Call a Papa

Man braucht nicht in Berlin bei den „Gorillas“ zu arbeiten, um sich zum Affen zu machen. Es reicht eine kranke Prinzessin am Samstagmorgen, die um die Ecke wohnt. Immer, wenn mein Handy drei Mal klingelt, weiß ich: Neue Nachrichten von meiner Tochter. Diese nachhaltige Jugend schafft es einfach nicht, einen Gedanken in eine Nachricht zu packen. „Ich hab ne fette Erkältung“ „Hast du“ „Sinupret forte“ Pause: „Danke“. Ich bin ja froh, dass meine Tochter überhaupt noch per SMS mit mir in Kontakt bleibt. Und das Kind ist in Not. Also stürze ich in die nächste Apotheke und dann zu ihr. Sie wohnt ja um die Ecke, schon seit einem halben Jahr. Was nicht heißt, dass wir uns oft sehen.
Sieht wirklich krank aus, das Kind. Und die Wohnung, und die Blumen. „Ich war nicht viel zu Haus“, entschuldigt sie sich. Ich weiß schon, neuer Job, Wahlkampf von Tür zu Tür… „Da hast du dir das bestimmt geholt“, vermute ich mit Anerkennung. „Oder von den Jungs, letztes Wochenende“, schnieft sie. Sie meint meine Jungs, die kleinen, auf die sie, großes Lob!, zum ersten Mal seit sie geboren sind mal einen Samstagabend aufgepasst hat. Natürlich hatten die Jungs eine Rotznase, aber wann haben sie das nicht? „Kann nicht sein.“, verteidige ich meine Brut, „Dann hätt ich’s ja auch.“ Und natürlich hatte ich es auch, aber das braucht ja hier keiner zu wissen und außerdem hab ich mich nicht so angestellt deswegen. Hatte ja auch kein Publikum. Die Tochter liegt mittlerweile auf dem Divan hingestreckt, große Pose, ganz sterbender Schwan. War die Tanzschule bis 18 doch nicht ganz umsonst. Umsonst war sie sowieso nicht. „Du gehst jetzt besser, sonst fängst du dir auch noch was.“, stöhnt sie mit letzter Kraft. Ihre Fürsorge rührt mich. Und seit Corona ist sie nebenberuflich Infektologin. Keine Widerworte möglich. „Corona-Taliban“ nennt das ihre Mutter. Ja und schließlich hab ich ja auch was zu besorgen. Auch ich habe die erste Woche beim neuen Job hinter mir, auch ich brauche was zum Leben. Nach meiner Runde durch den Kiez sitz ich mit gefüllten Taschen vor dem Bio-Laden und lese die Taz. Alle 14 Tage gönn ich mir das. Sonst wüsste ich ja nicht, dass die Chinesen uns Europäer in Afrika als die alten Kolonialisten anschwärzen, um selber kräftig auszubeuten. Wer Zeitung liest, erfährt was von der Welt. Und die bezaubernde Studentin, die am Wochenende aushilft (ja, ich bin schon so alt, dass ich junge Frauen „bezaubernd“ finde) kocht mir auch noch einen Kaffee dazu. Aber zwei mal klingelt das Telefon. „Kannst du noch Taschentücher mitbringen“ „und Klopapier“. Natürlich, Herzenskind, ich bin schon unterwegs. Und weil ich mich nicht noch mal in die EDEKA-Hölle am Samstagvormittag stürzen will, geh ich in den Späti gegenüber und zahl das Doppelte. Alles für meine Tochter. Vor der Haustür stoße ich fast mit einem Kerl in rosa Dienstkluft zusammen. Einer von denen, die so eckige Nylontaschen auf dem Rücken tragen. Ich klingele, mir wird aufgetan und ich haste die Treppen hoch. Durch den Türspalt darf ich die Sachen reichen und bekomme ein verschnupftes Danke dafür. Wieder draußen ist der Lieferdienst immer noch da. Mit leichtem Akzent nennt er fragend meinen Namen. Ich sage ja, und er drückt mir zwei Papiertüten mit Lebensmitteln in die Arme und ist weg. Haltmal, denke ich, wie immer zu langsam. Bin ich hier der Ausputzer? Bin ich nur noch gut für die Sachen, die meine Tochter nicht mehr vom Lieferdienst gebracht bekommt, oder die sie in ihrem Tran vergessen hat, zu bestellen. Sehr sehr mürrisch steige ich ein drittes Mal die Treppen hoch. „Ach, hatt ich ganz vergessen,“ säuselt meine Tochter, als hätt ich sie bei einem verbotenen Rendezvous erwischt (obwohl ich ihr ja nichts verbieten kann und obwohl das jetzt Date heißt) „Aber danke“.

Und wenn sich jetzt eine wundert, warum ich zu der ganzen Geschichte Fotos vom alten Flughafen Tegel zeige, dann ist das, weil ich eine Stunde nach dem ganzen Drama mit einem Freund zu einem Konzert mitten in der Ruine gefahren bin. Eine Frau, die sich Suzuki nennt und ein Herr namens Scanner haben den morschen Beton noch mal so richtig beben lassen. Mein erstes Konzert seit Corona. Pathetische Klavierakkorde klangen durch die verlassenen Gänge. Blixa Bargeld ließ alle Alarmsirenen auf einmal heulen. Ick lass mer doch von soner Rotzjöre nich dit Wochenende vermiesen.

