Mal wieder kurz die Welt retten?

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Also wegen mir könnte es so weiter gehen. Die Straßen sind leer, die Regale voll. Keiner macht mehr Pläne oder Termine. Alle denken nur bis morgen. Viel weiter konnte ich noch nie denken. Jetzt sind wir alle gleich. Und keiner fragt mich, wohin ich in Urlaub fahre.

Corona ist gerade die Ausrede für alles. Und ich habe gerne Ausreden, weil ich mich so selten traue nein zu sagen.

Das Gedröhne der Düsenflieger über Tegel hat aufgehört und auch die Martinshörner der Krankenwagen schweigen. Sie rollen jetzt ganz still und ganz langam durch die Straßen. Das ist unheimlich. Fast wie bei einem Leichenwagen.

Morgen kommen meine Jungs zu mir. Eigentlich wollten wir zuammen an die Ostsee. Jetzt muss ich mir was einfallen lassen. Frühling unter dem Balkon. Ich brauche einen Plan, sonst gucken wir nur Videos. Ich mache nicht gerne Pläne. Sagte ich schon. Aber wenn es muss.

Heute bin ich drei Stunden unter dem weiten Himmel des Tempelhofer Feldes spazieren gegangen. So lange hat es gedauert, bis meine Begleiterin und ich die Weltlage einmal durch hatten. Sie glaubt, dass wir aus Alledem was Gutes lernen. Ich lass mich überraschen. Durch die Hasenheide sind wir auch noch. Keine Dealer weit und breit. Ordentliche Bürger in ordentlichem Abstand. Da fuhren Polizisten mit zwei dicken Motorrädern Streife. Die Staatsmacht zeigt sich hoch zu Ross. Das gefällt denen.

Meine Tochter kommt vorbei, aber nicht wirklich. Raufkommen will sie nicht. Sie bleibt auf dem Gehweg und ich muss runter kommen. Sie hat einen schicken Mundschutz und tierische Angst. Umarmen will sie mich auch nicht, obwohl wir das als Verwandte in gerader Linie  dürften. Eigentlich sollte sie in Bulgarien sein. Aber die Uni in Sofia ist zu und der Professor nicht zu erreichen. Bis Herbst muss ihre Masterarbeit fertig sein. Ob es jemand geben wird, der sie lesen wird? Wahrscheinlich hat sie deshalb noch keine Zeile gschrieben, seit sie wieder in Berlin ist.

Meine Welt ist in Ordnung. Ich schlafe gut, seit die Stadt ruhiger geworden ist. Darf ich das? Muss ich nicht denen helfen, denen es gerade schlecht geht? Suchen nicht die Krankenhäuser verzweifelt Krankenpfleger? Lass sie suchen.
Diese Rufe kenne ich. Schon vor dreißig Jahren hieß es, dass die Krankenhäuser vor dem Untergang stehen, weil das Personal fehlt. Damals war das nicht wegen Corona oder geschlossenen Grenzen. Im Gegenteil. Damals waren die Grenzen gerade aufgemacht worden. Ich also los, die kranken Menschen im Osten und den realen Sozialismus retten. Aber das einzig Reale am real existierenden Sozialismus war der Ruß. Den Ruß wischten wir jeden Tag einmal von den Fensterbrettern und nachts wurde die ganze Station durchgewischt. Der Ruß kam von Heizkraftwerk der Uni-Klinik Leipzig. Das war ein uralter ziegelroter Kasten mit einem zu kurzen Schornstein. Weil ich tagsüber brav wischte, durfte ich auch mal Nachts ran. Welliges PVC mit braunem Blümchenmuster. Viel mehr Verantwortung wollen die Schwestern auf der chirurgischen Station mir Besserwessi nicht übertragen. Oder doch?  Ich durfte auch kaputte Vakuumpumpen in die Werkstatt bringen und die Besorgungen der Schwestern im HO-Laden der Klinik erledigen. So war das. Muss ich nicht noch mal haben.

Damals hat wenigstens keiner von „Helden des Alltags“ gesprochen. Statt warmer Worte gab es richtiges Geld. 600 Mark der DDR im Monat. Und als ich zurück in den Westen kam noch mal 600 Westmark. Es gab da so einen Fonds, für Medizinpersonal, das in den Osten gegangen war. Mein Bewilligunsbescheid hatte die laufende Nummer 001.

 

 

Herr K und das magische Denken

Pentacon

Eine gepflegte Männerhand, ein weißes Tuch und ein makelloses schwarzes Gerät mit einem leuchtenden weißen Kreis, durch den man in die Unendlichkeit zu schauen glaubt. Schon das Foto hatte eine eigene Magie. Die Zahlen 1.8/50 taten ihr Übriges dazu. Sie versprachen Qualität und unbegrenzte Möglichkeiten. Aber die Zahlenmystik brauchte ich gar nicht mehr. Denn ich war schon besessen von dem Wunsch, so ein Ding zu besitzen. Und so wie es Herr K präsentierte, war ich bereit meine Seele zu verkaufen, um es zu bekommen. Schon da hätte ich ahnen können, dass ich an einen wahren Teufel geraten war.

Ebay-Kleinanzeigen ist für erwachsene Menschen gewöhnlich nicht der Ort, an dem sie ihr Seelenheil auf’s Spiel setzen. Kinderfahrräder und Regalwände wechseln hier mit sehr nüchternen Beschreibungen und zu kleinen Preisen ihre Besitzer. Diese Resterampe der Wohlstandsgesellschaft ist ein Segen für kinderreiche Familien und Kleinsparer. Für mich wurde sie zum Fluch.
Angefangen hatte es damit, dass ich, im Internet, wo auch sonst? auf eine Anleitung gestoßen war, wie man die guten Fotoobjektive aus der DDR an meine moderne Fuji-Kamera bauen kann. Über meine Faszination für alles aus dem Osten habe ich ja schon berichtet. 30 Jahre, nachdem ich als hilfloser Helfer durch das Leipzig der Nachwendemonate gestreift war, weiß ich, dass nicht alles gut war im Sozialismus. Aber die Objektive aus der DDR waren und sind es. Und die Vorstellung, meine japanische Kamera über ein Zwischenstück Made in China mit einem Pentacon-Objektiv aus Dresden zu verbinden, brachte meine Phantasie zum Glühen. Schon sah ich mich wieder, wie 1990, mit Lederjacke, die schlanke Spiegelreflex-Kamera lässig in der Hand durch die Städte im Osten ziehen. Damals hielten mich viele in meinem Aufzug für einen Journalisten aus dem Westen und viele Türen und Herzen taten sich auf. Ich hörte mehr Geschichten als mir lieb war und wusste mehr als der Journalist vom Spiegel, der auf einmal bei mir auftauchte. Der hatte nur seinen Taxifahrer gefragt und wollte daraus seinen Bericht machen. Nein, bei mir hieß es: Blende 8 und immer nah dran sein. Ich fotografierte alles was ich nicht kannte: Zerfallende Häuser, bauchige Milchflaschen, Prinz-Heinrich-Mützenträger und drollige Schaufenster. Alles natürlich in strengem Schwarz-Weiß auf ORWO-Film. Und natürlich: Krankenschwestern, Essenskübel und wiederverwendbare gläserne Spritzen. Denn ich war ja eigentlich in dieser Zeit festangestellter Krankenpfleger an der Karl-Marx-Universität Leipzig.

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Manchmal wurde mein Möchtegern-Journalismus auch gefährlich. Auf dem DSU-Parteitag (kennt die noch jemand? War ein CSU-Ableger) wollten sie mir den Film rausreißen, weil ich fotografiert hatte, dass die Delegierten von den Bayern tatsächlich mit Bananen in die Leipziger Oper gelockt wurden. Eimal musste ich auch Fersengeld geben. Da waren mit der Parole „Wir sind ein Volk“ die ersten Nazis auf den Montagsdemos aufgetaucht. Ich hatte einen roten Schal. Das reichte ihnen, um mich als „Roten“ durch die Stadt zu jagen. Ein Kollege kam ins Krankenhaus.
Jahre später zeigte ich die kleinen Bilder mit dem weißen Rahmen drumrum (ich hatte sie vor Ort in Leipzig abziehen lassen) einer Freundin, die ich damals kennengelernt hatte. Oh Gott, sagte sie, du hast in einer ganz anderen Stadt gelebt als ich.

