Tod mit guter Aussicht

Terrasse des Museums für Sepulkralkultur, Kassel

Das Ende war dann noch sehr schön.

Für den zweiten Tag meines Besuchs hatte ich mir eine kleine Mutprobe auferlegt: „Das Museum für Sepudingsda?“ frage ich die Frau in einem der allgegenwärtigen weißen Garderobencontainern, an dem man seine Rucksäcke abgeben muss. „Ja, den Namen musste ich auch erst lernen.“, sagte sie freundlich.“ Das ist ist hinter der Grimm-Welt die Straße hoch.“ Noch vor fünf Jahren habe ich schockiert auf die Empfehlung von docvogel reagiert, die das Museum für Totenkultur in Kassel pries. Dunkle Grüfte mit verwesenden Kadavern stellte ich mir vor. So wie in Neapel. Ich hatte eine Heidenangst vor Totenkulten und all dem schwarzen Zeug, das da drumherum gemacht wird. Aber man wird ja älter und der Gedanke kommt näher. Und es war dann auch gar nicht so schlimm, im Gegenteil: Es war recht wunderbar. Ein Haus auf dem Hügel, viel Licht und eine Terrasse wie auf dem Deck eines Luxusliners. Die Exponate über Gevatter Tod in seinen vielen Formen verloren bei so viel Helligkeit ihren Schrecken und endlich stand ich für die Länge eines Kaffees auf der Terrasse in der Sonne und über den Dingen. Deswegen war ich nach Kassel gekommen.

Ach ja, und wegen der documenta. Die ganze Zugfahrt zurück nach Berlin (halbe Stunde Verspätung) versuchte ich das Assoziationskarussell einigermaßen in den Griff zu bekommen, das die Ausstellung gestern bei mir angeworfen hatte und das sich die Nacht über weiter drehte. Gab es einen gemeinsamen Nenner? War alles beliebig nebeneinander? War das überhaupt wichtig? Bleiben wir bei den Fakten:

Menschen: Ich habe in den zwei Tagen mit genau einem Menschen gesprochen. Er stand vor dem Schloss, vor dem Joseph Beus begonnen hatte seine 7000 Eichen zu pflanzen und fegte den Platz zwischen den Bäumen. Er trug die gleiche Mütze wie ich und eine graue Weste wie Beus. Es war offensichtlich sinnlos was er da machte. Ebensogut hätte er wie ein buddhistischer Mönch ein Mandala in den Sand legen und dann wieder wegwischen können. Das sagte ich ihm, und er freute sich. Er war nicht halb so verrückt, wie ich vermutet hatte, sondern sehr klar. Es wollte an die Beus-Aktion vor dem Düsseldorfer Landtag erinnern. Mit dem Besen hatte der den Platz gefegt und behauptet, er habe damit mehr für die Gemeinschaft getan, als alle Abgeordneten mit ihren Beschlüssen. Seinen Besenstiel hatte mein neuer Freund in den Farben der Bundesfahne lackiert.

Gemeinschaft: Damit wären wir bei dem Wort, an dem man auf der documenta nicht vorbei kam „lumbung“. Ich hatte das Glück, gleich am ersten Tag morgens im „ruru Haus“, dem Empfangsgebäude in einem leerstehenden Kaufhaus aus den 50ern, in einen Vortrag von einer indonesischen Künstlergruppe (rungagrupa?) zu stolpern und war gleich fasziniert.

Nicht nur von der Geduld, mit der diese sichtbar übermüdeten Männer geduldig das indonesische Prinzip des gemeinsamen Wirtschaftens erklärten, war ich beeindruckt. Auch von der Tatsache, dass es auf den 1700 indonesischen Inseln etwa genau so viele Sprachen und Dialekte gäbe, aber kein Wort für den Begriff „Ich“. Man hebe die Verdienste des Einzelnen nicht hervor, verwende den Passiv, der offen lässt, wer was oder wieviel getan hat für die Gruppe. Dagegen sei der Begriff des „zum Gedeihen der Ernte/ des Gemeinwesens beizutragen“ sehr wichtig. „Nourishing“ wie es ungenügend ins Englische übersetzt wurde. Man müsse nicht nur sähen und ernten, sondern müsse auch etwas dafür tun, dass der Boden fruchtbar bleibe, dass die Gemeinschaft gedeihe. Der Gedanke entstamme aus dem Matriarchat, das vor den männlich dominierten Religionen auf den Inseln herrschte. Ach war das schön. Mal was Positives, etwas, von dem wir lernen können, statt des erwarteten Imperialisten-Bashings. Ich kaufte mir das Buch der Gruppe (30 Euro) und war einigermaßen enttäuscht. Was ich da las, von den klugen Bäuerinnen und Bauern, die klug genug sind, ihre Sachen in Eigenregie und zum Wohle aller zu regeln (wenn man sie denn lässt), kannte ich schon. „Die Bauern von Solentiname“ von Ernesto Cardenal aus Nicaragua. Theologie der Befreiung. Auch die lebten auf einer kleinen Insel. Hab ich mit 20 gelesen.

Worte an der Wand: Über all steht was geschrieben. Mal als Kunst, mal als Meinungsäußerung, mal als Ablaufschema das zeigt, wie sich Ideen entwickeln sollen. Viel Mindmap und Brainstorming. Hat mich dann recht bald nicht mehr interessiert. Unsortierte Gedanken habe ich selber genug und wenn ich lesen will, kauf ich mir ein Buch.

Ruhe: Im Obergeschoss des Staatstheaters war kein Mensch. Nur eine recht übersichtliche Installation mit Materialien wie Sand, Holz und Stahl, die Stoffe halt, aus denen das Haus gebaut wurde. Ich hole mir den Audio-Guide, lege mich auf eine Bank am Fenster und lasse mich von der ruhigen Stimme der isländischen Künstlerin über die Herkunft des Eichenparketts belehren. Habe lange nicht so gut geschlafen. Die Audiofiles kann man sich im Internet anhören.

