Das Haus in der Kurve

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„Und hier noch was zum Träumen.“, schreibt mir eine Freundin auf einen gelben Klebezettel. Klebt ihn auf ein Buch, legts in mein Postfach und enteilt ins aufregende Sauerland. Sauerland, wie das klingt, Land der wuchtigen Wälder, der wilden Höhen und der ewigen Weiten. So stelle ich mir das Sauerland vor. Menschen, die dort leben, mögen das etwas nüchterner sehen. Aber Länder, in denen ich noch nie gewesen bin, können meine Phantasie entflammen. Nirgendwo ist es schöner (oder schrecklicher) als da, wo ich noch nie war. Deswegen öffne ich im öden österlichen Lockdown-Berlin das schmale Buch „Lexikon der Phantominseln“ mit großer Vorfreude. Deftige Abenteurgeschichten erwarten mich. Erzählungen von tapferen Seeleuten und furchtlosen Forschern, die sich an die Ränder der bekannten Welt wagten. Und von Kapitänen wird dort berichtet, die in Spelunken Seemansgran spannen, Geschichten von fernen Ländern, voll Gold und Edelsteinen und von Inseln, die es leider nie gab.
Wann, frage ich mich beschämt, hast du zuletzt den Aufbruch in eine unbekannte Welt gewagt? Nicht nur vom Sofa aus, sondern wirklich? Mein Blick fällt auf meine Motorradjacke an der Garderobe. Auf deren Brusttasche hat noch meine Mutter selig in einer anderen Zeit das stolze Abzeichen „Elefantentreffen 2009“ aufgenäht. Von Berlin an den Nürburgring mitten im Winter mit einem russischen Beiwagen-Motorrad. Es gab Schnee und es gab Eis, aber es gab kein Halten. „Du willst doch fahren,“ seufzte meine Freundin, „dann fahr auch.“ Es war ein Wunder, dass ich die Strecke mit der alten Mähre geschafft habe. Und wunderbar war es, sich nach zwei Tagen vor der Überquerung des heimatlichen Rheins bei meinem Vater melden zu können: „Ich stehe jetzt bei Linz an der Fähre.“ Und ein Happening war es, sich am andereren Tag mit tausend anderen Verrückten mitten in der Eifel im Schnee zu wälzen. Tempi passati. Gestern versuchten mein Freund Michael und ich die Motrradsaison einzuläuten. Nach einer Stunde gab ich auf. Im grauen, menschenleeren, schneidend kalten Brandenburg wollte keine Abenteurerlust mehr aufkommen.
„Wenn Träume sterben, dann wirst du alt.“, sangen die Phudys zu einer Zeit, als es für mich ein Wagnis war, mit dem Moped zur nächsten Dorfdisko zu fahren. Ist wirklich nichts mehr übriggeblieben von dem Drang in die weite Welt, von der Suche nach dem Paradies?

Der Gedanke lässt mir keine Ruhe. Am nächsten Morgen sattle ich die Packtaschen auf mein Fahrrad und mache mich einsam auf nach Westen. Weit über die Grenzen des Wedding hinaus fahre ich ins Niemandsland jenseits von Moabit. Dort, so weiß ich, gibt es eine Insel, die immer schon meine Sehnsucht auf sich gezogen hat. Kein Weg fürt zu dieser Insel, die ich immer nur für Sekunden sehen konnte, wenn ich von der kurvigen Autobahnbrücke auf sie herabgeschaut habe. Und die Karten, die es von dieser Gegend gibt, sind so widersprüchlich und ungenau, als wären sie von trunkenen Seemännern gezeichet. Einig sind sie sich nur darin, dass es gegenüber der Insel eine Hundewiese gibt. Das ist eine wichtige Information für Berliner. Hic sunt dragones, hätte man früher auf diesen weißen Fleck auf der Karte geschrieben. Ich erforsche eine terra incognita. Als Kompass kann mir also nur meine Sehnsucht dienen. Die Sehnsucht nach einem Ort von Kanälen durchzogen, mit grünen Gärten, kleinen Hütten und blühenden Bäumen. Ein Ort perfekter Harmonie, dessen Natürlichkeit durch das alleinstehende, übriggebliebene Gründerzeithaus mit großen Fenstern und hellem Klinker nur noch unterstrichen wird. Ein Garten Eden, mitten in Berlin.
Zum Glück bin ich allein unterwegs und habe ich keine Mannschaft, die meutern kann. Denn es wird eine Irrfahrt, die eines Odysseus würdig wäre. Von Brücken, die auf der Karte eingezeichnet sind, stehen seit dem Krieg nur noch die Pfeiler, unvermutet enden Wege vor offenen Schlünden, die einen zu verschlingen drohen. Und als ich mich durch den engen, gewundenen Tunnel wage, warten am anderen Ende Berliner Sirenen in einer Kleingartenkneipe, die mich trunken machen wollen. „Will er einen Glühwein oder will er ein Bier?“, werde ich in der Sprache des Soldatenkönigs angeherrscht. Anscheinend habe ich auf meiner Suche einen Zeittunnel durchschritten, der mich 300 Jahre zurückgeworfen hat. Aber Maketenderinnen im „Tunneleck“ sind heute gnädig und weisen mir den Weg: „Na, da sinse hier abba falsch. Da müssn se zu Siemens rüber. Un von da jibs ne Brücke.“
Ja, und da stehe ich nu, mitten im Paradies. Engültig hat sich die Frage erledigt, ob das Paradies ein Garten oder eine Insel ist. Es ist beides. In trauter Einigkeit leben hier der Wolf und das Schaf. Kleingärtner und die Wasserschutzpolizei. Und das große Haus beherbergt Künstlerateliers. Und weil hier täglich Schöpung stattfindet, sind Adam und Eva sind auch schon da.

