Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass es in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Berlin, ein Garten Eden

Manchmal hat das Warten an der „Bettelampeln“ über die vierspurige Seestraße auch etwas Gutes. Denn wenn ich schnell über die Staße gekommen wäre, hätte ich die Frauen gar nicht bemerkt, die ihre Hände in die Büsche an der Straßenbahnhaltestelle Seestraße steckten. Und erst recht nicht die roten Beeren, die sie unter den halbvertrockneten Blättern der frisch gestutzten Sträucher hervorholen. „Darf ich fragen, was das für Beeren sind, die sie da pflücken?“ frage ich eine Frau mit einer schon halb gefüllten Plastiktüte. Sie versucht es zuerst auf Englisch: „You eat it with sugar.“, aber den Namen der Frucht fällt ihr nicht ein, dann auf Französisch, „pour Marmelade“, aber zuletzt ruft sie eine Freundin, mit der sie Türkisch spricht und die mir auf Deutsch antwortet. „Das sind Kizilcìk, der deutsche Name fällt mir gerade nicht ein.“ Google hilft und wir finden heraus, dass es Kornellkirschen heißt. Ich probiere eine hellrote Kirsche und es zieht mir den Mund zusammen. Sauer! „Sie müssen die dunklen nehmen.“, lacht meine Ratgeberin. „Am besten sind sie mit Zucker oder man kann sie mit Apfelsaft zu Marmelade kochen.“ Eine weitere Frau kommt vorbei und rät mir, die Beeren vorher abzuwaschen: „Wegen der Autos und der Leute, die hier vorbeikommen.“ Sie kennt noch weitere Standorte, war gerade in Rudow. Anscheinend ist gerade in ganz Berlin Erntezeit. Und sie weiß, dass es ein paar Meter weiter, vor der Kapernaum-Kirche noch eine leckere Spezialität gibt: Lorbeerkirschen. „Sie müssen den Kern zerbeißen, dann schmeckt es wie Marzipan.“, schwärmt sie. Und als sei das nicht genug, weist sie über die Straße zu dem Chinesischen Restaurant: „Dort steht ein Pflaumenbaum, schöne, kleine feste Früchte. Aber keiner erntet sie. Es ist so schade.“ Der Wedding ist ein Paradies, ein Garten Eden für den, der sich auskennt. Ich hab es immer gewusst. Der Herr sorgt für die seinen. Die Lorbeerkirschen waren mir dann aber doch zu bitter.

(Was auch gut so ist. Durch einen Kommentar habe ich erfahren, dass man die Lorberkirschen besser nicht roh isst, und vor allem nicht auf die Kerne beißt, weil die eine Vorstufe von Blausäure enthalten,)

Unter den Brücken

Karen Hellqvist beim Musik-Parcours „spreeklänge“ unter der Rohrdammbrücke, Berlin 2026

Die Kunst ahnt vieles voraus, aber die Kunst kann auch nicht alles wissen. Deswegen war es von der Berliner Akademie der Künste zwar sehr vorausschauend, den Musikparcours spreeklänge am heißesten Wochenende des Jahres direkt ans Wasser und unter die schattigen Spreebrücken zu legen, aber sie konnte auch nicht ahnen, dass der träge dahinfließende Fluß an dem Abend so aufgeheizt sein würde, dass er an manchen Stellen unangenehm nach Kloake zu riechen begann.
Das verdarb mir und meinem Freund, der mich aus meiner kühlen, abgedunkelten Wohnung gelockt hatte, aber die Freude nicht. Auch wenn die Veranstaltung einen Weg vorgab, den ich mir vor Jahren schon mal selbst erkundet hatte, war ich neugierig. An jeder der 12 Stationen hatten sich die Künstlerinnen und Künstler etwas Überraschendes einfallen lassen. Neue Klänge, auffällige Kostüme und viel Musik auf dem Wasser. Und nicht nur, weil ein Teil des Weges durch den Park von Schloss Charlottenburg führte, konnte man sich dabei fühlen wie ein Fürst, dem am Sommerabend zur Zerstreuung vielfältige Lustbarkeiten geboten wurden. Es war ein sehr exklusives Vergnügen, auch, weil nur einige wenige Entschlossene sich zu einer Reise durch die Gluthitze der Stadt an die grünen Ufer der Spree hatten aufraffen können, um neue Kompositionen und Performances rund um das Thema Wasser zu goutieren. Der Biergarten Caprivi gegenüber unserem Startpunkt im Rosengarten war deutlich besser besucht. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Wer hat das noch mal gesagt?

