Die Partei, die Partei…,

die hat recht viele Sorgen. Nur noch ein nostalgischer, schwarz-weißer Fotoschnipsel erinnert an die besseren Zeiten der Partei der Arbeiterklasse einst in Berlin. Das Wasserspiel auf dem Straußberger Platz, das unter derzeitigen linken Regierung aus Geldmangel ab und zu abgestellt wird, sprudelt noch auf einer Straße, die einst Stalinallee hieß und in der die Arbeiter und Bauern in wahren Palästen wohnten, (wenn sie nicht gerade streikten und dafür von sowjetischen Panzern niedergewalzt wurden). Da war die Welt noch in Ordnung.

Und heute? Heute sollen die Mieterinnen das schützen, was von der Partei, die sich jetzt die Linke nennt, noch übrig geblieben ist? Ist das ihr Ernst? Natürlich steht bei der Mieterin noch ein bunter Blumenstrauß (vom letzten Frauentag, der dank der Partei in Berlin jetzt wieder Feiertag ist) auf dem Tisch. Aber soll wirklich diese, trotz ihres schweren Lebens tapfer lächelnde Alleinerziehende allein die Partei Die Linke schützen? Nein, nicht ganz allein. Sie hat ja noch den kleinen grünen Drachen. Der wird‘s richten.

Call a Papa

Man braucht nicht in Berlin bei den „Gorillas“ zu arbeiten, um sich zum Affen zu machen. Es reicht eine kranke Prinzessin am Samstagmorgen, die um die Ecke wohnt. Immer, wenn mein Handy drei Mal klingelt, weiß ich: Neue Nachrichten von meiner Tochter. Diese nachhaltige Jugend schafft es einfach nicht, einen Gedanken in eine Nachricht zu packen. „Ich hab ne fette Erkältung“ „Hast du“ „Sinupret forte“ Pause: „Danke“. Ich bin ja froh, dass meine Tochter überhaupt noch per SMS mit mir in Kontakt bleibt. Und das Kind ist in Not. Also stürze ich in die nächste Apotheke und dann zu ihr. Sie wohnt ja um die Ecke, schon seit einem halben Jahr. Was nicht heißt, dass wir uns oft sehen.
Sieht wirklich krank aus, das Kind. Und die Wohnung, und die Blumen. „Ich war nicht viel zu Haus“, entschuldigt sie sich. Ich weiß schon, neuer Job, Wahlkampf von Tür zu Tür… „Da hast du dir das bestimmt geholt“, vermute ich mit Anerkennung. „Oder von den Jungs, letztes Wochenende“, schnieft sie. Sie meint meine Jungs, die kleinen, auf die sie, großes Lob!, zum ersten Mal seit sie geboren sind mal einen Samstagabend aufgepasst hat. Natürlich hatten die Jungs eine Rotznase, aber wann haben sie das nicht? „Kann nicht sein.“, verteidige ich meine Brut, „Dann hätt ich’s ja auch.“ Und natürlich hatte ich es auch, aber das braucht ja hier keiner zu wissen und außerdem hab ich mich nicht so angestellt deswegen. Hatte ja auch kein Publikum. Die Tochter liegt mittlerweile auf dem Divan hingestreckt, große Pose, ganz sterbender Schwan. War die Tanzschule bis 18 doch nicht ganz umsonst. Umsonst war sie sowieso nicht. „Du gehst jetzt besser, sonst fängst du dir auch noch was.“, stöhnt sie mit letzter Kraft. Ihre Fürsorge rührt mich. Und seit Corona ist sie nebenberuflich Infektologin. Keine Widerworte möglich. „Corona-Taliban“ nennt das ihre Mutter. Ja und schließlich hab ich ja auch was zu besorgen. Auch ich habe die erste Woche beim neuen Job hinter mir, auch ich brauche was zum Leben. Nach meiner Runde durch den Kiez sitz ich mit gefüllten Taschen vor dem Bio-Laden und lese die Taz. Alle 14 Tage gönn ich mir das. Sonst wüsste ich ja nicht, dass die Chinesen uns Europäer in Afrika als die alten Kolonialisten anschwärzen, um selber kräftig auszubeuten. Wer Zeitung liest, erfährt was von der Welt. Und die bezaubernde Studentin, die am Wochenende aushilft (ja, ich bin schon so alt, dass ich junge Frauen „bezaubernd“ finde) kocht mir auch noch einen Kaffee dazu. Aber zwei mal klingelt das Telefon. „Kannst du noch Taschentücher mitbringen“ „und Klopapier“. Natürlich, Herzenskind, ich bin schon unterwegs. Und weil ich mich nicht noch mal in die EDEKA-Hölle am Samstagvormittag stürzen will, geh ich in den Späti gegenüber und zahl das Doppelte. Alles für meine Tochter. Vor der Haustür stoße ich fast mit einem Kerl in rosa Dienstkluft zusammen. Einer von denen, die so eckige Nylontaschen auf dem Rücken tragen. Ich klingele, mir wird aufgetan und ich haste die Treppen hoch. Durch den Türspalt darf ich die Sachen reichen und bekomme ein verschnupftes Danke dafür. Wieder draußen ist der Lieferdienst immer noch da. Mit leichtem Akzent nennt er fragend meinen Namen. Ich sage ja, und er drückt mir zwei Papiertüten mit Lebensmitteln in die Arme und ist weg. Haltmal, denke ich, wie immer zu langsam. Bin ich hier der Ausputzer? Bin ich nur noch gut für die Sachen, die meine Tochter nicht mehr vom Lieferdienst gebracht bekommt, oder die sie in ihrem Tran vergessen hat, zu bestellen. Sehr sehr mürrisch steige ich ein drittes Mal die Treppen hoch. „Ach, hatt ich ganz vergessen,“ säuselt meine Tochter, als hätt ich sie bei einem verbotenen Rendezvous erwischt (obwohl ich ihr ja nichts verbieten kann und obwohl das jetzt Date heißt) „Aber danke“.

