Is ma gut jetzt

Meine Tochter hat Corona – denkt sie. Oder nein, denkt sie eigentlich nicht, aber sie ist sich nicht sicher. Eigentlich hat sie nur Angst. Angst, sie könnte was falsch machen. Andere anstecken und so. Auf jeden Fall ging’s ihr seit ein paar Tagen nicht gut. Sie geht zum Arzt und kriegt promt einen Corona-Test. Und das Ergebnis kommt erst in paar Tagen. Wir waren aber heute verabredtet. Heute Abend liest Max Goldt in Neukölln. Max Goldt! Der feinsinnige Held meiner Titanic-Zeit, der federleichte Moralist, der Mann, der Lachen und Humor auseinanderhalten kann und den ich noch nie zu Angesicht bekommen habe. Die Erste Lesung war abgesagt worden, wegen Corona natürlich. Jetzt also die Entschuldigungstour. Und weil ich weiß, dass meine Tochter so was mag, so lustige Männer mit Wortwitz auf der Bühne, habe ich sie eingeladen, schon vor Wochen.

Heute Mittag ruft sich mich an, erzählt mir von dem Test. Ich sag: Du hast kein Corona. Es ist Herbstanfang, alle schniefen, deine Brüder husten schon. Alles ok. Ist wie jedes Jahr. Und sie so: Ja glaub ich ja auch nicht. Aber würd ich mir ja nie verzeihen, wenn ich da jemand anstecken würde… Der Einzige, sag ich, den du heute Abend anstecken könntest, bin ich. Und ich hab noch ein Jahr bis Riskogruppe. Sie lacht. Also, sag ich, setzt dich halt mit Mundschutz in den Saal und gut is. Wir verabreden uns vor dem Heimathafen in Neukölln. War ich noch nie. Freu mich rauszukommen und mal wieder in Gesellschaft auzugehn.

Halbe Stunde vorher ruft sie an. Nee, sie hätte jetzt noch mal in den Zettel geschaut: Bis der Test da ist, muss man in Karantäne. Ich sag, ist nicht dein Ernst? Ja, sagt sie, es tut mir ja so leid, aber geht wirklich nicht. Bist du jetzt sauer? Natürlich bin ich jetzt sauer, ich platze gleich. Sag ich auch. Wir haben uns ein paar Wochen nicht gesehen und es ist ein wunderbar warmer Abend und ich hätt mich gerne mit ihr gefreut über den schönen Abend und den lustigen Max. Aber sie war schon immer so. Lieber ’n bisschen vorsichtig, nix neben der Reihe. Oder ist sie nur bei mir so? Oder ist sie so, weil ich immer die Sachen ins Blaue mache und sie manchmal schief gehen? Oder bin ich selber so, und merks nur gar nicht? 20 Jahre Beamter ist man ja auch nicht ohne Grund. Und die Mutter erst. Auf jeden Fall kann das Kind nix dafür. Nee, sag ich also, Gesundheit geht vor. Und wenn’s dir nicht geheuer ist… Und du bist echt nicht traurig, fragt sie? Nee, sag‘ ich, aber jetzt ist Schluss. Ich geh jetzt los.

Der Heimathafen Neukölln hat ein paar Tische in den Hof vor dem Theater gestellt. Menschen beim Wein. Lampions, laue Luft und tintenblauer Himmel. Eine italienische Nacht. Das macht meine Enttäuschung noch viel größer. Wie schön hätten wir hier sitzen können? Und ich hätt sogar mal Lust auf einen Wein gehabt. Die zweite Eintrittskarte ist natürlich auch für die Katz. Einfach hinstellen, und sie ein paar Nachzüglern zu verkaufen klappt nicht, das merke ich schnell. Denn in Zeiten von Corona kommt keiner ohne vorbestelltes Ticket. Im Saal stehen die Stühle und Tische so weit auseinander, dass ein Ozeanriese zwischendurch fahren könnte. Meine Tochter hätte Opernarien singen können, ohne dass jemand ein Tröpfchen abbekommen hätte. Ich vergrabe mich immer weiter in meinen Groll und komme mir auch noch alt und hässlich dabei vor.

Aber es gibt ja noch Max Goldt. Und der braucht nur zwei Texte zu lesen und mein Herz ist wieder leicht. So ein feiner Mensch, so viel Wortgefühl. Seit vielen Jahren habe ich nichts mehr von ihm gelesen, und er ist immer noch gut. Nimm mal nich alles so schwer, sag ich mir, als er seinen Rausschmeißer „Froschfilm“ singt. Ich lasse mir von ihm ein Buch für meinen Freund Norbert signieren, mit dem ich die härtesten „Titanic“-Zeiten durchgemacht habe. Jung-Männer-Sarkasmus war unsere Alltagsdisziplin. Der ist jetzt auch schon 60. Seinen Geburtstag hab ich vergessen. Ich schick’s ihm zu Weihnachten.

