Erwachsen werden

In der leeren Küche steht auf dem abgewischten Tisch ein übriggebliebenes, rotes Halma-Männchen. Schwer vorzustellen, dass dieses Männlein und seine bunten Freunde noch vor ein paar Stunden der Grund für ein existenzielles Drama unter Brüdern waren. Tränen, Geschrei, Schläge, Türenknallen, Anschuldigungen, Betrug, Schmollen, Decke über den Kopf ziehen und theatralische Abgänge. Das Spiel, das gegeben wurde hieß „Mensch ärgere dich nicht“ und sowohl die Söhne als auch der Vater sind noch weit entfernt davon, den gut gemeinten Befehl des Spieleerfinders zu befolgen und Gelassenheit walten zu lassen. Es fochten Bruder gegen Bruder, Vater gegen die Söhne (in abwechselnder Folge), Söhne gegen den Vater. Es wurde an der falschen Stelle gelacht und mit Häme über das Mißgeschick des anderen nicht gespart. Wer die Szenen von außen betrachtet hätte, hätte meinen können, es ginge um das Verteilen des väterlichen Erbes oder ähnlich schicksalsbsestimmende Entscheidungen. Und irgendwie hätte er auch recht gehabt.
Dann war alles still. Von einem Augenblick auf den anderen verlor das Spiel seine Bedeutung. Das war, als ich auf die Uhr schaute und sagte: Zieht euch an, in 10 Minuten kommt Mama. In der üblichen Hektik wurden Sachen in Taschen gestopft, Socken gesucht, und die Medikamente nicht vergessen. Aber irgendwas fehlt immer.
Zurück in meiner nun ruhigen Wohnung stehen verlassene Spielautos in Ecken, liegen Vorlesebücher auf dem Bett und der Sonnenhut, der eben nicht zu finden war, findet sich in der Lego-Kiste, in die die Jungs auch ihre bewundernswerten Bauwerke versteckt haben. Bis zum nächsten Mal.
Ich werfe alles was ich finde ins Kinderzimmer und mache die Tür zu. So mache ich das jedesmal, wenn die Kinder weg sind. Es dauert immer eine Weile, bis ich den Anblick des leeren Zimmers ertrage. Das Halma-Männchen hatte ich übersehen. Und er macht mich traurig. Wie oft werde ich noch mit ihnen spielen, bis sie in ihren eigenen Spielen verschwinden, zu denen ich keinen Zugang mehr habe?
Im sonnenheißen Garten wartet noch das halb aufgeblasene Planschbecken von gestern darauf, wieder im Keller zu verschwinden und auch die Picknickdecke, die die Kinder seltsamerweise zwischen den Müllcontainern für das Abendessen aufgeschlagen hatten. Kurz überlege ich, ob ich das nasse Plastikbecken einfach in meinen Keller schmeiße, zu dem anderen Gerümpel aus meinem Leben und auch da einfach die Tür zu mache. Das Verweigern von Ordnung war schon immer meine Art, mit unangenehmem Druck umzugehen. Die Dinge mussten darunter leiden. Doch ich bin keine 16 mehr. So langsam habe ich den Unterschied zwischen elterlichem Ordnungswahn und vernüftigem Umgang mit empfindlichen Dingen gelernt. Vorsichtig drücke ich die Luft aus den dicken Wülsten, lasse die PVC-Haut eine Weile in der Sonne trocknen und wische dann mit einem Stück alten Betttuchs Sand und Wasser aus den Nähten. Es soll ja noch ein paar Sommer mit den Jungs aushalten.

 

Let the sunshine in

Schwein

Was gibt es Schöneres als sich an einem milden Sommerabend mit einem Freund am grünen Ufer der Spree ein mitgebrachtes Bier zu trinken? Auf dem Fluss wummern die Partyboote und die Bässe, Pärchen kuscheln sich auf der Wiese aneinander und junge Menschen in hautengen Anzügen gleiten stehend auf ihren Paddel-Brettern stadteinwärts, dem Sonnenuntergang entgegen. Wie alle Berliner, die an diesem Abend unterwegs sind haben wir also schon leicht einen sitzen, als wir im Biergarten Zenner ein Plastikbecherbier und die letzte Bockwurst erwischen und viele philosophische Gedanken später noch eins am mobilen Ausschank auf dem Platz. Doch da haben unsere Weltuntergangsgespräche (China, Afrika und die Frage, wie man jenseits der 50 im Job noch Begeisterung und Dynamik vortäuscht) jede Stringenz verloren und die dunklen Gedanken ballen sich zusammen wie die Gewitterwolken über unseren Köpfen. Von der Rückfahrt habe ich nur noch in Erinnerung wie mir der aufkommende Sturm auf dem S-Bahnhof die Fahrkarte aus der Hand gerissen hat und dass ich von einem betrunkenen Russen umarmt wurde, weil ich ihm die richtige Bahn nach Schöneweide aufgeschrieben habe. Zuhause angekommen, da gings mir wie Bolle. „Hab’s Fenster aufgerissen und tüchtig ventiliert und über den pladdernden Regen mich mächtig amüsiert.“

