Betrug an Bienen

Birgit meinte, ich solle doch heute noch eine Geschichte von meinen Jungs erzählen. Ich bin aber durch für heute, weil meine drei Lieben meinten, noch eine Zaubershow aufführen zu müssen, als ihre Mutter sie abholen wollte und wir Mühe hatten, die überdrehte Bande ins Auto zu wuchten. Die Mutter meiner Söhne schnüffelte an mir und meinte, ich rieche nach Hasch, und ob ich den Kindern was davon gegeben hätte?. Wir haben gemeinsame seltsame Erinnerungen an Amsterdam, als ich die ganze Nacht in einem Hotelzimmer vor mich her gegiggelt habe und sie total nüchtern blieb, obwohl sie was geraucht hatte. Sie kann was ab. Das hat sich nicht geändert. War aber diesmal nur der Geruch von verbranntem Bambusrohr. Das hatten wir aus dem Baumarkt geholt, um ein Wildbienenhotel zu bauen. Also: Ich wollte ein Bienenhotel bauen und die Jungs wollte die Bambusstöcke, die ich ihnen schon seit zwei Jahren versprochen hatte. Haben ein gutes Gedächtnis, die Kleinen. Das einer nicht mit in den Baumarkt gekommen ist, weil er bockig war, weil wir es Samstagmorgen nicht in die Bibliothek geschafft haben, wo er sich neueste Exemplar von “Woodwalkers“ erhofft hatte, sei nur am Rande erwähnt. Also Telefon umgestellt, damit er es mit einer Taste bedienen kann und die Wohnzimmertür abgeschlossen, damit er nicht an Tablet und Comics kommt. Ich lass mich doch nicht veralbern. Die Bambusstöcke wirkten wie Zauberstäbe. Statt sie in kleine Röhrchen für die Bienchen zu zerschneiden, wurden sie mit einem Schnitt zu Schwertern zersägt. Und weil ich das Werkzeug für den Bienenkasten schon rausgesucht hatte, fand ich auch den Lötkolben, von dem ich gar nicht wusste, dass ich noch einen hatte. Ich habe inzwischen von meinen Jungs und von Lego genug über die Ninjas in Ninjago-City gelernt, um zu wissen, dass Schwerter magische Zeichen brauchen. Also den Lötkolben ins Holz gebrannt und die Helden in den Garten geschickt. Wundervolle Ruhe! Aber eigentlich hatte ich mir das anders vorgestellt. Der Bienenkasten musste fertig werden. Sechs Bretter, meine Metabo-Bohrmaschine aus den 80ern und ein paar Schrauben. Das konnte doch nicht so schwer sein. Na ja, was dabei rausgekommen ist, kann jeder selber beurteilen. Ich muss zu meiner Entschuldigung sagen, dass ich mütterlicherseits aus einer Familie von Tagelöhnern und Schiffern stamme. Herumziehendes Volk also, nicht Solides. Und mein Vater war Lastwagenfahrer. Also wo soll ich es her haben? Auf der Uni lernt man ja auch nichts Ordentliches. Den Jungs war es egal, die hatten im Hof ihr Waffenarsenal sortiert und mit altem Bauholz und Moos sich frühlingsgrüne, weiche Lager gebaut. Wir nahmen ein paar dicke Äste mit, bohrten eine Menge Löcher rein und zu meinem Erstaunen waren sie ganz begeistert davon, die Löcher mit einer Feile glatt zu schleifen, wie der NABU es empfiehlt. Natürlich gab es wieder Streit, wer welche Feile kriegt und einer rauschte wieder aufs Sofa und versteckte sich hinter einem Lustigen Taschenbuch, aber gefeilt wurde mit Hingabe. Die Bienen sollten es ja schön haben. Mit dem Lötkolben haben wir dann noch “Hotel“ und „Luxus“ ins weiche Holz gebrannt. Ah, jetzt fällt mir ein: Das Holz war harzig. Wir haben also mit dem Lötkolben Harz verbrannt. Daher der Geruch. War aber auch egal, weil kaum hatte ich die gelöcherten Äste irgendwie im Gestell verkantet, waren die Jungs schon bei der Zaubershow. Und dann kam ihre Mutter. Jetzt weiß ich nicht, was ich mit dem halbfertigen Ding machen soll. Kennt jemand die Brutzeit von Wildbienen?

