Freigang

Von einem Freund habe ich mir gestern ein Buch über den Berliner Knast in Tegel ausgeliehen; genauer: über einen Schauspieler, der als Vollzugshelfer einen lebenslang einsitzenden Mörder regelmäßig besucht. Harter Stoff. Aber dadurch weiß ich, dass auch Gefangene eine Stunde am Tag aus ihrer Zelle raus müssen. Also rappele ich mich auf, ziehe den dicken Parka an, den ich eigentlich schon in den Schrank gehängt hatte und schleppe mich ins Café am U-Bahnhof. „Wir machen aber gleich zu.“, bekomme ich zu Begrüßung mit der Tasse Kaffee überreicht. Wieder zu spät für die schönen Dinge im Leben.

Vor dem Eingang stapeln sich die achtlos stehengelassenen E-Roller. Die Straße runter wird es auch nicht freundlicher. Der vietnamesische Blumenladen hat auch am Sonntag auf, aber die Blüten sind schon halb verwelkt und finden keinen Käufer mehr. Im Fahrradladen daneben daneben verstauben die Kinderroller und die Rennräder in der Auslage. Die braune Rampe, die es den Kunden leichter machen sollte, in den Laden zu kommen, ist wie eine Zugbrücke hochgeklappt. Lebt hier noch jemand? Den rostigen Fahrradleichen, die vor dem Laden dahingammeln, drohen ausgeblichene Zettel des Ordnungsamtes schon seit Wochen den Abtransport an. Irgendwann wir der Wind sie abreißen und niemand wird kommen.

Über der Stadt haben sich die lange angekündigten Regenwolken zusammengezogen. Es fängt an zu tröpfeln. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und sehe, wie sich auf der anderen Straßenseite die Junkies vor dem Drogenkonsumraum „Müllerstube“ dicht an die Wand. drücken, um nicht nass zu werden. Nützt aber nichts, denn jetzt fängt es richtig an, dunkel zu werden.

Und in dem Dunkel ist ein Leuchten. Als ich meinen Rundgang abbreche und durch den trommelnden Regen nach Hause einschwenke, liegt rund um einen polnischen Transporter ein neongrüner Teppich aus Ahornblüten. Wie Fronleichnam in meiner katholischen Heimat, als wir Grundschüler vor den Heiligenbildern Bilder aus Wiesenblumen legten. Auch mein Moped badet im Blütenmeer. Die Natur räumt auf und erholt sich. Mich braucht sie dafür nicht. Ich kann wieder in meine Zelle.

Stairway to Heaven

Arztbesuche eröffnen manchmal ungewohnte Aussichten: Das ist die Dankeskirche auf dem Weddingplatz in Berlin. Auf dem Boden stehend eine ziemlich hässliche Betonkirche. Aus der Praxis meines neuen Arztes im 4. Stock hat man den Überblick, ist man dem Himmel näher und erkennt das Große und Ganze in seiner aufstrebenden Schönheit. Und es keimt Hoffnung in mir auf, dass es doch noch was werden könnte mit dem Seelenfrieden. Was ich denn tun müsse, frage ich den Doktor, um trotz meiner müden Knochen irgendwann doch noch auf den Pilgerweg in Spanien gehen zu können? Sport soll ich machen, sagt der Doktor, Muskelaufbau. Ich? Sport? Soll ich im Alter anfangen, Dummheiten zu machen, die ich mein ganzes Leben vermieden habe? Oh Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen…