Kein Scherz

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Ich fand die ganze Corona-Hysterie natürlich auch albern, bis, ja bis es einen guten Freund erwischt hat. Nicht schwer, leichter Verlauf, aber immerhin.
Nun ist dieser Freund ein Doktor, der seit Jahren mit Antikörpern und anderen mikrobiologischen Wundern beschäftigt ist (nein, Corona kommt nicht aus seinem Labor…).  Deshalb weiß er, worauf es ankommt: Dass es nicht zu einem „schweren Verlauf“ kommt. Sprich Lungenentzündung und Intensivstation.

Damit das Immunsystem es schafft, bei einer Infektion den Virus zu bekämpfen, bevor er „in die Lunge runterrutscht“ kann man was tun.

Hier die fünf Empfehlungen, die ich jetzt selber befolge. Ein Teil der Sachen hatte ich noch in meinem Medikamentenschrank (der sich in den letzten Jahren erstaunlich gefüllt hat). um gegen die üblichen Erkältungen gewappnet zu sein. Deswegen war ich noch nicht in der Apotheke und weiß nicht, ob da inzwischen die Regale auch schon leer sind.

I. Nahrungsergänzungsstoffe zur Stärkung des Immunsystems: Vitamin-D (10.000-20.000 I.E.) Solange man das nicht über Jahre hinweg macht, keine Angst vor Nebenwirkungen. Dazu Zink, Selen, Vitamin C (gibt es meist als Kombi in der Drogerie). Alle zusammen erhöhen die Resistenz gegenüber Erkältungskrankheiten signifikant und sollten daher für die nächsten Monate prophylaktisch eigenommen werden (2 Monatsvorrat anlegen).

II. Ab den ersten Anzeichen einer Infektion (erste grippale Symptome, sind häufig schwächer als bei der richtigen Grippe und vor allem schon bei leichtem Husten!) vorbeugende Einnahme von Sekret verflüssigenden Medikamenten (frei verkäuflich z.B. Bronchipret, ACC, Mucosolvan und viele andere). Wichtiges Ziel: Die natürliche Abwehrfunktion des Bronchialepithel-Flimmerepithels. Das kann ein Vordringen des Virus in die tiefen Bronchien und damit die schweren Verläufe verhindern.

III. Inhalation mit Dampf am besten mit „ätherischen Ölen“ (z.B. Soledum, auch in der Apotheke oder Drogerie fragen) und ein wenig Kochsalz. Gerade die oberen Atemwege, die das Sars-CoV-2 Virus primär angreift, sind für den Dampf gut erreichbar. Das tötet nicht primär die Viren, aber die ätherischen Öle verstärken die Immunantwort (Adjuvanz-Wirkung) und der Temperaturreiz lockt Immunzellen an. Insgesamt wird die Immunantwort aktiviert, was das Abgleiten in einen schweren Verlauf zu vermeiden hilft. Es muss dafür nicht der Inhalator aus der Apotheke sein (evtl. schnell ausverkauft), eine Schüssel oder Topf tut es auch. Achtung nicht zu heiß inhalieren! (wer es nicht glaubt siehe z.B. https://www.youtube.com/watch?v=Dom2Oungw7I)

IV. Vermeiden von Fieber- und Schmerzmitteln. Klingt banal, wird aber oft nicht berücksichtigt. Alle Fieber senkenden Medikamente hemmen auch die Immunantwort. Erst ab 40°C Fieber machen sie Sinn.

V. Kein Alkohol, nicht Rauchen

Im besten Fall braucht ihr das ganze Zeug nicht.  Dann um so besser und ihr habt einfach nur einen kleinen Vorrat für die nächste Grippewelle.

 

 

 

Nappo

Laterne Ost

Breuer schob den Vorhang zur Seite und öffnete das Aluminiumfenster einen Spalt zum morgengrauen Innenhof.  Er spürte den feuchten Morgendunst, der sich auf seinem Weg in den schmucklosen Vernehmungsraum zuerst auf seine weit nach hinten gelichtete Stirn legte und dann weiter zog in die hintersten Ecken voller abgestandener Luft. Ein leichten Schauer lief über Breuers Rücken. Nach den Stunden des Verhörs merkte er wieder, dass er einen Körper hatte. Er streckte sich. Das fahle Licht des frühen Augustmorgens hatte jetzt auch den Kerl erreicht, den sie ihm mitten in Nacht gebracht hatten. Der Lockenkopf blinzelte und rieb sich die Augen. Breuer sog noch einmal einen tiefen Atemzug ein: Spreedunst mit etwas Zweitaktöl schmeckte er heraus, ohne es zu wollen. Er schloss das Fenster wieder. Es konnte weiter gehen.