Und wenn sich jetzt eine wundert, warum ich zu der ganzen Geschichte Fotos vom alten Flughafen Tegel zeige, dann ist das, weil ich eine Stunde nach dem ganzen Drama mit einem Freund zu einem Konzert mitten in der Ruine gefahren bin. Eine Frau, die sich Suzuki nennt und ein Herr namens Scanner haben den morschen Beton noch mal so richtig beben lassen. Mein erstes Konzert seit Corona. Pathetische Klavierakkorde klangen durch die verlassenen Gänge. Blixa Bargeld ließ alle Alarmsirenen auf einmal heulen. Ick lass mer doch von soner Rotzjöre nich dit Wochenende vermiesen.

P.S: Heute hab ich noch mal ne Nachricht geschickt, wie‘s ihr geht. Und was kam zurück? „Bin noch nicht ganz“ „Gesund“

Auf Linie

Würde die Welt eine bessere sein, wenn die Frauen die Macht hätten? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Aber wenn ich einen Blick auf die Bereiche werfe, in denen die Frauen jetzt schon das Sagen haben, lässt das bei mir zumindest nicht allzu große Hoffnungen für die Zeit nach der Niederwerfung des Patriarchats entstehen. Ich rede von der Grundschule. Ich rede von der Wunschliste der Lehrerinnen zum Anfang des neuen Schuljahres, von Lineaturen, Heftformaten und Schnellheftern.
Die SMS, die ich von der Mutter meiner Söhne bekam, klang wie beiläufig: „Kannst du bei McPaper vorbeigehen und einen Schnellhefter in grün -aber nur von Durable, keinen anderen, und zwei Geometriehefte Lineatur 24 mitbringen?“ Sie ahnte nicht, dass sie mich damit auf eine Reise schickte, die mich einen sonnigen Nachmittag und den Rest meiner Nerven kostete. Diese Reise kafkaesk zu nennen, wäre hier am Platz. Aber ich habe dabei auch viel über unser Land gelernt.
Bei McPaper stehe ich vor dem Regal mit den Schulheften und verstehe die Welt nicht mehr. Später werde ich erfahren, dass es in Deutschland mehr als 30 verschiedene Lineaturen gibt, dazu noch mindesten drei verschiedene Formate von Din A4 bis Quart und natürlich das alles als Block und als Heft, mit 16 und 32 Blatt mit und ohne Rand… Wer hat sich diesen Wahnsinn ausgedacht? War das schon immer so? Und warum?
Die Verkäuferinnen bei McPaper sind nicht besonders gut in Warenkunde. Aber immerhin können sie mir sagen, dass sich hinter „Geometrieheft“ ein Heft ohne Linien verbirgt. Blanko, sozusagen, weiße Blätter. Das gibt es auch noch. Aber wie kann ein Blanko-Heft eine Lineatur haben? In Deutschland geht alles. Ich finde ein Blanko-Heft mit Lineatur 25 aber ohne Rand, und tue was alle Väter tun: Ich stehe im Laden und rufe die Mutter an, die nicht wirklich geglaubt hatte, das Problem an mich losgeworden zu sein. „Weiß ich auch nicht.“, seufzt sie, „Es muss halt 24 draufstehen, mehr weiß auch nicht.“ Es ist also kein Frage der Pädagogik oder des Kindeswohls, sondern eine Frage der Autorität. Man will der Lehrerin gefallen, in dem man jeden ihrer absurden Wünsche erfüllt. Meine Zwillinge gehen in zwei verschiedene Klassen, im gleichen Jahrgang der gleichen Schule. Ich kann also gut vergleichen. Der eine hat das Schreiben in Blockschrift gelernt, der andere in Schreibschrift. Auch die Mathebücher waren unterschiedlich. Alles nach Ermessen der Klassenlehrerin. Und wenn die Lehrerin wechselt, was oft geschieht, wechseln auch die Anforderungen. Absprache, Koordination, einheitliche Regeln? Fehlanzeige. Alle meckern über den Hick-Hack der 16 Bundesländer. Aber das Problem fängt wohl früher an. Und das Problem hat zwei Seiten: Es gibt eine, die die Regeln aufstellt, und eine, die sie befolgt. Warum sind Mütter, die sonst den Konflikt mit den Lehrerinnen (auf der Grundschule meiner Kinder gibt es keinen Lehrer) um Schulessen, Pausenzeiten oder besondere Coronaregeln nicht scheuen, so devot und so kleinteilig, wenn es um die Schulsachen geht? Und warum wälzen sie diese Aufgabe dann auf mich ab?


