Der verfluchte, weiße Elefant

Immer noch Vilnius. Und wieder ein Gebäude, das man nicht auf der Touristen-Karte findet und auch nicht im Reiseführer. Offiziell ist hier grüne Wiese. Dabei ist der Bau unübersehbar, von weitem sichtbar, denn er ist riesig, um nicht zu sagen: gigantisch! Es steht einfach da, seit 1971, gegenüber dem litauischen Nationalmuseum, aber am anderen Ufer der Neris. Am Nationalmuseum wird kräftig gebaut. Es bekommt ein neues Dach und bald wohl auch einen neuen Inhalt. Am ehemaligen Sportpalast aus Sowjetzeiten, dem großen weißen Elefanten im Stadtraum, werkelt nur ein einsamer Elektriker, der uns verscheuchen will. „No civilians here!“, herrscht er uns an als sei es militärisches Sperrgebiet. Aber da ist unser Entdeckergeist schon längst geweckt.

Ich schlüpfe durch eine Lücke im Bauzaun, die mein Freund, wie in alten Zeiten, für mich aufhält. Eine halbe Stunde springe ich mit der Kamera um den Palast wie ein Kind um den Weihnachtsbaum. Alles für mich und an jeder Ecke wartet ein neuer phantastischer Blickwinkel wie ein neues Päckchen, das ich auspacken darf. Ich stolpere auch über einen Gedenkstein, in Hebräisch und Litauisch. Auch er nicht auf der Karte eingetragen. Keine Chance, das zu entziffern. Erstmal genug Rätselraten für heute. Gibt noch andere schöne Ecken in der Stadt. Die übervolle Markthalle zum Beispiel.

Am nächsten Tag regnet es. Genug Zeit, für ein paar Recherchen. In alten Bildbänden, die wir im Gastraum unseres Hostels finden, gibt es Fotos, die den Koloss in besseren Zeiten zeigen. Aber seltsamerweise weit hinten und ohne großen Kommentar. Dabei war man in der Sowjetunion doch meist sehr stolz auf die Neubauten. Im Technikmuseum gibt es ein Stadtmodell von 1980, das den Sportkomplex in seiner ganzen Größe zeigt. Mit Schwimmbad und Stadion. Das Stadion ist längst abgerissen und durch moderne Bürohäuser und Stadtvillen überbaut, das Schwimmbad ist eine Ruine. Der Koloss hat überlebt und steht seit ein paar Jahren unter Denkmalschutz. Aber warum steht er leer? Warum will keiner etwas davon wissen?

Weil er und das Stadion auf einem Gräberfeld gebaut wurden. Das war es, was auf dem Gedenkstein stand. (Google kann zwar kein Litauisch, aber Hebräisch) Hier war der älteste jüdische Friedhof von Vilnius. Die jüdische Bevölkerung, die einmal mehr als ein Drittel der Einwohner zählte, wurde von den Deutschen umgebracht. Die Sowjets haben dann in den 1950ern die Reste des Friedhofs einfach planiert und den Sportkomplex draufgesetzt. Spiel und Spaß auf den Gräbern von toten Juden. Eine Freundin aus Ost-Berlin erzählte mir Ähnliches. Der jüdische Friedhof im Scheunenviertel sei der Sportplatz ihrer Schule gewesen. Kein Wunder, dass das nicht gut ging. Nachdem Litauen unabhängig war, gab es laut Wikipedia eine Klage der Nachkommen der dort Beerdigten gegen eine neue Nutzung. Seitdem herrscht Grabesstille und der Palast ist zum Nicht-Ort geworden.

Als wir am Bahnhof von Vilnius auf unseren Zug warten, kommt ein alter Mann auf uns zu. Gebeugt, kleiner Rucksack, schwarze Laptoptasche. Er sucht seinen Stock und findet ihn auf unserer Bank. Sein Gesicht kommt mir bekannt vor. Als er mit weicher dunkler Stimme in langsamem Deutsch anfängt zu erzählen denke ich : Leonhard Cohen. Das gleiche Lächeln, die gleiche Stimme. Aber seine Geschichte ist eine andere. 1942 sei er im Ghetto von Vilnius geboren. Es habe damals keine Babys im Ghetto geben dürfen. Frauen hätten ihn versteckt und er sei in einem Haus aufgewachsen. Ihm fehlt das Wort und er formt ein Dach mit den Händen „für Kinder“. Er sei Sportler geworden und lebe jetzt in Israel. Heute sei er zu einer Gedenkfeier hier gewesen, allein, mit 83, mit dem Zug. Jetzt wolle er weiter nach Byalistok, zu „Anwandten“. Später sehe ich ihn im Zug. Er sprich Litauisch mit der Schaffnerin und telefoniert mit seinen Verwandten auf Polnisch. Als ich mich neben ihn setze, schweigt er einen Moment und entschuldigt sich dann. Es dauere etwas, bis er wieder umdenken könne – von Polnisch auf Deutsch. Als eine Frau mit Kinderwagen zusteigt, steht er auf, und bietet ihr seinen Platz an. Die lehnt ab, als sie ihn wacklig auf den Stock gestützt stehen sieht. „Tapfere Frau“, sagt er, als er sich wieder in seinen Sitz fallen lässt.

Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass es in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Berlin, ein Garten Eden

Manchmal hat das Warten an der „Bettelampeln“ über die vierspurige Seestraße auch etwas Gutes. Denn wenn ich schnell über die Staße gekommen wäre, hätte ich die Frauen gar nicht bemerkt, die ihre Hände in die Büsche an der Straßenbahnhaltestelle Seestraße steckten. Und erst recht nicht die roten Beeren, die sie unter den halbvertrockneten Blättern der frisch gestutzten Sträucher hervorholen. „Darf ich fragen, was das für Beeren sind, die sie da pflücken?“ frage ich eine Frau mit einer schon halb gefüllten Plastiktüte. Sie versucht es zuerst auf Englisch: „You eat it with sugar.“, aber den Namen der Frucht fällt ihr nicht ein, dann auf Französisch, „pour Marmelade“, aber zuletzt ruft sie eine Freundin, mit der sie Türkisch spricht und die mir auf Deutsch antwortet. „Das sind Kizilcìk, der deutsche Name fällt mir gerade nicht ein.“ Google hilft und wir finden heraus, dass es Kornellkirschen heißt. Ich probiere eine hellrote Kirsche und es zieht mir den Mund zusammen. Sauer! „Sie müssen die dunklen nehmen.“, lacht meine Ratgeberin. „Am besten sind sie mit Zucker oder man kann sie mit Apfelsaft zu Marmelade kochen.“ Eine weitere Frau kommt vorbei und rät mir, die Beeren vorher abzuwaschen: „Wegen der Autos und der Leute, die hier vorbeikommen.“ Sie kennt noch weitere Standorte, war gerade in Rudow. Anscheinend ist gerade in ganz Berlin Erntezeit. Und sie weiß, dass es ein paar Meter weiter, vor der Kapernaum-Kirche noch eine leckere Spezialität gibt: Lorbeerkirschen. „Sie müssen den Kern zerbeißen, dann schmeckt es wie Marzipan.“, schwärmt sie. Und als sei das nicht genug, weist sie über die Straße zu dem Chinesischen Restaurant: „Dort steht ein Pflaumenbaum, schöne, kleine feste Früchte. Aber keiner erntet sie. Es ist so schade.“ Der Wedding ist ein Paradies, ein Garten Eden für den, der sich auskennt. Ich hab es immer gewusst. Der Herr sorgt für die seinen. Die Lorbeerkirschen waren mir dann aber doch zu bitter.

(Was auch gut so ist. Durch einen Kommentar habe ich erfahren, dass man die Lorberkirschen besser nicht roh isst, und vor allem nicht auf die Kerne beißt, weil die eine Vorstufe von Blausäure enthalten,)

Ausflug ins Grüne

In meinem Stadtteil gibt es eine große Unbekannte. Eine sehr große: 80 Hektar groß, 135 Gebäude, 85 Hallen, der Eingang direkt zwischen Kentucky Fried Chicken und Autobahnzubringer gelegen: Die Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr. Als hier noch die französische Armée de l‘ Air einquartiert war gab´s das Deutsch-Französische Volksfest und ab und zu mal eine Parade die Straße runter. Von der Bundeswehr, die hier seit 1994 eingezogen ist, kriegt man wenig mit. Selten sieht man Rekruten und Rekrutinnen beim Gepäckmarsch durch den angrenzenden Park schwitzen, manchmal ein Hubschrauber, aber sonst ist die graue Betonmauer mit Stacheldraht hoch genug, um die Kaserne von der Welt abzuschirmen. Früher gab es mal einen Tag der offenen Tür. Aber das ist dieses Jahr auch nichts geplant, zumindest nicht in der Kaserne. Statt dessen Plakate überall in der Stadt, die für den Wehrdienst werben. Freiwillig, natürlich. Da will ich mal nachhören, was da so los ist und was die Freiwilligen erwartet. Es ist nicht gut, wenn Gesellschaft und Militär nichts voneinander wissen. Außerdem wird es nicht mehr lange so ruhig bleiben. Immerhin las ich in der Zeitung, dass in die Kaserne 190 Millionen Euro investiert werden sollen. So etwas geht an einem Stadtviertel nicht einfach so vorbei. Also frage ich mich mal durch, so als Feierabendjournalist. Ich lande bei einem Presseoffizier, einem mürrischen Oberstleutnant, der mir nach langem Warten schriftlich zur Antwort gibt, dass man „die Anfrage weder von den Kapazitäten noch inhaltlich sicher stellen“ könne. Und außerdem: Die Sicherheitslage. Na gut: Unser Kiez-Magazin ist nicht der Spiegel. Aber auch der machte sich neulich etwas befremdet lustig über das Fremdeln der Truppe mit der Öffentlichkeit. Ich bleibe hartnäckig und bekomme endlich den genervten Anruf, dass die eingereichten Fragen noch vor Ostern beantwortet würden. Ich bin gespannt. Aber jetzt brauche ich ja noch Fotos von der Liegenschaft. Meinen Oberstleutnant will ich nicht noch mal belästigen. Also mache ich einen Sonntagsnachmittagsausflug über die neu angelegte, mit grünen Streifen markierten Fahrradstraße entlang der Kasernenmauer.