Dafür wars bei uns abwechslungsreicher. Viel lustiges Geschnatter in den Gruppen, die sich bei den Veranstaltungsorten einfanden, wissendes Lächeln, entzücktes Lauschen und erstauntes Fragen. Oft war nicht klar ob man da nur eine Gruppe Jugendlicher sah, die an freigetrampelten Uferstellen in einem industriellen Randgebiet chillten und dabei auf kleinen Flöten bliesen, oder ob das eine „Klangstation“ war, „ein zeitgenössisches Ritual der Ko-Präsenz, in dem das Zuhören zu einer relationalen Praxis wird und die Landschaft als Mitautorin fungiert.“, wie es die Komponisten im Informationsblatt selber beschrieben. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Kunst kann für mich banal wirken, nichtssagend oder unfreiwillig komisch. Aber immer bewundere ich die Ernsthaftigkeit, mit der versucht wird etwas Neues zu wagen. Und eine Klasse von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten dazu zu bringen, ihre Instrumente selber zu bauen und drei Abende hintereinander dazu zu bringen, mal was anderes zu machen als auf ihre Smartphones zu schauen, das ist auf jeden Fall eine Kunst. Ich weiß, wovon ich rede.

Was mir sehr gefallen hat, war der Auftritt des Chors der Künste unter der Rudolf Wissell-Brücke. Zehn Boote mit dreißig Frauen in weißen Gewändern, die in einer aufwändigen, genau abgestimmten Choreografie einen Klagegesang anstimmten, der sogar den Verkehr auf der Autobahn übertönte. (Laut Prospekt ein magisches TUTTI-Ereignis, das Kollektivität, Rationalität, Schönheit, Mut und Universalität wieder zusammensetzt). Dass die mächtige, geschwungene Autobahnbrücke akut einsturzgefährdet ist, wie mir mein Freund ins Ohr raunte, machte den Kunstgenuss noch ein bisschen prickelnder. Aber mein absoluter Favorit war „two hands, two bows (one man in a boat) von Stefan Froleyks. Halb versteckt in der Vegetation saß ein Mann in einem Ruderboot, festgemacht am Spreeufer, während ganz in der Nähe die S-Bahn vorbeidonnerte. Froleyks spielt, unter einem Anglerschirm sitzend, die „Saitenwanne“. Ein selbstgebautes Instrument aus einer Zinkwanne, die er in eine Art Kontrabass verwandelt hatte, dessen Saiten er mit zwei Bögen bearbeitete. Minimalistische Musik + S-Bahn. Ich applaudierte, als er mal eine Pause machte. Der Künstler dankte, die anderen Zuhörer schauten seltsam. Macht man wohl nicht.

Zum Schluss noch was zum Thema „Ko-Präsenz“ und „relationale Praxis“: Der größte Teil der Strecke ging durch ein Kleingartengelände und ich fand es wunderbar, wie die Laubenpieper und die Künstler miteinander auskamen. Mancher stellte eine Kiste frisch gepflückte Kirschen an den Weg für die man in eine „Kasse des Vertrauens“ nach Belieben etwas einwerfen konnte, manche verkauften Honig und keiner sagte was wegen Ruhestörung, als die sechs „Maulwerker“ ununterbrochen und lautstark ihre „Verspre(e)chungen rezitierten. Aber vielleicht sind sie ja auch schon einiges gewohnt. Denn all die sensiblen Klanginstallationen und Stimmperformances wurden ständig von den hämmernden Soundanlagen der Ausflugsdampfer übertönt, die mit wummernden Roland-Kaiser-Klängen die Spree für sich beanspruchten.