Meine Odyssee, die bei McPaper begonnen hat bringt mich in alle Läden, die unsere Müllerstraße, die mal „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“ genannt wurde, noch zu bieten hat. Zu Woolworth, zu McGeiz und zu Müllers Drogerie. Überall das gleiche Bild: Ratlose Eltern, mit und ohne Anhang zwischen zerrupften Regalen, die extra für die „Schulsonderaktion“ aufgestellt wurden. Türkische Mütter mit Kopftuch und ganzer Familie in regem wie verzweifeltem Austausch, ein russischer Vater mit Sohn und großer Einkaufsliste, die ich zuerst bei „Müllers“ und dann noch drei Mal mit immer prallerem Beutel treffen werde. Ein arabischer Mann mit Sohn, der ihm die Wunschliste auf dem Handy vorliest, telefonierende Männer… Geheimtipps machen die Runde: Bei „Pfennigland“ soll es noch Blanko-Hefte geben, raunt mir eine junge Frau zu, die gerade eine türkische Frauengruppe beraten hatte. „Pfennigland“, murmele ich vor mich selber hin, und es klingt wie der Name des himmlischen Jerusalems. Dass ich daran nicht gedacht hatte. Hier bin ich Stammkunde. Das ist der Ort, an dem Wunder möglich werden- zu kleinem Preis. Hier finde ich immer die Überraschungen für die Kindergeburtstage und manchmal auch Ersatzteile für mein altes DDR-Fahrrad. Doch als ich ankomme, ist das Regal leer und mein Mut verflogen. Ich könnte noch zu Karstadt, aber meine Kraft reicht nicht mehr. Geschlagen ziehe ich zu McPaper zurück und kaufte zwei Hefte blanko, Lineatur 25 für je 39 Cent das Stück, um nicht mit leeren Händen bei meinen Kindern anzukommen. Vielleicht übersieht es die gestrenge Lehrerin ja und vielleicht müssen meine Kinder nicht unter dem Versagen ihres Vaters leiden. „Ach, das hättest du jetzt nicht machen müssen.“, flötet die Mutter meiner Söhne, „Ich hätte die Hefte auch am Montag noch hier im Schreibwarenladen besorgen können. Aber an den grünen Hefter hast du gedacht? Den gibt‘s nämlich nur bei McPaper.“ Auf meinem dritten Gang in die Welt der Frauen gründe ich in Gedanken und mit wachsender Freude die erste Widerstandsgruppe für die Zeit, wenn das Matriarchat die Macht übernommen hat. Also heute.


Die Macht der Liebe

Foto: Berlin Trains
BerlinWriters #wholecar #graffiti #berlin #hauptstadt #weilwirdichlieben

Es war in diesen dunklen Tagen, als die Winterstürme durch die Straßen jagten und die Sonne nicht mehr war als eine trübe Illusion hinter den bleigrauen Wolken. Es war die Zeit, als die Menschen ihre Gesichter hinter Masken verbargen und jeden Morgen angstvoll die mit Grabesstimme vorgetragene, steigende Zahl derer erwarteten, die am Tag zuvor von der Seuche dahingerafft worden waren. Es war die Zeit, in der jeder, der noch bei Sinnen war, zu Hause blieb und seinen Nächsten mied wie den Leibhaftigen selbst. Aber es war auch die Zeit, in der Wunder geschehen konnten, wo sich die Herzen öffneten und der Mensch des Menschen Freund wurde. Wo sich in den düsteren Schächten unter den Straßen die Elenden versammelten, die von der schieren Not, der Pflicht oder dem Kampf um das tägliche Brot in die mit krank machendem Brodem verseuchten Wagen der Untergrundbahn gezwungen wurden. Und es war hier, wo die Liebe alle Schranken überwand.

Sie waren zu dritt, so wie immer. Kurz bevor sich die Türen schlossen, sprangen sie noch in den abfahrenden Wagen. Es waren vierschrötige Kerle und jeder der Reisenden duckte sich noch tiefer in seinen Sitz, versuchte sich hinter seinem Handy unsichtbar zu machen, oder schaute vergeblich ins Nichts, um die Aufmerksamkeit der schwarz gekleideten Schlägertypen von sich abzulenken. In höchster Not hat der Mensch drei Möglichkeiten zu überleben: kämpfen, flüchten oder sich tot stellen. In einer fahrenden U-Bahn ist Flucht keine Option und Kampf gegen einen breitschultrigen, vollbärtigen Kerl mit tätowierten Händen aussichtslos. Also wählte ich meine letzte Möglichkeit. Fest zog ich meinen Jüngsten an mich heran, verkantete sein kleines Fahrrad zwischen meinen Beinen, hielt mich an der Haltestange fest, bis meine Knöchel weiß wurden und hoffte, sie würden uns übersehen. Doch alle Hoffnung schwand wie ein Traum am frühen Morgen, als ihr markerschütterndes „Fahrscheinkontrolle, bitte die Fahrausweise bereit halten!“ erklang. Normalerweise lässt mich diese Ankündigung kalt. Normalerweise bin ich ein gesetzestreuer Bürger, der gewissenhaft darauf achtet, nur mit einer abgestempelten Fahrkarte die Bahn zu betreten. Sogar für meine vielköpfige Kinderschar kaufe ich die vorgeschriebenen ermäßigten Karten, obwohl mir ein junger Kontrolleur einmal zuflüsterte: „Für Kinder brauchen Sie nicht, die kontrollieren wir nicht mehr.“ Dieses erhabene Gefühl der Rechtschaffenheit lässt mich herabblicken auf die Unglückseligen, die mit von Schuldbewusstsein gesenktem Haupt von den Bütteln der Berliner Verkehrsbetriebe auf die Bahnstiege gezerrt werden, weil sie sich auf unser aller Kosten eine Fahrt erschleichen wollten.