Und jetzt? Jetzt war ich auf ebay-Kleinnanzeigen und nur noch eine Klick von einer neuen Fotografen-Karriere entfernt. Jetzt musste es schnell gehen. Mein Kopf sprudelte über vor neuen Ideen. Wäre es nicht eine gute Idee, nach 30 Jahren noch mal nach Leipzig zu fahren und sich an den alten Plätzen umzuschauen? Hatte eigentlich schon mal jemand eine Fotoreportage über mein Heimatdorf gemacht…? Magisches Denken nennen das die Psychologen, wenn ein Kind denkt, durch eine Maske oder einen Gegenstand tatsächlich ein anderer zu sein oder unbegrenzte Möglichkeiten zu haben. Und anscheinend hat sich bei mir viel Kindliches erhalten. Meine Jungs sind Ritter, wenn sie einen Stock in der Hand halten. Und ich glaubte wirklich, dass ich  für meine Verwandlung vom Hobbyknipser zum gefeierten Lichtbildner nur noch eins brauchte: Das Objektiv des Herrn K.
Das Geld hatte ich schon überwiesen. Ich war sicher, dass der Mann mit den gepflegten Händen zuverlässig handeln und noch am gleichen Tage zur Post gehen würde. Täglich schaute ich in den Briefkasten. Und täglich gab es einen Stich in mein Herz wenn ich wieder in die Leere blickte. Nach einer Woche schrieb ich Herrn K an. Zurück kam eine knappe Zeile „Bin noch in Ferien“ Ohne Punkt. Unglaublich! Diese Frechheit. Mein künftiges Leben hängt an einem seidenen Faden und der gemächliche Herr Ost-Rentner (so stellte ich ihn mir vor) fährt in Ferien. Eine Woche später hatte sich Herr K ausreichend erholt, um mir zu schreiben „Paket wurde heute versendet“  Hallelujah, es gab wieder Hoffnung in meinem Leben. Aber als wieder eine Woche später immer noch nichts da war, überlegte ich ernsthaft, mich ohne Abholschein in die lange Schlange in der Weddinger Postfiliale anzustellen, um einfach mal anzufragen, ob da was für mich wäre. Denn es konnte ja nur so sein, dass der Bote vergessen hatte, den Zettel einzuwerfen. An Herrn K zweifelte ich keinen Moment. Oder doch? Wieder schrieb ich ihn an. Nach Tagen kam die Antwort „Das Paket kam zurück“ Das war der erste Moment, an dem ich dachte, dass bei Herrn K etwas nicht stimmte. Es dauerte wieder eine Woche, ich war nur noch ein Schatten meiner selbst, als die verzweifelte Nachicht kam: „Können sie mir nochmals ihre Adresse senden“ In mir brach eine Welt zusammen. Seit einem Monat machte ich meine Zukunft von einem Mann abhängig, der offensichtlich Alzheimer hatte, oder Schlimmeres. Nie hatte ich jemandem so vertraut. Nie wurde ich so enttäuscht. Ich gab ihm noch einen Tag und dann noch einen. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass es nichts mehr werden würde mit mir und Herrn K.
Innerhalb von zwei Tagen habe ich mir dann das Objektiv für wenig Geld bei einem professionellen Online-Händler besorgt. Ich fühlte mich ein wenig wie ein Verräter an meinen eigenen Träumen und  fürchtete dass es mit diesem Ersatz nicht so wunderbar werden würde, wie ich es mir mit dem Objektiv des Herrn K vorgestellt hatte. Aber alles funktionierte tadellos. Ein ganzes Wochenende spielte ich mit Blenden und Belichtungszeiten. Konnte von der Schärfentiefe und Tiefenschärfe nicht genug kriegen. Fotografierte die frühen Knospen in meinem Hinterhof und meine Jungs, ohne dass sie es merken und mir die Zunge rausstrecken konnten. Es ist wie früher. Nur schöner. Was hätte ich in Leipzig dafür gegeben, mit einem Knopfdruck von Schwarz-Weiß auf Farbe wechseln zu können, als vor den grauen Fassade zerbröckelnder Altbauten eine alte Straßenbahn auftauchte, auf der in bunten Buchstaben stand „Farben überall“.

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Nur einmal meldete ich mich noch bei Herrn K und forderte mein Geld zurück. „Aber sie haben mir doch nie Ihre Adresse geschickt“, kam es kläglich zurück. Herr K war für mich ein Teufel – aber ein armer.

 

Nachtrag: Heute, am Freitag, den 13. – nach sechs Wochen- kam tatsächlich ein Päckchen von Herrn K. Ich brauchte etwa eine Viertelstunde, um zum Kern der Sendung vorzudringen. Das Objektiv war verpackt als seien es die Kronjuwelen. Eingewickelt wie eine ägyptische Mumie in mehrere Schichten Küchenkrepp, Kreppklebeband, Textilklebeband und Allzweckkleber und gepolstert mit einem zerschnittenen Spülschwamm kam eine kleine Pappschachtel zum Vorschein, auf der stand mit dünner, sauberer Schrift meine Adresse. Herr K hatte tatsächlich schon einmal versucht, mir das Objektiv zuzuschicken, war aber anscheinend an den Mindestmaßen der Post gescheitert. Ich bin gerührt.

 

 

 

Nappo

Laterne Ost

Breuer schob den Vorhang zur Seite und öffnete das Aluminiumfenster einen Spalt zum morgengrauen Innenhof.  Er spürte den feuchten Morgendunst, der sich auf seinem Weg in den schmucklosen Vernehmungsraum zuerst auf seine weit nach hinten gelichtete Stirn legte und dann weiter zog in die hintersten Ecken voller abgestandener Luft. Ein leichten Schauer lief über Breuers Rücken. Nach den Stunden des Verhörs merkte er wieder, dass er einen Körper hatte. Er streckte sich. Das fahle Licht des frühen Augustmorgens hatte jetzt auch den Kerl erreicht, den sie ihm mitten in Nacht gebracht hatten. Der Lockenkopf blinzelte und rieb sich die Augen. Breuer sog noch einmal einen tiefen Atemzug ein: Spreedunst mit etwas Zweitaktöl schmeckte er heraus, ohne es zu wollen. Er schloss das Fenster wieder. Es konnte weiter gehen.

Bisher hatte sein Gegenüber geschwiegen. Noch nicht mal nach einem Anwalt hatte er gefragt. Erstaunlich eigentlich, denn das war immer das Erste, was den Burschen einfiel, weil sie es so aus Fernsehen kannten. Der hier war anders. Anfang Dreißig vielleicht, schwer einzuordnen. Aber es kamen ja jetzt einige seltsame Gestalten aus dem Westen hierher. Eigentlich ein bisschen zu alt für den Mist, den er gebaut hatte, ein bisschen zu weich. Wahrscheinlich hatte er es auch nicht allein gemacht. Aber sie hatten nur ihn geschnappt. Eins nach dem anderen, sagte sich der erfahrene Kripo-Mann. Er fühlte sich wieder frisch und war sicher, dass er kurz vor dem Ziel stand.

„So mein Junge,“ versuchte er es auf die joviale Tour und lehnte sich über den Tisch, freundlich wie die Spinne zu der Fliege in ihrem Netz, „jetzt fangen wir noch mal ganz von vorne an. Am besten erzählst du mir jetzt deine ganze Geschichte, ganz von Anfang an.“ Sein Gegenüber hörte auf an die Decke zu starren und so zu tun als sei er nicht anwesend, die Masche, die er die ganze letzten Stunden gefahren hatte. Er hatte sich nicht beeindrucken lassen von dem, was Breuer ihm an Paragrafen aus dem Strafgesetzbuch um die Ohren geworfen hatte. Diebstahl, Störung der Totenruhe, Eingriff in den Straßenverkehr.“Dafür kannst du in den Knast kommen, ist dir das klar? Das ist  ein Friedhof, auf dem ihr da auf  auf Raubzug wart. Da liegen 2000 tote Sowjetsoldaten.“ Dann hatte er ihm ausgemalt, was ihn im Knast so alles erwartete, was die Jungs dort mit einem Weichei wie ihm anstellen würden. Der Kerl hatte ihn nur verwundert angeschaut und gegrinst. War er bekifft, hatte er was geworfen? Würde passen, aber Breuer roch nichts und die Pupillen waren ok. Es gab auch Typen, die sich an ihrer Tat berauschten, ganz ohne Drogen high waren von dem was sie sich getraut hatten. Bei denen half kein Drohen. Aber Breuer hatte noch mehr auf Lager. Good cop, bad cop, das alte Spiel. Wenn Drohen nicht half, dann musste man dem Verdächtigen eine Geschichte anbieten, eine, in der er der Held war. „Also,“ sagte er so freundlich, wie er es um 5 Uhr morgens konnte, „du musst mir nicht jeden Lutscher beichten, den du als Kind in der Kaufhalle geklaut hast. Wann hat das angefangen bei dir?“

