Familientradition

Es fing damit an, dass eine Kollegin fragte, ob jemand Quitten haben möchte. Das war ein verführerisches Angebot, denn meine Mutter kochte immer ein wunderbares Quittengelee, in dem meist eine Nelke herumschwamm und auf dem oben ein in Rum getränktes Papier sein Aroma langsam in das rotgolden schimmernde Glas abgab. Immer, wenn ich nach Hause kam, bekam ich ein paar Gläser eingepackt. Und noch Jahre nachdem sie gestorben war und mein Bruder längst das Elternhaus übernommen hatte, standen noch ein paar Gläser im Kellerregal. Meine Schwester, die den Quittenbaum in ihrem Garten hatte, führte die Tradition nicht weiter. Kinder, denen sie die Gläser zustecken konnte, hatte sie keine und für sich und ihren Mann allein fand sie die Prozedur zu anstrengend. Noch eine Weile verschenkte sie die Quitten an die türkischen Nachbarn, dann wurde der Baum gefällt.

Aber natürlich ist sie die erste, die ich anrufe, um zu erfahren, was ich mit den drei Kilo Quitten anfangen soll. „Hast du noch das Rezept von Mama, für die Quitten?“. „Nein, Rezept habe ich keins, aber ich weiß noch, dass sie immer ein Handtuch zwischen die Beine von einem umgedrehten Stuhl gespannt hat.“ Das ist nicht viel, aber ein praktischer Anhaltspunkt. Den Rest erklärt mir eine andere Kollegin – „Immer Gelierzucker 3:1“ – und die Schweizer Landfrauen im Internet.
Dort, wie überall, steht, dass Quitten hart sind, und dass man ein gutes Messer braucht, um sie klein zu schneiden. Aber wieder zeigt sich, dass man nicht alles glauben soll, was im Internet steht. Mit einem 1-Euro-Küchenmesser lassen sich die kernigen Früchte in einer halben Stunde fertig für den Topf machen. Wieder was gelernt. Den großen Topf aus dem Keller geholt und alles ins Wasser gegeben. Dann noch mal das Rezept angeschaut: Der Saft von zwei Zitronen soll ins Kochwasser. Die Flasche mit dem Zitronensaft ist aber alle und jetzt nochmal zum Edeka will ich auch nicht. Unter der Spüle finde ich „Heitmanns Zitronensäure“ – mein Wundermittel gegen das kalkige Berliner Wasser. Aus meinen Ferienjobs in der heimischen Limonadenfabrik weiß ich, dass man das Pulver auch für Lebensmittel gebrauchen kann. Damals schütteten wir säckeweise Zitronensäure und Zucker in einen Bottich und raus kam klare Zitronenlimonade. Aber wieviel Säure ist zwei Zitronen? Beherzt nehme ich einen gehäuften Teelöffel. Das passt immer. 40 Minuten soll alles kochen. Zeit genug, die elterliche Stuhkonstruktion nachzubauen. Tatsächlich passt ein Geschirrtuch genau zwischen die Stuhlbeine und mit etwas Bindfaden um jedes Bein lässt sich damit auch eine belastbare Filteranlage bauen. Und auch der heiße Inhalt des Topfes passt genau in das Handtuch. Ja Mutter, du hattest immer recht! Schau wie dein Sohn in deine Fußsstapfen tritt. Spät zwar, aber immerhin.
Golden fließt der Saft. Die Schweizer Landfrauen raten mir, den Saft über Nacht abtropfen zu lassen. Das mag in der Schweiz richtig sein. Aber in Berlin hat man anderes zu tun, da wird Geschichte gemacht, da muss es flott gehen. Also rühre ich mit einem Holzlöffel im heißen Obstbrei herum, drücke und presse den letzten Tropfen Saft heraus… bis der erste Bindfaden sich löst, dann der zweite und dann der ganze Brei in die Schüssel darunter platscht, der Saft bis an die Wand spritzt (wollte ich sowieso neu streichen) und der Rest auf dem Boden landet. Anfängerpech. So kurz vorm Ziel, lasse ich mich nicht entmutigen. Also neues Handtuch, neue Schüssel, alles noch einmal durchlaufen lassen (ich überlege, ob ich später „feinfiltirert“ auf das Marmeladenetikett schreiben darf?) und die Küche zwei mal durchgewischt, bis nichts mehr klebt. Jetzt lasse ich die Apparatur wirklich über Nacht stehen und gehe erstmal in den Keller – Gläser holen.
Eigentlich finde ich in meinem Keller immer alles, denn ich hebe alles auf. Alte Schuhkartons, Fahrradteile, Weihnachtsschmuck und auch Weck-Gläser -dachte ich. Aber die müssen beim letzen Umzug weck geblieben sein. Und kaufen kann man die auch nicht mehr, denn die Weck-Glasfabrik aus Bonn ist pleite. Zum Glück werkelt der Nachbar in seinem Verschlag und der reicht mir – nur ein bisschen genervt – eine Kiste mit verstaubten Weck-Gläsern aus Ost- und Westproduktion rüber. Wenn ich darin nicht das Richtige finde, solle ich seine Frau fragen. Sagt’s und verschwindet mit seinem Rucksack auf dem Rücken. Ich finde ein paar schöne bauchige Gläschen und sogar passende Gummis und beschließe, meinen Nachbarn genau diese mit den Früchten meiner Arbeit gefüllt wieder vorbei zu bringen, so wie früher der Bauer dem Feudalherrn den Zehnten. Nach Anleitung der Landfrauen koche ich die Gläser im großen Topf aus (zwei Mal, denn beim ersten Mal hat der Kalk im Wasser die Gläser trübe werden lassen. Was hilft? Beim zweiten Mal ein Löffel „Heitmanns Zitronensäure“ – keine bezahlte Werbung – ins Kochwasser und die Gläser funkeln). Ein Griff in die Werkzeugkiste und ein Rollgabelschlüssel ist das ideale Werkzeug, um die heißen Gläser aus dem Wasser zu ziehen. „Man muss sich nur zu helfen wissen.“, meinte mein Vater immer.