P.S: Heute hab ich noch mal ne Nachricht geschickt, wie‘s ihr geht. Und was kam zurück? „Bin noch nicht ganz“ „Gesund“

Heimat reloadet

Es war die Idee meiner Schwester: Meine Jungs mal mitzunehmen an das Flüsschen, an dem wir beide als Kinder ganze Sommer gespielt haben. Es war ziemlich genau vor einem Jahr, im heißen Sommer 2020 und wir hatten einen prima Tag im wadenhohen Wasser. Steine flitschen, Dämme bauen, Fische jagen, alles das was wir als Kinder auch gemacht haben, nur besser. Denn der Fluß war renaturiert worden. Die tückische Staustufe, von der zu springen eine Mutprobe war, die mindestens einen Jungen aus unserem Dorf das Leben kostete, war abgerissen worden. Der Fluß war nicht mehr so gefährlich wie früher – dachten wir.
Diesen Sommer erreicht mich meine Schwester in einer der trockensten Gegenden Deutschlands, in der Uckermark. Und da, wo ich bin, gibt es auch kein Internet. Um so unglaublicher klingt, was sie mir, sonst ganz rheinische Frohnatur, mit gepressten Sätzen berichtet: „Das Ahrtal, so wie du es kennst, gibt es nicht mehr. Die Brücken sind weggeschwemmt, von den Fachwerkhäusern stehen nur noch die Gerippe.“ Das Gasthaus, in dem sie uns diesen Sommer zu einem Familienfest einladen wollte, ist nur noch ein Haufen Balken. Mehr als hundert Menschen sind tot, mehr noch vermisst.
Auch meine Tochter ruft an. Mit ihr war ich, als sie klein war, immer zu Karneval zu meinen Eltern gefahren, die inzwischen ein paar Kilometer entfernt am Rhein ins Haus meiner Großeltern eingezogen waren. Und weil in diesem Städtchen nur alle zwei Jahre ein Karnevalszug organisiert wird, waren wir oft in Heimersheim an der Ahr, wo Freunde meiner Schwester wohnen und der Karneval noch sehr urig ist. Damals hat sie es sehr bedauert, als Berlinerin kein Funkenmariechen werden zu können. Zum Trost schenkte meine Schwester ihr ein abgelegtes Funkenmariechenkostüm rot-weiß. Die Gegend ist ihr eine zweite Heimat geworden. Jetzt liegt da meterdick der braune Schlick. Aber zum Glück sind alle, die wir kennen unversehrt.

Niemals hätte ich geglaubt, dass sich in diesem Tal einmal etwas verändert. Fachwerkhäuser, Weinberge und Burgen aus dem Mittelalter. Das war im wahrsten Sinn des Wortes festzementiert. Von diesem Bild lebten die Menschen dort. Das merkte ich schon, als mich meinem Onkel als kleiner Junge in das obere Ahrtal hinter Ahrweiler mitnahm. Er war Vertreter für die Marke „Georgs Kaffee“ und in seinem milchkaffee- und dunkelbraunen Opel Rekord, in dem es unvergleichlich nach Zigaretten, Rasierwasser und frischem Bohnenkaffee roch, fuhren wir zu den Gaststätten und Hotels, die das Ziel von den Kaffeefahrten und Rentnerbussen waren. Seit den 50ern suchte man hier die heile Fachwerkwelt, die fröhlichen Winzer und die pittoresken Felsnadeln, die meine Generation dann an der Ardeche oder auf griechischen Inseln suchte. Und Touristen wollen ihr Reiseziel immer genau so vorfinden, wie sie es sich vorgestellt haben. Als ich vor ein paar Jahren noch einmal die Strecke abfuhr, war ich erschrocken, dass ich hier wirklich noch jeden Souvenirladen und jedes Café zu kennen glaubte.
In einer heilen Welt passieren keine Naturkatastrophen. Die passieren in Indien oder in China. Zumindest die Katatstrophen, bei denen Menschen sterben. In Deutschland gab es ja die letzten Jahre schon öfter in Bayern oder Sachsen Bergtäler oder Flußauen, die weggeschwemmt wurden. Aber da mussten die Leute dann für eine Zeit in einer Turnhalle schlafen, die Straßen aufräumen und die gespendeten Kuscheltiere wegwerfen. Dann war alles wieder gut. Vielleicht hat deshalb keiner die Warnungen ernst genommen. Vielleicht war man aber auch einfach zu satt und zu selbstgefällig. Achtung, jetzt wird es moralisch. Damit meine ich nicht nur das bräsige rheinische Grundgesetz „et hät noch immer allet joot jejange“ (Es ist noch immer alles gut gegangen).
Nach dem Spielen mit meinen Kindern in den Auen der Ahr bin ich noch einmal in das Zentrum meines Heimatdörfchens gefahren. Das Autokennzeichen AW für den Kreis Ahrweiler wurde in meiner Kindheit mit „Arme Winzer“ übersetzt. Jetzt ist der Anschluss zur A 61 nicht weit. Jetzt leben dort Mittelstandsfamilien in Neubauhäusern, vor denen neue Mittelklasse-SUV standen als gäbe es kein Morgen. Die gleichen SUV die jetzt von den Wassermassen zerquetscht irgendwo zwischen ausgerissenen Bäumen liegen und als Sinnbild des Schreckens gelten. „Sintflut“ titelte dann auch folgerichtig die lokale Zeitung. Und in diesem seit 2000 Jahren katholischen Kernland, weiß jeder, was damit gemeint ist. Ich mag diese Moral nicht, die mir in der Dorfkirche mit Backpfeifen eingetrichtert wurde (die inzwischen auch durch einen viel größeren Neubau aus Beton ersetzt wurde). Ich mag sie vor allem deshalb nicht, weil die angeblich göttliche Strafe immer die Falschen trifft. In diesem Falle zum Beispiel die Bewohner eines Heimes für Menschen mit Behinderung, die in der Flutnacht im Erdgeschoss ertrunken sind.
Was ich auch nicht mag, sind die „Sandsackdeutschen“, wie sie Wiglaf Droste mal zu Zeiten der Oderflut nannte. Die nicht trauern können, die zur Schippe greifen, den tollen Zusammenhalt in der Not bejubeln und alles wieder genau so aufbauen, wie es vorher war. Ich bin sicher, dass ich in fünf Jahren jenseits von Ahrweiler wieder jeden Souvenirkiosk wiedererkennen werde. Aber meine Heimat ist hier schon lange nicht mehr.