Natürlich ist es heikel, in den heutigen Zeiten eine Militäranlage zu fotografieren. Aber nirgendwo sehe ich die im Osten so verbreiteten Schilder, die das Fotografieren verbieten. Sind ja auch eine Demokratie mit Pressefreiheit, schließlich. Dafür wird vor Schusswaffengebrauch gewarnt. Auch nicht gemütlich. Aber so weit kommt es nicht. Das Wachbatalion der Bundeswehr nähert sich leise in einem französischen Elektroauto des BW-Fuhrpark, schwarz mit Eisernem Kreuz. Ein ausgesprochen entspannter junger Soldat in Flecktarn-Uniform steigt auf der Beifahrerseite aus. Wir tauschen Höflichkeiten aus, die von gegenseitiger Wertschätzung, Interesse und dem deutlichen Fähigkeit zur Deeskalation geprägt sind, derweil der etwas derbere Fahrer bereit steht, wenn es nötig würde, unfreundlich zu werden. Gerne zeige ich meinen Ausweis und erzähle von meinem Kontakt mit dem Presseoffizier. Der Soldat wundert sich, als ich ihm von der mühseligen Informationsbeschaffung berichte. Eigentlich seien doch ständig Journalisten in der Kaserne und er sei gerne bereit mir Fragen zu beantworten. Ob es stimme, dass es einen Kindergarten auf dem Kasernengelände gebe, frage ich. „Ja, die Kita „Wilde Wiese“, bestätigt er. Und ob die Elektroleitungen wirklich noch aus der französischen Zeit stammten, wie sein General der Zeitung anvertraut habe? „Ja, die Wasserleitungen auch.“ Doch bald erlahmt seine Konversationsfreude und er fragt mich, was ich heute noch vor hätte. Mit der Kaserne sei ich fertig, ich wolle jetzt essen gehen. Das reicht ihm und er lässt mich ziehen. Ich bin froh, dass ich meine Kamera nicht herausgeben musste und das Elektroauto surrt weiter. Es stimmt nicht, dass die Bundeswehr den Herausforderungen der modernen Zeit nicht gewachsen ist.

Stairway to Heaven

Arztbesuche eröffnen manchmal ungewohnte Aussichten: Das ist die Dankeskirche auf dem Weddingplatz in Berlin. Auf dem Boden stehend eine ziemlich hässliche Betonkirche. Aus der Praxis meines neuen Arztes im 4. Stock hat man den Überblick, ist man dem Himmel näher und erkennt das Große und Ganze in seiner aufstrebenden Schönheit. Und es keimt Hoffnung in mir auf, dass es doch noch was werden könnte mit dem Seelenfrieden. Was ich denn tun müsse, frage ich den Doktor, um trotz meiner müden Knochen irgendwann doch noch auf den Pilgerweg in Spanien gehen zu können? Sport soll ich machen, sagt der Doktor, Muskelaufbau. Ich? Sport? Soll ich im Alter anfangen, Dummheiten zu machen, die ich mein ganzes Leben vermieden habe? Oh Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen…

Die Tränen der Inder

„Wer will schon im Winter sein Fahrrad reparieren lassen?“, dache ich und dünkte mich schlau. Denn alles Volk hatte sich vor der Kälte unter die Erde verkrochen und fuhr in den dunklen Röhren seinem Ziel entgegen oder es spaltete den grauen Schneematsch auf den Straßen mit wuchtigem Gefährt. Leer wähnte ich die Werkstatt und schnell würden die flinken Hände des kundigen Meisters die müde Kette meines Rades von den Zahnrädern befreien, in die sie sich mit den Jahren eingefressen hatte. Bei fröhlichem Gespräch wäre das Werk schnell getan und frei und sanft würde mein Rad mit mir Richtung Frühling rollen. „Der Winter muss weichen, weil er weichen muss…“, sang ich mit Hannes Wader.

Vergessen hatte ich aber die dunklen Knechte, die mit klobigen Kapuzen auf dicken Rädern auf das Geheiß fremder Stimmen an den Rändern der breiten Avenuen ihr Tag- und vor allem ihr Nachtwerk verrichteten. Jene, die in täglicher Fron warmes Essen zu den Reichen unter den Hungrigen dieser Stadt bringen. Nicht mehr als Schatten waren sie bislang, die meine täglichen Wege lautlos begleiteten; unfassbar, unnahbar, unverständlich. Auch wenn das Schicksal uns zuweilen an einer roten Ampel zusammenführte, gab es keinen Blick, kein Lächeln, kein Zeichen gemeinsam erlittener Unbill in Wetter und Wind. Immer waren sie in einer anderen Sprache in einer andern Welt – verbunden über eine leuchtende Kiste mit einem Signal zu den Sternen.

