Im Staate Dänemark

Alles ist gut. Die Sonne scheint, eine steife Briese weht über das Achterdeck, vermischt mit leichten grauen Schleiern, die nach verbranntem Diesel riechen. Über mir dreht sich ein aufrechter Stahlzylinder, den ich zuerst für den Schiffsschornstein gehalten hatte. Es ist aber ein Rotor. Er unterstützt die Fähre von Gedsder nach Rostock mit Windenergie, das spart immerhin fünf Prozent fossilen Kraftstoff. Es geht voran. Im Bauch des Schiffes wartet ein leuchtend grüner FlixBus, der mich ohne Probleme von Kopenhagen hierher gebracht hat. Und wenn ich Glück habe und alles wie geplant läuft, erreiche ich mit ihm auch heute noch Berlin.

Natürlich habe ich Glück, schon die ganzen 14 Tage, die ich mit meinen Jungs in Dänemark verbracht habe. Die Jugendherberge, das „vandrerhjem“ war eine Insel der Sorglosigkeit. Alles war da für uns in der prächtigen, ehemaligen Arbeiterhochschule in Esbjerg. Alles war durchdacht, solide und liebevoll ausgestattet. Wir hatten das Haus, den Garten und die Küche fast für uns alleine (und nur wenn niemand drin war, trauten sich die Jungs, dort etwas zu machen). Morgens konnten wir uns am Frühstücksbuffet frische Waffeln backen und am Wochenende gab es im Versammlungsraum zwei Beerdigungsfeiern. Als wir fragten, ob wir uns deswegen besonders ruhig und pietätvoll verhalten sollten, wurden wir freundlich belächelt. Nein, das sei in Dänemark eher eine gesellige Veranstaltung. Schön wenn man was vom Leben (und Sterben) im Gastland mitbekommt. Und drei Mal (in Zahlen 3 x) gelang es mir, meine Söhne tatsächlich zu einer Wanderung zu bewegen. Obwohl man streiten kann, ob eine halbe Stunde durch die Dünen zu dem Fischereimuseum als Wanderung durchgehen dürfen. Aber die Stelle mit dem Strand, der monumentalen Skulptur, der Frittenbude und dem Blick auf den Hafen war so schön, dass sie von den Einheimischen sogar für Hochzeitsfotos genutzt wird (Das im Hintergrund sind keine Fabrikschornsteine, sondern Türme für Windkraftanlagen). Für dem Rückweg wählten meine Söhne lieber den Weg direkt an der Autostraße, weil der kürzer war und nahe dem Netto-Supermarkt endete, wo sie sich mit billiger Fanta und Chips für die abendlichen Fußball-WM-Spiele eindeckten. Sie nannten das „Aktiv-Urlaub“.

Aber auch im perfekten Dänemark braucht das Glück mal eine Pause. Und das ist auch gut so, denn sonst würde man es ja nicht zu schätzen wissen. Das Grausame daran ist nur, dass man nicht vorbereitet ist auf den Absturz aus den elysischen Höhen in die menschlichen Niederungen. Im mehr als unperfekten Deutschland schaue ich drei Mal vorher nach, ob ein Zug, den ich nehmen will, denn auch wirklich kommt. In Dänemark vertraute ich darauf, dass alles klappt. Und nur eine ganz kleine gelbe Fußnote auf der Bahnhofsanzeige (auf Dänisch) hätte mich stutzig machen können, als wir mit Koffern und Rucksäcken bepackt in dem ruhigen und menschenleeren Bahnhof von Esbjerg auf den Zug nach Kopenhagen warteten. Den zweiten Teil der Ferien wollten wir zusammen mit dem Rest der Familie in einem Ferienhaus am Roskilde-Fjord verbringen. Irgendwann fiel mir auf, dass unsere Verbindung nicht mehr angezeigt wurde. Und die gelbe Fußnote war nun auch auf Englisch: „Replacement Bus“; auf Deutsch: „Schienenersatzverkehr“ ab Fredericia stand da. Wie ich dieses Wort hasse. Zwischen lesen und verstehen dauerte es eine Weile. Und was es wirklich bedeutete, merkte ich erst, als wir mit hunderten schwer bepackten Reisenden und quengelnden Kindern in der dunklen Bahnhofsunterführung in Fredericia landeten. Unser Zug war nicht der erste, der seine Fracht in den Schlund der Verzweiflung entladen hatte. Und nirgendwo ein Zeichen, wie es weiter gehen sollte. Nach einer halben Stunde waren wir im Freien angelangt und sahen die ganze Länge der Schlange, die sich über einen Parkplatz wand. Aber immerhin: Es ging vorwärts. Eine einzige platingraue Mitarbeiterin der Dänischen Staatsbahn und ein paar Meter Flatterband reichten, um die Massen und ihr Gepäck diszipliniert auf die Busse der Viking-Line zu verteilen. Nach einer Stunde saß ich mit meinen Jungs, die das noch als Abenteuer betrachteten, im Bus. Niemand hatte bis dahin ein Wort gesprochen. Nicht in der Warteschlange und nicht unter den Reisenden. Anscheinend gab es einen unausgesprochenen Code, wie so etwas zu funktionieren hatte.

Schön, dachte ich, den Anschluss in Kopenhagen werden wir verpassen, aber dann nehmen wir halt den nächsten. Alles kein Problem. Und der Bus rollte ruhig und klimatisiert über die Meerenge. Da klärte uns ein Mitreisender auf, dass die Reise nur bis Odense gehe und dass danach noch mal gewechselt werden müsse von Bus zu Zug und von Zug zu Bus. Und dann wieder Zug. Er lächelte amüsiert. So sei das nun mal.

