Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.

 

 

 

Die Ruinen von oben ansehen

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Baum und Zeit ist eigentlich ein sehr poetischer Name dafür, dass ich mit hunderten Berlinern in einer Schlange mitten im Wald stehe,  fast zehn Euro zahle, und mir dafür zerbörselnde Backsteinhäuser ansehen darf, die vom Wald überwuchert waren. Ich  frage mich: Was treibt mich, was die Leute aus der Stadt hier her? Es hat sich ja einiges getan in der Hauptstadt in den letzten 25 Jahren und aus manchem zerfallenen Ziegelhaufen ist wieder ein respektables Haus geworden. Aber es sind im zernarbten Gesicht dieser Stadt immer noch genügend Ruinen aus allen Epochen der Geschichte übrig geblieben, um sich daran satt zu sehen, wenn man das denn mag. Und ich mag das. Oder besser: Ich war besessen davon. Als die Mauer aufging, lebte ich in Heidelberg, wo ich mir eine Schlossruine mit tausenden japanischen Touristen teilen musste. Jeder historische Stein war hier angefasst, poliert und so wieder hingesetzt worden, dass er in das romantische Bild des Städtchens passte. Das ließ ein großes Verlangen in mir wachsen nach dem Unverfälschten, dem Liegengelassenen, den echten Zeugen vergangener Zeiten. Und wo war das einfacher zu finden als im Osten? Leere Fabriken in der DDR, alte Gutshäuser in Polen, Wehrmachtskasernen in Tschechien: Alles leer, verlassen und nur für mich. Herrlich die Stille, wenn ich in ein solches Gebäude kam. Nur das Knirschen von zerbrochenem Glas und abgefallenem Putz war unter meinen Schritten zu hören, während sich die Räume zur Kulisse für mein Kopfkino verwandelten. Was war hier früher los? Rauschende Feste oder ödes Landleben? Despotische Hausherren oder Familienglück? Irgendwann kam dann immer das Gebrüll von Soldaten, das Rasseln von Panzern und das Geschrei von Kindern. Die Geschichten meines Vaters von Flucht und Vertreibung.  Und dann wieder Stille. Ich hörte Vogelgezwitscher, das Rauschen von Bäumen durch die zerschlagenen Fenster und spürte die Großzügigkeit der leeren Räume. Es war auch immer eine Einladung dabei, da zu bleiben, das zufällig Gefundene zu ergreifen, das Dornröschenschloss seinem Schlaf zu entreißen und mein Leben darin neu zu beginnen. Und jedes Mal wußte ich, dass ich das nicht schaffen würde. So blieb es bei kleinen Fundstücken aus meinen Entdeckungsreisen: Ein Aluminiumlöffel aus einem Gefängnis, eine schwere Gummijacke, die nach Fahrradreifen roch, ein paar bunte Plastikbecher aus einem Gutshaus, das zu einem Kinderferienheim geworden war.

Heute stehe ich über dem allem, und zwar genau 25 Meter. Auf einem breiten Steg, der sich um ein Haus schlängelt, aus dessen Dach schon seit 1945 die Bäume wachsen. Der Steg schwankt unter den Besuchermengen, die sich in Baumwipfelhöhe in die beste Fotoposition bringen wollen. Weiter unten gibt es Bratwurst und Erbsensuppe und geführte Touren durch die Häuser, die jetzt durch stabile Sicherheitszäune vor ungebetenen Besuchern geschützt werden. Es gibt nichts mehr zu entdecken, ich kann gehen. Auf dem Weg zum Parkplatz schlage ich mich hinter eine Absperrung, weil ich mal pinkeln muss. Ein letztes Abenteuer.

