Hätte hätte Fahrradkette

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Der Wachmann schaut neugierig zu mir rüber, als ich mein Rad in den Ständer stelle. „Wollnse ihr Rad nich anschließn?“, fragt er besorgt.  Ne, sach ich keck, sie passen ja darauf auf. „Dafür bin ich nich da.“, doziert er, „Ich bin hier für die Sicherheit des Gebäudes! Ich kann Ihnen da keine Garantie geben.“ Brauchen Sie auch nicht, hole ich ihn von seinem Amtsschimmel wieder runter, ich mach das seit 13 Jahren so, und bisher ist das immer gut gegangen. „Und wenn nicht?“, fragt er verdutzt über so viel Leichtsinn. Dann hab ich nach dreizehn Jahren endlich einen Grund, mir ein neues Fahrrad zu kaufen, flöte ich fröhlich und hüpfe über zwei Stufen durch die Haupttür, die der Sicherheitsmann mir aufhält – der Stechuhr entgegen.

Ja, Sorglosigkeit, das war es, was ich an meinem alten Rad so schätzte. Der Lack war ab, der Sattel rissig. So ein Fahrrad konnte ich einfach mal so stehen lassen, wenn ich schnell in ein Geschäft reinsprang. Sogar in Berlin, sogar im Wedding. Und die Betonung liegt auf konnte.

Irgendendetwas hat sich wohl verändert in Berlin. Zwei Wochen nach dem heiteren Schlagabtausch durfte ich mich wirklich auf die Suche nach einem neuen Rad begeben, denn das alte war weg – obwohl ich es – ganz ehrlich! – abgeschlossen hatte, was ich an Orten, die mir nicht geheuer sind natürlich manchmal tue, und was ich auch der Polizei so wahrheitsgemäß in ein Online-Formular tippte.  Und weil sich in Berlin wirklich was verändert hat, bekam ich keinen lapidaren Zettel des Polizeipräsidenten, dass mein Verfahren eingestellt sei, sondern innerhalb eines Tages einen Rückruf von einem sehr aufgeräumten Beamten. Er wolle die Videoaufzeichnungen des Einkaufszentrums prüfen, vor dem das Rad verschwunden war, versprach er mir. Und es klang so, als wolle er das wirklich tun. Das waren ja Tübinger Verältnisse. So etwas wie Hoffnung keimte in mir auf, Vertrauen gar in die marode Berliner Verwaltung…  Videoaufzeichnungen habe es keine gegeben, teilte er mir ein paar Tage später zerknirscht per Mail mit. Satt dessen gab er mir den guten Rat, immer mal wieder auf die Website der Polizei die Bilder der aufgefundenen Räder anzuschauen. Die Frage, warum er das nicht selber tue, wo er doch sogar die Rahmennummer von mir hat, wagte ich nicht zu stellen.

Ohne mein Rad veränderte sich mein Leben. Ich fühlte mich wie amputiert und spürte Phantomschmerzen jeden Morgen wenn ich an die Laterne schaute, an der es jetzt nicht mehr auf mich wartete. Und noch schlimmer: War ich es sonst gewohnt mit offenen Augen durch die Nebenstraßen und Parks zur Arbeit zu gleiten musste ich nun hinab in den Höllenschlund der Großstadt, in das Panoptikum unsäglichen Leidens, in die Bühne des täglichen Wahnsinns: in die Berliner U-Bahn. Und als ich vor wenigen Tagen in der blutrünstigen, widerwärtigen und gedärmeaufwühlenden Aufführung von Heiner Müllers Macbeth im Berliner Ensemble saß, ärgerte ich mich nich so sehr über den Zustand der deutschen Sprechbühnen, sondern darüber, dass ich für die Karte vierzig Euro ausgegeben hatte, wo ich doch die gleiche Geisterbahnfahrt jeden Tag bei der BVG für 2,90 Euro alles inklusive bekomme.

