Ski und Rodel gut

Buam

Warum schreibe ich nicht einfach, dass es schön war? Die paar Tage mit meinen Jungs im Schnee. Die ganze Zeit vor der Reise erwartete ich ein Drama und hatte mir auch schon die passenden Worte zurecht gelegt für meinen Bericht im Blog. Natürlich war ich höllisch aufgeregt, wie vor jeder Reise, aber diesmal besonders, weil ich mir ja auch noch Gedanken machen musste, wie wir gemeinsam eine zweistündige Schneeschuhwanderung überleben könnten, die zu dem Programm gehörte, das ich mit einem anderen Vater in der Jugendherberge Füssen gebucht hatte.
Mal sah ich mich im steif gefrorenen Wehrmachtsmantel im Schneesturm irren, wie einst Clemens Florel in „So weit die Füße tragen“. Mal sah ich uns unter einer Lawine verschüttet, mal die anklagenden Augen meiner Jungs und die blau gefrorenen Kninderfüße vor mir, weil ich nicht die richtigen Schuhe eingepackt hatte. Und auch die darauf folgenden Fieberschübe konnte ich mir aus der jüngsten Erinnerung in den grässlichsten Farben ausmalen.
Und manchmal sah ich gar nichts. Gar keinen Schnee, nur enttäuschte Kindergesichter in einer öden Jugendherberge, weil die weiße Pracht, die mir das Internet versprach natürlich weggetaut sein würde, wenn sich Kafka on the road begibt.

Nun gehe ich ja nicht zum ersten Mal im Winter auf Reisen. Vor ziemlich genau zehn Jahren bin ich mit einem klapprigen russischen Motorrad mit Beiwagen mitten im Februar von Berlin zum Nürburgring in die Eifel geknattert, weil ich einmal dabei sein wollte beim „Elefantentreffen“, bei dem es sich ziemlich verrückte Männer mit ihren dicken Maschinen ein Wochenende im Schnee gemütlich machen. Ich habs geschafft. Noch heute trage ich mit Stolz den roten Elefanten auf meiner Motorradjacke. Und von diesesem Abenteuer weiß ich: „Bevor du frierst, lass alle Würde fahren“. Damals hieß das, dass ich mir ein Schafsfell unter meinen Hintern schnallte, um meine edelsten Teile zu schützen und heute heißt das: Kauf dir endlich eine warme Winterjacke und bitte die Mutter der Zwilinge den Koffer zu packen. Dann bist du auf der sicheren Seite und kannst dich nachher auch noch beschweren, dass das natürlich alles zu viel war, was sie eingepackt hat.

Und so begann die Reise ins Winterwunderland mit einem riesigen Koffer, vielen Hasenbroten für die Kinder und einer nagelneuen knallroten Daunenjacke für den Vater (damit uns die Hubschrauber der Bergwacht besser finden können). In München hatten wir genug Zeit beim Umsteigen, um noch eine Weißwurst in einem richtigen Wirtshaus zu essen und dann fuhren wir scheinbar endlos durch eine glitzernde, blau weiße sonnenbeschienene Winterlandschaft. Die Jungs holten ihre Pinguine aus ihren Rucksäcken, denn solchen Schnee hatten weder die armen Stadtkinder noch ihre Kuscheltiere je gesehen. Der Jüngste sagte: „Ich glaube, das träume ich.“

Für die Scheeschuhwanderung im Tal brauchten wir dann vor allem eins: Sonnencreme (auch daran hatte die Mutter gedacht). Die Skihosen und die von mir sorgfältig imprägnierten Winterschuhe hätten wir uns schenken können, denn der pulvrige Tiefschnee fand seinen Weg in die Hosen und Schuhe der Kinder, als sie, hüfthoch versinkendend behände durch die watteweiche Masse jagten oder sich einfach quiekend im Schnee wälzten. Aber es war egal. Was ich nach 20 trüben Berliner Wintern vergessen hatte: Man kann im Schnee laufen, und es kann einem trotzdem warm sein.  Vom Übermut sorglos geworden wagten wir uns auch noch mit klatschnassen Socken mit der Seilbahn ein paar hundert Meter höher und legten uns mit den feschen Snowbordern in die Liegestühle, sonnten uns und ließen uns Milchkaffee bringen.