Blüten der Jugend

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Ist das nicht erschreckend? Von der Jugend holdem Traum bleibt einem nach fast 40 Jahren nur noch ein rotstichiges Photo-Porst-Bildchen mit runden Ecken. Kaum noch zu erkennen, der Junge mit der lockigen Mähne und den Cord-Schlaghosen. Der auf dem Nachttisch ein altes Röhren-Radio stehen hatte und auf der rauschenden Mittelwelle Nachrichten aus dem Reich des Bösen hörte: „Hier ist die Stimme Moskaus“, tönte es dunkel und verboten aus den Lautsprechern, während der Junge wie Wanja auf der Ofenbank schlafend seine Kräfte sammelte, für das Leben, das immer lauter an die Tür klopfte. Der sich vorbereitete auf den nächsten Streit mit den Eltern. Der bald danach auszog.

Was ist daraus geworden? Die Lockenpracht? Verweht. Das dunkle Reich Moskaus? Zerfallen. Der Jugend Blütenträume? Verblüht… Doch halt! Was red ich? Die blühend rosa Bettwäsche mit den Flower-Power-Blumenmuster, die mich schon mit 16 wärmte, ist es nicht die selbe unter der ich heute Morgen aufgewacht bin? Die selbe, die mir die Mutter gab, als ich auszog in die Welt? Die mich begleitet hat all die Jahre? Unter der so manche Liebschaft ihre Erfüllung fand- oder auch nicht? Möblierte Zimmer, Wohnheimwaben, WG’s, Altbaupaläste und Einliegerwohnungen – überall hin hab ich sie mitgenommen. Alle Frauen fanden sie scheußlich – ich hielt ihr die Treue. Vorsichtig rieche ich am dünn gewordenen Gewebe, ob sich nicht der Duft einer Liebesnacht darin gefangen hat. Nein, ich rieche nur mich, aber ich sehe strahlende Blumen.

Herr, schmeiß Geist vom Himmel !

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Ich werde Pfingsten ja nie verstehen. Ausschüttung des Heiligen Geistes, flammende Zungen, Reden in fremden Sprachen. Es bleibt mir ein Rätsel, was da eigentlich gefeiert wird. Und das Schlimmste ist: ich bin an meiner Dummheit selber schuld.

Sich schuldig zu fühlen ist ja für einen Katholiken eigentlich ein guter Anfang. In meiner schwer religiösen Phase, so von 10 bis 12, lief ich jede Woche zur Beichte, um dem Pfarrer im dunkel gebeizten Beichtstuhl meine Vergehen zu gestehen, aber es gab keine. Die Zehn Gebote hatte ich treu eingehalten, Vater und Mutter geehrt und auch sonst konnte ich nirgends in meinem blauen Beichtheftchen ein Kreuz machen. Ich war ein braver Junge. Aber um den Herrn Pfarrer nicht zu enttäuschen, oder noch schlimmer, misstrauisch zu machen, erfand ich jede Woche neue, bußwürdige Taten, die der arme Mann mit der müden Stimme mir dann, in Gottes Namen, gegen zehn Vaterunser oder fünf „Gegrüßet seist du Maria“ wieder abnahm. Wenn ich durchgehalten hätte,  hätte ich mit 13 oder 14 beim Firmunterricht einen Einblick in die Bibel, die Mysterien des Glaubens, die Sakramente und eben den hl. Geist bekommen. Doch damals wurden mir andere Sachen wichtiger und ich hatte wirklich keine Lust, Nachmittage  bei einem missmutigen, pensionierten Bundeswehroffizier zu verbringen, der uns den Kathechismus einpauken sollte, währen draußen meine Freunde mit ihren Mopeds die Welt erkundeten. Meine Mutter, die bei meiner Taufe immerhin gelobt hatte, mich im Glauben zu erziehen, nahm meine pubertäre Verweigerungshaltung ohne großen Widerstand zur Kenntnis. Ihr Vertrauen in  die hl. Mutter Kirche war stark erschüttert, seit sie, nach der Geburt ihres dritten Kindes, versucht hatte, mit dem Pfarrer ein direktes Gespräch über erlaubte Verhütungsmethoden zu führen. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich den Verlauf des Gespräches und die hochrroten Ohren des zölibatären Gottesmannes vorzustellen. Verbürgt ist der  zornesrote Kopf meiner Mutter, nachdem er ihr geraten hatte, diese Frage doch in Gottes Hand zu legen. Eine Kirche hat sie seither nur noch zu Beerdigungen betreten.Wo waren wir? Ach ja, bei Pfingsten.