Humor: Es gab einen Running Gag auf der dokumenta. Überall gab es Werbeschilder für einen Hähnchen-Imbiss. Das hat ein britischer Künstler sich ausgedacht, als satirische Antwort auf den Unterstellung der britischen Presse, dass in den muslimischen Händelbratereien in England heimlich für den Dschihad gearbeitet werde. Und zu einem richtigen Dschihad gehört natürlich auch eine „Befreiungsfront der gebratenen Hähnchen.“ Der aktuelle „Spiegel“ hat den Witz nicht kapiert und hält den Künstler für einen wirklichen Gotteskämpfer. Um den Irrtum zu vermeiden, hätte man als Qualitätsjournalist nur die zwei Seiten im Ausstellungskatalog lesen müssen. Oder den Podcast „Birds of Paradise“ auf YouTube anschauen.

Politische Kunst: Habe ich auf der documenta kaum mehr gefunden. Außer der Botschaft der australischen Ureinwohner in einem Zelt und einem aus der Zeit gefallenen Agitprop-Plakat an der Fassade von C&A. Aber außerhalb der Ausstellung, in der dunklen gotischen Alten Brüderkirche bin ich zufällig auf eine sehr radikale und sehr verwirrende Ausstellung von Jan Kath getroffen. Rug Bombs sind riesige, handgeknüpfte Wandteppiche, die moderne (US-amerikanische) Waffen mit klassischen Teppichmustern zeigen, jeweils vor dem Hintergrund von Flucht, Vertreibung und Zerstörung. Die Bilder haben im Dunkeln eine magische Wirkung. Sie sind wohl das politische Coming Out eines erfolgreichen Designers, der Luxusvillen mit teuren Teppichen ausstattet. Für ein Bomben-Bild wird mehr als 35 000 Euro aufgerufen. So werden diese politischen Anklagen wohl wieder in Luxusvillen landen. Vorher kommen sie aber noch mal in eine Galerie in Berlin.

Treiben lassen: Recht bald merkte ich, dass es mich bei dem klaren Herbstwetter mehr reizte, die sehr grüne Stadt zu erkunden, als ziellos in einer künstlich in eine Wellblechhütte verwandelten Ausstellungshalle herumzuirren, in der man auch noch eine lärmende Halfpipe für Skater aufgebaut hatte. Es gab auch eine Ausstellung an der Fulda, im Bootsverleih „Ahoi“. Die Kunst dort bestand aus einem Gang, in dem man sich immer tiefer bücken musste um an einen Bildschirm zu kommen, um dort irgendwas über die Schleimspur japanischer Schnecken zu erfahren, die jetzt in Korea leben. Ich schnappte mir das letzte verbliebene Kajak und ließ mich eine Weile auf der Fulda treiben. Abends lief ich zurück zum Hotel, denn die Straßenbahnen fuhren nur noch alle halbe Stunde, als ich an einem großen Irish-Pub vorbei kam, aus dem wehmütige Folk-Songs von der geliebten grünen Insel klangen. Ich wagte einen Schritt hinein, prallte vor einer Wand von menschlichen Stimmen und Bierdunst zurück, aber war sofort erfüllt von einer Sehnsucht nach einem Rausch, blödem Geschwätz und sinnlosen Diskussionen über Kunst und den Rest der Welt. Gehörte das früher nicht mal zusammen: Kunst und Leben?

Kein Kunst-Mekka mehr?

Ach, es ist ja alles ganz anders. Anders als die Medienschelte vermuten lässt, anders als bei der letzten documenta und man selber ist ja auch nicht mehr der Gleiche wie vor fünf Jahren. Gemekkat wurde bei der documenta ja immer. Und ein paar Tage vor Schluss ist auch ein bisschen die Luft raus. Mein erster Eindruck ist eine Mischung aus „Tag der offenen Ateliers“, evangelischem Kirchentag und großer Verunsicherung. Wenig Spaß und Leichtigkeit. Aber froh bin ich doch, dass ich hingefahren bin, bevor die KünstlerInnen und AktivistInnen aus aller Welt wieder abreisen. Auf den Punkt bringen lässt sich für mich das Gesehene aber noch nicht. Erst einmal eine Nacht drüber schlafen und morgen noch mal hingehen. Aber das Schönste an dem Kunstfest ist ja sowieso das Drumherum, die Stadt, die BesucherInnen. Davon erstmal die idyllischen Bilder. Schön, dass ich das mit euch teilen kann. War ein langer Tag.
Morgen mehr.

Sehnsucht

Überseehafen Rostock

Jeden Tag die gleichen Wege. Morgens auf‘s Rad, rein nach Berlin-Mitte, am Hohenzollernkanal entlang zum Nordhafen, an der Charité vorbei. Blick zur Fahne auf dem Reichstag rechts und später zum Brandenburger Tor. Am Feierabend über die Chausseestraße zurück. Asia-Restaurants und Yoga-Studios, dann an der BND-Zentrale vorbei und an der ewigen Baustelle auf der Müllerstraße. Döner-Buden und ein Einkaufen in türkischen Gemüseläden. Hinter Lidl links rein, noch mal in den Bio-Laden reingeschaut. Feierabend!
Das kann doch nicht alles gewesen sein…(…das bisschen Urlaub, der Führerschein, sang Wolf Biermann in den 60ern). Ja, ich war erst letzte Woche weg, im Rheinland, bei der Schwester, mit dem Zug, mit den Kindern. Auch schön. Aber das meine ich nicht. Es gibt doch noch eine andere Welt da draußen, und ich will sie mal wieder sehen. Ich hab Sehsucht, Sehnsucht, Seesucht. Ich will auf‘s Schiff. Nur mal ganz kurz, um mal wieder raus zu kommen. Mal wieder einen weiten Himmel sehen. Nach Norden. Mit dem Finger auf der Landkarte reise ich nach Dänemark. Da habe ich Freunde, die ich vor 15 Jahren das letzte Mal besucht habe. Damals wohnten sie noch in Jütland. Jetzt in der Nähe von Kopenhagen. Da gibt es eine Fähre. Von Rostock nach Trelleborg in Schweden. Und eine Bahn von Trelleborg nach Helsingborg. Dauert nur eine gute Stunde. Und eine Fähre von Helsingborg nach Helsingör in Dänemark. Zwei Mal Schiff fahren! Wie für mich gemacht. Die Kolleginnen haben nichts gegen einen Spontanurlaub. Die Kinder sind über Pfingsten bei ihrer Mutter. Die Freunde in Dänemark freuen sich auf den Besuch. „Du willst ein Abenteuer haben.“, vermutet Hanne in ihrem drolligen Deutsch am Telefon, als sie meine Reiseroute erfährt. Ja, will ich. Bahn und Fähre bis Trelleborg werden gebucht, für den Rest vertraue ich auf den gut organisierten Verkehr in Skandinavien. Den alten Rucksack vom Schrank genommen. Die Fähre geht um halb 11 Uhr abends. Ich fahre über Nacht. Los geht‘s.

