Kein Anschluss

Die Geschichte habe ich für die Wolkenbeobachterin geschrieben.

Es ist eine lange Geschichte, die ich noch niemandem erzählt habe. Sie beginnt traurig, und ich weiß noch nicht, ob sie ein gutes Ende finden wird.

Unter einer großen Trauerweide, die ihre langen Äste über eine gelbe Telefonzelle hängen lässt, sitzt ein niedergeschlagener, entmutigter Junge. Er hat 20 Pfennig in zwei 10-Pfennig-Stücken. Die Münzen sind heiß wie seine Hand. Immer wieder  hat er sie in den grauen Apparat geworfen, die Nummer seines Freundes gewählt und immer die gleiche mechanische Antwort gehört „Diese Nummer ist nicht vergeben.“ Vorbei kommt eine elegante Dame, die in der Nähe wohnt. Es ist – zu allem Elend – seine Französischlehrerin. Er ist schlecht in Französisch, aber sie ist freundlich zu ihm, fragt nach dem Grund seines Kummers und als er es ihr erzählt, lacht sie. „Oh mein Gott, ihr Dorfkinder. Hast du denn noch nie telefoniert? Du musst die Vorwahl weg lassen, wenn du ein Ortsgespräch führen willst.“ Nein, hat er nicht. Seine Eltern haben ein neues Haus gebaut. Da war kein Geld mehr für einen Telefonanschluss. Und bis dahin hat er es auch noch nicht vermisst. Im Gegenteil. Nicht erreichbar zu sein ist für einen Jungen in seinem Alter das Beste, was es gibt. Andere Kinder müssen zu Hause anrufen, wen der Schulbus zu spät kommt oder fragen, ob sie ins Freibad gehen dürfen. Er macht das einfach und hat immer eine gute Ausrede für sein zu spät Kommen. Kein Telefon haben heißt Freiheit, das lernt er früh. Und selbst als die protzigen Nachbarn allen verkündeten, dass sie jetzt einen „Anschluss“ hätten, und seine Mutter ihn ermahnt, immer dort anzurufen, wenn etwas nicht klappt, hat er immer noch die Ausrede „Anna von nebenan war nicht da.“ Dagegen kann die Mutter nichts sagen, denn immerhin muss Anna ja öfter putzen gehen, um das Haus abzubezahlen.

Als er 15 wird, haben es die Eltern geschafft. Im Flur steht ein graues Plastiktelefon, die Schnur fest mit der Wand verbunden. Wenn er den Hörer abnimmt schlägt eine elektrische Glocke, die im ganzen Haus zu hören ist. Dann kommt sofort die Frage: Wen rufst du da an?  Die Angst vor den Rechnungen ist hoch. Ortsgespräche kosten 23 Pfennig. Von Ferngesprächen hat man gehört, sie seien unerhört teuer. Mondscheintarife gelten ab 22 Uhr. Da hat er im Bett zu sein. Es ist ein Telefon, um angerufen zu werden, nicht um Kontakt mit der Welt aufzunehmen.

Es folgen Telefone auf dem Flur von Krankenschwesternwohnheimen, die den ganzen Abend sehnsüchtig von den Schülerinnen und Zivis umstanden werden, das WG-Telefon, bei dem die WG-Genossen nie, aber auch wirklich nie notierten, wenn einer oder gar die EINE für ihn angerufen hatte, die ersten Auslandsgespräche mit dem Bruder in fernen Häfen, die rauschen wie die See auf die der sich begeben hatte und irgendwann wurden die 20 Pfennig von einer Telefonkarte abgelöst. Aber immer war Telefonieren für ihn etwas, was man eigentlich vermeiden sollte. Die Scheu, jemanden einfach anzurufen bleibt groß. Jemand mit seinem Anruf zu stören bleibt ihm unangenehm. Aber es gab für ihn auch diese Abende, an denen er den Apparat an einer langen Schnur in sein Zimmer zieht und stundenlang mit alten Freunden spricht. Wenn es still wird beim fernen Gegenüber nach langen Passagen des Mitfühlens, wenn beide kurz schweigen und es in der Leitung rauscht und man weiß, dass der andere versteht warum man jetzt schweigt. Das ist das Schönste.

Mit dem alten Jahrhundert und den  Mobiltelefonen ist das Schweigen vorbei. Nach einem Monat im gemeinsamen Journalistenbüro entscheiden die Kollegen: Du bist jetzt selbstständig, du kannst es dir nicht leisten, nicht erreichbar zu sein. Ein altes schwarzes Siemens muss es tun. Es ist schwer und zieht die Jacketttasche nach unten, aber nach drei Tagen, auf dem Weg zum Mülleimer, ruft die erste Redaktion an, sein erster großer Auftrag! Seither sind sie unzertrennlich, sein Backstein und er. Und er verliert die Scheu. Wichtige Leute anrufen, auch außerhalb der Bürozeiten, freche Fragen stellen und merken, wie sich seine Gesprächspartner winden, Visitenkarten mit privaten Nummern zugesteckt bekommen mit dem geraunten Hinweis „Rufen Sie mich jederzeit an, ich kann ihnen zu dieser Sache noch mehr erzählen…“ Wichtige Menschen werden gerne angerufen – eine völlig neue Erfahrung. Die Macht der Presse. Sein Filofax ist prall gefüllt mit Nummern – in Bleisift. Denn die Nummern ändern sich ständig.  Auch die Zeiten, in denen er an der Vorwahl oder in Berlin an den  ersten zwei Ziffern erkennen konnte, von welchem Ort er angerufen wurde, waren vorbei.

