt, die den graugrünen Leinsockel im Flur mit Blümchen und Katzenbildern verschönert, hatte mir gereicht. Als ich bei ihr klingelte, um Bescheid zu geben, dass ich am Sonntag mal ein paar Löcher bohren müsste, öffnete sie den Mund, wölbte ihre Zunge nach vorne, die mit  ein paar Leberwurstresten belegt war, überlegte kurz und grunzte: War ja ooch schon laut vergangenen Sonnabmnd. Eine Katze schlich zwischen ihren Beinen hervor, und ich fragte wie viele sie denn habe. Neune, sagte sie, aba varpfeifn se mich nich bei der Verwaltung. Türe zu.

Die steinalten Leutchen übern Flur wollten auch keinen Kontakt.  Als ich bei ihnen wegen eines Päckchens klingelte war die Tür gleich wieder zu.  Eine Treppe höher das Gleiche. Jetzt also die Karte.

Zwei Wochen später die nächste Nachricht. Eine Karte aus Kew-Gardens bei London. „Freitag 19 Uhr würde uns gut passen.“ Jetzt waren zwei Unterschriften darunter, von denen ich eine lesen konnte. Ich warf eine Karte (Landschaftsmalerei, 19. Jarhundert) in den Kasten und sagte für Freitag zu.  Ich muss sagen, ich war gespannt auf ein Dinner für drei mit Miss Sophie und ihrem Gatten.  Aber am Tag vorher traf ich im Hausflur eine kleine schwarzhaarige Frau, etwa mein Alter und eine jüngere baumlange blonde Walküre in einer Felljacke. Beide sagten, sie freuten sich auf unsern Abend. Ok, dachte ich: lesbisches Pärchen. Das wird ja nicht einfach.

Mit einer Flasche Wein klopfte ich im vierten Stock. Die kleine Schwarze öffnete, war geschäftig am Telefon und winkte mich ohne Gruß in die dunkele Wohnung. Dunkle alte Möbel, verblasste Landschaftsmalerei an der Wand, Teppiche auf dem Boden. Wer so wohnt, wohnt so schon lange. Als ich eine Weile mit der Hauskatze gespielt hatte, machte ich mich bemerkbar. Ohne Zeichen von Verlegenheit legte meine Gastgeberin das Telefon weg. Das Gespräch war nicht nach ihren Wünschen verlaufen. Die Nachbarin kommt noch nicht, sagte sie, weder freundlich noch entschuldigend. Wie immer, setzte sie noch hintendran. Der Tisch war gedeckt, aber einen Platz bot sie mir nicht an. Auch schien sie von mir zu erwarten, dass ich das Gespräch am laufen halte.  Ich versuchte es mit den Landschaftsbildern. Ach, die hab ich bei ebay ersteigert, aber langsam hab ich dafür keinen Platz mehr. Ende des Gesprächs.

Mir wurde klar, dass ich hier kein Gast war, sondern ein Aspirant. Das würde ein Vorstellungsgespräch werden. Wir plänkelten ein bisschen über den Garten und meine Zufriedenheit mit der Wohnung, da bekam ich schon das Du angeboten. Also Margarethe. Ich gehörte jetzt zur Familie. Seit „Der Pate II“ weiß ich, was das bedeutet. Endlich schneite die Nachbarin herein. Plappernd, lächelnd, Grande Dame, aber die Hausherrin blieb klar die Chefin am Tisch, an den wir uns endlich gesetzt hatten. Was macht der Syrer? fragte die Madame, als ob ich nicht dabei wäre. Die Schwarze winkte ab. Der kommt nicht mehr, seit ich ihm über die Approbationsprüfung geholfen habe. Männer blieben das Thema des Gespräches, zu dem ich nur wenig beizutragen hatte. Meistens Männer, die schon wieder weg waren. So wie der Vater der großen Tochter, die Walküre von gestern, die jetzt im roten Sportdress erschien und sich von Mutti kurz den Rücken richten ließ, bevor sie, mehrfach ermahnt, Fahrradhelm und Schutzweste zu tragen, aus der Wohnung floh. Zwischendrin hatte sie mir noch ein Lustiges Taschenbuch aus ihrem Zimmer in die Hand gedrückt: Sie haben doch Zwillinge. Es blieb das einzige Zeichen des Willkommens an dem Abend. Kaum war die Tochter weg, war ich mit Marion per Du und wir kamen endlich auf das Thema unseres Geschäftsessens: Das Haus und die Bewohner. Der Trinker im Dritten, der mit der Tochter der Hausmeisterswitwe aus dem Parterre verheiratet war. Der Sohn der Gartenbaufrau, der vorher in meiner Wohnung wohnte, ständig Party machte und dann endlich rausflog. Die leise Mutter mit den Zwillingen, deren Vater man nie sieht. Das irre Projekt der Hausverwaltung, das Margarethe erfolgreich verhindert hatte, einem Erfolg, dem ich auch meine Wohnung zu verdanken hätte. (in den wunderbaren großen Garten sollte ein weiteres Wohnhaus gesetzt werden und dafür im Vorderhaus zwei Wohnungen für die Durchfahrt abgerissen werden, weshalb meine Wohnung lange leerstehen gelassen wurde.)

Ich glaube, Margarethe wollte mir zeigen, wer hier im Haus die Fäden in der Hand hält. Wenn Margarete schon die Männer immer wegliefen, ihr Sohn ein Tunichtgut war, dann hatte sie wenigstens in den 25 Jahren das Haus unter ihre Kontrolle gebracht: Wenn der alte Frank sich endlich zu Tode gesoffen hat, kriegst du seine Wohnung, Marion, da sorge ich für, sagte sie zur Verabschiedung zur Nachbarin. Auch für mich fiel was ab. Ich brauchte noch einen Weihnachtsmann für meine Jungs. Eine Nachricht an ihren Sohn ging sofort raus. Wenn er nicht wieder total spinnt, sagte sie lakonisch, steht er an Heiligabend um Fünf vor deiner Tür.

Frohe Weihnachten