Generationswechsel

Die CDU hatte immer recht: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau; Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee 1. Mai 2026

Ich bin mal wieder im falschen Film. Unter roten Fahnen aufgestellt laufe ich über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Zwischen prächtig herausgeputzten Plattenbauten, das frisch renovierte Kino „International“ und die viel besungene Mokka-Milch-Eis-Bar zur rechten und das ebenfalls grundsanierte Café Moskau zur linken, strebt die Demonstration auf das Rote Rathaus zu. Auch das „Haus der Statistik“ hat seine Zeiten als bröckelnde Ruine und Trümmer-Theater hinter sich und strahlt in frischem Weiß. Auf den Transparenten um mich herum wird der Sieg des Sozialismus und die internationale Solidarität beschworen. Junge Männer verteilen kostenlos das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“. Auf dem Alexanderplatz hieven mächtige Kräne einen neuen Wolkenkratzer aus dem Beton, höher noch und prächtiger als der Turm des Interhotel „Hotel Stadt Berlin“, das das in den 1970ern das höchste Hotel in Berlin – Hauptstadt der DDR war. Das neue Haus wird so hoch, dass es fast dem Fernsehturm Konkurrenz macht, an manchen Stellen verdeckt es ihn sogar. Hat der Sozialismus doch gesiegt? Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonn scheint ohn Unterlass. Es geht vorwärts. Ich gehe mit.

Wo bin ich? In einem besseren Land, in dem es keinen Wohnungsmangel, keine Inflation und keine Kriegsgefahr gibt? Oder bin ich hier in die Dreharbeiten für „Good bye Lenin II“ geraten? Vielleicht ist das ein Reinactment der 1. Mai-Paraden? Aber wo sind dann die Betriebskampfgruppen und die Ehrentribühne des Politbüros? Und wieso ist das Ambulatorium – eine der wichtigsten Errungenschaften jeder sozialistischen Siedlung- so heruntergekommen? Hat man vergessen die Fassade rechtzeitig für die 1. Mai-Parade zu tünchen, oder bin ich in Wirklichkeit einem Land, das kein Geld mehr hat für die Kranken?

„Zeigt eure Fahnen!“ brüllt eine junge Frau von einem Lastwagen herunter eine bunt zusammengewürfelte Truppe an, die mit den Fahnen der DGB-Gewerkschaften hinter dem Musik-Truck hertrotten. Das hat was von Love-Parade und reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich taumele an einem Stand der SPD vorbei, die wie immer die wirklichen Bedürfnisse der revolutionären Massen gut erkannt hat. Die Genossen schenken Kaffee in roten Pappbechern aus. Der bringt mich in die Gegenwart zurück. Danke, Genossen!
„Wir wollen ein schönes Leben für alle“ blökt es durch ein anderes Megafon, durch das vorher die krassesten Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt wurden. Das klingt nicht nach Klassenkampf sondern nach Bullerbü. „Wir wollen ein bezahlbares und solidarisches Neukölln“ steht bescheiden auf einem Banner. Das erinnert mich an meine Tochter, die dort wohnt und sich in ihrem Kiez nützlich macht. Ich schicke ihr ein Foto und fordere sie ironisch auf „Heraus zum 1. Mai“, wohl wissend, dass sie an ihren freien Tagen kaum um 11 Uhr aus dem Bett kommt. „Bin schon da!“ kommt es zurück „vorne links“. Und wieder glaube ich zu träumen, als ich das große Kind in roter Gewerkschaftsweste finde. Davon wusste ich gar nichts. Des Vaters Fußstapfen sind nicht so groß, dass sie hineintreten müsste, aber ich freue mich trotzdem. Brav rufe ich mit ihr und ihren Freunden „Hoch die internationale Solidarität“ und „Wir sind die Generation, die den Faschismus stoppt“. Zwischendrin fragt sie mich, warum ich mich so dick angezogen hätte und ob ich mein Gesicht gegen die Sonne geschützt hätte? Sie reicht mir die Sonnencreme Schutzfaktor 50 rüber. Es riecht nach Urlaub. Zusammen gehen wir noch über das Maifest am Marx-Engels-Forum. Aber da geht es nur noch um die Wurst. Es gibt Bratwurst von ver.di oder von der BSR oder von der IG-Metall. Aber ich fülle die Gewerkschaftskassen schon genug mit meinen Beiträgen, da muss ich mich nicht noch in die Arbeitereinheitsfront vor der Wurstbude einreihen, zumal im Hintergrund eine echtes proletarisches Schalmeienorchester quääckt. Und ich denke erleichtert, dass ich langsam aufhören kann auf Demos zu gehen und das der nächsten Generation überlassen kann.