Nighthawks

Foto: Lena M. Olbrisch

„Edward Hopper“, das sagen viele, die das Bild „Die Baude bei Nacht“ von Lena M. Olbrisch sehen, das es beim Kunstwettbewerb „Mein Wedding 2020“ unter die ersten 12 geschafft hat. Und sie meinen natürlich den Klassiker „Nighthawks“: Einsame Menschen, sitzen, vom kalten Neonlicht beschienen, in einem nächtlichen Restaurant. Traurige Gestalten, aber Gestalten, die gut aussehen. Mit ihren lässigen Anzügen, eleganten Kostümen, mit ihren coolen Hüten und harten Drinks könnten sie Schauspieler in einem Holywoodstreifen der schwarzen Serie sein. Selbst der Barmann ist adrett mit einem weißen Schiffchen auf dem Kopf. Das Bild, das in den 80ern in jedem billigen Bistro Westdeutschlands hing, hat  ganz wesentlich zu meiner Sehnsucht beigetragen, als einsamer Wolf durch nächtliche Straßen in der großen Stadt zu ziehen. Es war diese Sehnsucht, die mich endlich nach Berlin brachte. Einen Trenchcoat hatte ich auch dabei.

Jetzt lebe ich seit 25 Jahren hier und hab mein Ziel erreicht. Ich bin nicht nur alleine – meinen Sohn habe ich gerade bei seiner Mutter abgegeben- sondern auch richtig einsam und voller Grimm, wie jedesmal nach diesen traurigen Treffen. Kein Zuhause nirgends. Aber die Stadt kennt auch Orte, die einen trösten.

Kalt weht der Herbstwind durch meine dünne  Schimanski-Jacke, als ich im fahlen Licht der untergehenden Herbstsonne auf die Curry-Baude am Bahnhof Gesundbrunnen zusteuere, dem Treffpunkt aller Nachteulen, die hier in Berlins irrester Ecke gestrandet sind. Ein mageres schwarzes Mädchen in einem dünnen Kleidchen kommt mir auf dem Bahnhofsvorplatz entgegen, geschmeidig tanzend, selig lächelnd. In ihrer Hand verbirgt sie etwas, etwas Glänzendes, wahrscheinlich das Zeug, das sie gerade glücklich macht. Ich lächle zurück, denn auch ich  verstecke etwas, das glücklich machen soll. Die Baude ist hell erleuchtet, wie auf dem Foto. Doch im kalten Neonlicht (s.o.) hinter dem Tresen steht eine alte gebeugte Frau, die schon zu lange da steht. Zu viele Jahre und zu viele Stunden heute. Sie ist die Chefin, oder sie war es mal, das macht ihr Gesicht klar. Aber was macht die alte Chefin Sonntagabend um 8 noch im im Lokal? Mit der Hand stützt sie sich am Tisch ab, als sie meine „Curry Spezial mit Paprika und Mais“ zurecht schnippelt. Nichts erwartend als die nächste Bestellung. Hinter ihr gießt eine aus der Form geratene junge Frau mit struppigen, farblosen Haaren altes Frittenfett einen Eimer. Jetzt oder nie. Als ich die zwofuffzich für die Wurst auf die Glasschale zähle, ziehe ich mit der Linken etwas aus meiner Tasche. Keinen geladenen Colt, wie es Humphrey Bogart gemacht hätte, keinen Briefumschlag mit Dollarnoten. Nein, es sind die Postkarten mit den Bildern der Wettbewerbsgewinner, die wir nun im Wedding verteilen. „Hier“, sage ich, „wollte ich ihnen geben. Das Foto von Ihrer Baude hat einen Kunstpreis gewonnen.“ Kurz meine ich, dass sie ärgerlich wird, weil ich sie in ihrer Routine unterbrochen habe, die sie mit Mühe aufrecht erhält. Dann ruft sie nach hinten einen Männernamen: „Da ist jemand mit dem Foto, das die Kundin neulich gemacht hat.“ Ein hagerer Endvierziger kommt aus dem Lagerraum und  wischt sich die Hände ab, bevor er die Karten nimmt. Ich sage mein Sprüchlein noch mal. „Danke“, sagt er, „dass Sie an uns gedacht haben.“ Das Foto gefällt ihm. Freundlich zeigt er die Karten seiner grauen Helferin. Die werkelt immer noch am Boden, dreht kurz den Kopf und verzieht das Gesicht. Die alte Dame ist schon bei der nächsten „Zwee ma ohne Darm mit Pommes.“