Weiches Wunder

Was wäre, wenn es diese wunderbaren Weichtiere nicht gäbe? Wahrscheinlich hätte ich meine Söhne schon zu ihrer Mutter zurück geschickt. Eine Woche mit drei mächtig überdrehten Jungs bei Schmuddelwetter in einer 60 qm Wohnung? Alle Computerspiel- und sonstige Limits ausgereizt, alle Lustigen Taschenbücher zehn Mal gelesen, das Technik-Museum ein Reinfall. Was bleibt, bevor das Jugendamt oder die genervte Nachbarin von unten an die Tür klopft: Raus, raus, raus! Raus mit allen Dreien! Trotz Regen, trotz massiver Gegenwehr, gegen die Randale bei der Räumung eines besetzten Hauses einem Kindergeburtstag gleicht, trotz drohender Psychologenkosten. Das Schreien der verdammten Seelen am tiefsten Höllengrund kann nicht verzweifelter gellen als das Geplärr der von ihren Pokemons getrennten im hallenden Treppenhaus.

Die Tür zum Hinterhof öffnet sich und die Kinder befinden sich in einem andern Universum. Sie nehmen Witterung auf, Urinstinkte werden geweckt. Moder, feuchte Erde, fremde Lebewesen. Ein Freudenschrei! „Ich hab eine Schnecke und die kommt raus!“ Als die gierigen Hände der Jäger und Sammler die Beute nicht mehr fassen können, wird der nasse Gartentisch der Nachbarn in einen Schnecken-Zoo verwandelt. Dutzende der glitschigen Moluslkeln werden der genauesten Untersuchung unterzogen. Wettrennen der äußerst behänden Schleimfüßler bringen die Wettleidenschaft zum Glühen. Ich bin abgemeldet. Mit zitternden Händen rühre ich mir in der Küche einen Kaffee an, den dritten für heute, versuche meine klingelnden Ohren wieder an die Stille zu gewöhnen und den ersten klaren Gedanken für heute zu fassen: Ich lebe noch, und ich habe die Chance, den Rest der Woche zu überleben. Ein Blick über den Balkon bietet ein friedliches Bild. Harmonische Szenen wie aus der „Gartenlaube“ ehedem. Knaben in kurzen Hosen und Gummistiefeln tragen Holz und Laub herbei, um es ihren neuen Haustieren recht behaglich zu machen. Ich seile eine Büchse mit Apfelschnitzen und Keksen ab, die sofort auf ihre Tauglichkeit als Schneckenfutter untersucht werden. In den kommenden Stunden werde ich nur besucht, wenn jemand aufs Klo muss. In meinen Heldenträumen hatte ich mir vorgestellt, als guter Vater mit meinen Söhnen die Natur Brandenburgs zu erkunden. Die Kraniche im Linumer Luch, Hirsche im Morgengrauen und allerlei Unheimliches bei einer Nachtwanderung. Aber dann hätte ich mich ja selbst aus der schützenden Stadt heraus bewegen müssen. Findet man nicht die Wunder der Natur auch im Kleinen? Sozusagen vor der Haustür? Ich habe auf meinem Balkon Blüten für die Hummeln ausgesäht.

Die Macht der Liebe

Foto: Berlin Trains
BerlinWriters #wholecar #graffiti #berlin #hauptstadt #weilwirdichlieben

Es war in diesen dunklen Tagen, als die Winterstürme durch die Straßen jagten und die Sonne nicht mehr war als eine trübe Illusion hinter den bleigrauen Wolken. Es war die Zeit, als die Menschen ihre Gesichter hinter Masken verbargen und jeden Morgen angstvoll die mit Grabesstimme vorgetragene, steigende Zahl derer erwarteten, die am Tag zuvor von der Seuche dahingerafft worden waren. Es war die Zeit, in der jeder, der noch bei Sinnen war, zu Hause blieb und seinen Nächsten mied wie den Leibhaftigen selbst. Aber es war auch die Zeit, in der Wunder geschehen konnten, wo sich die Herzen öffneten und der Mensch des Menschen Freund wurde. Wo sich in den düsteren Schächten unter den Straßen die Elenden versammelten, die von der schieren Not, der Pflicht oder dem Kampf um das tägliche Brot in die mit krank machendem Brodem verseuchten Wagen der Untergrundbahn gezwungen wurden. Und es war hier, wo die Liebe alle Schranken überwand.

Sie waren zu dritt, so wie immer. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sprangen sie noch in den abfahrenden Wagen. Es waren vierschrötige Kerle und jeder der Reisenden duckte sich noch tiefer in seinen Sitz, versuchte sich hinter seinem Handy unsichtbar zu machen, oder schaute vergeblich ins Nichts, um die Aufmerksamkeit der schwarz gekleideten Schlägertypen von sich abzulenken. In höchster Not hat der Mensch drei Möglichkeiten zu überleben: kämpfen, flüchten oder sich tot stellen. In einer fahrenden U-Bahn ist Flucht keine Option und Kampf gegen einen breitschultrigen, vollbärtigen Kerl mit tätowierten Händen aussichtslos. Also wählte ich meine letzte Möglichkeit. Fest zog ich meinen Jüngsten an mich heran, verkantete sein kleines Fahrrad zwischen meinen Beinen, hielt mich an der Haltestange fest, bis meine Knöchel weiß wurden und hoffte, sie würden uns übersehen. Doch alle Hoffnung schwand wie ein Traum am frühen Morgen, als ihr markerschütterndes „Fahrscheinkontrolle, bitte die Fahrausweise bereit halten!“ erklang. Normalerweise lässt mich diese Ankündigung kalt. Normalerweise bin ich ein gesetzestreuer Bürger, der gewissenhaft darauf achtet, nur mit einer abgestempelten Fahrkarte die Bahn zu betreten. Sogar für meine vielköpfige Kinderschar kaufe ich die vorgeschriebenen ermäßigten Karten, obwohl mir ein junger Kontrolleur einmal zuflüsterte: „Für Kinder brauchen Sie nicht, die kontrollieren wir nicht mehr.“ Dieses erhabene Gefühl der Rechtschaffenheit lässt mich herabblicken auf die Unglückseligen, die mit von Schuldbewusstsein gesenktem Haupt von den Bütteln der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Bahnstiege gezerrt werden, weil sie sich auf unser aller Kosten eine Fahrt erschleichen wollten.