Ausflug ins Grüne

In meinem Stadtteil gibt es eine große Unbekannte. Eine sehr große: 80 Hektar groß, 135 Gebäude, 85 Hallen, der Eingang direkt zwischen Kentucky Fried Chicken und Autobahnzubringer gelegen: Die Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr. Als hier noch die französische Armée de l‘ Air einquartiert war gab´s das Deutsch-Französische Volksfest und ab und zu mal eine Parade die Straße runter. Von der Bundeswehr, die hier seit 1994 eingezogen ist, kriegt man wenig mit. Selten sieht man Rekruten und Rekrutinnen beim Gepäckmarsch durch den angrenzenden Park schwitzen, manchmal ein Hubschrauber, aber sonst ist die graue Betonmauer mit Stacheldraht hoch genug, um die Kaserne von der Welt abzuschirmen. Früher gab es mal einen Tag der offenen Tür. Aber das ist dieses Jahr auch nichts geplant, zumindest nicht in der Kaserne. Statt dessen Plakate überall in der Stadt, die für den Wehrdienst werben. Freiwillig, natürlich. Da will ich mal nachhören, was da so los ist und was die Freiwilligen erwartet. Es ist nicht gut, wenn Gesellschaft und Militär nichts voneinander wissen. Außerdem wird es nicht mehr lange so ruhig bleiben. Immerhin las ich in der Zeitung, dass in die Kaserne 190 Millionen Euro investiert werden sollen. So etwas geht an einem Stadtviertel nicht einfach so vorbei. Also frage ich mich mal durch, so als Feierabendjournalist. Ich lande bei einem Presseoffizier, einem mürrischen Oberstleutnant, der mir nach langem Warten schriftlich zur Antwort gibt, dass man „die Anfrage weder von den Kapazitäten noch inhaltlich sicher stellen“ könne. Und außerdem: Die Sicherheitslage. Na gut: Unser Kiez-Magazin ist nicht der Spiegel. Aber auch der machte sich neulich etwas befremdet lustig über das Fremdeln der Truppe mit der Öffentlichkeit. Ich bleibe hartnäckig und bekomme endlich den genervten Anruf, dass die eingereichten Fragen noch vor Ostern beantwortet würden. Ich bin gespannt. Aber jetzt brauche ich ja noch Fotos von der Liegenschaft. Meinen Oberstleutnant will ich nicht noch mal belästigen. Also mache ich einen Sonntagsnachmittagsausflug über die neu angelegte, mit grünen Streifen markierten Fahrradstraße entlang der Kasernenmauer.