Ist also Kunst doch für was gut? Na ja, auf jeden Fall hat sie mich zu der schärfsten und besten Currywurst in Berlin geführt (vergesst Konopke und Curry 36 gleich mit). Und mit der Curry intus habe ich sogar den Rückweg mit der U6 überlebt. Als am Leopoldplatz nicht nur die üblichen vier betrunkenen Polen (heute waren es nur drei, ich mach mir Sorgen) säuerlich nach Bier und Erbrochenem riechend in den Wagen torkelten, sondern auch noch ein Mann mit einem Seppelhut, der einen Rollstuhl mit einer Bierflasche drin vor sich herschob, sich mit den Fußsstützen in der Festhaltestange verhakte und so die ganze Tür blockierte. Und als der endlich durch war, noch zwei Jungs reinkamen (einer tatsächlich mit umgedrehter Basecap und goldener Gliederkette um den Hals), die noch irgendeinem Mädchen auf dem Bahnsteig imponieren wollten und ihre Hacken zwischen die zugehende Tür klemmten. Was aber auch wieder nichts mehr ausmachte, weil der ganze Zug außerplanmäßig noch fünf Minuten im Bahnhof stehen blieb, was uns der Fahrer über knarzende und hallende Lautsprecher lakonisch zubrüllte. War alles zu ertragen, selbst mit Maske vorm Gesicht.

Wir halten also fest: Wer Kunst so nah an sich ran lässt, dass er sie für Wirklichkeit hält, der läuft sein Leben lang falschen Vorbildern nach. („Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“ (Fehlfarben)). Wer aber Kunst nicht an sich ran lässt, verpasst die besten Orte, die erstaunlichsten Menschen und bleibt ewig in einem Vorortbistro mit einer schlechten Kopie von den „Nighthawks“ hängen.

Einen schönen Abend wünsch ich noch.

 

Hausstrecke

Die Hausstrecke ist für einen Motorradfahrer das, was für den Fußgänger die „Runde um den Block“ ist.  Eine Strecke, die vor der Tür anfängt, die man gut kennt und auf der nichts Besonderes zu erwarten ist.

Meine Hausstrecke ist die Berliner Stadtautobahn, die A100. Da fahr ich hin, wenn mich die Moto Guzzi vor meiner Tür lange genug traurig angeguckt hat, wenn mal wieder keine Zeit war für eine richtig Tour oder wenn ich meinen Freund Michael besuchen will. Nach Feierabend geht es los, Richtung Westen, wo die Sonne untergeht (komm Baby, lass uns nach San Francisco fahren, die Sonne putzen!). Auf der frei schwebenden Rudolf Vissell-Brücke vorbei am Westend-Klinkum, wo meine Jungs geboren wurden, vorbei an der silbernen Hülle des ICC und dann in einem großen Bogen Richtung Osten. Dreißig Kilometer Hin- und herschwimmen auf dieser hässlichen Verkehrsschneise aus den 70ern, zwischen zu vielen Autos, vier Spuren, und langen Tunneln. Nichts im Kopf außer ein Bier im „Idyll“, Michaels Stammkneipe. Und genau auf dieser Strecke ist es gestern passiert.
Ein Autofahrer hat regelrecht Jagd auf Motorradfahrer gemacht. Viele Verletze lagen auf der Straße. Die Bilder sind schrecklich. Wie bei allen Motorradfahren, die unter die Räder gekommen sind, wünsche ich ihnen, dass sie bald wieder auf den Beinen sind. Ein Auto kann eine Waffe sein: Eine Tonne Stahl beschleunigt von immer zu viel PS. Diese Waffe gezielt gegen Schwächere einzusetzen ist hinterhältig. Deswegen ermittelt die Staatsanwaltschaft ja auch wegen versuchten Mordes.
Als es noch nicht klar war, was das Motiv des Täters war, meldeten die Medien korrekt „ein Mann, vermutlich psychisch gestört“. Und los ging die Hetze in den Kommentaren. Gegen die Presse, die angeblich das Wichtigste verschweigt, gegen Ausländer, denn nur sie wären ja zu so was fähig… Und das ein halbes Jahr nach den tödlichen Schüssen von Hanau. Der Fahrer ist wohl in der Psychatrie gelandet. Und da gehört er auch hin, gerade wenn er „Alluh Akbar“ gerufen haben sollte. Seinen Gott als Alibi für eine Gewalttat zu missbrauchen -da tickt einer nicht ganz richtig. Aber wenn ich wegen jedem Autofahrer, der sie nicht mehr alle beisammen hat, Angst haben würde, dürfte ich mich nicht mehr auf Deutschlands Straßen trauen.
Und das will ich nicht. Ich bleibe on the road .