Hin und Her

Wieder so ein zerrissenes Wochenende. Die Zwillinge bleiben bei ihrer Mutter, weil sie am Samstag am “Havellauf“ ihres Sportvereins teilnehmen. Also hole ich nur den Kleinen ab. Ist auch lange her, dass ich mal mit ihm ein Wochenende alleine war. Corona hat die ganze Familie erwischt. Schön nacheinander, erst die Kinder, dann die Mutter. Das hieß drei Wochen die Kinder nicht sehen, zumindest nicht alle auf einmal. Und was heißt schon Wochenende? Freitag Nachmittag eine Stunde nach Brandenburg, abends eine Stunde zurück. Aber der Kleine ist ein Wunder. Als ob ich gestern aus der Tür gegangen wäre strahlt er mich an und will auf meinen Arm. Auch die beiden anderen geben mit das Gefühl, nichts falsch gemacht zu haben. Am Samstag dann ins Kino, dass hatte ich meinem Jüngsten versprochen. Mit Irgendwas muss ich ihn ja locken, sich mit mir in der Dämmerung eine Stunde in S-Bahn, Straßenbahn und U-Bahn zu setzen. “Gangster Gang“ ist ab 6 Jahren, aber selbst wenn sie auf die Hälfte der Action-Szenen und Schnitte verzichtet hätten, wäre es für mich mit 60 noch zu viel. Meinem Kleinen fällt die Popcorntüte und die Kinnlade runter, aber sonst bleibt er ruhig. Als eine Horde Zombie-Meerschweinchen mit glühenden Augen sich auf die Helden stürzt, will ich ihm die Augen zuhalten, aber er nimmt nur die Hand und hält sie fest. Unter Pixelgewittern halten wir tapfer aus bis zum Abspann. Ich frage ihn draußen, was er gesehen hat. Er zuckt die Achseln. Erinnert sich nicht an Wolf, Füchsin oder Schlange. Alles nur ein Rauschen für ihn? Er reagiert sich auf dem Fahrrad ab. Wettrennen um den Block und dann in den Park, Stöcke sammeln. Von weitem sehen wir ein Wildschwein und drehen eine Runde zu weit. Fußlahm kommen wir beide am Eiscafé an und die Welt ist wieder in Ordnung. Die Stöcke werden sorgsam im Garten versteckt. Abends lässt er seine großen Augen so lange kullern, bis er in meinem Bett schlafen darf. Ich schlafe auf dem Sofa, so tief wie lange nicht.

Sonntag geht vorbei. Ohne dass ich es merke, hat er rausgekriegt, wie man mit dem Handy Fotos macht, ohne den Code zu kennen Ich halte mich an meinem Kaffee fest. Aus Lego baut er etwas, das aussieht wie eine Hochseefähre. Was das sei, frage ich ihn. „Ein Schiff, ein ganz normales.“, antwortet er. „Es kann fliegen“. Ich schaue auf die Uhr, suche Schlaftiere, Unterhosen und Schals zusammen, aber er will nicht los. Das Schiff muss noch umgebaut werden, zwischendurch kracht die ganze Konstruktion zusammen, aber er arbeitet weiter, als ob er einen Plan hätte. Es hat keinen Sinn jetzt zu drängeln. Irgendwann sagt er “Fertig“ und dann ist er es auch.

Und schon sitzen wir wieder in der Straßenbahn, Maske im Gesicht. Wir sind eine Stunde zu spät und werden die S-Bahn auch noch verpassen. Ich lasse ihn mit dem Handy Fotos machen und überlege mir schon ein paar Argumente für den Schlagabtausch mit der Mutter. Es wird aber nur ein Geplänkel und als die Sonne schon weg ist, führen meine drei Jungs mir noch eine Hüpf-Show auf dem Trampolin vor. Sie sind beweglich wie Klappmesser und ihr Gehüpfe hat was von Hip-Hop. Bald sind es keine Kinder mehr.

Zu Hause steht noch die halbvolle Tüte Popcorn auf dem Tisch. Ich stopfe sie in mich rein, während ich alte Comedy-Sendungen auf YouTube schaue, und spüre wieder Leben in mir.

Holz

Mein ältester Sohn steht in der Ferienwohnung und bewegt sich nicht. „Los!“, sage ich, „Du musst noch den Tisch abräumen.“ Aber er bleibt wie festgewurzelt stehen und stiert die Wand an. Oder besser gesagt: Das Holz. Denn in unserer bayerischen Kammer unter dem Dach Juchee ist alles aus dicken Balken gezimmert. Unser Vermieter ist Zimmermann. Und er hat seine ganze Handwerkskunst in sein Haus gesteckt. Für uns Erwachsene bedeutet das, dass wir uns jeden Tag mindestens einmal den Kopf an dem massiven Gebälk anrennen. Die Kinder führen eine Strichliste. Ich liege vorne. Mir wäre lieber, sie würden ihre Aufgaben erledigen. „Hey!“, wiederhole ich ungeduldig, „Der ganze Kram steht noch auf dem Tisch.“ Doch mein Sohn tut so, als höre er mich nicht. Konzentriert schaut er aufs Holz. Das kenn ich schon. Wenn er etwas tun soll, ist auf einmal alles wichtiger und interessanter als das, was ich von ihm will. Dann werden Werbeschilder gelesen oder Waschzettel an Unterhosen. „Mach jetzt hin!“, werde ich lauter. Wir sind zwar schon ein paar Tage hier und Schnee gab es auch reichlich. Die lange Rodelbahn sind wir auch schon fröhlich heruntergerast, aber so richtig entspannt bin ich anscheinend noch nicht. Und einen Erziehungsauftrag habe ich bei einem Zehnjährigen natürlich auch noch. „Also, was ist jetzt? Abräumen, sonst kein Bugs Bunny heute Abend.“ „Achtunachtzig“, antwortet mein Sohn unbeeindruckt. „Achtundachtzig Ringe. Der Baum hat den Krieg noch erlebt.“

Hier noch ein Lied von Gerhard Gundermann über die Jahresringe bei Menschen. Ich mag es sehr.

Aus der Weihnachtsbäckerei

Als ich ein Kind war, und es gab in der Adventszeit ein besonders rotes Abendrot, dann sagte meine Mutter zu mir: “Das sind die Engelchen, die helfen dem Christkind, Weihnachtsplätzchen zu backen.“ Das glaubte ich natürlich. Denn rote Glut sah ich im Winter immer im gusseisernen Ofen in unserer Küche (in der auch mein Lieblingskuschelhund verschwand, nachdem ich drauf gekotzt hatte, als ich Blinddarmentzündung hatte), und ich sah auch, wie meine Mutter den Plätzchenteig machte, mit viel guter Weihnachtsbutter vom Butterberg und nach einem Rezept von Dr. Oetker. Das ganze wurde durch den Fleischwolf gedreht. Vorne war eine schmale Schablone, durch die der Teig herausquoll. Ein endloses Band das in Schleifen, Schlangen oder Kringel gelegt wurde. Daraus wurden dann duftende Berge von Spritzgebäck, mal mit Schokoladenguss an den Spitzen, mal ohne. Die mit Schokolade waren natürlich am schnellsten weg.