Bisher hatte sein Gegenüber geschwiegen. Noch nicht mal nach einem Anwalt hatte er gefragt. Erstaunlich eigentlich, denn das war immer das Erste, was den Burschen einfiel, weil sie es so aus Fernsehen kannten. Der hier war anders. Anfang Dreißig vielleicht, schwer einzuordnen. Aber es kamen ja jetzt einige seltsame Gestalten aus dem Westen hierher. Eigentlich ein bisschen zu alt für den Mist, den er gebaut hatte, ein bisschen zu weich. Wahrscheinlich hatte er es auch nicht allein gemacht. Aber sie hatten nur ihn geschnappt. Eins nach dem anderen, sagte sich der erfahrene Kripo-Mann. Er fühlte sich wieder frisch und war sicher, dass er kurz vor dem Ziel stand.

„So mein Junge,“ versuchte er es auf die joviale Tour und lehnte sich über den Tisch, freundlich wie die Spinne zu der Fliege in ihrem Netz, „jetzt fangen wir noch mal ganz von vorne an. Am besten erzählst du mir jetzt deine ganze Geschichte, ganz von Anfang an.“ Sein Gegenüber hörte auf an die Decke zu starren und so zu tun als sei er nicht anwesend, die Masche, die er die ganze letzten Stunden gefahren hatte. Er hatte sich nicht beeindrucken lassen von dem, was Breuer ihm an Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch um die Ohren geworfen hatte. Diebstahl, Störung der Totenruhe, Eingriff in den Straßenverkehr.“Dafür kannst du in den Knast kommen, ist dir das klar? Das ist  ein Friedhof, auf dem ihr da auf  auf Raubzug wart. Da liegen 2000 tote Sowjetsoldaten.“ Dann hatte er ihm ausgemalt, was ihn im Knast so alles erwartete, was die Jungs dort mit einem Weichei wie ihm anstellen würden. Der Kerl hatte ihn nur verwundert angeschaut und gegrinst. War er bekifft, hatte er was geworfen? Würde passen, aber Breuer roch nichts und die Pupillen waren ok. Es gab auch Typen, die sich an ihrer Tat berauschten, ganz ohne Drogen high waren von dem was sie sich getraut hatten. Bei denen half kein Drohen. Aber Breuer hatte noch mehr auf Lager. Good cop, bad cop, das alte Spiel. Wenn Drohen nicht half, dann musste man dem Verdächtigen eine Geschichte anbieten, eine, in der er der Held war. „Also,“ sagte er so freundlich, wie er es um 5 Uhr morgens konnte, „du musst mir nicht jeden Lutscher beichten, den du als Kind in der Kaufhalle geklaut hast. Wann hat das angefangen bei dir?“

Ein Lächeln erschien unter den Locken, und der Blick war nach innen gerichtet, auf eine sehr ferne Zeit. Er senkte die Kopf und sagte „Nappo“. Breuer richtete sich auf „Wie?“ „Nappo,“wiederholte der andere. „Keine Lollis: Nappo und Eiskonfekt. Kennen Sie das? Das haben wir im Supermarkt immer mitgehen lassen.“  Breuer schüttelte den Kopf. Aber er freute sich. Er hatte sein Handwerk bei der Volkspolizei gelernt. Studierter Graphologe war er. Eine handgeschriebene Seite hatte ihm früher genügt, um genau zu wissen, wen er vor sich hatte. Oberlängen, Unterlängen, Neigungsgrad. Das war eine echte Wissenschaft. Aber das galt ja heute nichts mehr. Dieses neue Zeug  aus dem Westen musste er nicht kennen.
Er hatte nur noch seine Erfahung, und die sagte ihm, dass er den Fisch jetzt an der Angel hatte. Bequem lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme über seinem Bauch und beglückwünschte sich selber zu seiner Treffer-Frage. „Aha,“ sagte er, “ Erzähl mal.“ Es würde jetzt noch mindestens eine Stunde dauern, aber das war es wert.