Happy shiny people

Foto: Michael Fanke

Was soll ich groß sagen? Die Ausstellungseröffnung von „Mein Wedding 2020“ war ein Fest, ein buntes, heiteres Sommerfest im hitzeflirrenden Norden Berlins. Alle beautiful people waren da. Die Künstlerinnen (und der eine Künstler), viele Freunde und Bekante.Sebst meine Tochter war extra in den Wdding gekommen. Alexandre, der lockenköpfige Hausmeister vom Deutsch-Französischen Jugendwerk hatte mit seinen Leueten den blühenden Gemeinschaftsgarten „Rote Beete“  besenrein gefegt und die Miniatuen der 12 ausgewählten Bilder im Garten verteilt. Wegen der Wespen und wegen Corona mussten wir die Gummibärchen in der Tüte lassen. Aber Kaffee gab’s, aus weißen Tassen, nur ohne Keks (Corona s.o.) Dann kam auch schon der Bürgermeister. Susanne Haun hat flott durch das Programm moderiert. Die drei Preisträgerinnen waren, soweit anwesend, fast zu Tränen gerührt. Alle waren glücklich und der Herr Bürgermeister ist noch etwas länger geblieben.

Wer schauen will wie’s war:

Alles weitere könnt ihr auf der Mein Wedding 2020 Homepage finden:

Fachwerk reloaded

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„Einen schönen Urlaub noch!“, ruft mir die Bäckereiverkäuferin hinterher, als ich das Cafe verlasse. Mit beiger Funktionshose und kariertem Hemd sehe anscheinend genau so aus wie die sommerlichen Feriengäste, die auf dem Rotweinwanderweg oder dem Ahrtalweg unterwegs sind und hier einkehren. Die Bäckerei macht auf alt, aber es gibt sie sicher noch keine zwanzig Jahre. Ich muss das wissen, denn ich bin hier  aufgewachsen.

Ich kenne das Dorf noch aus einer Zeit, in der  niemand auf die Idee gekommen wäre, jedes Fenster in den Fachwerkfassaden mit roten Geranien zu schmücken. Wäre zu viel Arbeit gewesen und man hatte genug zu tun mit den Feldern, den Kindern und dem Vieh. Den Garten hatte man hintenraus und da wuchs, was man zum Leben brauchte. Auch ein paar Blumen.
Aber ich will mich hier nicht als Einheimischer aufspielen. Auch wir waren „Zugezogene“, die hinter dem Bahndamm, der das alte Dorf vom Rest des Ortes trennte, neu gebaut hatten. Flüchtlinge waren mein Vater und sein Vater. Und die wollten wieder ein Zuhause haben. An die schäbige Hinterhofwohnung im Schatten der katholischen Kirche, in der meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe mit uns gehaust hatten, habe ich kaum Erinnerungen. Mein Leben begann in diesem neuen Zweifamilienhaus, in das der Großvater seinen Lastenausgleich, wie die Entschädigung  für den enteigneten schlesischen Bauernhof hieß, und meine Mutter ihren ganzen Verstand und ihre Nerven investierte. Denn sie war es, die die Formulare ausfüllte und das Geld zusammen hielt. Aber im Grundbuch stand natürlich mein Vater, der nach meiner Vorstellung alleine das große Loch gegraben hatte, in das dann der Keller kam.

Meine Erinnerungen passen nicht zu diesem sonnigen Nachmittag in einem aufgeputzten Fachwerkdorf mit fröhlichen Senioren und Streuselkuchen. Das Dorf hatte für mich als Kind nichts Liebliches, Romantisches, Gefälliges. Es war grau von Arbeit und dem Kampf ums Notwendige. Tagsüber rackerten die Männer in irgendeiner Baufirma oder Fabrik, abends gingen sie in den Stall, reparierten was am Haus oder fuhren auf die Felder. Die Frauen trugen tagein tagaus Kittelschürzen aus Nylon. Grau war auch jahrelang die Farbe unseres Hauses, denn das Geld hatte nicht mehr für einen Verputz gereicht. Diese Burg aus bröseligem Bimsstein war die Bühne für die Dramen unser Großfamilie.  Mehrgenerationenhaus würde man das heute nennen und viele glauben, dass dies die Lösung einiger sozialer Probleme ist. Auch so eine romantische Vorstellung.

