Herbei, herbei zum 4. Mai

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Geschlossen war zum 1. Mai seit hundert Jahren nur eins: Die solidarische, unbezwingbare Arbeitereinheitsfront, die auf den Plätzen und Straßen gegen ihr Elend  und die Macht des Kapitals kämpfte. Doch in diesem Jahr ist alles anders. Die Plätze verwaist, die Straßen im Griff des Ordnungsamtes, das mit strengem Blick darauf achtet, dass das Volk nicht zusammenkommt und die Gewerkschaften demonstrieren online.
Aber ich habe da einen Verdacht: Ich vermute,dass die Absage der großen DGB-Demos, die sonst mit Trillerpfeifen das Schweinesystem erschütterten, geht nicht auf die staatsragende Einsicht der Einheitsgewerkschaften in coronabedingte polizeiliche Auflagen zurück, sondern auf Scham.
Denn was würde dieses Jahr unter roten Bannern zur Schau gestellt?  Wohlstandsbürgerinnen und Bürger fortgeschrittenen Alters in den immergleichen Plastikleibchen mit Gewerkschaftslogo?  Das wäre schon schlimm genug. Aber dieses Jahr kämen herausgewachsene Blondierungen, ausgewaschene Dauerwellen, graue Streifen in vormals schwarzen Haaren, büschelweise Haare in den Ohren und verzottelte VoKuHilas dazu.
So darf die stolze organisierte Arbeiterschaft sich nicht auf der Straße zeigen, will sie sich nicht mit dem alten Schimpfwort „Lumpenproletariat“ verhöhnen lassen. Natürlich ist das ein perfider Schachzug der Bourgeoisie. Warum wohl dürfen die Friseure erst nach dem 1. Mai öffnen, die kleinen Geschäfte aber schon seit vergangener Woche? Eben!
Wusste die herrschende Klasse doch, dass die erzwungene Schließung der Friseurläden tiefere Einschnitte in die Kampfkraft der Vertretungen der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bewirkt, als es alle bisherigen Finten des Kapitals vermocht haben.
Doch was soll ich tun? Auch in mir steckt ein kleinbürgerlicher Reaktionär. Auch ich meide schamhaft die Nähe meiner Kolleginnen und Kollegen, weil ich ihren Spott fürchte. Meine ansonsten von freundlichen arabischen Männern auf 9 mm Einheitsschnitt getrimmten Resthaare nehmen barocke Formen an. Barock nicht im Sinne einer gepuderten Lockenpracht sondern barock im Sinne eines „gesprengten Giebels“. Das heißt: Links und rechts wuchert es verspielt und üppig und in der Mitte klafft eine Lücke, die nichts anderes ausdrückt als Vergänglichkeit. In die moderne Popkultur ging diese Form der Frisur ein als Erkennungszeichen verrückter Wissenschaftler. Auch im Comic ist sie beliebt. Der Chef der hoffnungslosen Bürohengstes Dilbert trägt sie.

Wenn ich wenigstens in der Wüste oder in der Eifel lebte, wo mich nichts an meine Verunstaltung erinnerte. Aber nein! Ich lebe wahrscheinlich in dem Stadtteil mit der höchsten Friseur-Dichte Deutschlands. Ich leide Tantalusqualen, wenn ich durch die Straßen gehe. Denn in meinem Bezirk gibt es amtlich gezählte 67 Friseurgeschäfte, – im Wedding legt man viel Wert auf gepflegtes Aussehen – aber was nützt mir das?
Alle, alle haben zu!

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Das kleine Vergnügen eines Friseurbesuchs, das Eintauchen in die fremden Welten, das kurze Glück exotischer Sprachen und Düfte habe ich auf diesem Blog schon oft beschrieben. Aber gerade heute, wo ich das erhebende Gefühl, sich mit frisch gestutztem Haar sich wieder als Teil der zivilisierten Welt fühlen zu dürfen besonders brauche, wird mir diese kleine Wohltat verweigert. Und sogar die Hoffnung, das mein Leiden am 4. Mai ein Ende haben wird, wird mir verwehrt. Denn wenn wir auch  alle wissen, dass nach der Krise nichts mehr so sein wird  wie es vorher war, hat mich dieser Aushang im Salon „Aufhübschstation für die Dame und den Herrn“ doch sehr erschüttert.