Morgens um sechs wurde Breuer mürrisch. Was sollte er denn mit diesem ganzen Quatsch anfangen? Der Kerl hatte fröhlich eingestanden, dass er den Aufsatz einer Straßenlaterne am Sowjetischen Ehrenmahl vor dem Brandenburger Tor mit seinem Kumpel weggetragen zu haben. Sie hätte schon auf dem Boden gelegen und sollte wohl entsorgt werden. Da habe er sich zur Rettung berufen gefühlt, denn immerhin wäre es die einzige ostdeutsche Straßenlaterne auf Westberliner Gebiet gewesen. Das sei historisch. Außerdem sehe der Aufsatz wie eine gigantische Nachttischlampe aus, was sie auch zu einem einmaligen Zeugnis der biederen ostdeutschen Industriegestaltung und damit erhaltenswert mache. Er habe niemals die Absicht gehabt, sich das Gerät anzueignen, auch nicht, als sie beide die Lampe im 100er BVG-Bus durch die halbe Stadt transportiert hätten.
Breuer grunzte. Was war das für eine Stadt geworden?  Da schleift einer Volkseigentum, eine Lampe mit fast einem Meter Durchmesser, ganz ungeniert durch den öffentlichen Verkehr und keiner sagt auch nur ein Wort. Auch der Busfahrer nicht, die doch sonst wegen jedem Kinderwagen meckern. Die Westdeutschen betrachteten den Osten wohl als einzigen großen Andenkenladen, in dem sie einfach zugreifen konnten. Auf jeden Fall hatten ein Bürger erst die Polizei gerufen, als es vor dem Haus des Kerls zu Streit gekommen war.  Vom Balkon des ersten Stocks soll eine junge Frau mit zerrauften Haaren, wohl die Lebensgefährtin, geschrien habe, dass sie dieses verrostete Stück Ostschrott nicht in ihrer Wohnung haben wolle. Es scheint einen heftigen Wortwechsel gegeben zu haben, worauf der Komplize abgehauen wäre, was es dem Kerl unmöglich gemacht hat, die Lampe allein nach oben zu tragen. Stehenlassen wollt er seine Beute auch nicht. Und so stand er noch dabei, als die Kollegen ihn festnahmen.

Was jetzt? Am liebsten hätte Breuer diese unreife Gestalt für eine Nacht in Untersuchungshaft genommen. Das reichte meist, um ihnen einen Schrecken einzujagen. Aber der Kerl hatte eine feste Adresse und zu vertuschen gab es nichts mehr. Grober Unfug, würde der Staatsanwalt sagen und ihn wieder weg schicken.
„Du bekommst Post vom Ordnungsamt,“ raunzte er drohend. Abtransport der Lampe und so weiter. Das wird schön teuer für dich.“ „Und ich behalt dich im Auge, damit das klar ist. Ich bin sicher, dass das nicht der letzte Scheiß ist, den du  und dein Kumpel hier baut. Das war eine leere Drohung, das wusste er. Aber er wusste auch, dass er recht behalten würde.

 

 

 

 

 

 

Westwärts

Eigentlich wollt ich ja was ganz anderes schreiben. Aber als ich den Blog aufmache, lese ich als Erstes die epische Geschichte von Glumm über seine Fahrten per Autostopp nach Frankreich. Und die ist so gut, dass ich selber zurückrutsche in diese Zeit Ende der 70er, als ich mit Rucksack und Freund Werner durch Frankreich getrampt bin.
Werner war ein ruhiger Typ, einen Kopf kleiner als ich und der Chef unserer Amesty-Gruppe. Er lebte bei seinen Eltern, in einem Eifel-Dorf neben der A 61. Sein Vater hatte bei Eternit gerackert. Jetzt hatte er Asbestose und hustete sich zu Hause die Lunge aus dem Leib. Werner rauchte Selbstgedrehte. Er war Landvermesserlehrling, ich hatte es ein Jahr zuvor von der Realschule auf’s Gymnasium geschafft,
Wir wollten trampen und wir wollten nach Irland, wegen der Musik und so.
Mit dabei: Zwei sperrige Tragegestell-Rucksäcke, ein Fähnchen von einem Nylon-Zelt, das unter Garantie nicht einen Tropfen Regen abhalten würde und den bleischweren Schlafsack meines Vaters aus der Schlafkabine seines LKW. Mein Vater war Fernfahrer und nahm uns bis Oostende mit. Wie wir es dann bis nach Calais geschafft haben, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass wir es uns in den Kopf gesetzt hatten, genau auf den Kreidefelsen über der Stadt unser Zelt aufzubauen. Klappte aber nicht. Wir waren 17, noch nie an der See gewesen und wussten also auch nix vom Wind, der über die Klippen peift. Die Nacht brach ein, und wir hatten nix zum Schlafen. Und dann tat Werner das, was er in den kommenden Wochen immer tun würde, wenn wir nicht weiter wussten: Er drehe sich eine und rauchte. Damit strahlte er für mich so eine Ruhe aus, dass ich ganz zuversichtlich wurde. Wir haben noch in der gleichen Nacht in einem Laster den Kanal überquert.