Doch wie war es heute? War nicht das ganze Land im Ausnahmezustand? War ich nicht in höchster Eile aufgebrochen, als es galt, meinen Sohn rechtzeitig zu seiner sich sorgenden Mutter zu bringen? Hatte ich nicht alle Hände voll zu tun gehabt, mir selbst und dem Kind die vorgeschriebene Maske überzuziehen? Wie hätte ich da noch, und das mitgeschleifte Kinderfahrrad nicht zu vergessen, eine Fahrkarte abstempeln können, zumal gerade der Zug einfuhr; der Zug, der allein uns zu der S-Bahn hätte bringen können, in die wir, nach nur drei Stationen, sowieso hätten wechseln müssen? Hatte ich nicht den ehrlichen Vorsatz gehabt, spätestens bei diesem Wechsel auf dem Bahnsteig der S-Bahn die Fahrausweise für mich und meinen Jungen, die ich natürlich ordentlich in meiner Brieftasche bereit gelegt hatte, in den Schlitz der altertümlichen Stempelautomaten einzuführen, nicht ohne meinem Sohn die Gelegenheit zu geben, stolz das eigene Ticket mit lautem Klacken und Piepen abzustempeln und es ihm treu in seine kleinen Hände zu legen, in denen er es mit heiligem Ernst bis zum Ende der Fahrt aufbewahrt hätte (wenn er nicht gerade ein Buch lesen, einen Keks essen oder sich in etwas anderes Wichtiges hätte vertiefen wollen, wobei er dann die Karte irgendwo auf dem Sitz hätte liegen lassen, wenn wir bei der nächsten Station umgestiegen wären.)

All das hätte ich dem mürrischen Höllenengel sagen wollen, als er mit grimmigen Blick vor uns stand. Aber ich schwieg. Noch war ich zu sehr im „das Reh duckt sich im Kornfeld, damit es der herandröhnende Mähdrescher es nicht sieht“-Modus, als dass ich hätte reden können. Und außerdem: Was sollte das Kind von mir denken? Also fand ich mich an der nächsten Station auf dem Bahnsteig wieder und ließ die unbeholfene Suada des erfolgreichen Jägers über mich ergehen, die sich „Aufklärung über die Fahrgastrechte“ nennt. Ich war reuig und sofort bereit ihm die 60 Euro in seine groben Pranken zu blättern, an denen er, ich hätte wetten können, sicher mehr als einen silbernen Totenkopfring tragen würde.
Aber was war das? Er blickte mich und meinen Sohnemann an, drehte seinen Handcomputer in unsere Richtung und murmelte verschwörerisch: „Kieken se hier: Ich trage hier als Grund für das fehlende Ticket „Eile“ ein. Dann könnse die BVG schreiben, dass se mit dem Klenen aufm Weg zum Arzt waren oder sowat. Dann könnse Glück ham, und die lassen se in Ruhe.“ Ecce homo!- was für ein Mensch! Welche Größe. Welch mitfühlendes Herz! Vielleicht hatte er auch einfach Angst, dass ich ihm auf dem Bahnsteig Scherereien mache. Vielleicht war er das von Eltern, die mit ihren Kindern unterwegs erwischt wurden gewöhnt. Vielleicht dachte er auch, dass ich ihm komisch kommen könnte. Die paar Sätze, die wir miteinander gewechselt hatten, hatten wahrscheinlich gereicht, um zu merken, dass ich in rechtlichen Dingen bewandert bin. Vielleicht war er auch selbst nicht so ganz überzeugt von dem Scheiß-Job, den er da machen muss. Egal. Er hat uns ein Fensterchen der Hoffnung aufgemacht und mich vor meinem Jungen nicht blamiert, wofür ich ihm sehr dankbar bin.