Was soll ich sagen? Wir haben alles überlebt. Auch das Rodeln am nächsten Tag. Drei Stunden gaben die Jungs Vollgas und rockten danach noch die Jugendherberge. Auch ich schlief in dieser Nacht so gut wie lange nicht.
Also Ski und Rodel gut?
Natürlich nicht! Irgendwo, ich vermute im Außenbecken des Spaßbades, das am letzten Tag auf dem Programm stand, muss ich mir einen Schnupfen geholt haben. Ich, ein Mann Mitte Fünfzig – einen Schnupfen! Ich bin gerade noch so mit dem Leben davon gekommen, aber ich leide jetzt noch. Was tut man nicht alles für seine Kinder?

 

 

 

 

Ralley solo

in the middle

Es gibt auch Regen in der Toskana. Schon dafür hat sich die Reise gelohnt. Toskana mal ohne das ganze „Gutshaus auf dem sanften Hügel“-Gedöns. Eine öde Landstraße, eine Weggabelung. Ich muss nach links, nach Follonica, das klingt gut, das klingt nach verrückt und liegt am Meer. Das hat mir die Motorina mit der edlen Lederjacke und dem lustigen italienischen Englisch in Siena empfohlen. „This is our favorite road. It’s perfect- They straigtend it a bit after to many of us had accidents.“ Eine aufregende Straße. Aber ich bin müde und will einen Kaffee und meine Regenklamotten anziehen. Mal schauen, wie es weiter geht. Wenn überhaupt. Wer hat schon Lust auf eine kurvige Straße, wenn sie nass ist? Es gibt eine Bar am Straßenrand. Einfach eine Bar, für Leute, die hier vorbei kommen und weiter wollen. Der Wirt hat keine Lust zu reden. Ich auch nicht. Ist gut so.

Seit drei Tagen bin ich unterwegs, will die Strecke der Ralley Mille Miglia abfahren. Wieder so eine Idee von mir. Ohne Navi, ohne Smartphone ohne bella compagnia. Früher waren wir öfter zusammen im Süden. Nach unserer ersten gemeinsamen Fahrt hab ich die Sitzbank verlängern lassen, damit sie ihre langen Beine ausstrecken kann. Jetzt ist da ein Gepäcknetz mit meinem Proviant. Ist aber trotzdem gut gelaufen, die Reise, bisher. Das alte Motorrad ist meine Eintrittskarte. Als ich vor einer verschlafenen Bar in der Po-Ebene Halt gemacht habe, kamen die alten Männer raus, um meine Moto Guzzi zu bestauenen „Anni settanti, anni settanti“ und dann erzählten sie mir ihre Erinnerungnen aus den Siebzigern. Ich verstand kein Wort, aber einer war so aufgeregt, dass ihm fast die falschen Zähne rausflogen. Die Chinesin hinter der Bar mit dem Gesicht und der Frisur eines Sumo-Ringers verzog keine Miene. Die Jungen auch nicht. Sie guckten meine Maschine an, als würde sie noch mit Dampf betrieben, setzten sich auf ihre koreanischen Motorroller und waren weg. Oder der Tankwart in Modena, einer der wenigen Tankwarte die noch nicht von den vollautomatischen Zapfsäulen ersetzt wurden: Graue Lockenmähne, melierter Bart, rote Tankwartsjacke, kurze Hosen, Badelatschen hockte er gelassen auf seinem Schemel. Die Arme verschränkt hört er sich an, wie ich in meinem Volkshochschulkurs-vor-zwanzig-Jahren-Italienisch nach dem Weg fragte. Dann antwortete er in klarem Englisch: „First right, then left, then it will become complicated. You better ask.“ Er schaute auf mein Motorrad: „Nice bike“ „It’s italian“, antwortete ich. „I know!“ antwortete er, verschränkte die Arme wieder und machte klar, dass die Unterhaltung jetzt zu Ende ist. Er könnte auch Türsteher im Berghain sein.

Und wo soll ich jetzt hin? Mein Zimmer hab ich in einem Hostel in Pisa gebucht. Das sind noch mindestens 150 Kilometer. Ich übernachte in Hostels, habe sogar meinen Jugenherbergsausweis dabei. Den kriegt man, wenn man noch Kinder hat auch jenseits der 50. Als ich die Karte in Rimini zum ersten mal auf den Tresen legte, blickt die Empfangsdame ratlos und sagte: „Nice“. Ich zeigte auf das Jugendherbergszeichen an der Tür und sie lächelte: „We are having a party here, sorry. It will be loud tonight.“ Als Trostpflaster gab sie mir einen Gutschein für einen Cocktail an der Bar. Was hatte ich in Rimini erwartet? Früchtetee und einen Stempel in mein Wanderbuch?

Der Regen hat nachgelassen, also weiter. Die Straße zieht sich. Es gibt einen Lastwagen vor mir, der mich mit Sprühregen einnnebelt, den ich aber unmöglich überholen kann, weil er schneller durch die Kurven jagt, als ich es  je wagen würde. Kurz vor der Küste reißt der Himmel auf und dann ist da eine Trattoria hinter einem großen Parkplatz. Wie in Frankreich, früher, die Relais des Routiers, vor denen die Lastwagen kilometerweit standen und die weinseligen Fernfahrer ihre Mittagspause machten.
Ich geh rein und bin in einem Fellini-Film. Die Mittagspause ist vorbei. Nur zwei Jungs mit dichten, dunklen Haaren und schicken Frisuren sitzen da mit ihren Schulmappen und erzählen sich wichtige Sachen mit dem Eifer, wie ihn nur Zehnjährige haben können. Die Oma bringt zwei Teller mit Pasta. Sie schlingen sie rein, ohne mit dem Reden aufzuhören. Der Opa kommt, und nimmt einen auf den Schoß, aber der will – wohin? Natürlich zur Mama. Die Mama steht hinter der Bar, ist groß und blond, nimmt ihn an die dicke Brust und tröstet ihn. Ich muss warten, bis ich dran bin. Dann gibt’s für mich Carpaccio vom Fisch und Aqua frizzante. Keinen Wein?, fragt sie. Nein, keinen Wein. Das Motorrad… Wir haben auch kleine Gläser, lockt sie mich. Nein Danke – Es ist ein Elend, Italien ohne Wein.

Dafür das Meer. Über häßliche Industriestraßen, durch hundert Rotondas, wie hier die Kreisverkehre mit den winzigen, verwirrenden Wegweisern heißen und vorbei an rostigen Werften bin ich endlich da. Ich stelle den Motor ab, sehe die Fähren nach Elba ziehen und stehe augenblicklich im Wasser. Die Sonne hat wieder ihre volle Kraft und lässt mich in der Lederjacke schmoren. „Ich muss weiter, immer weiter, meinem Glück hinterher“ singt mir Hans Albers. Und ich habe Glück! In einem mit Oleander überwucherten Winkel zweier verschlungener Rotondas finde ich das ausgeblichene blaue Schild nach Santa Vincenze – die Küstenstraße, die alte Via Aurelia – jenseits der neuen Superstrada. Über viele wunderbare Kilometer bauen riesengroße leicht einander zugeneigte Pinien ein schattiges Dach über mir. Durch Dörfer zieht die Straße, vorbei an kleinen Läden und Bars. Rechts ab gehen schnurgerade Pinienalleen, die zu alten Weingütern führen. Ruhig wie ein Schiffsmotor bollert meine Guzzi. Das ist die Straße, das ist die Geschwindigkeit, für die sie gemacht ist. Ich werde später noch in die Berge fahren und durch enge Kurven jagen. Und auch das macht Freude. Aber das hier, diese Straße, dieses Italien, das wars, was ich erleben wollte.