Wenn mich vor einer Stunde jemand gefragt hätte, wie ich mich mit 17 gefühlt habe, dann hätte ich gesagt: Ich war der traurigste Mensch auf meiner Schule. Das Mädchen, das ich ich auf der ersten Fete (ja so hieß das, wie man es schreibt, nicht französisch mit Striche obendrauf) auf der neuen Schule kennen gelernt hatte, hatte einen anderen, die Bürgerkinder waren mir Realschüler in allem eine Nasenlänge voraus und nach Hause kam ich am besten, wenn meine Mutter schlief (Vatter war ja immer auf Tour) um mir nicht wieder eine Predigt wegen meiner langen Haare anzuhören.
Verdammt in alle Ewigkeit.
Ich hatte diesen Sommertripp vergessen, als wir  in England auf einer Wiese zelteten und morgens ein langhaariger Typ zu uns kam und uns zu einer Tasse Tee in sein Cottage einlud, als wir es schafften unsere riesigen Rucksäcke und unsere zwei biegsamen Leiber für 150 Meilen auf dem Rücksitz eines Minis zu verstauen, bis zum Fährhafen nach Irland (Holyhead?). Und wie wir es in Irland keine Meile voran schafften, weil Benzin gerade Mangelware oder zu teuer war und die wenigen alten Autos, die in diesem armen Land überhaupt fuhren, mit kinderreichen Familien vollgestopft waren. Auf einer nebligen Kreuzung im Nirgendwo, Werner war gerade dabei, sich wieder eine zu drehen, pickten uns zwei Deutsche mit einem großen Volvo auf und brachten uns auf’s französische Festland zurück.
Ich weiß nicht mehr, von was wir uns vorher ernährt hatten, in Frankreich auf jeden Fall führte ich eine strenge Baguette-Tomaten-Käse-Rotwein-Pflicht ein, weil ich das so typisch französisch fand. Ich drehte auf, sprach ganz passabel Französisch, weil ich auf der Realschule in meine Französischlehrerin verliebt gewesen war und beim Schüleraustausch mitgemacht hatte. Werner redete auch auf Deutsch nicht so viel und wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause. Das Zelten hatten wir längst aufgegeben und uns auf Jugendherbergen verlegt. Irgendwo in Lothringen fanden wir in der einbrechenden Dunkelheit an einer Herbergstür statt eines Herbergsvaters einen Zettel: „Der Herbergsvater wird nicht dafür bezahlt, den ganzen Tag auf Reisende zu warten. Wer die Schlüssel für die Herberge braucht, soll bei mir vorbei kommen. Ihr findet mich im Café …“ Ich war von diesem libertären Arbeitsethos, das ich für typisch französisch hielt, begeistert. Werner war sauer, dass wir jetzt noch mal mit vollem Gepäck durch die Stadt laufen mussten. Außerdem ging es ihm auf die Nerven, dass ich jeden Menschen, den wir an den Autobahnauffahrten trafen, und der wie wir beiden eine Anti-Atomkraft-Sonne an der Jacke trug, wie einen alten Bekannten begrüßte. Für mich waren alle, die dagegen waren (Atomkraft, Aufrüstung, Berufsverbote…) meine Freunde. Werner wollte weiter.
Wir schafften es tatsächlich, bis zur letzten Autobahnraststätte an der A 61 zusammen zu bleiben. Es war Nachts und wir sprachen eine Frau mit einem schicken BMW an, die gerade tankte. Sie musterte uns beide abgerissenen Gestalten und meinte „Ich muss ja völlig verrückt sein, mitten in der Nacht, zwei Männer, aber kommt, steigt ein.“
Das letzte Stück liefen wir auf dem Seitenstreifen der Autobahn, auf dem uns die Frau absetzte, nach dem sie die ganze Fahrt nervös geschnattert hatte, denn bis zu Werners Dorf hatte sie uns dann doch nicht bringen wollen. Vielleicht rochen wir ihr zu streng. In dieser Nacht schlief ich zum ersten und letzen Mal in Werners Zimmer. Ich hörte seinen Vater husten.

 