Heute habe ich eine Gasheizung mit blauer Flamme und weiß längst, dass das Rot beim Abendrot von der Luftverschmutzung kommt. Deshalb glüht der Himmel über Berlin abends ja oft in besonders flammenden Farben. Natürlich weiß ich auch, dass die Weihnachtsgeschenke vom DHL-Mann gebracht werden. Aber Engelchen, Engelchen, die Weihnachtsgeschenke basteln, die gibt es immer noch. Ehrlich!
Sie heißen Birgit und Matthias und sie haben mir dabei geholfen, ein feines, kleines Buch zu veröffentlichen, um es euch unter den Weihnachtsbaum zu legen.

Es heißt „Das Wunder vom Sparrplatz“. Birgit hat es tatsächlich geschafft, in meinen mittlerweile mehr als 250 Blogbeiträgen über Gott und die Welt einen roten Faden zu finden. Sie beschreibt das im Vorwort so:

„Das Wunder vom Sparrplatz“, das sind Erzählungen eines Vaters aus dem rauen Berliner Stadtteil Wedding. Das ist ein Vater mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen. Ein (manchmal etwas melancholischer) Single-Mann, der allein oder mit seinen Kindern durch seinen Kiez im Wedding streift. Dabei richtet sich seine Aufmerksamkeit ganz auf das Leben auf der Straße, auf die kleinen Alltagsszenen, die sich in den Cafés seines Viertels, beim Friseur oder auch am Spielplatz entfalten. Ein Flaneur mit Kinderwagen.

Ins Buch gekommen sind fast dreißig Geschichten aus sieben Jahren. Von Kindern und Abenteuern, von grauen Straßen, großem Glück und kleinen Fluchten. Und von Wundern natürlich, die immer wieder geschehen können. Es schneit auch viel in den Erzählungen.
Matthias hat das alles professionell mit vielen Korrekturschleifen in einer wunderschönen Schrift gesetzt und jetzt ist es ein richtiges Buch geworden. Ich freu mich sehr darüber. Es ist etwas ganz anderes, einen Text in ein Blog zu tippen, oder einen Text für ein Buch vorzubereiten. Zu sehen, wie die Rechtschreibfehler verschwinden und manche Brüche in den Erzählungen, wie aus Flattersatz ein solider Blocksatz wird und der Stolz zu erleben, die letzten Korrekturfahnen in der Hand zu halten. Es war ein Abenteuer eigener Art. Und ich glaube, es hat sich gelohnt. Dass wir es geschafft haben, es jetzt noch vor Weihnachten herauszubringen, ist sowieso ein Wunder. Es ist natürlich das ideale Geschenk für alle, die schöne Bücher lieben. Schaut mal rein – es lohnt sich. 😉

Das Buch ist bei bookmundo.de im Selbstverlag herausgekommen.

Wer möchte, kann es dort direkt bestellen (leider mit 4,99 Euro Versandkosten, egal wie viele Bücher man bestellt).

Aber viel schöner ist es ja sowieso, sich das Wunderbuch in einer richtigen Buchhandlung abzuholen. Im Wedding gibt es das Buch natürlich in der einzigen inhabergeführten Buchhandlung im ganzen Kiez: belle et triste in der Amsterdamer Straße. Ihr könnt es in jeder anderen Buchhandlung bestellen unter der ISBN 9789403644677

Ihr könnt es auch direkt bei mir bestellen. Einfach eine Mail an info@kafkaontheroad.blog

Dann kostet es 8,50 Euro und 2 Euro Versand.

Tja, und jetzt bin ich mal gespannt, wie es euch gefällt.

Rolf Fischer
Das Wunder vom Sparrplatz
Selbstverlag bei bookmundo.de
ISBN 9789403644677
80 Seiten, 8,50 Euro

Licence to chill

„Ist das nicht ein bisschen kalt?“, fragt mich eine Passantin im gelben Regenmantel neugierig, als ich mein Motorrad vor der grauen Kirche abstelle. “Nö“, gutelaune ich betont fröhlich zurück, „Die Sonne scheint doch“. Ja, so ein Sonnyboy und gleichzeitig so ein taffer Kerl möcht ich sein. Einer, der auch bei 10 Grad im November keine Mine verzieht, wenn er auf sein weißes Stahlross steigt. Ich verschweige ihr natürlich, dass ich noch vor einer guten Stunde griesgrämig in Berlin aus dem Fenster geschaut habe, das glitschige Laub und den Nieselregen mit nüchternem Blick eingeschätzt und überlegt hatte, ob ich nicht doch die S-Bahn nehme. Schließlich muss ich niemandem mehr was beweisen. Niemandem? Meine Jungs lieben es, wenn ich vorbeigeknattert komme. Und ihre Mutter glaubt ja immer noch, dass wir die alte Kiste noch mal auf den Autozug laden und noch mal damit durch Frankreich gondeln. So wie in der Zeit vor den Kindern. Aber der Autozug ist schon längst aufs Abstellgleis gefahren und die letzten zehn Jahre lassen sich auch nicht so einfach wegwischen. „Außerdem“, sage ich bei solchen Anwandlungen immer ganz vernunftbetont, „möchte ich nicht derjenige sein, der unsere Kinder zu Vollwaisen macht.“ Was natürlich Quatsch ist. Seit ich eine St.Christopherus-Plakette am Lenker habe, ist mir nie wieder was passiert, zumindest nichts Schlimmes. Und meine Jungs singen heute zum ersten Mal im Kirchenchor. Deswegen habe ich mich ja auf den Weg nach Brandenburg gemacht. Bei so viel Schutz und Segen kann ja einfach nichts schiefgehen. Und auch der Regen hatte sich verflüchtigt, als ich in Berlin losgefahren bin. Freie Fahrt und blauer Himmel über der A111. Wenn das kein Zeichen ist.