Aber dieses Geräusch in meinem Kopf ging nicht weg. Das Geräusch, das ich zuletzt vor 40 Jahren gehört habe, das metallische Ächzen, das klingt wie ein Schiffsrumpf, der mit voller Fahrt auf ein Riff läuft. Damals kam es vom Rahmen des Garagentors an dem ich mit frischem Führerschein den ralleyorangen Ford Escort meines Vaters entlangschrammte. Unsere Garagenauffahrt war so etwas wie die Nordkurve des Nürburgrings. Sie ging in einer scharfen Rechtsdrehung ein paar Meter aufwärts. Viele Abende hatte ich das elegante Kunstsstück meines Vaters beobachtet, wie er den kleinen Wagen mit einem kurzen Aufheulen des Motors genau ins Tor katapultierte. Jetzt war ich dran. Mein Vater nahm’s ruhig und versuchte erst gar nicht, mich dazu zu verdonnern, den meterlangen Kratzer aus dem Lack zu polieren. Das machte er lieber selber, weil sein Sohn mit der Brille und den wirren Ideen ja sowieso zwei linke Hände hatte. Aber vergessen war der Lackschaden nie. Wahrscheinlich blieb das Donnerwetter nur  deswegen aus, weil mein Vater eine neue Stelle als Fahrer bei den Kohlesäurewerken hatte: Chemietarifvertrag, 13. Monatsgehalt, Betriebsrente. Da war jetzt mehr drin. Der Katalog für den neuen Ford Taunus lag schon im Wohnzimmer. Erst viele Jahre später erteilte er mir Absolution. Als er nicht mehr fahren konnte und ich ihn mal wieder sehr dringend ins Krankenhaus bringen musste. „Du kannst ja richtig gut fahren.“, sagte er, halb erstaunt, halb um sich zu bedanken. Sein letztes, kleines Auto hat er mir vererbt.

Gestern nachmittag war das Geräusch wieder da. In meinem Ein-Drittel-Auto, das ich noch zusammen mit der Mutter zur Geburt unseres Jüngsten gekauft habe, weil das alte für drei Kinder zu klein war. Denn wenn man ein Kind erwartet, sich aber nichts mehr zu sagen hat, dann kauft man zusammen ein Auto, damit man was tut für das neue Kind und damit man über nichts anderes reden muss. Sie behauptet ja, sie habe das Auto allein gekauft und ich sage, dass ich mein ganzes Elterngeld da rein gesteckt habe, und dass deshalb ein Drittel davon mir gehört. Dafür habe ich aber keine Belege, weil sie das Auto und alles was dazugehört mit in ihr neues Haus genommen hat. So ein Auto ist das.