Die Eisenbahnbrücke über den Bahnhof von Odense ist, wie alles in Dänemark, ein Meisterwerk des modernen Designs. Aber wenn man zwei Kinder und drei Koffer die Stufen hoch bringen muss, sieht man sie mit anderen Augen. Der Zug, der uns am Bahnsteig erwartete, war einer der typischen dänischen Züge mit Gummipuffer vorne und hinten. Aber er war alt. Die Farbe blätterte ab, und nur ein Tür öffnete sich. So dauerte es lange mit dem Aus- und Einsteigen. Mein Sohn nahm es sportlich, drängelte sich vor und ergatterte uns Sitzplätze Wir mit den Koffern hinterher. Weil die Klimaanlage nicht funktionierte, kamen wir schon durchgeschwitzt in der nächsten Endstation an. Was dort geschah, wollte ich in meinen schlimmsten Träumen nicht erleben. Nichts war klar, niemand war da, der etwas regelte. Mal hieß es, ein Zug kommt, und dann hieß es: Alles in die Busse! 3-4 mal wechselten wir mit Gepäck über die alte Bahnhofsüberführung zum Busbahnhof und zurück aber es kam immer nur vereinzelt ein Bus, der sofort belagert wurde. Keiner regelte irgendetwas und bevor unsere Koffer im Gepäckraum des Busses verstaut waren, hatten sich Schnellere ohne Gepäck schon die Sitze im Bus geschnappt. Wir mussten also die Koffer wieder aus dem Gepäckraum holen. 3-4 mal, und die Jungs, die schon ohne zu fragen in den Bus gerutscht waren, wieder raus aus dem Bus holen. All das ging ohne Panik, weil die Wartenden zwar ungehalten, aber gefasst waren. Man sprach immer noch wenig. Eine Frau erklärte uns, dass wohl ein Unwetter am Wochenende die Bauarbeiten an der Hauptstrecke verzögert hätte.

Zeit für das Notfallszenario, dass ich mir für solche Fälle zurecht gelegt hatte. Nicht verzweifeln! Ein Taxi und ein Hotel suchen und am nächsten Tag weiterfahren. Aber es gab keine Taxis und wenn, dann waren sie vorbestellt. Es gab nur Uber, und die kann man nur über eine App bestellen, die auf meinem Handy nicht bei installierbar war. Da stand ich nun handlungsunfähig mit zwei aufgeregten und aktionistischen Jungs.

Und dann löste sich die Sache von selbst. Wir gaben die Taxi-Idee auf und gingen zurück zum Busbahnhof. Dort waren es noch mehr Wartende geworden, denn alle halbe Stunde spuckte ein neuer Zug Reisende nach Kopenhagen aus, die sich um die wenigen Busse drängten. Aber dann fand mich mein Glück wieder, das mich den ganzen Tag verlassen hatte. Da stand ein Linienbus, der nach Ringstedt fuhr, genau dahin, von wo der nächste Zug nach Kopenhagen weiter fahren sollte. Die Tür war offen und wir gingen einfach hinein. (Ich will dir nicht schon wieder das Kafka-Zitat bemühen, aber der Bus stand dort schon vor einer Stunde und ich hätte einfach nur durch die offene Tür gehen müssen.) Der Bus war voll, und wir mussten stehen, aber nach einer schwitzigen Fahrt über die dänischen Dörfer kamen wir in der Dunkelheit in Ringstedt an. Und diesmal war es der unwahrscheinlichste aller Freunde, der uns rettete: die Deutsche Bahn. Denn während die Webseite der dänischen Bahn zusammengebrochen war, zeigte uns die Bahn App, dass wir sogar noch den einen Zug bis zu unserem Ferienort erreichen würden. Mit einem Vorortzug fuhren wir von Kopenhagen nachts um 11 Uhr in das dunkle Nirgendwo der dänischen Provinz. Ich klingelte die Mutter meiner Söhne aus dem Bett, und sie stimmte widerwillig zu, uns noch nach Mitternacht vom Bahnhof in abzuholen. Bis zum letzten Moment blieb ich angespannt, denn wir mussten noch einmal den Zug wechseln, bevor wir auf dem idyllischen Bahnhof von Olsted endlich den Zug verlassen konnten.

Zurück bin ich eine Woche später alleine gereist. Mit dem Bus. Auch nach einer ruhigen Woche unter einem dänischen Ferienhausdach: Eine weitere Bahnreise hätten meine Nerven nicht überstanden.

Nachtschatten

Wie ein Pinselstrich im Gemälde der nächtlichen Stadt.

Vertuscht verschwommen.

Nur einen Augenblick sichtbar

Und doch Teil des Bildes.

Wie ein blitzender Faden auf dem Lichtteppich der Straßen

Unbemerkt und doch da.

Auf einer geraden Bahn auf den nassglänzenden Straßen

die dafür gemacht sind ihn zu tragen

Und doch verloren im Gewirr

Zielstrebig, aber doch an jeder Ecke neu entscheidend.

Zwangsläufig aber doch frei

Not to touch the sky, not to touch the sun. Nothing left to do but run run run…

In der riesigen Kulisse spielt er keine Rolle, aber ohne ihn wäre es ein anderes Stück. Das Theater ist da für ihn und alle andern. Es gibt keinen Dirigenten, aber jeder ist ein Ton in der Großstadtsymphonie. Jede Sekunde eine Uraufführung.

Jeder ist ein Solist und der Star des Abends, solange er dabei ist.

Blattgold und Brutalismus

Am liebsten möchte man der tapferen Pfarrersfrau die Hand halten und sie trösten: Ihr Schicksal hat sie mit ihrem Mann in einen der brutalistischsten aller Beton-Kirchenbauten im brutalen Berliner Märkischen Viertel verschlagen. Und an kantigen Betonbauten ist in dieser Hochhaussiedlung aus den 1960er Jahren wirklich kein Mangel. Sie habe lange gebraucht, um diese Kirche zu verstehen, sagt sie. Der Kunstsachverständige, der uns heute durch den fast lichtlosen Raum aus Sichtbeton führt, habe ihr einiges erklärt. Und an Weihnachten sei der Raum auch wirklich wunderschön. Wenn das Blattgold, mit dem der grobe Beton vom Architekten verziert wurde von den vielen Kerzen erleuchtet werde, herrsche hier wirklich eine besondere Stimmung. Aber um die Renovierungskosten für das in die Jahre gekommene Gotteshaus herbeizuschaffen, wurde der Raum noch bis vor ein paar Tagen ganz anders genutzt. Eine Filmproduktion hatte den Raum gemietet und ihn mit wenigen Requisiten in den Essenssaal eines US-Amerikanischen Gefängnisses umgebaut. „Es braucht ja nicht viel Phantasie, um sich das vorzustellen.“, bemerkt sie fast schon mit Galgenhumor.