Und dann der Schnitt: Feste Stelle, feste Durchwahl, acht Stunden vor einem Bildschirm  mit Internernetanschluss. Aufgeregte Abteilungsleiter, die sich mit dem Privileg einer eigenen E-Mail-Adresse brüsteten. Das Telefon wird wieder Privatsache. Und privat läufts schief. Aus der Familienwohnung geht es Hals über Kopf in ein Hinterhauszimmer. Ein Telefon aus dem Trödelladen kauft er auf die Schnelle. Es ist ideal, denn es kann nur klingeln, sprechen geht nicht. Das schützt vor nächtlichen Anrufen und langen Diskussionen. Aber erreichbar bleibt er doch, auch wenn das Handy aus ist. Wenns klingelt muss es was Besonderes sein. Irgendwas mit den Kindern. Nur die Mutter hat diese Nummer. Dann geht er los, mitten in der Nacht. Irgendwann verliert er sein Smartphone und kauft sich kein neues. Ein 20 Euro Handy mit ein paar Nummern von Freunden ist alles. Es ist still. Es ist fast wieder wie früher, als er ein Junge war.  Aber es wäre auch schön, wenn wieder jemand vorbeikommen könnte, um ihm zu zeigen, wie man heute wieder Kontakt zur Außenwelt aufnimmt.

 

 

 

 

Sommermärchen

Erleuchtung

Als wir mit unseren Booten kurz vor Sonnenuntergang durch den Schilfgürtel stießen, müssen wir die Grenze zu Mittelerde überquert haben. Auf dem sanften Hügel vor uns schmiegen sich Hobbit-Hütten, klein und geduckt mit filzigem, rundem Dach in die sandige Wiese. Entfernt rauscht ein Bach. Sonst ist nichts zu hören als eine Haubentaucherin, die mit ihren Jungen eins ums andere im See verschwindet und wieder herausploppt. Am Ufer erwartet uns ein entspannt lächelnder Hüne, der seinen langen, weißen Bart durch eine Holzperle gebunden hat. Er hilft uns, unsere Boote ans Land zu bringen. Wir Gefährten haben unser Ziel erreicht. Weiter von der Wirklichkeit kann man nicht entfernt sein als an diesem Flecken im Sumpfgebiet zwischen Brandenburg und Mecklenburg.

„Kommt ins Gasthaus“, raunt uns der Riese zu, „ihr seid gerade noch rechtzeitig.“ Ich folge ihm arglos, doch meine Begleiter wissen, von welcher Macht der Alte geleitet wird und wohin er uns locken soll. Sie haben mich verraten. Ich suchte ehrlich der Welt zu entfliehen. Sie aber haben die ganze Zeit Signale empfangen, die auch jetzt ihre Gesichter blau aufeuchten lassen. „Zweite Halbzeit fängt gleich an. Die Schweden führen Null zu eins,“ murmeln sie hinter mir. In den Zeiten Mordors brauchte es einen Ring, um alle zu binden. Heute sind es flache, schiefergraue Scheiben. Hatte ich wirklich geglaubt, ich könne „Schland“ entkommen? An diesem Tag? Die Tür zum Gasthaus öffnet sich.
Es ist ein schrecklicher Anblick, der sich uns bietet. Ein Haus voller Besessener mit glasigen, verzweifelten Blicken . Alle Waldbewohner und die Gäste aus den Hobbit-Hütten haben sich um eine bunte, lärmende Röhre versammelt. Schon haben wir ein Bier in der Hand und stieren wie die anderen auf das flimmernde Bild mit weißen und gelben Männchen. Und der Zauber, der über allem liegt, erfasst auch mich. Als ein blonder Mann mit streng gescheiteltem Haar den Ball in der letzten Minute in einem eleganten Bogen ins Tor schießt, liege ich mir mit einem wildfremdem Mann aus Sachsen in den Armen, Freudentränen in den Augen. Das öffentlich-rechtliche Extacy macht uns zu einem einig Volk von Brüdern.

Schnitt

Eine Woche später, Berlin Wedding – jenseits von Mittelerde.
Ich mäander mit meinen Zwillingen am Samstagmittag durch den Kietz. Bei Edeka waren wir schon, in der Stadtbücherei auch und auch im Bio-Laden, weil wir den Salat vergessen hatten und einer mal pullern musste.

Von den Männern in Weiß und Schwarz spricht niemand mehr. Und wenn, dann mit verkatertem Hohn über die Dummheit, mit der man sich habe hinters Licht führen lassen, als säße man in der Matrix. Aber Fußball gibt’s immer noch.