Ein Lächeln erschien unter den Locken, und der Blick war nach innen gerichtet, auf eine sehr ferne Zeit. Er senkte die Kopf und sagte „Nappo“. Breuer richtete sich auf „Wie?“ „Nappo,“wiederholte der andere. „Keine Lollis: Nappo und Eiskonfekt. Kennen Sie das? Das haben wir im Supermarkt immer mitgehen lassen.“  Breuer schüttelte den Kopf. Aber er freute sich. Er hatte sein Handwerk bei der Volkspolizei gelernt. Studierter Graphologe war er. Eine handgeschriebene Seite hatte ihm früher genügt, um genau zu wissen, wen er vor sich hatte. Oberlängen, Unterlängen, Neigungsgrad. Das war eine echte Wissenschaft. Aber das galt ja heute nichts mehr. Dieses neue Zeug  aus dem Westen musste er nicht kennen.
Er hatte nur noch seine Erfahung, und die sagte ihm, dass er den Fisch jetzt an der Angel hatte. Bequem lehnte er sich zurück, verschränkte die Arme über seinem Bauch und beglückwünschte sich selber zu seiner Treffer-Frage. „Aha,“ sagte er, “ Erzähl mal.“ Es würde jetzt noch mindestens eine Stunde dauern, aber das war es wert.

Morgens um sechs wurde Breuer mürrisch. Was sollte er denn mit diesem ganzen Quatsch anfangen? Der Kerl hatte fröhlich eingestanden, dass er den Aufsatz einer Straßenlaterne am Sowjetischen Ehrenmahl vor dem Brandenburger Tor mit seinem Kumpel weggetragen zu haben. Sie hätte schon auf dem Boden gelegen und sollte wohl entsorgt werden. Da habe er sich zur Rettung berufen gefühlt, denn immerhin wäre es die einzige ostdeutsche Straßenlaterne auf Westberliner Gebiet gewesen. Das sei historisch. Außerdem sehe der Aufsatz wie eine gigantische Nachttischlampe aus, was sie auch zu einem einmaligen Zeugnis der biederen ostdeutschen Industriegestaltung und damit erhaltenswert mache. Er habe niemals die Absicht gehabt, sich das Gerät anzueignen, auch nicht, als sie beide die Lampe im 100er BVG-Bus durch die halbe Stadt transportiert hätten.
Breuer grunzte. Was war das für eine Stadt geworden?  Da schleift einer Volkseigentum, eine Lampe mit fast einem Meter Durchmesser, ganz ungeniert durch den öffentlichen Verkehr und keiner sagt auch nur ein Wort. Auch der Busfahrer nicht, die doch sonst wegen jedem Kinderwagen meckern. Die Westdeutschen betrachteten den Osten wohl als einzigen großen Andenkenladen, in dem sie einfach zugreifen konnten. Auf jeden Fall hatten ein Bürger erst die Polizei gerufen, als es vor dem Haus des Kerls zu Streit gekommen war.  Vom Balkon des ersten Stocks soll eine junge Frau mit zerrauften Haaren, wohl die Lebensgefährtin, geschrien habe, dass sie dieses verrostete Stück Ostschrott nicht in ihrer Wohnung haben wolle. Es scheint einen heftigen Wortwechsel gegeben zu haben, worauf der Komplize abgehauen wäre, was es dem Kerl unmöglich gemacht hat, die Lampe allein nach oben zu tragen. Stehenlassen wollt er seine Beute auch nicht. Und so stand er noch dabei, als die Kollegen ihn festnahmen.

Was jetzt? Am liebsten hätte Breuer diese unreife Gestalt für eine Nacht in Untersuchungshaft genommen. Das reichte meist, um ihnen einen Schrecken einzujagen. Aber der Kerl hatte eine feste Adresse und zu vertuschen gab es nichts mehr. Grober Unfug, würde der Staatsanwalt sagen und ihn wieder weg schicken.
„Du bekommst Post vom Ordnungsamt,“ raunzte er drohend. Abtransport der Lampe und so weiter. Das wird schön teuer für dich.“ „Und ich behalt dich im Auge, damit das klar ist. Ich bin sicher, dass das nicht der letzte Scheiß ist, den du  und dein Kumpel hier baut. Das war eine leere Drohung, das wusste er. Aber er wusste auch, dass er recht behalten würde.

 

 

 

 

 

 

Am Fenster

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Das Feuerwerk ist vorbei, der Sekt verkippt und der Walzer getanzt. Der Rausch macht eine Pause. Wir stehen am großen Fenster im vierten Stock und schauen wie aus einem Raumschiff über die strahlende Stadt und das neue Jahrzehnt. Der grauhaarige DJ scannt seine Playlists durch und startet mit zarten Geigenklängen einen zaghaften Versuch die erschöpften Tänzer auf der „Zeitlos“-Sylvesterparty wieder in Bewegung zu bringen. Unter dem sanften Gefiedel fängt eine dumpfe Trommel an einen dumpfen Rhythmus zu wummern. Und ich weiß schon jetzt, wie es weiter geht. Schwelgend erwarte ich die klagende Stimme, die ich seit 40 Jahren kenne: „Einmal wissen, dieses bleibt für immmer…“ Ein Freund hatte mir die rote Platte mit dem gelben Blitz vorgespielt, ein paar Wochen nachdem ich auf’s Gymnasium gekommen war. Eine Platte auf Deutsch, das war neu. Eine sehnsüchtige Melodie, ein poetischer Text, den ich verstand, aber nicht begriff. Mit 17 braucht es nicht viel mehr, um sich zu verlieben. Aber verliebte mich nicht nur in das Lied und die Platte. Ich bekam Sehnsucht nach der Welt, von der sie erzählte, nach dem Land, das ich bisher nur einmal für einen 20 Mark-Zwangsumtausch-Nachmittag in Ost-Berlin betreten hatte. Ich hatte Sehnsucht nach der DDR.

Zehn Jahre später im Februar. Ich liege mit hohem Fieber in einem langsam schaukelnden Interzonenzug nach Leipzig, meinem Traum entgegen. Der Zug hält mitten auf der Strecke, wie schon so oft. Im Delirium schaue ich aus dem Fenster. Ich sehe Menschen auf einer ausgfahrenen, lehmbraunen Straße vor einer Kaufhalle. Frauen in Kittelschürzen, ein Mann, der eine ölverschmierte, apfelsinenfarbene Regenhose trägt. Er lehnt am Seitenwagen seines Motorrads und zündet sich eine Zigarette an. Für mich ist es ein Bild unglaublicher Ruhe und Gelassenheit – oder spielt mir mein gedämpftes Gehirn das nur vor? Will ich hier Ruhe und Harmonie sehen, oder ist in diesem Land wirklich alles ein bisschen ruhiger, ein bisschen wie in alten Zeiten, von denen meine Eltern erzählten? Eine Frage, die ich mir in den kommenden zwei Monaten immer wieder stellen werde. Jetzt ist es egal. Es ist zu spät umzukehren. In meiner Tasche habe ich eine Einladung der Klinken der Karl Marx Universität Leipzig. Gerne würden sie mein Angebot annehmen, in ihrem Haus als Krankenpfleger zu arbeiten. Ich werde erwartet. Ich bin die Vorhut. Und ich darf nicht kneifen. Denn wir haben einen Plan.

In unserm alten Bahnhof in Heidelberg, auf unserer Insel zwischen Güterzuggleisen und Fernbahntrassen hatten wir im Sommer 89 mitbekommen, wie die Menschen aus der Botschaft in Prag nach Westdeutschland kamen.Viele Ärzte und Krankenschwestern waren darunter. Vom Notstand in den DDR-Krankenhäusern wurde berichtet. Das durfte nicht sein. Die DDR musste bleiben. „Die endgültige Teilung Deutschlands ist unser Ziel“ war die Losung, die von der Satirezeitung Titanic, neben der taz die Pflichtlektüre unserer Krankenschwestern-WG, damals wider den großdeutschen Geist ausgegeben wurde. Uns war das ernst. Wir hatten wirklich Angst vor dem vierten Reich. Und so schrieben wir, die wir alle unser Examen schon in der Tasche hatten, die Krankenhäuser hinter der Mauer an. Der Mauer wohlgemerkt, die damals noch stand. Wir wollten – jetzt darf ich es gestehen – die DDR retten, so wie sie war. Das mit der Revolution kam später. Und von der Stasi hatten wir noch nie was gehört.