„Schaustelle Nachkriegsmoderne“ heißt die Tour, mit der ich am „Tag des offenen Denkmals“ mit einem Bus voller grauhaariger Boomer in Berlin unterwegs bin. Es ist spanned, mal wieder Tourist in der eigenen Stadt zu sein und sich Orte zeigen zu lassen, die abseits der täglichen Routen liegen und deren Türen normalerweise verschlossen sind. In meiner Vorstellung war die Nachkriegsarchitektur hell, filigran, lichtdurchflutet. So wie die „Schwangere Auster“, die Kongresshalle aus den 1950ern an der Spree oder die achteckige Kirche neben der Kaiser- Willhelm-Gedächtniskirche mit ihren leuchtend blauen Glasbausteinen. Aber was wir zu sehen bekommen sind mehr oder weniger sanierungsbedürftige Mehrzweckbauten – Architektenträume, die lange vergangenen Bauideologien huldigen: Keine rechten Winkel, das Außen soll das Innen nicht verraten, das Außen soll im Inneren Platz finden (es gibt tatsächlich Kirchen in denen Straßenlaternen eingebaut wurden und Bodenplatten aus Asphalt), Räume sollen in ihrer Funktion nicht festgelegt werden… Was davon übrig geblieben ist, sind die Seufzer der Küster und die Klagen der Pfarrer. Von Denkmalschutz über schadstoffhaltigem Lack bis hin zu aufgequollenem Parkett ist die Liste der irdischen Prüfungen lang. Und die Kirchenbänke bleiben immer öfter leer. Da hilft es auch nicht, dass sich andere Glaubensgemeinschaften in die evangelischen oder katholischen Kirchen einmieten. „Aber was nützt das, wenn eine Gemeinde aus 20 koptische Familien hier ihren Gottesdienst abhält? Davon kann ich die drei Millionen Euro für die energetische Sanierung nicht bezahlen.“ klagt ein Pfarrer. „Und die Moscheegemeinden winken gleich ab. Die stören nicht die Kreuze, sondern die hohen Heizkosten.“

Nicht gespart hat man bei der St. Hedwigs-Kathedrale, der katholischen Bischofskirche in der Mitte Berlins. Dort hat man nach einem Machtwort von Bischof Woelki die ganze Nachkriegsmoderne heraus gerissen und durch einen weißgetünchten runden Saal mit Kuppel ersetzt. Fein säuberlich getrennt ist jetzt auch der Zugang zur weißen Oberkirche von dem zur dunklen Unterkirche, die nur durch eine in einem schwarzen Tunnel steil abwärts führende Treppe erreicht werden kann. Und wer denkt, das sei der Weg hinab ins ewige Fegefeuer, das einem die Katholiken als Sünder ja als Chance versprechen, wird wieder getäuscht. Es ist eine Taufkapelle. Allerdings ist der Taufstein so tief eingelassen, dass es bislang noch kein Pfarrer geschafft hat, sich so weit herabzubeugen. Deshalb wird hier gerade nicht getauft, so die Auskunft unseres Führers, der aber fairerweise zugibt, dass er für ein Architektenbüro arbeitet, das den Zuschlag für die Renovierung nicht bekommen hat. Der seltsame Taufstein zieht die Besucher trotzdem in seinen Bann.

Richtig luftige Nachkriegsmoderne bekam ich am Ende dann doch noch zu sehen:Die Judas-Thaddäus Kirche in Schöneberg im allerschönsten Nierentisch-Design. Sehr renovierungsbedürftig auch sie, aber das Kirchenschiff (Ein Schiff in den Wellen mit dem Kirchturm als Mast war tatsächlich die Idee, die der Architekt hier Ende der 1950er gebaut hat) ist voll mit herausgeputzten, lebhaften Menschen. Die ghanesische katholische Gemeinde feiert heute hier. Alle sind gleich an ihren gelben Kleidern, Kopftüchern und Hemden mit dem Logo der Gemeinde zu erkennen. Fast ein bisschen peinlich, an ihnen vorbei in die weihrauchgeschwängerte Kirche zu gehen. Aber dem Herrgott hats gefallen und er schickte ein paar Sonnenstrahlen, mitten auf den Altar. It`s a kind of magic.

Friedenspflicht

“Morgen ist Feiertag.“, sagt mein Friseur. „Deutsche Einheit“. „Deswegen bin ich hier.“ , sag ich, erstaunt über so viel staatsbürgerliche Bildung in einem arabischen Laden. „ Morgen muss ich schick sein, ich geh auf die Demo.“ „Ah, Demo, prima. Was für eine?“ „ Gegen Raketen in Deutschland und gegen mehr Waffen für die Ukraine“ „Alles klar!“, grinst mein Figaro und geht mit seinem freien Arm einmal über die Köpfe seiner vier Kollegen, der Männer auf den Frisierstühlen und des Lehrjungen. „Wir kommen alle mit.“ Er hat gute Laune und spinnt die Sache weiter: „Ist das mit Auto?“ „Nee“, sag ich. „Zu Fuß“. „Ah, das ist mir zu anstrengend, da bleib ich lieber im Bett.“ „Kannst auch mit dem Fahrrad kommen.“ „Da muss ich mir erst mal ein Fahrrad kaufen. Ich komm mit E-Roller. Ist das ok?“ Er ist jetzt fertig mit meinem Haaren. Jetzt sind die Ohren dran. „Soll ich die versengen?“ Ich zucke kurz, wegen der Wortwahl, weiß dann aber was er meint und nicke. „Feuer!“, ruft er durch den Laden und der schüchterne Lehrjunge bringt ihm ein Einmalfeurzeug. Es klickt ein paar mal. Viele kurze Flammen lecken in meine Ohrmuschel. Dann kommt er mit einem Gerät, das aussieht wie eine gläserne Laserpistole. Vorne leuchtet sie blau. Der Friseur drückt ab. Doch statt eines tödlichen Laserstrahls trifft mich eine Wolke von Aftershave und nebelt mich ein. „Ist auch ne Waffe.“, lacht er. Für die Demo bin ich jetzt gut gerüstet.