Vom Sportplatz auf dem jede Nacht unter Flutlicht  bis um kurz vor Mitternacht gebolzt werden darf, klingt Männer-Geschrei. Afrikanische Beats liegen in der Luft . Vorsichtig tasten wir uns heran. Das Tor des Fußballplatzes steht weit offen, aber wir trauen uns nicht so richtig rein. Was ist das hier? Die Spielfelder sind voll von schwarzen jungen Männern in bunten, improvisierten Trikots. Aus den Laustprechern krächtst die Stimme eines völlig überforderten Organisators mit einem sehr anstrengenden Akzent „Also die Berliner Jungs spielen jetzt auf Feld B gegen Carl Zeiss Erfurt… nein, Moment  (das Micro wird weggelegt)  es ist Feld C und bitte die „Jeunesse Berlin“ auf Feld C, nein B… ist jemand von der Jeunesse da? Nein.,.. und da ihr geht jetzt mal hier weg, den Platz brauchen wir für die Siegerehrung….“ Es gibt keine erkennbare Ordung, aber viele lachende und entspannte Gesichter. Meine Jungs kennen die Anlage noch aus der Zeit, als sie hier noch mit der Kita turnen gingen, als es noch Personal dafür gab, aber sie trauen sich nicht rein. „Dürfen wir?, fragen sie. Erst als sie „Schulle“ sehen, unsere kräftige, bis an die Ohren tätowierte und gepiercte Nachbarin mit dem Kurzhaarschnitt, die im Turnverein die Jugend trainiert, wagen wir uns weiter.
Wir landen zwischen zwei Teams, den Roten und den Gelben, die ihrem Spiel entgegenfiebern. Meine Jungs sind wie elektrisiert, echte Fußballer! Alle so 18, 19, nervös, der eigenen Kräfte nicht ganz sicher, aber mit gespielter Coolness sich selbst vergewissernd. Anerkennende Blicke gehen auf das Spielfeld wo anscheinend der Gruppengegner gerade die gegnerische Manschaft austrickst. Eine halbe Stunde und zwei Spiele später sitzen die Roten wieder da. Sie haben ein Spiel gewonnen, sind Gruppensieger geworden. Und im nächsten Spiel verloren. Zwei von ihnen haben Verbände am Kopf, weil sie in der Luft zusammen gestoßen sind. Ihr Torwart hat ziemlich oft daneben gegriffen. Um sich zu entspannen übt er in einer leeren Ecke  mit (s)einem kleinen Jungen. Der Kleine ist stolz, weil er auch die großen Torwarthandschuhe haben darf.
Die Jungs rechnen. Es reicht für den vierten Platz, sie sind zufrieden mit sich. Sie wissen, das sie nicht die Größten sind und viel daneben gegangen ist, aber das ist egal. Es gibt einen Pokal für sie, und das freut sie. Den Fairnesspreis. Er wird von einer Integrationspolitikerin verliehen, die ihr schönstes Kleid angezogen hat. Neben ihr stehten noch vier andere: SPD, Linke, Grüne und eine vom Bezirk. Alle finden wichtige Worte und die Jungs sind schwer beeindruckt. Dann werden Faxen mit dem Handy gemacht und stolz vor dem Pressefotografen posiert. 11 Freunde sollt ihr sein – das gibt es also wirklich noch, Fußball mit menschlichem Anlitz. Ich könnte echt ein Fan werden.

Meine Jungs spielen an diesem Abend zum ersten Mal alleine, ohne dass ich mit muss, im Hinterhof Fußball. Den Kickern im Kindergarten, denen wollen sie es Montag mal richtig zeigen.

 

 

Ohne Worte

Frau Dergl hat auf Ihrem Blog Fädenrisse einen sehr guten und mutigen Beitrag eingestellt. Es geht darum, was wir als Bloggerinnen und Blogger tun können, gegen die immer schlimmer werdende Hetze der Rechten im Netz. Und weil mir leider noch die Worte fehlen gegen die, die nur ein paar Klicks von meiner Seite entfernt, sich verächtlich machen gegen alles was mir wichtig und lebensnotwendig ist, die unser Parlament und das Gedenken an ein ermordetes Mädchen mißbrauchen, um ihr zynisches Spiel damit zu treiben, poste ich hier – natürlich mit Genehmigung der Autorin – den Beitrag, ausdrücklich auch mit allen darin enthaltenen Verlinkungen.

Danke!

 

Ohne Titel

Ich weiß eigentlich nicht in welchem Blog ich das haben will. Eigentlich in keinem, aber es muss gesagt werden.

Die etwas seltsame Sprache im grauen Text kommt daher, dass es ein Text für die Etüden ist und die drei vorgegebenen Wörter enthalten muss (unter anderem Ödipuskomplex), auslassen gilt nicht.

Etwas, das mir immer wieder unangenehm fällt ist, dass es auch unter Bloggenden (Politbloggende ausgenommen) immer wieder Leute gibt mit der Einstellung Wo bleibt die Empörung über die AfD, wann stellt sich das Volk dagegen? Hallo? Es gibt in Blogs, auf Twitter und wahrscheinlich auch auf anderen Kanälen etliche Privatleute, die wenn sie es unter Klarnamen machen manchmal nicht geringe Risiken eingehen, die das tun, es werden Gegendemos gemacht – in Berlin #AfDwegbassen hatte zig tausende Gegendemonstranten, aus Solingen gestern habe ich noch keine Zahlen, aber auch da gab es Protest -, es gibt Bewegungen wie dieses Reconquista Internet von Jan Böhmermann oder #ichbinhier auf Facebook – was wollt ihr? Das, was ihr euch zusammenphantasiert wird es nicht geben. Die Zeit ist vorbei. Und das Interessante ist: Die Bloggenden, die am lautesten schreien, man muss doch was machen, sonst haben wir bald…, machen selber genau nichts. Keine Posts in Blogs, keine Retweets auf Twitter… Es regt mich auf. Das ist so ähnlich wie die „Feige!“-Schreier als Leute Blogs dicht gemacht haben.