Und mit dem Geräusch war alles weg, was ich und meine Jungs die letzten zwei Wochen zusammen erlebt hatten. Die von mir nach uralten Erinnerungen gebauten Flitzebogen, die Ninja-Ritter-Wanderung durch den kleinen Wald hinter dem Ferienlager in der Uckermark, der für die Kinder zum magischen „Wald der Harmonie“ wurde (Wer sich bei Lego-Ninjago auskennt, weiß wovon ich rede.), die Tretbootfahrt mit den Seemannsliedern und dem Knäckebrot als Schiffszwieback, der ewige Streit darüber wer wann von wem was gekriegt hat und der Streit mit der weißhaarigen Nachbarin im Ferien-Bungalow weil die Kinder morgens zu laut waren.
Wir waren auf dem Heimweg. Die Kinder waren frisch gebadet, das Auto frisch geputzt und alle Sachen, die uns die Mutter eingepackt hatte, haben wir auch wieder in den Kofferraum geräumt (plus ganz wichtige Zweige, Äste und Feuersteine, die Schwerter, Dreizacks oder Pfeile sind und minus einiger einzelner Socken, Badehosen und sowas). Es waren noch 27 Kilometer über die Autobahn zurück zur Mutter. Auf der Rücksitzbank war beste Laune. Ich hatte eine Runde Prinzen-Rolle ausgegeben, die harte Währung unseres Urlaubs. Die Sonne schien. Stadtautobahn, linke Spur, 60 Km/h. Von hinten kommt die Meldung: „In meiner Flasche ist kein Wasser.“ „Warte,“ sag ich automatisch, „ich geb dir meine.“ Greife auf die Beifahrerseite, musste mich ein bisschen strecken, und dann war es da, das Geräusch.
Rostige Leitplanke an makellosem Lack. Ganz kurz, dann waren wir wieder auf Spur. „Das war nicht gut,“ kommt es sachlich von hinten. Wahrscheinlich der Sohn, der sich im Urlaub den Titel „kleiner Polizist“ erworben hat. Ich möchte im Fahrersitz versinken, will ganz kurz nicht da sein, und dann soll alles weiter gehen. Und nichts soll gewesen sein. So wie Herbert Gröhnemeyer in „Das Boot“, der sich einfach hinlegt, als das U-Boot getroffen wird und alle um ihn herum schreien, und als er wieder aufwacht ist alles ruhig. Die Männer haben das Boot wieder zum Schwimmen gebracht und flüstern sich routiniert Befehle zu.
Das Leben ist kein Film, aber auch kein untergehendes Boot. Ich komme wieder zu mir und merke: Keiner verletzt, Auto fährt. Alles gut! Nur viel Ärger, Pulsschlag bis zum Hals und Geld, das weg ist für nix. Und so sieht das auch die Mutter. „Soll ich jetzt mit dir schimpfen?“, fragt sie matt, als sie die Schleifspur von Front bis Heck anschaut. Ja, sag ich, bitte.

Am nächsten Morgen ist das Geräusch wieder in meinem Kopf. Trotz Bier und Absolution. Ich bin unruhig, möchte etwas tun, damit der Unfall ungeschehen wird. Aber es ist Sonntag. Keine Versicherung und keine Werkstatt zu erreichen. Bewegung! Ich brauch Bewegung. Muss was tun. Soll ich Yoga machen? Sonnengruß, Atemübungen, Mantras singen? Aber dazu müsste ich erst mal Raum schaffen, den Bodenbelag aus durcheinandergewirbelten Rittern, Rennwagen und Wikingerschiffen wegräumen. Sonnenstrahlen mühen sich durch die staubblinden Scheiben des Kinderzimmers und ich weiß was ich zu tun habe. Ich reiße die alten Doppelkastenfenster auf, hole Wasser und Fensterwischer und mache mich ans Werk. Von innen nach außen, von außen nach innen. Als ich in meinem Elan auch noch die Fensterbretter wische, sehe ich die Nachbarinnen, die wie jeden Morgen ihr altes Schwein Gassi führen. Jeder sollte ein bisschen Schwein haben, finde ich und wische auch noch die Fußböden.

 

 

Männersache

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Nachdem Christiane ihren Frühlingsgefühlen bildhaften Ausdruck verliehen hat und Uli im Cafe Weltenall unbeschreiblich Weibliches zeigt, wird es Zeit, die männliche Seite des Frühlings zu illustrieren und aus der Schmuddelecke zu holen. Der moderne Mann geht nämlich, wenn der Frühling naht nicht, wie Christiane uns von Tuchlosky zu lesen gibt, in den Park, um es wie die Hunde zu treiben. Der moderne Mann geht, wenn die ersten Knospen sprießen, zum Männerarzt. Früher hieß der Urologe und steckte einem den Finger in den Po um nach der Prostata zu fahnden. Heute ist er immer noch Urologe, aber er erzählt er einem erst einmal, dass auch wir Männer unsere Wechseljahre haben, dass das auch was mit Hormonen zu tun hat, aber das das bei uns alles viel einfacher ist als bei den Frauen. Keine Mondzyklen, keine Verbundenheit mit Mutter Erde. „Ist das Testostoron niedrig, bekommen die Hoden den Befehl, mehr zu produzieren.“ So einfach ist das. Der Mann, nichts als eine Black Box mit zwei Eiern?