Im Faradayschen Käfig

Die Stimmung war gut. Mein Bruder hatte uns mit seinem alten Mercedes zum Bahnhof gefahren, wir waren damit prima das Ahrtal hinunter gekommen, hatten meinen Jungs die verlassenen Weinberge gezeigt, die wir damals statt einer Rodelbahn hinuntergebrettert waren und hatten noch Zeit für einen Kaffee auf dem Bahnhofsvorplatz. Die Jungs bekamen ein Eis. Wir hatten ein paar Tage in einer Jugendherberge in meiner alten Heimat hinter uns und die Morgensonne schien freundlich und mild. „Ich könnt mir gut vorstellen hier als Rentner jeden Morgen meinen Kaffee zu trinken.“, schwärmte ich in neu erwachter Heimatliebe. „Es gibt schönere Orte auf der Welt.“, grinste mein Bruder, der die Welt gesehen hat und nun als abgemusteter Seebär seit ein paar Jahren versucht, unser kleines Elternhaus zu seiner neuen Heimat zu machen. Und er hatte Recht. Es war nicht nur die Schönheit des Augenblicks, die mich an den alten Ort fesselte, es war auch die Angst vor dem, was noch vor uns lag. Mein Bruder mag alle Stürme der sieben Weltmeere durchpflügt haben, ich dagegen wage immer wieder eine Fahrt von Bonn nach Berlin mit der Deutschen Bahn und zwei Kindern. Was sich harmlos anhört war in den vergangenen Jahren stets zum finalen Abenteuer unseres Urlaubs geworden. Und auch dieses Jahr sollte uns die Bahn nicht enttäuschen, nein sie sollte, das ahnte ich wohl, sich diesmal selbst übertreffen. Und was wir noch nicht wussten: Sie hatte sich dazu neue Verbündete gesucht.

Wie immer wiegte sie uns am Anfang in Sicherheit. Der ICE kam fast pünktlich, die Plätze waren reserviert und es sollte nur viereinhalb Stunden dauern. Wir saßen in einem „Sprinter“, das Flotteste, was die Bahn zu bieten hat. Und wir schafften es auch ohne Probleme bis nach Köln, sogar bis fast bis zum Hauptbahnhof, als es in einer Rechtskurve auf dem Dach schepperte. Wir standen schräg, rechts eine Schallschutzwand, links ein hoher Bahndamm und nichts ging mehr. Der schlaksige Zugführer, der die samtene rote Zugführerbinde lässig am nackten Unterarm trug, als sei sie nicht Zeichen seiner Herrschaft und Sorge über die Reisenden, sondern die Eintrittskarte zu einem Strandclub, lief ein paar mal schweigend an uns vorbei. Auch die Fahrgäste schwiegen und blickten vor allem in ihre Handys. Was muss in Deutschland passieren, damit die Menschen in einem Zug miteinander reden? Nach einer halben Stunde wurde ich aufgenommen in die Schicksalsgemeinschaft, die sich virtuell gebildet hatte. Ob ich den neusten Gossip hören wolle, fragte mich die Hochschwangere neben uns. Die Oberleitung sei gerissen und auf den Zug gefallen. Die ganze Außenhülle des Zuges stehe also unter Strom wie in einem Farradayschen Käfig. Keiner könne raus. Türen und Fenster dürfen nicht geöffnet werden. Gleichzeitig fehlte der Strom für die Klimaanlage. Wir waren gefangen. Durch eine dünne Glasscheibe vom blauen Himmel und der frischen Sommerluft getrennt. Als die Temperaturen stiegen, fragten meine Jungs mich, ob wir jetzt ersticken müssten. In meiner Not deutete ich auf die vielen kleinen Löcher in der Deckenverkleidung. Da käme die Luft raus, fabulierte ich und hoffte inständig, dass die Ingenieure bei Siemens an sowas wie eine Zwangsbelüftung gedacht hatten, die auch ohne Strom funktioniert. Sicher war ich mir nicht. Vielleicht war genau daran gespart worden. Als die Durchsage kam, dass das Bordbistro für umsonst Getränke ausgibt, wusste ich, dass die Lage ernst wurde. Ich schickte die Jungs Cola holen und sie kamen mit reicher Beute zurück. Ab da war ihr Sportsgeist geweckt. Nach zwei Stunden kam der Schaffner ins saunawarme Abteil mit der Nachricht, die Feuerwehr hätte eine Notrampe den steilen Bahndamm hoch gelegt. Aber nur für Leute, die körperlich fit seien, außerdem rutsche die Rampe, sodass nur noch wenige über sie gehen könnten. Titanicfeeling. Das letzte Rettungsboot hing schräg in den Seilen. „Das ist doch nicht steil, das schaffen wir locker.“, entschieden die Zwillinge für mich mit einem Blick aus dem Fenster. Ich ließ mich von ihrem Elan mitreißen. Das Glück ist mit den Tapferen. Alte Männer und Kinder zuerst. Wir verabschiedeten uns von der Schwangeren, der man einen Umstieg in einen anderen Zug versprach und enterten die wacklige Reeling, die von der Kölner Feuerwehr gesichert wurde. Viel Mut brauchte es tatsächlich nicht. Wie schön das Industriegebiet von Köln-Zollstock sein kann. Unter einer rostigen Brücke versammelten sich die Geretteten und sofort fing das Gezänk an. Der versprochene Bus kam nicht, ein paar Taxis waren heiß umkämpft, irgendwelche Zettel mussten ausgefüllt werden. Gezeter, wer zuerst da war und wer es am Nötigsten habe. Eine Feuerwehrfrau gab uns den Tipp, dass ein paar Hundert Meter weiter eine Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof abfährt. Brauchten wir Fahrkarten? Blöde Frage. „Isch fahr schwatz mit der KVB, die Markfuffzich dät denen doch net weh…“ Das war „Zeltinger“, Kölscher Punk aus den Achzigern. Endlich war es soweit. Ein Jugendtraum erfüllt sich. Ein Alptraum auch. Denn die Bahn, die jetzt kommt, ist so alt wie der Song und in Köln fährt die Straßenbahn zum Dom unterirdisch. Kurz vor Neumarkt blieb sie mitten im Tunnel stehen. Mit Kölscher Gemütlichkeit erzählt der Fahrer uns Verlorenen, dass die Elektrik nicht funktioniert. Er werde jetzt mal alles ausschalten und hoffen, dass sie wieder anspringt. Es wurde dunkel und unheimlich still. Wir stehen in der Röhre, schwitzende Leiber aus dem ICE um uns, nur die Displays der Handys leuchten gespenstisch (meine Söhne behaupten später, viele hätten gelacht, als die Durchsage des Fahres kam). Beim nächsten Mal, gelobe ich in meinem Innern, werde ich ganz regulär eine Fahrkarte kaufen und im Dom eine Kerze anzünden für St. Christopherus, den Heiligen, der das Christuskind über einen reißenden Fluss trug…. Das Licht ging wieder an und die Bahn ruckelt weiter. Am nächsten Bahnhof brauchen die ächzenden Falttüren beim Öffnen einen Augenblick zu lange, um mein Vertrauen in die Technik wieder herzustellen. Panisch verlasse ich mit den Kindern den Zug, haste durch das mit stumpf schlurfenden Menschenleibern vollgestopfte Unterweltreich und treibe meine Jungs die nächste Treppe hoch. Endlich Licht! Luft!