Ich bin kein Fan von Claudia Roth, aber das sollte man lesen: Persönliche Erklärung zur inszenierten „Schweigeminute“ der AfD im Deutschen Bundestag auf ihrer Homepage. Denen unter Ihnen, die online gegen die AfD tweeten oder schreiben wahrscheinlich schon bekannt, es ging gestern ziemlich rum.

 

Will man sie Voltigieren nennen, diese seltsam krud-kranke Form von Ödipuskomplex, dieses Schauspiel, das in Wahrheit versuchte Demontage ist, dann muss man schon sehr weit weg sein. Oder naiv.

Aber es sind immer die, die am lautesten schreien, man muss was dagegen tun, die nichts tun.

Mord- und Vergewaltigungsdrohungen sind heutzutage normal und anstatt zu sehen, dass der Betrieb weitergeht obwohl nur vor ein paar Jahren die meisten der Demontierer noch wegen Handlungen oder gar Äußerungen im Knast gelandet wären, dann schreien die noch wann sich etwas bewegen würde, warum die, die sich dagegen stellen nicht noch mehr machen.

Selber tun sie nichts.

Sehen aber auch nichts.

Der Aufschrei, den sie sich so herbeiwünschen, kommt längst in der Form, in der sie ihn wollen nur noch dann wenn aus der Demagogenecke jemand in die Schranken gewiesen wurde.

Morddrohungen sind ein sehr wirksames Mittel.

Zweimal traf es in jüngster Zeit giftgrüne Frauen, die eine, die zur Teilnahme an einer Demonstration gegen die Rechten aufrief, die andere, die einfach nur ihre Arbeit getan hat.

Und noch immer tun die Lautschreier nichts als zu schreien, die die sich den Rechten entgegenstellen müssten noch entschiedener sein, von selber mitmachen noch nie gehört.

 

Der Beitrag ist erschienen unter:

https://faedenrisse.wordpress.com/2018/06/17/ohne-titel.

Da der Blog auf „privat“ geschaltet ist, muss man vorher bei der Autorin anklopfen.

 

Ralley solo

in the middle

Es gibt auch Regen in der Toskana. Schon dafür hat sich die Reise gelohnt. Toskana mal ohne das ganze „Gutshaus auf dem sanften Hügel“-Gedöns. Eine öde Landstraße, eine Weggabelung. Ich muss nach links, nach Follonica, das klingt gut, das klingt nach verrückt und liegt am Meer. Das hat mir die Motorina mit der edlen Lederjacke und dem lustigen italienischen Englisch in Siena empfohlen. „This is our favorite road. It’s perfect- They straigtend it a bit after to many of us had accidents.“ Eine aufregende Straße. Aber ich bin müde und will einen Kaffee und meine Regenklamotten anziehen. Mal schauen, wie es weiter geht. Wenn überhaupt. Wer hat schon Lust auf eine kurvige Straße, wenn sie nass ist? Es gibt eine Bar am Straßenrand. Einfach eine Bar, für Leute, die hier vorbei kommen und weiter wollen. Der Wirt hat keine Lust zu reden. Ich auch nicht. Ist gut so.

Seit drei Tagen bin ich unterwegs, will die Strecke der Ralley Mille Miglia abfahren. Wieder so eine Idee von mir. Ohne Navi, ohne Smartphone ohne bella compagnia. Früher waren wir öfter zusammen im Süden. Nach unserer ersten gemeinsamen Fahrt hab ich die Sitzbank verlängern lassen, damit sie ihre langen Beine ausstrecken kann. Jetzt ist da ein Gepäcknetz mit meinem Proviant. Ist aber trotzdem gut gelaufen, die Reise, bisher. Das alte Motorrad ist meine Eintrittskarte. Als ich vor einer verschlafenen Bar in der Po-Ebene Halt gemacht habe, kamen die alten Männer raus, um meine Moto Guzzi zu bestauenen „Anni settanti, anni settanti“ und dann erzählten sie mir ihre Erinnerungnen aus den Siebzigern. Ich verstand kein Wort, aber einer war so aufgeregt, dass ihm fast die falschen Zähne rausflogen. Die Chinesin hinter der Bar mit dem Gesicht und der Frisur eines Sumo-Ringers verzog keine Miene. Die Jungen auch nicht. Sie guckten meine Maschine an, als würde sie noch mit Dampf betrieben, setzten sich auf ihre koreanischen Motorroller und waren weg. Oder der Tankwart in Modena, einer der wenigen Tankwarte die noch nicht von den vollautomatischen Zapfsäulen ersetzt wurden: Graue Lockenmähne, melierter Bart, rote Tankwartsjacke, kurze Hosen, Badelatschen hockte er gelassen auf seinem Schemel. Die Arme verschränkt hört er sich an, wie ich in meinem Volkshochschulkurs-vor-zwanzig-Jahren-Italienisch nach dem Weg fragte. Dann antwortete er in klarem Englisch: „First right, then left, then it will become complicated. You better ask.“ Er schaute auf mein Motorrad: „Nice bike“ „It’s italian“, antwortete ich. „I know!“ antwortete er, verschränkte die Arme wieder und machte klar, dass die Unterhaltung jetzt zu Ende ist. Er könnte auch Türsteher im Berghain sein.