Before, in and after the Wedding

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Kindermund

Bin mit meinen Söhnen auf dem Weg zum Fotografen. Der Fotograf, der auch alle Babybilder von ihnen gemacht hat. So Bilder, auf denen man als Paar glücklich lächelnd auf dem kuschligen Schafsfell sitzt und das Baby in die Mitte nimmt. Der Fotograf ist klug, denn er hat seinen Laden direkt neben dem Hochzeitsgeschäft. Zuerst die Hochzeitsfotos, dann die Babybilder. Normalerweise jedenfalls. Bei uns war’s ja anders. Das fällt jetzt auch einem meiner Jungs auf: „Papa, was ist eigentlich Hochzeit?“ fragt er vor dem Schaufenster mit den Rüschenkleidern. „Hochzeit ist“, erwiedere ich unwillg, „wenn Mann und Frau sich sagen, dass sie immer zusammen bleiben möchten.“ Pause. „Hast du deswegen Mama nicht geheiratet, weil du wusstest , dass ihr es nicht miteinander aushaltet?“ Die Frage kommt nicht vorwurfsvoll sondern sachlich. Er versucht sich einen Reim auf das Durcheinander der letzten Jahre zu machen. Was soll ich ihm erzählen? Von all der schönen Zeit, die ihre Mutter und ich hatten, die romantischen Liebeserklärungen, die vielen Reisen, bis…ja bis die Kinder kamen. Nicht eins, sondern gleich zwei auf einmal. Aber das würde ja heißen, dass die Kinder schuld sind. Und das, Lektion 1 für Trennungsseltern, darf man den Kindern nie und niemalsnicht sagen. Haben wir einen Kurs für gemacht. Dafür hat’s nach der Trennug noch gereicht. Außerdem stimmts nicht. Ich habe mir nie vorstellen können, so wie meine Eltern, mein Leben lang mit einer Frau zusammen zu leben. Jetzt hab ich den Salat und drei Kinder und mehr. Und manchmal klappt es so auch ganz gut – so getrennt. „Hm“, antworte ich meinem Sohn, „so ungefähr.“ Mit der Antwort ist er zufrieden, ich auch.

Unter Männern

Nach solchen nervenzehrenden pädagogsischen Herausforderungen suche ich manchmal die Ruhe und Stärkung durch kräftig Speisen. Der Wedding bietet ja nicht nur Restaurants aus aller Welt, sondern auch an, versteckten Ecken, noch deutsches Deftiges. Nix wie rin also. Und im „Fabea“ wird nicht nur deutsche Küche geboten, sondern auch ein deutscher Sammtisch. Vier Männer von Vierzig bis Siebzig am Samstag früh bei Bier und Kümmerling.  Ich studiere die Speisekarte, die so deutsch ist, dass sie sogar in Fraktur gesetzt wurde (übrigens immer in der falschen, aus England stammenden gotischen Typo). Drüben geht’s um Fußball. Und so sehr ich dem Koch danke für seine sublime austro-erotische Kreation 31 „Erdäpfel küssen Eier dazu Gewürzgurke“, entscheide ich mich doch für den Klassiker „Kassler Nackenkamm mit Sauerkraut“. Am Stammtisch sind die Männer inzwischen bei der Verurteilung eines KZ-Aufsehers angelangt („Unmöglich, so was gibt es nur in Deuschland“. „Die DDR-Grenzer, die haben wirklich geschossen, die verurteilt niemand…“) Muss ja nicht stimmen, aber sie sind ja am Stammtisch, da hat jeder Recht. Und überhaupt: Schimpfen die Männer schon längst wieder über den Berliner Senat und die Grünen mit ihren Fahrradwegen, die sich wundern werden…. und so weiter. Was mich freut ist, dass keiner schreit, keiner den Platzhirsch macht,  und dass auch mal ein „kann man ja auch mal so sehen…“ dazwischen kommt. Mein Kassler ist auch schon da, ein ganzer Teller voll, ohne besondere Feinheiten, aber solide. Ich entschuldige mich bei dem armen Schwein, das für meine Gelüste sein Leben lassen musste und gehe beruhigt nach hause, bis ich an einer Litfassäule hängen bleibe:

After the Wedding

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After the Wedding?

Was soll nach dem Wedding schon kommen?

Erstmal kommt der Wedding (schon seit Jahren).

Und dann kommt lange nix.

Lange

Und dann kommt Reineckendorf.

Ein Film über Reineckendorf?

Wie öde ist das denn?

 

Schönet Wochenende noch, wünsch ick Ihnen

 