„Ui jui jui!“ , scherzt der Schaffner, der im nächsten ICE eine Erklärung verlangt, warum wir seinen Zug benutzen, wie eine schlechte Horst Evers-Parodie, „Da haben sie ja ein kleines Abenteuer erlebt. Da können sie zu Hause ja was erzählen.“ Im Bordbistro gibt es für die Jungs ein Eis kostenlos. Das nächste Mal fahre ich mit dem Schiff.

Die Macht der Liebe

Foto: Berlin Trains
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Es war in diesen dunklen Tagen, als die Winterstürme durch die Straßen jagten und die Sonne nicht mehr war als eine trübe Illusion hinter den bleigrauen Wolken. Es war die Zeit, als die Menschen ihre Gesichter hinter Masken verbargen und jeden Morgen angstvoll die mit Grabesstimme vorgetragene, steigende Zahl derer erwarteten, die am Tag zuvor von der Seuche dahingerafft worden waren. Es war die Zeit, in der jeder, der noch bei Sinnen war, zu Hause blieb und seinen Nächsten mied wie den Leibhaftigen selbst. Aber es war auch die Zeit, in der Wunder geschehen konnten, wo sich die Herzen öffneten und der Mensch des Menschen Freund wurde. Wo sich in den düsteren Schächten unter den Straßen die Elenden versammelten, die von der schieren Not, der Pflicht oder dem Kampf um das tägliche Brot in die mit krank machendem Brodem verseuchten Wagen der Untergrundbahn gezwungen wurden. Und es war hier, wo die Liebe alle Schranken überwand.

Sie waren zu dritt, so wie immer. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sprangen sie noch in den abfahrenden Wagen. Es waren vierschrötige Kerle und jeder der Reisenden duckte sich noch tiefer in seinen Sitz, versuchte sich hinter seinem Handy unsichtbar zu machen, oder schaute vergeblich ins Nichts, um die Aufmerksamkeit der schwarz gekleideten Schlägertypen von sich abzulenken. In höchster Not hat der Mensch drei Möglichkeiten zu überleben: kämpfen, flüchten oder sich tot stellen. In einer fahrenden U-Bahn ist Flucht keine Option und Kampf gegen einen breitschultrigen, vollbärtigen Kerl mit tätowierten Händen aussichtslos. Also wählte ich meine letzte Möglichkeit. Fest zog ich meinen Jüngsten an mich heran, verkantete sein kleines Fahrrad zwischen meinen Beinen, hielt mich an der Haltestange fest, bis meine Knöchel weiß wurden und hoffte, sie würden uns übersehen. Doch alle Hoffnung schwand wie ein Traum am frühen Morgen, als ihr markerschütterndes „Fahrscheinkontrolle, bitte die Fahrausweise bereit halten!“ erklang. Normalerweise lässt mich diese Ankündigung kalt. Normalerweise bin ich ein gesetzestreuer Bürger, der gewissenhaft darauf achtet, nur mit einer abgestempelten Fahrkarte die Bahn zu betreten. Sogar für meine vielköpfige Kinderschar kaufe ich die vorgeschriebenen ermäßigten Karten, obwohl mir ein junger Kontrolleur einmal zuflüsterte: „Für Kinder brauchen Sie nicht, die kontrollieren wir nicht mehr.“ Dieses erhabene Gefühl der Rechtschaffenheit lässt mich herabblicken auf die Unglückseligen, die mit von Schuldbewusstsein gesenktem Haupt von den Bütteln der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Bahnstiege gezerrt werden, weil sie sich auf unser aller Kosten eine Fahrt erschleichen wollten.

Doch wie war es heute? War nicht das ganze Land im Ausnahmezustand? War ich nicht in höchster Eile aufgebrochen, als es galt, meinen Sohn rechtzeitig zu seiner sich sorgenden Mutter zu bringen? Hatte ich nicht alle Hände voll zu tun gehabt, mir selbst und dem Kind die vorgeschriebene Maske überzuziehen? Wie hätte ich da noch, und das mitgeschleifte Kinderfahrrad nicht zu vergessen, eine Fahrkarte abstempeln können, zumal gerade der Zug einfuhr; der Zug, der allein uns zu der S-Bahn hätte bringen können, in die wir, nach nur drei Stationen, sowieso hätten wechseln müssen? Hatte ich nicht den ehrlichen Vorsatz gehabt, spätestens bei diesem Wechsel auf dem Bahnsteig der S-Bahn die Fahrausweise für mich und meinen Jungen, die ich natürlich ordentlich in meiner Brieftasche bereit gelegt hatte, in den Schlitz der altertümlichen Stempelautomaten einzuführen, nicht ohne meinem Sohn die Gelegenheit zu geben, stolz das eigene Ticket mit lautem Klacken und Piepen abzustempeln und es ihm treu in seine kleinen Hände zu legen, in denen er es mit heiligem Ernst bis zum Ende der Fahrt aufbewahrt hätte (wenn er nicht gerade ein Buch lesen, einen Keks essen oder sich in etwas anderes Wichtiges hätte vertiefen wollen, wobei er dann die Karte irgendwo auf dem Sitz hätte liegen lassen, wenn wir bei der nächsten Station umgestiegen wären.)