„Find ich cool“, sagt der Mittlere meiner Söhne, „dass du mit dem Motorrad gekommen bist.“ Na dann hat die Reise ja ihren Zweck erreicht. Der Vater hat gute Laune, und die Jungs haben einen coolen Vater, auf den sie stolz sein können, wenn er schon so selten vorbei kommt. Sein Bruder hat mich schon mal gefragt, ob er das Motorrad kriegt, wenn ich mal tot bin. Pietät kennt man in dem Alter noch nicht. Ich hab versucht, ihm zu erklären, dass es wahrscheinlich kein Benzin mehr geben wird, wenn er so alt sein wird, dass er die alte Vergasermaschine übernehmen könnte. Aber etwas will ich von meiner Leidenschaft natürlich weiter geben, solange ich noch kann. Ich hab sie ja auch von meinem Vater. Vor ein paar Wochen haben wir gemessen, ob die Beine schon lang genug sind, um an die Fußrasten zu kommen. Sind sie. 10 Jahre werden sie im Dezember. Es gibt praktisch kein Hindernis mehr, das uns im Frühjahr davon abhalten könnte, mal eine kleine Tour zu machen. Kein Hindernis? “Nie im Leben“, sagt die Mutter, als wir die Sängerknaben in ihre Zimmer verfrachtet haben. “Am Ende kommen sie auf den Geschmack und wollen mit 16 ein Moped.“ „Jau,“, sag ich, „ich hab mit 14 angefangen.“ „Wenn du sie hier schon aufs Land verschleppt hast, musst du ihnen auch die Möglichkeit geben, von hier abzuhauen.“ Es folgt ein kleiner Schlagabtausch, bei dem ich sämtliche Unfälle der letzten zwei Jahre in Brandenburg aufgezählt bekomme -und das sind immer noch sehr viele – und ich sie daran erinnere, dass es auch nicht ungefährlich ist, mit der Familienkutsche mit 160 übermüdet mit drei Kindern nachts 300 Kilometer zur Großmutter zu brettern, wie die fürsorgliche aber immer gehetzte Mutter es zu tun pflegt.
So wird das nichts. „Deine Mutter hat uns doch neulich das Ausflugsrestaurant genannt, wo man so schön am Wasser sitzen kann. Da würde ich dich mit hin nehmen. Einen zweiten Helm hab ich ja noch.“ “Das sind ja nur 10 Kilometer, kommt es enttäuscht zurück. “Wenn dann richtig“.
Zu ihrem Geburtstag bekommen unsere Jungs von mir Handschuhe, Nierengurt und einen eigenen Helm.