Und wie ging’s weiter? Es gibt ja nicht nicht nur gute Menschen bei der BVG. Es gibt ja noch den unerbittlichen Apparat, in dessen Fänge ich jetzt geraten war. Wer mehr darüber wissen will, lese das Buch „Machen Sie mal zügig die Mitteltüren frei“ von Susanne Schmidt. Bisher war mein Kontakt mit dieser Berliner Institution eher unerfreulich. Wer einmal das „Kundenzentrum“ besuchen durfte (weil man doch ein gültiges Ticket hatte, es aber bei der Kontrolle in der Aufregung nicht gefunden hatte) sieht dort die Elenden und Geschlagenen der Stadt und wird mit einer ruppigen Förmlichkeit abgefertigt, die an den „Tränenpalast“ erinnert, den ehemaligen Grenzübergang nach Ost-Berlin an der Friedrichsstraße.
Aber die BVG hat seit ein paar Jahren eine Charmeoffensive gestartet, in der sie allen Ernstes behauptet „BVG – Weil wir dich lieben“. Der schlechten Ironie bewusst, bewirbt sie diesen Slogan mit Bildern junger Menschen, die das Angebot der Verkehrsbetriebe nach durchgemachten Nächten im Zustand der drogeninduzierten Bewusstlosigkeit benutzen. Eine der Wirkungen von Partydrogen soll es ja sein, eine Zuneigung und ein Verbundenheitsgefühl zu Personen und Dingen zu erzeugen, über die man sich im nüchternen Zustand dann wundert. Aber sei‘s drum. Als ich dann von der BVG aufgefordert werde, Stellung zu meinem Fehltritt zu nehmen, packe ich in das Schreiben mein ganzes Herzblut, schildere die ausweglose Situation, gleichzeitig meinem Kind, der Pandemie und der veralteten Stempeltechnik der BVG gerecht zu werden und ende das Schreiben mit dem Satz „Geben Sie mir einen Grund, Sie zu lieben.“

Danach war erstmal Ruhe in der Amtsstube.

Gestern kam ein Schreiben. Betr: Fahrausweisprüfung (es folgt eine fünfzehnstellige Vorgangsnummer): „…unter Berücksichtigung der von Ihnen geschilderten Umstände sind wir bereit, einmalig…. auf die Forderung zu verzichten.“ …im Wiederholungsfall werden wir auf unserer Forderung bestehen bleiben.“
Worte haben also doch Wirkung und die BVG vielleicht doch ein Herz. Ich bin raus: Auf Bewährung. Ich bete an die Macht der Liebe.

Windhunde

Ist das jetzt die Zeit, in der man gute Freunde haben muss, Freunde die einem ein Angebot machen, das man nicht ablehnen kann? Muss man einfach Glück haben? Oder ist es eine Zeit, in der alte Tugenden sich bewähren und belohnt werden?

Eigentlich war ich in die Bäckerei gegangen, um mir was zu gönnen. Ein Stück frischen Erdbeerkuchen, mit Sahne, wenns geht. Es ist ja die Zeit dafür und ich hatte was zu feiern. Aber dann sah ich das Lachsbrötchen, das an den Rändern schon ein bisschen dunkel geworden war, und es tat mir leid. Bestimmt würde es wegegeworfen, wenn ich es nicht kaufte. Die frischen Erdbeeren hatte sicher viel bessere Chancen, bis zum Ende des Tages einen Käufer abzukriegen. Und so siegte Herz über Bauch und ich wechselte von Frucht zu Fisch. Mein Magen macht so was mit. Denn das passiert mir ständig. „Auch die Dinge haben Tränen“ soll ein römischer Philosoph mal gesagt haben, und das stimmt. „Nimm mich mit“, rufen sie, die Ausgestoßenen unserer Konsumgesellschaft. Und ich höre sie. So gehe ich meist abends zum Bäcker, um eins der Brote zu retten, die sonst gnadenlos aus den Regalen geräumt würden, um als Viehfutter zu enden. Im Bio-Laden gibt es sogar noch das Schild „Vom Vortag“, das meine Kaufentscheidung entscheidend beeinflußt. Und die frische Milch mit dem roten Aufkleber „MHD abgelaufen“ kann meiner Aufmerksamkeit sicher sein. Wenn sie sauer wird, steige ich damit in die Dickmilchproduktion ein. Wenn sie nicht homogenisiert ist, geht das. So weit, so schön, so altbacken.

Was aber, wenn das Produkt, das zu verderben droht eins ist, das viele andere nötiger brauchen als ich? Was ist, wenn ich plötzlich mittags einen Anruf von einem Kollegen bekomme: „Im Humboldtkrankenhaus gibt es noch drei Dosen Astra-Zeneca, die heute Abend verfallen.“? Rufe ich dann die alten und siechen unter meinen Freunden an, die allerlei Vorerkrankungen haben, oder meine Tochter, die in der Obdachlosenhilfe jobbt? Nein, tue ich nicht. Ich rufe im Krankenhaus an, überzeuge den Arzt, dass ich der Richtige für seine Resteverwertung bin, melde mich von der Arbeit ab, völlig selbstverständlich, als wäre mir ein Glück widerfahren, das alle dienstlichen Notwendigkeiten in den Hintergrund treten lässt und schwinge mich auf‘s Rad. „Die Krankheit bringt dich an Orte, an die dein Kopf dich nie gebracht hätte.“ Wieder so ein wahrer Spruch, diesmal von meinem Therapeuten. Aber ich bin nicht krank, noch nicht, aber zwei Wochen Quarantäne haben mir als Warnschuss gereicht. Und eine Gier setzt bei mir ein, ein Jagdtrieb, den ich sonst nur kenne, wenn es Werbegeschenke gib. „Es gibt etwas, und es gibt es nur heute und nicht für alle.“ Ich muss es haben.