Und damit nicht genug. Freche Lemuren warteten auch in den Hinterhöfen und Kellerlläden, die ich jetzt gehetzt nach Feierabend, im Dunkeln und kurz vor Ladenschluss abklapperte wie ein Junkie auf der Suche nach seinem Stoff. Abschätzig musterten sie mich, wenn ich meine Wünsche äußerte und das Budget, das ich auszugeben bereit war. Sogar, oder gerade in den selbstverwalteten Läden, die in Kreuzberg noch aus den Hausbesetzerzeiten übrig geblieben sind wie die Kneipen und  Müsli-Läden, ist das Schnöseltum eingekehrt: Handgelötete Rahmen, Wunschlackierungen, Gangschaltungen, die für Alpenquerungen ausreichen würden. Ich wollte doch nur ein Rad, das mich die nächsten dreizehn Jahre begleitet und an dem ich täglich meine Freude habe. Oder wollte ich mehr? Je mehr ich das Angebot durchforstete, desto größer wurde der Wunsch, etwas Neues zu wagen, neue Technik, neues Design. Irgendwann war ich dann so weit, dass ich glaubte, einen der neuartigen Zahnriemanantriebe zu brauchen. Gottseidank brachte eine Freundin mich wieder auf den Boden. Ich suchte weiter, bis ich auf einem Hinterhof in der Gneisenaustraße, der aus rebellischen Zeiten noch mit einem roten Stern aus Ziegelsteinen gepflastert ist, eine weise Frau fand. Graue Haare, rauhe Stimme und wahrscheinlich noch aus der Gründergenaration, die unter dem Pflaster den Strand suchte. Natürlich fand sie das richtige  Rad für mich. Sportlich, bequem, in einem wunderbaren Wirtschaftswunder-Lieferwagengrau. Sie stellte mich über das Rahmenrohr und fragte abgebrüht: Hodenvollkontakt oder gefühlter Kontakt? Ich fühlte mich gut beraten und konnte gar nicht schnell genug aus dem Laden kommen mit meinem neuen Rad. Beseelt fuhr ich nach Hause. Nein ich fuhr nicht, ich schwebte.

Da machte es „Knack“, der Gang war rausgesprungen. Und noch mal „Knack“. Ich drehte um. Die weise Frau war verschwunden und hatte sich in einen schläfrigen Typen verwandelt. Der nuschelte etwas von „kann gar nicht sein, millionenfach bewährtes Produkt…“ Seither war ich noch drei Mal da. Jedes Mal fahre ich hoffnungsvoll vom Hof, und jedes Mal macht es nach ein paar Kilometern „Knack“.

Was soll ich tun? Wenn ich einmal beschlossen habe, das Richtige gefunden zu haben, dann kann ich das nicht mehr loslassen. Dann ist das ein Teil von mir. Das hat mich schon schlaflose Nächte gekostet. Morgen fahre ich wieder hin. Dann sage ich, dass ich mein Geld zurück will. Das habe ich mir fest vorgenommen. Aber vielleicht finden sie den Fehler ja auch noch….

Keine Ruhe in Berlin

BND

Nur raus hier! Raus aus dem Gedrängel zwischen Paketauto und Bierkutscher, zwischen den PS-protzenden Jungtürken und den orientierungslosen Touristenkisten aus NRW. Runter von der lauten und engen Chausseestraße. Zehn Radfahrer hat es dieses Jahr in Berlin schon erwischt. Ich will nicht der nächste sein. Rein in eine ruhige Seitenstraße. Und am besten erst einmal eine Pause und einen Kaffee. Das Café „Du und Ich“ ist zwar nur halb so hip wie die mit den englischen Namen auf der Touristenmeile, aber hier ist Ruhe. Und das brauche ich jetzt.