Natürlich ist es heikel, in den heutigen Zeiten eine Militäranlage zu fotografieren. Aber nirgendwo sehe ich die im Osten so verbreiteten Schilder, die das Fotografieren verbieten. Sind ja auch eine Demokratie mit Pressefreiheit, schließlich. Dafür wird vor Schusswaffengebrauch gewarnt. Auch nicht gemütlich. Aber so weit kommt es nicht. Das Wachbatalion der Bundeswehr nähert sich leise in einem französischen Elektroauto des BW-Fuhrpark, schwarz mit Eisernem Kreuz. Ein ausgesprochen entspannter junger Soldat in Flecktarn-Uniform steigt auf der Beifahrerseite aus. Wir tauschen Höflichkeiten aus, die von gegenseitiger Wertschätzung, Interesse und dem deutlichen Fähigkeit zur Deeskalation geprägt sind, derweil der etwas derbere Fahrer bereit steht, wenn es nötig würde, unfreundlich zu werden. Gerne zeige ich meinen Ausweis und erzähle von meinem Kontakt mit dem Presseoffizier. Der Soldat wundert sich, als ich ihm von der mühseligen Informationsbeschaffung berichte. Eigentlich seien doch ständig Journalisten in der Kaserne und er sei gerne bereit mir Fragen zu beantworten. Ob es stimme, dass es einen Kindergarten auf dem Kasernengelände gebe, frage ich. „Ja, die Kita „Wilde Wiese“, bestätigt er. Und ob die Elektroleitungen wirklich noch aus der französischen Zeit stammten, wie sein General der Zeitung anvertraut habe? „Ja, die Wasserleitungen auch.“ Doch bald erlahmt seine Konversationsfreude und er fragt mich, was ich heute noch vor hätte. Mit der Kaserne sei ich fertig, ich wolle jetzt essen gehen. Das reicht ihm und er lässt mich ziehen. Ich bin froh, dass ich meine Kamera nicht herausgeben musste und das Elektroauto surrt weiter. Es stimmt nicht, dass die Bundeswehr den Herausforderungen der modernen Zeit nicht gewachsen ist.

Stairway to Heaven

Arztbesuche eröffnen manchmal ungewohnte Aussichten: Das ist die Dankeskirche auf dem Weddingplatz in Berlin. Auf dem Boden stehend eine ziemlich hässliche Betonkirche. Aus der Praxis meines neuen Arztes im 4. Stock hat man den Überblick, ist man dem Himmel näher und erkennt das Große und Ganze in seiner aufstrebenden Schönheit. Und es keimt Hoffnung in mir auf, dass es doch noch was werden könnte mit dem Seelenfrieden. Was ich denn tun müsse, frage ich den Doktor, um trotz meiner müden Knochen irgendwann doch noch auf den Pilgerweg in Spanien gehen zu können? Sport soll ich machen, sagt der Doktor, Muskelaufbau. Ich? Sport? Soll ich im Alter anfangen, Dummheiten zu machen, die ich mein ganzes Leben vermieden habe? Oh Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen…