Als Öko-bewegter Zivi hing in meinem Zimmer ein Plakat mit dem Spruch „Was wäre der Mensch ohne den Trost der Bäume?“  Und heute will man ja sogar wissen, dass Bäume auch sprechen können. Was würden die Pinien an der Via Aurelia mir Don Quichotte auf meinem alten, weißen Ross hinterherrufen wollen? „Arrividerchi motorino. Ci vediamo!“

Fingerübung

Heute war Schreibseminar. Rein beruflich. 15 Frauen und ich. Wir lernten das automatische Schreiben. Sieben Minuten ohne aufzuhören. Nur Hauptsätze, aber alles was einem durch den Kopf geht. Thema ist „Jetzt“ und los gehts:

Aua, meine Schulter tut weh. Hätte ich besser aufgepasst. Blöder Bordstein. War doch so ein schöner Abend. Und dann genau vor der Haustür. Der Arzt hat mich lange warten lassen. Kann auch nichts finden. Tut aber weh. Er schaut aufs Röntgenbild. Ist alles in Ordnung, sagt er. Können noch ein MRT machen. Will nicht in die Röhre. Jetzt tut die Schulter aber wieder weh. Blöde Schulter. Warum muss ich auch die Garage ausräumen? Mit einer kranken Schulter. Schämen sollst du dich. Hat der Arzt aber nicht gesagt. Hat nicht gesagt, dass ich mich schonen soll. Bleibt das jetzt so? Für immer? Was wird mit meinem Motorrad? Ich kann es nicht mehr wegfahren- in die Garage. Du lügst. Bist heute gefahren. Bist durch die Stadt gefahren. Zu dem Seminar mit den 15 Frauen. Musste sein. Hat aber keine gesehen, mein Motorrad. Stand ja draußen. Hätte es ja in den zweiten Stock getragen. Aber die Schulter tut ja weh. Noch eine Minute. Was soll ich sagen? Die Tabletten helfen auch nicht. Aua!. Ich werde heute Nacht nicht schlafen können. Ach, das wird schon wieder.

Angekommen (Kleine Fluchten I)

Gestern noch durch tiefe Schluchten geflitzt. Mich selbstvergessen in enge Kurven gelegt, den Berg hoch,  bis der Himmel zwischen den Bäumen durchkam. Den Motor gequält, bis dem Drehzahlmesser die Welle brach. Später über sonnige Wiesen geschwebt, lächelnd, als König auf meinem weißen Ross. Nur mir stand es zu, die Pracht dieses Landes zu genießen. Und dann eingeschneist in den Stau auf der Autobahn. Hindurch zwischen den hitzeglühenden Porsches und den polnischen Lastwagen. Dem Mutigen eine Gasse! Bevor die Polizei mich erwischen kann, bin ich auf der Landstraße.

Heute Morgen dann beim Hausarzt: Ja, es ist die linke Schulter, bis zum Hals hoch. Beim letzten Mal war das nach zehn Massagen immer noch nicht weg. Ja, und wenn sie mir dann noch neue Einlagen verschreiben könnten. Ja, wegen der Knie, die tun sonst schnell weh, wenn ich in den Motorradstiefeln laufe. Der Arzt hat mich lange waren lassen. Hoffentlich schaffe ich noch den Termin mit der jungen Frau, die mir immer so gut die Hörgeräte anpasst.

Ich sollte das lassen, das mit den kleinen Fluchten.

 

 

 

Una strada piu bella

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Heute geht es um Italien, um Liebe und Leidenschaft, um Motorräder und geplatzte Träume und es geht los!

Tja und hier hätte jetzt eine Geschichte kommen sollen. Eine Geschichte, die an einer kleinen Tankstelle in Italien beginnt, als wir den Tankwart nach der Fernstraße nach Bologna fragen, und er uns eine „strada piu bella“, eine viel schönere Straße, empfiehlt. Die Straße wird tatsächlich immer schöner, immer enger und am Ende liegt ein Dorf mit einem Motorradfahrer-Cafe. Und in dem Cafe liegt eine Zeitschrift, eine italtienische Motorradfahrer-Zeitschrift, in der es nicht um Technik geht, sondern – um Schönheit. Eh- una bella macchina. Und die Geschichte wäre weiter gegangen mit der Beschreibung, wie mich diese Idee elektrisiert, in ihren Bann zieht, wie sie schlafende kreative Kräfte weckt: In Deutschland ein Motorradmagazin herauszubringen, in dem es nur um die Freude am Fahren geht, um die Leidenschaft um die Gefühle, um Kunst, um Filme und -eh- um die Schönheit. Ich hätte erzählt,wie ich mich mit meinen Freunden aus dem Journalismus treffe, wie ich in einem Schulheft, das ich immer bei mir trage, meine Ideen kritzele, wie ich überall Anregungen für neue Beiträge sehe, wie ich einen Namen für mein Magazin finde -„Sprit“ sollte es heißen, so wie der Kraftstoff -, wie ich mich wegträume von meinem öden Job… Bis ich mich mit mit meinem alten Chefredakteur treffe.