Auf meinem Rundgang suche ich das Haus, in dem mein Schulfreund Günther wohnte. Es war auf dem Berg, im Wald. Ich finde es nicht mehr. Später merke ich, dass es hinter den Bäumen verschwunden ist, die in den letzten 50 Jahren weiter gewachsen sind. Meine Schule finde ich, aber ich erkenne sie nicht wieder. Sie war, wie unser Haus, neu gebaut, um die Kinder aus den Neubaugebieten aufzunehmen. Vier Räume für acht Klassen, Turnraum im Keller. Ein Foto meiner Einschulung zeigt einen gewagten, modernen Neubau mit viel Licht und Glas. Im Stil der Zeit sind auch die Frisuren der Jungs igelkurz und die meisten Mädchen tragen Kleider und Zöpfe, manche eine kecke Kurzhaarfrisur wie auch meine Schwester eine hatte. Kunst am Bau gab es auch: Eine Wandmalerei zeigt ein Paar, das eine Friedenstaube fliegen lässt. Jetzt ist die Schule ein Blechkasten, doppelt so groß wie früher, mit Wärmeisolierung und Außenrollos. Der Hausmeister kommt auf mich zu um mir zu sagen, dass die Kinder von der Corona-Kinderbetreuung erst in einer halben Stunde zurück kommen. „Ich war hier selber Kind.“, erwidere ich und er lässt mich auf den Schulhof. Bald finden wir uns in alten Zeiten wieder. Den Direktor mit dem Holzbein und Bauer Willi mit der großen Scheune, in der wir uns als Kinder vor dem Kommunionsunterricht versteckt haben. „Bauer Willi hat jetzt auch aufgegeben.“, seufzt er. „Die Grundstückspreise. Es kommen so viele Leute aus Köln und Bonn. Er ist raus aus dem Dorf.“ Mit seiner Hand weist er über den Schulhof, auf dem mir einst der rothaarige Rudi Bleffert beim Völkerball das Schlüsselbein brach, über eine Containersiedlung auf eine freigemachte Baufläche. „Hier kommt unser dritter Kindergarten hin und eine Turnhalle. „Endlich“, denke ich, „wenigstens kein Medizinballrollen mehr in dunklen Kellern.“

Ich laufe über die Hauptstraße zurück. Neben der Dorflinde (die ich als Kind nie wahrgenommen habe), an der Auffahrt zum Schützenhaus hängt ein Plakat, das den traditionellen St. Martinszug im Dorf anpreist. Komische Vorstellung, dass beim selbstverständlichen Lanternenumzug der Kinder und beim großen Martinsfeuer jetzt Touristen zuschauen sollen. Aus Einheimischen werden dann Eingeborene, die man bei einem Ritual beobachtet, an dem man selber nicht teilnimmt.
Was mich tröstet ist die Kastanie am Ende der Dorfstraße, die überlebt hat, obwohl wir sie als Kinder im Herbst mit Stöcken traktierten, um auch die letzten grünen Stachelkugeln aus dem Baum zu holen. Denn ein Mal im Jahr kam ein Lastwagen von Haribo aus Bonn, dessen Besitzer als großzügige Geste an die Dorfjugend die Kastanien für sein Wildgehege einsammelte und gegen Süßigkeiten eintauschte. Und wo wir es gerade von Süßigkeiten haben: An der Bruchsteinmauer neben dem Bahnhof (von der ich erst jetzt erfahre, dass sie zur einer Tiefburg gehört), da wo ich dann später auf den Bus zur Hauptschule gewartet habe, hängt noch ein Kaugummiautomat, an den ich mich nicht mehr erinnere, aber der so aussieht, als wäre er damals schon da gewesen. Ich freue mich über etwas echtes Altes in diesem überlackierten Dörfchen. Zum Glück hat noch niemand einen Geranientopf drauf gestellt.
Ich werfe 20 Cent rein, und er funktioniert noch! Der Kaugummi kommt jetzt in Plastikverpackung, aber immerhin. Ich ziehe drei Stück- für jeden meiner Jungs einen.

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Ils sont fous, ces …

Haun_Susanne_02© Susanne Haun.com

Ja, wir spinnen, das ist klar. Schon vor wenigen Monaten, als wir ankündigten, in Berlin Wedding, mitten in Coronazeiten einen Kunstwettbewerb für eine Open air-Galerie zu starten, fragte ein Kommentator auf diesem Blog, ob wir noch in der gleichen Welt leben würden? Ob wir glauben würden, dass wirklich im August auf der vierspurigen Müllerstraße Plakate mit Kunstwerken zu sehen sein würden? Das war die Zeit der Kontaktsperre, wenn sich jemand erinnert und es war sehr, sehr leer auf den Straßen.

