Licence to chill

„Ist das nicht ein bisschen kalt?“, fragt mich eine Passantin im gelben Regenmantel neugierig, als ich mein Motorrad vor der grauen Kirche abstelle. “Nö“, gutelaune ich betont fröhlich zurück, „Die Sonne scheint doch“. Ja, so ein Sonnyboy und gleichzeitig so ein taffer Kerl möcht ich sein. Einer, der auch bei 10 Grad im November keine Mine verzieht, wenn er auf sein weißes Stahlross steigt. Ich verschweige ihr natürlich, dass ich noch vor einer guten Stunde griesgrämig in Berlin aus dem Fenster geschaut habe, das glitschige Laub und den Nieselregen mit nüchternem Blick eingeschätzt und überlegt hatte, ob ich nicht doch die S-Bahn nehme. Schließlich muss ich niemandem mehr was beweisen. Niemandem? Meine Jungs lieben es, wenn ich vorbeigeknattert komme. Und ihre Mutter glaubt ja immer noch, dass wir die alte Kiste noch mal auf den Autozug laden und noch mal damit durch Frankreich gondeln. So wie in der Zeit vor den Kindern. Aber der Autozug ist schon längst aufs Abstellgleis gefahren und die letzten zehn Jahre lassen sich auch nicht so einfach wegwischen. „Außerdem“, sage ich bei solchen Anwandlungen immer ganz vernunftbetont, „möchte ich nicht derjenige sein, der unsere Kinder zu Vollwaisen macht.“ Was natürlich Quatsch ist. Seit ich eine St.Christopherus-Plakette am Lenker habe, ist mir nie wieder was passiert, zumindest nichts Schlimmes. Und meine Jungs singen heute zum ersten Mal im Kirchenchor. Deswegen habe ich mich ja auf den Weg nach Brandenburg gemacht. Bei so viel Schutz und Segen kann ja einfach nichts schiefgehen. Und auch der Regen hatte sich verflüchtigt, als ich in Berlin losgefahren bin. Freie Fahrt und blauer Himmel über der A111. Wenn das kein Zeichen ist.

„Find ich cool“, sagt der Mittlere meiner Söhne, „dass du mit dem Motorrad gekommen bist.“ Na dann hat die Reise ja ihren Zweck erreicht. Der Vater hat gute Laune, und die Jungs haben einen coolen Vater, auf den sie stolz sein können, wenn er schon so selten vorbei kommt. Sein Bruder hat mich schon mal gefragt, ob er das Motorrad kriegt, wenn ich mal tot bin. Pietät kennt man in dem Alter noch nicht. Ich hab versucht, ihm zu erklären, dass es wahrscheinlich kein Benzin mehr geben wird, wenn er so alt sein wird, dass er die alte Vergasermaschine übernehmen könnte. Aber etwas will ich von meiner Leidenschaft natürlich weiter geben, solange ich noch kann. Ich hab sie ja auch von meinem Vater. Vor ein paar Wochen haben wir gemessen, ob die Beine schon lang genug sind, um an die Fußrasten zu kommen. Sind sie. 10 Jahre werden sie im Dezember. Es gibt praktisch kein Hindernis mehr, das uns im Frühjahr davon abhalten könnte, mal eine kleine Tour zu machen. Kein Hindernis? “Nie im Leben“, sagt die Mutter, als wir die Sängerknaben in ihre Zimmer verfrachtet haben. “Am Ende kommen sie auf den Geschmack und wollen mit 16 ein Moped.“ „Jau,“, sag ich, „ich hab mit 14 angefangen.“ „Wenn du sie hier schon aufs Land verschleppt hast, musst du ihnen auch die Möglichkeit geben, von hier abzuhauen.“ Es folgt ein kleiner Schlagabtausch, bei dem ich sämtliche Unfälle der letzten zwei Jahre in Brandenburg aufgezählt bekomme -und das sind immer noch sehr viele – und ich sie daran erinnere, dass es auch nicht ungefährlich ist, mit der Familienkutsche mit 160 übermüdet mit drei Kindern nachts 300 Kilometer zur Großmutter zu brettern, wie die fürsorgliche aber immer gehetzte Mutter es zu tun pflegt.
So wird das nichts. „Deine Mutter hat uns doch neulich das Ausflugsrestaurant genannt, wo man so schön am Wasser sitzen kann. Da würde ich dich mit hin nehmen. Einen zweiten Helm hab ich ja noch.“ “Das sind ja nur 10 Kilometer, kommt es enttäuscht zurück. “Wenn dann richtig“.
Zu ihrem Geburtstag bekommen unsere Jungs von mir Handschuhe, Nierengurt und einen eigenen Helm.