Die Geschichte hätte traurig geendet, weil mein alter Chef, ein erfahrener „Blattmacher“, mir klar macht, dass ich für meine Idee meinen sicheren Job aufgeben müsste, dass ich durch die Verlage tingeln müsste, dass meine Idee nur darauf geprüft würde, ob man durch eine solche Zeitung Werbekunden aquirieren könnte und dass ich damit rechnen müsse, dass irgend ein Verlag mir die Idee einfach klaut, sie ohne mich verwirklicht. Und dann hätte ich geschrieben, wie ich den dicken Aktenordner mit meinen Ideen ganz unten in den Schrank stelle, wie ich meine Leidenschaft begabe, dass ich kurze Zeit danach Vater von Zwillingen wurde und dass ich vor ein paar Wochen  eine Zeitschrift entdeckte, die „Craftrad-Magazin für Motorradkultur“ heißt. Ein Hippster-Magazin-edel aufgemacht, teuer und von BMW gesponsert. Und wie ich fast umgefallen bin, als ich das Editorial lese. „Es ist nicht wichtig, was du fährst, sondern dass du fährst.“, steht da. Das war genau mein Satz.

Tja, das wäre eine traurige Geschichte geworden, wenn, ja wenn nicht der gute Rat meines alten Chefredakteurs gewesen wäre: Probieren Sie Ihre Idee doch erst mal in einem Blog aus, dann wissen Sie, ob es dafür ein Publikum gibt.

Ja, und das habe ich dann gemacht. Vor ziemlich genau zwei Jahren. Kafka on the road solle ein Motorrad-Blog werden. Eine der ersten Geschichten ging um die Trauer, die mich beim Verkauf meines geliebten Ural-Gespanns überkam. Und dann merkte ich, dass ich  noch viele andere Geschichten im Kopf habe, die nichts mit Motorrädern zu tun haben und dass diese Geschichten gerne gelesen werden. Und dass es da draußen noch viele andere gab, die auch Geschichten zu erzählen haben; Geschichten, Bilder, Gedichte, die mich berühren, die mich weiterbringen…

Dafür sage ich jetzt allen, die meinen Blog lesen und die ich durch meinen Blog gefunden habe einmal recht herzlich: Danke! Wir sind gemeinsam ein Stück Weg geganen. Es ist ein schöner Weg. Es ist schön mit euch.

Und damit ist die Geschichte einer schönen Idee zu Ende. Der Blog geht weiter.

Der Himmel kann warten

Guzzi

Wenn ich jetzt stürbe, es wär der rechte Augenblick. Zwischen blühenden Apfelbäumen und strahlenden Rapsfeldern würd ich auf dem Rücken meiner schönen Italienerin mit 80 Sachen und die Hand am Gasgriff hinübergleiten von einem Himmelreich ins andere. Lieber sterben, als dieses Glück zu Ende gehen zu lassen. Lieber sterben als heute noch nach Berlin zurückkehren zu müssen.