Ich komme nun in das Alter, in dem ich meine Jugendsünden bereue. Wegen des versäumen Unterrichts muss ich versuchen mir selber aus der Bibel einen Reim darauf zu machen, ob es Gott gibt, und ob er mich in all meiner Schwäche  annimmt, ohne dabei auf das Jahrtausende alte Wissen der katholischen Kirche zurück greifen zu können. Um es vorweg zu sagen: Es klappt nicht. Das neue Testament ist eine eher amüsante Lektüre für jeden, der sich schon mal kritisch mit Texten auseinander gesetzt hat. Ich bekam den Eindruck, dass der arme Jesus hauptsächlich damit beschäftigt war, die Mängel des israelitischen Gesundheitssystems auszumerzen. Blutfluss, Fallsucht, Besessenheit heilt er am laufenden Band. Hätte er nicht höheres im Sinn gehabt, er hätte eine gut gehende Praxis in Jerusalem eröffnen können. Diese Fähigkeiten hat er, und nun komme ich langsam zum Punkt, auch auf seine zwölf Gefolgsleute übertragen. Im  Markusevangelium heißt es ganz am Ende: „Diese Zeichen aber werden denen folgen, die an mich glauben: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben …und wenn sie Tödliches trinken wird es ihnen nicht schaden.“ Das scheinen die Jünger nach dem Tod Jesu an Pfingsten gleich mal ausprobiert zu haben – mit hochprozentigem Heiligen Geist. In der Apostelgeschichte heißt es zu Pfingsten: „Und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und fingen an in anderen Sprachen zu reden, wie der Geist ihnen gab auszusprechen.“ Einige der Umstehenden scheinen das, da ist die Bibel ehrlich, gut eingeschätzt  zu haben. „Andere aber sagten spottend: Sie sind voll süßen Weines.“ Das einzige, was Paulus als Ausrede dazu einfällt ist: „Diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, denn es ist die dritte Stunde des Tages.“ Als wäre es etwas Besonderes, nach einer Party noch drei Stunden nach Sonnenaufgang gut drauf zu sein. War also Pfingsten nichts anderes als eine überzogene Party der zwölf Freunde Jesu,  und der heilige Geist einer, der aus der Flasche kam? Wenn dem so wäre, hätte ich diese Frage doch zu gerne dem Bischof gestellt, bevor er mir als eifrigem Firmling sanft die Wange getätschelt hätte. Wahrscheinlich hätte er mir eine runtergehauen.

Das Tier in mir

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Mein Freund Jan entblößt seinen muskulösen Oberarm. Vergangenes Wochenende war er bei einem Medizinmann und hat mit ihm eine schamanische Krafttierreise gemacht. In einer Art Trance haben sie das Tier gesucht, das ihn auf seinem Lebensweg begleitet und stärkt. Die Indianer haben da einiges im Angebot: Wölfe, Bären, Adler, Schlangen und einiges, was überrascht, so wie Jans Totemtier (Zuerst verstehe ich Totestier, aber es heißt Totemtier, wie der Totempfahl bei Winnetou). Glatt und elegant schlängelt sich das Tatoo eines Feuersalamanders auf seinem Bizeps in Richtung Schulter. „Er steht für Veränderung, für die Verbindung zwischen Feuer und Erde“, klärt mich Jan auf. „Aha“, sage ich verständnisvoll und denke neidisch: Will ich auch haben! Das muss doch bei mir auch funktionieren (und so gut aussehen). Doch so einfach ist das nicht, erfahre ich. Jeder hat ein eigenes Tier, das zur Lebenssituation passen muss. Ich muss also erst meine Situation erkennen und dann das richtige Tier für mich finden. Denn Jan ist Jan und ich bin – ja was denn?