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Leider ja. Als ich nach meinen Testosteronwerten frage, grinst der Männerversteher verschwörerisch : Ist alles in Ordnung, jede weitere Stimulanz wäre Doping.“

Ein Glück, dass ich meine Erotik-Bildbände aus dem Keller in meinem Fasten-Frühlings-High schon vor Wochen bei momox verscherbelt habe. Das Geld reichte bei medimops genau für ein Buch, das mir ein Fasten-Freund empfohlen hat: „König, Krieger, Magier, Liebhaber- Die Stärken des Mannes“. Vorbei die Zeiten, als Franz Josef Degenhard mit „toxischer Männlichkeit“ wie ich jetzt aus dem Buch weiß,  klampfte „Ja unsere Sache, unsere Sache, die steht gar nicht schlecht.“ Oder Jahre später, als die taz Bilder von abgesägten Strommasten (warum wurden diese Phallussymbole noch mal abgesägt?) frech untertitelte mit „So wie die Dinge stehen, liegen sie nicht schlecht.“ Wir neuen Männer wollen, auch nicht an Ostern, nur auf unseren Zeugungstrieb reduziert werden. Wir können nämlich noch mehr.
Vorsichtig schlage ich immer wieder abends eine Seite in meinem magischen Männerbuch auf, immer nur eine Seite, um die tiefen Weisheiten nicht auf einen Rutsch zu inhalieren. Dann würde mir schnell schlecht werden.  Aber so in kleinen Häppchen genossen stehen da wunderbare Dinge: „Der Krieger existiert nicht, um seine persönlichen Wünsche oder körperlichen  Gelüste zu befriedigen, … sondern um im Dienste eines überpersönlichen Ziels das Unerträgliche zu ertragen.“ Dann kommen Geschichten von edelen Samurais und tapferen Jesuiten. Ja, so ein Samurai steckt in jedem reifen Mann. Ja, die Kriegerenergie gibt einem richtigen Mann das Gefühl für die eigene Größe, die richtige Grundeinstellung, um den täglichen Kampf zu bestehen.

Und dann sagt der Arzt „Legen Sie sich noch mal kurz auf die Liege und atmen tief durch..“ Und dann steckt er einem den Finger in den Po.

Ski und Rodel gut

Buam

Warum schreibe ich nicht einfach, dass es schön war? Die paar Tage mit meinen Jungs im Schnee. Die ganze Zeit vor der Reise erwartete ich ein Drama und hatte mir auch schon die passenden Worte zurecht gelegt für meinen Bericht im Blog. Natürlich war ich höllisch aufgeregt, wie vor jeder Reise, aber diesmal besonders, weil ich mir ja auch noch Gedanken machen musste, wie wir gemeinsam eine zweistündige Schneeschuhwanderung überleben könnten, die zu dem Programm gehörte, das ich mit einem anderen Vater in der Jugendherberge Füssen gebucht hatte.
Mal sah ich mich im steif gefrorenen Wehrmachtsmantel im Schneesturm irren, wie einst Clemens Florel in „So weit die Füße tragen“. Mal sah ich uns unter einer Lawine verschüttet, mal die anklagenden Augen meiner Jungs und die blau gefrorenen Kninderfüße vor mir, weil ich nicht die richtigen Schuhe eingepackt hatte. Und auch die darauf folgenden Fieberschübe konnte ich mir aus der jüngsten Erinnerung in den grässlichsten Farben ausmalen.
Und manchmal sah ich gar nichts. Gar keinen Schnee, nur enttäuschte Kindergesichter in einer öden Jugendherberge, weil die weiße Pracht, die mir das Internet versprach natürlich weggetaut sein würde, wenn sich Kafka on the road begibt.

Nun gehe ich ja nicht zum ersten Mal im Winter auf Reisen. Vor ziemlich genau zehn Jahren bin ich mit einem klapprigen russischen Motorrad mit Beiwagen mitten im Februar von Berlin zum Nürburgring in die Eifel geknattert, weil ich einmal dabei sein wollte beim „Elefantentreffen“, bei dem es sich ziemlich verrückte Männer mit ihren dicken Maschinen ein Wochenende im Schnee gemütlich machen. Ich habs geschafft. Noch heute trage ich mit Stolz den roten Elefanten auf meiner Motorradjacke. Und von diesesem Abenteuer weiß ich: „Bevor du frierst, lass alle Würde fahren“. Damals hieß das, dass ich mir ein Schafsfell unter meinen Hintern schnallte, um meine edelsten Teile zu schützen und heute heißt das: Kauf dir endlich eine warme Winterjacke und bitte die Mutter der Zwilinge, den Koffer zu packen. Dann bist du auf der sicheren Seite und kannst dich nachher auch noch beschweren, dass das natürlich alles zu viel war, was sie eingepackt hat.