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Vorbei die Zeit, als ich mich aus einer Laune heraus nach Feierabend in einen Frisiersalon fallen lassen konnte, um mich zu entspannen. Vorbei die Zeit als ich ungewaschen den Salon verlassen konnte, und ja, auch vorbei die Zeit, in der ich selbst bestimmen konnte, ob ich mir Wimpern oder Brauen färben lassen wollte. Das ist jetzt alles für mich geregelt. Na ja, wenn’s der Infektionsbekämpfung dient… Wir müssen ja alle Opfer bringen. Aber für gute Ratschläge, welche Wimpernfarbe sich am schnellsten wieder auswaschen lässt, wäre ich dankbar.

Das ist eine Geschichte mit Happy End (gesehen in einem Kunstsalon in der Otavistraße).

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Mensur

Muss mal wieder zum Friseur. So verstrubbelt wie ich die letzte Zeit aussehe, so mit grauem Bart und mit meiner verknautschten Jacke drückt mir sonst in der U-Bahn noch jemand einen Euro in die Hand. Außerdem will ich mir heute Abend noch was Gutes tun. Der Tag war zäh und schlecht geschlafen hab ich auch. Salon Almyria hat bis um achte auf, das schaff ich noch. Es erwartet mich der finster dreinblickende Chef und sein hochgewachsener Gehilfe, der immer ein bisschen ungelenk und dümmlich in der Gegend herumsteht oder mit dem Handy spielt. Aber anscheinend ist er aufgestiegen, denn Haare muss er nicht mehr auffegen. Das übernimmt heute ein Neuer, ein Knabe mit lockigem Haar, nach dem Thomas Mann sich verschmachtet hätte.
Keiner nimmt mich wahr, keiner grüßt mich und ich setze mich verdruckst aufs Besuchersofa. Der Chef würdigt mich keines Blickes und es ist klar warum. Vor vier Wochen habe ich seinen Laden auf den Kopf gestellt, weil ich dachte, dass ich mein Hörgerät bei ihm verloren hätte. Die Dinger kosten 1300 Euro das Stück, da darf man schon mal ein bisschen unverschämt sein und unter die Frisiertische schauen, in die Scherenhalfter und unter das Schaiselong. „Is hier nicht“, vertrieb er mich endlich „hast du draußen verloren.“ Hat er wohl recht gehabt. Jetzt hab ich ein neues, hat die Kasse auf Kulanz gemacht. Habe ich aber vorsichtshalber ausgezogen, bevor ich in den Laden kam, aber der Chef ist trotzdem sauer. Und so bleibt nur der linkische Lulatsch, der mich mit einer unsicheren Geste auf seinen Stuhl winkt. Ich bin nicht gerne bei ihm, denn er redet nicht viel und selbst die „Oben Stufe 9, Seite Stufe 6“-Standardanweisung kommt bei ihm glaube ich, nicht so ganz an. Und mit Bart wird es ja noch komplizierter. Aber er schnippelt beherzt los, bis ich ihm bedeute, dass ich den Bart deutlich kürzer haben will. „Stufe?“ fragt er mürrisch und ich zucke die Schultern. Der Chef wüsste was zu tun ist und ich bin nicht zum Reden hier. Ohne weitere Fragen nimmt er sein größtes Gerät und raspelt grob an meiner Manneszier. Dann figarot er noch ein bisschen mit dem Rasiermesser in den Ecken und weil er mit seinen Anweisungen ein bisschen lahm ist, hab ich mich zu langsam gedreht und ratsch, hat er mir einen Schmiss auf die Wange produziert. Na wunderbar! Wollt ich schon immer haben. „Wie weiland Bursch zu Heidelberg.“ Als wär nix gewesen kramt er nach dem Alaunstift und ätzt ein wenig an der blutenden Stelle herum. Na wenigstens entschuldigen hätt er sich können. Aber nix. Er schweigt. Und weil ich ihn jetzt für den letzten Deppen halte, sage ich jetzt sehr deutlich, was ich von ihm will. Die Augnbrauen noch und die Ohren. Ohhh, oh, das hätt ich besser sein lassen. Den schon hat er eine Klemme mit einem dicken Wattebausch in der Hand, den er reichlich mit Rasierwasser tränkt. Er fummelt sein Feuerzeug aus der Hosentasche und schon brennt das ganze wie ein Molotowcocktail bei der letzten Intifada. Ich erstarre, er wirbelt mit der Frisörfackel um meine Ohren, es knistert und stinkt nach verbrantem Haar, aber, oh Wunder, die Ohren sind noch dran. „Feuerwerk!“ grinst er gutmütig und übergießt alles was an Haaren an mir dran geblieben ist großzügig mit Rasierwasser.
Na, insgesamt hat er alles ganz gut hingekriegt, denk ich als er mit dem Spiegel hinter meinem Kopf herumtanzt. Trinkgeld ist drin, trotz des Kratzers. Er lächelt mich freundlich an, schiebt die Kasse zu und will mir noch was Nettes mit auf den Weg geben. „K kkalt ist es heute, nn icht?“ Oh Gott, der arme Kerl stottert. Wahrscheinlich kommt er auch auf Arabisch nicht zu Wort, bei dem grantigen Chef. Na, da tut er mir jetzt schon ein bisschen leid. Aber das hätt er doch auch vorher sagen können.