Jetzt aber waren sie hier in der Werkstatt. „I will call you, not: You call me! Understand?“ brüllte der Fahrradmechaniker einen Mann mit rundem dunklen Gesicht an. Der hatte weiße iPods in den Ohren, eine graue Kapuze über dem Kopf und ein stoisches Buddha-Lächeln im Gesicht. Und er ging nicht weg. „Also gut, lenkte der Schrauber ein: „Wo steht es denn?“ Später sehe ich sie beide auf dem Gehweg, das schwere Lieferfahrrad im Schnee auf den Kopf gestellt. Sie diskutierten halb Deutsch, halb Englisch die Ursache für das Lahmen des Stahlrosses. Da hatte mir der Praktikant, in einer Hand einen Döner mampfend, schon den Reparaturzettel ausgestellt. „Montag, vielleicht schon Samstag. Wir rufen Sie an.“

Es wird Montag in der Mittagspause. Der Meister ist allein. Hektisch, aber mit genauen Griffen zirkelt er zwischen meinem aufgebockten Rad, einem Pappbecher mit Kaffee und einer Packung Tabak hin und her. Der Zweiradmechanikermeister, bei dem ich die Jahre davor war, hat mit 50 einen Herzinfarkt bekommen und den Laden an seinen Gesellen abgeben müssen. Mein neuer Meister ist Anfang Dreißig und hat das noch vor sich, wenn er so weiter macht. Er ist überall gleichzeitig. Als eine junge Frau mit ihrem Rad in den Laden kommt, weiß er sofort, wo es hakt, drückt mir gleichzeitig mein Rad für die Probefahrt in die Hand und dreht sich eine mit dem Tabak. Als ich zurückkomme sitzt er vor seinem Laden und raucht. Die Schaltung geht nicht ganz geschmeidig. Das lässt ihm keine Ruhe, und schon sind wir wieder in der Werkstatt. „Dauert nur einen Moment.“, sagt er und drückt auf die Kaffeemaschine – für mich. Mit dem Becher in der Hand kommen wir ins Reden. „Du machst viel für Wolt, oder?“ frage ich neugierig. „Nein, ich mach das für die Jungs. Die Fahrräder müssen sie selber leasen. 150 Euro im Monat. Aber die Firma hat in Berlin nur zwei Werkstätten und da müssen sie sich eine Woche vorher anmelden. Deshalb kommen sie zu mir.“ „Und das geht so einfach, bei geleasten Rädern?“ „Die Jungs kommen aus Pakistan oder Indien, die werden bei Wolt pro Lieferung bezahlt. Die haben Druck und nehmen keine Rücksicht auf das Material. Das sind gute Räder, aber auch die halten das nicht lange aus. Wenn ihr Rad kaputt ist, können sie nicht eine Woche warten. Sie kommen zu mir und weinen. Was soll ich machen?“ Ein stolzes Grinsen fährt über sein Gesicht: „Erst wollte der Hersteller mir verbieten, ihnen zu helfen. Aber ich habe mir dann die Teile besorgt, aus China. Inzwischen kann ich alles außer dem Steuergerät selber machen.“ Einen größeren Laden bräuchte er. Den hier teile er sich mit dem türkischen Schlüsseldienst. Und er sei sehr froh, dass sie ihn reingelassen haben. Alleine könne er die Miete für den Laden nicht stemmen. „Da müsste ich 150 Euro am Tag nur für die Miete verdienen.“ Dabei stehen im Wedding dutzende Läden in allen Größen leer. Von mir will er 20 Euro weniger als ich für die Reparatur im anderen Laden vor drei Jahren bezahlt habe. Dabei hat er zusätzlich noch alle Seilzüge ausgetauscht. „Hat ja keiner Geld heute“, murmelt er. Am Wochenende sei er übrigens selber auf Tour, erzählt er, noch in der Tür stehend, als ich mein Rad nach draußen schiebe: Für Lieferando. Es sei schwer, nach einer Woche in der Werkstatt Sonntags früh aus den Federn zu kommen. Aber da werde er nach Stunden bezahlt. 13 Euro irgendwas. Und er fahre die Touren mit dem Auto. Mit dem Fahrrad sei es zu anstrengend.

Wer diese Lieferung am Ende wohl bezahlt hat?