Der Überseehafen in Rostock ist nichts für Touristen. Die fahren in Warnemünde mit den großen Kreuzfahrtschiffen ab. Hier gibt es nur LKW mit Containern und osteuropäischen Kennzeichen – und Wohnmobile. Hier fühle ich mich wohl. Die Kneipe auf dem Terminal ist für die Lastwagenfahrer eingerichtet. Es gibt Gebratenes und eine Frau mit zerfurchtem Gesicht macht mir ein Fischbrötchen. Matjes oder Bismarck? Die Vielfalt des Nordens. Die handvoll Reisenden, die ohne Auto unterwegs sind sammeln sich in einem zugigen Unterstand. Ein paar junge Frauen mit Rucksack, eine Pfadfindergruppe mit Gitarre – so wie wir damals, 1978 als wir uns über Helsingör nach Schweden aufmachten mit den katholischen Pfadfindern. Ich war 16 und hatte noch nie das norddeutsche Flachland gesehen. Als hinter Bielefeld die Berge aufhörten, bekam ich Angst.
Über steile Stiegen geht es auf die MS Mecklenburg Vorpommern. „Nicht barrierefrei“, hake ich in meinem Kopf ab. Der letze Gedanke an meine Arbeit für die nächsten Tage. Der dröge Name des Stahlkolosses lässt erst gar keine Hoffnungen auf ein Traumschiff aufkommen. Ein breiter Mann mit sächsischem Akzent weist mir meine Schlafkoje zu. Sie liegt oben in einer Reihe von Schlafwaben, die aussehen wie diese unglaublichen Bilder von japanischen Automatenhotels, von denen ich nie glaubte, dass es sie wirklich gibt. Der Waschraum verdirbt mir die Lust am Zähneputzen. Im Restaurant erwarte ich die üblichen lustigen betrunkenen Skandinavier auf dem Heimweg von einer Sauftour durch Europa. Statt dessen sitzen erschöpft blickende Trucker hinter einer Büchse Cola und tuscheln in slavischen Sprachen miteinander. Leise beginnen die Schiffsmotoren zu vibrieren. Der Abendhimmel über dem Hafen ist so tiefblau und sternenlos wie ich ihn mir erträumt habe. Ich fühle mich wie Jack Kerouac als “Lonsome Traveler“. Das wars wert.

Am nächsten Morgen um sechs lichtet sich der Morgennebel. Wir laufen in Trelleborg ein, und es ist klar, dass das Abenteuer schon vorbei ist. Alles ist wie erwartet. Alles funktioniert. Ich bekomme in dem fremden Land keine andere Münzen in die Hand, muss kein Wort wechseln und niemand will meine Papiere oder meine Corona-App sehen. Alles geht mit Kreditkarte und reibungslos. Zwei Stunden später bin ich über den Öresund in Dänemark. Und noch drei Stunden später sitze ich bei der Schwiegermutter von Hanne an einem festlich gedeckten Tisch, auf dem neben vielen Bierdosen und süß eingelegtem Hering ein kleiner Dannebrog, die dänische Fahne, steht. Wie immer, wenn es in Dänemark etwas zu feiern gibt. Und ich bin zum richtigen Tag erschienen: Es ist Pfingsten, Vatertag und Verfassungstag. Die alte Dame entscheidet, dass ein Öko-Bier der Marke “Bavaria“ das beste für mich sei und geht danach zum Aquavit über. Linien-Aquavit. Der beste, den es gibt. Er muss in einem Eichenfass zwei Mal den Äquator überquert haben, bevor er abgefüllt werden darf. Ich trinke auf Ex und muss als einziger husten. Die Hausherrin meint höflich, das sei ein Zeichen, dass ich bei meiner nächsten Reise den Aquavit über den Äquator begleiten sollte, um mich an ihn zu gewöhnen. Die Frau spricht mir aus dem Herzen.

Vatertag

Rheinsöhne

Es ist nicht mehr so einfach, meinen Jungs was vorzumachen. Statt magischen Wesen vertrauen sie lieber Ninjas oder Pokemons, die es ja ganz real in Papas Handy gibt und mit denen man Abenteuer erleben und kämpfen kann. Es ist ja auch nicht so einfach, noch an so was wie den Weihnachtsmann zu glauben, wenn der sich, wie letztes Jahr, so dermaßen blamiert hat. Alle drei hofften auf eine aktuelle Spiel-Konsole. Und was brachte der Weihnachtstrottel: Eine gebrauchte Wii von Nintendo, 10 Jahre alt, die er bei “rebuy“ besorgt hatte. Weil der Weihnachtsmann ja auf Nachhaltigkeit achtet. Und auf’s Geld. Das wäre ja noch nicht so schlimm gewesen, wenn das Ding wenigstens funktioniert hätte. Aber selbst die Schwiegermutter, immerhin gelernte Elektroingenieurin, kriegte das altersschwache Gerät nicht zum Laufen. Dem Weihnachtsmann blieb nichts anderes übrig, als zu reklamieren und noch mal zu reklamieren: Man kennt das ja. Irgendwann gab es dann wenigstens das Geld zurück. Die Kinder fragten ab und zu noch mal, aber zum Glück ist das Langzeitgedächtnis in dem Alter noch nicht so lang und die Sache war bald vergessen. Aber wenigstens dem Kleinen sollte der Glaube an den Weihnachtsmann nicht so früh verloren gehen. Also dachten meine Schwester und ich uns eine verwegene Story aus: Meine Schwester arbeitet bei der Post. Und der Weihnachtsmann habe das Geschenk, das nicht funktioniert hat, bei der Post zurückgegeben und eine neues Geschenk liege deshalb bei meiner Schwester bereit, wenn wir sie am Vatertag besuchen kommen. Zugegeben: Die Story ist hanebüchen und wurde von den zwei 10jährigen sofort mit spöttischen Kommentaren auseinander genommen. Aber als ich durchblicken ließ, dass der Weihnachtsmann nicht noch einmal enttäuschte Kindergesichter sehen wollte und deshalb das neueste Modell, eine “Switch“, besorgt hätte, machte sich auf der Zugfahrt ins Rheinland sogar so etwas wie gespannte Vorfreude breit.