Call a Papa

Man braucht nicht in Berlin bei den „Gorillas“ zu arbeiten, um sich zum Affen zu machen. Es reicht eine kranke Prinzessin am Samstagmorgen, die um die Ecke wohnt. Immer, wenn mein Handy drei Mal klingelt, weiß ich: Neue Nachrichten von meiner Tochter. Diese nachhaltige Jugend schafft es einfach nicht, einen Gedanken in eine Nachricht zu packen. „Ich hab ne fette Erkältung“ „Hast du“ „Sinupret forte“ Pause: „Danke“. Ich bin ja froh, dass meine Tochter überhaupt noch per SMS mit mir in Kontakt bleibt. Und das Kind ist in Not. Also stürze ich in die nächste Apotheke und dann zu ihr. Sie wohnt ja um die Ecke, schon seit einem halben Jahr. Was nicht heißt, dass wir uns oft sehen.
Sieht wirklich krank aus, das Kind. Und die Wohnung, und die Blumen. „Ich war nicht viel zu Haus“, entschuldigt sie sich. Ich weiß schon, neuer Job, Wahlkampf von Tür zu Tür… „Da hast du dir das bestimmt geholt“, vermute ich mit Anerkennung. „Oder von den Jungs, letztes Wochenende“, schnieft sie. Sie meint meine Jungs, die kleinen, auf die sie, großes Lob!, zum ersten Mal seit sie geboren sind mal einen Samstagabend aufgepasst hat. Natürlich hatten die Jungs eine Rotznase, aber wann haben sie das nicht? „Kann nicht sein.“, verteidige ich meine Brut, „Dann hätt ich’s ja auch.“ Und natürlich hatte ich es auch, aber das braucht ja hier keiner zu wissen und außerdem hab ich mich nicht so angestellt deswegen. Hatte ja auch kein Publikum. Die Tochter liegt mittlerweile auf dem Divan hingestreckt, große Pose, ganz sterbender Schwan. War die Tanzschule bis 18 doch nicht ganz umsonst. Umsonst war sie sowieso nicht. „Du gehst jetzt besser, sonst fängst du dir auch noch was.“, stöhnt sie mit letzter Kraft. Ihre Fürsorge rührt mich. Und seit Corona ist sie nebenberuflich Infektologin. Keine Widerworte möglich. „Corona-Taliban“ nennt das ihre Mutter. Ja und schließlich hab ich ja auch was zu besorgen. Auch ich habe die erste Woche beim neuen Job hinter mir, auch ich brauche was zum Leben. Nach meiner Runde durch den Kiez sitz ich mit gefüllten Taschen vor dem Bio-Laden und lese die Taz. Alle 14 Tage gönn ich mir das. Sonst wüsste ich ja nicht, dass die Chinesen uns Europäer in Afrika als die alten Kolonialisten anschwärzen, um selber kräftig auszubeuten. Wer Zeitung liest, erfährt was von der Welt. Und die bezaubernde Studentin, die am Wochenende aushilft (ja, ich bin schon so alt, dass ich junge Frauen „bezaubernd“ finde) kocht mir auch noch einen Kaffee dazu. Aber zwei mal klingelt das Telefon. „Kannst du noch Taschentücher mitbringen“ „und Klopapier“. Natürlich, Herzenskind, ich bin schon unterwegs. Und weil ich mich nicht noch mal in die EDEKA-Hölle am Samstagvormittag stürzen will, geh ich in den Späti gegenüber und zahl das Doppelte. Alles für meine Tochter. Vor der Haustür stoße ich fast mit einem Kerl in rosa Dienstkluft zusammen. Einer von denen, die so eckige Nylontaschen auf dem Rücken tragen. Ich klingele, mir wird aufgetan und ich haste die Treppen hoch. Durch den Türspalt darf ich die Sachen reichen und bekomme ein verschnupftes Danke dafür. Wieder draußen ist der Lieferdienst immer noch da. Mit leichtem Akzent nennt er fragend meinen Namen. Ich sage ja, und er drückt mir zwei Papiertüten mit Lebensmitteln in die Arme und ist weg. Haltmal, denke ich, wie immer zu langsam. Bin ich hier der Ausputzer? Bin ich nur noch gut für die Sachen, die meine Tochter nicht mehr vom Lieferdienst gebracht bekommt, oder die sie in ihrem Tran vergessen hat, zu bestellen. Sehr sehr mürrisch steige ich ein drittes Mal die Treppen hoch. „Ach, hatt ich ganz vergessen,“ säuselt meine Tochter, als hätt ich sie bei einem verbotenen Rendezvous erwischt (obwohl ich ihr ja nichts verbieten kann und obwohl das jetzt Date heißt) „Aber danke“.

Und wenn sich jetzt eine wundert, warum ich zu der ganzen Geschichte Fotos vom alten Flughafen Tegel zeige, dann ist das, weil ich eine Stunde nach dem ganzen Drama mit einem Freund zu einem Konzert mitten in der Ruine gefahren bin. Eine Frau, die sich Suzuki nennt und ein Herr namens Scanner haben den morschen Beton noch mal so richtig beben lassen. Mein erstes Konzert seit Corona. Pathetische Klavierakkorde klangen durch die verlassenen Gänge. Blixa Bargeld ließ alle Alarmsirenen auf einmal heulen. Ick lass mer doch von soner Rotzjöre nich dit Wochenende vermiesen.

P.S: Heute hab ich noch mal ne Nachricht geschickt, wie‘s ihr geht. Und was kam zurück? „Bin noch nicht ganz“ „Gesund“

Heimat reloadet

Es war die Idee meiner Schwester: Meine Jungs mal mitzunehmen an das Flüsschen, an dem wir beide als Kinder ganze Sommer gespielt haben. Es war ziemlich genau vor einem Jahr, im heißen Sommer 2020 und wir hatten einen prima Tag im wadenhohen Wasser. Steine flitschen, Dämme bauen, Fische jagen, alles das was wir als Kinder auch gemacht haben, nur besser. Denn der Fluß war renaturiert worden. Die tückische Staustufe, von der zu springen eine Mutprobe war, die mindestens einen Jungen aus unserem Dorf das Leben kostete, war abgerissen worden. Der Fluß war nicht mehr so gefährlich wie früher – dachten wir.
Diesen Sommer erreicht mich meine Schwester in einer der trockensten Gegenden Deutschlands, in der Uckermark. Und da, wo ich bin, gibt es auch kein Internet. Um so unglaublicher klingt, was sie mir, sonst ganz rheinische Frohnatur, mit gepressten Sätzen berichtet: „Das Ahrtal, so wie du es kennst, gibt es nicht mehr. Die Brücken sind weggeschwemmt, von den Fachwerkhäusern stehen nur noch die Gerippe.“ Das Gasthaus, in dem sie uns diesen Sommer zu einem Familienfest einladen wollte, ist nur noch ein Haufen Balken. Mehr als hundert Menschen sind tot, mehr noch vermisst.
Auch meine Tochter ruft an. Mit ihr war ich, als sie klein war, immer zu Karneval zu meinen Eltern gefahren, die inzwischen ein paar Kilometer entfernt am Rhein ins Haus meiner Großeltern eingezogen waren. Und weil in diesem Städtchen nur alle zwei Jahre ein Karnevalszug organisiert wird, waren wir oft in Heimersheim an der Ahr, wo Freunde meiner Schwester wohnen und der Karneval noch sehr urig ist. Damals hat sie es sehr bedauert, als Berlinerin kein Funkenmariechen werden zu können. Zum Trost schenkte meine Schwester ihr ein abgelegtes Funkenmariechenkostüm rot-weiß. Die Gegend ist ihr eine zweite Heimat geworden. Jetzt liegt da meterdick der braune Schlick. Aber zum Glück sind alle, die wir kennen unversehrt.