Mit 80 Sachen und der richtigen Drehzahl über eine sich leicht windende Landstraße zu tuckern. Eine leere Landstraße, die ich gefunden habe, weil ich auf gut Glück mal von der hundertmal abgenudelten Hauptstraße abgebogen bin, weil mich gerade eine Entdeckerlust gepackt hat, die ich noch nicht kannte als ich losgefahren bin. Die dröhnenden Horden der Wochenend-Höllenengel auf ihren schwarzen Harleys, die mir seit Berlin in den Ohren lagen, hab ich abgehängt. Und weils mir gerade danach ist, biege ich aufs Geratewohl in eine noch kleinere Straße ein, die meine Karte gar nicht mehr kennt. Eine Sorglosigkeit erfüllt mich, die aus dem blauen Himmel gefallen sein muss. Die Straße wird einspurig und endet an einem Gutshaus, das an einem Kanal liegt. No paseran?- Nicht für mich. Ich fahr rauf auf den Treidelpfad. Niemand außer mir und den Bäumen zur Linken, dem stillen Wasser zur Rechten und dem weiten Himmel über mir. Ich hab mehr als genug PS unter mir, aber in diesem Moment reicht es, in aller Ruhe von einem Dorf zum andern zu knattern, wie einst Don Camillo mit Pepone.  Ich finde eine Brücke, rumple über die Holzbohlen und komme – auf eine Allee. Natürlich eine Allee, ich bin in Brandenburg. Aber diese Allee habe ich für mich alleine. Für Kilometer denke ich gar nichts mehr, überlasse mich dem Blütenmeer der Bäume, dem Motor, der ruhig wie ein Schiffsdiesel vorwärts stampft und dem Geflacker von Licht und Schatten. „Riding a motorcyle, my friend Keith says, is good Zen practice. Motorcycling teaches mindfulness—the focusing of attention on immediate experience and awareness of the mental and emotional processes going on inside.“ Das ist von klugen Amerikanern geschreiben, die sich Gedanken über die Gefühle beim Motorradfahren gemacht haben. Und was ist los bei mir- inside? Gar nichts! Keine Gedanken, keine Angst, keine Wut – Nichts! Und das ist das Wunderbare.  Ich habs mit Yoga versucht, mit Karate und Meditation. Nichts macht bei mir den Kopf so frei wie eine Motorradtour auf der ich mich treiben lassen kann. Na ja, vielleicht noch ein 200-Kilometer-Ritt über die Autobahn bei 10 Grad und Nieselregen. Da ist es dann eher die Gefahr, die Konzentration, die ich brauche um nicht von der Bahn abzukommen, die andere Gedanken erst gar nicht aufkommen lässt. Beides zusammen: Das Treibenlassen und die Konzentration – das macht es aus. Denn kann es wahres Glück geben ohne Leid? Kann die Sonne genießen wer nicht vorher kalte Kilometer im Regen ausgehalten hat?
Es ist nicht ganz leicht runter zu kommen von dem Tripp. Aber bisher ist es mir noch immer gelungen, wieder auf die Erde zu kommen.  Wenn am Ende der Straße  mein Eiscafe wartet, wenn meine Jungs sich freuen, dass ich wieder da bin, dann kann mir der andere Himmel noch ein Weilchen gestohlen bleiben.

Zum Schluss noch der schönste Film, der seit Easy Rider über das Motorradfahren gedreht wurde. Es war ursprünglich eine Jeans-Werbung, aber seis drum.

 

 

Am Ende blieben nur Tränen

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Es gibt ungezählte Zeitschriften, die mir raten wollen, was ich kaufen soll. Motorräder zum Beispiel: Dafür allein gibt es 30 verschiedene Titel. In jeder guten Bahnhofsbuchhandlung. Die neuesten Maschinen, Hochglanz und vollfarbig. Aber wer sagt mir, wie ich mich von einem liebgewonnenen, über Jahre mit Herzblut gepflegten Gefährt trennen kann? Gibt es da irgendwelche Rituale, die einem den Abschied erleichtern? Ein Voodo, von einem bärtigen Motorradfahrer mit Lederkutte gesprochen, der einen frei macht von dem Schmerz, der Lücke, die droht, wenn die geliebte Maschine nicht mehr bei einem ist. Ich habe noch nichts gefunden. Und was hilft gegen das Gefühl der Schuld, das an einem nagt, wenn man sein Liebstes in fremde Hände gibt für ein paar Silberlinge?

Berlin Wedding, ein heruntergekommener Garagenhof, aufgebrochener Asphalt, Rolltorgaragen mit Eternitdach, grau. Davor: Ein russisches Motorrad vom Typ Ural, mit Seitenwagen. In seinen Formen grob, völlig ohne jeden Versuch, ein gefälliges Äußeres zu gestalten – und gerade deshalb liebe ich es. Oder besser-ich liebte es, denn heute steht sie zum Verkauf.