Es dauert eine Weile, bis die aufgepeitschten Nerven in der Lage sind das Umfeld wahrzunehmen. Und mein Kaffee ist schon fast alle, als ich das Auto sehe. Ein völlig ausgebranntes Auto in einer Parkbucht auf der anderen Straßenseite. Ey, denk ich, Autos abfackeln ist doch schon seit fünf Jahren out. Oder ist das jetzt schon wieder in und ich hab was verpasst? In Berlin wechseln ja die Moden ständig. Und als ich so schaue, merke ich, vor welchem Haus das Wrack steht. Vor der neuen Zentrale des Bösen, dem Bayern-Import aus Pullach: der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. „Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung“ steht mit eisernen Lettern an der Tür. Ach, denke ich mir , so was lernt man jetzt also als Azubi beim BND. Andere feilen im ersten Lehrjahr ein Eisenstück bis es passt und gehen Bier holen. Und die BND-Stifte hier müssen lernen, wie man mal schnell ein Auto abfackelt, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Welcher radikalen Gruppe man das später in die Schuhe schiebt, das kommt dann erst im dritten Lehrjahr. So wie das „Celler Loch“, das die Kollegen vom Verfassungsschutz in den Achzigern in eine Gefängnismauer sprengten. Aber das war wohl schon ein richtiges Gesellenstück.

Aber nein, es ist viel schlimmer als ich es mir mit meinen altbackenen Verschwörungstheorien zurecht lege. Denn im Kofferraum des Wracks liegen Flugblätter.

flugis

„Wir bleiben wohnen“ steht da drauf.  Ich sprinte nach Hause, um meine Kamera zu holen und schaue schnell bei Google nach, was es mit dem Brand auf sich hat.

Die Berliner Woche, ein kostenloses Anzeigenblättchen, hat als einzige Zeitung recherchiert und der Angstspeicher in meinem Hirn bekommt ein Update. Wenn ich mich bisher vom allmächtigen Staat bedroht fühlte, weiß ich jetzt, dass heute andere Gruppen die Einschüchterung von wehrhaften Bürgern übernehmen. Das Auto gehörte dem Vorsitzenden einer Mieterinitiative. Die Mieter des schmucklosen Plattenbaus gegenüber dem BND wehren sich seit langem gegen Mieterhöhungen und seit einigen Monaten gegen den Abriss ihres Hauses. Die Hauseigentümer sind Brüder aus einer libanesischen Großfamilie. Diese Familien waren zuletzt in den Schlagzeilen, weil sie sich auf offener Straße bekriegen und erschießen. Und was tut der Senat? Er erteilt den Brüdern, laut Zeitungsbericht, sogar die Abrissgenehmigung für das Haus mit den mutigen Mietern.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich älter werde. Ich habe nichts mehr gegen einen starken Staat. Aber könnte man nicht die 8000 Mitarbeiter des BND umschulen in Mitarbeiter für Mieterschutz? Ein Weiterbildungszentrum wäre ja schon da.