Entwertet

Es ist Herbst, die Zeit, in der das Leben sich verabschiedet und wir uns vorbereiten auf die karge Zeit, die vor uns liegt. Und während der Landmann die Früchte des Jahres in die Scheuer fährt und mit eisernem Pflug den Acker umbricht, schwinge ich mich auf mein Moped und fahre mit den letzten Sonnenstrahlen zum letzen Postamt in unserem Viertel. Auch wenn das Erntedankfest schon lange Vergangenheit ist, hoffe ich eine Ernte einzufahren, die Ernte fast 10 Jahren eifrigen Sparens und auch ich will mich verabschieden: Von meinem Postsparbuch, das mich begleitet, seit ich 16 wurde. Es ist kein leichter Abschied. Und er ist nicht freiwillig.
Ein Sparbuch bei der Post, das war in den späten 1970er-Jahren ein Ticket in die Freiheit. Ohne ein Konto zu eröffnen, was die Unterschrift der Eltern verlangt hätte, konnte ich mein Geld einzahlen, das ich in der Fabrik, mit Zeitungsaustragen und Nachhilfestunden verdient hatte und konnte bei jedem Postamt in ganz (West-)Europa Geld abheben. Kostenlos. Keine Eurochecks, keine American Express Travelerschecks, keine Kreditkarte. Und es klappte wirklich überall. Im Dorfpostamt im County Galway und im prächtigen marmornen Postpalast von Bologna (oder war es Perugia?) In Schottland und in Alicante. Später sogar in Hoyerswerda und im Hauptpostamt Leipzig, von wo ich Telegramme in den Westen schickte. Aber da war die Welt schon eine andere.

Ich bin der Post immer treu geblieben, auch als es dann EC-Karten und Geldautomaten gab. Die Post sich selber leider nicht. Es war das erste Mal in Manchester, in den späten 1980ern, als ich einem Brief in einen Schreibwarenladen aufgeben musste, der nachlässig ein Pappschild „Post Office“ ins Schaufenster gelegt hatte. Die Royal Mail hatte den Service „privatized“. Mein Weltbild war endgültig erschüttert, als ich sah, dass man auch Telefone dort einfach so kaufen konnte. Wozu fragte ich mich? Wer einen Telefonanschluss bei der Bundespost beantragte, der bekam das Telefon -grau und stabil – doch gleich mit dazu. Andere Telefone, bunt und mit Tasten und ohne Prüfung und Zulassungssiegel der Deutschen Bundespost: Das konnte doch nichts taugen. Wie für W. I. Lenin war für mich die Deutsche Post das Maß aller Dinge.

Die Frau hinter dem Schalter ist weißhaarig. Ihr müder Kollege am Schalter daneben und die kleine Frau, die im Lagerraum ein Paket wegträgt auch. Es sind wohl die letzten Postbeamten des Wedding. Und auch vor dem Schalter: alte Leute wie ich, wenn man mal von denen absieht, die Pakete nach Vietnam oder in die Türkei abgeben wollen. Gibt es eigentlich den „Postrentendienst“ noch, mit dem früher pünktlich zum Monatsersten alle Rentnerinnen und Rentner ihr Ruhegeld am Schalter bekamen? Was es auf jeden Fall noch gibt, ist der behördliche Tonfall. Wie in den alten Zeiten werde ich erstmal angepflaumt: „Ihr Sparbuch auflösen? Da wären se mal besser vor 14 Uhr jekomm!“ Davon stand nichts in der Nachricht der Postbank, die mir mitgeteilt hatte, dass sie „…den Service Postsparbuch…“ in Kürze einstellen will. Aber weil das Berlin ist kommt nach der Schnauze das Herz, und die Frau hinter dem Schalter macht sich mit einem sarkastischen „Na, dann jeben se mal her.“ trotzdem an ihre traurige Pflicht. Sie tippt, lässt sich meinen Ausweis geben und ein Drucker fiept. Ein kleiner weißer Kasten, der noch so solide aussieht als sei er aus der BTX-Zeit der Bundespost, spuckt viele weiße Zettel aus, die die Postfrau akkurat mit viel Theater auf die grauen Seiten meines Sparbuchs klebt. „Was das alles für ein Abfall macht…“, seufzt sie. Es ist eine lange Prozedur und ich glaube, sie fühlt genau wie ich, dass wir beide hier etwas tun, was uns bald fehlen wird, dass wir ein sinnlos gewordenes Ritual aus längst vergangenen Zeiten ein letztes Mal gemeinsam zelebrieren. 2016 hatte ich noch einmal persönlich etwas eingezahlt. Seitdem lag das Buch in der Schublade. Von 2009 bis 2015 wurde die Postbank nach und nach von der Deutschen Bank übernommen. Was der Drucker ausspuckt ist ernüchternd: Bis 2017 gab es jedes Jahr noch ein paar Euro Zinsen und einen extra Bonus für treue Sparer. Zwischen 2018 und 2022 waren es noch 7 Cent Zinsen – pro Jahr – und Boni gab nur noch für die Manager der Deutschen Bank. „Das sind mehr als 0,01 %,. Da könn se sich nich beschweren.“, nimmt mir die erfahrene Kundenbetreuerin mir meine Enttäuschung aus dem Mund und haut noch einen drauf: „Is ja besser als nix.“ Langsam ahne ich, wer die Kosten der Bankencrashs von 2008 bezahlt hat.
Aber auch die paar Cent müssen natürlich genau verbucht werden. Da ist die Postfrau noch richtig amtlich. Die Seiten in meinem Sparbuch reichen nicht. Aus grauem Papier legt sie Extraseiten an und stempelt sie einzeln ab. Ganz zum Schluss schneidet sie die rechte untere Ecke ab und geht nach hinten. Ich höre den harten Knall eines eisernen Handstempels, wie man ihn nur in der Post hören kann, dann bekomme ich das Buch zurück.“Entwertet“ steht jetzt auf der letzten Seite. „Warten se noch ne Woche, bevor sie das Buch ihren Enkeln zum Spielen jeben.“, verabschiedet sie sich. „Dann sollte das Geld auf ihrem Konto sein.“, gibt sie mir auf den Weg und es klingt so, als würde sie es selbst nicht glauben. Es ist viel schief gelaufen bei der Deutschen Post, seit sie wiedervereinigt und privatisiert wurde und das sitzt der gestandenen Postbeamtin in jeder Falte ihrer dünn gewordenen Dienstbluse.