Niemals hätte ich geglaubt, dass sich in diesem Tal einmal etwas verändert. Fachwerkhäuser, Weinberge und Burgen aus dem Mittelalter. Das war im wahrsten Sinn des Wortes festzementiert. Von diesem Bild lebten die Menschen dort. Das merkte ich schon, als mich meinem Onkel als kleiner Junge in das obere Ahrtal hinter Ahrweiler mitnahm. Er war Vertreter für die Marke „Georgs Kaffee“ und in seinem milchkaffee- und dunkelbraunen Opel Rekord, in dem es unvergleichlich nach Zigaretten, Rasierwasser und frischem Bohnenkaffee roch, fuhren wir zu den Gaststätten und Hotels, die das Ziel von den Kaffeefahrten und Rentnerbussen waren. Seit den 50ern suchte man hier die heile Fachwerkwelt, die fröhlichen Winzer und die pittoresken Felsnadeln, die meine Generation dann an der Ardeche oder auf griechischen Inseln suchte. Und Touristen wollen ihr Reiseziel immer genau so vorfinden, wie sie es sich vorgestellt haben. Als ich vor ein paar Jahren noch einmal die Strecke abfuhr, war ich erschrocken, dass ich hier wirklich noch jeden Souvenirladen und jedes Café zu kennen glaubte.
In einer heilen Welt passieren keine Naturkatastrophen. Die passieren in Indien oder in China. Zumindest die Katatstrophen, bei denen Menschen sterben. In Deutschland gab es ja die letzten Jahre schon öfter in Bayern oder Sachsen Bergtäler oder Flußauen, die weggeschwemmt wurden. Aber da mussten die Leute dann für eine Zeit in einer Turnhalle schlafen, die Straßen aufräumen und die gespendeten Kuscheltiere wegwerfen. Dann war alles wieder gut. Vielleicht hat deshalb keiner die Warnungen ernst genommen. Vielleicht war man aber auch einfach zu satt und zu selbstgefällig. Achtung, jetzt wird es moralisch. Damit meine ich nicht nur das bräsige rheinische Grundgesetz „et hät noch immer allet joot jejange“ (Es ist noch immer alles gut gegangen).
Nach dem Spielen mit meinen Kindern in den Auen der Ahr bin ich noch einmal in das Zentrum meines Heimatdörfchens gefahren. Das Autokennzeichen AW für den Kreis Ahrweiler wurde in meiner Kindheit mit „Arme Winzer“ übersetzt. Jetzt ist der Anschluss zur A 61 nicht weit. Jetzt leben dort Mittelstandsfamilien in Neubauhäusern, vor denen neue Mittelklasse-SUV standen als gäbe es kein Morgen. Die gleichen SUV die jetzt von den Wassermassen zerquetscht irgendwo zwischen ausgerissenen Bäumen liegen und als Sinnbild des Schreckens gelten. „Sintflut“ titelte dann auch folgerichtig die lokale Zeitung. Und in diesem seit 2000 Jahren katholischen Kernland, weiß jeder, was damit gemeint ist. Ich mag diese Moral nicht, die mir in der Dorfkirche mit Backpfeifen eingetrichtert wurde (die inzwischen auch durch einen viel größeren Neubau aus Beton ersetzt wurde). Ich mag sie vor allem deshalb nicht, weil die angeblich göttliche Strafe immer die Falschen trifft. In diesem Falle zum Beispiel die Bewohner eines Heimes für Menschen mit Behinderung, die in der Flutnacht im Erdgeschoss ertrunken sind.
Was ich auch nicht mag, sind die „Sandsackdeutschen“, wie sie Wiglaf Droste mal zu Zeiten der Oderflut nannte. Die nicht trauern können, die zur Schippe greifen, den tollen Zusammenhalt in der Not bejubeln und alles wieder genau so aufbauen, wie es vorher war. Ich bin sicher, dass ich in fünf Jahren jenseits von Ahrweiler wieder jeden Souvenirkiosk wiedererkennen werde. Aber meine Heimat ist hier schon lange nicht mehr.

Weiches Wunder

Was wäre, wenn es diese wunderbaren Weichtiere nicht gäbe? Wahrscheinlich hätte ich meine Söhne schon zu ihrer Mutter zurück geschickt. Eine Woche mit drei mächtig überdrehten Jungs bei Schmuddelwetter in einer 60 qm Wohnung? Alle Computerspiel- und sonstige Limits ausgereizt, alle Lustigen Taschenbücher zehn Mal gelesen, das Technik-Museum ein Reinfall. Was bleibt, bevor das Jugendamt oder die genervte Nachbarin von unten an die Tür klopft: Raus, raus, raus! Raus mit allen Dreien! Trotz Regen, trotz massiver Gegenwehr, gegen die Randale bei der Räumung eines besetzten Hauses einem Kindergeburtstag gleicht, trotz drohender Psychologenkosten. Das Schreien der verdammten Seelen am tiefsten Höllengrund kann nicht verzweifelter gellen als das Geplärr der von ihren Pokemons getrennten im hallenden Treppenhaus.