Heulen

Er sagte erst mal nix. Saß in seinem blauen Transporter und trat ein paar Mal aufs Gaspedal, bis der lockere Keilriemen aufhörte zu jaulen, das ausdruckslose Gesicht  in Richtung Windschutzscheibe. „Is Motor, alt“, sagte er dann, ohne mich anzuschauen. Deutsch war nicht so seine Stärke. Und auch in dem kleinen, knochigen Körper hätte ich nicht viel Kraft vermutet. Aber mit Vermutungen liege ich oft daneben. Hätte ich ihn ohne seinen Wagen gesehen, hätte ich ihn für einen der Bulgaren (oder Rumänen?) gehalten, die an der Ecke ihre Abende breitbeinig schwatzend und rauchend auf der Straßenbank verbringen. Drumherum zahnlose, rauchende Weiblein und Kinder. Leben sie in der Eckwohnung für die illegalen Bauarbeiter mit den ewig heruntergelassenen Rollos, oder gehören ihnen die dicken Autos mit bulgarischen Kennzeichen? Ich weiß es nicht. Man sieht sich, man geht sich aus dem Weg, man denkt sich seinen Teil. Wahrscheinlich gehörte er dazu, wer weiß?
Er und ich hätten auf jeden Fall nie ein Wort gewechselt, hätte er nicht genau an diesem Samstagmorgen auf der anderen Straßenseite seinen Transporter repariert, als ich glücklos von der Autovermietung kam, deren stark schwitzende Thresenfrau beschied, dass es in ganz Berlin keine „Robbe“ mehr für mich gebe, wie die verbeulten weiß-blauen Autos für die Studentenumzüge hier schnoddrig heißen. Die Abweisung  machte mich trotzig und mutig.
„Wir brauchen nicht viel zu tragen“, warb ich ihn. „Wir haben einen Aufzug und ein Freund hilft.“ Er verzog keine Mine, fragte nur „Wann?“ Und als ich sagte „jetzt“ hielt er mir seinen sehnigen braunen Unterarm so hin, dass einschlagen konnte, ohne an den Arbeitshandschuh mit der Farbe zu kommen. Wir einigten uns auf 30 Euro und fuhren los.
Eine Stunde später saßen wir wieder im Wagen. Der Freund war nicht gekommen und der Aufzug war zu klein für das rote Sofa und das Bücherregal. Wir hatten meine letzten Habseligkeiten aus der Wohnung, die mal strahlend leer und zukunftsschwanger vor mir lag, als ich sie vor acht Jahren zum ersten Mal besichtigte, die Treppe herunterwuchten müssen. Die Frau, mit der ich diese Träume einst zu teilen glaubte, machte die Tür hinter uns zu.
Als der Motor sich wieder beruhigt hatte, fuhren wir einen Moment schweigend nebeneinander, mein Freund in der Not und ich. Dann fragte er „War Tochter oder Frau?“ „Frau,“ antwortete ich einsilbig. „Kinder?“ „Drei“
„Schade“, sagte er und schaute weiter geradeaus.

Lasterhaftes Berlin

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Da soll doch noch einmal einer sagen, Bücher, die man nicht gelesen hat, hätten keinen Einfluss auf einen. Birgit vom Sätze und Schätze- Buchblog hat mir mit ihrer gut recherchierten Rezension über „Lasterhaftes Berlin“, einem neu aufgelegten Stadtführer durch das angeblich wilde Berliner Nachtleben der 30er-Jahre, einen Floh ins Ohr gesetzt: Wieso denken eigentlich immer alle Menschen, die nicht in Berlin leben, dass hier ständig die Post abgeht? Dass man hier nachts Sachen machen kann, die man in Leipzig oder Bietigheim nicht machen kann? Ohne Licht mit dem Fahrrad auf dem Bürgersteig unbescholtene Bürger anfahren, oder um zwei Uhr nachts mit einer Flasche Bier in der Hand in der U-Bahn sitzen – um mal die wildesten Exzesse zu nennen, die man sich außerhalb Berlins so vorstellen kann.

Birgit vermutet, dass die Bücher über das verruchte Nachtleben immer die Vorstellung der Leser aus der Provinz bedienen müssen, und ich glaube das stimmt. Und weil in Berlin wirklich nicht viel anderes passiert als in Köln oder Buxtehude wird einfach ein bisschen dazugedichtet. Das hat Christopher Isherwood in seinem Buch „Auf Wiedersehn Berlin“ getan (das übrigens fast gar nichts mit dem Musical und dem Film „Cabaret“ zu tun hat. Isherwood war schwul und schreibt über seine Abenteuer mit Jungs) und die anderen Bücher aus den „goldenen Zwanzigern“, die Birgit erwähnt wohl auch.