Leipzig antwortete im November. Die Mauer ging auf, und ich wurde ausgewählt, mal zu schauen, wie es da so ist. An dem Mut meiner zwei Mitbewohnerinnen bestand kein Zweifel. Sie fuhren Motorrad, trugen schwarzes Leder und waren auf jeder autonomen Demo (ja, so etwas gab es in Heidelberg) dabei. Später würden sie in Rotkreuz-Zelten Peschmergas in Kurdistan zusammenflicken oder Flüchtlinge in Zentralafrika versorgen. Aber das mit dem deutschen Osten, das war ihnen erstmal doch ein wenig zu abenteuerlich.  Ich brauchte keinen Mut, denn ich fuhr ja Richtung zu Hause.

Ich landete da, wo ich nie hin wollte: Vor dem Tisch eines deutschen Feldwebels. Das Quartier, das mir die Uni zugeteilt hatte war eine ehemalige Parteihochschule, die von der NVA beschlagnahmt worden war. Lenin hing noch an der Wand, auf dem Linoleumfußboden knallten Knobelbecher. Sie gehörten jungen Rekruten, die jetzt in die Kohlekraftwerke geschickt wurden, weil die Heizer schon im Westen waren. Der Feldwebel schaute misstrauisch auf mein Papier und zuckte die Achseln. Es gab so vieles, was nicht mehr zu verstehen war in dieser Zeit. Ein Westler, der freiwillig in den Osten kam, um hier zu arbeiten? „Verrückte hat es immer gegeben.“, war sein Kommentar. Ich bekam ein riesiges Zweibettzimmer und viele Telegramme. Das war die einzig verlässliche Art mit der alten Heimat Kontakt zu halten. Ich bekam auch viel Besuch: Von meinen Krankenschwestern und andern, die „mal schauen wollten.“ Gearbeitet habe ich auch. Auf der nephrologischen Station. Dreischichtbetrieb, 600 Mark der DDR, später 800. Geschlafen habe ich nicht viel in der Zeit. Aber das ist einer andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll… Gute Nacht

 

Früher

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Wäre ich nur 500 Meter weiter gegangen, hätte ich es über die Grenze geschafft. Dort wo die Straße den Berg hoch geht – den Prenzlauer Berg. Dort, wo sich die Baristas hinter U-Boot großen Espressomaschinen verschanzen und wo die Luft erfüllt ist von diabolischem Zischen. Dort hätte ich einen Kaffee nach meinen Wünschen bekommen.

Aber ich musste ja unbedingt am wimmeligen, engen Ende der Invalidenstraße in diesen schäbigen, schmalen Laden, der sich zwischen den Nobel-Food-Läden und der Ackerhalle gehalten hatte. „Backen wie früher“ versprach er mir auf seinem Schild. Und rein optisch ging dieses Versprechen auch sofort in Erfüllung. Früher muss ja nicht ganz früher gewsen sein. Es reicht nach 30 Jahren ja die Zeit direkt vor dem Mauerfall. Ja, und so sah es hier auch aus. Eine abgeschabte Ladeneinrichtung aus wuchtigem Resopal, Stehtische mit zerlesenen Zeitschriften, Glasvitirine mit handgeschriebenen Schildern und ein Blick in eine Backstube, in der noch weiße Knetmaschinen für echten Brotteig stehen. Kein Firlefanz mit Ährenkränzen und dem Bild von wogenden Weizenfeldern. Ein Sperrholzregal mit vier Brotsorten, von denen eine „Scharfe Kruste“ heißt und Schluss.

Aber heißt „Backen wie früher“ auch Kaffee wie früher, also ganz früher? Ich wage es und bestelle einen Milchkaffee. Und weil ich nicht weiß, wie weit der Geist der Cafelatte–Enklave auf dem Berg schon bis hierher heruntergeschwappt ist sage ich vorsichtshalber „ohne Schaum“. So war das nämlich früher, schwärme ich der Verkäuferin vor, als Milchkaffee noch „Cafe au Lait“ hieß. Ganz Connaiseur schwadroniere ich von einem „Noir“ den man mit gleichen Teilen Milch auffüllen muss, natürlich heißer Milch…  Die Frau hinter dem Tresen schaut mich in ihrer Kittelschürze ungerührt an und raunzt: „Ohne Schaum kann die Maschine nich.“

„Also früher…“ hebe ich wieder an, komme aber nicht weit weil ich unwirsch von einem jüngeren Herrn im wieder modischen Halbmantel unterbrochen werde: „Früher gab’s mehr Lametta.“ Spricht’s und drängelt sich vor mit seiner Bestellung, natürlich Vollkornbrot, und lässt mich sprachlos. Depp! Das hieß doch ganz anders. „Früher war mehr Lametta“ polterte doch der preußische Opa bei Klimbimm. Aber was weiß so ein junger Schnösel schon von früher? Und für eine schmissige Antwort ist es eh zu spät. Dafür dauert es in meinem mit Erinnerungen überfüllten Gehirn zu lange.

Also wat wolln‘ se nu?, drängelt die Berliner Bäckereifachverkäuferin. „Einen Kakao, einen heißen, stammle ich perplex.  „Dit jibt’s nich“ kommt es direkt zurück. „Wir ham Kakao nur kalt, hier in Flaschen.“ „Hier, auf ihrer Tafel steht’s doch.“, raunze ich ich jetzt auch. Nach 25 Jahren in Berlin bin ich im Zurückbellen geübt. Aber ich habe es  mit einer einheimischen Fachfrau für Höflichkeit zu tun. „Könnse nich lesn?“, blafft die Herrscherin über eine jämmerliche Baumarkt-Kaffeemaschine. „Da steht heiße Schokolade. Also wat wolln‘ se nu?“

Na das garanitert nich: Mich noch mal anblaffen zu lassen, so wie früher. Mein Weg führt mich über den früheren Mauerstreifen zurück in den heutigen Wedding. Zu freundlichen Falaffel-Bäckern und gut gelaunten Youngstern.
Von früher vermisse ich nichts mehr.

Ach ja, wer mehr über Berliner Bäckereiromantik lesen will, dem empfehle ich den Roman „Schmetterlinge aus Marzipan“ von Daniela Böhle. Eine Frau kämpft sich durch die Backstube zum Glück. Gar nicht süßlich, sondern sehr handfest.

Selten so gelacht

Ist das wirklich schon fünfundzwanzig Jahre her, dass ich so laut gelacht habe? Als ich in meinem schäbigen Büro am hinteren Ende einer grauen Plattenbausiedlung am Rande von Berlin saß, in einem Raum mit beigebraunen Pressholzmöbeln im oberen Stockwerk eines in die Gegend geworfenen Einkaufszentrums in Weiß und Rot, so wie sie nach der Wende zu Hunderten hochgezogen wurden, in dieser Behörde, die genau an der letzten Haltestelle der Berliner U-Bahn, aber eben genau 50 Meter von der Stadtgrenze entfernt auf dem Gebiet von Brandenburg untergebracht worden war, wie es der Einigungsvertrag vorschrieb? In diesem zusammengewürfelten Laden, in dem die Chefs alte Männer aus Bayern waren, die ihre Muschkoten abteilungsweise aus den abgewickelten DDR-Ministerien rekrutierten. Doktores, Ingenieure und Beststudentinnen, die jetzt Stück für Stück alte Sozialakten auseinanderrissen, in denen Arbeiter- und Bauernschicksale auf blütenblattdünnem Durchschlagpapier eingeprägt waren: Hitzschläge in unbelüfteten Mähdrescherkabinen, Mopedunfälle mit unbeleuchteten Sowjetpanzern und  immer, immer wieder Allergien an ungecremten Melkerinnenhänden. Zerrissen in drei Teile, damit sie in das bundesdeutsche Sozialsystem passten, und ergänzt durch ungeschickt getippte Eingaben und von groben, von lärmenden Schreibrad-Druckern ausgespuckten Textbausteinen, die meist nur ein Ergebnis kannten: Ablehnung!