Die Tür zum Hinterhof öffnet sich und die Kinder befinden sich in einem andern Universum. Sie nehmen Witterung auf, Urinstinkte werden geweckt. Moder, feuchte Erde, fremde Lebewesen. Ein Freudenschrei! „Ich hab eine Schnecke und die kommt raus!“ Als die gierigen Hände der Jäger und Sammler die Beute nicht mehr fassen können, wird der nasse Gartentisch der Nachbarn in einen Schnecken-Zoo verwandelt. Dutzende der glitschigen Moluslkeln werden der genauesten Untersuchung unterzogen. Wettrennen der äußerst behänden Schleimfüßler bringen die Wettleidenschaft zum Glühen. Ich bin abgemeldet. Mit zitternden Händen rühre ich mir in der Küche einen Kaffee an, den dritten für heute, versuche meine klingelnden Ohren wieder an die Stille zu gewöhnen und den ersten klaren Gedanken für heute zu fassen: Ich lebe noch, und ich habe die Chance, den Rest der Woche zu überleben. Ein Blick über den Balkon bietet ein friedliches Bild. Harmonische Szenen wie aus der „Gartenlaube“ ehedem. Knaben in kurzen Hosen und Gummistiefeln tragen Holz und Laub herbei, um es ihren neuen Haustieren recht behaglich zu machen. Ich seile eine Büchse mit Apfelschnitzen und Keksen ab, die sofort auf ihre Tauglichkeit als Schneckenfutter untersucht werden. In den kommenden Stunden werde ich nur besucht, wenn jemand aufs Klo muss. In meinen Heldenträumen hatte ich mir vorgestellt, als guter Vater mit meinen Söhnen die Natur Brandenburgs zu erkunden. Die Kraniche im Linumer Luch, Hirsche im Morgengrauen und allerlei Unheimliches bei einer Nachtwanderung. Aber dann hätte ich mich ja selbst aus der schützenden Stadt heraus bewegen müssen. Findet man nicht die Wunder der Natur auch im Kleinen? Sozusagen vor der Haustür? Ich habe auf meinem Balkon Blüten für die Hummeln ausgesäht.

Die Macht der Liebe

Foto: Berlin Trains
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Es war in diesen dunklen Tagen, als die Winterstürme durch die Straßen jagten und die Sonne nicht mehr war als eine trübe Illusion hinter den bleigrauen Wolken. Es war die Zeit, als die Menschen ihre Gesichter hinter Masken verbargen und jeden Morgen angstvoll die mit Grabesstimme vorgetragene, steigende Zahl derer erwarteten, die am Tag zuvor von der Seuche dahingerafft worden waren. Es war die Zeit, in der jeder, der noch bei Sinnen war, zu Hause blieb und seinen Nächsten mied wie den Leibhaftigen selbst. Aber es war auch die Zeit, in der Wunder geschehen konnten, wo sich die Herzen öffneten und der Mensch des Menschen Freund wurde. Wo sich in den düsteren Schächten unter den Straßen die Elenden versammelten, die von der schieren Not, der Pflicht oder dem Kampf um das tägliche Brot in die mit krank machendem Brodem verseuchten Wagen der Untergrundbahn gezwungen wurden. Und es war hier, wo die Liebe alle Schranken überwand.

Sie waren zu dritt, so wie immer. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sprangen sie noch in den abfahrenden Wagen. Es waren vierschrötige Kerle und jeder der Reisenden duckte sich noch tiefer in seinen Sitz, versuchte sich hinter seinem Handy unsichtbar zu machen, oder schaute vergeblich ins Nichts, um die Aufmerksamkeit der schwarz gekleideten Schlägertypen von sich abzulenken. In höchster Not hat der Mensch drei Möglichkeiten zu überleben: kämpfen, flüchten oder sich tot stellen. In einer fahrenden U-Bahn ist Flucht keine Option und Kampf gegen einen breitschultrigen, vollbärtigen Kerl mit tätowierten Händen aussichtslos. Also wählte ich meine letzte Möglichkeit. Fest zog ich meinen Jüngsten an mich heran, verkantete sein kleines Fahrrad zwischen meinen Beinen, hielt mich an der Haltestange fest, bis meine Knöchel weiß wurden und hoffte, sie würden uns übersehen. Doch alle Hoffnung schwand wie ein Traum am frühen Morgen, als ihr markerschütterndes „Fahrscheinkontrolle, bitte die Fahrausweise bereit halten!“ erklang. Normalerweise lässt mich diese Ankündigung kalt. Normalerweise bin ich ein gesetzestreuer Bürger, der gewissenhaft darauf achtet, nur mit einer abgestempelten Fahrkarte die Bahn zu betreten. Sogar für meine vielköpfige Kinderschar kaufe ich die vorgeschriebenen ermäßigten Karten, obwohl mir ein junger Kontrolleur einmal zuflüsterte: „Für Kinder brauchen Sie nicht, die kontrollieren wir nicht mehr.“ Dieses erhabene Gefühl der Rechtschaffenheit lässt mich herabblicken auf die Unglückseligen, die mit von Schuldbewusstsein gesenktem Haupt von den Bütteln der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Bahnstiege gezerrt werden, weil sie sich auf unser aller Kosten eine Fahrt erschleichen wollten.