Und so begann die Reise ins Winterwunderland mit einem riesigen Koffer, vielen Hasenbroten für die Kinder und einer nagelneuen knallroten Daunenjacke für den Vater (damit uns die Hubschrauber der Bergwacht besser finden können). In München hatten wir genug Zeit beim Umsteigen, um noch eine Weißwurst in einem richtigen Wirtshaus zu essen und dann fuhren wir scheinbar endlos durch eine glitzernde, blau weiße sonnenbeschienene Winterlandschaft. Die Jungs holten ihre Pinguine aus ihren Rucksäcken, denn solchen Schnee hatten weder die armen Stadtkinder noch ihre Kuscheltiere je gesehen. Und Pinguine wollen ja in den Schnee. Der Jüngste sagte: „Ich glaube, das träume ich.“

Für die Scheeschuhwanderung im Tal brauchten wir dann vor allem eins: Sonnencreme (auch daran hatte die Mutter gedacht). Die Skihosen und die von mir sorgfältig imprägnierten Winterschuhe hätten wir uns schenken können, denn der pulvrige Tiefschnee fand seinen Weg in die Hosen und Schuhe der Kinder, als sie, hüfthoch versinkend, behände durch die watteweiche Masse jagten oder sich einfach quiekend im Schnee wälzten. Aber es war egal. Was ich nach 20 trüben Berliner Wintern vergessen hatte: Man kann im Schnee laufen, und es kann einem trotzdem warm sein.  Vom Übermut sorglos geworden wagten wir uns auch noch mit klatschnassen Socken mit der Seilbahn ein paar hundert Meter höher und legten uns mit den feschen Snowbordern in die Liegestühle, sonnten uns und ließen uns Milchkaffee bringen.

Was soll ich sagen? Wir haben alles überlebt. Auch das Rodeln am nächsten Tag. Drei Stunden gaben die Jungs Vollgas und rockten danach noch die Jugendherberge. Auch ich schlief in dieser Nacht so gut wie lange nicht.
Also Ski und Rodel gut?
Natürlich nicht! Irgendwo, ich vermute im Außenbecken des Spaßbades, das am letzten Tag auf dem Programm stand, muss ich mir einen Schnupfen geholt haben. Ich, ein Mann Mitte Fünfzig – einen Schnupfen! Ich bin gerade noch so mit dem Leben davon gekommen, aber ich leide jetzt noch. Was tut man nicht alles für seine Kinder?

 

 

 

 

…öffnet eure Stübchen

 

Ich musste schnell mal vor die Tür gehen, um Luft zu holen. Nachdem meine große Tochter mit einem vorwurfsvollen „kein Bock auf Weihnachten“ ihre Tür hinter sich zugeknallt hat, nur weil sie wieder bei ihrer Mutter und ihren vier Halbgeschwistern unterm Christbaum sitzen muss, nachdem die Mutter meiner Söhne die Jungs samt Blautanne eingeladen hat und nachdem sie mich ermahnt hat, morgen pünktlich zu Mittag bei ihr zu sein, weil der einzige Weihnachtsmann, den sie in ihrem gottlosen Brandenburger Kaff, in dem sie jetzt wohnt, auftreiben konnte schon um zwei an der Türe klingelt. Also einfach die Kappe aufsetzen und lieber im Nieselregen durch leere Straßen laufen als sich von diesem fest von Frauenhand organisierten Fest erschlagen zu lassen.

Was ich fand, waren viele Türen, die Männern wie mir offen stehen. Sie strahlen heller als jeder Weihnachtsbaum und dahinter war es stiller als in jeder Kirche. Wer da hinein geht, spricht nicht viel und die moderen Spielautomaten sind leise. Aber warm bin ich mit dieser Welt dann doch nicht geworden. Lieber den Weihnachtswahnsinn in meiner Patchworkfamilie, als im Wedding zwischen Spielsalon und Sportsbar die stille Nacht zu verbringen.