Doch wie war es heute? War nicht das ganze Land im Ausnahmezustand? War ich nicht in höchster Eile aufgebrochen, als es galt, meinen Sohn rechtzeitig zu seiner sich sorgenden Mutter zu bringen? Hatte ich nicht alle Hände voll zu tun gehabt, mir selbst und dem Kind die vorgeschriebene Maske überzuziehen? Wie hätte ich da noch, und das mitgeschleifte Kinderfahrrad nicht zu vergessen, eine Fahrkarte abstempeln können, zumal gerade der Zug einfuhr; der Zug, der allein uns zu der S-Bahn hätte bringen können, in die wir, nach nur drei Stationen, sowieso hätten wechseln müssen? Hatte ich nicht den ehrlichen Vorsatz gehabt, spätestens bei diesem Wechsel auf dem Bahnsteig der S-Bahn die Fahrausweise für mich und meinen Jungen, die ich natürlich ordentlich in meiner Brieftasche bereit gelegt hatte, in den Schlitz der altertümlichen Stempelautomaten einzuführen, nicht ohne meinem Sohn die Gelegenheit zu geben, stolz das eigene Ticket mit lautem Klacken und Piepen abzustempeln und es ihm treu in seine kleinen Hände zu legen, in denen er es mit heiligem Ernst bis zum Ende der Fahrt aufbewahrt hätte (wenn er nicht gerade ein Buch lesen, einen Keks essen oder sich in etwas anderes Wichtiges hätte vertiefen wollen, wobei er dann die Karte irgendwo auf dem Sitz hätte liegen lassen, wenn wir bei der nächsten Station umgestiegen wären.)

All das hätte ich dem mürrischen Höllenengel sagen wollen, als er mit grimmigen Blick vor uns stand. Aber ich schwieg. Noch war ich zu sehr im „das Reh duckt sich im Kornfeld, damit es der herandröhnende Mähdrescher es nicht sieht“-Modus, als dass ich hätte reden können. Und außerdem: Was sollte das Kind von mir denken? Also fand ich mich an der nächsten Station auf dem Bahnsteig wieder und ließ die unbeholfene Suada des erfolgreichen Jägers über mich ergehen, die sich „Aufklärung über die Fahrgastrechte“ nennt. Ich war reuig und sofort bereit ihm die 60 Euro in seine groben Pranken zu blättern, an denen er, ich hätte wetten können, sicher mehr als einen silbernen Totenkopfring tragen würde.
Aber was war das? Er blickte mich und meinen Sohnemann an, drehte seinen Handcomputer in unsere Richtung und murmelte verschwörerisch: „Kieken se hier: Ich trage hier als Grund für das fehlende Ticket „Eile“ ein. Dann könnse die BVG schreiben, dass se mit dem Klenen aufm Weg zum Arzt waren oder sowat. Dann könnse Glück ham, und die lassen se in Ruhe.“ Ecce homo!- was für ein Mensch! Welche Größe. Welch mitfühlendes Herz! Vielleicht hatte er auch einfach Angst, dass ich ihm auf dem Bahnsteig Scherereien mache. Vielleicht war er das von Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs erwischt wurden gewöhnt. Vielleicht dachte er auch, dass ich ihm komisch kommen könnte. Die paar Sätze, die wir miteinander gewechselt hatten, hatten wahrscheinlich gereicht, um zu merken, dass ich in rechtlichen Dingen bewandert bin. Vielleicht war er auch selbst nicht so ganz überzeugt von dem Scheiß-Job, den er da machen muss. Egal. Er hat uns ein Fensterchen der Hoffnung aufgemacht und mich vor meinem Jungen nicht blamiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Und wie ging’s weiter? Es gibt ja nicht nicht nur gute Menschen bei der BVG. Es gibt ja noch den unerbittlichen Apparat, in dessen Fänge ich jetzt geraten war. Wer mehr darüber wissen will, lese das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt. Bisher war mein Kontakt mit dieser Berliner Institution eher unerfreulich. Wer einmal das „Kundenzentrum“ besuchen durfte (weil man doch ein gültiges Ticket hatte, es aber bei der Kontrolle in der Aufregung nicht gefunden hatte) sieht dort die Elenden und Geschlagenen der Stadt und wird mit einer ruppigen Förmlichkeit abgefertigt, die an den „Tränenpalast“ erinnert, den ehemaligen Grenzübergang nach Ost-Berlin an der Friedrichsstraße.
Aber die BVG hat seit ein paar Jahren eine Charmeoffensive gestartet, in der sie allen Ernstes behauptet „BVG – Weil wir dich lieben“. Der schlechten Ironie bewusst, bewirbt sie diesen Slogan mit Bildern junger Menschen, die das Angebot der Verkehrsbetriebe nach durchgemachten Nächten im Zustand der drogeninduzierten Bewusstlosigkeit benutzen. Eine der Wirkungen von Partydrogen soll es ja sein, eine Zuneigung und ein Verbundenheitsgefühl zu Personen und Dingen zu erzeugen, über die man sich im nüchternen Zustand dann wundert. Aber sei‘s drum. Als ich dann von der BVG aufgefordert werde, Stellung zu meinem Fehltritt zu nehmen, packe ich in das Schreiben mein ganzes Herzblut, schildere die ausweglose Situation, gleichzeitig meinem Kind, der Pandemie und der veralteten Stempeltechnik der BVG gerecht zu werden und ende das Schreiben mit dem Satz „Geben Sie mir einen Grund, Sie zu lieben.“

Danach war erstmal Ruhe in der Amtsstube.

Gestern kam ein Schreiben. Betr: Fahrausweisprüfung (es folgt eine fünfzehnstellige Vorgangsnummer): „…unter Berücksichtigung der von Ihnen geschilderten Umstände sind wir bereit, einmalig…. auf die Forderung zu verzichten.“ …im Wiederholungsfall werden wir auf unserer Forderung bestehen bleiben.“
Worte haben also doch Wirkung und die BVG vielleicht doch ein Herz. Ich bin raus: Auf Bewährung. Ich bete an die Macht der Liebe.

Gracias a la vida

Schön der Reihe nach, oder einfach drauf los? Na, wenn ich mich in meiner Wohnung umschaue gefällt sie mir nach diesem Wochenende wesentlich besser als vorher, nach den zwei Wochen als schweigender Karthäusermönch im Karantäne-Fasten-Homeoffice. Nur ora und labora und nix essen. Und wenn ich in mich rein schaue gefällt es mir da auch wesentlich besser als vor zwei Tagen, als meine Jungs nach drei Wochen das erste Mal wieder zum mir durften. Das Wort glücklich benutze ich selten. Aber vielleicht wäre es mal angebracht.