Und um ehrlich zu sein: Nein, manchmal haben wir daran nicht mehr geglaubt. Denn neben Corona gab es ja noch den ganz normalen Berliner Wahnsinn. Wenn zum Beispiel für den Standort eines Plakates zwei verschiedene Bezirksämter inklusive einer landeseigenen Immobilienverwaltung zuständig sein könnten, aber keiner eine Entscheidung trifft und das ganze dann scheitert, dass auch in der Raucherecke des JobCenters ausreichende Abstände zur Belüftung und Beleuchtung eingehalten werden müssen, dann wird es manchmal etwas viel.
Wir haben trotzdem weiter gemacht. Weiter gemacht, als plötzlich 2000 Flyer wertlos wurden, weil alle Kneipen und Cafés geschlossen hatten, in denen wir sie verteilen wollten. Als der Bescheid des Bezirksamtes für die „Ausnahmegenehmigung gem. § 46 StVO“ vom Fachbereich Straßen- und Grünflächenverwaltung auch nach monatelanger Wartezeit und hundert Nachfragen immer noch nicht kommen wollte. Und weiter gemacht, als das Postfach für die Einsendungen in den ersten Monaten, bis auf ein paar Fotos von vollgestopften Mülleimern und weggeworfenen Fernsehern, leer blieb.

Und jetze? Allet jut. Jetzte is allet durch. 🙂
Die Genehmigungen sind da, das Centre Francais de Berlin ist als Träger mit eingesprungen, das Postfach ist kurz vor Einsendeschluss übergelaufen und die Jury hatte plötzlich mehr als 180 tolle, farbenfrohe, melancholische, coole, kreative, unmögliche, dunkle, strahlende, bescheuerte, liebevolle, trashige, brave, schwarz-weiße, persönliche, abstrakte oder einfach großartige  Collagen, Fotos, Ölbilder, Grafiken, Tuschezeichnungen, Webteppiche!, Kinderzeichnungen, Aquarelle – und wat sonst noch allet – dazuliegen und musste daraus die zwölf besten aussuchen.
Und dit in zwee Stunden uffn Nachmittach.

Deshalb dürfen wir euch jetzt einladen zur Ausstellungseröffnung

Samstag, den 15. August 2020, 11 Uhr
im interkulturellen Garten „Rote Beete“
neben dem Centre Francais de Berlin,
Müllerstraße 75,
13349 Berlin

Der Bürgermeister von Mitte kommt auch und die ganzen Künstlerinnen und Künstler. So zum Angucken und Anstoßen. Wird bestimmt nett. Ick freue mir so.

Ach ja: Diesen Sommer keinen Blogbeitrag ohne Blumengruß aus dem Hinterhof.

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Mille fleurs

Also dieser Sommer…. Wind, dramatische Wolken und Sturzregen: wunderbar. Als Fan der Regensucherin gibt es für mich kein schöneres Geräusch als das Tanzen der Regentropfen auf dem Fensterbrett und das Rauschen der Bäume vor dem Gewitter.
Das gibt mir das Gefühl: Es ist alles wieder gut. Klimawandel war einmal. Die Wiese bleibt grün. Die Kastanie im Hinterhof hat die Motten, aber auch damit kommt sie in so einem regenreichen Sommer besser klar. Und was es heute regnet, das füllt den Grundwasserspiegel für die nächsten Jahre, hoffe ich . Mit meinen Söhnen habe ich kein Apfelbäumchen gepflanzt, sondern Astern in drei kleinen Blumentöpfen. Und die brauchen sie gar nicht zu gießen – nur in den Garten stellen. Wächst von selber.

„Wäre schön, stimmt aber alles nicht.“, sagt der schlacksige Kerl, der neben mir durch die Wiesen des Naturschutzgebiets Klapperberge stapft. „Der Regen kommt viel zu spät, den hätten wir im April gebraucht. Die Bäume hier lassen die Blätter hängen, weil es damals zu trocken war. Jetzt schwemmt der Starkregen nur die Erde weg. Unten an den Wurzeln kommt nichts an.“ Ach dieser Kerl – verdient sein Geld mit Dachbegrünungen. Da muss er den Leuten ja so was erzählen. Und bei einer Sache muss er mir sogar Recht geben. Auf den  Wiesen hier in der Uckermark haben seit Jahren nicht mehr so viele Blumen geblüht . Ich schau in meine Pflanzen-App: Alles Unkräuter. Na Gottseidank sprießt das wieder.