Seltene Erden

Das Glück erwischt einen ja an den Orten, an dem man es am wenigsten erwartet. Es braucht nur ein bisschen Sonnenschein, eine Nacht, in der das Thermometer um 10 Grad gestiegen ist und die erste Tour mit dem Moped, dann wird sogar ein Café in einem Berliner Waschbetonviertel aus den 1970er-Jahren zu einer Insel der Glückseligkeit. 2000 Kilometer weiter östlich tobt seit vier Jahren ein Krieg, über unsere Straßen rollen Autos, die Panzern gleichen und an der Ecke verwandeln sich hinter den Baugerüsten Sozialbauten in Investmentobjekte. Wie immer. Aber doch nicht gerade jetzt, doch nicht in diesem Moment. Grade ist doch alles friedlich. Sogar das rasende Bollern der SUV-Reifen über das Kopfsteinpflaster, das durch die offene Tür herein kommt, hört sich für mich an wie ein willkommenes Zeichen des wiedererwachten Lebens. Mir geht‘s gut.
Die selbstbewussten Frauen, die das Café Freysinn hier seit Jahren schmeißen haben mir die Wahl zwischen fünf vegetarischen Gerichten gelassen und als ich danach noch sehnsüchtig auf den Mohnkuchen in der Vitrine schmulte (das ist mein Lieblings-Alt-Berliner Wort und bedeutet „verstohlen neugierig schauen“), kriegte ich das Reststück für n‘ nen Euro. So schön kann Berlin sein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
Natürlich nicht. „Jedes echte Glücksgefühl ist künstlich.“, heißt der alte Säuferspruch. Aber bei mir ist es kein Schnaps, der mich froh macht in einer Welt, die zum Heulen ist, sondern Vitamin B 12. Das fehlte mir nämlich bis vor einer halben Stunde. „Die Spritze wird von manchen Menschen als euphorisiernd empfunden.“, hatte mich die Ärztin gewarnt. So ist das mit der Körperchemie. Man denkt es ist der holde Lenz, der die zartesten Gefühle in einem weckt und dabei kommt das Glück aus den Retorten der Bayer AG, hier um die Ecke in der Seestraße. Aber wie alles Glück ist auch das aus der Spritze nicht vollkommen. „Ihnen fehlt auch noch Selen“, hatte die Ärztin sorgenvoll mit Blick auf die Laborwerte festgestellt. „Das ist ein Element, das steckt in Brot und Getreide.“ Seltsam, davon esse ich doch mehr als genug, staunte ich. Aus heimischem Anbau und in bio. „Ja, aber Deutschland ist ein Selen-Mangelgebiet. Das kommt hier im Boden nicht ausreichend vor.“, wurde ich aufgeklärt. Da hatte mich die Weltpolitik wieder. Die Deutschen können sich mit seltenen Erden nicht selber versorgen. Wer hat das Monopol auf Selen-Tabletten? Hängt mein Glück und meine Gesundheit am Ende vom Erfolg der China-Reise des Bundeskanzlers ab?

Nein. Mein Glück hängt vom Glück meiner Mitmenschen ab. Heute Abend klingelte es an der Haustüre. Eine verwaschene Männerstimme meinte durch die Sprechanlage, ich solle „mal aufmachen“. Irgend ein geknechteter Mensch wahrscheinlich, der die Briefkästen mit Prospekten vollstopfen will. Da bin ich natürlich solidarisch und skeptisch zugleich. Ist ja schon einiges vorgekommen. Also drücke ich auf den Öffner und gehe gleich nach unten, um zu schauen. In der offenen Tür lehnt ein Typ meines Alters, spindeldünn, schwarze Klamotten, Bikerbart und eine Bierflasche in der Hand. Nicht die erste für heute, denn gerade stehen kann er nicht mehr. Vitamin B 12 hätte ihn auch nicht glücklicher machen können. In der anderen Hand hat er den Schlüssel meines Mopeds. „Den haste in deiner Simson stecken lassen.“, sagt er und deutet auf mein Moped, das vor der Tür auf dem Gehsteig parkt. „Darfste nich machen, die Dinger sind schwer begehrt. Ich weiß, wovon ich rede.“ Drückt mir den Schlüssel in die Hand, wuchtet sich vom Türrahmen weg und schlurft glücklich weiter.