15 Gedanken zu “Licence to chill

  1. Vor zwei Wochen war bestes Motorrad Wetter, lieber Rolf. Wir waren im Löwenberger Land und haben zum Abschluss im Kaffeehaus Birkenwerder Kaffee und Kuchen gegessen. Das Kaffeehaus kennt die Mutter deiner Söhne bestimmt auch. Das Haus von außen ist keine Schönheit aber innen ist es sehr liebevoll eingerichtet.
    Liebe Grüße von Susanne

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  2. Wow, eine schöne Geschichte. Die bischöfliche Farbe auf dem BMW-Motorrad hätte ich Dir nicht zugetraut. Der Helm schaut dem eines Kampfflieger ähnlich. Das ist bestimmt ein Jugendbild. Mit Zehn auf Vaters Motorrad war früher ganz normal. Meine Schwester saß hinten und ich vorne zwischen den Beinen meines Vaters.

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    • Bischof. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Das Foto ist etwa15 Jahre alt. Damals war ich auf dem „Russen-Trip“. Wollte unbedingt diese russische BMW-Kopie (Marke Ural) bändigen. Der Helm ist von einem Panzerfahrer. Die lila Farbe hat mir gefallen, weil damit das Militärische der Maschine etwas gemildert wurde. Inzwischen bevorzuge ich schlichtes Weiß.

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    • Danke. 🙂 Es gab eine Geschichte in einem DDR-Kinderbuch, in dem ein Motorradfahrer einen verirrten Jungen in einer Plattenbausiedlung wieder einsammelt und nach Hause bringt. So einer wollt ich immer sein. Der Helm ist russisch, aber aus einem Panzer.

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  3. Als ich ein Kind war, hatten wir gar kein Auto, nur ein Motorrad. Wir waren damals nicht die einzigen, die darauf zu viert durch die Gegend cruisten. Ich saß vorn, fast auf dem Tank, meine Mutter mit der kleinen Schwester hinten. Unsere Sachen trug mein Vater im Rucksack. Niemand von uns hatte einen Helm auf.
    Lange ist das her.

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    • Na, ganz so wild werden wir es nicht treiben. Aber vielleicht lass ich mir wieder einen Beiwagen an die Moto Guzzi schrauben. Da passen dann wenigstens zwei rein. 😉 Als ich geboren wurde, hatte mein Vater schon kein Motorrad mehr . Es ist wohl damals für den neuen Küchenschrank und einen klapprigen Opel Rekord verkauft worden.

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      • Perfekt! Unser erstes Auto war dann ein (natürlich gebrauchter) graublauer VW-Bus, ich glaube ein T1, in den passten dann auch Teile unserer großen Verwandtschaft mit rein. Damit fuhren wir dann sonntags an den Rhein, picknickten in unseren Badeanzügen und aßen mitgebrachten Kartoffelsalat und Knackwürstchen.

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  4. Wie schön 😃
    Was sind denn schon 10° … ja da fängt der Spaß doch erst an.
    Unter 9° da zieh ich mir die feine (klitzeklein geschrieben) Angora-Unterbuxe an. 😊
    Vielleicht sind die Jungs dann was Besonderes mit den Töffs und man freut sich, wenn sie um die Ecke fahren. Es scheint auch keine Rennmaschine zu sein.
    Liebe Grüße
    Sabine vom 🕷 🕸

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  5. Benzin wird es schon geben. So wie einst bei Frau Benz, die es (und auch die Preise werden dem entsprechen!) in der Apotheke kaufen mußte. Abgabe nur in handel-, haushaltsüblichen ml – Mengen.

    Ja, ich dachte mir, dass das diese russischen mehr oder weniger BMW/Zündapp – Nachbauten sind. Grundsätzlich solide, aber wie stehts denn mit der Zuverlässigkeit? Schraubernostalgie?
    Man hört freilich Verschiedenes von verschieden geschickten Selbermachern.

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