Wedding Wonderländ

Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich das noch erleben darf. Vor drei Jahren stand ich mit meinen Jungs auf dem zugefrorenen Plötzensee und dachte: Gut, dass ich ihnen das noch mal zeigen konnte. Das wird es nie wieder geben. Klimawandel und so. Und jetzt? Ein Winterwunder! Der Himmel strahlt und das Eis lockt, Zäune zu übersteigen. Die Natur ist wohl doch noch für ein paar Überraschungen gut.
Die Menschen leider auch. Denn was ich dann sehe, als ich an den See komme, verdirbt mir die Winterlaune. Genau wie im Sommer wird der See zum Partymachen missbraucht. Musik wummert, die geschützen Uferböschungen werden rücksichtslos zertrampelt, das Eis aufgehackt, gerade an den Stellen wo Kinder unterwegs sind. Keine Rücksicht auf Niemand. Es gibt echt zu viele Bekloppte in Berlin.

White Wedding

Es ist kalt in Berlin-Wedding. Neun Grad Minus, aber wunderschön weiß. Es hat so viel geschneit, dass wir am Wochenende zwei Mal Schlitten fahren gehen konnten. Und heute nochmal! Die Schönheit des winterlichen Wedding ist schon an anderen Orten sehr poetisch beschrieben worden. Das muss ich nicht noch mal versuchen. Aber ich hoffe, es weiß von meiner werten LeserInnenschaft jemand zu würdigen, dass ich mir fast die Finger abgefroren habe, um diese Fotos mit euch zu teilen. (jammer).

Vertüddelt

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Er stand abends um neun an der Ampel mit dem Rücken zum leeren Sportplatz. Seine Hände steckten in viel zu großen Arbeitshandschuhen, sein kleiner Kopf in einer albernen Fleece-Mütze mit Ohrenklappen. Um sich herum hatte er zwei halbvolle Alditüten und eine sehr volle, aus der oben Wasserflaschen herausschauten. Er kam nicht weiter. Sein schmales Gesicht hinter der Brille und der schief hängenden OP-Maske färbte sich abwechselnd grün, gelb und rot. Er blieb stehen und sortierte seine Tüten neu, kriegte aber immer nur zwei zu fassen. Wenn er die dritte hob, sanken die anderen zwei wieder zu Boden. Er war fertig. Ob ich ihm mal eine Tüte abnehmen solle, fragte ich ihn. Ich kriegte eine Antwort, die keinen Sinn machte. Irgendwas mit “ … man wird nicht jünger.“ Er roch säuerlich und ich setzte mir sofort meine Maske auf, dann ich packte mir beherzt die schwerste Tasche und wollte ihn nach Hause bugsieren. Ob ich einen Mann sehen würde, fragte er mich. Er warte noch auf Julius. Er habe ihn irgendwo verloren. Ich war nicht ganz sicher, ob es diesen Mann wirklich gab. Wir warteten. Ich lugte in alle vier Straßen der Kreuzung. Im Sommer waren die vertrockneten Bäume längs der Straße abgeholzt worden. Jetzt ist hier alles sehr übersichtlich. „Kommt kein Mann.“, sagte ich . „Oh weh, oh weh“, jammerte der Alte, „ich hab ihn verloren. Ich bin doch nur der Untermieter.“ Ich wurde sauer. Ich hatte eine Runde um den Block drehen wollen, um die Arbeit zu vergessen. Jetzt stand ich hier und wollte weiter. „Wir warten noch zwei Ampeln“, bestimmte ich, „und dann gehen wir rüber.“ Er trotte hinter mir her, sehr langsam, mit vielen Pausen. Er wohne in der 20 hatte er mir gesagt. Ich hatte mal in der 19 gewohnt und wusste: Das wird noch ein Stück. Aber jetzt war ich in der Sache drin und jetzt musste sie auch zu Ende gemacht werden. „Ich bin een Hamburger Jung, ick kann Platt schnacken.“, kam es leutselig aus seinem Mund. „Schön“, sagte ich, „ich mag das.“ Wir hatten den halben Weg zum Trinker- Kiosk geschafft, der auf der Hälfte des Weges lag, da kam ein junges Pärchen, dick in Daunenjacken verpackt, und meldeten, dass am Kiosk ein Mann auf meinen Begleiter warte. Ob er Bernd sei? Ja, sagte Bernd, aber er sei ja nur der Untermieter. Julius war noch ein Stück kleiner als Bernd, krumm gebeugt und schlecht gelaunt. Er schaute mich nicht an, denn so hoch kam er mit seinem buckligen Rücken nicht mehr. Seit Weihnachten habe er das, sage er. „Was?“, fragte ich. „Dass ich nicht mehr aus dem Bett komme.“, brummte Julius. Das sei sein erster Einkauf seither. Den da, er nickte Richtung Bernd, habe er nur zum Tragen mitgenommen. Der sei ja ziemlich dement. Ob er schon mal beim Arzt gewesen sei, fragte ich gottergeben und wusste die Antwort, bevor er mich fragte, ob ich denn einen Arzt kenne? Er solle einfach den Notarzt anrufen, riet ich ihm. Eine Telefonnummer würde er sich eh nicht merken. Ich hatte auch keine. Natürlich wohnten sie 2. Hinterhof die Treppe hoch in den dritten Stock. Allein den Schlüssel in die schwere Eingangstür zu kriegen, die zwei Türen zum Hof aufzuschieben und die zwei Alten durch die Tür zu kriegen, war eine Geduldsprobe. Dann schnaufte Julius vor uns das enge Treppenhaus hoch, so langsam, wie er mit den geschwollenen Beinen eben konnte und wir kamen mit den schweren Tüten nicht an ihm vorbei. Mir ging meine gute Pfadfindertat langsam auf die Nerven. Dritter Stock. Ich hatte inzwischen den Schlüssel in Obhut genommen und schloss die Tür auf, während die anderen noch schnauften. Die Tür ließ sich nur einen spaltbreit öffnen. Ich lugte hinein. Keine Tapete, braune, unverputzte Wände, alter Kram auf dem Boden und ein schwerer Karton, der die Tür blockierte und nur einen engen Spalt im Flur frei ließ. Ich war an Messies geraten! Augenblicklich wollte ich raus hier. Alle meine Samaritergefühle waren weg. Es blieb nur die Hilflosigkeit und der Ekel. Ob ich ein Trinkgeld wolle, fragte Julius noch weltmännisch. Aber da war ich schon am Treppenabsatz. Auf der Straße holte ich das Fläschchen mit Desinfektionsmittel raus und rieb mir die Hände ab. Die zitterten noch, als ich mir am Küchentisch eine Flasche Bier aufmachte. Scheißabend.