Neulich in Mittelerde

Morgens, halb 9, in der rappelvollen U6. Auf dem Stationsschild steht „Leopoldplatz“, aber es könnte auch „Mittelerde“ drauf stehen. Denn es steigt ein kleines Wesen ein, das mir kaum bis zur Schulter geht. Ein Umhang aus struppigem, lila-grauem Filz, eine spitze Kapuze verdeckt den Kopf. Die Hände sind braun, die Fingernägel schwarz und abgeschabt – keine Frage: Eine Hobbit-Frau. Mit leiernder Stimme sag sie ihr Sätzlein auf, das mit „Guten Morgen“ beginnt und etwas aus ihrem Leben heute erzählt. Auch, dass sie noch kein Frühstück hatte und um etwas Kleingeld bittet. „Ich habe heute noch nicht für mich sorgen können“, sagt sie, als käme sie von einem Achtsamkeitskurs. Hatten Hobbits nicht Elbenkekse, die als Proviant bis nach Mordor reichten? Sie streckt auch mir ihre rissige Hand entgegen, auf der ein paar Euro-Münzen liegen. Ich greife zum Portmonee und will ein paar Münzen dazulegen, aber ich habe kein Kleingeld dabei. Erwartungsvolle Augen schauen mich aus dem Dunkel der Kapuze an, als ich die Börse wieder wegstecken will: „Oh, ich kann wechseln!“, sagt sie rasch und lächelt mit schlechten Zähnen. Die Münzen von ihrer Hand kullern in mein Geldfach, dafür kriegt sie meinen Fünf-Euro-Schein. Ein Deal. Die Tür geht auf und sie springt hektisch auf den Bahnsteig und verschwindet den aufgehenden Türen der Bahn, die auf der Gegenseite eingefahren ist. Ich hoffe, sie hat noch mehr Wechselgeld dabei.

Die Tränen der Inder

„Wer will schon im Winter sein Fahrrad reparieren lassen?“, dache ich und dünkte mich schlau. Denn alles Volk hatte sich vor der Kälte unter die Erde verkrochen und fuhr in den dunklen Röhren seinem Ziel entgegen oder es spaltete den grauen Schneematsch auf den Straßen mit wuchtigem Gefährt. Leer wähnte ich die Werkstatt und schnell würden die flinken Hände des kundigen Meisters die müde Kette meines Rades von den Zahnrädern befreien, in die sie sich mit den Jahren eingefressen hatte. Bei fröhlichem Gespräch wäre das Werk schnell getan und frei und sanft würde mein Rad mit mir Richtung Frühling rollen. „Der Winter muss weichen, weil er weichen muss…“, sang ich mit Hannes Wader.

Vergessen hatte ich aber die dunklen Knechte, die mit klobigen Kapuzen auf dicken Rädern auf das Geheiß fremder Stimmen an den Rändern der breiten Avenuen ihr Tag- und vor allem ihr Nachtwerk verrichteten. Jene, die in täglicher Fron warmes Essen zu den Reichen unter den Hungrigen dieser Stadt bringen. Nicht mehr als Schatten waren sie bislang, die meine täglichen Wege lautlos begleiteten; unfassbar, unnahbar, unverständlich. Auch wenn das Schicksal uns zuweilen an einer roten Ampel zusammenführte, gab es keinen Blick, kein Lächeln, kein Zeichen gemeinsam erlittener Unbill in Wetter und Wind. Immer waren sie in einer anderen Sprache in einer andern Welt – verbunden über eine leuchtende Kiste mit einem Signal zu den Sternen.

Jetzt aber waren sie hier in der Werkstatt. „I will call you, not: You call me! Understand?“ brüllte der Fahrradmechaniker einen Mann mit rundem dunklen Gesicht an. Der hatte weiße iPods in den Ohren, eine graue Kapuze über dem Kopf und ein stoisches Buddha-Lächeln im Gesicht. Und er ging nicht weg. „Also gut, lenkte der Schrauber ein: „Wo steht es denn?“ Später sehe ich sie beide auf dem Gehweg, das schwere Lieferfahrrad im Schnee auf den Kopf gestellt. Sie diskutierten halb Deutsch, halb Englisch die Ursache für das Lahmen des Stahlrosses. Da hatte mir der Praktikant, in einer Hand einen Döner mampfend, schon den Reparaturzettel ausgestellt. „Montag, vielleicht schon Samstag. Wir rufen Sie an.“