Nicht, dass es mir vorher schlecht ging. Nach einer Woche Fasten war ich mit mir selbst und der Welt zufrieden. Wenn Mann allen irdischen Genüssen entsagt, stellt sich so eine innere Entschlossenheit ein. Die Frage, ob ich schnell noch einen Kaffee trinken soll, oder etwas esse, bevor ich eine unangenehme Arbeit anpacke, stellt sich einfach nicht mehr. Und auch die Versagensangst ist weg. Was bleibt ist ein ziemlich klarer Blick auf die Welt und eine große Gelassenheit.
Aber irgendwann muss man wieder in den Apfel des Lebens beißen. Und das wörtlich, denn mit einem Apfel beginnt das Fastenbrechen. Und seit Adam und Eva weiß man ja, dass damit der ganze Zirkus wieder losgeht.
Meine Eva steht, wie immer zu spät, am Freitagabend mit dem Kinderrad unterm Arm in meinem Flur und nölt, wer ihr eigentlich das Benzin bezahle dafür, dass sie mir die drei Jungs vorbeibringt. Um wieviel ich ihr denn den Unterhalt kürzen solle, für die zwei Tage, die sie jetzt bei mir sind, geb ich unbeeindruckt zurück. Es ist nach sieben Jahren kein Kampf mehr, nur noch eine Routine und ein Gestus. Sie ist nicht mehr meine Eva, sondern meine Dolores, die Schmerzensreiche, Und ich bin der Dorn in ihrem Fleisch. Das gibt sie mir alle vierzehn Tage mit Bravour zu verstehen. Als ich sie frage, ob sie mit uns einen der Pfannkuchen mit uns essen mag, die ich in der Stunde, die ich auf sie und die Jungs gewartet habe, gebacken habe, nimmt sie erst an, nachdem sie leise erwähnt hat, dass sie den ganzen Tag noch nicht zum Essen gekommen sei. Es ist nicht einfach, alleine mit drei Jungs, nicht einfach von ihrem Vater verlassen worden zu sein, heißt das für mich. Ich danke ihr auch von Herzen, für alles, was sie für unsere Jungs tut, aber ich bin dann doch froh, als ich mit meinen Drei alleine am Tisch sitze.

Drei fröhlich vor sich hin plappernde Jungs also. Nach meinem wochenlangen Eremitendasein ist das wie Besuch vom Mars. Aber eins weiß ich noch: Ich muss sie jetzt, ohne das Wiedersehen lange zu genießen ins Badezimmer bugsieren und dann ins Bett. Es beginnt das beliebte „wer schläft wo?“-Roulette, bei dem es nur eine Regel gibt: Keiner schläft da, wo er hingehört. Am Ende schläft der Kleine in meinem Bett, der ältere Zwilling auf dem roten Sofa und der andere im Hochbett des Jüngsten. Es ist ist 10 Uhr und für mich bleibt das Stockbett der Zwillinge. Aber vorher mache ich die letzte Runde und sehe, dass sich der Kleine am Schlafzimmerboden mit dem Bettzeug ein Lager gebaut hat, wuchte ihn wieder ins Bett und zähle zurück am Küchentisch meine Wirbel. Er wird nächste Woche sechs und ist ein Wonneproppen. Da kommt der Älteste und sagt, er kann nicht schlafen. Ich nehme ihn auf den Schoß und lasse mit ihm den Tag Revue passieren. Dann kommt der Bruder, der immer genau das auch haben muss, was die anderen haben und ich habe auf jedem Bein einen sitzen. Sie gehen zurück in die Betten, diesmal die richtigen, aber ich ahne, dass das noch nicht das Ende ist. Ich versuche mich auf ein Portait über Annalena Baerbock im „Freitag“ zu konzentrieren, gebe nach fünf Minuten auf und gehe ins Kinderzimmer. Zwei Jungs liegen da, die mit leeren Augen ins Dunkle stieren. Das ist nicht schön, aber besser als die andere Variante: Dass die Zwillinge unter einer Bettecke kuscheln und kichern. Das wird dann lange und laut, bis ich die wieder in ihre Betten bekomme. Ob’s beim Einschlafen helfen würde, wenn ich seine Hand nähme, frage ich den, der unten liegt. Oh ja sehr, seufzt er. Kaum hab ich seine Hand in meiner, sind seine Augen zu und er dreht sich zur Seite. Die Hand des Ältesten, der oben liegt, ist angespannt und ich merke, dass er mit irgendwas kämpft. Manchmal macht mir das Sorgen. Sagen kann ich nichts. Aber die Hand ist warm und ich spüre sein Herz schlagen. Vielleicht zehn Minuten stehe ich so, bis er einschläft. Und ich bedanke mich beim Leben, dass ich das erleben darf.

Denn man sieht nur die im Lichte …

An Schlaf war nicht zu denken. Wir mussten raus auf die Straße, denn wir hatten nur noch diese Nacht. Wie Diebe strichen wir durch die dunklen Winkel unseres Viertels. Lichtscheu duckten wir uns mit unserer Last in die Schatten, die vom schwefelgelben Licht der Gaslaternen nicht vertrieben wurden. Was wir nicht wußten: Wir waren nicht allein.