Arabisches Axe

Samstagmorgen beim Friseur. Im Raum: vier Männer, alle unter Dreißig, alle die gleiche Sprache und ich. Einer frisiert den anderen, zwei sitzen auf dem Ledersofa und daddeln. „Wenn du viel Geld hast, dann musst du einem Freund was leihen, predigt der Friseur!“ „Oualla!“, bestätigt sein Kunde und die Jungs auf dem Sofa sagen was, was ich nicht verstehe. „Hat ein Freund seinem Freund 2000 Euro geliehen. Der hat seine Hände geküsst. Und jetzt?“ Er macht eine Pause, um die Dramatik zu steigern. „Jetzt muss er seinen Arsch küssen, damit er sein Geld wieder kriegt. Was rufst du mich an?, sagt der. Haben deine Kinder Hunger? Also kannst du warten.“  Pause. „Seine Frau, die ist eine Bosna, die weint…“ Der Rest geht mir verloren, denn jetzt betritt mein Friseur die Szene: älter, kräftiger, offenes Hemd: ganz klar der Chef.  „Maschinenschnitt?“ fragt er ohne das Gesicht zu verziehen, macht den Fernseher an, arabische Popmusik, und legt los.
Geduldige Leser meines Blogs wissen, dass ich immer wieder gerne neue Friseure ausprobiere. In meinem Viertel brauche ich nicht lange warten, bis wieder ein frischer Laden aufmacht. Manche nennen sich jetzt „Barber-Shop“, sind ganz Messing und Dunkelholz gehalten, aber eigentlich sind es Jugendzentren, in denen junge Männer ihre Tage verbringen. Es gibt auch Läden für Frauen und Kinder, aber die meisten, die ich sehe, sind Treffpunkte für Jungs mit großer Klappe und zu viel Zeit. Inzwischen weiß ich, dass es keine gute Idee ist, einen der Großschwätzer an meine Haare zu lassen. Deshalb bin ich froh, heute an einen stillen Profi geraten zu sein. Er braucht keine Viertelstunde, um ruhig mein Haar zu durchstreifen und gibt dann mit kurzen, schnellen Rasiermesserschnitten seinem Werk den letzten Schliff. Und obwohl ich seine Könnerschaft spüre, reizt es mich, ihn auf die Probe zu stellen, als er am Ende seines Schaffens unschlüssig hinter mir steht. „Den Spiegel bitte,“ verlange ich um mir nach alter Väter Sitte die Frisur von hinten anzusehen. Er stutzt, wird unsicher, greift nach einem Parfüm-Flakon und nebelt mich kräftig ein. Erst dann versteht er, was ich will und holt den Handspiegel vom Wandhaken. Alles Bestens. Mit erhobenem Daumen bestätige ich meine Zufriedenheit. Aber der Blick in den Spiegel zeigt mir auch verschwommen, dass meine Augen noch deutlich verengt und weit davon entfernt sind, die Welt in ihrer ganzen Schönheit wahrzunehmen.
Es ist 10 Uhr. Ich brauche mein Koffein.
Im Lieblingseiscafé ein paar hundert Meter weiter werde ich vom freundlichsten und beständigtsten Mitarbeiter in der schnell wechselnden Schar der Kellner empfangen. Der gepflege junge Man bringt mir meinen Kaffee und tritt, was ungewönlich ist, näher an mich heran. „Darf ich erfahren, welches Pafrüm sie benutzen? Ich finde es riecht perfekt.“ Und um seiner Äußerung jeden Verdacht der Homoerotik zu nehmen, weist er über seine Schulter: „Meine Kollegin findet das auch.“ Die dralle Blondierte hinter dem Thresen nickt bestätigend.
Na, so was habe ich ja lange nicht mehr gehört. Jahrelang habe ich mich mit den teuren Weihnachtsgeschenken meiner Schwiegermutter eingedieselt, deren Schwägerin eine Parfümerie hat, ohne je eine so direkte Reaktion darauf zu bekommen.
Das ist ja wie in der Axe-Werbung: Ein Duft, der die Menschen ihre Hemmungen vergessen lässt. Gleich verspreche ich dem jungen Mann, zum Friseur zurück zu fahren, um das Geheimnis zu lüften. Ich vermute im Flakon meines Duftmeisters eine sündhaft teure, seltene Essenz aus dem fernen Arabien. Einen Wunderduft nach altem, geheimen Rezept, der für Männer wie Frauen gleichermaßen unwiderstehlich ist. Doch als ich den Chef von seinem aktuellen Kunden weglocke und ihm die Geschichte erzähle, fragt er nur: „War gut? Kannst du hier kaufen.“ und drückt mir eine billige Plastikflasche mit türkischem Aftershave in die Hand.  Ich deute auf den Kristallflacon und denke er hat mich wieder nicht verstanden. Aber er zeigt mir die Handbewegung, die man beim Umfüllen von einem großen in ein kleines Gefäß macht. „Fünf Euro“, sagt er.