Erwachsen werden

In der leeren Küche steht auf dem abgewischten Tisch ein übriggebliebenes, rotes Halma-Männchen. Schwer vorzustellen, dass dieses Männlein und seine bunten Freunde noch vor ein paar Stunden der Grund für ein existenzielles Drama unter Brüdern waren. Tränen, Geschrei, Schläge, Türenknallen, Anschuldigungen, Betrug, Schmollen, Decke über den Kopf ziehen und theatralische Abgänge. Das Spiel, das gegeben wurde hieß „Mensch ärgere dich nicht“ und sowohl die Söhne als auch der Vater sind noch weit entfernt davon, den gut gemeinten Befehl des Spieleerfinders zu befolgen und Gelassenheit walten zu lassen. Es fochten Bruder gegen Bruder, Vater gegen die Söhne (in abwechselnder Folge), Söhne gegen den Vater. Es wurde an der falschen Stelle gelacht und mit Häme über das Mißgeschick des anderen nicht gespart. Wer die Szenen von außen betrachtet hätte, hätte meinen können, es ginge um das Verteilen des väterlichen Erbes oder ähnlich schicksalsbsestimmende Entscheidungen. Und irgendwie hätte er auch recht gehabt.
Dann war alles still. Von einem Augenblick auf den anderen verlor das Spiel seine Bedeutung. Das war, als ich auf die Uhr schaute und sagte: Zieht euch an, in 10 Minuten kommt Mama. In der üblichen Hektik wurden Sachen in Taschen gestopft, Socken gesucht, und die Medikamente nicht vergessen. Aber irgendwas fehlt immer.
Zurück in meiner nun ruhigen Wohnung stehen verlassene Spielautos in Ecken, liegen Vorlesebücher auf dem Bett und der Sonnenhut, der eben nicht zu finden war, findet sich in der Lego-Kiste, in die die Jungs auch ihre bewundernswerten Bauwerke versteckt haben. Bis zum nächsten Mal.
Ich werfe alles was ich finde ins Kinderzimmer und mache die Tür zu. So mache ich das jedesmal, wenn die Kinder weg sind. Es dauert immer eine Weile, bis ich den Anblick des leeren Zimmers ertrage. Das Halma-Männchen hatte ich übersehen. Und er macht mich traurig. Wie oft werde ich noch mit ihnen spielen, bis sie in ihren eigenen Spielen verschwinden, zu denen ich keinen Zugang mehr habe?
Im sonnenheißen Garten wartet noch das halb aufgeblasene Planschbecken von gestern darauf, wieder im Keller zu verschwinden und auch die Picknickdecke, die die Kinder seltsamerweise zwischen den Müllcontainern für das Abendessen aufgeschlagen hatten. Kurz überlege ich, ob ich das nasse Plastikbecken einfach in meinen Keller schmeiße, zu dem anderen Gerümpel aus meinem Leben und auch da einfach die Tür zu mache. Das Verweigern von Ordnung war schon immer meine Art, mit unangenehmem Druck umzugehen. Die Dinge mussten darunter leiden. Doch ich bin keine 16 mehr. So langsam habe ich den Unterschied zwischen elterlichem Ordnungswahn und vernüftigem Umgang mit empfindlichen Dingen gelernt. Vorsichtig drücke ich die Luft aus den dicken Wülsten, lasse die PVC-Haut eine Weile in der Sonne trocknen und wische dann mit einem Stück alten Betttuchs Sand und Wasser aus den Nähten. Es soll ja noch ein paar Sommer mit den Jungs aushalten.

 

Let the sunshine in

Schwein

Was gibt es Schöneres als sich an einem milden Sommerabend mit einem Freund am grünen Ufer der Spree ein mitgebrachtes Bier zu trinken? Auf dem Fluss wummern die Partyboote und die Bässe, Pärchen kuscheln sich auf der Wiese aneinander und junge Menschen in hautengen Anzügen gleiten stehend auf ihren Paddel-Brettern stadteinwärts, dem Sonnenuntergang entgegen. Wie alle Berliner, die an diesem Abend unterwegs sind haben wir also schon leicht einen sitzen, als wir im Biergarten Zenner ein Plastikbecherbier und die letzte Bockwurst erwischen und viele philosophische Gedanken später noch eins am mobilen Ausschank auf dem Platz. Doch da haben unsere Weltuntergangsgespräche (China, Afrika und die Frage, wie man jenseits der 50 im Job noch Begeisterung und Dynamik vortäuscht) jede Stringenz verloren und die dunklen Gedanken ballen sich zusammen wie die Gewitterwolken über unseren Köpfen. Von der Rückfahrt habe ich nur noch in Erinnerung wie mir der aufkommende Sturm auf dem S-Bahnhof die Fahrkarte aus der Hand gerissen hat und dass ich von einem betrunkenen Russen umarmt wurde, weil ich ihm die richtige Bahn nach Schöneweide aufgeschrieben habe. Zuhause angekommen, da gings mir wie Bolle. „Hab’s Fenster aufgerissen und tüchtig ventiliert und über den pladdernden Regen mich mächtig amüsiert.“