Nach dem Krieg war es dann Billy Wilder, der Marlene Dietrich einfliegen ließ, um in „Foreign Affair“ etwas Verruchtes in die jämmerliche Schwarzmarktzeit zu bringen. Später hat er es mit der auf dem Tisch tanzenden Lilo Pulver im Pünktchenkleid in „Eins, zwei, drei“ noch mal versucht. Berlin war damals plattgemacht wie ein Teller, wie mein Vater zu berichten wußte, der jahrelang Konserven für die „Senatsreserve“ nach Berlin fuhr (und abgelaufene Konserven nach Westdeutschland zurück). „Wenn ich auf das Führerhaus meines Lasters gestiegen bin, sagte er immer, „konnte ich die ganze Stadt überblicken.“ Kein Wunder, dass die meisten Fotos und Postkarten von damals Berlin bei Nacht zeigten. Das war die einzige Möglichkeit, die Stadt ohne Trümmerberge aufzunehmen. Und die einzigen Begegnungen mit fremden Frauen, von denen mein Vater berichten wollte, waren die mit den DDR-Zöllnerinnen, die ihn den ganzen Wagen mit den durchweichten Kartons per Hand aus- und wieder einladen ließen. Auf solche Uniform-Spiele muss man stehen. Mein Vater tat’s nicht. Als ich ihn kurz vor seinen Tod fragte, was er in seinem Leben heute anders machen würde, sagte er, ohne zu überlegen „Ich würde nie wieder eine Tour nach Berlin übernehmen.“

Die freie Liebe der 68’er in der Kommune 1 war wohl so frei auch nicht und wurde erst attraktiv, als mit Uschi Obermeier ein Fotomodell dazu kam, das der „Stern“ gern  ablichtete. In den Siebzigern war es dann en vouge, über das wilde Sex-Leben der Nazi-Größen in geheimen Bordellen in Berlin zu berichten. „Salon Kitty“ war so ein Buch und ein Film, der sich an strammen SS-Männern in schwarzen Uniformen weidete. Zadek überflutete die Bühnen damit. Ende der Siebziger war es dann Christiane F. und der billige Sex mit Junkies im Tierpark, der das Bild vom nächtlichen Berlin prägte. Mann, fand ich den Film aufregend. Vor Drogen hatte ich zwar tierische Angst, aber so auf dem Bahnhof mit Freunden abhängen, den Bullen weglaufen und dann direkt vor David Bowie zu stehen, wenn er „Heroes“ singt. Das wär schon was gewesen. Später sang dann „Ideal“ vom wilden Nachtleben im „Dschungel“ – Ick fühl ma jut, ick steh uf Berlin. Das war das Lied, das ich im Kopf hatte, als ich auf Klassenfahrt nach Berlin kam. Und tatsächlich standen da am hellerlichten Tag Frauen auf der Potsdamer Straße rum, die so angezogen waren, wie die Frauen, die im Kleinanzeigenteil unserer Zeitung für potenzsteigernde Mittel warben. „Na Kleener, haste Lust uf ne Sause?“, sprach mich eine an. Ich wurde knallrot und sah zu, dass ich weg kam. Im Bus zurück nachhause prahlten natürlich alle Jungs, mit dem was abgegangen sei, mit den Frauen von der Potse.

Keine fünfzehn Jahre später zog ich nach Berlin, weil die Mauer auf war und ich den Osten erleben wollte. Und es war wirklich klasse. Die ganzen improvisierten Kellerbars und die Konzerte in den alten Reichsbahn-Hallen. Aber verrucht war das nicht, höchstens verqualmt.
Ich glaubte sowieso nicht, dass es so was wie verrucht noch gab in einer Stadt in der es die Love-Parade und den Christopher Street Day gab. Wo dein Nachbar zum Motzstraßen-Fest plötzlich als Transe aus der Tür kommt und dich fragt, ob seine Strumpfnaht noch gerade sitzt. Bis, ja bis dieser amerikanische Journalist auftauchte in unserer Redaktion. Netter Kerl, Cineast, der ein Interview mit Volker Schlöndorf arrangiert hatte. Aber wer kennt schon Schlöndorf im amerikanischen Bible Belt? Es musste ein Aufmacher her, einer, der auch den gottesfürchtigen Immobilienmakler in South Carolina neugierig macht. Sinnlos mit der „Blechtrommel“ anzufangen. Es wurde  die kleine, schäbige Oben-Ohne Bar in der Yorck-Straße. Ein Relikt aus der Zeit, in der noch die amerikanischen GIs nachts auf den Straßen von Berlin nach „amusement“ suchten. Der Artikel über Schlöndorf fing dann also so an: „There is a Topless Bar right in the center of Berlin. They say topless, and they mean it!“