Nachklapp: Eine halbe Stunde später in meinem alten Bioladen. Im engen, kleinen Hinterzimmer für die frischen Produkte. Eine attraktive Frau mit großen Augen und wallenden weißen Haaren steht vor mir und fasst mich an die Schulter. Ich grinse dümmlich zurück. Jetzt ist es soweit, denke ich. Und weil ich nicht weiß, was ich tun soll, bleibe ich einfach stehen. Unglaublich, was so ein neuer Duft alles macht.
„Kann ick ma an die Eia?“, fragt meine Traumfrau, deutlicher werdend und schiebt mich zur Seite.

Das gelobte Land

Mit einer Tasche voller Weihnachtseinkäufe (der Christbaumständer fehlt noch) stolpere ich ins „Haircut 64“, ein arabischer Friseurladen im Afrikanischen Viertel. Noch einmal ordentlich hübsch machen für die Feiertage. Der diensthabende Figaro tut so, als erinnere er sich an mich:

Stufe 5 , einmal alles, oder?

Nein, Stufe 6 an den Seiten, Stufe 9 oben – so war das.

Ehrlich? Wollen Sie auch rasieren mit warmen Schaum und Wachs an den Seiten?

Nein, aber Augenbrauen ausdünnen und Ohren absengen.

Während er mir den Kragen umschlägt und  mich in einen schwarzen Umhang hüllt (mit Sichtfenster für die Hände – und das Handy), kommt ein junger Kerl mit langem dunklen Bart, mehr Hipster als Taliban, aus dem Hinterzimmer. Anscheinend hat er dort etwas im Internet gefunden, was seine Meinung unterstützt. Aufgeregt deklamiert schon im Anlauf auf seinen Kunden, den Mann neben mir: Oualla, ein Palästinenser hat bereut, dass er mit den Israelis zusammen gearbeitet hat. Er sagt, er will sterben, diese Schande. Was macht man mit so einem? Sein Kunde, ein massiger Araber, brüllt die Antwort, als stände er ohne Megafon vor einer Versammlung im Gaza-Streifen: Einen Verräter erschießt man oder man hängt ihn auf. Wenn Krieg ist, erschießt man ihn! Genau!, pflichtet der Bartjunge zu, ich hasse die Israelis.