Die Überraschung gelang: Kaum bei meiner Schwester angekommen, versteckte ich das Paket im dunklen Keller und ließ die Jungs suchen. Wie die Trüffelschweine rasten sie durchs Haus und kamen mit dem aufgerissenen Paket ins Wohnzimmer, herzten und lobten ihren Vater und die Tante. Und als ich wieder davon anfing, dass das ja der Weihnachtsmann… sagten sie nur: Ja, ja, natürlich. Aber weil sie dankbar waren und mir und ihrem kleine Bruder einen Gefallen tun wollten, spielten sie mit, dankten dem Weihnachtsmann und sagten meine Geschichte noch mal auf.

So richtig war damit aber noch nichts gewonnen. Wir mussten erst an einen Ort gehen, an dem man von allen guten Geistern verlassen ist, um den Glauben an das Übernatürliche wieder zu finden. Also fuhren wir mit der Deutschen Bahn an einem Sonntag nach einem langen Wochenende zurück nach Berlin. Wir gerieten in den trödeligsten Trödelzug, wie es mein Jüngster später nennen würde. Ungezählte Baustellen und eine defekte Tür ließen die 20 Minuten Umsteigezeit in Köln dahinschmelzen. Und ich musste mit den drei Jungs und zwei Koffern auch noch von Gleis 1 nach Gleis 5. Als wir ankamen war unser ICE offiziell schon abgefahren. Aber wenn man sich bei der Bahn auf etwas verlassen kann, dann ist es die Verspätung. Wir hasteten aus dem Regionalzug, sahen unseren Zug noch auf seinem Gleis stehen, schlängelten durch die Menschenmassen, die unschlüssig herumstanden, schubsten Alte und Gebrechliche aus dem Weg und frästen uns unseren Weg zu Gleis 5. Dort stand er noch, der riesige, weiße ICE nach Berlin Ostbahnhof. Unser Zug. Aber der Bahnsteig war leer und die Türen waren schon zu. Ich drückte auf alle Knöpfe, aber es passierte nichts. Aus den Augenwinkeln sah ich den Zugführer, wie er mit dem Lokführer etwas Wichtiges beredete. Sein Blick traf meinen und er sah meine Jungs und unsere Misere. Ein Kopfnicken zum Lokführer und die Knöpfe an den Türen leuchteten wieder. Ein Kopfnicken zu mir, und ich wusste, dass wir gerettet waren. Allmächtiger! Mein Finger berührte den grün leuchtenden Knopf, und die Tür öffnete sich für uns. “Papa Glückshand hat die Tür auf magische Weise geöffnet.“, tippte mein Mittlerer in eine Nachricht an meine Schwester. Na bitte. Wenn schon nicht an den Weihnachtsmann, dann glauben sie jetzt wenigstes an die magischen Kräfte des Vaters. Soll mir recht sein.

Und ABBA glaubt sogar an Engel.

Holz

Mein ältester Sohn steht in der Ferienwohnung und bewegt sich nicht. „Los!“, sage ich, „Du musst noch den Tisch abräumen.“ Aber er bleibt wie festgewurzelt stehen und stiert die Wand an. Oder besser gesagt: Das Holz. Denn in unserer bayerischen Kammer unter dem Dach Juchee ist alles aus dicken Balken gezimmert. Unser Vermieter ist Zimmermann. Und er hat seine ganze Handwerkskunst in sein Haus gesteckt. Für uns Erwachsene bedeutet das, dass wir uns jeden Tag mindestens einmal den Kopf an dem massiven Gebälk anrennen. Die Kinder führen eine Strichliste. Ich liege vorne. Mir wäre lieber, sie würden ihre Aufgaben erledigen. „Hey!“, wiederhole ich ungeduldig, „Der ganze Kram steht noch auf dem Tisch.“ Doch mein Sohn tut so, als höre er mich nicht. Konzentriert schaut er aufs Holz. Das kenn ich schon. Wenn er etwas tun soll, ist auf einmal alles wichtiger und interessanter als das, was ich von ihm will. Dann werden Werbeschilder gelesen oder Waschzettel an Unterhosen. „Mach jetzt hin!“, werde ich lauter. Wir sind zwar schon ein paar Tage hier und Schnee gab es auch reichlich. Die lange Rodelbahn sind wir auch schon fröhlich heruntergerast, aber so richtig entspannt bin ich anscheinend noch nicht. Und einen Erziehungsauftrag habe ich bei einem Zehnjährigen natürlich auch noch. „Also, was ist jetzt? Abräumen, sonst kein Bugs Bunny heute Abend.“ „Achtunachtzig“, antwortet mein Sohn unbeeindruckt. „Achtundachtzig Ringe. Der Baum hat den Krieg noch erlebt.“

Hier noch ein Lied von Gerhard Gundermann über die Jahresringe bei Menschen. Ich mag es sehr.