Doch wie war es heute? War nicht das ganze Land im Ausnahmezustand? War ich nicht in höchster Eile aufgebrochen, als es galt, meinen Sohn rechtzeitig zu seiner sich sorgenden Mutter zu bringen? Hatte ich nicht alle Hände voll zu tun gehabt, mir selbst und dem Kind die vorgeschriebene Maske überzuziehen? Wie hätte ich da noch, und das mitgeschleifte Kinderfahrrad nicht zu vergessen, eine Fahrkarte abstempeln können, zumal gerade der Zug einfuhr; der Zug, der allein uns zu der S-Bahn hätte bringen können, in die wir, nach nur drei Stationen, sowieso hätten wechseln müssen? Hatte ich nicht den ehrlichen Vorsatz gehabt, spätestens bei diesem Wechsel auf dem Bahnsteig der S-Bahn die Fahrausweise für mich und meinen Jungen, die ich natürlich ordentlich in meiner Brieftasche bereit gelegt hatte, in den Schlitz der altertümlichen Stempelautomaten einzuführen, nicht ohne meinem Sohn die Gelegenheit zu geben, stolz das eigene Ticket mit lautem Klacken und Piepen abzustempeln und es ihm treu in seine kleinen Hände zu legen, in denen er es mit heiligem Ernst bis zum Ende der Fahrt aufbewahrt hätte (wenn er nicht gerade ein Buch lesen, einen Keks essen oder sich in etwas anderes Wichtiges hätte vertiefen wollen, wobei er dann die Karte irgendwo auf dem Sitz hätte liegen lassen, wenn wir bei der nächsten Station umgestiegen wären.)

All das hätte ich dem mürrischen Höllenengel sagen wollen, als er mit grimmigen Blick vor uns stand. Aber ich schwieg. Noch war ich zu sehr im „das Reh duckt sich im Kornfeld, damit es der herandröhnende Mähdrescher es nicht sieht“-Modus, als dass ich hätte reden können. Und außerdem: Was sollte das Kind von mir denken? Also fand ich mich an der nächsten Station auf dem Bahnsteig wieder und ließ die unbeholfene Suada des erfolgreichen Jägers über mich ergehen, die sich „Aufklärung über die Fahrgastrechte“ nennt. Ich war reuig und sofort bereit ihm die 60 Euro in seine groben Pranken zu blättern, an denen er, ich hätte wetten können, sicher mehr als einen silbernen Totenkopfring tragen würde.
Aber was war das? Er blickte mich und meinen Sohnemann an, drehte seinen Handcomputer in unsere Richtung und murmelte verschwörerisch: „Kieken se hier: Ich trage hier als Grund für das fehlende Ticket „Eile“ ein. Dann könnse die BVG schreiben, dass se mit dem Klenen aufm Weg zum Arzt waren oder sowat. Dann könnse Glück ham, und die lassen se in Ruhe.“ Ecce homo!- was für ein Mensch! Welche Größe. Welch mitfühlendes Herz! Vielleicht hatte er auch einfach Angst, dass ich ihm auf dem Bahnsteig Scherereien mache. Vielleicht war er das von Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs erwischt wurden gewöhnt. Vielleicht dachte er auch, dass ich ihm komisch kommen könnte. Die paar Sätze, die wir miteinander gewechselt hatten, hatten wahrscheinlich gereicht, um zu merken, dass ich in rechtlichen Dingen bewandert bin. Vielleicht war er auch selbst nicht so ganz überzeugt von dem Scheiß-Job, den er da machen muss. Egal. Er hat uns ein Fensterchen der Hoffnung aufgemacht und mich vor meinem Jungen nicht blamiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Und wie ging’s weiter? Es gibt ja nicht nicht nur gute Menschen bei der BVG. Es gibt ja noch den unerbittlichen Apparat, in dessen Fänge ich jetzt geraten war. Wer mehr darüber wissen will, lese das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt. Bisher war mein Kontakt mit dieser Berliner Institution eher unerfreulich. Wer einmal das „Kundenzentrum“ besuchen durfte (weil man doch ein gültiges Ticket hatte, es aber bei der Kontrolle in der Aufregung nicht gefunden hatte) sieht dort die Elenden und Geschlagenen der Stadt und wird mit einer ruppigen Förmlichkeit abgefertigt, die an den „Tränenpalast“ erinnert, den ehemaligen Grenzübergang nach Ost-Berlin an der Friedrichsstraße.
Aber die BVG hat seit ein paar Jahren eine Charmeoffensive gestartet, in der sie allen Ernstes behauptet „BVG – Weil wir dich lieben“. Der schlechten Ironie bewusst, bewirbt sie diesen Slogan mit Bildern junger Menschen, die das Angebot der Verkehrsbetriebe nach durchgemachten Nächten im Zustand der drogeninduzierten Bewusstlosigkeit benutzen. Eine der Wirkungen von Partydrogen soll es ja sein, eine Zuneigung und ein Verbundenheitsgefühl zu Personen und Dingen zu erzeugen, über die man sich im nüchternen Zustand dann wundert. Aber sei‘s drum. Als ich dann von der BVG aufgefordert werde, Stellung zu meinem Fehltritt zu nehmen, packe ich in das Schreiben mein ganzes Herzblut, schildere die ausweglose Situation, gleichzeitig meinem Kind, der Pandemie und der veralteten Stempeltechnik der BVG gerecht zu werden und ende das Schreiben mit dem Satz „Geben Sie mir einen Grund, Sie zu lieben.“

Danach war erstmal Ruhe in der Amtsstube.

Gestern kam ein Schreiben. Betr: Fahrausweisprüfung (es folgt eine fünfzehnstellige Vorgangsnummer): „…unter Berücksichtigung der von Ihnen geschilderten Umstände sind wir bereit, einmalig…. auf die Forderung zu verzichten.“ …im Wiederholungsfall werden wir auf unserer Forderung bestehen bleiben.“
Worte haben also doch Wirkung und die BVG vielleicht doch ein Herz. Ich bin raus: Auf Bewährung. Ich bete an die Macht der Liebe.