All das hätte ich dem mürrischen Höllenengel sagen wollen, als er mit grimmigen Blick vor uns stand. Aber ich schwieg. Noch war ich zu sehr im „das Reh duckt sich im Kornfeld, damit es der herandröhnende Mähdrescher es nicht sieht“-Modus, als dass ich hätte reden können. Und außerdem: Was sollte das Kind von mir denken? Also fand ich mich an der nächsten Station auf dem Bahnsteig wieder und ließ die unbeholfene Suada des erfolgreichen Jägers über mich ergehen, die sich „Aufklärung über die Fahrgastrechte“ nennt. Ich war reuig und sofort bereit ihm die 60 Euro in seine groben Pranken zu blättern, an denen er, ich hätte wetten können, sicher mehr als einen silbernen Totenkopfring tragen würde.
Aber was war das? Er blickte mich und meinen Sohnemann an, drehte seinen Handcomputer in unsere Richtung und murmelte verschwörerisch: „Kieken se hier: Ich trage hier als Grund für das fehlende Ticket „Eile“ ein. Dann könnse die BVG schreiben, dass se mit dem Klenen aufm Weg zum Arzt waren oder sowat. Dann könnse Glück ham, und die lassen se in Ruhe.“ Ecce homo!- was für ein Mensch! Welche Größe. Welch mitfühlendes Herz! Vielleicht hatte er auch einfach Angst, dass ich ihm auf dem Bahnsteig Scherereien mache. Vielleicht war er das von Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs erwischt wurden gewöhnt. Vielleicht dachte er auch, dass ich ihm komisch kommen könnte. Die paar Sätze, die wir miteinander gewechselt hatten, hatten wahrscheinlich gereicht, um zu merken, dass ich in rechtlichen Dingen bewandert bin. Vielleicht war er auch selbst nicht so ganz überzeugt von dem Scheiß-Job, den er da machen muss. Egal. Er hat uns ein Fensterchen der Hoffnung aufgemacht und mich vor meinem Jungen nicht blamiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Und wie ging’s weiter? Es gibt ja nicht nicht nur gute Menschen bei der BVG. Es gibt ja noch den unerbittlichen Apparat, in dessen Fänge ich jetzt geraten war. Wer mehr darüber wissen will, lese das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt. Bisher war mein Kontakt mit dieser Berliner Institution eher unerfreulich. Wer einmal das „Kundenzentrum“ besuchen durfte (weil man doch ein gültiges Ticket hatte, es aber bei der Kontrolle in der Aufregung nicht gefunden hatte) sieht dort die Elenden und Geschlagenen der Stadt und wird mit einer ruppigen Förmlichkeit abgefertigt, die an den „Tränenpalast“ erinnert, den ehemaligen Grenzübergang nach Ost-Berlin an der Friedrichsstraße.
Aber die BVG hat seit ein paar Jahren eine Charmeoffensive gestartet, in der sie allen Ernstes behauptet „BVG – Weil wir dich lieben“. Der schlechten Ironie bewusst, bewirbt sie diesen Slogan mit Bildern junger Menschen, die das Angebot der Verkehrsbetriebe nach durchgemachten Nächten im Zustand der drogeninduzierten Bewusstlosigkeit benutzen. Eine der Wirkungen von Partydrogen soll es ja sein, eine Zuneigung und ein Verbundenheitsgefühl zu Personen und Dingen zu erzeugen, über die man sich im nüchternen Zustand dann wundert. Aber sei‘s drum. Als ich dann von der BVG aufgefordert werde, Stellung zu meinem Fehltritt zu nehmen, packe ich in das Schreiben mein ganzes Herzblut, schildere die ausweglose Situation, gleichzeitig meinem Kind, der Pandemie und der veralteten Stempeltechnik der BVG gerecht zu werden und ende das Schreiben mit dem Satz „Geben Sie mir einen Grund, Sie zu lieben.“

Danach war erstmal Ruhe in der Amtsstube.

Gestern kam ein Schreiben. Betr: Fahrausweisprüfung (es folgt eine fünfzehnstellige Vorgangsnummer): „…unter Berücksichtigung der von Ihnen geschilderten Umstände sind wir bereit, einmalig…. auf die Forderung zu verzichten.“ …im Wiederholungsfall werden wir auf unserer Forderung bestehen bleiben.“
Worte haben also doch Wirkung und die BVG vielleicht doch ein Herz. Ich bin raus: Auf Bewährung. Ich bete an die Macht der Liebe.