Die Rote

Nein, heute gibt es nichts Neues im Blog. Ist zu spät und ich habe zu viele böse Briefe geschrieben. An Leute, die noch weniger vom Fach verstehen als ich. Und das will was heißen. Außerdem war es ein grauer Tag. Ein grauer Wintertag mit Nieselregen und eiskalten Windböen wie es sie nur in Berlin gibt: Aus allen Richtungen. Das wär ja nicht so schlimm gewesen, wenn es nicht schon seit einer Woche so grau wäre, und wenn ich nicht zum Zahnarzt gemusst hätte. Und das wär nicht so schlimm gewesen, wenn wenigsten die U-Bahn gefahren wäre. Ist sie aber nicht. Die Strecke sollte schon vor einer Woche wieder klappen, aber heute seh ich wieder die gleichen müden Massen an der Ersatzbushaltestelle. (Frust kommt auf, denn der Bus kommt nicht..) Also wieder kehrt gemacht, das Fahrrad rausgeholt. Wenn man erst mal drauf sitzt, ist es ja nicht mehr so schlimm mit dem Wind und dem Regen und der Kälte. Sind ja nur 10 Kilometer quer durch die Stadt. Was nicht so schlimm gewesen wäre, wenn wenigstens alle wirklich wegen Corona zu Hause geblieben wären. Sind sie aber nicht. Alle sitzen im Auto, weil ja die U-Bahn nicht fährt und man sich im Ersatzbus den Tod holt. Inzidenz 3000 in Berlin-Mitte. Was auch nicht so schlimm gewesen wäre, wenn nicht noch die wummernden LKWs und die Martinshörner von hinten gekommen wären, was mich auch nicht gejuckt hätte, wenn es an der Müllerstraße wenigstens einen Radweg gäbe und nicht die vielen Ersatzbusse einen eingedieselt hätten. Doch auch da wäre ich schnell durch gekommen, wenn der Hinterreifen nicht die Luft verloren hätte. Also mit voller Kraft treten um mit halber Geschwindigkeit zu fahren. Aber pünktlich angekommen. Und natürlich war die Zahnärztin krank und an ihrer Stelle ein weißhaariger Vertreter im Dienst. Ich weiß nicht, aus welchem Ruhestand die Ärztekammer ihn geholt hat, aber als er mich, als ich mit Helm, nasser Jacke und beschlagener Brille ins Behandlungszimmer komme, fragt, ob ich mit dem Fahrrad da wäre, wusste ich: Das wird nix mit uns. Wir haben es tapfer hinter uns gebracht, und ich glaube, er war darüber mehr erfreut als ich. Eine Stunde später kam der Anruf, dass der Abguss nichts geworden ist, und ich morgen noch mal kommen muss. Aber das wusste ich ja noch nicht, als ich vor der Praxis stand und sah, dass das Rad natürlich endgültig platt war. Was mir aber egal war, weil vor mir jetzt der schönere Teil des Tages lag: Bergab zur Markthalle, wo ich mir immer nach dem Zahnarzt einen guten Kaffee und was Süßes gönne. („I gonna have a candy bar!“ Kennt das noch jemand aus “Little Shop of Horrors“?)
So, ich hoffe, dass ich das was jetzt kam noch einigermaßen zusammenbekomme, denn ist ja wirklich schon spät, und es war ein anstrengender Tag. Ich hoffe, das ist bis jetzt so rübergekommen. Ja, um es kurz zu machen: Dann war da diese Frau, diese Italienerin, diese Naturgewalt, diese Mama Roma. In der Marheinekehalle gibt es einen neuen Stand, irgendwas mit cuccina italiana. Da gibt es eben nicht nur allerfeinsten Cappucino, sondern auch sie! (Ich habe mich noch nicht mal getraut nach ihrem Namen zu fragen) Wie aus dem Film entsprungen, den ich gestern Abend gesehen habe. „Verliebt in scharfe Kurven“ aus dem Italien der frühen 60er mit dem jungen Jean Louis Tirtingnang (oder so, ich hab jetzt wirklich keine Zeit mehr zum Googeln), der einen schüchternen Jurastudenten spielt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig. Aber der Film war schwarz-weiß. Und diese Frau war Farbe. Rot vor allem. Rotes, eng anliegendes Kleid, rot gefärbte Haare und rote Fingernägel. „Hier kommst du nur rein, wenn du grün bist.“ war der einzige deutsche Satz, den ich von ihr hörte. Und sie meinte damit meinen Corona-Test. Den Rest der Zeit verhandelte sie mit zwei Landsleuten, die ihr Ware geliefert hatten und scheuchte ihren Gehilfen durch die Gegend. Laut, wie es nur Italienerinnen sein können. Ich war ihr so dankbar. Denn durch sie war ich augenblicklich auf einer italienischen Piazza. Der Lärm, der gute Kaffee, die vielen Hände und Arme, die sie brauchte, um klar zu machen, was sie von den Männern wollte. Ich war im Urlaub, für die Länge eines Kaffees und eines panni caldo (von dem ich mich wunderte, dass sie es in den Ofen schob. Ich war zu lange nicht mehr in Italien, um zu wissen, das caldo nicht kalt sondern heiß heißt.)

Abends rief die Mutter meiner Söhne an und fragte, ob wir Ostern nicht einfach eine Woche verschwinden könnten. Egal wohin. Die Kinder würde sie an ihre Mutter verschicken. Ja, sagte ich, gern. Mailand oder Madrid: Hauptsache Italien. Sie kannte den Witz nicht.

Licence to chill

„Ist das nicht ein bisschen kalt?“, fragt mich eine Passantin im gelben Regenmantel neugierig, als ich mein Motorrad vor der grauen Kirche abstelle. “Nö“, gutelaune ich betont fröhlich zurück, „Die Sonne scheint doch“. Ja, so ein Sonnyboy und gleichzeitig so ein taffer Kerl möcht ich sein. Einer, der auch bei 10 Grad im November keine Mine verzieht, wenn er auf sein weißes Stahlross steigt. Ich verschweige ihr natürlich, dass ich noch vor einer guten Stunde griesgrämig in Berlin aus dem Fenster geschaut habe, das glitschige Laub und den Nieselregen mit nüchternem Blick eingeschätzt und überlegt hatte, ob ich nicht doch die S-Bahn nehme. Schließlich muss ich niemandem mehr was beweisen. Niemandem? Meine Jungs lieben es, wenn ich vorbeigeknattert komme. Und ihre Mutter glaubt ja immer noch, dass wir die alte Kiste noch mal auf den Autozug laden und noch mal damit durch Frankreich gondeln. So wie in der Zeit vor den Kindern. Aber der Autozug ist schon längst aufs Abstellgleis gefahren und die letzten zehn Jahre lassen sich auch nicht so einfach wegwischen. „Außerdem“, sage ich bei solchen Anwandlungen immer ganz vernunftbetont, „möchte ich nicht derjenige sein, der unsere Kinder zu Vollwaisen macht.“ Was natürlich Quatsch ist. Seit ich eine St.Christopherus-Plakette am Lenker habe, ist mir nie wieder was passiert, zumindest nichts Schlimmes. Und meine Jungs singen heute zum ersten Mal im Kirchenchor. Deswegen habe ich mich ja auf den Weg nach Brandenburg gemacht. Bei so viel Schutz und Segen kann ja einfach nichts schiefgehen. Und auch der Regen hatte sich verflüchtigt, als ich in Berlin losgefahren bin. Freie Fahrt und blauer Himmel über der A111. Wenn das kein Zeichen ist.