Böller und Benzin

Es kracht und knallt. In meiner Nachbarschaft ist Zurückhaltung ein Fremdwort. Die Straße riecht nach Böllern und Benzin. Aber trotzdem muss ich raus. Einmal quer durch die Stadt mit zwei Flaschen Sekt zur zwei Personen-zwei Haushalte Sylvesterparty. Falls ich von diesem Trip nicht wiederkehren sollte, will ich euch schon jetzt zum Neuen Jahr die besten Wünsche senden und ein paar letzte bunte Bilder aus diesem verrückten Jahr. So schlecht war es gar nicht.

Zeit, die nie vergeht

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Steht die Zeit still, oder rast sie gerade? Ausgerechnet gegenüber der Charité, Berlins größtem Krankenhaus, ja das mit dem Christian Drosten, hängt diese Skulptur, diese „Franz Kafka Uhr“ (ohne Zeijer, mit Striche drop nur; BAP). Drinnen tobt das Virus auf der Intensivstation und draußen ist alles ruhig. Ich fahre durch fast leere Straßen, unter bleigrauem Himmel, immer nur zwischen zu Hause und meinem Büro. Aber da ist niemand. Fast alle Kollegen sind im Home Office, und auch ich komme nur ein paar Mal die Woche vorbei, um nachzusehen, ob es die Arbeit noch gibt. Ich bin nicht der Richtige, um ständig von zu Hause aus zu arbeiten. Ich hab so etwas, was die Piloten „Nachtflugkoller“ nennen. Wenn du nichts mehr um sich herum siehst, keinen Kontakt mehr hast, zweifelst du irgendwann, ob der Computer, den du beobachtest, noch die Wirklichkeit zeigt. Vielleicht bist du längst im Sturzflug, während der Höhenmesser Geradeausflug anzeigt. Videokonferenzen helfen da auch nicht mehr.

Und Weihnachten? „Das glaubst du doch selber nicht, dass in paar Tagen Weihnachten sein soll.“, schreit mich mein Sohn auf dem leeren Hinterhof an. Meine Kinder sind zur Zeit, was soll ich sagen? Etwas unausgeglichen. Wer soll es ihnen verübeln? In der Schule saßen sie über Wochen mit Mundschutz. Und draußen ist es dreizehn Grad warm und trocken. Eher ein bewölkter Frühlingstag als „Schneeflöckchen, Weißröckchen“, das ich mit ihnen tapfer für die Bescherung übe. Noch nicht mal Regen, von Schnee ganz zu schweigen. In der Schule sind die ganzen Adventssachen ausgefallen. Adventssingen, Adventsfeier, Adventsbasar. Noch nicht mal die Großmutter ist zu ihrem unausweichlichen Adventswochenende vorbei gekommen. Der innere Kalender der Kleinen ist durcheinander. Auf der letzten Fahrt von Berlin in den Brandenburger Speckgürtel sahen wir ganze fünf beleuchtete Weihnachtsmänner und nur drei leuchtende Schneemänner. Dafür spenden jetzt einsame Herrenhuther Sterne Licht in der Dunkelheit. Aber die Jungs, die den Dezember nur als sich steigernden Konsum- und Lichterrausch von Nikolaus über Geburtstag (die Zwillinge) bis Heiligabend kennen, merken so kleine Lichtlein gar nicht. Es ist schwer, in solchen Zeiten den Glauben an den Weihnachtsmann aufrecht zu erhalten. Und wenn die Frohe Botschaft für das Fest „Impfstoff“ heißt, kommt man mit den Liedern von dem Kindlein in der Krippe, das angeblich den Tod überwunden hat, auch nicht weit.
Immerhin: Es ist eine beschauliche, ja fast besinnliche Vorweihnachtszeit. Etwas eintönig zwar, aber wenigstens ohne Schokoladen- Glühwein- und Weihnachtsfeierorgien. Mir gefällt das. Ich verziehe mich im Winter (ho ho ho) gerne in meine Höhle. Aber es macht mich irre, wenn ich sehe, dass immer mehr Menschen und die Welt, die ich bisher kannte, ganz leise sterben.
Natürlich haben wir trotzdem ein Weihnachtsbäumchen gepflanzt – in mein Wohnzimmer. Mit Strohsternen und Kerzen. Als meinem Sohn eine Christbaumkugel runtergefallen ist, und ich schon Scherben sah, meinte er nüchtern: „Brauchst keine Angst zu haben, die sind aus Plastik.“