Wäre mein Kopf noch einigermaßen in Ordnung gewesen, hätte er mich vor einer Fahrt nach Reineckendorf gewarnt. Allein um mein Auge vor den Schmerzen zu schützen, denen ich es aussetzte. Und mein Herz davor zu bewahren, alle Hoffnung fahren zu lassen. Berlin an seinen Rändern kann trister sein als Ludwigshafen oder jede andere westdeutsche Stadt, die ihre Blüte mal in den 70er Jahren hatte. Das Krankenhaus am Rande der Stadt liegt am „Nordgraben 2“ und so sieht es auch aus. Zweistöckige Pavillons aus Beton, abgeblättert und über ein großes Areal verteilt. Die Cafeteria ist geschlossen und der Geldautomat am Eingang war mal gut gemeint, ist aber wohl schon lange kaputt. Der Weg zur Station wird von einer Baustelle versperrt. Der Arzt trägt eine iC Berlin-Brille in wässrigem milchkaffebraun, wie sie vor 10 Jahren mal modern war und um mich herum sitzen alte Leutchen, die auf eine Krebstherapie warten. Ich hatte ganz vergessen, wie still es in einem Krankenhaus sein kann. Willkommen im deutschen Gesundheitssystem.

Die erlösende Spritze ist in meinem Arm und in meinem Impfpass steht ein zweiter Termin Anfang August. Den Sommer hat mir diese Panikaktion also nicht gerettet, aber ich fühle mich wie Boris Becker, als er vor 20 Jahren in seinen Computer grinste und nuschelte „Isch bin drin!“ Drin im System, in das es für mich keinen legalen Weg gegeben hätte. Drin als Resteverwerter in einem System, das wertvolle Ressourcen verschwendet, weil es den Überblick verloren hat. Gerne hätte ich meine Priorität abgewartet. Und ich lobe die Weisheit meiner Regierung, dass sie es tatsächlich einige Monate durchgehalten hat, den ersten Impfstoff wirklich an die auszugeben, die es am nötigsten hatten.

Damit ist es jetzt vorbei. Das merke ich, als ich wenige Minuten nach dem Stempel in meinem Impfpass doch wieder an die Freunde und Verwandte denke. Denn noch liegen zwei aufgezogene Spritzen im Zimmer des Arztes. Meine Nachbarn rufe ich an, ein junges Pärchen: „Astra? Nee, das nehmen wir nicht.“ Einen jungen Kollegen: „Du, ich hab da schon einen Termin klar gemacht, bei einem Arzt. Da gibt es bei Twitter immer die neuesten Nachrichten.“ Einen lebenslustigen Freund: „ Ich bin von meinem Arzt schon längst auf der Prioritäts-Liste. Wegen Rauchen“ und so weiter. Zuletzt rufe ich die Mutter meiner Söhne an: „Hör mir auf mit dem Corona-Scheiß, faucht sie am Ende ihrer Nerven. Ständig wedeln mir hier irgendwelche Leute mit ihrem Impfpass vor der Nase rum. Und ich sitzt schon wieder in Quarantäne, weil in der Kita eine geimpfte Erzieherin positiv getestet wurde.“
Inzwischen ist die Kita meines Sohnes endgültig geschlossen. So kommt mein Kleiner mal ein paar Tage zu mir. Wir tun ja alle was wir können – in diesen schwierigen Zeiten.