Mein Körper – Mein Leben

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„Sie haben hier bei „Vorerkrankungen“ nichts eingetragen.“, weist mich die Orthopädin freundlich hin. „Da war auch bisher nicht viel.“, gebe ich freundlich zurück. „Ich musste noch nie ins Krankenhaus.“ Ich überlege einen Moment. „Außer dem üblichen Blinddarm natürlich. Mit 11 Jahren war das. Aber den haben sie ja damals allen Kindern rausoperiert.“ Die Ärztin nickt und bohrt nach. „Mir ist bei ihren Zehen aufgefallen, dass einer versetzt ist.“ „Ach so ja, den hab ich mir beim Karate gebrochen. Ist aber schon ne Weile her.“ „Ja“, sagt sie, „und sonst nichts weiter?“ Ich scanne meine Gelenke vor meinem inneren Auge von oben nach unten. „Die linke Schulter habe ich mir mal ausgerenkt. Motorradunfall.“ Und wie den Ärzten damals verschweige ich auch heute, dass ich damals mit der lädierten Schulter und dem lädierten Motorrad von Zürich bis nach Hause zurück gefahren bin. War wohl im Schock. „Und rechts, an der rechten Schulter alles in Ordnung?“ „Ach, da war mal der Schlüsselbeinbruch. In der Grundschule.“ Ich weiß es noch genau: Es war der rothaarige Rudi, der mich auf dem Schulhof in eine Keilerei verwickelt hat. Immerhin war er dann so anständig, mich an meinem Krankenlager zu besuchen, in dem ich mich pudelwohl fühlte, und mir einen Lastwagen zu schenken. „Ach ja, das Schlüsselbein hab ich mir dann später noch mal gebrochen. Fahrradunfall, so mit Mitte Zwanzig.“ So langsam bereue ich, dass ich nicht mehr zu meinem üblichen Orthopäden im Wedding gehen konnte. Der hat nicht so viel gefragt. Aber er hat schon vor ein paar Jahren aufgegeben. „Zu viele Verrückte in der Praxis.“, sagte er mir beim letzten Mal. „Alle Nase lang die Polizei im Haus, wegen irgendjemand, der sich in seiner Ehre gekränkt fühlt und durchdreht.“ Er ist jetzt Doktor in einem schicken kirchlichen Krankenhaus in Mitte. Und ich jetzt im schicken Westend, bei dieser Ärztin, die damit wirbt, sich Zeit zu nehmen für ihre Patienten. Sie scheint ihr Handwerk zu verstehen. Einmal angestoßen geht die Körperreise bei mir fast von alleine weiter. „Ja“, sagt sie verständnisvoll, gab es da noch etwas?“ „Den Unterarmbruch,“ murmele ich, vor 15 Jahren. Fahrradunfall.“ Eigentlich ist daran nichts, für das ich mich schämen müsste. Ein Auto kommt mir entgegen, sieht mich nicht, biegt plötzlich nach links ab. Ich mit nagelneuem Fahrrad, bremse zu heftig, überschlage mich und lande auf der Straße. Die Versicherung hat alles geregelt. Die Autofahrerin bekam die Schuld. Ich bekam Schmerzensgeld und alles. Alles gut. Das Blöde war: Es waren beide Arme gebrochen. Und als ich dann aus der Notaufnahme kam, mit zwei angewinkelten Armen in Gips, waren die Reaktionen meiner Mitmenschen sehr seltsam. Mit einem Arm in Gips ist man ein bedauernswertes Opfer. Mit zwei Armen in Gips ist man eine Witzfigur. Wir hatten für eine Woche später einen Flug gebucht. Meine Freundin wollte mir ihr Hippie-Paradies auf Rhodos zeigen. Wir sind auch hingekommen, aber frag nicht wie. Das fing schon bei der Fluggesellschaft an. Am Check-In sollte ich unterschreiben, dass mir das nicht an Bord passiert ist. Hat dann meine Freundin gemacht, denn Schreiben ging ja nicht. Und alle Alt-Hippies auf Rhodos haben gelacht. Und alle Griechen haben seltsam gegrinst, wenn sie uns kommen sahen. Und alle, wirklich alle Frauen haben als erstes gefragt: „Und wie wischst du dir jetzt den Arsch ab?“ Sechs Wochen ging das so weiter.
„So, so“, sagt die Ärztin, das ist ja eine ganze Menge, was da zusammen gekommen ist.“ Sie grinst mich an und sagt „Sie führen ein gefährliches Leben.“
Yeha, Baby. Ich lebe wild und gefährlich. Steig auf. Lass uns nach San Francisco reiten, die Sonne putzen…

Einmal noch

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Einmal noch ans Wasser, solange noch Sommer ist. Mittelmeer oder Ostsee war dieses Jahr nicht drin. Aber zum Plötzensee will ich es noch einmal schaffen -mit den Jungs. Also früher weg von der Arbeit, die Jungs aus der Kita befreit und quer durch den Park zum Strandbad. Ist eigentlich wirklich nicht weit. Warum haben wir es dieses Jahr nur ein Mal gemacht? Lief nicht gut, der Sommer.

Die Schatten fallen schon lang auf den Sand, als wir ankommen. Sonnenöl können wir uns sparen. Trotzdem rein in die Badehosen. Die Jungs erinnern sich noch an jedes Detail unseres letzten Besuchs vor drei Monaten. An die hohe Rutsche, die sie sich damals nicht trauten. Sie trauen sich auch heute nicht. Aber sie  sind vor mir im Wasser, und nicht mehr raus zu kriegen. Wenigstens das hat sich geändert.

Wind kommt auf, die Kinderlippen werden blau. Schnell raus, sonst haben sie morgen Husten und ich Ärger mit der Mutter. Trockenrubbeln zwischen Frottetüchern, Fangen spielen zum Aufwärmen. Dann ein Eis für jeden. Eis im Schwimmbad: meine Erinnerung an Kinderglück, vielleicht irgendwann auch ihrs. In der verlassenen Strandbar gibts einen Kaffee für mich. Ein stolzer Seeräuber mit gegerbter Haut und wuchtiger weißer Mähne reicht mir die kleine, schwere Tasse. Auf einmal bin ich weit weg. Irgendwo im Süden. Wir lassen uns in Liegestühle fallen. Die Jungs turnen drauf rum und juchzen „Schaukelstuhl, Schaukelstuhl“. Die Haut riecht nach Sonne und Wasser. Südamerikanische Tanzmusik, nicht zu laut, nicht zu leise. „Die Musik will ich immer hören,“ jubelt der Jüngere. Langsam ziehen die startenden Flugzeuge aus Tegel von links unten nach rechts oben durch mein Panorama. Vielleicht wird doch alles gut.

Auf dem Rückweg sammeln wir die ersten Kastanien.