Als wir unser schmutziges Werk vollendet hatten, graute der Morgen. Was wir getan hatten, würde nicht lange unentdeckt bleiben, deshalb beschlossen wir, uns zu trennen. Ein halbes Jahr hatten wir zusammen gehaust, diskutiert, gekocht, gestritten. Meine Wohnung glich mehr und mehr einer Räuberhöhle. Meine Komplizin war auf ihren Beutezügen erfolgreich. Es gab im Umkreis von zehn Kilometern sicher keine Drogerie, kein Kosmetikgeschäft und keinen Modeladen, den sie nicht geplündert hätte. Das Wertvollste hatte sie in zwei Koffer gestopft, die jetzt bis zum Platzen gefüllt zwischen uns auf dem morgenkalten Bahnsteig standen. Den Rest würde sie holen, versprach sie, wenn wir uns wiedersehen würden – in einem halben Jahr vielleicht, vielleicht schon vorher, versprach sie. Ich wußte, dass sie mich anlog, dass sie sich schon in wenigen Tagen an nichts mehr erinnern würde und sagte ihr trotzdem, dass ich sie liebe. Ich hoffte, dass sie es unentdeckt über die Grenze schaffen würde. Dort würde sie einen neuen Unterschlupf, ein neues Opfer finden und sich dann bald wieder bei Nacht und Nebel aus dem Staub machen. Ich gab ihr bis zum Herbst. Dann würde ich wieder ihre Mutter anrufen müssen, um zu erfahren, wohin sie verschwunden war.
Ein flüchtiger Kuss, ein strahlendes Lächeln, dann schloss sich die Waggontür vor ihr und der Zug nahm sie mit nach Westen – einem neuen Leben entgegen. Mir würden ihre Briefe bleiben, ihre Bücher, die leeren Kleiderbügel.

Es nieselte leicht aus dem grauen Morgenhimmel, als ich den Bahnhof verließ. Ich zog den Schal fester um den Hals und duckte mich in meinen Mantelkragen. Es war ein trostloser Morgen für mich und die Berliner Straßen machten mich nicht fröhlicher. Zertretene Fahrräder an Laternenmasten, weiße, im Regen aufgequollene Matratzen, an Straßenbäume gelehnt, halbe Schlafzimmereinrichtungen, in Teile zerlegt, waren schon immer ein Sinnbild für die Gleichgültigkeit der Bewohner meines heruntergekommenen Viertels. Allein seit gestern Nacht waren wieder drei neue Matratzen dazu gekommen – und diese hässliche Holzpalette, drei Blocks neben meiner Wohnung, die meine Tochter und ich im letzten Herbst mit diebischer Freude von einer Baustelle gefischt hatten und die für die Zeit, in der sie bei mir wohnte ihr Bett war.

Jetzt ist Frühling und etwas Neues fängt an.

 

K-Pop

„Ich hab Rückenschmerzen!“ klagt meine Tochter und massiert an ihren Schultern herum.

„Rückenschmerzen mit 23, ist ein bisschen früh,“ mahne ich. „Hör auf mit den hochhackigen Schuhen.“

„Papa!“

„Hast du wenigstens Einlagen drin?“

„Hast du mich schon zehn Mal gefragt.“

„Und? Hast du?“

„Du kannst dir nie was merken. Das mit dem K-Pop hast du mich auch schon zehn Mal gefragt. Das spricht man Kaj-Pop, Korean Pop – nicht Kie-Pop.“

„Ich hab halt nicht auf Englisch studiert. Als ich in der Hauptschule angefangen habe, gabs das noch nicht.  Kein Englisch und kein K-Pop.“

Küchentischgespräche. Meine Tochter hat gekocht. Eingekauft und lecker gekocht. Das gab’s selten in den vier Monaten, die sie jetzt bei mir wohnt. Meist bin ich hier für die Versorgung zuständig. Einkaufen, putzen, dreckiges Geschirr aus ihrem Zimmer räumen und lange Haare aus dem Waschbecken holen. Diskussionen kann ich dagegen jeden Abend haben. Heute hatten wir es schon über Satire und Sarkasmus und den Unterschied dazwischen, den erweiterten Berliner Infinitiv (ich hab da was zu stehen) und Feminismus,  die Krankheiten ihrer Freundinnen und dass frau gegen Migräne nix machen kann. Mit meinem über Jahrzehnte angesammelten Halbwissen habe ich keine Chance gegen ihr iPhone, das ihr der Papa zum Studienabschluss geschenkt hat und das sie jedes Mal zückt, wenn sie mir nicht glaubt oder wenn meine Antworten zu seicht sind. Immerhin ist sie fair und hebt anerkennend die Augebraue, wenn der kleine Wunderkasten mir mal Recht gibt.

Ich weiß jetzt, dass ich nicht nur schwerhörig sondern auch gnadenlos vergesslich und begriffsstuzig bin. Und von modernem Feminismus habe ich eh keine Ahnung.  Aber sie hat mich heute bekocht. Und deswegen konter ich heute nicht mit ihrer jugendlichen Wahrnehmungsstörung, die normalerweise volle Mülleimer ebenso übersieht wie die überquellende Leergutkiste und den leeren Kühlschrank.

„Hast gut gekocht,“ lobe ich, „ist sehr lecker.“

„Na ja“, sagt sie verlegen, „ich hätte das Rezept besser mal vorher gelesen. Die Zwiebeln gehören nämlich nicht in das Curry, sondern obendrauf.

„Nein, nein, ist sehr gut, schmeckt besser als beim Inder.“

Ein kurzer Moment des Schweigens, dann steht sie auf, holt tief Luft und sagt: „Also ich hab jetzt eingekauft und gekocht und …. “

„Ich weiß, was jetzt kommt, grinse ich. „Ich bin jetzt dran mit Abwasch.“

Wortlos dreht sie sich um und verschwindet in ihrem Zimmer unter ihrem Kopfhörer.

Nur noch zwei Monate, denke ich traurig, als ich die Töpfe einweiche, dann ist sie weg.

 

 

 

 

…öffnet eure Stübchen

 

Ich musste schnell mal vor die Tür gehen, um Luft zu holen. Nachdem meine große Tochter mit einem vorwurfsvollen „kein Bock auf Weihnachten“ ihre Tür hinter sich zugeknallt hat, nur weil sie wieder bei ihrer Mutter und ihren vier Halbgeschwistern unterm Christbaum sitzen muss, nachdem die Mutter meiner Söhne die Jungs samt Blautanne eingeladen hat und nachdem sie mich ermahnt hat, morgen pünktlich zu Mittag bei ihr zu sein, weil der einzige Weihnachtsmann, den sie in ihrem gottlosen Brandenburger Kaff, in dem sie jetzt wohnt, auftreiben konnte schon um zwei an der Türe klingelt. Also einfach die Kappe aufsetzen und lieber im Nieselregen durch leere Straßen laufen als sich von diesem fest von Frauenhand organisierten Fest erschlagen zu lassen.