Aber dieses Geräusch in meinem Kopf ging nicht weg. Das Geräusch, das ich zuletzt vor 40 Jahren gehört habe, das metallische Ächzen, das klingt wie ein Schiffsrumpf, der mit voller Fahrt auf ein Riff läuft. Damals kam es vom Rahmen des Garagentors an dem ich mit frischem Führerschein den ralleyorangen Ford Escort meines Vaters entlangschrammte. Unsere Garagenauffahrt war so etwas wie die Nordkurve des Nürburgrings. Sie ging in einer scharfen Rechtsdrehung ein paar Meter aufwärts. Viele Abende hatte ich das elegante Kunstsstück meines Vaters beobachtet, wie er den kleinen Wagen mit einem kurzen Aufheulen des Motors genau ins Tor katapultierte. Jetzt war ich dran. Mein Vater nahm’s ruhig und versuchte erst gar nicht, mich dazu zu verdonnern, den meterlangen Kratzer aus dem Lack zu polieren. Das machte er lieber selber, weil sein Sohn mit der Brille und den wirren Ideen ja sowieso zwei linke Hände hatte. Aber vergessen war der Lackschaden nie. Wahrscheinlich blieb das Donnerwetter nur  deswegen aus, weil mein Vater eine neue Stelle als Fahrer bei den Kohlesäurewerken hatte: Chemietarifvertrag, 13. Monatsgehalt, Betriebsrente. Da war jetzt mehr drin. Der Katalog für den neuen Ford Taunus lag schon im Wohnzimmer. Erst viele Jahre später erteilte er mir Absolution. Als er nicht mehr fahren konnte und ich ihn mal wieder sehr dringend ins Krankenhaus bringen musste. „Du kannst ja richtig gut fahren.“, sagte er, halb erstaunt, halb um sich zu bedanken. Sein letztes, kleines Auto hat er mir vererbt.

Gestern nachmittag war das Geräusch wieder da. In meinem Ein-Drittel-Auto, das ich noch zusammen mit der Mutter zur Geburt unseres Jüngsten gekauft habe, weil das alte für drei Kinder zu klein war. Denn wenn man ein Kind erwartet, sich aber nichts mehr zu sagen hat, dann kauft man zusammen ein Auto, damit man was tut für das neue Kind und damit man über nichts anderes reden muss. Sie behauptet ja, sie habe das Auto allein gekauft und ich sage, dass ich mein ganzes Elterngeld da rein gesteckt habe, und dass deshalb ein Drittel davon mir gehört. Dafür habe ich aber keine Belege, weil sie das Auto und alles was dazugehört mit in ihr neues Haus genommen hat. So ein Auto ist das.

Und mit dem Geräusch war alles weg, was ich und meine Jungs die letzten zwei Wochen zusammen erlebt hatten. Die von mir nach uralten Erinnerungen gebauten Flitzebogen, die Ninja-Ritter-Wanderung durch den kleinen Wald hinter dem Ferienlager in der Uckermark, der für die Kinder zum magischen „Wald der Harmonie“ wurde (Wer sich bei Lego-Ninjago auskennt, weiß wovon ich rede.), die Tretbootfahrt mit den Seemannsliedern und dem Knäckebrot als Schiffszwieback, der ewige Streit darüber wer wann von wem was gekriegt hat und der Streit mit der weißhaarigen Nachbarin im Ferien-Bungalow weil die Kinder morgens zu laut waren.
Wir waren auf dem Heimweg. Die Kinder waren frisch gebadet, das Auto frisch geputzt und alle Sachen, die uns die Mutter eingepackt hatte, haben wir auch wieder in den Kofferraum geräumt (plus ganz wichtige Zweige, Äste und Feuersteine, die Schwerter, Dreizacks oder Pfeile sind und minus einiger einzelner Socken, Badehosen und sowas). Es waren noch 27 Kilometer über die Autobahn zurück zur Mutter. Auf der Rücksitzbank war beste Laune. Ich hatte eine Runde Prinzen-Rolle ausgegeben, die harte Währung unseres Urlaubs. Die Sonne schien. Stadtautobahn, linke Spur, 60 Km/h. Von hinten kommt die Meldung: „In meiner Flasche ist kein Wasser.“ „Warte,“ sag ich automatisch, „ich geb dir meine.“ Greife auf die Beifahrerseite, musste mich ein bisschen strecken, und dann war es da, das Geräusch.
Rostige Leitplanke an makellosem Lack. Ganz kurz, dann waren wir wieder auf Spur. „Das war nicht gut,“ kommt es sachlich von hinten. Wahrscheinlich der Sohn, der sich im Urlaub den Titel „kleiner Polizist“ erworben hat. Ich möchte im Fahrersitz versinken, will ganz kurz nicht da sein, und dann soll alles weiter gehen. Und nichts soll gewesen sein. So wie Herbert Gröhnemeyer in „Das Boot“, der sich einfach hinlegt, als das U-Boot getroffen wird und alle um ihn herum schreien, und als er wieder aufwacht ist alles ruhig. Die Männer haben das Boot wieder zum Schwimmen gebracht und flüstern sich routiniert Befehle zu.
Das Leben ist kein Film, aber auch kein untergehendes Boot. Ich komme wieder zu mir und merke: Keiner verletzt, Auto fährt. Alles gut! Nur viel Ärger, Pulsschlag bis zum Hals und Geld, das weg ist für nix. Und so sieht das auch die Mutter. „Soll ich jetzt mit dir schimpfen?“, fragt sie matt, als sie die Schleifspur von Front bis Heck anschaut. Ja, sag ich, bitte.