Ich liebe Amerika, gibt sein Kunde überraschend  zurück. Amerika ist großartig. Aus Amerika kommt alles was wir lieben. Was für Zigaretten rauchst du?, fragt er den jungen Palestinenser. Äh, ich rauche türkischen Tabak. Der Freund der USA versucht es noch mal anders herum: Aber du trägst Jeans, die kommen aus Amerika. Du trägst keine palestinensischen Kleider, du trägst amerikanische. Amerika ist die wichtigste Wirtschaft auf der Welt, doziert er mit Stentorstimme weiter. Sogar unser Benzin kommt von da. Deutschland ist schwach. Der DAX ist bei 13 000 in Amerika sind sie bei 23 000!

Aber dich lassen sie nicht rein, gibt der Junge keck zurück. Du bist Araber. Die wollen dich nicht! Und Deutschland gibt dir Sozialamt und Asyl und Wohnung. Warum liebst du nicht Deutschland? Ich habe einen Traum, brüllt der Araber, jeder muss einen Traum haben. Irgenwann lassen sie mich rein. Jedes Land hat mal einen guten oder einen schlechten Chef. Das ist so. Und du? Warum lebst du nicht in Palästina, wenn du es so liebst? Ich sag dir: Ich finde es gut, dass die Israelis da sind. Die Israelis sind eine Demokratie! Die Araber kommen aus Afrika.

Das ist unser Land, gibt der Palästinenser ruhig zurück. Nein, beharrt der Araber, das gehört den Israelis. Moses hat es ihnen vor 2000 Jahren gegeben. Das ist ja schon eine ganz schöne Weile her, mische ich mich ein. Mein Friseuer gluckst vor Freude. Mir scheint,  dass er das Gebrüll nicht sonderlich ernst nimmt und sich auf eine deutsche Arabeske freut. Aber die Nachbarn sind zu sehr in ihrem gepflegten Streit, als dass sie auf mich eingehen könnten. Mittlerweile geht’s wieder ums Sterben.

Was machen die Israelis, wenn du ihr Feind bist?, fragt der Araber. Die schießen auf dich, und wenn du verwundet bist, bringen sie dich ins Krankenhaus, das machen die Israelis. Und was machen die Palästinenser? Wenn du ihr Feind bist, dann reißen sie dir den Arsch auf, mit einer Flasche, sie vergewaltigen dich. Der Palästinenser wird immer ruhiger. Vielleicht ist es auch nur der Respekt vor dem Kunden. den er nicht verlieren möchte. Die Israelis erschießen jeden Tag Palästinenser – und ich bin bereit zu sterben für mein Land, sagt er aufopferungsbereit. Sein Kunde greift das sofort auf und dreht es um: Du lebst hier. Und wieviel Araber erschießen die Israelis pro Tag? Vielleicht drei, vielleicht fünf. Und wieviele Araber tötet Assat in Syrien jeden Tag? Ich sag dir: Es sind hunderte!

Während der Nahostkonflikt sich ausbreitet, hat mein Friseur sein Feuerzeug gezückt und lässt die Flamme über meine Ohren lecken. Es riecht nach verbrannten Haaren.

Lost in translation

„Ey, was machst du da?“, schreie ich und reiße meinen Kopf nach links. Der Typ hinter mir zuckt zusammen und zieht sein elektrisches Schergerät mit einem Ruck nach oben, aber es ist zu spät. Über dem rechten Ohr hat der Idiot eine Schneise in meine zerzausten „ich wollt schon vor drei Wochen zum Friseur gehen“-Haare gefräst. Ich kann die Kopfhaut sehen. „Das sind doch keine neun Millimeter!“, belle ich mein Spiegelbild an und sehe, wie der Aushilfs-Figaro hinter mir hilfesuchend zu seinem bärtigen Chef mit der Basecap schaut. „Oh ‚tschuldige, tut mir echt leid,“ sagt der unberührt, „ich hab null Millimeter verstanden,“ schnappt sich das noch surrende Gerät, schiebt seinen Landsmann zur Seite und versucht zu retten was zu retten ist.