Als ich nachhause komme, habe ich noch beim Späti eine Dose Kokosmilch gekauft. Meine Tochter hat schon das Gemüse geschnippelt. Wir kochen uns was, damit sie endlich mal was anderes isst, als die asiatische Tütensuppen, die sie sich sonst so reinzieht. Und wenn der Weihnachts-Wahnsinn vorbei ist, laufen wir zusammen eine Runde um den Schlachtensee. Wird bestimmt schön.

Euch allen wünsche ich ein mindestens genau so fröhliches Fest.

 

Hätte hätte Fahrradkette

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Der Wachmann schaut neugierig zu mir rüber, als ich mein Rad in den Ständer stelle. „Wollnse ihr Rad nich anschließn?“, fragt er besorgt.  Nee, sag ich keck, sie passen ja darauf auf. „Dafür bin ich nich da.“, doziert er, „Ich bin hier für die Sicherheit des Gebäudes! Ich kann Ihnen da keine Garantie geben.“ Brauchen Sie auch nicht, hole ich ihn von seinem Amtsschimmel wieder runter, ich mach das seit 13 Jahren so, und bisher ist das immer gut gegangen. „Und wenn nicht?“, fragt er verdutzt über so viel Leichtsinn. Dann hab ich nach dreizehn Jahren endlich einen Grund, mir ein neues Fahrrad zu kaufen, flöte ich fröhlich und hüpfe über zwei Stufen durch die Haupttür, die der Sicherheitsmann mir aufhält – der Stechuhr entgegen.

Ja, Sorglosigkeit, das war es, was ich an meinem alten Rad so schätzte. Der Lack war ab, der Sattel rissig. So ein Fahrrad konnte ich einfach mal so stehen lassen, wenn ich schnell in ein Geschäft reinsprang. Sogar in Berlin, sogar im Wedding. Und die Betonung liegt auf konnte.

Irgendendetwas hat sich wohl verändert in Berlin. Zwei Wochen nach dem heiteren Schlagabtausch durfte ich mich wirklich auf die Suche nach einem neuen Rad begeben, denn das alte war weg – obwohl ich es – ganz ehrlich! – abgeschlossen hatte, was ich an Orten, die mir nicht geheuer sind natürlich manchmal tue, und was ich auch der Polizei so wahrheitsgemäß in ein Online-Formular tippte.  Und weil sich in Berlin wirklich was verändert hat, bekam ich keinen lapidaren Zettel des Polizeipräsidenten, dass mein Verfahren eingestellt sei, sondern innerhalb eines Tages einen Rückruf von einem sehr aufgeräumten Beamten. Er wolle die Videoaufzeichnungen des Einkaufszentrums prüfen, vor dem das Rad verschwunden war, versprach er mir. Und es klang so, als wolle er das wirklich tun. Das waren ja Tübinger Verältnisse. So etwas wie Hoffnung keimte in mir auf, Vertrauen gar in die marode Berliner Verwaltung…  Videoaufzeichnungen habe es keine gegeben, teilte er mir ein paar Tage später zerknirscht per Mail mit. Satt dessen gab er mir den guten Rat, immer mal wieder auf die Website der Polizei die Bilder der aufgefundenen Räder anzuschauen. Die Frage, warum er das nicht selber tue, wo er doch sogar die Rahmennummer von mir hat, wagte ich nicht zu stellen.

Ohne mein Rad veränderte sich mein Leben. Ich fühlte mich wie amputiert und spürte Phantomschmerzen jeden Morgen wenn ich an die Laterne schaute, an der es jetzt nicht mehr auf mich wartete. Und noch schlimmer: War ich es sonst gewohnt mit offenen Augen durch die Nebenstraßen und Parks zur Arbeit zu gleiten musste ich nun hinab in den Höllenschlund der Großstadt, in das Panoptikum unsäglichen Leidens, in die Bühne des täglichen Wahnsinns: in die Berliner U-Bahn. Und als ich vor wenigen Tagen in der blutrünstigen, widerwärtigen und gedärmeaufwühlenden Aufführung von Heiner Müllers Macbeth im Berliner Ensemble saß, ärgerte ich mich nich so sehr über den Zustand der deutschen Sprechbühnen, sondern darüber, dass ich für die Karte vierzig Euro ausgegeben hatte, wo ich doch die gleiche Geisterbahnfahrt jeden Tag bei der BVG für 2,80 Euro alles inklusive bekomme.