Auf dem Rückweg durch die lange Halle mit der gar nicht mehr so langen Schlange der Wartenden komme ich an einem Ständer mit Postkarten vorbei. 50 Prozent Nachlass gibt es bis zum Jahresende auf auf kitschige Hochzeits- und schwarz-weiße Trauerkarten. Vielleicht verabschiedet sich die Postbank nur von ihrem Papiergeschäft, das sie nebenbei in der Filiale betreibt. Vielleicht verabschiedet sie aber auch gleich von ihrer Filiale und Ihren letzten Beamten. Meine Pakete gebe ich schon seit Jahren beim Zeitschriftenladen an der Ecke ab. Der wird von einem indischen Pärchen betrieben. Der Laden ist gerade zu. Die beiden sind wohl krank geworden.

I’ m still standing!

Es ist der 9. November. Gestern war ich auf einer „Mauerfallparty“ in einer Kleingartenanlage nahe der Bornholmer Brücke, da wo vor 36 Jahren die Mauer aufgegangen ist. Gemeinsam mit Ossis und Wessis habe ich zu alten Schlagern getanzt und noch mal „Zeit, die nie vergeht“ mitgejohlt. Ja, Bier gabs auch. Deswegen reibe mir die Augen, als ich heute morgen nicht weit weg davon, am Humboldhain plötzlich vor einem riesigen, goldglänzenden Gebäude stehe. „Das kann doch nicht wahr sein. Ist das Wirklichkeit, was ich hier sehe, oder bin ich in ein Zeitloch gefallen?“ Vor mir steht ein Wiedergänger: Der Palast der Republik, Erichs Lampenladen! In dunklen Kupfertönen glänzt die gerasterte Thermoverglasung, die sich wie ein Band um das ganze Gebäude zieht, hell leuchten die senkrechten Treppenhäuser aus Naturstein, die der Fassade etwas Aufstrebendes geben. Kein Zweifel: Er ist wieder da! Deutlich kleiner als früher (Liebling, ich habe den Palast geschrumpft), aber wie herübergebeamt vom Marx-Engels-Forum (heute Schlossplatz). Dieses Gebäude, dessen Ende 1990 beschlossen wurde, ist seit 2010 vom Erdboden verschwunden. Von Politikern zerredet, von Asbest verseucht wurde es von Baggern und Presslufthämmern endgültig aus der Geschichte entfernt. Kein Krümel Beton sollte mehr an ihn erinnern. Und doch ist er es, der hier vor mir steht, unverkennbar! Ein leichter Grusel überfällt mich. Totgesagte leben länger. Oder ist er gar nicht tot? Hat er heimlich „rübergemacht“ und Asyl im Westen bekommen? Vielleicht hat er sich auch der flehentlichen Klagen seiner Jünger, die sich derzeit unter dem fast schon religiösen Credo „Der Palast ist Gegenwart“ hinter der Stadtschlossfassade versammeln, erbarmt und ist aus dem Architekturhimmel wieder herabgestiegen. Aber warum ist er gerade im Wedding gelandet, in der Gustav-Meyer-Allee, gleich gegenüber dem Volkspark Humboldthain? Der Wedding war, nur die Älteren erinnern sich, schließlich ein Teil der „Frontstadt“ West-Berlin, lag direkt an der Berliner Mauer. Und West-Berliner waren, um es mal milde zu sagen, nicht gut zu sprechen auf Sachen, die aus dem Osten kamen. Jahrelang boykottierten sie zum Beispiel die S‑Bahn, nur weil sie von der DDR-Reichsbahn betrieben wurde. 