Ich wünsche euch trotz allem ein frohes Weihnachtsfest.

Bleibt gesund.

Die heilige Katrin

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Quelle: Abgeordnetenhaus von Berlin

Wenn  ich nach der Arbeit heim komme und meinen Briefkasten aufmache, habe ich seit Jahren Angst. Angst vor einem Brief meiner Hausverwaltung. Dabei habe ich eigentlich nichts zu befürchten. Ich zahle Monat für Monat brav meine überhöhte Miete und pinkel nicht ins Treppenhaus. Und eigentlich sind die von der Hausverwaltung auch ganz nett. Der Garten wird einigermaßen in Schuss gehalten und wenn was kaputt ist reicht eine Mail und die Handwerker stehen vor der Tür. Und wenn sie mal da sind, haben sie die Order, gleich mal alles zu machen, was zu tun ist.
Als ich mich nach dem Winter wegen der undichten Fenster beschwerte, kamen zwei Wochen später die Schreiner. Und es waren keine gehetzten Billiglöhner aus der Ukraine. Sie kamen im von einer sozialen Einrichtung für behinderte Menschen. Sie  nahmen das Kinderzimmer zwei Tage in Beschlag, bauten in aller Ruhe die Fenster aus und Dichtungen ein, hobelten noch die Türen in der Speisekammer ab und bauten das alte Schloss aus der Wohnungstür. Die gehobelten Holzstellen überpinselten sie mit einer weißen Tünche. Das konnte nicht so bleiben. Eine Mail reichte, und auch die  Maler rückten an. Alter Berliner Handwerkeradel. Sie strichen komplett alle Fenster neu, die Speisekammer und die komplette Wohnungstür in einem modernen, grünlich schimmerenden Schiefergrau. Jetzt sind die Nachbarinnen neidisch.

Wieso also die Angst? Weil  ich vor drei Jahren, gleich nach meinem Einzug die Hausverwaltung auf die gesetzlich zulässige Miete verklagt habe. Und die liegt nach meiner Rechnung 150 Euro unter dem was ich bezahle. Ich habe das nicht über einen Anwalt gemacht, sondern über eine Firma, die sich auf die Berliner Mietpreisbremse spezialisiert hat. Mietright hießen  die damals, inzwischen heißen sie anders. Ich kam mir vor wie Robin Hood. Ich klage, damit die raffgierigen Kapitalisten einen Schlag in die Fresse bekommen und sich nicht mehr trauen, von mir und anderen unverschämte  Mieten zu verlangen. Meine Kollegen wünschen mir schon viel Spaß beim Umzug. Denn eins war klar: Kein Vermieter würde  sich so  was bieten lassen.
Die Legal-Tec-Firm hat sich viel Zeit gelassen mit ihren Schreiben und  der Klage, denn sie verdienen an der zurückgezahlten Miete. Sie sind so eine Art Inkassobüro. Je länger der Prozess dauert, desto mehr Rückzahlung, desto mehr Profit. Ab und zu habe ich angefragt. Seit einem Jahr liegt die Klage bei Gericht und das Damoklesschwert der Kündigung über mir.

Aber dann kam Katrin. Heilige Katrin, Beschützerin der Armen, Fürsprecherin der Witwen und Waisen. Oh Katrin, du raffgierige Senatorin, du Herrin feudaler Günstlingswirtschaft. Gebenedeit seist du unter den Weibern und gebenedeit sei die Frucht deines Geistes. 
Katrin Lompscher, Bausenatorin von der Linken. Sie setzte neben die Mitetpreisbremse den Mietpreisdeckel. Ich weiß nicht, wie sie es geschafft hat. Aber auf jeden Fall scheint das Gesetz Zähne und Klauen zu haben. Denn im Frühjahr kam ein Brief des Vermieters, in dem er mit Schaum vor  dem  Mund gegen das Gesetz wetterte und behauptete, meine Miete sei rechtens. Ich tat nichts, denn ich wollte ihn ja nicht noch mehr reizen. Ja und  gestern lag wieder ein Brief im Kasten. Wieder vom Vermieter, der inzwischen gewechselt hatte, aber gleiche Adresse und wieder mit  Schaum vor dem Mund – und mit einer wundervollen Abrechnung im Anhang. „Baujahr 1930, Wohnlage einfach“ stand darin. Ab Dezember zahle ich sage und Schreibe 246 Euro weniger Miete, ohne dass  ich etwas getan hätte. „Wir werden den verminderten Betrag von ihrem Konto einziehen.“ Wenn das Gesetz die Prüfung vor dem Verfassungsgericht besteht (was bei der Mietpreisbremse  gelungen ist) gilt dieser Betrag für die nächsten fünf Jahre. Fertig.