Und wo soll ich jetzt hin? Mein Zimmer hab ich in einem Hostel in Pisa gebucht. Das sind noch mindestens 150 Kilometer. Ich übernachte in Hostels, habe sogar meinen Jugenherbergsausweis dabei. Den kriegt man, wenn man noch Kinder hat auch jenseits der 50. Als ich die Karte in Rimini zum ersten mal auf den Tresen legte, blickt die Empfangsdame ratlos und sagte: „Nice“. Ich zeigte auf das Jugendherbergszeichen an der Tür und sie lächelte: „We are having a party here, sorry. It will be loud tonight.“ Als Trostpflaster gab sie mir einen Gutschein für einen Cocktail an der Bar. Was hatte ich in Rimini erwartet? Früchtetee und einen Stempel in mein Wanderbuch?

Der Regen hat nachgelassen, also weiter. Die Straße zieht sich. Es gibt einen Lastwagen vor mir, der mich mit Sprühregen einnnebelt, den ich aber unmöglich überholen kann, weil er schneller durch die Kurven jagt, als ich es  je wagen würde. Kurz vor der Küste reißt der Himmel auf und dann ist da eine Trattoria hinter einem großen Parkplatz. Wie in Frankreich, früher, die Relais des Routiers, vor denen die Lastwagen kilometerweit standen und die weinseligen Fernfahrer ihre Mittagspause machten.
Ich geh rein und bin in einem Fellini-Film. Die Mittagspause ist vorbei. Nur zwei Jungs mit dichten, dunklen Haaren und schicken Frisuren sitzen da mit ihren Schulmappen und erzählen sich wichtige Sachen mit dem Eifer, wie ihn nur Zehnjährige haben können. Die Oma bringt zwei Teller mit Pasta. Sie schlingen sie rein, ohne mit dem Reden aufzuhören. Der Opa kommt, und nimmt einen auf den Schoß, aber der will – wohin? Natürlich zur Mama. Die Mama steht hinter der Bar, ist groß und blond, nimmt ihn an die dicke Brust und tröstet ihn. Ich muss warten, bis ich dran bin. Dann gibt’s für mich Carpaccio vom Fisch und Aqua frizzante. Keinen Wein?, fragt sie. Nein, keinen Wein. Das Motorrad… Wir haben auch kleine Gläser, lockt sie mich. Nein Danke – Es ist ein Elend, Italien ohne Wein.

Dafür das Meer. Über häßliche Industriestraßen, durch hundert Rotondas, wie hier die Kreisverkehre mit den winzigen, verwirrenden Wegweisern heißen und vorbei an rostigen Werften bin ich endlich da. Ich stelle den Motor ab, sehe die Fähren nach Elba ziehen und stehe augenblicklich im Wasser. Die Sonne hat wieder ihre volle Kraft und lässt mich in der Lederjacke schmoren. „Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher“ singt mir Hans Albers. Und ich habe Glück! In einem mit Oleander überwucherten Winkel zweier verschlungener Rotondas finde ich das ausgeblichene blaue Schild nach Santa Vincenze – die Küstenstraße, die alte Via Aurelia – jenseits der neuen Superstrada. Über viele wunderbare Kilometer bauen riesengroße leicht einander zugeneigte Pinien ein schattiges Dach über mir. Durch Dörfer zieht die Straße, vorbei an kleinen Läden und Bars. Rechts ab gehen schnurgerade Pinienalleen, die zu alten Weingütern führen. Ruhig wie ein Schiffsmotor bollert meine Guzzi. Das ist die Straße, das ist die Geschwindigkeit, für die sie gemacht ist. Ich werde später noch in die Berge fahren und durch enge Kurven jagen. Und auch das macht Freude. Aber das hier, diese Straße, dieses Italien, das wars, was ich erleben wollte.

Als Öko-bewegter Zivi hing in meinem Zimmer ein Plakat mit dem Spruch „Was wäre der Mensch ohne den Trost der Bäume?“  Und heute will man ja sogar wissen, dass Bäume auch sprechen können. Was würden die Pinien an der Via Aurelia mir Don Quichotte auf meinem alten, weißen Ross hinterherrufen wollen? „Arrividerchi motorino. Ci vediamo!“

Oh happy day!

Mellensee

Oberdeck im Regionalexpress zurück nach Berlin. Tag der Arbeit. Meine Jungs haben mich zum dritten Mal beim Kartenspielen abgezockt. Das passiert mir sonst nie – zumindest nicht ohne Absicht. Ich muss mit den Gedanken woanders sein. Aber wo?

Ein Lied hat sich bei mir eingenistet, zuerst im Herz, dann im Kopf, der sich an die richtigen Zeilen zu erinnern versucht und dann wie ein wohliges entspanntes Gefühl im ganzen Körper. Ein schönes Lied am Ende eines schönen Tages. Alles hat gestimmt. Der Proviant hat gereicht, die Jungs haben kräftig mitgestrampelt auf der Fahrrad-Draisine. Der eine hin, der andere zurück. So dolle, dass ich mir dachte, gleich kippt einer vom Sattel. War aber nicht. Nur Freude und rote Backen. Am Wendepunkt gab’s einen romantischen Bahnhof aus der Kaiserzeit (sieht aus wie unsere Ritterburg) und eine Erfrischungshalle aus den 20ern mit einem Radler für den Vater und ein Eis für die Kinder. Ein Eis, das so schrecklich schmeckte, wie Eis in Brandenburg halt schmeckt. Wäre sonst Anlass für ein großes Drama, aber heute war alles gut. Die Hälfte durfte ich essen. Eine Runde Minigolf und sogar die botanischen Belehrungen für die armen Stadtkinder (Von welchem Baum ist dieses Blatt?) wurden begeistert aufgenommen. Und es war mir, als sähe ich Vieles selbst zum ersten Mal. Oder hatte ich je vorher enteckt, dass die Blütenblätter der weißen Kastanien gelbe und rote Punkte haben?