Es wird Montag in der Mittagspause. Der Meister ist allein. Hektisch, aber mit genauen Griffen zirkelt er zwischen meinem aufgebockten Rad, einem Pappbecher mit Kaffee und einer Packung Tabak hin und her. Der Zweiradmechanikermeister, bei dem ich die Jahre davor war, hat mit 50 einen Herzinfarkt bekommen und den Laden an seinen Gesellen abgeben müssen. Mein neuer Meister ist Anfang Dreißig und hat das noch vor sich, wenn er so weiter macht. Er ist überall gleichzeitig. Als eine junge Frau mit ihrem Rad in den Laden kommt, weiß er sofort, wo es hakt, drückt mir gleichzeitig mein Rad für die Probefahrt in die Hand und dreht sich eine mit dem Tabak. Als ich zurückkomme sitzt er vor seinem Laden und raucht. Die Schaltung geht nicht ganz geschmeidig. Das lässt ihm keine Ruhe, und schon sind wir wieder in der Werkstatt. „Dauert nur einen Moment.“, sagt er und drückt auf die Kaffeemaschine – für mich. Mit dem Becher in der Hand kommen wir ins Reden. „Du machst viel für Wolt, oder?“ frage ich neugierig. „Nein, ich mach das für die Jungs. Die Fahrräder müssen sie selber leasen. 150 Euro im Monat. Aber die Firma hat in Berlin nur zwei Werkstätten und da müssen sie sich eine Woche vorher anmelden. Deshalb kommen sie zu mir.“ „Und das geht so einfach, bei geleasten Rädern?“ „Die Jungs kommen aus Pakistan oder Indien, die werden bei Wolt pro Lieferung bezahlt. Die haben Druck und nehmen keine Rücksicht auf das Material. Das sind gute Räder, aber auch die halten das nicht lange aus. Wenn ihr Rad kaputt ist, können sie nicht eine Woche warten. Sie kommen zu mir und weinen. Was soll ich machen?“ Ein stolzes Grinsen fährt über sein Gesicht: „Erst wollte der Hersteller mir verbieten, ihnen zu helfen. Aber ich habe mir dann die Teile besorgt, aus China. Inzwischen kann ich alles außer dem Steuergerät selber machen.“ Einen größeren Laden bräuchte er. Den hier teile er sich mit dem türkischen Schlüsseldienst. Und er sei sehr froh, dass sie ihn reingelassen haben. Alleine könne er die Miete für den Laden nicht stemmen. „Da müsste ich 150 Euro am Tag nur für die Miete verdienen.“ Dabei stehen im Wedding dutzende Läden in allen Größen leer. Von mir will er 20 Euro weniger als ich für die Reparatur im anderen Laden vor drei Jahren bezahlt habe. Dabei hat er zusätzlich noch alle Seilzüge ausgetauscht. „Hat ja keiner Geld heute“, murmelt er. Am Wochenende sei er übrigens selber auf Tour, erzählt er, noch in der Tür stehend, als ich mein Rad nach draußen schiebe: Für Lieferando. Es sei schwer, nach einer Woche in der Werkstatt Sonntags früh aus den Federn zu kommen. Aber da werde er nach Stunden bezahlt. 13 Euro irgendwas. Und er fahre die Touren mit dem Auto. Mit dem Fahrrad sei es zu anstrengend.

Wer diese Lieferung am Ende wohl bezahlt hat?

Berliner Charme

Wer sagt denn, dass die Berliner ruppig sind, und dass hier Nix klappt?

Kaum ist das Schlachtfeld in meiner Wohnung nach dem Heizungstausch beseitigt, schon gibt’s Schokolade von der Hausverwaltung und eine Mieterhöhung ab Mai. Sogar den tropfenden Wasserhahn wollen sie auswechseln lassen – irgendwann.

Auch sonst lässt‘s sich hier leben. Jeder Tag ein Abenteuer.