 

Unter dem Pflaster

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Es ist kalt. Vom nahen Ufer zieht klamme Feuchtigkeit unter meine Jacke. Jemand hat ein Feuer angemacht, um uns zu wärmen. Eine Frau ruft meinen Namen über den Strand. So wie sie ruft, klingt er wie ein wildes Tier. Sie holt mich heim. Essen ist fertig. Das ist schön.
Noch vor einer Viertelstunde war das ein ganz normaler Feierabend, mit Wäsche bügeln und ein bisschen Internet. Irgendwas hat mich nach draußen gezogen, an diesem Abend im Juli, der sich schon wie Herbst anfühlt. Dann bin ich durch den Wald gefahren und durch die Tür gegangen, die immer offen steht. Jetzt sitzen um mich herum junge Männer mit den Füßen im Sand. Sie reden ruhig, ihre Abenteuer sind für heute vorbei. Einer improvisiert auf einem E-Piano ein bisschen Jazz ein bisschen Lateinamerikanisches. Die Melodien sind fein, machen die Gedanken leicht und ziehen über den See, in dem noch ein paar Nackte baden. Die Sonne ist längst untergegangen.
Eigentlich gehöre ich nicht hier hin. Das ist eine Aussteigertraum, eine Hippiekommune, ein alternatives Projekt. Ich weiß noch nicht mal, wie man das heute nennt. Ist auch egal.
Ich bewundere den Mut und die Unbefangenheit der Truppe, aus einem heruntergekommenem Strandbad am Rande der Stadt einen Lebensraum für sich selbst und ein Refugium für ihre Gäste zu machen. In Zeiten, in denen meine Gedanken um die verschiedenen Facetten des Weltuntergangs oder zumindest des Älterwerdens kreisen, einfach ein paar Hütten auf den Strand zu stellen,  einen Steinofen zu bauen, gute Pizza zu backen und die Tür weit auf zu machen. Es ist wie ein Geschenk
Die Pizzabäckerin ruft die letzte Runde aus. Ich verschenke die Hälfte meiner an ein paar Jugendliche, die zu spät gekommen sind. Es ist schön, was geben zu können. Ich muss zurück. Morgen geht es für mich woanders weiter. Aber ich hoffe, das kleine Paradies ist nach meinem nächsten Feierabend noch da.

 

Halb gelesen

Beruhigend schäumt die Waschmaschine. Mal nach links, mal nach rechts. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Das Klatschen der Laken in der Trommel, die kurzen Stopps, und immer weiter geht’s. 2einhalb Stunden Beruhigungskonzert für meine Nerven. Viel mehr wird heute nicht passieren.
Ich könnte ja ein gutes Buch lesen. Hab ich aber schon. Heute morgen auf dem Balkon: Navid Kermani, 5 Seiten, die Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Erbaulich, wie es sich für einen Sonntagmorgen gehört. Warum gehe ich nicht mal wieder in die Kirche?

Neben meinem Bett stapeln sich halbgelesene Bücher. Nichts, was mich wirklich mitreißt. Corona-Unterstützungs-Käufe für meinen Buchladen. Wenigstens den Händler habe ich glücklich gemacht damit. Er hat mir beim Rausgehen die Tür aufgehalten. Natürlich musste es Camus sein: Die Pest. Hatte der Händler einen großen Stapel von aufgetürmt. Fand ich als Schüler großartig: Männer reifen im Angesicht der Katastrofe. Mann wollte ich sein und schicksalschwere Entscheidungen treffen. Die Katastrofen sind ausgeblieben, die Entscheidungen hat das Leben für mich getroffen und das Buch habe ich im Bücherregal im türkischen Café nebenan gegen Juli Zeh „NeuJahr“ eingetauscht. Eine Frechheit, dieses Buch. Musste es in der Hälfte weglegen, weil  die Schilderung verdurstender Kinder in einer spanischen Finca so an die Nieren ging (habs dann doch nicht ausgehalten, nachts um 2 den Rest gelesen und nicht mehr schlafen können). Schlecht schlafen kann ich von alleine. Brauche ich dafür Literatur?
Oder Uwe Timm „Freitisch“. Uwe Timm geht eigentlich immer. Aber das? Alte Männer bramabasieren über ihre wilden Zeiten als Arno Schmidt-Fans. Literatur über Literatur. Hat mich immer schon gelangweilt. Vorsichtig entstaube ich meine Arno-Schmidt-DDR-Erstausgabe, Verlag Volk und Welt 1990. Da war doch mal was. Hatten wir uns nicht bei Schmidt unsere seltsame postpubertäre Gruppensprache in der Berufsschule abgeschaut, oder war das aus der „Titanic“? Ok, unserem Wortführer, der heute noch so spricht, habe ich vergessen zum 60ten zu gratuliern. Seitdem spricht er gar nicht mehr mit mir. Besser so.