Kastanienblüte

Hab ich schon geschrieben, dass die Sonne schien und ein frischer Wind blies?
Und zwei Mal kam die Frage: Du, Papa, machen wir das noch mal? Ja, aber dann mit eurem kleinen Bruder. Ich hätte genau so gut Donald Trump vorschlagen können, einen Ausflug mit Kim Jong Un zu unternehmen. Aber selbst das wurde freudig begrüßt. Und es wurde sogar besprochen, wer den kleinen Bruder auf der Hinfahrt und wer ihn auf der Rückfahrt auf der Draisine festhält. Gäb’s einen Ritterschlag für Väter, das wär er gewesen. Ja, wenn der Vater mit den Söhnen.
Und dann das Lied. Schreib’s auf, sagte ich mir, nachdem ich die übersprudelnden Jungs bei ihrer Mutter abgegeben hatte, sonst ist es morgen weg. Das Lied und das ganze herrliche Gefühl, das uns durch den Tag getragen hatte. Hab ich aber nicht gemacht und mich in die warme Wanne gelegt. Aber am nächsten Morgen hatt‘ ich’s noch im Ohr. Und es schien wieder die Sonne und es schien wieder ein schöner Tag zu werden.

Aber nach dem Tag der Arbeit kam ein Tag der Arbeit.

Wo war die Vorlage von Montag geblieben? Warum ist sie nicht „nach oben“ gegangen? Wer hat sie wo nicht weiter geleitet? Geht das ganze auch ein bisschen kürzer? Nur Stichpunkte! Natürlich geht das. Haben sie heute Abend. Kein Problem. Und die nächste Vorbereitung gleich morgen…. Und als alle Kolleginnen und Kollegen weg sind, alle  Sachen da sind wo sie hingehören, will ich mich für das nächste Projekt ein wenig auffrischen. Den Kopf leer kriegen.
Aber der ist schon leer. Ganz leer. Das Lied ist weg! Ganz weit weg. Noch nicht mal die Melodie fällt mir ein. Kaffee hilft auch nicht mehr. Vielleicht ein Gang über den Flur, die leere Wasserflasche jonglierend? Der Rhythmus der Schritte. In der Teeküche das erste Wortpaar „Night and Day“ auf dem Rückweg das nächste „Sins Away“ Und dann an der Bürotür die volle Wucht. Yeah, es war ein Gospel. Ein Lied Freude und ein Lied der unterdrückten Arbeitssklaven. Ein Blick auf meinen Schreibtisch hat genügt, mich daran zu erinnern.
Und jetzt geht gar nichts mehr. My Lord! -Good God! *Fingersnipping*
Computer aus, die Punkte müssen morgen sortiert werden. Ich bin sicher, Jesus wird mir vergeben. He’ll wash my sins away…

Und weils so schön war, hier mit Aretha Franklin.

 

Euch einen glücklichen Tag.

 

 

Lasterhaftes Berlin

fremde

Da soll doch noch einmal einer sagen, Bücher, die man nicht gelesen hat, hätten keinen Einfluss auf einen. Birgit vom Sätze und Schätze- Buchblog hat mir mit ihrer gut recherchierten Rezension über „Lasterhaftes Berlin“, einem neu aufgelegten Stadtführer durch das angeblich wilde Berliner Nachtleben der 30er-Jahre, einen Floh ins Ohr gesetzt: Wieso denken eigentlich immer alle Menschen, die nicht in Berlin leben, dass hier ständig die Post abgeht? Dass man hier nachts Sachen machen kann, die man in Leipzig oder Bietigheim nicht machen kann? Ohne Licht mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig unbescholtene Bürger anfahren, oder um zwei Uhr nachts mit einer Flasche Bier in der Hand in der U-Bahn sitzen – um mal die wildesten Exzesse zu nennen, die man sich außerhalb Berlins so vorstellen kann.

Birgit vermutet, dass die Bücher über das verruchte Nachtleben immer die Vorstellung der Leser aus der Provinz bedienen müssen, und ich glaube das stimmt. Und weil in Berlin wirklich nicht viel anderes passiert als in Köln oder Buxtehude wird einfach ein bisschen dazugedichtet. Das hat Christopher Isherwood in seinem Buch „Auf Wiedersehn Berlin“ getan (das übrigens fast gar nichts mit dem Musical und dem Film „Cabaret“ zu tun hat. Isherwood war schwul und schreibt über seine Abenteuer mit Jungs) und die anderen Bücher aus den „goldenen Zwanzigern“, die Birgit erwähnt wohl auch.