Und damit nicht genug. Freche Lemuren warteten auch in den Hinterhöfen und Kellerlläden, die ich jetzt gehetzt nach Feierabend, im Dunkeln und kurz vor Ladenschluss abklapperte wie ein Junkie auf der Suche nach seinem Stoff. Abschätzig musterten sie mich, wenn ich meine Wünsche äußerte und das Budget, das ich auszugeben bereit war. Sogar, oder gerade in den selbstverwalteten Läden, die in Kreuzberg noch aus den Hausbesetzerzeiten übrig geblieben sind wie die Kneipen und  Müsli-Läden, ist das Schnöseltum eingekehrt: Handgelötete Rahmen, Wunschlackierungen, Gangschaltungen, die für Alpenquerungen ausreichen würden. Ich wollte doch nur ein Rad, das mich die nächsten dreizehn Jahre begleitet und an dem ich täglich meine Freude habe. Oder wollte ich mehr? Je mehr ich das Angebot durchforstete, desto größer wurde der Wunsch, etwas Neues zu wagen, neue Technik, neues Design. Irgendwann war ich dann so weit, dass ich glaubte, einen der neuartigen Zahnriemanantriebe zu brauchen. Gottseidank brachte eine Freundin mich wieder auf den Boden. Ich suchte weiter, bis ich auf einem Hinterhof in der Gneisenaustraße, der aus rebellischen Zeiten noch mit einem roten Stern aus Ziegelsteinen gepflastert ist, eine weise Frau fand. Graue Haare, rauhe Stimme und wahrscheinlich noch aus der Gründergenaration, die unter dem Pflaster den Strand suchte. Natürlich fand sie das richtige  Rad für mich. Sportlich, bequem, in einem wunderbaren Wirtschaftswunder-Lieferwagengrau. Sie stellte mich über das Rahmenrohr und fragte abgebrüht: Hodenvollkontakt oder gefühlter Kontakt? Ich fühlte mich gut beraten und konnte gar nicht schnell genug aus dem Laden kommen mit meinem neuen Rad. Beselt fuhr ich nach Hause. Nein ich fuhr nicht, ich schwebte.

Da machte es „Knack“, der Gang war rausgesprungen. Und noch mal „Knack“. Ich drehte um. Die weise Frau war verschwunden und hatte sich in einen schläfrigen Typen verwandelt. Der nuschelte etwas von „kann gar nicht sein, millionenfach bewährtes Produkt…“ Seither war ich noch drei Mal da. Jedes Mal fahre ich hoffnungsvoll vom Hof, und jedes Mal macht es nach ein paar Kilometern „Knack“.

Was soll ich tun? Wenn ich einmal beschlossen habe, das Richtige gefunden zu haben, dann kann ich das nicht mehr loslassen. Dann ist das ein Teil von mir. Das hat mich schon schlaflose Nächte gekostet. Morgen fahre ich wieder hin. Dann sage ich, dass ich mein Geld zurück will. Das habe ich mir fest vorgenommen. Aber vielleicht finden sie den Fehler ja auch noch….

„Beginne mit einer Explosion…“

„…und steigere dich dann langsam.“ Das ist angeblich das Rezept, nach dem Hollywood- Blockbuster gedreht werden. Filme, die sich die Menschen anschauen, um ihr wirkliches Leben für eine Weile zu vergessen.

Das wirkliche Leben beginnt nämlich langsam, morgens um drei, wenn mein Jüngster mit kalten Füßen in mein Bett krabbelt und ich schweigend, aber beharrlich beginne,  um meinen Teil der Bettdecke zu kämpfen. Einer der vielen vergeblichen Kämpfe von denen der kommende Tag voll sein wird. Das wird spätestens um sechs klar, wenn die ein Meter breite Matratze dann für vier Kerle reichen muss, von denen einer angeblich der Erziehungsberechtigte ist. Einer gegen Drei, das ist nicht fair. Aber so ist das Leben, das wirkliche. Es klappt einigermaßen, wenn die Burschen gut gelaunt sind. Aber wenn schon beim Frühstück der Übermut so groß ist, dass die startenden Düsenflieger über unserem Haus übertönt werden, dann heißt das nichts Gutes.

