Geschenke

Ja, ja: Die Kinder sind das größte Geschenk zu Weihnachten. Das ist wahr. Und erst die Geschenke, die man von den Kindern bekommt. Selbstgebasteltes aus dem Unterricht. Ich weiß nicht, woher die Lehrerinnen immer die Ideen her haben für die mehr oder weniger sorgfältig geklebten oder gemalten Schmuckstücke, die mich trotz alledem immer herzlich rühren und so langsam eine ganze Kiste füllen, die alle zwei Jahre hervorgeholt wird, um das festliche Heim zu schmücken, wenn wir bei mir zu Hause Weihnachten feiern.

Noch schöner wird es allerdings, wenn meine Kinder ihre Geschwister beschenken. „Hast du eine Idee, was ich den Jungs zu Weihnachten schenken kann?“ textet meine große Tochter eine Woche vor dem Fest. Ich finde es toll, das sie an ihre drei Brüder denkt, die sie selten sieht. Aber nein, ich habe keine Ideen. Mit Mühe ist es mir gelungen, die sehr konkreten und – je nach Alter -mit kindlicher Inbrunst oder präpubertärer Unverschämtheit vorgetragenen Wünsche nach ausverkauften Lego-Bausätzen und Computerspielen pünktlich zu erfüllen, die unglaublichen Kosten mit meiner Schwester zu teilen und auch noch was für die Großmutter übrig zu lassen, ohne dass der Weihnachtsabend zur Materialschlacht wird. Ich bitte mir Bedenkzeit aus. Auf jeden Fall kein neuer Lego-Bausatz, das ist klar. Bücher und Comics holen sie Jungs sich stapelweise aus der Bibliothek und verschlingen sie an einem Wochenende. Sport ist Mord und ein elektrisches Klavier bekommen sie schon von der Mutter. Zum Glück liefert das Chaos in Berlin verlässlich die besten Inspirationen. Kurz vor Weihnachten platzt mitten in der Innenstadt der „Aqua Dome“, ein riesiges, aufrecht stehendes Aquarium, und schwemmt eine Million Liter Wasser und tausende Fische auf die Straße unter den Linden. Solche Sintfluten braucht es, um in meinem überfluteten Gehirn die Erinnerung zu wecken, dass ich ja dieses Jahr mit den Jungs im Aquarium im Zoo war, und dass es ihnen dort sehr gefallen hat.

Meine Tochter findet die Idee auch gut und wir treffen uns am zweiten Feiertag in einem Café um uns frohe Weihnachten zu wünschen und Geschenke auszutauschen. Sie hat ein gelbes Postpaket von meiner Schwester dabei, damit wir es gemeinsam öffnen. Die kleine Hoffnung, dass da auch was für mich drin wäre, wird schnell zerstört. Zwar ist die Hälfte des Pakets mit Spritzgebäck gefüllt, das meine Schwester mittlerweile nach Art meiner Mutter zu backen versteht. Aber als ich die Finger gierig danach ausstrecke, klappt die Tochter den Deckel zu. „Das ist mein Paket.“ So viel zum Thema „Du sollst Vater und Mutter ehren.“ Statt dessen stellt sie eine leere Saftflasche auf den Tisch, an der von außen ein selbstgebastelter Fisch klebt. „Endlich ein Geschenk für mich!“, denke ich und beginne an dem Fisch zu nesteln, in dem ich einen handgeschriebenen Weihnachtsgruß vermute. „Ähm, das ist das Geschenk für die Jungs.“ holt mich meine Tochter in die Wirklichkeit zurück. Und auf den zweiten Blick erkenne ich das subtile Kunstwerk: Sie hat den zerstörten Aqua Dome nachgebaut! Ein aufrecht stehender Zylinder, und die Fische sind draußen. Innen drin geben die gerollten Gutscheine für das Aquarium im Zoo den Aufzugschacht, der mitten durch die leergelaufene Unterwasserwelt führt. Ich bin begeistert.