„Find ich cool“, sagt der Mittlere meiner Söhne, „dass du mit dem Motorrad gekommen bist.“ Na dann hat die Reise ja ihren Zweck erreicht. Der Vater hat gute Laune, und die Jungs haben einen coolen Vater, auf den sie stolz sein können, wenn er schon so selten vorbei kommt. Sein Bruder hat mich schon mal gefragt, ob er das Motorrad kriegt, wenn ich mal tot bin. Pietät kennt man in dem Alter noch nicht. Ich hab versucht, ihm zu erklären, dass es wahrscheinlich kein Benzin mehr geben wird, wenn er so alt sein wird, dass er die alte Vergasermaschine übernehmen könnte. Aber etwas will ich von meiner Leidenschaft natürlich weiter geben, solange ich noch kann. Ich hab sie ja auch von meinem Vater. Vor ein paar Wochen haben wir gemessen, ob die Beine schon lang genug sind, um an die Fußrasten zu kommen. Sind sie. 10 Jahre werden sie im Dezember. Es gibt praktisch kein Hindernis mehr, das uns im Frühjahr davon abhalten könnte, mal eine kleine Tour zu machen. Kein Hindernis? “Nie im Leben“, sagt die Mutter, als wir die Sängerknaben in ihre Zimmer verfrachtet haben. “Am Ende kommen sie auf den Geschmack und wollen mit 16 ein Moped.“ „Jau,“, sag ich, „ich hab mit 14 angefangen.“ „Wenn du sie hier schon aufs Land verschleppt hast, musst du ihnen auch die Möglichkeit geben, von hier abzuhauen.“ Es folgt ein kleiner Schlagabtausch, bei dem ich sämtliche Unfälle der letzten zwei Jahre in Brandenburg aufgezählt bekomme -und das sind immer noch sehr viele – und ich sie daran erinnere, dass es auch nicht ungefährlich ist, mit der Familienkutsche mit 160 übermüdet mit drei Kindern nachts 300 Kilometer zur Großmutter zu brettern, wie die fürsorgliche aber immer gehetzte Mutter es zu tun pflegt.
So wird das nichts. „Deine Mutter hat uns doch neulich das Ausflugsrestaurant genannt, wo man so schön am Wasser sitzen kann. Da würde ich dich mit hin nehmen. Einen zweiten Helm hab ich ja noch.“ “Das sind ja nur 10 Kilometer, kommt es enttäuscht zurück. “Wenn dann richtig“.
Zu ihrem Geburtstag bekommen unsere Jungs von mir Handschuhe, Nierengurt und einen eigenen Helm.

Die Macht der Liebe

Foto: Berlin Trains
BerlinWriters #wholecar #graffiti #berlin #hauptstadt #weilwirdichlieben

Es war in diesen dunklen Tagen, als die Winterstürme durch die Straßen jagten und die Sonne nicht mehr war als eine trübe Illusion hinter den bleigrauen Wolken. Es war die Zeit, als die Menschen ihre Gesichter hinter Masken verbargen und jeden Morgen angstvoll die mit Grabesstimme vorgetragene, steigende Zahl derer erwarteten, die am Tag zuvor von der Seuche dahingerafft worden waren. Es war die Zeit, in der jeder, der noch bei Sinnen war, zu Hause blieb und seinen Nächsten mied wie den Leibhaftigen selbst. Aber es war auch die Zeit, in der Wunder geschehen konnten, wo sich die Herzen öffneten und der Mensch des Menschen Freund wurde. Wo sich in den düsteren Schächten unter den Straßen die Elenden versammelten, die von der schieren Not, der Pflicht oder dem Kampf um das tägliche Brot in die mit krank machendem Brodem verseuchten Wagen der Untergrundbahn gezwungen wurden. Und es war hier, wo die Liebe alle Schranken überwand.

Sie waren zu dritt, so wie immer. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sprangen sie noch in den abfahrenden Wagen. Es waren vierschrötige Kerle und jeder der Reisenden duckte sich noch tiefer in seinen Sitz, versuchte sich hinter seinem Handy unsichtbar zu machen, oder schaute vergeblich ins Nichts, um die Aufmerksamkeit der schwarz gekleideten Schlägertypen von sich abzulenken. In höchster Not hat der Mensch drei Möglichkeiten zu überleben: kämpfen, flüchten oder sich tot stellen. In einer fahrenden U-Bahn ist Flucht keine Option und Kampf gegen einen breitschultrigen, vollbärtigen Kerl mit tätowierten Händen aussichtslos. Also wählte ich meine letzte Möglichkeit. Fest zog ich meinen Jüngsten an mich heran, verkantete sein kleines Fahrrad zwischen meinen Beinen, hielt mich an der Haltestange fest, bis meine Knöchel weiß wurden und hoffte, sie würden uns übersehen. Doch alle Hoffnung schwand wie ein Traum am frühen Morgen, als ihr markerschütterndes „Fahrscheinkontrolle, bitte die Fahrausweise bereit halten!“ erklang. Normalerweise lässt mich diese Ankündigung kalt. Normalerweise bin ich ein gesetzestreuer Bürger, der gewissenhaft darauf achtet, nur mit einer abgestempelten Fahrkarte die Bahn zu betreten. Sogar für meine vielköpfige Kinderschar kaufe ich die vorgeschriebenen ermäßigten Karten, obwohl mir ein junger Kontrolleur einmal zuflüsterte: „Für Kinder brauchen Sie nicht, die kontrollieren wir nicht mehr.“ Dieses erhabene Gefühl der Rechtschaffenheit lässt mich herabblicken auf die Unglückseligen, die mit von Schuldbewusstsein gesenktem Haupt von den Bütteln der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Bahnstiege gezerrt werden, weil sie sich auf unser aller Kosten eine Fahrt erschleichen wollten.