Das Rätsel lüftet sich ein wenig, als ich beim Berliner Zentrum für Industriekultur nachschaue. Der Bauherr dieses Palastes hieß nicht Erich, sondern Heinz, Heinz Nixdorf. Ein sehr erfolgreicher Computer-Pionier aus Paderborn. Und als solcher war er frei von West-Berliner Dünkeln. Nixdorf war ein begeisterter Anhänger der modernen Architektur, der Mies van der Rohe verehrte und persönlich traf. Und sein Paderborner Hausarchitekt Hans Mohr entwarf alle Nixdorf-Gebäude im transparenten „Internationalen Stil“. So auch die letzte Nixdorf-Produktionsstätte, gleich gegenüber den ehemaligen AEG-Werken von Peter Behrens, ebenfalls eine Architekturikone im Wedding. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen legte 1984, acht Jahre nach Eröffnung des Palastes der Republik, den Grundstein und redete etwas von Beginn des „Silikon Wedding“, woraus leider nichts wurde. Zur gleichen Zeit, als die DDR verschwand, verschwand auch die Nixdorf AG. Anfang der 1990er-Jahre ging Nixdorf mit Siemens zusammen. Und hinter den braunen „Schwedenglas“-Fenstern arbeitete die Verwaltung der Berliner Sparkasse. Jetzt steht er leer.

Doch nicht nur diese Äußerlichkeiten teilt der Weddinger Palast mit seinem verschwundenen großen Vorbild auf dem Schlossplatz. Bald könnte ihm ein ähnliches Schicksal blühen wie dem Volkshaus in Berlin-Mitte. Die  Investorengruppe Coros hat das Gelände gekauft, und will es „entwickeln“. Was für den Palast im Wedding ganz konkret den Abriss bedeuten soll.

Aber der Abrisstermin war 2024 und nichts ist passiert. Und jetzt steht er auf der Roten (!) Liste der bedrohten Gebäude. Vielleicht hilft ihm ja das aktuelle Revival der Post- und Ost-Moderne, dem ich dieses Jahr allerorten auf der Spur war. Dass ich einen so prächtigen und unversehrten Vertreter dieser Architekturgattung ausgerechnet in West-Berlin bei mir um die Ecke finde, freut mich natürlich um so mehr. Aber Coros hat sich noch nicht von seinen Plänen verabschiedet. Stolz präsentieren sie auf ihrer Website den Abschluss des Planungs- und Anhörungsverfahrens.

Also, um es mit einer Parole aus den 1980ern zu sagen: Besuchen Sie den Palast, solange er noch steht! 

Das Gelände in der Gustav-Meyer-Allee ist sehenswert und frei zugänglich.

Lola

Wandmosaik an der ehemaligen Berufsschule Naumburg/Saale

„I met her in a place down in old Soho where you drink champagne but it just tastes like cherry cola“ (The Kinks, Lola)

Nee, ganz so war es nicht. Es war nicht Soho, es war Wedding, hinterm Bretterzaun von der Baustelle vom U-Bahnhof Seestraße. Da wo es eng wird und wo trotzdem ein paar Stühle und Tische auf dem Gehweg stehen. Und es war auch nicht Champagner und auch nicht Cola sondern Kaffee und Pflaumenkuchen – mit Sahne, bei Thobens Backwaren für 1,95 Euro das Stück. Aber da kam tatsächlich diese Frau..

„She walked up to me and she asked me to dance“. Sie kam direkt auf mich zu, wie ich da so sitze vor dem Bäcker. Sie war ganz in Schwarz von Kopf bis Fuß: Schwarzer Hijab, Schwarzer Umhang, schwarze Turnschuhe und einen schwarzen Hackenporsche hinter sich. Niemand Ungewöhnliches also für die Gegend. Und sie fragte mich, nicht nach einem Tänzchen, natürlich, sondern „Kann ich ihr Geschirr reintragen?“. Das war seltsam. Nicht nur, weil muslimische Frauen in so einem Outfit einen als Mann normalerweise noch nicht mal anschauen und erst recht nicht ansprechen. Nur einmal ist mir das passiert, vor Jahren, als ich den Kinderwagen mit den Zwillingen vor dem Laden des Uhrmachers nicht weit von hier auf der Straße hatte stehen lassen, weil er nicht durch die Tür passte. Da kam eine Frau mit Kopftuch hinter mir her in den Laden und zische mich an: Sie können doch die Kinder nicht alleine draußen stehen lassen, nicht hier in der Gegend.“ Aber das ist eine andere Geschichte. Die Frau hier war anders. Als sie aus dem Backshop wiederkam, stellte sie sich neben mich und fing an zu erzählen.
„I asked her her name and in a dark brown voice she said, „Lola“ Nein,, Lola hieß sie natürlich nicht. Aber ihre Stimme war wirklich sehr dunkel. Und als ich mir sie weiter anschaue, sehe ich, dass auch ihre Hände sehr breit und knochig sind und dass ihr ein Zahn fehlt, ziemlich weit vorne. Aber sie erzählt immer noch und nestelt sich nervös an den silbernen Spangen, die ihr Kopftuch festhalten. Wovon sie erzählt hat weiß ich nicht mehr genau, es war irgendwas mit Äpfeln.