Unerwarteter Besuch

Katrin kenne ich schon seit über zehn Jahren. Wir haben nie viel miteinander gesprochen, obwohl wir uns jede Woche sehen. Es musste erst Corona kommen, um das Eis zu brechen. Heute stand sie zum ersten Mal vor meiner Tür. Ich hatte mich endlich getraut sie anzurufen, ihr ein kleines Briefchen geschrieben und vor die Tür gelegt, Sie kam sofort, hatte mir was Nettes mitgebracht und lächelte mir zu. Ich winkte ihr aus dem Hausflur, sie winkte zurück. Näher konnten wir einander nicht kommen, aber wir verstanden uns ohne viele Worte. Das war nicht immer so.
Es ist ein seltsames Gefühl, plötzlich von der Welt abgeschnitten zu sein. Erst merkt man nichts, Homeoffice wie gewohnt. Aber irgendwann ist der Kühlschrank leer und man muss anfangen, sich Gedanken zu machen. Und der unangenehmste Gedanke ist: Wen kann ich um Hilfe bitten? Im Haus sind alle einigermaßen nett, aber mehr als ein paar Worte wechsele ich mit niemand. Meine Freunde leben mehr so über die Stadt verstreut. Meine Tochter braucht eine Stunde zu mir und hat ihren ersten Job, auch Homeoffice, aber so einfach kann sie auch nicht weg. Ich mache eine lange Liste und bin erstaunt, was ich alles für eine Woche brauche. Nein: Klopapier ist noch nicht mal dabei, aber ich merke: Das schafft einer ohne Auto nicht. Dann denke ich an Heiko, wir kennen uns über unsere Jungs, treffen uns öfter und der hat ein Lastenrad. Versuch macht kluch. Ich rufe ihn an und er ist so semi begeistert. Hat am Wochenende schon was anderes vor, könnte aber vielleicht am Samstag ganz früh beim Naturkostladen die Sachen abholen, die ich dort bestellen kann. Das geht. Ein bisschen peinlich ist mir das schon. Also überlege ich, wie ich ihm die Sache einfacher machen kann. Einfach weniger essen! Oder noch besser: Einfach gar nichts essen. Eine Woche lang fasten. Mache ich eigentlich ein Mal pro Jahr um Ostern, aber wegen Corona ist ja alles durcheinander. Aber nichts essen heißt nicht, dass ich nichts brauche. Eine Kiste Saft, ein bisschen Gemüse für das dünne Süppchen, dass man zwischendurch essen soll, leckeren Tee, Honig…..
Ich rufe im Laden an, und einer von den wuschelköpfigen Weltverbesserern ist dran, die sich in dem Laden die Klinke in die Hand geben. Woolheaded, woolminded lentilstirrers nannte mein englischer Freund die Sorte. Mürrisch nimmt er Namen und Bestellung auf und als ich nach dem Saft frage, muss er kurz in den Laden rufen. Sie müssen alle rufen und fragen, denn die Chefin in dem Laden ist Katrin. Und nur Kathrin weiß wie man es richtig macht, denn es ist seit 20 Jahren ihr Laden und keine weiß es so gut wie sie. Deswegen hält es auch keiner lange bei ihr aus. Denn selbst der enthusiastischste Müsli-Jünger fragt sich bald, ob er sich der guten Sache wegen diesen Drachen antun muss. Auch die Kundschaft wird gerne mit erlesenster Berliner Patzigkeit begrüßt oder am besten geschäftig ignoriert. Auch ich wurde über die vielen Jahre keines Blickes gewürdigt und mein fröhlicher Gruß blieb meist unerwidert zwischen den Holzregalen stecken.
Doch seit einem Monat hat sich was verändert. Das war, als ich mit den Flugblättern für die neue Bürgerinitiative in den Laden kam. Auf einmal strahlte das süßeste Lächeln in Katrins Gesicht. Ist es, weil ihre neue Freundin Barbara auch bei unserer Ini mitmacht? Sie erwiederte meinen Gruß sogar mit meinem Namen, den sie anscheinend seit Jahren kennt. Und ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich an dem Tag nicht beschwingt aus dem Geschäft geschwebt wäre. Und kaum hörte heute Kathrin meinen Namen, als der umständliche junge Mann laut meine Adresse auf den Bestellblock notierte, riss sie ihm den Hörer aus der Hand und säuselte: „Das bringe ich dir natürlich persönlich vorbei.“ Ich glaube, Kathrin hat Frühlingsgefühle. Oder ihr Laden läuft so schlecht, dass sie für ihre verbliebenen Kunden eine Charmoffensive startet.
In den Umschlag, auf den ich Kathrins Namen geschrieben und in den ich die geforderte Summe gelegt habe, tue ich ich noch ein paar Euro extra. Fürs Bringen. Denn ich möchte sicher sein, dass unsere Beziehung eine geschäftliche bleibt.


Das Haus in der Kurve

8A97F412-D367-42E9-89E2-CC25B6AE44FB

Und hier noch was zum Träumen.“, schreibt mir eine Freundin auf einen gelben Klebezettel. Klebt ihn auf ein Buch, legts in mein Postfach und enteilt ins aufregende Sauerland. Sauerland, wie das klingt, Land der wuchtigen Wälder, der wilden Höhen und der ewigen Weiten. So stelle ich mir das Sauerland vor. Menschen, die dort leben, mögen das etwas nüchterner sehen. Aber Länder, in denen ich noch nie gewesen bin, können meine Phantasie entflammen. Nirgendwo ist es schöner (oder schrecklicher) als da, wo ich noch nie war. Deswegen öffne ich im öden österlichen Lockdown-Berlin das schmale Buch „Lexikon der Phantominseln“ mit großer Vorfreude. Deftige Abenteurgeschichten erwarten mich. Erzählungen von tapferen Seeleuten und furchtlosen Forschern, die sich an die Ränder der bekannten Welt wagten. Und von Kapitänen wird dort berichtet, die in Spelunken Seemansgran spannen, Geschichten von fernen Ländern, voll Gold und Edelsteinen und von Inseln, die es leider nie gab.
Wann, frage ich mich beschämt, hast du zuletzt den Aufbruch in eine unbekannte Welt gewagt? Nicht nur vom Sofa aus, sondern wirklich? Mein Blick fällt auf meine Motorradjacke an der Garderobe. Auf deren Brusttasche hat noch meine Mutter selig in einer anderen Zeit das stolze Abzeichen „Elefantentreffen 2009“ aufgenäht. Von Berlin an den Nürburgring mitten im Winter mit einem russischen Beiwagen-Motorrad. Es gab Schnee und es gab Eis, aber es gab kein Halten. „Du willst doch fahren,“ seufzte meine Freundin, „dann fahr auch.“ Es war ein Wunder, dass ich die Strecke mit der alten Mähre geschafft habe. Und wunderbar war es, sich nach zwei Tagen vor der Überquerung des heimatlichen Rheins bei meinem Vater melden zu können: „Ich stehe jetzt bei Linz an der Fähre.“ Und ein Happening war es, sich am andereren Tag mit tausend anderen Verrückten mitten in der Eifel im Schnee zu wälzen. Tempi passati. Gestern versuchten mein Freund Michael und ich die Motrradsaison einzuläuten. Nach einer Stunde gab ich auf. Im grauen, menschenleeren, schneidend kalten Brandenburg wollte keine Abenteurerlust mehr aufkommen.
„Wenn Träume sterben, dann wirst du alt.“, sangen die Phudys zu einer Zeit, als es für mich ein Wagnis war, mit dem Moped zur nächsten Dorfdisko zu fahren. Ist wirklich nichts mehr übriggeblieben von dem Drang in die weite Welt, von der Suche nach dem Paradies?