So müssen Gesetze sein. Vielen Dank, gesegnete Katrin. Ich werde dir gottlosen Kommunistin in der Kirche eine Kerze anzünden. 

Media vita

Luftschiffer-Denkmal von Victor Seifert, Lilienthalstraße 6, Berlin-Kreuzberg” by Neuköllner is licensed under CC BY-ND 4.0

Blüten, die ich noch nie gesehen habe, Käse, den ich noch nie gerochen habe und Garküchen aus unbekannten Ländern, die ich noch nie gekostet habe. Dazu eine Parade von teuren Fahrrädern und Lastenrädern, die es mit jeder asiatischen Metropole aufnehmen würde und viele gut angezogene Kindern wie auf einer italienische Piazza: Der Wochenmarkt am Berliner Südstern ist wirklich das pralle Leben. Ein wahrgewordener grün-alternativer Traum. Vom Guten was die Welt zu bieten hat, das Beste. Und natürlich alles bio, vegan und fair gehandelt. Es ist zum Kotzen.
Dass es mir schlecht wird, wenn ich diese neubürgerliche Selbstgerechtigkeit sehe, kann daran liegen, dass ich lange nicht mehr aus dem Wedding rausgekommen bin, dass ich mir vorkomme wie Kirchenmaus bei der Stadtmaus und merke, wie ungeniert meine Generation in Kreuzberg inzwischen ihren Wohlstand zelebriert.
Vielleicht ist es auch nur die Aspirin, die gerade aufgehört hat zu wirken und der Kater, der mich wieder krallt, mir alle Sinne schärft und mir alles bunter, lauter und ekelhafter erscheinen lässt.
Es ist spät geworden gestern. Wie alle paar Monate saß ich zusammen mit einem Freund aus alten Zeiten in seiner großzügigen Jugendstilwohnung hier im Kietz. Und wie immer wurde die Lage diskutiert, die Krankheiten und was die alten Weggefährten machen. Nicht zum ersten Mal mussten wir auch auf Menschen anstoßen, die von uns gegangen waren – Natürlich mit Schampus, das einzige, was ich an Alkohol noch vertrage. Ja, und irgendwann müssen wir die dritte Flasche aufgemacht haben, ganz leise wie immer, damit der Korken nicht die Stuckdecke ruiniert. Auf jeden Fall war sie heute morgen leer, als ich mich vom Sofa wälzte, auf dem ich mal wieder gelandet war. Und weil ein Abend nicht reicht, um alles zu bereden machten wir uns gegen Mittag auf zum Markt und wollten von da zum Auslüften in die Hasenheide, wie immer.
Doch irgendwie müssen wir, nachdem wir den quirligen Verkehrsfluss auf der vierspurigen Straße überquert hatten, mit unseren bräsigen Köpfen falsch abgebogen sein. Vielleicht war es auch der dunkle, wuchtige Klotz, den ich durch das lichte Laub der herbstlichen Bäume mehr ahnte als sah, der uns in diese Richtung gezogen hat.
Auf jeden Fall stehen wir jetzt statt auf knirschenden Parkwegen in einem stillen Totenreich. Das bunte Leben vom Wochenmarkt scheint ewig weit weg. Zur Linken tut sich eine wuchtige Kirche auf, nix besonderes, irgendwas aus der Kaiserzeit, das auf Mittelalter macht, aber katholisch, was in Berlin schon seltsam genug ist. Davor sehen wir eine Stele mit brennenden Kerzen und eine junge Frau auf einer Bank. Sie hält eine weiße Friedhoflampe in beiden Händen und fragt uns, ob wir Feuer hätten. Ich schaue mir an, wen sie mit dem ewigen Licht ehren will: Es ist Johannes Paul II – der polnische Pillen-Paule, der wahrhaftige Antichrist für jeden politisch Aktiven in den Achzigern und Neunzigern. Abtreibungsgegner, Verhütungsverteufler, Kommunistenfresser. Dem ein Licht anzünden? Auf dass er weiter sein Unwesen treibt? Mich gruselt, und ich habe wirklich keine Streichhölzer dabei. Und so gehen wir weiter in die Dunkelheit. Einmal um die Kirche rum, da steht, vom fahlen Laub bedeckt, ein weiterer Untoter vor uns: Ein gefallener Engel in der Gestalt eines Mannes in Fliegermontur; vom Himmel gestürzt, von Grünspan bedeckt und doch sehr lebendig aussehend. „Den deutschen Luftschiffern 1914-18“ steht auf seinem Sockel. Wenn ich mich recht erinnere, warfen die deutschen Luftschiffer im ersten Weltkrieg vor allem Bomben auf fremde Städte. Und dafür ein Denkmal vor einer katholischen Kirche? Auf geweihter Erde? Das ist doch absurd. Und doch sind es nicht nur meine überreizten Sinne, die mir das vorgaukeln. Wie ich später aus dem Internet erfahre, sieht es in der Kirche noch schlimmer aus. Gedenktafeln für deutsche Kolonialsoldaten und Infanteriebatallione des 2. Weltkriegs. Ist hier, im Reich der Dunkelheit, die Zeit stehen geblieben? Nicht ganz: Die Basilika ist die Heimatkirche der katholischen Militärseelsorge. Immerhin auf den Glasfenstern soll inzwischen katholischen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedacht werden. There’s a light… Aber nicht für uns. Da ist noch der dunkle Klotz mit seiner geheimnisvollen Macht, der uns erst hierher gebracht hat. Seine Anziehungskraft ist weiter unwiderstehlich. Doch um dorthin zu gelangen, müssen wir durch ein düsteres Tor aus Bruchstein. Es braucht Mut, dort einzutreten, denn nichts verrät uns, was sich dahinter verbirgt. Wir steigen die Stufen hoch und gelangen an ein gespenstisch leeres Wärterhaus. Keiner da, der uns abweisen will. Auch sonst keine Menschenseele. Das schmiedeeiserne Gittertor ist nur angelehnt. Es lässt sich lautlos öffnen. Aber wird es offen bleiben, wenn wir unbedacht hindurchschreiten, oder wird es sich hinter uns für immer schließen? Wir wagen es und finden uns wieder auf einer unheimlich leeren Paradeallee… Der Himmel ist bleigrau. Es nieselt leicht. „Den Toten im Osten“ gemahnt ein Stein zur Linken in skurriler Nierentischform. Na, wenigstens das kommt mir doch bekannt vor. Die „Toten im Osten“, das waren ja nach westdeutscher Lesart nicht die Millionen Sowjetsoldaten, nicht die Juden oder die Polen. Das waren die deutschen Soldaten, die Vermissten, die Vertriebenen, die „Brüder und Schwestern im Osten“, für die man selbst in meinem rheinischen Heimatdorf in den Sechzigern am Totensonntag noch rote Grablichter in die Fenster stellte. Mit Grausen wende ich mich ab vom Geist der Adenenauerzeit und blicke auf eine weitere Stele, in der das Grauen in modernerer Sprache ausgedeutscht wird: „Allen Opfern der Vertreibung, Vergewaltigung, Gewaltherrschaft… gedenkt der Volksbund der deutschen Kriegsgräberfürsorge. Jetzt wissen wir wenigstens, dass wir auf einem Soldatenfriedhof sind. Aber nirgendwo sind Kreuze, nirgendwo Gräber oder gar Blumen. Dafür stehen wir jetzt vor dem riesigen Steinquader, dem Klotz mit verschlossener Tür, dieser schweigenden, fensterlosen Kabaa mitten auf dem freien Feld. Was sollen wir machen? Um sie herum laufen und Suren aus dem Koran rezitieren? Mein Freund rät, ein paar Schritte zurück zu treten. Und das sehen wir, dass das Ding einen Schornstein hat. Ein Krematorium? Erinnerte mich die ganze Anlage nicht sowieso an den Totenkult der Nazis? Was ist hier passiert? Unter unseren Füßen treten wir auf etwas Hartes – wir sind zu weit zurückgegangen und stehen auf einem Gräberfeld. Kleine Betonsteine, in den Boden eingelassen, nicht größer als ein Bogen Briefpapier. Die ganze Lichtung voll. Auf allen Steinen steht das Jahr 1945; meist April oder Mai. Aber es sind keine Soldaten, es sind alte Menschen, Geburtsdaten mit einer 18 davor. Meyer, Schmidt, Schulze – Berliner Zivilisten.