Nachklapp: Es stimmt natürlich nicht, dass nix los ist in Berlin. Gleich bei mir gegenüber ist die Flop-Bar, ein dunkler Schuppen, der erst um acht abends aufmacht. Die Bedienung ist ein durchscheinendes Mädchen mit einer durchscheinenden Bluse. Ich weiß nicht was da nachts abgeht. Ich war nur mal Sonntags da, und habe mir einen Tatort auf der Leinwand angeschaut. Die Kids um mich rum hatten Flips und Chips mitgebracht. In Tatort ging es um Amateur-Pornos, die anscheinend jetzt in jedem deutschen Wohnzimmer gedreht und ins Internet gestellt werden. Der Tatort kam aus München.

Noch spannender ist es in meinem Hinterhof. Da sah ich heute bei Sonnenuntergang zwei Kamfpfhunde frei laufen. Ein schöner Hellbrauner mit weißen Flecken und ein Grauer. Zwei Hunde also auf der Wiese, auf der ich sonst mit meinen Jungs spiele. Natürlich hatte keiner einen Maulkorb, ein Besitzer war auch nicht zu sehen. Ja, das ist das wilde Leben in Berlin. So was gäb’s anderswo nicht.
Der Garten ist sattgrün, die Kastanien stehen voll im Saft und strecken ihre Kerzen nach oben. Und da sehe ich, wie der Braune auf die Graue steigt. Dann laufen sie wieder ein bisschen, beißen sich und der Braune steigt wieder hoch und sie vögeln wieder ein bisschen und dann laufen sie wieder. So geht das immer weiter. Und als ich mit dem Abendessen fertig bin, sind sie immer noch dran. Ob ich das dem Lonley Planet mal als Geheimtipp stecken soll?

Der Wedding wird gelb

 

 

Die Baugerüste fallen. Und wie frisch aus dem Ei gepellt leuchten die schicken 50er-Jahre-Häuser in neuem Glanz. Die ersten kräftigen Sonnenstrahlen lassen das satte Gelb strahlen wie einen freundlichen Frühlingsgruß aus der bisher sehr vernachlässigten Kongostraße. Noch vor einem halben Jahr war die Häuserzeile ein deprimierender Anblick. Grauer Dreck auf der ausgewaschenen grauen Fassade. Ein Wohnungsbrand vor zwei Jahren hatte schwarze Schlieren in den oberen Geschossen hinterlassen – zum davon laufen. Und jetzt? Neue Fenster, lustige Tiere auf den Wänden – eine freundliche Anspielung auf das Afrikanische Viertel, in dem die neuen Schmuckstücke stehen – und eine neue Kita im Erdgeschoss des Giraffenhauses. Erhebend und erfreulich. So muss es sich angefühlt haben, als die Häuser vor 60 Jahren auf dem Gelände, auf dem vorher die Buden von Schrott- und Kohlehändlern standen, hochgezogen wurden. Neue, helle Wohnungen für Familien, die bisher in Trümmern hausten. Ein Sportplatz gleich daneben, für die gebeutelte Nachkriegs-Jugend, auf dass sie eine bessere Zukunft habe. Auch jetzt wieder versprechen die Häuser Aufbruch. Da hat einer mal was getan für die Bewohner aus aller Herren Länder, die hier aus und einziehen. Auf dass sie sich wohl fühlen bei uns. Und auf dem Sportplatz nebenann finden jetzt Multi-Kulti Fußballturniere statt.