Aufmerksame Leser meines Blogs, wissen, dass ich, was meine Haare angeht, experimentierfreudig bin. Nicht was die Form betrifft, sondern wie die immer gleiche Aufgabe „Neun Millimeter mit der Maschine“ von den Haarkünstlern verschiedener Herkunft in meinem Viertel gemeistert wird. Man könnte sagen, ich mache eine Reise um die Welt – nicht in meinem Kopf, sondern obendrauf. Gewöhnlich stehe ich eine Weile vor dem Schaufenster und schaue mir an, wie die Kunden behandelt werden, ob sie glücklich ausschauen, an welche Schnitte sich der Maestro heranwagt. Erst dann traue ich mich einzutreten. Doch heute musste es schnell gehen. Es ist schon halb acht abends, morgen kommt meine Schwester, ich gehe mir eine Wohnung anschauen und übermorgen ist Kindergeburtstag. Alles Anlässe, an denen ein gepflegtes Äußeres gefragt ist. Hektik ist immer gefährlich. Und so lande ich bei Haircut 2000, dem letzten Laden, der um die Zeit noch aufhat. Eine neonhelle Türkenbude, in der der ein paar Jungmänner sich an ihren schwarzen Bärten herumsäbeln und ungewünschte Haare mit grünem Wachs herausreißen lassen.

Es hätte mich skeptisch machen müssen, dass mein Friseur mich nicht mit Worten auf den Stuhl bat, sondern mit Gesten. Als er mir die Halskrause umlegte hörte ich, dass er viele Fragen an seinen Chef hat. Tamam? Tamam! ging es hin und her. Jetzt ist es zu spät. Der Mann, der mich nach dem Massaker aus dem Spiegel anschaut ist blass, eckig, hart  und sehr grau. Ich versuche mich an das Gesicht gewöhnen, mit dem ich die nächsten Wochen herumlaufen muss. Verlegen lächelt der Ungeschickte mich an. „Creme?“, fragt er und weil ich nicht weiß, was er will, und weil jetzt schon alles egal ist, nicke ich ergeben. Er beginnt, meine Wangen und meinen Nacken mit Nivea-Creme zu massieren. Und als er damit fertig ist, nimmt er meinen Unterarm und walkt ihn mit seinen klobigen, festen Händen. Er  arbeitet sich weiter über die Schultern und landet mit seinen beiden Unterarmen auf meinem Rücken. Jetzt weiß ich was das wird. Das ist die kochenbrechende Art von Massagen, die man als Mann in türkischen Bädern bekommt. „Er möchte sich bei Ihnen entschuldigen“, übersetzt mir der Chef die Körpersprache. Die Entschuldigung nehme ich an. Diese harten, männlichen Freundlichkeitsbeweise sind genau das, was ich nach meinem hysterischen Kindergeburtstagsvorbereitungstag gebraucht habe. Aber in Worte fassen konnte ich dieses Bedürfnis nicht. Was die Wünsche meines Körpers angeht, bin ich genau so sprachlos, wie mein türkischer Masseur, der neu in Deutschland ist.

Jetzt  kann ich wieder lächeln und schau noch mal in den Spiegel: Sieht doch gar nicht so schlecht aus, so kurz. So ein bisschen gewagter, nicht so bieder – und als ich mir die Brille aufsetzte sehe ich ganz klar: Ein gereifter, distinguierter Großstadt-Intellektueller. „Geht aufs Haus“, sagt der Chef, als er mich zur Tür begleitet.

Locke und Glatze

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Der haarige, dunkle Mann wischt sich erst ein mal die Rotze von der Nase, schmiert sie mit der Hand an sein Kaputzenshirt und fragt: „Wie lang?“ Ich sitze in einen Stuhl gepresst, einen Umhang um meine Schultern, und etwas in mir sagt mir, dass ich am besten hier schnell verschwinden sollte. Aber das Gefühl hatte ich schon oft, und doch ist meistens alles gut gegangen – meistens. Die Neugier siegt über den Ekel und ich  antworte mechanisch „Neun Milimeter“. Der Mann grunzt und  legt los.  Mit einem Gerät, das an einen Faustkeil erinnert, fährt er grob über meinen Schädel. Mein Kopf nickt und schwankt willenlos. Ich bin beim Frisör.