In dieser stumpfen Hölle der Bürokratie, in der ich meinen ersten Job nach dem Studium gefunden hatte, flatterte mir schon nach ein paar Tagen ein Brief auf den Tisch. Amtlich, mit meinem Namen, adressiert mit „im Hause“. Und dieser Brief aus der Personalabteilung ließ mich so laut  lachen, dass es auf den traurigen Fluren über den grauen Nadelfilz hallte. Ein Brief wie von einem besonders guten Komiker geschrieben. Vielleicht einer von der Zeitschrift „Titanic“, die bis dahin neben den Gesetzeskommentaren meine Pflichtlektüre war. „Hiermit wird ihre Jubiläumsdienstzeit gemäß Jubiläumsdienstverordnung wie folgt festgesetzt…“ Und akribisch wurde dann genau der Tag festgelegt, an dem man mich zu meinem 25. und mein 40. Dienstjubiläum beglückwünschen würde. „Here is you goldwatch and shackles for your chain. Set your sign on the dottet line and work for 50 years.“ Ich wollte nicht wahrhaben, dass mich diese längst totgeglaubte Welt, die ich aus den Protestongs der 68er kannte, gefangen hatte. Ich zeigte den Brief abends meiner hochschwangeren Freundin, und sie sagte mir anerkennend, dass sie es zu schätzen wisse, welchen Wahnsinn ich auf mich nähme, um unsere junge Familie bald ernähren zu können.

Nun, der Wahnsinn hatte gerade erst angefangen. Wenige Wochen später lehnte der bayerische Direktor meinen Antrag auf Sonderurlaub für die Geburt ab, mit der Begründung, ich sei ja mit der Mutter nicht verheiratet. Und Sonderurlaub bekämen nur Ehegatten. Das führte dazu, dass ich, nachdem ich mit meiner Freundin in den ersten Wehen die Nacht in der Klinik verbracht hatte, mich morgens auf zur Arbeit machte. Ich war in der Probezeit und meine Freundin noch in der Ausbildung. Ich durfte den Job nicht verlieren. Ständig rief ich vom Büro aus in der Klinik an. Handys gab’s ja noch keine. Aber die Schwestern beteuerten immer, dass es noch nicht so weit sei. Und als ich dann endlich den Mut hatte, mein Büro zu verlassen, war meine Tochter schon halb im Krankenhausfahrstuhl zur Welt gekommen. Gottseidank war alles gut gegangen. Aber das wussten wir erst ein banges halbes Jahr später.

Aus Rache beantragte ich, sobald ich konnte das, was damals „Erziehungsurlaub“ hieß. Und mein Direktor sagte mir ins Gesicht, dass ich, wenn ich das täte, nicht wiederkommen brauchte. Das war nicht im Mittelalter sondern Mitte der Neunziger. Ich nahm ihn beim Wort, suchte mir, während ich mit der Tochter am Sandkasten saß eine Stelle bei  der Zeitung und glaubte, dass sich das mit dem Dienstjubiläum ein für alle mal erledigt hätte.

Doch als Kafka-Jünger hätte ich wissen müssen: Die Mühlen der Bürokratie lassen niemanden aus ihren Klauen. Irgendwie hat mich der Wind des Lebens doch wieder in an die sicheren Strände der Jubiläumsdienstverordnung geweht. Ich war nicht mehr jung und ich brauchte das Geld. Schließlich habe ich mittlerweile vier hungrige Mäuler zu füttern. Und weil sich die Zeiten und die Gesetze geändert haben, konnte ich bei allen weiteren Geburten dabei sein. Aber alles hat seinen Preis. Und so ist gestern passiert, was ich in jugendlichem Übermut niemals geglaubt hätte: Zwischen Fahnen aufgestellt, mittlerweile mit grauem Bart, erhielt ich von meiner Abteilungsleiterin eine Urkunde zum 25. Dienstjubiläum, in der mir allen Ernstes „für die dem deutschen Volke geleisteten treuen Dienste“ gedankt wird. Und ich dachte, ich hätte für Geld und meinen Chef gearbeitet.

Meine Tochter habe ich zum meinem Jubeltag  morgen ins Theater eingeladen. Sie hat sich „Onkel Wanja“ im Deutschen Theater ausgesucht. Tschechow finde ich zwar ein bisschen langweilig, weil die Figuren da immer rumstehn und jammern, dass sie nichts tun können. Aber die Moral des Stückes, die die Dramaturgen auf den Programmflyer gedruckt haben, ist für mich hochbrisant. „… und so erkennen beide (Sonja und Onkel Wanja), dass sie 25 Jahre einem Irrtum gedient haben.“ Na, mal schauen.

Völlig losgelöst

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Das Schöne an diesem Sommer ist, dass jeder, der Mitte Fünfzig ist erzählen darf, wie er die Übertragung der Mondlandung erlebt hat, ohne dass jemand der Zuhörer die Augen verdreht.
Also bei mir war es morgens vor der Schule im Sonnenschein auf dem Rasen. Die Gemeinde hatte direkt vor der neuerbauten, hellen und modernen Grundschule Pavillions gesetzt, in denen die Lehrer wohnten. Und auf den Rasen vor diesem Pavillion hatte der einbeinige Schuldirektor, der sonst immer nur von Krieg und Gefangenschaft erzählte, seinen Fernseher geschleppt und uns Kinder drumerum postiert. Die Einheit von Leben und Arbeit. Damals hatte man noch Visionen – und Sendungsbewußtsein.
Bei mir scheinen nicht nur die Backpfeifen und Kopfnüsse, die der Direktor an den anderen Tagen verteilte, sondern auch der Funke der Mondlandung tiefe Spuren hinterlassen zu haben, denn auf dem Foto von Weihnachten ’69 stehe ich in einem hellblauen kunstseiden glänzenden Schlafanzug und einem weißen Raumfahrerhelm unter dem Arm. Und wenn ich mich recht erinnere, lief ich mit Schlafanzug und Helm auch noch auf dem Karnevalsumzug im folgenden Jahr herum, bis das billige, dünne Plastik zerbrach wie eine Eierschale.

Das andere Schöne an diesem Sommer ist, dass ich verstanden habe, wie ein „Narrativ“ funktioniert. Als man Ursula von der Leyen nach Brüssel schickte und die Medien nicht müde wurden zu erzählen, dass sie ja in Brüssel geboren sei, sodass es, nach heutiger Sicht ja irgendwie der Sinn ihres Lebens und all ihres Streben gewesen sein musste, nach Brüssel zurück zu kehren, wies ein kluger Journalist darauf hin, dass diese zwei Sachen, genau genommen,  nichts miteinander zu tun haben. Die pfiffigen PR-Leute der Kommissarin hatten die Verbindung hergestellt, damit aus der mit Vernunft nicht zu begründenden Entscheidung eine bewegende Geschichte wird.
Das kann ich auch.

Nehmen wir einmal an, dass der Kern meiner frühen Raumfahrtbegeisterung die Faszination über die neue Macht des Menschen war, die Schwerkraft zu überwinden. Und nehmen wir einmal an, der Wunsch, diese Kraft in neue Bahnen zu lenken, hätte mein weiteres Leben bestimmt. Dann könnte man die drei Radtouren, die ich in diesem Sommer mit meinen Freunden und meinem neuen, wundervollen, taubenblauen, chromblitzenden Fahrrad nach Brandenburg unternommen habe, als eine Reihe von planvollen Exprerimenten zur Überwindung großstädtischer Gravitation darstellen.
Und das geht so:

Jeder, der im Physikunterricht aufgepasst hat, weiß, dass die Schwerkraft oder Gravitation der Erde die Kraft ist, die alles an seinem Platz hält. Und weil die Gravitation allen Dingen innewohnt und mit der Größe der Dinge zunimmt, muss auch die große  Stadt Berlin eine große Gravitationskraft haben. Sie ist sogar so stark, dass sie Menschen aus der ganzen Welt anzieht, und sie ist so kräftig, dass die Neulinge, in Berlin angekommen, nicht mehr stehen können. Dazu braucht es kein Experiment, das kann man zur Zeit auf allen Berliner Bordsteinen beobachten. Die Anziehungskraft Berlins muss also größer sein als die der Erde, weil ja sonst die Menschen zu Hause bleiben würden. Deshalb widerum ist es für mich, einmal in Berlin sesshaft geworden, auch so schwer die Stadt wieder zu verlassen, und sei es auch nur in das nahegelegene Brandenburg. Die Schubkraft, die man dafür braucht, ist größer als die einer Apollo-Rakete.