Ich gehe in meinen Kraftraum, also zu meinem Bücherregal, und setze mich hin. Wer, wenn nicht meine Bücher, die mich über mein Leben begleitet haben, können mir sagen wer ich bin und was mir Stärke gibt? Das passende Tier dazu wird sich schon finden.

Ich fange oben an mit den Russen (der Bär!). Eigentlich sind es ja die Sowjets, denn die Begeisterung fing Mitte der Achziger an, als ich das erste Mal Gorbatschow sprechen hörte. Dieser weiche, tiefe Klang des Russischen, diese abgeschottete Welt, dem wollte ich näher kommen. Also las ich alles von den Klassikern über sozialistischen Realismus bis zu Bulgakow und zu den Samsidat-Autoren. Zettel von Lesungen, Filmen und Zeitungsausschnitte stecken in den verstaubten Büchern. Dann die Sprachreise 1993 nach St. Petersburg. Die harte Seite Russlands. Blanke Not und Gewalt und das Leiden der stolzen, liebenswerten Menschen. Ich versuchte es danach noch mal mit Humor und Alkohol, las die „Reise nach Petuschki“, aber dann kam Putin und dann war Schluss mit Lustig.

Ein Regalbrett tiefer wartet die nächste Leidenschaft: Die Briten (die Bulldogge!), Praktikum in Manchester, Mitte der Neunziger. Ich liebte alles, die zerfallenden Backsteinbauten, die schrulligen Damen in den Teestuben und den knallharten Kapitalismus in der Law Firm. Danach war ich so fit, dass ich einiges im Original lesen konnte: Orwell, Nick Hornby, Joyce und auch für ein paar Klassiker wie Dracula und Frankenstein in herrlich umständlichem viktorianischen Britisch hat es gereicht. Doch nach und nach vergaß ich den Witz in der Sprache, meine Briefe an meinen englischen Freund wurden kürzer und holpriger. Das Schlusslicht bildeten drei Bände Harry Potter und er Besuch des Freundes, der, ganz unenglisch, direkt zur Sache kam: Er wolle sein Geld in Wohnungen in Berlin anlegen, ob ich gute Plätze wüsste..? Nicht mit mir, mein Freund.

Immerhin kam ich durch Orwell zu den Spaniern (der Stier!), oder war es umgekehrt? Genauer hingesehen ging es um den Spanischen Bürgerkrieg. Ein Regalbrett mit Hoffnungen europäischer Schriftsteller, die Revolution zu machen, den Faschismus zu besiegen. Auch wieder eine Sprachreise, wieder Ernüchterung: Die Spanier hatten wirklich anderes zu tun, als an die anarchistischen Aufstände von 1936 anzuknüpfen. Wenigstens war das Meer warm und die Paella gut.

Um mich von meinen revolutionären Schwärmereien endgültig zu befreien, besuchte ich die Überreste des Sozialismus in Osteuropa. Die Broschüre „Reiseland DDR“ prangt mir in den unteren Regalfächern entgegen. Leider hat es ja der Sozialismus nicht zu einem Wappentier gebracht. (Vielleicht hätte es geholfen?) Nur Ochs und Esel sind in Erinnerung geblieben. Wie weiter?

Ratlos stehe ich vor meinem Regal. Fast verlegen blättere ich in Romanen, die mit vielen Ausrufezeichen versehen sind, in Broschüren aus dem Osten, die ich für witzig hielt und merke, dass sich aus dem Ganzen beim besten Willen nichts Stärkendes ableiten lässt. Alles mal angeschaut, nichts festgehalten, eifrig gesammelt und wieder abgebrochen und manchmal mächtig an der Wirklichkeit vorbeigelaufen. Auf meinen Oberarm kann ich mir wohl eine Null tätowieren.