Der Gedanke lässt mir keine Ruhe. Am nächsten Morgen sattle ich die Packtaschen auf mein Fahrrad und mache mich einsam auf nach Westen. Weit über die Grenzen des Wedding hinaus fahre ich ins Niemandsland jenseits von Moabit. Dort, so weiß ich, gibt es eine Insel, die immer schon meine Sehnsucht auf sich gezogen hat. Kein Weg fürt zu dieser Insel, die ich immer nur für Sekunden sehen konnte, wenn ich von der kurvigen Autobahnbrücke auf sie herabgeschaut habe. Und die Karten, die es von dieser Gegend gibt, sind so widersprüchlich und ungenau, als wären sie von trunkenen Seemännern gezeichet. Einig sind sie sich nur darin, dass es gegenüber der Insel eine Hundewiese gibt. Das ist eine wichtige Information für Berliner. Hic sunt dragones, hätte man früher auf diesen weißen Fleck auf der Karte geschrieben. Ich erforsche eine terra incognita. Als Kompass kann mir also nur meine Sehnsucht dienen. Die Sehnsucht nach einem Ort von Kanälen durchzogen, mit grünen Gärten, kleinen Hütten und blühenden Bäumen. Ein Ort perfekter Harmonie, dessen Natürlichkeit durch das alleinstehende, übriggebliebene Gründerzeithaus mit großen Fenstern und hellem Klinker nur noch unterstrichen wird. Ein Garten Eden, mitten in Berlin.
Zum Glück bin ich allein unterwegs und habe ich keine Mannschaft, die meutern kann. Denn es wird eine Irrfahrt, die eines Odysseus würdig wäre. Von Brücken, die auf der Karte eingezeichnet sind, stehen seit dem Krieg nur noch die Pfeiler, unvermutet enden Wege vor offenen Schlünden, die einen zu verschlingen drohen. Und als ich mich durch den engen, gewundenen Tunnel wage, warten am anderen Ende Berliner Sirenen in einer Kleingartenkneipe, die mich trunken machen wollen. „Will er einen Glühwein oder will er ein Bier?“, werde ich in der Sprache des Soldatenkönigs angeherrscht. Anscheinend habe ich auf meiner Suche einen Zeittunnel durchschritten, der mich 300 Jahre zurückgeworfen hat. Aber Maketenderinnen im „Tunneleck“ sind heute gnädig und weisen mir den Weg: „Na, da sinse hier abba falsch. Da müssn se zu Siemens rüber. Un von da jibs ne Brücke.“
Ja, und da stehe ich nu, mitten im Paradies. Engültig hat sich die Frage erledigt, ob das Paradies ein Garten oder eine Insel ist. Es ist beides. In trauter Einigkeit leben hier der Wolf und das Schaf. Kleingärtner und die Wasserschutzpolizei. Und das große Haus beherbergt Künstlerateliers. Und weil hier täglich Schöpung stattfindet, sind Adam und Eva sind auch schon da.

Wedding Wonderländ

Ich hätte ja nicht geglaubt, dass ich das noch erleben darf. Vor drei Jahren stand ich mit meinen Jungs auf dem zugefrorenen Plötzensee und dachte: Gut, dass ich ihnen das noch mal zeigen konnte. Das wird es nie wieder geben. Klimawandel und so. Und jetzt? Ein Winterwunder! Der Himmel strahlt und das Eis lockt, Zäune zu übersteigen. Die Natur ist wohl doch noch für ein paar Überraschungen gut.
Die Menschen leider auch. Denn was ich dann sehe, als ich an den See komme, verdirbt mir die Winterlaune. Genau wie im Sommer wird der See zum Partymachen missbraucht. Musik wummert, die geschützen Uferböschungen werden rücksichtslos zertrampelt, das Eis aufgehackt, gerade an den Stellen wo Kinder unterwegs sind. Keine Rücksicht auf Niemand. Es gibt echt zu viele Bekloppte in Berlin.

White Wedding

Es ist kalt in Berlin-Wedding. Neun Grad Minus, aber wunderschön weiß. Es hat so viel geschneit, dass wir am Wochenende zwei Mal Schlitten fahren gehen konnten. Und heute nochmal! Die Schönheit des winterlichen Wedding ist schon an anderen Orten sehr poetisch beschrieben worden. Das muss ich nicht noch mal versuchen. Aber ich hoffe, es weiß von meiner werten LeserInnenschaft jemand zu würdigen, dass ich mir fast die Finger abgefroren habe, um diese Fotos mit euch zu teilen. (jammer).