Und jetzt behaupte ich einfach, dass ich nur deshalb nach Berlin gekommen bin, um dieses Problem rational lösen, und dass ich mich dafür einer Reihe von Experimenten unterwerfe, die auch in der Raumfahrt der 60er-Jahre zum Erfolg geführt haben.

Tierexperimente
Zuerst widerspreche ich allen Vermutungen, dass der Sturz der Nachbarskatze vom Balkon im dritten Stock in unseren Garten irgendetwas mit meiner Versuchsreihe zu tun hat. Ich habe schon als Kind das tragische Schicksal der Hündin „Laika“ in der sowjetischen Raumkapsel heftig beweint. Trotzdem hat es meine Forschung weiter gebracht. Es war wie die Sache mit Newton und dem Apfel. Als die Katze fiel und von der schreienden Besitzerin unversehrt aus den Blumenbeeten gerettet wurde, wurde mir klar, welch tückische Kraft die Gravitation ist und wie vorsichtig ich vorgehen musste.

Vordringen in die Statosphäre
Da hinter der Stadtgrenze Berlins bekanntlich das Nichts beginnt, war es wichtig, erste Erfahrungen in diesen Grenzregionen zu sammeln, um auf die zunehmede Reizlosigkeit und den Nahrungmittelmangel (Nimm Essen mit, du fährst nach Brandenburg) vorbereitet zu sein. Mit meinem Freund Michael tastete ich mich an der nördlichen Havel entlang bis nach Hennigsdorf vor. Dort wagten wir eine Strecke, die vom Radweg entlang der unnötigerweise verschwundenen Berliner Mauer in ein unbekanntes Waldgebiet führte. Zu unserem Erstaunen entdeckten wir eine Waldschänke in der es Bier und Wurst gab. Sollten unsere Annahmen über die Beschaffenheit des Raumes jenseits der Mauer falsch sein? Schnell versuchten wir den S-Bahnhof zu erreichen, unsere einzige Verbindung mit der Heimat, von dem wir den kontrollierten Rücksturz zur Erde versuchen wollten. Aber es schien in Brandenburg eine Kraft zu geben, die der natürlichen Bewegung ins Zentrum der Hauptstadt entgegenwirkt. Sie heißt „Schienenersatzverkehr“. Wahrscheinlich wurde sie von der Brandenburger Regierung erfunden, um die Menschen an der Rückkehr nach Berlin zu hindern und die ausgebluteten unendlichen Weiten wieder zu bevölkern. Unter Aufbietung unserer letzten Energie radelten wir entlang der S-Bahn-Trasse in die Stadt zurück. Das nächste Mal müssen wir vorbereitet sein.

Parabelflug
Wie hatte es Wernher von Braun gemacht? Einfach eine Rakete über die Ostsee geschossen und geschaut, wie die Schwerkraft sie wieder runter holt. In Form einer perfekten Parabel. So wollten wir es auch versuchen. Früh morgens schossen wir uns mir dem Regionalexpress nach Rheinsberg (ja, das von Tucholsky) um von dort langsam in einem schönen Bogen zurück nach Berlin zu gleiten. Das lief auch Anfangs ganz gut und wir flogen mit Leichtigkeit durch den jungen Morgen. Doch wir hatten vergessen, dass die Verbindung nach Berlin immer nur über geschütze Korridore funktioniert hat: Transitautobahnen, Luftkorridore, Fernradwege. Radfahrer, die die Fernradwege verlassen, werden von Vogonen gejagt, die einen mit mehr als 100 km/h von hinten anpeilen und knapp vorbeiziehen (wie man aus dem „Hitchhiker’s Guide to Galaxy“ weiß, schießen Vogonen gottseidank immer daneben.) Wenn wir gedacht hatten, dass es in Brandenburg nach 30 Jahren EU-Förderung keine Straße ohne Radweg mehr gibt, hatten wir uns auch da getäuscht. Das Geld ist für die glatt asphaltierten Bundesstraßen und die überdimensionierten Feuerwachen in jedem Dorf draufgegangen. Verzweifelt versuchten wir auf unserer Karte einen Ausweg zu finden. Aber die aktuellste Fahrradkarte für das Ruppiner Land ist von 2011, was uns eine Warnung hätte sein sollen. Sie zeigte uns einen Weg über die Felder, der erst zu einem Panzerplattenweg wurde und dann vor einem Golfclub endete, den die Karte noch nicht kannte. Da sag einer, die Östlichen Länder hätten den Aufschwung nicht geschafft. Da die Schwerkraft kein Zurück kennt, fuhren wir einfach querfeldein weiter auf einen naheliegenden Bahnübergang hin. Aber hier kam uns die Relativitätstheorie in die Quere. Wer sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, für den wird der Raum immer kürzer. Wer sich aber, wie wir, nahe dem absoluten Stillstand herumkrebst, für den wird selbst das naheliegendste Ziel unerreichbar. Fluchend rumpelten wir in schwüler Hitze durch die schattenlose Agrarsteppe, unsere Köpfe glühend wie zwei Supernovas kurz vor der Explosion. Die Gaststätte im nächsten Dorf hatte den Betrieb eingestellt. Nimm Wasser mit, du fährst nach Brandenburg.

Die Pforten des Himmels
Der dritte Versuch musste gelingen. Mit meinem Freund Jürgen machte ich einen Plan. Wir mussten zuerst das Schwarze Loch in der S-Bahnverbindung überwinden und dann so weit weg von Berlin kommen, dass wir beim Rücksturz über den Berlin-Kopenhagen- Radweg genug Energie hatten, den autoverseuchten Speckgürtel samt Autobahnring zu durchstoßen und direkt ins Zentrum der Hauptstadt zurückzukehren. Das Erste gelang uns mühelos, denn wir kannten ja inzwischen die Route neben den Gleisen. Dann schoß uns die Bahn bis nach Fürstenberg an der Havel. Von dort waren es nur ein paar Kilometer nach Himmelpfort. Das ist da wo der Weihnachtsmann seine Briefe schreibt. Eigentlich hatten wir unser Ziel erreicht und hätten zurückfahren können. Doch wir gerieten in den Sog eines neuen Gravitationsfeldes. Und das heißt Uckermark. Sanfte Hügel, dichte Wälder, tiefe Seen. Es zog uns weiter und weiter nach Osten. Irgendwann war klar, das wir hier würden übernachten müssen. Ja, wir wollten sogar. Und als wären wir mit dem Douglas Adam’schen Unwahrscheinlichkeitsgenerator unterwegs, tauchte vor uns das Schloss Boitzenburg auf, das auch noch zwei Zimmer für uns hatte. Und auch das Restaurant am Ende des Universums hatte noch offen für uns. Es heißt Grüner Baum und bietet das Feinste und Einfachste, was ich je nördlich von Berlin gegessen habe.
Nur die Vogonen hatten uns nicht vergessen. Sie hatten mittlerweile ihre riesigen Geländewagen und protzigen Ami-Schlitten hinter dem Schloss geparkt. Jetzt strömten sie in den Rittersaal, gerade unterhalb unserer Zimmer, um das zu feiern, was sie „Hochzeit“ nannten. Schrille Stimmen und wummernde Bässe, die den Boden unter meinen Füßen beben ließen. Als das dritte Abba-Lied nacheinander gedröhnt wurde, nahm ich eine Schlaftablette – nein zwei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Knietief in der Kohle

F 60

Als ich die Plakate von „Gundermann“ sah, dachte ich: Ach wieder so ne Ostrockband auf der nimmerendenen Tour durch die „Gib uns unsere Jugend wieder“-Festivals jenseits der Elbe. So wie die Phudys, Keimzeit oder City. Von Gundermann hatte ich mal was gehört, nie ein Lied, nur die Geschichte: Baggerfahrer in der Braunkohle,  depressive Lieder für hoffnungslose Leute und so weiter. Nix was mich anging, dachte ich.