Nach dem Krieg war es dann Billy Wilder, der Marlene Dietrich einfliegen ließ, um in „Foreign Affair“ etwas Verruchtes in die jämmerliche Schwarzmarktzeit zu bringen. Später hat er es mit der auf dem Tisch tanzenden Lilo Pulver im Pünktchenkleid in „Eins, zwei, drei“ noch mal versucht. Berlin war damals plattgemacht wie ein Teller, wie mein Vater zu berichten wußte, der jahrelang Konserven für die „Senatsreserve“ nach Berlin fuhr (und abgelaufene Konserven nach Westdeutschland zurück). „Wenn ich auf das Führerhaus meines Lasters gestiegen bin, sagte er immer, „konnte ich die ganze Stadt überblicken.“ Kein Wunder, dass die meisten Fotos und Postkarten von damals Berlin bei Nacht zeigten. Das war die einzige Möglichkeit, die Stadt ohne Trümmerberge aufzunehmen. Und die einzigen Begegnungen mit fremden Frauen, von denen mein Vater berichten wollte, waren die mit den DDR-Zöllnerinnen, die ihn den ganzen Wagen mit den durchweichten Kartons per Hand aus- und wieder einladen ließen. Auf solche Uniform-Spiele muss man stehen. Mein Vater tat’s nicht. Als ich ihn kurz vor seinen Tod fragte, was er in seinem Leben heute anders machen würde, sagte er, ohne zu überlegen „Ich würde nie wieder eine Tour nach Berlin übernehmen.“

Die freie Liebe der 68’er in der Kommune 1 war wohl so frei auch nicht und wurde erst attraktiv, als mit Uschi Obermeier ein Fotomodell dazu kam, das der „Stern“ gern  ablichtete. In den Siebzigern war es dann en vouge, über das wilde Sex-Leben der Nazi-Größen in geheimen Bordellen in Berlin zu berichten. „Salon Kitty“ war so ein Buch und ein Film, der sich an strammen SS-Männern in schwarzen Uniformen weidete. Zadek überflutete die Bühnen damit. Ende der Siebziger war es dann Christiane F. und der billige Sex mit Junkies im Tierpark, der das Bild vom nächtlichen Berlin prägte. Mann, fand ich den Film aufregend. Vor Drogen hatte ich zwar tierische Angst, aber so auf dem Bahnhof mit Freunden abhängen, den Bullen weglaufen und dann direkt vor David Bowie zu stehen, wenn er „Heroes“ singt. Das wär schon was gewesen. Später sang dann „Ideal“ vom wilden Nachtleben im „Dschungel“ – Ick fühl ma jut, ick steh uf Berlin. Das war das Lied, das ich im Kopf hatte, als ich auf Klassenfahrt nach Berlin kam. Und tatsächlich standen da am hellerlichten Tag Frauen auf der Potsdamer Straße rum, die so angezogen waren, wie die Frauen, die im Kleinanzeigenteil unserer Zeitung für potenzsteigernde Mittel warben. „Na Kleener, haste Lust uf ne Sause?“, sprach mich eine an. Ich wurde knallrot und sah zu, dass ich weg kam. Im Bus zurück nachhause prahlten natürlich alle Jungs, mit dem was abgegangen sei, mit den Frauen von der Potse.

Keine fünfzehn Jahre später zog ich nach Berlin, weil die Mauer auf war und ich den Osten erleben wollte. Und es war wirklich klasse. Die ganzen improvisierten Kellerbars und die Konzerte in den alten Reichsbahn-Hallen. Aber verrucht war das nicht, höchstens verqualmt.
Ich glaubte sowieso nicht, dass es so was wie verrucht noch gab in einer Stadt in der es die Love-Parade und den Christopher Street Day gab. Wo dein Nachbar zum Motzstraßen-Fest plötzlich als Transe aus der Tür kommt und dich fragt, ob seine Strumpfnaht noch gerade sitzt. Bis, ja bis dieser amerikanische Journalist auftauchte in unserer Redaktion. Netter Kerl, Cineast, der ein Interview mit Volker Schlöndorf arrangiert hatte. Aber wer kennt schon Schlöndorf im amerikanischen Bible Belt? Es musste ein Aufmacher her, einer, der auch den gottesfürchtigen Immobilienmakler in South Carolina neugierig macht. Sinnlos mit der „Blechtrommel“ anzufangen. Es wurde  die kleine, schäbige Oben-Ohne Bar in der Yorck-Straße. Ein Relikt aus der Zeit, in der noch die amerikanischen GIs nachts auf den Straßen von Berlin nach Amüsemang suchten. Der Artikel über Schlöndorf fing dann also so an: „There is a Topless Bar right in the center of Berlin. They say topless, and they mean it!“

Nachklapp: Es stimmt natürlich nicht, dass nix los ist in Berlin. Gleich bei mir gegenüber ist die Flop-Bar, ein dunkler Schuppen, der erst um acht abends aufmacht. Die Bedienung ist ein durchscheinendes Mädchen mit einer durchscheinenden Bluse. Ich weiß nicht was da nachts abgeht. Ich war nur mal Sonntags da, und habe mir einen Tatort auf der Leinwand angeschaut. Die Kids um mich rum hatten Flips und Chips mitgebracht. In Tatort ging es um Amateur-Pornos, die anscheinend jetzt in jedem deutschen Wohnzimmer gedreht und ins Internet gestellt werden. Der Tatort kam aus München.