Jeden Monat einmal stürze ich mich dieses Abenteuer. Vom abgeschabten „Salon für den Herrn“ mit Wirtschaftswunderinterieur über die ungezählten türkischen oder arabischen Barbiere bis zu hippen Salons, die so kreative Namen wie „Ware Schönheit“  führen: Ich probiere die Haarkünstler in meinem Kietz aus. Friseurläden gibt es im Wedding noch häufiger als Handy-Shops, Spätis oder Dönerbuden – und das will was heißen. Und wenn ich etwas liebe, dann ist es mich in einem überreichen Angebot treiben zu lassen und die Vielfalt zu genießen. Angst verunstaltet zu werden habe ich dabei nicht. Mit dem Alter wächst nicht nur die Freifläche auf meinem Haupt, sondern auch der Wagemut. Und den brauche ich. Denn lange konnte ich keinen Friseurladen betreten, ohne schmerzhaft das kindliche Trauma zu spüren, das der Dorffigaro meiner Jugend in und auf meinem Kopf hinterlassen hat. Es trägt den Namen „Faconschnitt“. Das ist jene one-size-fits-all-Frisur der späten Sechziger, die bei mir immer dazu führte, dass sich meine Haare am Hinterkopf wie elektrisch aufgeladen in die Höhe stellten. „Sträußchen“ nannte das meine Mutter. Meine Schulkameraden hatten weniger schmeichelhafte Worte dafür. Nun sind die Zeiten vorbei, an denen ein Friseur an meinen Haaren etwas ge- oder verunstalten könnte. Vorbei auch die Zeiten, in denen ich mich darauf verlassen konnte, dass die Menschen, die mit Messer und Schere an meinem Kopf hantieren ihr Handwerk auf ordentliche Weise gelernt hatten. Heute darf das jeder. Aber das macht die Sache für mich erst richtig spannend. Schon mit der Art, mit der mir die Kreppapierkrause umgelegt wird, merke ich, ob der Haarkünstler in meinem Nacken in seinem vorherigen Beruf  Schafe geschoren hat oder ob er sein Fach von der Pike auf gelernt hat. Wenig Hoffnung, heil aus der Sache raus zu kommen habe ich mittlerweile bei schlecht blondierten Damen, die ein 400-Euro Job in das Gewerbe gelockt hat. Sie schnippeln und schaben so lange hilflos auf meiner empfindlichen Haut herum, bis sie in meinem Nacken aussieht wie bei einem Ferkel mit Rotlauf. Aber was mich immer wieder für die kleinen Mißgeschicke entschädigt, ist das wohlige Gefühl, wenn ich an einen Meister gerate, der mit Liebe bei der Sache ist und mich für 8 Euro verwöhnt, als säße ich bei Udo Walz persönlich. Der das Rasiermesser (und eine frische Klinge) auspackt und die Übergänge fein säuberlich nacharbeitet, der sich um Ohren und Augenbrauen kümmert und mich vielleicht noch mit kühlendem Rosenwasser erfrischt. Wenn ich dann frisch frisiert auf die Straße trete, fühle ich mich wie ein gepflegter Mann von Welt. Viel zu schick eigentlich für den schäbigen Kietz.

Mittlerweile hat mein haariger Meister im Salon „Haarbibi“seine Arbeit wortlos beendet. So wie er meinen Kopf hin und hergeworfen hat,  gehört er ganz eindeutig zu der Sorte „Schafscherer“ und ich ahne nichts Gutes. Ich bedeute ihm, den Spiegel von der Wand zu holen, damit ich sein Werk betrachen kann. Sieht gut aus, erstaunlich gut. Er merkt meine Zufriedenheit und sagt: „An der Seite habe ich 6 Milimeter gemacht, da sind die Haare dicker.“ Es gibt viele unentdeckte Künstler im Wedding.