Wenn da nicht der Aushang im Treppenhaus wäre. Er stammt vom Hausbesitzer Vonovia. Vonovia? War da nicht mal was? Wikipedia sagt’s mir: Hieß mal Deutsche Annington und war eine der gierigsten Heuschrecken, die über den deutschen Wohnungsmarkt hergefallen ist. Börsennotiertes DAX-Unternehmen. Größter Anteilseigner: Blackrock… „Es zählt zu den Konzepten von Vonovia, Mietern oder anderen Interessenten den Erwerb von Wohnungseigentum anzubieten.“, sagt mir Wikipeda.  Na wunderbar, die jetzigen Bewohner werden sich die Wohnungen bestimmt nicht leisten können, zumal nicht nach der Renovierung. Nix mit Aufbruch. Im Gegenteil: Schluss mit Multi-Kulti. Und für die Bewohner: Perspektive Stadtrand.

Ich werde wohl bald neue Nachbarn bekommen.

 

 

Tauwetter?

Nordkorea II

 

Die nordkoreanische Botschaft in Berlin ist ein klotziger grauer Plattenbau, über dem eine  riesige filigrane Antenne schwebt. Sie erinnert mich an ein abgenagtes Fischgerippe und ich glaube nicht, dass es noch Wellen im Äther gibt, die sie erreichen. In allen Fenstern zur Straße hin sind die steifen, senfbraunen Kunstfaservorhänge zugezogen. Die Verkäuferin in der bulgarischen Apotheke gegenüber, die sich auf traditionelle chinesischen Medizin spezialisiert hat, weiß zu berichten, dass die Botschaftsangehörigen nur selten rauskommen, stets nur zu zweit Ausgang haben und kaum Deutsch sprechen.

Auch medienmäßig scheint die Botschaft von der Außenwelt und sogar von der Heimat abgeschnitten zu sein. Denn die Wandzeitung am Eingang, die sonst von den aktuellsten Besuchen des jeweiligen Kim, des geliebten Führers in mitten seiner lächelnden Untertanen berichtet,  von Genossinnen und Genossen, die sehnsüchtig auf seine Worte der  „Anleitung“ warten,  ist seit einem halben Jahr nicht mehr erneuert.

Peyonchang? Treffen zwischen den Regierungen von Süd- und Nordkorea? Tauwetter in der Atomfrage? Hier findet das alles nicht statt. Kim lächelt, Kim durchschneidet ein rotes Band und das Volk freut sich über die erfolgreichen Tests der Atomraketen. (Sang nicht auch der westdeutsche Barde Franz Josef Degenhart in den 70ern „Komm und erzähl von Havanna, der Schönen, geschützt von Raketen aus Stahl.“? Ja, so waren die Zeiten)

Ein bisschen erinnert das an die DDR-Führung kurz vor ihrem Ende, die einfach die Vorhänge zuzuog, als plötzlich der große Bruder etwas von Umbau und Transparenz flötete.  Bockig nuschelte sie etwas von: „Der Sozialismus in seinem Lauf…“

Die Nordkoreaner singen nicht, sie nuscheln nicht, sie geben sich in schweren Zeiten einem poetischen Traum hin:

Nordkorea

Ist das nicht schön? Die Morgenröte und der doppelte sozialistische Genitiv.

Ich glaube, der nordkoreanische Botschafter wird dieses Bild erst entfernen, wenn er es durch ein Bild mit der Skyline des Frankfurter Bankenviertels im Sonnenuntergang ersetzen kann. An der Unterzeile feilt er noch. Aber vielleicht heißt sie: „Der Sonnenuntergang über der protzigen Zeil kündigt die endgültige Niederlage des menschenverachtenden Finanzkapitalismus an.“

So oder so: Wir müssen uns warm anziehen in diesen Zeiten.