Do sin mer dabei

Foto jeck

Ich bin undercover unterwegs. Meine Perücke liegt sicher versteckt auf dem Boden meiner unauffälligen Aktentasche. Mein Gesicht zeigt die gleichen missmutigen Züge wie die meiner Mitreisenden in der U-Bahn und mein brauner Mantel verbirgt vollständig das rot-weiß gestreifte Hemd, das die Eintrittskarte ist für das geheimen Treffen, das heute im Botschaftsviertel stattfindet. Ich muss sorgsam darauf achten, dass ich mich auf meinem Weg durch das dunkle und freudlose Berlin mit keiner Äußerlichkeit verrate. Denn nichts ist in dieser angelblich so feierfreudigen Stadt so verpönt wie Anzeichen spontanen Frohsinns. Erst im Bus zur Hiroshimastraße, als ich mich von Gleichgesinnten umgeben weiß, wage ich es, die Tarnung aufzugeben. Ich ziehe mir die rote Pappnase und die Perücke auf und trete mit vielen anderen Versprengten ein in das Reich, in dem das Wort „Jeck“ (Spinner, Verrückter)  für einen Abend lang ein Kompliment ist.

Jedes Jahr zu Weiberfastnacht wagt die Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in Berlin ein spannendes Experiment: Haben sich die in die preußische Diaspora verbannten Rheinländer ihre natürliche Fröhlichkeit erhalten, oder hat die hauptstädtische Blasiertheit schon über die Lebensfreude gesiegt? Auch für mich ist es ein Wagnis. Ich bin am Rhein geboren, in einem katholischen Krankenhaus, nahe der Landesnervenklinik. Eigentlich gute Voraussetzungen um ein richtiger Jeck zu werden. Aber die Liebe zum Karneval habe ich erst entdeckt, als ich in Berlin war. Als ich merkte, was mir fehlt. Jedes Jahr bin ich mit meiner Tochter in die Heimat gepilgert, zum Umzug und zum Manöverball in meinem Heimatstädtchen. Und dem lärmenden Pandämonium von roten und blauen Funken, strahlenden Gesichtern und schrägen Blechbläsern in der rappelvollen alten Turnhalle ist es bisher noch jedes Mal gelungen, mich zu verwandeln, mir ein lautes „Ja“ zum Leben und zur besinnungslosen, Grenzen überwindenden Fröhlichkeit abzuringen. Aber in Berlin? Reichen ein paar für einen Abend versammelte Rheinländer, um den Funken überspringen zu lassen?

Als ich ankomme, ist die bunte Gemeinschaft noch unentschlossen. Eine drittklassige Karnevalsband aus Köln müht sich, heimatliche Gefühle zu wecken. Aber noch stehen die Kostümierten etwas steif mit dem Kölschglas in der Hand herum. Auch ich brauche erst ein paar von den schlanken Gläschen, um mich aus mir raus zu trauen. Langsam fangen die ersten Grüppchen an zu schunkeln, noch eng beieinander und mein erster Versuch, mich bei einer Gruppe junger Frauen einzuhängen wird brüsk abgewiesen. Beim zweiten Versuch kriege ich einen blöden Spruch über mein Kostüm, rotzig berlinerisch: „Bist n Streichholz, wa? Rote Perücke und nix drunter.“ Ich suche Trost bei einer Gruppe rundlicher Frauen, die schunkeln und mich dankbar in ihre Reihen aufnehmen. Gemeinsam schwingen wir hin und her, lachen uns an und singen auf Kölsch die Lieder der Band mit – und da bricht das Eis. Ja, es ist diese Gemeinsamkeit, es sind wirklich diese Lieder, die hier jeder kennt und mitsingt. Seit 20 Jahren das gleiche Medley von Gruppen, die sich „Bläck Föös“, „Brings“ oder „Höhner“ nennen. Ein bisschen Irish Folk, ein bisschen Samba und ein paar besinnliche Balladen. Die Texte handeln von den Kleinen Leuten und ihren Freuden, von Köln und der Lust am Feiern. Ich liebe sie! Mein Kreis löst sich auf, als sich die erste Schlange zur Polonaise bildet, ich schließe mich an, bin mir für nichts mehr zu blöd und einfach nur noch dabei. Der Spaß geht so lange, bis mir jemand ein Glas Kölsch in den Nacken kippt, aber da ist auch schon Zeit zu gehen.

Im Rausgehen höre ich noch mal, wie die Band mit dem ganzen Saal singt „Mir sin wie mer sin, mir Jecke vom Rhing. Dat is jet wo mir stolz drof sin.“ Ja, so isses, und meine rote Perücke lass ich auf dem Weg nach Hause auf dem Kopf. Ein bisschen gute Laune tut auch den Berlinern in der U-Bahn gut.

P.S. Auf dem von mir geschätzten Sätze und Schätze Blog ist ein Karnevalsgedicht von Ringelnatz eingestellt, das sehr schön all die widerstreitenden Gefühle beschreibt, die einen sonst noch nach einer solchen Karnevalsnacht beschleichen.

Ist denn hier ein Schloss?

Fünfhundert Seiten Kafka im Februar. Da sollte ich mir gut überlegen, ob ich das nervlich aushalten kann. Aber reizen tät michs schon…

Avatar von Fabian ThomasThe Daily Frown

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Im Stroemfeld Verlag entsteht in Zusammenarbeit mit dem Heidelberger Institut für Textkritik seit 1995 die historisch-kritische Franz Kafka Ausgabe. Als neuester Supplement-Band ist nun Das Schloss in einer hochwertigen Faksimile-Ausgabe erschienen. So soll ein unverstellter Blick auf die frühe Editionsgeschichte von Kafkas Werk ermöglicht werden.

Im Vergleich zum Prozess, der im edlen Leinen, mit gelbem Oberschnitt und Schutzumschlag einer Luxus-Variante des Romans am nächsten kommt (zumal wenn das Kleingeld für eine Erstausgabe fehlen sollte), erweckt das unscheinbare, graue Softcover der Schloss-Aufmachung auf den ersten Blick den Eindruck einer Studienausgabe. Tatsächlich handelt es sich aber um die genaue Reproduktion zwar nicht der ersten gebundenen, so doch der dritten, auch damals als einfache Broschur erschienenen Ausgabe noch aus dem Jahr nach der Ersterscheinung, also 1927. Ein Grund für die Entscheidung des Verlags für diesen Weg mag die besonder Bewandtnis sein, die es mit der Vorlage für die Herstellung des…

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