Doch wie war es heute? War nicht das ganze Land im Ausnahmezustand? War ich nicht in höchster Eile aufgebrochen, als es galt, meinen Sohn rechtzeitig zu seiner sich sorgenden Mutter zu bringen? Hatte ich nicht alle Hände voll zu tun gehabt, mir selbst und dem Kind die vorgeschriebene Maske überzuziehen? Wie hätte ich da noch, und das mitgeschleifte Kinderfahrrad nicht zu vergessen, eine Fahrkarte abstempeln können, zumal gerade der Zug einfuhr; der Zug, der allein uns zu der S-Bahn hätte bringen können, in die wir, nach nur drei Stationen, sowieso hätten wechseln müssen? Hatte ich nicht den ehrlichen Vorsatz gehabt, spätestens bei diesem Wechsel auf dem Bahnsteig der S-Bahn die Fahrausweise für mich und meinen Jungen, die ich natürlich ordentlich in meiner Brieftasche bereit gelegt hatte, in den Schlitz der altertümlichen Stempelautomaten einzuführen, nicht ohne meinem Sohn die Gelegenheit zu geben, stolz das eigene Ticket mit lautem Klacken und Piepen abzustempeln und es ihm treu in seine kleinen Hände zu legen, in denen er es mit heiligem Ernst bis zum Ende der Fahrt aufbewahrt hätte (wenn er nicht gerade ein Buch lesen, einen Keks essen oder sich in etwas anderes Wichtiges hätte vertiefen wollen, wobei er dann die Karte irgendwo auf dem Sitz hätte liegen lassen, wenn wir bei der nächsten Station umgestiegen wären.)

All das hätte ich dem mürrischen Höllenengel sagen wollen, als er mit grimmigen Blick vor uns stand. Aber ich schwieg. Noch war ich zu sehr im „das Reh duckt sich im Kornfeld, damit es der herandröhnende Mähdrescher es nicht sieht“-Modus, als dass ich hätte reden können. Und außerdem: Was sollte das Kind von mir denken? Also fand ich mich an der nächsten Station auf dem Bahnsteig wieder und ließ die unbeholfene Suada des erfolgreichen Jägers über mich ergehen, die sich „Aufklärung über die Fahrgastrechte“ nennt. Ich war reuig und sofort bereit ihm die 60 Euro in seine groben Pranken zu blättern, an denen er, ich hätte wetten können, sicher mehr als einen silbernen Totenkopfring tragen würde.
Aber was war das? Er blickte mich und meinen Sohnemann an, drehte seinen Handcomputer in unsere Richtung und murmelte verschwörerisch: „Kieken se hier: Ich trage hier als Grund für das fehlende Ticket „Eile“ ein. Dann könnse die BVG schreiben, dass se mit dem Klenen aufm Weg zum Arzt waren oder sowat. Dann könnse Glück ham, und die lassen se in Ruhe.“ Ecce homo!- was für ein Mensch! Welche Größe. Welch mitfühlendes Herz! Vielleicht hatte er auch einfach Angst, dass ich ihm auf dem Bahnsteig Scherereien mache. Vielleicht war er das von Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs erwischt wurden gewöhnt. Vielleicht dachte er auch, dass ich ihm komisch kommen könnte. Die paar Sätze, die wir miteinander gewechselt hatten, hatten wahrscheinlich gereicht, um zu merken, dass ich in rechtlichen Dingen bewandert bin. Vielleicht war er auch selbst nicht so ganz überzeugt von dem Scheiß-Job, den er da machen muss. Egal. Er hat uns ein Fensterchen der Hoffnung aufgemacht und mich vor meinem Jungen nicht blamiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Und wie ging’s weiter? Es gibt ja nicht nicht nur gute Menschen bei der BVG. Es gibt ja noch den unerbittlichen Apparat, in dessen Fänge ich jetzt geraten war. Wer mehr darüber wissen will, lese das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt. Bisher war mein Kontakt mit dieser Berliner Institution eher unerfreulich. Wer einmal das „Kundenzentrum“ besuchen durfte (weil man doch ein gültiges Ticket hatte, es aber bei der Kontrolle in der Aufregung nicht gefunden hatte) sieht dort die Elenden und Geschlagenen der Stadt und wird mit einer ruppigen Förmlichkeit abgefertigt, die an den „Tränenpalast“ erinnert, den ehemaligen Grenzübergang nach Ost-Berlin an der Friedrichsstraße.
Aber die BVG hat seit ein paar Jahren eine Charmeoffensive gestartet, in der sie allen Ernstes behauptet „BVG – Weil wir dich lieben“. Der schlechten Ironie bewusst, bewirbt sie diesen Slogan mit Bildern junger Menschen, die das Angebot der Verkehrsbetriebe nach durchgemachten Nächten im Zustand der drogeninduzierten Bewusstlosigkeit benutzen. Eine der Wirkungen von Partydrogen soll es ja sein, eine Zuneigung und ein Verbundenheitsgefühl zu Personen und Dingen zu erzeugen, über die man sich im nüchternen Zustand dann wundert. Aber sei‘s drum. Als ich dann von der BVG aufgefordert werde, Stellung zu meinem Fehltritt zu nehmen, packe ich in das Schreiben mein ganzes Herzblut, schildere die ausweglose Situation, gleichzeitig meinem Kind, der Pandemie und der veralteten Stempeltechnik der BVG gerecht zu werden und ende das Schreiben mit dem Satz „Geben Sie mir einen Grund, Sie zu lieben.“

Danach war erstmal Ruhe in der Amtsstube.