Noch spannender ist es in meinem Hinterhof. Da sah ich heute bei Sonnenuntergang zwei Kamfpfhunde frei laufen. Ein schöner Hellbrauner mit weißen Flecken und ein Grauer. Zwei Hunde also auf der Wiese, auf der ich sonst mit meinen Jungs spiele. Natürlich hatte keiner einen Maulkorb, ein Besitzer war auch nicht zu sehen. Ja, das ist das wilde Leben in Berlin. So was gäb’s anderswo nicht.
Der Garten ist sattgrün, die Kastanien stehen voll im Saft und strecken ihre Kerzen nach oben. Und da sehe ich, wie der Braune auf die Graue steigt. Dann laufen sie wieder ein bisschen, beißen sich und der Braune steigt wieder hoch und sie vögeln wieder ein bisschen und dann laufen sie wieder. So geht das immer weiter. Und als ich mit dem Abendessen fertig bin, sind sie immer noch dran. Ob ich das dem Lonley Planet mal als Geheimtipp stecken soll?

Als wir Götter waren

Eichhof

Wir waren Götter, Götter auf Zeit. Wir lebten von Nektar, Luft, Liebe und Gesängen. Wir fühlten uns leicht. Der Himmel über uns war weit offen. Die Sonne schien nur für uns. Unser Olymp war ein Hügel in der Uckermark mit einem alten Gutshaus drauf . Hier beherrschten wir für ein paar Tage vor allem uns selbst.

Weil wir nichts zu essen brauchten, hatten wir alle Zeit für uns. Wir verbrachten sie mit Yoga und Frohlocken. Zum indischen Harmonium lobten wir Krishna, Shiva und all die anderen befreundeten Himmelsbewohner. Als am dritten Tag das „Hare Krishna“ angestimmt wurde, grinste meine bislang stumme Nachbarin zu mir rüber „Jetzt hamm se uns. Jetzt sind wa inner Sekte“. Wir sangen die 108 Namen Krishnas. „Der für frische Butter tanzt“ „Der sich frische Butter besorgt“ waren nur zwei davon. Der Kerl wurde mir immer sympathischer. Und überhaupt drehte sich bei unseren Gesprächen erstaunlich viel ums Essen. Weil die einzige Speise ein Glas frischer Fruchtsaft am Tag war, gab es nichts, was der Phantasie Grenzen gesetzt hätte. Es sei denn, man tat es selbst. „Du bist doch auch Veganer, oder?“, war meist der Einstieg in ein langes Gespräch über alles, was man durch Weglassen an Glück dazu gewinnen kann.  Alle hatten ihren eigenen Weg zur Seeligkeit. Von Rohkost über geschrotetes Korn bis zu Ayurveda. Große Lust verschaffte auch das Studium der Beipackzettel der Nahrungsergänzunsgsmittel, die eine zweite Religion waren. Dass der Weg zur Erkenntnis der Astralwelt  über den Körper geht, soweit waren wir uns einig – und der Magen ist ja nun mal ein besonders wichtiger Teil davon, auch wenn wir ihn in unserer Fastenzeit kaum spürten. Das war ein wirklich göttliches Gefühl. Nichts zu essen, und doch keinen Hunger zu haben.

Für den Rest des Körpers gab es Yoga. Fasten macht die Gelenke geschmeidig. Und wo es nicht alleine ging, half der Lehrer nach. „Genießt den Schmerz“, lächelte der Weise. Und wirklich: Die Schreie der Verzückung und Schreie des Schmerzes waren kaum auseinander zu halten. Ich schaffte es zum ersten Mal in meinem Leben in den Lotussitz und nur mein verflixter Meniskus beendete meine Meditation, kurz bevor ich Kontakt zu meinem Astralkörper aufnehmen konnte.

Nur selten verließen wir unseren märkischen Olymp. Wenn unser Körper nach einer intuitiven Massage im Nachbardorf verlangte, oder nach einer Sauna mit Sprung in den eisklaren See. Und weil Fasten wirklich Energie freisetzt, war zwischen zwei Yoga-Sessions auch noch Luft für eine stramme Radtour über die brandenburgischen Schlaglochpisten. Danach war der Körper dann endlich mal so erledigt, dass er beim Meditieren Ruhe gab.

Doch wehe dem, der die Gesetze der Götter bricht. Denn unsere elysische Leichtigkeit beruhte auf strengem Verzicht. Nur wer sich auf ein Glas Saft am Tag beschied, durfte ihrer teilhafitig werden. Das wußte ich, aber am fünften Tag ging es mir so gut, dass ich mich für unverwundbar hielt. Nicht nur ein Mal nahm ich vom Göttertrank sondern zwei Mal und weil noch was übrig war, auch noch ein drittes Mal. Die Strafe kam leise. Es waren nicht die Blitze des Zeus, nicht Thors Hammer noch Shivas Tanz der Vernichtung. Ich wurde auch nicht aus dem Paradies vertrieben, sondern einfach nur ein paar Stunden an den Ort verbannt, an den auch die Götter zu Fuß gehen. Als ich davon erzählte, erschallte das götttliche Lachen, von dem schon Goethe berichtet, und ich durfte wieder dabei sein.

Der richtige Rausschmiss aus dem Paradies, hatten wir dann tatsächlich einem Apfel zu verdanken. Am siebten Tage gab es einen gedämpften Apfel zum Frühstück. Damit begann das Fastenbrechen und die Pforten des Himmels schlossen sich für uns. Jetzt dürfen wir wieder als Halbgötter die Steine von unten nach oben schieben – aber viel entspannter.