Was ich fand, waren viele Türen, die Männern wie mir offen stehen. Sie strahlen heller als jeder Weihnachtsbaum und dahinter war es stiller als in jeder Kirche. Wer da hinein geht, spricht nicht viel und die moderen Spielautomaten sind leise. Aber warm bin ich mit dieser Welt dann doch nicht geworden. Lieber den Weihnachtswahnsinn in meiner Patchworkfamilie, als im Wedding zwischen Spielsalon und Sportsbar die stille Nacht zu verbringen.

Als ich nachhause komme, habe ich noch beim Späti eine Dose Kokosmilch gekauft. Meine Tochter hat schon das Gemüse geschnippelt. Wir kochen uns was, damit sie endlich mal was anderes isst, als die asiatische Tütensuppen, die sie sich sonst so reinzieht. Und wenn der Weihnachts-Wahnsinn vorbei ist, laufen wir zusammen eine Runde um den Schlachtensee. Wird bestimmt schön.

Euch allen wünsche ich ein mindestens genau so fröhliches Fest.

 

„Beginne mit einer Explosion…“

„…und steigere dich dann langsam.“ Das ist angeblich das Rezept, nach dem Hollywood- Blockbuster gedreht werden. Filme, die sich die Menschen anschauen, um ihr wirkliches Leben für eine Weile zu vergessen.

Das wirkliche Leben beginnt nämlich langsam, morgens um drei, wenn mein Jüngster mit kalten Füßen in mein Bett krabbelt und ich schweigend, aber beharrlich beginne,  um meinen Teil der Bettdecke zu kämpfen. Einer der vielen vergeblichen Kämpfe von denen der kommende Tag voll sein wird. Das wird spätestens um sechs klar, wenn die ein Meter breite Matratze dann für vier Kerle reichen muss, von denen einer angeblich der Erziehungsberechtigte ist. Einer gegen Drei, das ist nicht fair. Aber so ist das Leben, das wirkliche. Es klappt einigermaßen, wenn die Burschen gut gelaunt sind. Aber wenn schon beim Frühstück der Übermut so groß ist, dass die startenden Düsenflieger über unserem Haus übertönt werden, dann heißt das nichts Gutes.

Und doch ist es uns am Abend wieder gelungen, den Tag mit seiner Serie von Dreikämpfen (Frühstück-Zähneputzen-Anziehen; Spielplatz-Kinderbauernhof-Bioladen; Schuhe aus- Hände waschen – Abendessen) so weit durchzustehen, dass ich zumindest nicht durch technisches Ko ausgeschieden bin. Die gegnerische Mannschaft hat zumindest so viel Kraft verschwendet, dass die Bratkartoffeln mit Begeisterung begrüßt werden und alle tatsächlich mit den Würstchen warten, bis der Vater den Ketchup aus dem Kühlschrank geholt hat.

Es ist ein Augenblick höchster Konzentration. Vor zwei Wochen hatten die unbedachten Kinderhändchen den Verschluss der Ketchupflasche gelöst, bevor der Vater mit kräftiger Hand mit dem Schütteln des zähen Safts begann. Eine halbe Flasche rote Tunke auf dem Fußboden und ein johlendes, minderjähriges Publikum hatten dem Abend eine unangenehme Wendung gegeben. Die mulitmedial gebildete Jugend hatte augenblicklich alle schadenfrohen Zitate aus „Meister Eder und sein Pumuckl“ parat, die um listig aufgedrehte Wasserhähne, ausgeschüttete Leimtöpfe oder ähnliches kursierten. Der Abend wurde lang.  Und für einen solchen langen Abend wird meine Kraft heute nicht mehr reichen. Immerhin erlebe ich diese Abenteuer in einem Alter, in dem mein Vater die Tage zu seinem Vorruhestand zählte.

Mit sicherer Geste prüfe ich den Verschluss, ziehe ihn noch mal extra fest und schüttele… Alles gut.  Zumindest dieser Abend würde auf dem gewünschten Gleis Richtung Zähneputzen-Sandmännchen-Gute Nacht Geschichte laufen. Aber die Filme aus Hollywood sind doch nicht so weit weg vom Leben, wie ich gedacht hatte. Niemand hatte schließlich gesagt, dass die Explosion am Anfang des Tages passieren muss. Der Film beginnt einfach in dem Moment, an dem irgendetwas in die Luft fliegt.
Und der Moment ist jetzt!
Als ich die Ketchupflasche aufschraube knallt der Verschluss wie ein Champagnerkorken in Richtung Decke. Und hinterdrein, gut aufgeschäumt, eine halbe Flasche fein vergorener Tomatensaft. Augenblicklich weiß ich, welcher Film hier läuft. Es ist ein Splatter-Movie.
Die Küche hat sich in ein Schlachthaus verwandelt, ich mich in einen Zombie und die Kinder sehen schrecklicher aus als vorgestern in ihren Halloween-Kostümen. Immerhin: Niemand ist wirklich verletzt, die Flasche war heil geblieben. Aber für einen optischen Schock hat es gereicht.
Was mich aber am meisten überrascht, ist die Ruhe. Nicht, dass tatsächlich Stille eingekehrt wäre an unserem Küchentisch, im Gegenteil. Es war als hätte ich an einem Kindergeburtstag ein Tischfeuerwerk gezündet. Die mit roten Flecken überzogenen Kinder rezitierten mit sich überschlagenden Stimmen wieder und wieder den Satz schieren Erstaunens, der mir eine Sekunde nach dem Knall entfahren sein muss und den ich hier aus Gründen der Selbstachtung nicht wiedergebe.
Es war die Ruhe in mir, die mich erstaunte. Es war mir völlig klar, dass ich in den nächsten zwei Stunden die kreischende Bande waschen, umziehen und  ins Bett bringen und gleichzeitig die gesamte Küche und alles, was sich darin befand einmal abwaschen musste, wenn ich nicht die nächsten Wochen mit Renovierungsarbeiten oder die Nacht mit immer lauter werdenden Ordnungsrufen im Kinderzimmer verbringen wollte – und es war mir klar, dass ich das tatsächlich schaffen würde.