Am nächsten Morgen ist das Geräusch wieder in meinem Kopf. Trotz Bier und Absolution. Ich bin unruhig, möchte etwas tun, damit der Unfall ungeschehen wird. Aber es ist Sonntag. Keine Versicherung und keine Werkstatt zu erreichen. Bewegung! Ich brauch Bewegung. Muss was tun. Soll ich Yoga machen? Sonnengruß, Atemübungen, Mantras singen? Aber dazu müsste ich erst mal Raum schaffen, den Bodenbelag aus durcheinandergewirbelten Rittern, Rennwagen und Wikingerschiffen wegräumen. Sonnenstrahlen mühen sich durch die staubblinden Scheiben des Kinderzimmers und ich weiß was ich zu tun habe. Ich reiße die alten Doppelkastenfenster auf, hole Wasser und Fensterwischer und mache mich ans Werk. Von innen nach außen, von außen nach innen. Als ich in meinem Elan auch noch die Fensterbretter wische, sehe ich die Nachbarinnen, die wie jeden Morgen ihr altes Schwein Gassi führen. Jeder sollte ein bisschen Schwein haben, finde ich und wische auch noch die Fußböden.

 

 

Männersache

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Nachdem Christiane ihren Frühlingsgefühlen bildhaften Ausdruck verliehen hat und Uli im Cafe Weltenall unbeschreiblich Weibliches zeigt, wird es Zeit, die männliche Seite des Frühlings zu illustrieren und aus der Schmuddelecke zu holen. Der moderne Mann geht nämlich, wenn der Frühling naht nicht, wie Christiane uns von Tuchlosky zu lesen gibt, in den Park, um es wie die Hunde zu treiben. Der moderne Mann geht, wenn die ersten Knospen sprießen, zum Männerarzt. Früher hieß der Urologe und steckte einem den Finger in den Po um nach der Prostata zu fahnden. Heute ist er immer noch Urologe, aber er erzählt er einem erst einmal, dass auch wir Männer unsere Wechseljahre haben, dass das auch was mit Hormonen zu tun hat, aber das das bei uns alles viel einfacher ist als bei den Frauen. Keine Mondzyklen, keine Verbundenheit mit Mutter Erde. „Ist das Testostoron niedrig, bekommen die Hoden den Befehl, mehr zu produzieren.“ So einfach ist das. Der Mann, nichts als eine Black Box mit zwei Eiern?

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Leider ja. Als ich nach meinen Testosteronwerten frage, grinst der Männerversteher verschwörerisch : Ist alles in Ordnung, jede weitere Stimulanz wäre Doping.“

Ein Glück, dass ich meine Erotik-Bildbände aus dem Keller in meinem Fasten-Frühlings-High schon vor Wochen bei momox verscherbelt habe. Das Geld reichte bei medimops genau für ein Buch, das mir ein Fasten-Freund empfohlen hat: „König, Krieger, Magier, Liebhaber- Die Stärken des Mannes“. Vorbei die Zeiten, als Franz Josef Degenhard mit „toxischer Männlichkeit“ wie ich jetzt aus dem Buch weiß,  klampfte „Ja unsere Sache, unsere Sache, die steht gar nicht schlecht.“ Oder Jahre später, als die taz Bilder von abgesägten Strommasten (warum wurden diese Phallussymbole noch mal abgesägt?) frech untertitelte mit „So wie die Dinge stehen, liegen sie nicht schlecht.“ Wir neuen Männer wollen, auch nicht an Ostern, nur auf unseren Zeugungstrieb reduziert werden. Wir können nämlich noch mehr.
Vorsichtig schlage ich immer wieder abends eine Seite in meinem magischen Männerbuch auf, immer nur eine Seite, um die tiefen Weisheiten nicht auf einen Rutsch zu inhalieren. Dann würde mir schnell schlecht werden.  Aber so in kleinen Häppchen genossen stehen da wunderbare Dinge: „Der Krieger existiert nicht, um seine persönlichen Wünsche oder körperlichen  Gelüste zu befriedigen, … sondern um im Dienste eines überpersönlichen Ziels das Unerträgliche zu ertragen.“ Dann kommen Geschichten von edelen Samurais und tapferen Jesuiten. Ja, so ein Samurai steckt in jedem reifen Mann. Ja, die Kriegerenergie gibt einem richtigen Mann das Gefühl für die eigene Größe, die richtige Grundeinstellung, um den täglichen Kampf zu bestehen.

Und dann sagt der Arzt „Legen Sie sich noch mal kurz auf die Liege und atmen tief durch..“ Und dann steckt er einem den Finger in den Po.