Und doch ist es uns am Abend wieder gelungen, den Tag mit seiner Serie von Dreikämpfen (Frühstück-Zähneputzen-Anziehen; Spielplatz-Kinderbauernhof-Bioladen; Schuhe aus- Hände waschen – Abendessen) so weit durchzustehen, dass ich zumindest nicht durch technisches Ko ausgeschieden bin. Die gegnerische Mannschaft hat zumindest so viel Kraft verschwendet, dass die Bratkartoffeln mit Begeisterung begrüßt werden und alle tatsächlich mit den Würstchen warten, bis der Vater den Ketchup aus dem Kühlschrank geholt hat.

Es ist ein Augenblick höchster Konzentration. Vor zwei Wochen hatten die unbedachten Kinderhändchen den Verschluss der Ketchupflasche gelöst, bevor der Vater mit kräftiger Hand mit dem Schütteln des zähen Safts begann. Eine halbe Flasche rote Tunke auf dem Fußboden und ein johlendes, minderjähriges Publikum hatten dem Abend eine unangenehme Wendung gegeben. Die mulitmedial gebildete Jugend hatte augenblicklich alle schadenfrohen Zitate aus „Meister Eder und sein Pumuckl“ parat, die um listig aufgedrehte Wasserhähne, ausgeschüttete Leimtöpfe oder ähnliches kursierten. Der Abend wurde lang.  Und für einen solchen langen Abend wird meine Kraft heute nicht mehr reichen. Immerhin erlebe ich diese Abenteuer in einem Alter, in dem mein Vater die Tage zu seinem Vorruhestand zählte.

Mit sicherer Geste prüfe ich den Verschluss, ziehe ihn noch mal extra fest und schüttele… Alles gut.  Zumindest dieser Abend würde auf dem gewünschten Gleis Richtung Zähneputzen-Sandmännchen-Gute Nacht Geschichte laufen. Aber die Filme aus Hollywood sind doch nicht so weit weg vom Leben, wie ich gedacht hatte. Niemand hatte schließlich gesagt, dass die Explosion am Anfang des Tages passieren muss. Der Film beginnt einfach in dem Moment, an dem irgendetwas in die Luft fliegt.
Und der Moment ist jetzt!
Als ich die Ketchupflasche aufschraube knallt der Verschluss wie ein Champagnerkorken in Richtung Decke. Und hinterdrein, gut aufgeschäumt, eine halbe Flasche fein vergorener Tomatensaft. Augenblicklich weiß ich, welcher Film hier läuft. Es ist ein Splatter-Movie.
Die Küche hat sich in ein Schlachthaus verwandelt, ich mich in einen Zombie und die Kinder sehen schrecklicher aus als vorgestern in ihren Halloween-Kostümen. Immerhin: Niemand ist wirklich verletzt, die Flasche war heil geblieben. Aber für einen optischen Schock hat es gereicht.
Was mich aber am meisten überrascht, ist die Ruhe. Nicht, dass tatsächlich Stille eingekehrt wäre an unserem Küchentisch, im Gegenteil. Es war als hätte ich an einem Kindergeburtstag ein Tischfeuerwerk gezündet. Die mit roten Flecken überzogenen Kinder rezitierten mit sich überschlagenden Stimmen wieder und wieder den Satz schieren Erstaunens, der mir eine Sekunde nach dem Knall entfahren sein muss und den ich hier aus Gründen der Selbstachtung nicht wiedergebe.
Es war die Ruhe in mir, die mich erstaunte. Es war mir völlig klar, dass ich in den nächsten zwei Stunden die kreischende Bande waschen, umziehen und  ins Bett bringen und gleichzeitig die gesamte Küche und alles, was sich darin befand einmal abwaschen musste, wenn ich nicht die nächsten Wochen mit Renovierungsarbeiten oder die Nacht mit immer lauter werdenden Ordnungsrufen im Kinderzimmer verbringen wollte – und es war mir klar, dass ich das tatsächlich schaffen würde.

Es ist jetzt kurz vor zehn, in der  Waschmaschine läuft eine Trommel Kinderkleider mit dem Programm „Intensiv“, die Jungs haben brav ihre Würstchen aufgegessen, das Geschirr abgewaschen und schlafen seit einer Stunde. Ich weiß  jetzt ungefähr, wie sich die Trümmerfrauen gefühlt haben müssen aber weiß noch nicht, ob ich heute Nacht ein Auge zubekommen werde. Doch das ist alles egal:
Ich wollte immer ein Leben leben wie im Film.