Da raschelt es in meinem Kopf. Ein kleines, emsiges Tierchen macht sich in meinen Gedanken breit. Es sammelt. Es sammelt hier ein paar Nüsse, da ein paar Eicheln und dort ein paar Samen, die es noch nicht kennt. Es trägt sie zusammen, legt kleine Nester an und vergräbt seine Schätze. Einige harte Nüsse nimmt es sich mit in sein kuschliges Nest, um sie genüsslich zu knacken. Es ist ein bisschen vergesslich, das gute Tier. Manchmal macht es sich auf die Suche nach seinen vergrabenen Schätzen und findet sie nicht mehr. Daraus wachsen dann die Bäume, auf das es später klettern kann. Und manchmal findet es ein längst vergessenes Versteck und ist glücklich und erstaunt, wie anders die Nüsse von damals heute schmecken.

Ins Herz geschrieben

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Quelle: WDR

Heike ist wieder da. Sie ist mit Freund und Sohn nach Berlin gekommen und wollte mich unbedingt treffen. Ich habe kurz gezögert, denn Treffen mit Heike können ganz schön anstrengend sein. Aber jetzt sitzen vor einem Restaurant in Mitte, Weinreben ranken sich die graue Fassade hoch und wir rätseln, wie lange wir uns nicht gesehen haben. Sind es vier Jahre oder fünf? Auf jeden Fall war es kurz nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. Völlig aufgelöst war sie in Berlin aufgetaucht, um mit mir zu sprechen, zu wehklagen und mich zu fragen, ob alle Männer so sind. Sie sind so, bestätigte ich ihr, vor allem wenn sie mit Anfang Vierzig alles erreicht haben: Frau, Haus, zwei Kinder. Ich war für sie immer ihr geduldiger Vertrauter.

Heike sieht wie immer „top“ aus. Die grasgrünen, stechenden Augen im kugelrunden, ein wenig asiatisch wirkenden Gesicht, die vollen Lippen stets geschminkt und die gekonnt verstrubbelten kurzen Haare dunkel gefärbt. Schon damals in Heidelberg hat sie immer für Aufsehen gesorgt, wenn ich mit ihr auf einer Studentenfete in meinem schlurfigen Öko-Millieu aufgetaucht bin. Die Frauen taxierten erst sie, dann mich und rechneten sich dann aus, dass sie bei jemanden, der mit einer solchen aufgebrezelten Tussi auftaucht, wohl selber keine Chancen hätten. Pech für mich, denn zwischen mir und Heike war nix, nichts Körperliches jedenfalls. Denn was Männer angeht war sie sehr ängstlich. Da gab es nur „Das ist ein ganz Lieber“ oder „Der ist ekelig“. Dazwischen gab es wenig. Und ich war ein „Lieber“, immerhin. Wir waren zusammen in Italien, schliefen im selben Zelt und tranken schlechten Rotwein – aber es war kein Zusammenkommen. Heike ist eine sehr willensstarke Frau. Nur einmal durfte ich ihren Busen sehen. Das war, als sie beschlossen hatte, nicht länger ein Mauerblümchen aus der Provinz zu sein, und einen Arzt gefunden hatte, der ihren überbordenden Melonenbusen auf ein ansehnliches Maß verkleinerte. ‚“Willste mal sehen?“ fragte sie schüchtern, als ich sie nach der Operation besuchte. Sie hob ihr Krankenhemdchen gerade so viel, dass ich das Kunstwerk bewundern konnte, das unter Pflastern und Verbänden sichtbar wurde. Es war perfekt und es war unser intimster Moment, dachte ich.

Jetzt zeigt sie mir einen Schnappschuss eines jungen Mädchens. Es ist ihre Tochter, die bei ihrem Ex wohnt, und sie seit Jahren nur noch sieht, wenn sie vor Gericht um Unterhalt streitet. „Ich habs mir bei Facebook runtergeladen,“ sagt sie gefasst. Heike war schon immer eine Kämpferin, jetzt kämpft sie gegen den, der vom „ganz Lieben“ zum „Idioten“ wurde, hetzt ihm die Behörden auf den Hals und sieht zu, dass die Kinder wenigstens die Schule schaffen. Zum Abschied drücken wir uns, versprechen uns, dass wir uns besuchen und unvermittelt sagt sie: „Du hast immer so schöne Briefe geschrieben, und Postkarten. So schön und so witzig. Ich hab sie alle aufgehoben.“