War aber kein Konzertplakat, denn Gundermann ist, was ich auch nicht wusste, schon lange tot. War Werbung für einen Film, noch dazu für einen von Andreas Dresen, den ich ja besonders liebe, schon seit „Stilles Land“. Und als ich den Film, natürlich im Kino International an der Karl-Marx-Allee, dem Prachtkino der DDR, dem mit dem riesigen Foyer, in dem man so herrlich melancholisch die Abenddämmerung über dem Cafe Moskau mit seinem kleinen Sputnik und den denkmalgeschützen Plattenbauten aufsteigen sehen kann, angeschaut hatte, war ich rettungslos verloren. Ich meine: Dresen schafft es ja jedes Mal, dass ich mich in seine orientierungslosen Helden verliebe. Aber diesmal, mit diesem tolpatschigen Gundermann, der immer im falschen Moment aufrecht ist und dann wenn er mutig sein sollte, die besten Freunde verrät, der sich nicht entscheiden kann, ob er jetzt Künstler sein will, oder Bergmann wie sein Vater und der deshalb beides macht, malochen und singen, der Zeilen raushaut wie „Ich schau jeden Morgen in den Spiegel, damit ich mir mein Leben glaube.“, mit diesem Gundermann hat er mich voll erwischt.

Und während sich die Baumhausmenschen im Westen gegen die Bagger der RWE stemmten, versank ich tief im Osten in einem Braunkohlesumpf . Der Film hatte mich nicht nur dazu gebracht, nächtelang Gundermanns Balladen zu hören, bis vor lauter Schwermut die Welt um mich herum versank, er hatte auch an eine alte Saite in mir zum Klingen gebracht: Meine alte Faszination für alles, was im Osten qualmte.
Denn während ich im Westen so öko war, dass ich mit Stolz die abgelatschte Birkenstocksandale auch im juristischen Seminar trug,  wusste ich doch aus den Fahrten mit meinem Vater, der mich in seinem LKW in die Fabriken von Leverkusen bis Essen mitgenommen hatte, dass es hinter meiner grünen Fahrrad-Windrad-Komposthaufen-Utopie noch eine andere Welt gab. Die Welt der Kraftwerke, der Chemie-Komplexe und der Schwerindustrie. Und am schwersten war sie im Osten. Man konnte sie riechen wenn man auf der Transit-Autobahn nach West-Berlin fuhr, man konnte sie sehen, wenn man den Interzonenzug über Eisenach nahm, der an den riesigen, rostbraunen Leuna-Werken vorbeischlich.  Das war was anderes als das, was ich kannte. Die großen Werke im Westen hatten eine saubere Fassade und Filter im Schornstein, die den gröbsten Dreck zurück hielten. Im Osten war alles alt, ungeschminkt, ehrlich, brutal und kurz davor, zusammenzubrechen. Und wenn mich etwas noch mehr faszinierte als luftig-grüne Zukunftsvisionen, dann war das die Vorstellung, etwas Altes, von niemandem Geschätztes vor dem Untergang zu retten.
Kaum war die Mauer auf, machte ich rüber. Als gelernter Krankenpfleger war es damals leicht, eine Stelle zu bekommen. In Leipzig lernte ich Annette kennen, eine Jura-Studentin die vorher in der „Produktion“ gearbeitet hatte, auf einem Braunkohlebagger als Klappenschläger – was immer das war. Ich war fasziniert. Eine Jura-Studentin, die ehrliche Arbeit kannte hatte ich in Heidelberg noch nicht getroffen. Sie stellte mich ihrem Vater vor, der gerade als Ingenieur im Tagebau in den Vorruhestand geschickt worden war. Ich ließ nicht locker, bis er mich durch die abgrundtiefen Löcher in der Lausitz führte. So oft, dass er irgendwann sagte, er müsse aufhören, weil es  zu schmerzhaft für ihn sei.

Aber das Thema Kohle kam immer wieder, sei es dass wir in unserer ersten, natürlich Ostberliner, Wohnung mit Brikett heizen mussten, was ich romantisch fand, bis auf die Tatsache, dass die Bude nie warm wurde und unsere Tochter von einer Bronchitis zur nächsten Mittelohrentzündung taumelte, bis die Mutter, was damals noch möglich war, von einem Tag auf den anderen eine neue, zentralbeheizte Wohnung an Land zog  – wohl auch wegen der Ratten im Kohlenkeller, sei es, dass mich ein Bekannter aus dem Dessauer Bauhaus in die aufgelassenen Gruben um Gräfenhainichen führte und vor der kargen Wüstenlandschaft, in der noch ein paar rostige Bagger standen, von seinem Projekt schwärmte, bei dem aus den alten Baggern eine Kulisse für eine Open-Air-Bühne inmitten einer Seenlandschaft von gefluteten Tagebaulöchern entstehen würde. „Industrielles Gartenreich“ nannte er das. Ich hielt das für eine typische spinnerte Idee junger Kreativer, die nichts von der wirklichen Welt wissen. Vor zwei Monaten war ich, umrundet von mächtigen Schaufelrädern, zu einem Konzert in dem Areal, das jetzt „Ferropolis“ heißt.

Und als mich ein Freund, mitten in meinem Gundermann-Blues, zu einer Motorradtour einlud, ging es natürlich zur „F 60“, einer schwindelerregend hohen Förderbrücke, einem gigantischen, filigranen Meisterwerk der Ingenieurskunst, das man nach der Wende aus einem Tagebau gerettet hat. Kaum waren wir vom Wind zerzaust zurück in Berlin, versuchten wir uns in seiner Stammkneipe „Idyll“ etwas aufzuwärmen. Und kaum hatten wir dem Wirt erzählt, wo wir waren, fing er an, von seiner Jugend zu erzählen. Die gefährlichen Wintereinsätze, zu denen er als Soldat auf eine F 60 abkommandiert wurde, Einsätze bei denen es viele Tote gab. Und als er es so erzählt, denke ich, dass ich keinem Bergmann in der Lausitz oder in Hambach ins Gesicht sagen könnte, dass ich seine Arbeit am liebsten von heute auf morgen stillegen möchte.

Als ich aus der Kneipe rauskomme, klingelt das Telefon. Annette ist dran. „Du, hast du Gundermann gesehen? Ich musste ja so an dich denken. Wie du mit meinem Vater rumgeklettert bist. Ich weiß ja bis heute nicht, was du damals in der Kohle gesucht hast.“

 

 

 

Im Baggerloch

wirsindmehr

Als das am Wochenende mit den Nazis in Chemnitz hochkochte, da habe ich zusammen mit 10 000en „Nazis raus!“ gebrüllt. Hat nur keiner gehört. Denn wir standen in einem alten Braunkohle-Tagebau-Loch irgendwo im Osten.  Ich, mein Freund und die anderen guten Deutschen. Rund um uns alte Bagger. Und vorne die Toten Hosen. Sie erzählten uns, dass sie am Montag in Chemitz spielen würden. Und das wir alle kommen sollten. Und alle haben gejohlt. Und dann gab’s noch ne Zugabe, und dann haben alle ihre Pfandbecher abgegeben, sind zum Parkplatz gegangen, zu ihren Klein- und Mittelklassewagen, viele ziemlich neu und gut gepflegt, und sind weggefahren. Wir hatten unsern Spaß gehabt, noch mal gezeigt, dass wir die Wilden waren und jetzt ging das Leben weiter.

Mein Freund und ich, wir haben in unserem gemieteten Transporter geschlafen und weil es so schweinekalt war, machte ich mir warme Gedanken. Dass ich am Montag auch nach Chemitz fahren würde. Einfach im Büro anrufen: Chef, ich bin jetzt da, wo du auch sein solltest. Heldenträume. Und als wir am Morgen die Schiebetür aufmachten, schien die Sonne und der Parkplatz war nur für uns da. War schön. Beim Frühstück an der Tanke sagte mein Freund, dass er den Bus um drei in Berlin wieder zurück geben müsste, und ich dachte, dass ich am Montag ganz sicher im Büro gebraucht würde, wegen der einen wichtigen Sache, an der wir die ganze Woche gearbeitet hatten. Und so sind wir zurück gefahren nach Berlin. Ich legte mich in die Wanne um den Kohlestaub und die wilden Gedanken einzuweichen und dachte: Montag, das wird ein Dankeschön-Konzert für die paar Antifa-Hanseln, die da schon die ganzen Tage sind.

Am Montag war ich dann im Büro und die wichige Sache war gar nicht mehr so wichtig. Wichtig war nur, dass alle meine guten Deutschen, denen ich das gar nich zugetraut hatte,  in Chemnitz waren. Da hab ich mich ein bisschen geschämt, aber froh war ich auch, dass so viele da waren, in Chemitz. Und Campino hat im Radio gesagt, dass er nur ein Musiker sei, dass er tue, was er könne. Aber er singe jetzt schon seit 30 Jahren gegen die Nazis, und das können doch nicht alles sein, die Musik gegen rechts. Da müsse doch jetzt mal was von anderen kommen. Er klang ein wenig müde. Campino ist so alt wie ich. Und zwei Tote Hosen-Konzerte in drei  Tagen hätt auch ich nicht durchgehalten.