Es ist jetzt kurz vor zehn, in der  Waschmaschine läuft eine Trommel Kinderkleider mit dem Programm „Intensiv“, die Jungs haben brav ihre Würstchen aufgegessen, das Geschirr abgewaschen und schlafen seit einer Stunde. Ich weiß  jetzt ungefähr, wie sich die Trümmerfrauen gefühlt haben müssen aber weiß noch nicht, ob ich heute Nacht ein Auge zubekommen werde. Doch das ist alles egal:
Ich wollte immer ein Leben leben wie im Film.

 

 

 

Zusammenrücken

DSCF1581

Wenige Tage nachdem ich in meine neue Wohnung eingezogen war, hatte ich einen seltsamen Traum. Zwei dunkle Wesen standen pötzlich in meinem Schlafzimmer und betrachteten mich. Sie waren nicht zufrieden mit mir, das spürte ich deutlich. Die Präsenz war so real, dass ich fühlte, wie sie mich anfassten… in Panik wachte ich auf. Ich brauchte eine Weile, bis ich merkte, dass da niemand war, packte meine Sachen und schlief im Wohnzimmer. Vorsichtshalber ließ ich das Licht an. In der nächsten Nacht der gleiche Traum, diesmal mit nur einem Besucher. Danach war ich bereit auszuziehen.

Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Wohnung.  Hatte nicht die Nachbarin erzählt, dass die Wohnung , obwohl frisch renoviert, unverständlicher Weise viele Jahre leer gestanden hatte? War es nicht sowieso seltsam, dass es keinen anderen Bewerber auf dieses Schmuckstück gegeben hatte und die Vermieterin sofort bereit war, mir einen weiteren Besichtigungstermin zu geben, nachdem ich den ersten verpasst hatte? Und das in Berlin, wo sich auf jede Wohnung hunderte bewerben? Ging es hier mit rechten Dingen zu? Hatte nicht die Frau unter mir, die schon seit vielen Jahren hier lebt und  neun Katzen hat, neulich  so verräterisch freundlich gelächelt, als sie mich sah? Das konnte alles kein Zufall sein. Es hätte mich nicht gewundert, wenn an den frisch geweißelten Wänden plötzlich ein Blutfleck aufgeschienen wäre oder ich die Stimme eines Geistes gehört hätte, der mir davon berichtete, wie er hier qualvoll zu Tode gekommen war; ein ungesühntes Verbrechen, das alle Bewohner dieser Wohnung dazu verdammte, hier ihr Unglück zu finden. Dabei habe ich noch nie ein Buch von Steven King gelesen und über das Gespenst von Canterville herzlich gelacht.
Eine Freundin, die ich dazu ins Vertrauen zog, riet mir einen Schamanen zu holen. Sie sei in eine Wohnung gezogen, in der sie nicht habe schlafen können. Der Schamane habe herausgefunden, dass zuvor ein Paar mit einer schlechten, verlogenen Beziehung in den Räumen gewohnt hätte. Der kundige Mann habe seine Rituale vollzogen und seitdem schlafe sie wieder gut. Sie gab mir seine Adresse.

Nun leben wir im 21. Jahrhundert, und wiewohl ich den Schamanismus für eine wirkmächtige Tradition halte, die tiefe Schichten der Seele zu erreichen vermag, suchte ich doch lieber nach einer Erklärung, die ich mit dem Verstand einigermaßen nachvollziehen konnte. Dabei kam mir eines Tages das Wort „Wohnraumbewirtschaftungsgesetz“ in den Kopf. Das mag nun einigen Menschen seltsamer vorkommen als ein Traum von verdammten Seelen und ungesühnten Verbrechen. Aber ich hab nun mal sieben Jahre meines Lebens den Rechtswissenschaften geopfert, und Juristen denken manchmal solche Worte. Ich schaute nach, und dieses Gesetz gab es wirklich. Es wurde 1953 erlassen, und erlaubte es den Behörden bei Wohnungsnot, Menschen in Wohnungen einzuweisen, in denen schon andere Menschen leben. Gleich kamen mir die Erzählungen meines Vaters in Erinnerung, der als schlesischer Flüchtling bei einer ostfrisischen Bauernfamilie eingewiesen worden war, die ihm das Leben schwer machte. Oder die Szene aus „Schindlers Liste“ als die vertriebene Familie im Warschauer Ghetto in eine kleine Wohnung eingewiesen wird, in der dann plötzlich noch eine vielköpfige Familie galizischer Juden in der Tür steht. So langsam kam ich meinem Unterbewußtsein auf die Schliche: Ich wurde nicht von bösen Geistern heimgesucht, ich hatte ein schlechtes Gewissen. Drei Jahre war ich in einer kleinen 1-Zimmer Wohnung prima klar gekomen. Nur wenn meine Jungs kamen, wurde es etwas eng. Und jetzt gönnte ich mir den Luxus von viel Platz in hellen Räumen, einem eigenen Zimmer für die Kinder, die nur wenige Tage im Monat da sind. Ist das nicht ein bisschen feist, in Zeiten in denen so viele eine Wohnung suchen? Sollten wir nicht alle ein wenig zusammenrücken?

Ja, sollten wir. Heute parkte ein bis unters Dach vollgestopfter Citroen Berlingo vor meiner Tür ein. Die Fahrerin brauchte drei Anläufe, aber dann stieg sie stolz mit roten Backen aus und umarmte mich. Meine große Tochter ist mit dem Bachelor fertig. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat sie im März ein Praktikum und bis dahin weiß sie nicht so recht was machen und wohin.  Und was macht man als guter Vater? Man trägt die Kartons, in denen sich vor allem ungezählte Paar Schuhe in unterschiedlichen Phasen des Zerfalls befinden, brav nach oben in mein größtes Zimmer, den schweren Futon hinterher und die roten Ölfässser, die der Vater in seinen wilden Zeiten zu einem Schreibtisch zersägt hatte und die von der Tochter in Ehren gehalten werden.  Ich hoffe, dass mich die mißgünstigen bösen Geister jetzt in Frieden lassen. Ruhiger wird es wohl trotzdem nicht werden, in meinem Zuhause .