Mir reicht’s. Ich will weg aus dieser Knochenmühle. Ich habe mit Begeisterung „Wolfszeit“ gelesen. Aber am vorletzten Tag vor dem Lockdown brauche etwas mehr Lebensfreude. Einen Kaffee, einen richtigen. Meinetwegen auch einen Latte mit Sojamilch am Südkreuz.

Gutes tun

Heute war ich bei Karstadt einkaufen. Karstadt im Wedding, am Leopoldplatz. Mach ich zwei Mal im Jahr. Ne Strickjacke, ein T-Shirt und ein Hemd mit Karos. Bei Karstadt einkaufen is wichtig, denn der Karstadt am Leopoldplatz soll ja bleibm. Wolltn ihn schon zumachen. Jetzt soll er noch drei Jahre weiter leben. „Nicht auszudenken, was mit dem Wedding passieren würde, wenn der Karstadt zumacht.“, hat der Bürgermeister gesagt. Wahrscheinlich dasselbe, was mit C&A passiert ist, als der zugemacht hat. Da ist dann „Bollu“ unten reingekommen, der türkische Obst- und Gemüsefritze, dens überall gibt. Und an der Ecke wo Bollu vorher war, da ist jetzt nüscht mehr. Leerstand. Das Haus gegenüber vom alten Bollu, da wo zuletzt nur noch „Humana“ mit seinen muffigen Second-Hand-Klamotten drinne war, hamse abgerissen. Da baut jetzt die AOK was neues Großes. Ja, die AOK, die hat richtig Konjunktur hier. Krank werden die Leute ja immer.

Ich versuch ja immer, mein Geld hier im Kietz auszugeben, damit nich so ville Geschäfte zumachen. Schaff ich aber nur, wenn ich früh genug von Arbeit komme. Jetze war ich ne Woche krank. Da hab ich sogar Zeit gehabt, bei „Belle et Triste“ vorbeizuschaun, dem einzigen Buchladen hier, der sich tapfer hält. Hat sich die Frau gefreut, als ich  den „Gesang der Fledermäuse“ abgeholt hab und drei Bukowskis (einer mit Geschichten über Katzen, für meine Schwester.  Zweie über seine Frauengeschichten, für mich) und noch das neue „Sei kein Mann“ für die feministischen Diskussionen mit meiner Tochter. Da hat sie Buchhändlerin mit dem Dutt und den grauen Haaren mir sogar noch ne dicke Lage Küchenkrepp zu gegeben, damit die Bücher in meiner Tasche, in die der Regen reingelaufen war, nich nass werden. Ja, das war nett. Aber als ich sonst so die Runde gemacht hab, wurd ich richtig traurig. Da wo ich früher was zu Trinken gekauft habe, in dem Getränkeladen vis a vis („80 internationale Biersorten“), ham se das Haus renoviert, tipp-topp mit Dachgeschosswohnung und allet. Da konnte so’n schäbiger Bier- und Selterslanden natürlich nich drinne bleiben. Da ist jetze ein Kindergarten drin, und da wo bis vor kurzem noch die Otavi-Apotheke war, heißts jetze auch „Kunterbuntes Kinderland“. Na ja, Apotheken ham wa wirklich genug hier. Wie jesacht: Krank werden die Leute immer. Aber wo krieg ich jetze was zu Trinken her?. Den Getränke-Lehmann („Ick koof bei Lehmann“) an der Luxemburger hamse vor paar Monaten abjerissen. Na ja, war kein Schaden, war mehr so ne Baracke auf ner Bombenlücke, wahrscheinlich von gleich nachm Krieg. Jetze wird da gebaut, bestimmt wat Schickes. Genau so wie auf dem runtergekommenen Innenhof vom Nachbarhaus. Statt dass se da n bisschen Grün rein machen und hübsch für die Kinder, kommt da jetzt ne Tiefgarage rein und ein Apartmenthaus ohmdrüber. Na, wer sich das da wohl leisten kann? Wie war das mitm Trinken?
Der „real“ im Schiller-Zentrum ist ja nu auch zugemacht. War ich ja nie gerne, aber so ab und zu „einmal rin, allet drin“. Wo gibt’s das noch? Na ja, vielleicht am S-Bahnhof. Da hamse auch ein paar alte Baracken plattgemacht. Einer wollte dadrin vorher noch einen Döner aufmachen. Der ist dann kurz nach der Eröffnung abgebrannt -da war das Baufeld dann frei. Jetzt steht da so ein Null-acht-fuffzehn-Turm, wie sie nu überall stehen. Unten kommt ein Edeka rein. Will hoffen, dass der Edeka Fromm bei mir um die Ecke das überlebt. Sonst muss ich für jedes Bier Einvierzich zahln, bei „Jahshim’s Tante Emma Laden“, meinem Lieblingsspäti. Der hat wirklich allet. Neulich, als ich mit meiner Tochter uffn Sonntach kochen wollte, und wir schon mitten drin waren, hatte ich die Kokosmilch vergessen. „Moment, sag ich, „bin gleich zurück.“ Und in Latschen rüber zu Jaschim mit seinem hennarot gefärbten Bart. Und als ich mit der Dose wieder in der Küche erscheine, sagt die Tochter: „Respekt, dit is Berlin.“ Ja, da sind wir uns mal einig, dass das trotz allem Klasse is hier. Aber jetzt hat sie ihren ersten Job – ausgerechnet in München.

p.s: Wenn sich einer über die Tippfehler wundert: Mit WordPress geht es auch den Bach runter. Seit es den neuen Block-Editor gibt, funktioniert bei mir das nachträgliche Bearbeiten nicht mehr. Kommt nur noch eine weiße Seite. Kennt das jemand? Vielleicht liegt das daran, dass ich mir, seit ich im Wedding wohne, keinen neuen Computer geleistet habe. Und das sind ja jetzt auch schon zehn Jahre. Ach ja…

 

Nighthawks

Foto: Lena M. Olbrisch

„Edward Hopper“, das sagen viele, die das Bild „Die Baude bei Nacht“ von Lena M. Olbrisch sehen, das es beim Kunstwettbewerb „Mein Wedding 2020“ unter die ersten 12 geschafft hat. Und sie meinen natürlich den Klassiker „Nighthawks“: Einsame Menschen, sitzen, vom kalten Neonlicht beschienen, in einem nächtlichen Restaurant. Traurige Gestalten, aber Gestalten, die gut aussehen. Mit ihren lässigen Anzügen, eleganten Kostümen, mit ihren coolen Hüten und harten Drinks könnten sie Schauspieler in einem Holywoodstreifen der schwarzen Serie sein. Selbst der Barmann ist adrett mit einem weißen Schiffchen auf dem Kopf. Das Bild, das in den 80ern in jedem billigen Bistro Westdeutschlands hing, hat  ganz wesentlich zu meiner Sehnsucht beigetragen, als einsamer Wolf durch nächtliche Straßen in der großen Stadt zu ziehen. Es war diese Sehnsucht, die mich endlich nach Berlin brachte. Einen Trenchcoat hatte ich auch dabei.