Wenn man selber nicht mehr weiter weiß, helfen Freunde. Schenkte mir doch aus blauen Himmel heraus eine Freundin den neuen Roman von Bov Bjerg „Serpentinen“, weil sie wusste, dass ich „Auerhaus“ geliebt hatte und weil sie mich ständig schubst, doch auch mal was über meine Jugend zu schreiben. Aber doch nicht sowas! Wieder muss ein Kind in Lebensgefahr kommen, damit der Autor seine eigene, abgrundtief hoffnungslose Kindheitsgeschichte erzählen kann. Selbstmörder, Gewalt, Alkohol auf der Schwäbischen Alb. War nett gemeint, aber mit 3 kleinen Jungs wird man da empfindlicher.

Und was sagen die Profis? Die sollten doch wenigstens die Überblick haben, was so richtig gut reinläuft in Zeiten wie diesen. Also bei Birgit Böllinger vorbeigeschaut. Sie ist angetan vom „Gesang der Fledermäuse“ Eine Einsiedlerin, im Bund mit Tieren und Natur, löst einen mysteriösen Mord an einem Pelztierhändler. Immerhin von einer Nobelpreisträgerin geschirieben und es kommen keine kleinen Kinder vor. Also nochmal zu meinem Buchhändler gelaufen, der schaut hinter seinem sehr improvisierten Corona-Schutz aus Cellophanfolie in seinen altertümlichen Röhrenbildschirm und rät „Kommt in einem Monat als Taschenbuch, da können Sie warten.“ Und weil das mächtigste Tier, mit dem ich bislang im Bunde stehe, der Sparfuchs ist, willige ich ein. Doch ohne Buch gehe ich nie aus seinem Laden, das weiß der gewiefte Bücherdealer. Mein Blick fällt auf „Das geheime Leben der Bäume“. Ich weiß, Spiegel-Bestseller und keine Literatur. Aber als Einstieg in die Weltflucht das ideale Vehikel. Und Fledermäuse sind mir in Zeiten von Corona echt noch zu gefährlich.

Im falschen Film

And you may find yourself in a beautiful house
With a beautiful wife
And you may ask yourself, well
How did I get here?

Die Verandatür ist offen. Es ist ein warmer Tag mit makellos blauem Himmel. Der automatische Rasenmäher surrt über den millimetergenau gestutzen Rollrasen. Auf dem Rasen spielen drei Jungs. Unsere Jungs. Sie nennen den Rasenmäher „Die Kröte“. Neben mir steht ihre Mutter und fragt mich, ob ich einen Kaffee will. Ich nicke. Die Jungs werfen Flugzeuge aus Styropor mit einer wuchtigen halben Drehung ihrer sehnigen Körper in die Luft. Bausparkassenwerbung.

Die Flieger kommen mit Loopings wieder zurück. Einer landet auf dem Garagendach des Nachbarn. Ein fragender Blick. Ich hole die lange Aluleiter aus dem Keller. Als ich mit der Leiter am Türrahmen anstoße, zuckt die Mutter. Immer bin ich es, der ihrem Idyll eine Schramme verpasst. Vorsichtig prüfe ich das Dach, ich bin nicht sicher, ob es mich trägt. Die Jungs staunen, als ich den Flieger nach unten werfe. Der Papa löst die kleinen Probleme, Mutter kocht im stahlend weißen Eigenheim einen Kaffee.

And you may tell yourself
This is not my beautiful house!
And you may tell yourself
This is not my beautiful wife!

Ich bin nur zu Besuch. Habe mich außer der Reihe selbst eingeladen, weil mir die Zeit zu lang wurde, in denen ich die Jungs nicht sehe. Wir spielen noch eine Runde Pokemon-Karten auf dem Rasen. Dann ist Zeit für’s Bett. Die Schule hat wieder angefangen. Hastig decken wir den Abendbrottisch. Als ich mich mich auf mein Motorrad setze, sind die Jungs schon im Schlafanzug. Sie kommen noch mal an die Tür. „Wir wollen hören, wie du den Motor anmachst.“

You may ask yourself
Where does that highway go to?
And you may ask yourself
Am I right? Am I wrong?
And you may say yourself
„My God! What have I done?“

Die Talking Heads haben wir in den 80ern in Dauerschleife im Kino in der Heidelberger Hauptstraße gesehen. Waren so schön überdreht, die Bühnenshow, die Texte. Jetzt ist das mein Alltag.

Same as it ever was
Same as it ever was
Same as it ever was