Gestern kam ein Schreiben. Betr: Fahrausweisprüfung (es folgt eine fünfzehnstellige Vorgangsnummer): „…unter Berücksichtigung der von Ihnen geschilderten Umstände sind wir bereit, einmalig…. auf die Forderung zu verzichten.“ …im Wiederholungsfall werden wir auf unserer Forderung bestehen bleiben.“
Worte haben also doch Wirkung und die BVG vielleicht doch ein Herz. Ich bin raus: Auf Bewährung. Ich bete an die Macht der Liebe.

Das Haus in der Kurve

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Und hier noch was zum Träumen.“, schreibt mir eine Freundin auf einen gelben Klebezettel. Klebt ihn auf ein Buch, legts in mein Postfach und enteilt ins aufregende Sauerland. Sauerland, wie das klingt, Land der wuchtigen Wälder, der wilden Höhen und der ewigen Weiten. So stelle ich mir das Sauerland vor. Menschen, die dort leben, mögen das etwas nüchterner sehen. Aber Länder, in denen ich noch nie gewesen bin, können meine Phantasie entflammen. Nirgendwo ist es schöner (oder schrecklicher) als da, wo ich noch nie war. Deswegen öffne ich im öden österlichen Lockdown-Berlin das schmale Buch „Lexikon der Phantominseln“ mit großer Vorfreude. Deftige Abenteurgeschichten erwarten mich. Erzählungen von tapferen Seeleuten und furchtlosen Forschern, die sich an die Ränder der bekannten Welt wagten. Und von Kapitänen wird dort berichtet, die in Spelunken Seemansgran spannen, Geschichten von fernen Ländern, voll Gold und Edelsteinen und von Inseln, die es leider nie gab.
Wann, frage ich mich beschämt, hast du zuletzt den Aufbruch in eine unbekannte Welt gewagt? Nicht nur vom Sofa aus, sondern wirklich? Mein Blick fällt auf meine Motorradjacke an der Garderobe. Auf deren Brusttasche hat noch meine Mutter selig in einer anderen Zeit das stolze Abzeichen „Elefantentreffen 2009“ aufgenäht. Von Berlin an den Nürburgring mitten im Winter mit einem russischen Beiwagen-Motorrad. Es gab Schnee und es gab Eis, aber es gab kein Halten. „Du willst doch fahren,“ seufzte meine Freundin, „dann fahr auch.“ Es war ein Wunder, dass ich die Strecke mit der alten Mähre geschafft habe. Und wunderbar war es, sich nach zwei Tagen vor der Überquerung des heimatlichen Rheins bei meinem Vater melden zu können: „Ich stehe jetzt bei Linz an der Fähre.“ Und ein Happening war es, sich am andereren Tag mit tausend anderen Verrückten mitten in der Eifel im Schnee zu wälzen. Tempi passati. Gestern versuchten mein Freund Michael und ich die Motrradsaison einzuläuten. Nach einer Stunde gab ich auf. Im grauen, menschenleeren, schneidend kalten Brandenburg wollte keine Abenteurerlust mehr aufkommen.
„Wenn Träume sterben, dann wirst du alt.“, sangen die Phudys zu einer Zeit, als es für mich ein Wagnis war, mit dem Moped zur nächsten Dorfdisko zu fahren. Ist wirklich nichts mehr übriggeblieben von dem Drang in die weite Welt, von der Suche nach dem Paradies?

Der Gedanke lässt mir keine Ruhe. Am nächsten Morgen sattle ich die Packtaschen auf mein Fahrrad und mache mich einsam auf nach Westen. Weit über die Grenzen des Wedding hinaus fahre ich ins Niemandsland jenseits von Moabit. Dort, so weiß ich, gibt es eine Insel, die immer schon meine Sehnsucht auf sich gezogen hat. Kein Weg fürt zu dieser Insel, die ich immer nur für Sekunden sehen konnte, wenn ich von der kurvigen Autobahnbrücke auf sie herabgeschaut habe. Und die Karten, die es von dieser Gegend gibt, sind so widersprüchlich und ungenau, als wären sie von trunkenen Seemännern gezeichet. Einig sind sie sich nur darin, dass es gegenüber der Insel eine Hundewiese gibt. Das ist eine wichtige Information für Berliner. Hic sunt dragones, hätte man früher auf diesen weißen Fleck auf der Karte geschrieben. Ich erforsche eine terra incognita. Als Kompass kann mir also nur meine Sehnsucht dienen. Die Sehnsucht nach einem Ort von Kanälen durchzogen, mit grünen Gärten, kleinen Hütten und blühenden Bäumen. Ein Ort perfekter Harmonie, dessen Natürlichkeit durch das alleinstehende, übriggebliebene Gründerzeithaus mit großen Fenstern und hellem Klinker nur noch unterstrichen wird. Ein Garten Eden, mitten in Berlin.
Zum Glück bin ich allein unterwegs und habe ich keine Mannschaft, die meutern kann. Denn es wird eine Irrfahrt, die eines Odysseus würdig wäre. Von Brücken, die auf der Karte eingezeichnet sind, stehen seit dem Krieg nur noch die Pfeiler, unvermutet enden Wege vor offenen Schlünden, die einen zu verschlingen drohen. Und als ich mich durch den engen, gewundenen Tunnel wage, warten am anderen Ende Berliner Sirenen in einer Kleingartenkneipe, die mich trunken machen wollen. „Will er einen Glühwein oder will er ein Bier?“, werde ich in der Sprache des Soldatenkönigs angeherrscht. Anscheinend habe ich auf meiner Suche einen Zeittunnel durchschritten, der mich 300 Jahre zurückgeworfen hat. Aber Maketenderinnen im „Tunneleck“ sind heute gnädig und weisen mir den Weg: „Na, da sinse hier abba falsch. Da müssn se zu Siemens rüber. Un von da jibs ne Brücke.“
Ja, und da stehe ich nu, mitten im Paradies. Engültig hat sich die Frage erledigt, ob das Paradies ein Garten oder eine Insel ist. Es ist beides. In trauter Einigkeit leben hier der Wolf und das Schaf. Kleingärtner und die Wasserschutzpolizei. Und das große Haus beherbergt Künstlerateliers. Und weil hier täglich Schöpung stattfindet, sind Adam und Eva sind auch schon da.