Dann ging sie weiter. Als ich meine Tasse in die Bäckerei zurückbringe frage ich die junge Verkäuferin: „Kennen sie die Dame?“ „Nee“, lacht sie verlegen. „Das habe ich noch nie hier erlebt.“

„Girls will be boys and boys will be girls
It’s a mixed up, muddled up, shook up world.“

The Doors

Eine neue Cique, neue Orte, neue Musik. Das war gar nicht so einfach, mit 17. Aber ich hatte es geschafft. Statt mit der Katholisch Studierenden Jugend, bei denen ich nach den St. Georgs-Pfadfindern sozusagen automatisch gelandet war, nach Taizé zu fahren, wozu mir nach Ansicht unseres Gruppenleiters der rechte Glaube fehlte, saß ich mit ein paar Jungs aus meinem Jahrgang und, vor allem, mit ein paar Mädchen vom benachbarten Mädchengymnasium bei Peter im Zimmer. Und er legte auf. Eine Platte, die mich alle zur Klampfe gesungenen Fahrtenlieder vergessen ließ: The Doors – live. Der hypnotisierende Sound passte zu meinen Haaren, die ich lang wachsen ließ und die Botschaften waren vage genug, um alles mögliche zu bedeuten. „Break on trough to the other side!“ hieß für mich vor allem: Von meinen Eltern weg, Schlafsack packen, in die Dorf-WG in der Eifel umziehen und da das Kiffen ausprobieren. Hat drei Tage gedauert, da stand ich wieder bei meinen Eltern vor der Tür. Vom Kiffen war mir schlecht geworden und Freiheit hatte ich mir anders vorgestellt als endloses Gequatsche auf versifften Matratzen. Und überhaupt. Ich hatte ja gerade erst eine Tür aufgestoßen. War von der Realschule auf das Gymnasium gewechselt. Ich blieb am Boden. „Not to touch the air, not to touch the sun, nothing left to do but run, run, run..“ sang Jim Morrison. Die Vorstellung war mir Rausch genug. Ich machte mein Abitur und lernte was Ordentliches.

Deswegen muss ich mich jetzt um anderer Leute Türen kümmern. Verklemmte Türen, defekte Türen, automatische Türen, die nicht automatisch öffnen und die für manche Menschen ein unüberwindbares Hindernis darstellen, vor allem, wenn sie im Rollstuhl aus der Tiefgarage wollen. „Ist das wieder die Tür zu Haus 1, die nicht aufgeht?“ frage ich den Anrufer. „Nein, die ist repariert worden, aber die Brandschutztür vor dem Aufzug, die hat einen Schnapper, und wenn der eingeschnappt ist, dann öffnet sie sich nicht automatisch.“ Ich blättre durch Schreiben und Mails des letzten halben Jahres, in denen die Techniker versichern, dass sie eine neue Tür bestellt hätten, und dass bis zum soundsovielten die Tür wieder funktioniert. Ich bin skeptisch. Setzte Fristen, mahne an. Ersatzeile können nicht beschafft werden, Zuständige sind in Urlaub, Funktionsprüfungen können noch nicht durchgeführt werden…

Neben meinem Büro rumort es. Das sind die zwei Techniker, die seit einer Woche versuchen eine Tür im Durchgang zur Teeküche einzusetzen. Seit mehr als 20 Jahren nutzen wir diese Büros und erst dieses Jahr ist jemand aufgefallen, dass in dem Gang eine Brandschutztür fehlt. Ich hab meinen neuen Kollegen im Verdacht, der früher Sicherheitsbeauftragter war. Die Tür haben sie schnell eingepasst. Eine massive Tür mit dickem Stahlrahmen. Ich hab gestaunt. Jetzt ist alles gut, dachte ich: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Bei einem Feuer im Nachbarflur sind wir jetzt sicher und können beruhigt weiter arbeiten. Dann ist jemand aufgefallen, dass die Tür nicht barrierefrei ist. Wir haben auch einen Kollegen im Rollstuhl, der würde die dicke Tür nie alleine aufbekommen. Also wird ein elektrischer Türöffner nachträglich eingebaut. Das Ding funktioniert aber nicht. Seit Wochen. Unsere Hausverwaltung hat uns geraten wegen dem Lärm, den die glücklosen Elektriker bei ihrem ahnungslosen Rumgehämmer produzieren, ins Homeoffice zu wechseln. So lange bleibt die Tür mit einem Holzkeil aufgesperrt. So würden wenigstens nur unsere Akten verbrennen, wenn jetzt ein Kurzschluss am Türöffner die ganze Bude abfackelt.

Ich bleibe tapfer auf meinem Posten. Der Mann im Rollstuhl ruft wieder an. Die alte Tür in Haus 1 sei jetzt auch wieder kaputt. Er müsse bis auf Weiteres aus dem Homeoffice arbeiten, weil es für ihn keinen Weg aus der Tiefgarage mehr gibt. Ich bitte ihn, sich einen Plan seines Hauses zu besorgen, und dort alle klemmenden Türen einzuzeichnen. Den Plan würde ich an den Präsidenten seiner Behörde schicken, nach ganz oben, tröste ich ihn. Ich gehe in die Teeküche, um mir einen Kaffee zu machen, bevor der nächste anruft. Ich sehe den dicken Keil, der die Brandschutztür offen hält und die herunterhängenden Kabel. Vielleicht sollte ich es doch noch mal mit dem Kiffen probieren.