 

 

Lasterhaftes Berlin

fremde

Da soll doch noch einmal einer sagen, Bücher, die man nicht gelesen hat, hätten keinen Einfluss auf einen. Birgit vom Sätze und Schätze- Buchblog hat mir mit ihrer gut recherchierten Rezension über „Lasterhaftes Berlin“, einem neu aufgelegten Stadtführer durch das angeblich wilde Berliner Nachtleben der 30er-Jahre, einen Floh ins Ohr gesetzt: Wieso denken eigentlich immer alle Menschen, die nicht in Berlin leben, dass hier ständig die Post abgeht? Dass man hier nachts Sachen machen kann, die man in Leipzig oder Bietigheim nicht machen kann? Ohne Licht mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig unbescholtene Bürger anfahren, oder um zwei Uhr nachts mit einer Flasche Bier in der Hand in der U-Bahn sitzen – um mal die wildesten Exzesse zu nennen, die man sich außerhalb Berlins so vorstellen kann.

Birgit vermutet, dass die Bücher über das verruchte Nachtleben immer die Vorstellung der Leser aus der Provinz bedienen müssen, und ich glaube das stimmt. Und weil in Berlin wirklich nicht viel anderes passiert als in Köln oder Buxtehude wird einfach ein bisschen dazugedichtet. Das hat Christopher Isherwood in seinem Buch „Auf Wiedersehn Berlin“ getan (das übrigens fast gar nichts mit dem Musical und dem Film „Cabaret“ zu tun hat. Isherwood war schwul und schreibt über seine Abenteuer mit Jungs) und die anderen Bücher aus den „goldenen Zwanzigern“, die Birgit erwähnt wohl auch.

Nach dem Krieg war es dann Billy Wilder, der Marlene Dietrich einfliegen ließ, um in „Foreign Affair“ etwas Verruchtes in die jämmerliche Schwarzmarktzeit zu bringen. Später hat er es mit der auf dem Tisch tanzenden Lilo Pulver im Pünktchenkleid in „Eins, zwei, drei“ noch mal versucht. Berlin war damals plattgemacht wie ein Teller, wie mein Vater zu berichten wußte, der jahrelang Konserven für die „Senatsreserve“ nach Berlin fuhr (und abgelaufene Konserven nach Westdeutschland zurück). „Wenn ich auf das Führerhaus meines Lasters gestiegen bin, sagte er immer, „konnte ich die ganze Stadt überblicken.“ Kein Wunder, dass die meisten Fotos und Postkarten von damals Berlin bei Nacht zeigten. Das war die einzige Möglichkeit, die Stadt ohne Trümmerberge aufzunehmen. Und die einzigen Begegnungen mit fremden Frauen, von denen mein Vater berichten wollte, waren die mit den DDR-Zöllnerinnen, die ihn den ganzen Wagen mit den durchweichten Kartons per Hand aus- und wieder einladen ließen. Auf solche Uniform-Spiele muss man stehen. Mein Vater tat’s nicht. Als ich ihn kurz vor seinen Tod fragte, was er in seinem Leben heute anders machen würde, sagte er, ohne zu überlegen „Ich würde nie wieder eine Tour nach Berlin übernehmen.“

Die freie Liebe der 68’er in der Kommune 1 war wohl so frei auch nicht und wurde erst attraktiv, als mit Uschi Obermeier ein Fotomodell dazu kam, das der „Stern“ gern  ablichtete. In den Siebzigern war es dann en vouge, über das wilde Sex-Leben der Nazi-Größen in geheimen Bordellen in Berlin zu berichten. „Salon Kitty“ war so ein Buch und ein Film, der sich an strammen SS-Männern in schwarzen Uniformen weidete. Zadek überflutete die Bühnen damit. Ende der Siebziger war es dann Christiane F. und der billige Sex mit Junkies im Tierpark, der das Bild vom nächtlichen Berlin prägte. Mann, fand ich den Film aufregend. Vor Drogen hatte ich zwar tierische Angst, aber so auf dem Bahnhof mit Freunden abhängen, den Bullen weglaufen und dann direkt vor David Bowie zu stehen, wenn er „Heroes“ singt. Das wär schon was gewesen. Später sang dann „Ideal“ vom wilden Nachtleben im „Dschungel“ – Ick fühl ma jut, ick steh uf Berlin. Das war das Lied, das ich im Kopf hatte, als ich auf Klassenfahrt nach Berlin kam. Und tatsächlich standen da am hellerlichten Tag Frauen auf der Potsdamer Straße rum, die so angezogen waren, wie die Frauen, die im Kleinanzeigenteil unserer Zeitung für potenzsteigernde Mittel warben. „Na Kleener, haste Lust uf ne Sause?“, sprach mich eine an. Ich wurde knallrot und sah zu, dass ich weg kam. Im Bus zurück nachhause prahlten natürlich alle Jungs, mit dem was abgegangen sei, mit den Frauen von der Potse.

Keine fünfzehn Jahre später zog ich nach Berlin, weil die Mauer auf war und ich den Osten erleben wollte. Und es war wirklich klasse. Die ganzen improvisierten Kellerbars und die Konzerte in den alten Reichsbahn-Hallen. Aber verrucht war das nicht, höchstens verqualmt.
Ich glaubte sowieso nicht, dass es so was wie verrucht noch gab in einer Stadt in der es die Love-Parade und den Christopher Street Day gab. Wo dein Nachbar zum Motzstraßen-Fest plötzlich als Transe aus der Tür kommt und dich fragt, ob seine Strumpfnaht noch gerade sitzt. Bis, ja bis dieser amerikanische Journalist auftauchte in unserer Redaktion. Netter Kerl, Cineast, der ein Interview mit Volker Schlöndorf arrangiert hatte. Aber wer kennt schon Schlöndorf im amerikanischen Bible Belt? Es musste ein Aufmacher her, einer, der auch den gottesfürchtigen Immobilienmakler in South Carolina neugierig macht. Sinnlos mit der „Blechtrommel“ anzufangen. Es wurde  die kleine, schäbige Oben-Ohne Bar in der Yorck-Straße. Ein Relikt aus der Zeit, in der noch die amerikanischen GIs nachts auf den Straßen von Berlin nach „amusement“ suchten. Der Artikel über Schlöndorf fing dann also so an: „There is a Topless Bar right in the center of Berlin. They say topless, and they mean it!“

Nachklapp: Es stimmt natürlich nicht, dass nix los ist in Berlin. Gleich bei mir gegenüber ist die Flop-Bar, ein dunkler Schuppen, der erst um acht abends aufmacht. Die Bedienung ist ein durchscheinendes Mädchen mit einer durchscheinenden Bluse. Ich weiß nicht was da nachts abgeht. Ich war nur mal Sonntags da, und habe mir einen Tatort auf der Leinwand angeschaut. Die Kids um mich rum hatten Flips und Chips mitgebracht. In Tatort ging es um Amateur-Pornos, die anscheinend jetzt in jedem deutschen Wohnzimmer gedreht und ins Internet gestellt werden. Der Tatort kam aus München.

Noch spannender ist es in meinem Hinterhof. Da sah ich heute bei Sonnenuntergang zwei Kamfpfhunde frei laufen. Ein schöner Hellbrauner mit weißen Flecken und ein Grauer. Zwei Hunde also auf der Wiese, auf der ich sonst mit meinen Jungs spiele. Natürlich hatte keiner einen Maulkorb, ein Besitzer war auch nicht zu sehen. Ja, das ist das wilde Leben in Berlin. So was gäb’s anderswo nicht.
Der Garten ist sattgrün, die Kastanien stehen voll im Saft und strecken ihre Kerzen nach oben. Und da sehe ich, wie der Braune auf die Graue steigt. Dann laufen sie wieder ein bisschen, beißen sich und der Braune steigt wieder hoch und sie vögeln wieder ein bisschen und dann laufen sie wieder. So geht das immer weiter. Und als ich mit dem Abendessen fertig bin, sind sie immer noch dran. Ob ich das dem Lonley Planet mal als Geheimtipp stecken soll?