Auf dem Rückweg zeige ich ihr auf dem Gehweg vor meiner Wohnung, was ich mir selber zu Weihnachten geschenkt habe: Eine gut erhaltene Simson S 50, das flotte Moped, das ich mir als Jugendlicher nicht kaufen konnte. Die Suche, der Kauf und die erste Fahrt haben mir die letzten zwei Monate viel Leiden und Freude beschert. Als ich mich zum ersten Mal wieder auf dieses winzige Ding setzte, habe ich laut gelacht. Es fühlte sich an wie ein Spielzeug im Vergleich zu dem Motorrad, das ich bisher fahre. Jetzt hab ich sie und bin sehr stolz. „Wunderschön“, hebt meine Tochter anerkennend eine Augenbraue. „Kann man die auch mit Autoführerschein fahren?“ Ich sehe das Begehren in ihren Augen und weiß, dass ich das Schmuckstück bald an sie verlieren werde, wenn ich nicht sehr aufpasse. „Da kann ich doch bei der nächsten Motorrad-Ausfahrt zum Spargelessen alleine mit fahren.“ Und es ist klar, dass das keine Frage ist, sondern eine Feststellung. Immer wollte ich, dass meine Tochter Motorrad fährt. Gerade bin ich mir nicht sicher, ob ich das noch will. Nicht weil ich Angst um meine Tochter habe, sondern um das Moped. „Mama wird dich dafür hassen.“, sagt sie genüsslich. „Zu Recht“, denke ich, „zu Recht“.

P.S. Natürlich hab ich auch von meiner Tochter was geschenkt bekommen. Karten fürs Deutsche Theater am nächsten Tag. Der „Steppenwolf“ wurde gegeben. Aber nicht das „Born to be wild“ von der gleichnamigen Band aus den 60ern, die die Begleitmusik zum Film „Easy Rider“ gemacht hat, sondern das Original von Herrmann Hesse. Depressive Gedanken eines alten Mannes. „Warum macht das Leben keinen Spaß? Wer bin ich? Und wenn ja wie viele?“ Da konnte ich über mich selber lachen.

11 Gedanken zu “Geschenke

  1. Glückwunsch zur Erfüllung des Jugendtraums. Ich hatte eine ähnliche Erfahrung. Niemals hatte ich den Wunsch Roller zu fahren, im Gegenteil, als ehemaliger Fahrer einer Honda CX650c aus Karlifornien war ich eher von der anderen Gattung. Aber ganz ehrlich dann auch wieder nicht, denn das Rocker Gehabe war nie meins. Vor zwei Jahren kaufte ich mir dann spontan eine Vespa und es war Liebe auf den ersten Blick. Seitdem fahre ich im Sommer kaum noch Auto und leider auch kaum noch Fahrrad…

    Gefällt 2 Personen

  2. Rocker war ich auch nie, auch nicht „Biker“. Ich wollte immer ein solider Motorradfahrer sein. Roller geht trotzdem gar nicht. 😉 Obwohl… Bevor ich die Simson entdeckte schlich ich eine ganze Zeit um eine orange Lambretta herum. Wenn es die mit Elektroantrieb gäbe….

    Gefällt 1 Person

  3. So eine Simson passt super zum Berliner Understatement. Eigentlich dachte ich eher an eine Fatboy von Harley – aber so eine Angebermaschine braucht auch eine Kluft – und welche sollte man tragen? Toll die Idee mit der Milch-Glas-Aquarium-Flasche. Hoffentlich schwapt das Wasser nicht in Haus…. Vielen Dank für Deine Weihnachts-Geschichten – tom

    Gefällt 2 Personen

  4. Geiles Gefährt! Und natürlich auch sehr schön farblich kunstifiziert. Hatte seinerzeit mal ne 50er Honda, später auch bisschen größere, dann den 1er Schein nicht mehr aktualisiert, weil ich dacht, den brauch ich nie mehr. Und jetzt: im gerade erneuerten Auslandsführerschein hat die Dame mir Motorrad und Moped mit gestempelt. Ha!

    Gefällt 2 Personen

  5. Ja, die lieben Kinder!
    Wir sind dieses Jahr von meinem Sohn und seiner Freundin mit Geschenken aus Ägypten bedacht worden, das sie im Dezember bereisten. Es gab Papyrus, Skarabäus Figuren und was das Land sonst dem Touristen mit auf dem Weg gibt. Schön!
    Hat dich meine Weihnachtskarte mit neuem Straßennamen erreicht?
    Komme gut ins neue Jahr, LG Susanne

    Gefällt 2 Personen

  6. Herzlichen Glückwunsch! Wunderbar, auch wenn ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, wie sich Motorradfahren auf diesem Gerät anfühlen mag 😁 Alles Gute für dich und deine Liebsten und viele Grüße, Annette

    Gefällt 1 Person

  7. Die Aquariumsidee finde ich wunderbar. Vor ein paar Jahren stand ich vor dem Hotel und wollte es anschauen. Dann kostete es aber Eintritt und ich bin dann lieber ins Zooaquarium gegangen mit mehr Fisch für‘s Geld.
    Seit Jahren stelle ich mir vor eine Vespa zu besitzen, mal sehen.

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s