Jetzt lebe ich seit 25 Jahren hier und hab mein Ziel erreicht. Ich bin nicht nur alleine – meinen Sohn habe ich gerade bei seiner Mutter abgegeben- sondern auch richtig einsam und voller Grimm, wie jedesmal nach diesen traurigen Treffen. Kein Zuhause nirgends. Aber die Stadt kennt auch Orte, die einen trösten.

Kalt weht der Herbstwind durch meine dünne  Schimanski-Jacke, als ich im fahlen Licht der untergehenden Herbstsonne auf die Curry-Baude am Bahnhof Gesundbrunnen zusteuere, dem Treffpunkt aller Nachteulen, die hier in Berlins irrester Ecke gestrandet sind. Ein mageres schwarzes Mädchen in einem dünnen Kleidchen kommt mir auf dem Bahnhofsvorplatz entgegen, geschmeidig tanzend, selig lächelnd. In ihrer Hand verbirgt sie etwas, etwas Glänzendes, wahrscheinlich das Zeug, das sie gerade glücklich macht. Ich lächle zurück, denn auch ich  verstecke etwas, das glücklich machen soll. Die Baude ist hell erleuchtet, wie auf dem Foto. Doch im kalten Neonlicht (s.o.) hinter dem Tresen steht eine alte gebeugte Frau, die schon zu lange da steht. Zu viele Jahre und zu viele Stunden heute. Sie ist die Chefin, oder sie war es mal, das macht ihr Gesicht klar. Aber was macht die alte Chefin Sonntagabend um 8 noch im im Lokal? Mit der Hand stützt sie sich am Tisch ab, als sie meine „Curry Spezial mit Paprika und Mais“ zurecht schnippelt. Nichts erwartend als die nächste Bestellung. Hinter ihr gießt eine aus der Form geratene junge Frau mit struppigen, farblosen Haaren altes Frittenfett einen Eimer. Jetzt oder nie. Als ich die zwofuffzich für die Wurst auf die Glasschale zähle, ziehe ich mit der Linken etwas aus meiner Tasche. Keinen geladenen Colt, wie es Humphrey Bogart gemacht hätte, keinen Briefumschlag mit Dollarnoten. Nein, es sind die Postkarten mit den Bildern der Wettbewerbsgewinner, die wir nun im Wedding verteilen. „Hier“, sage ich, „wollte ich ihnen geben. Das Foto von Ihrer Baude hat einen Kunstpreis gewonnen.“ Kurz meine ich, dass sie ärgerlich wird, weil ich sie in ihrer Routine unterbrochen habe, die sie mit Mühe aufrecht erhält. Dann ruft sie nach hinten einen Männernamen: „Da ist jemand mit dem Foto, das die Kundin neulich gemacht hat.“ Ein hagerer Endvierziger kommt aus dem Lagerraum und  wischt sich die Hände ab, bevor er die Karten nimmt. Ich sage mein Sprüchlein noch mal. „Danke“, sagt er, „dass Sie an uns gedacht haben.“ Das Foto gefällt ihm. Freundlich zeigt er die Karten seiner grauen Helferin. Die werkelt immer noch am Boden, dreht kurz den Kopf und verzieht das Gesicht. Die alte Dame ist schon bei der nächsten „Zwee ma ohne Darm mit Pommes.“

Ist also Kunst doch für was gut? Na ja, auf jeden Fall hat sie mich zu der schärfsten und besten Currywurst in Berlin geführt (vergesst Konopke und Curry 36 gleich mit). Und mit der Curry intus habe ich sogar den Rückweg mit der U6 überlebt. Als am Leopoldplatz nicht nur die üblichen vier betrunkenen Polen (heute waren es nur drei, ich mach mir Sorgen) säuerlich nach Bier und Erbrochenem riechend in den Wagen torkelten, sondern auch noch ein Mann mit einem Seppelhut, der einen Rollstuhl mit einer Bierflasche drin vor sich herschob, sich mit den Fußsstützen in der Festhaltestange verhakte und so die ganze Tür blockierte. Und als der endlich durch war, noch zwei Jungs reinkamen (einer tatsächlich mit umgedrehter Basecap und goldener Gliederkette um den Hals), die noch irgendeinem Mädchen auf dem Bahnsteig imponieren wollten und ihre Hacken zwischen die zugehende Tür klemmten. Was aber auch wieder nichts mehr ausmachte, weil der ganze Zug außerplanmäßig noch fünf Minuten im Bahnhof stehen blieb, was uns der Fahrer über knarzende und hallende Lautsprecher lakonisch zubrüllte. War alles zu ertragen, selbst mit Maske vorm Gesicht.

Wir halten also fest: Wer Kunst so nah an sich ran lässt, dass er sie für Wirklichkeit hält, der läuft sein Leben lang falschen Vorbildern nach. („Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“ (Fehlfarben)). Wer aber Kunst nicht an sich ran lässt, verpasst die besten Orte, die erstaunlichsten Menschen und bleibt ewig in einem Vorortbistro mit einer schlechten Kopie von den „Nighthawks“ hängen.

Einen schönen Abend wünsch ich noch.