Fast 10 Jahre, meine besten Jahre, wie ich jetzt weiß, war sie meine Gefährtin.Sie war ein Teil von mir. Doch was für eine Liebe war das? Sicher keine, die auf Gegenseitigkeit beruhte. Eher eine amour fou, die sich nur in meinem Kopf abspielte. Was habe ich nicht alles getan, um mir die Gunst dieser launischen Gespielin zu sichern? Nach jeder Panne, nach jedem noch so absurden Defekt habe ich nach einem neuen Weg gesucht, um uns wieder gemeinsam auf die Straße zu bringen. Wie oft holte ich sie aus der Werkstatt und glaubte, dass nun alles gut sei, dass es nun endlich der letzte Defekt war, die letzte Kaprice, die sich diese Diva erlaubte. Die wundervollsten Stunden verbrachen wir, wenn mal wieder alles hinüber war, und nur die Hoffnung uns weiterlaufen ließ. Erst nach Jahren kam ihr einer auf die Schliche: Es war eine Wunde, tief in ihrem elektrischen Herz, dass sie so launisch werden ließ. Durch ihre ruppige Art hatte sie sich fast alle Kabel von der Lichtmaschine abvibriert. Unsichtbar für mich, der sie von allen Seiten betreute und an den Symptomen herum kurierte. Statt meiner hilflosen Liebe brauchte sie die kundige Hand eines Elektrikers, und schon war sie folgsam und zuverlässig. Doch was kam dann? Was wurde aus meiner langmütigen Leidenschaft? Sie schwand mit jedem Tag, an dem sie ohne zu mucken ansprang, an dem sie mich machen ließ, was ich wollte. Plözlich merkte ich, wie grob das Knattern ihres Motors war, wie schlecht das Fahrwerk und wie lahm die Beschleunigung. Eigentlich war ich an meinem Ziel: Ich hatte sie in den Griff gekriegt, sie, die von allen belächelt wurde und zu der ich trotzdem in Treue stand, wie ein Don Quichotte zu seiner Dulcinea. Und jetzt? Jetzt hatte ich ein folgsames aber immer noch klappriges und anfälliges Motorrad. Nichts blieb von dem Versprechen, gemeinsam große Abenteuer zu bestehen, von dem Traum mit ihr zurück in die russische Heimat zu fahren. Denn trotz aller Folgsamkeit hätten mich die restlichen Macken meiner Liebsten ohne fremde Hilfe überfordert. Brav fuhren wir durch die Stadt, unternahmen kleine Ausflüge aufs Land, das war unser Radius. Ich hatte mich in eine Ecke manövriert, hatte ich mich mit meiner Ural zu einem skurrilen Väterchen entwickelt, das seine alte Dame vorsichtig um den Block chauffiert. Das konnte nicht gut gehen. Wo wovon sollte ich jetzt träumen? Statt von den Weiten Russlands , die wir nie mehr gemeinsam erreichen würden, schwärmte ich bald von Wildheit und Geschwindigkeit. Mit wem konnte ich das ausleben? Mit meinem alten Schlachtross sicher nicht. Eine neue Geliebte musste her, eine, die alle meine Wünsche erfüllt, und die mich gut aussehen ließ. Ich suchte lange und verliebte mich in einem wilden Sturm: in eine Moto Guzzi: Auch nicht mehr jung, aber edele italienische Linienführung, satte 1000 Kubik, kräftiger Sound – die Mischung aus Traktor und Rennmaschine, von dem ich immer geträumt hatte.

Und meine kleine Russin? Sie landete irgendwann bei Ebay, wo ich sie auch her hatte. Mit etwas Glück fand ich einen Verrückten, der von alten Motorrädern mit Seitenwagen genau so fasziniert war wie ich vor 10 Jahren. Hat was mit dem 2. Weltkrieg zu tun, mit den Geschichten der Väter, aber das gehört nicht hier her. Er kam mit einem Anhänger und wir luden sie auf, wie ein altes Pferd in den Wagen des Abdeckers. Zum Schluss zurrte er das Vorderrad fest, und zwang meine alte Freundin tief in die Stoßdämpfer. Da weinte sie. Wirklich: Es war ein Seufzen von altem Metall und von Enttäuschung, wie ich es von ihr noch nie gehört hatte. Und dann liefen ihr die Tränen. Aus den morschen Dichtungen der Vorderradgabel tropfte langsam Öl auf den Boden des Garagenhofes. Drei Tropfen Öl, das ist alles, was mir von ihr geblieben ist. Ich hätte sie nie verkaufen sollen.