Am nächsten Morgen erwache ich mit Kopfschmerzen. Heute muss die Glocke werden. Schwer lastet die Verantwortung ganzer Generationen marmeladekochender Vorfahrinnen auf meinen Schultern. Der große Topf wird mit dem Saft gefüllt. Eine Packung Zucker kommt dazu und verschwindet im goldenen Sirup. Kaum mag ich glauben, dass da noch eine Packung rein passt, aber auch die versinkt klaglos und löst sich auf. Der Topf brodelt und es riecht wunderbar. Wie in Mutterns Küche im Herbst. Die Gläser stehen bereit und ich fülle und fülle mit der Schöpfkelle die Gläser, aber der Topf will nicht leer werden. Am Schluss fülle in meiner Verzweiflung ein Halbliterglas voll mit dem heißen Goldsaft. Wer soll das alles essen? Meine Söhne? Die kommen ja nur noch selten zu mir. Und selbst wenn ich ihnen ein Glas bei ihrer Mutter zu Hause auf den Tisch stelle, habe ich keine Chance gegen Nutella (wenn sie überhaupt am Frühstückstisch erscheinen). Vatersorgen. Sie werden nur noch überdeckt von der Sorge, ob das Gelee den jetzt auch richtig steif wird. Nichts ist schlimmer als flüssiger Fruchtsaft der sich als Gelee ausgibt. Eine halbe Stunde bangen Wartens, bis die abgekühlte Probe schön wabbelig auf meinem Weißbrot landet. Wunderbar! Es ist vollbracht.

Als ich mir (erschöpft aber glücklich) im Back-Shop nebenan einen Kaffee gönne, merkt die Besitzerin, dass ich was zu erzählen habe. „Was hast du gemacht?“ „Ich hab Quitten gekocht.“ „Wo hast du die her?“ „Von einer Kollegin.“ „Ist die türkisch?“ Nein, Aber sie hat einen Garten hier in Berlin“. „In der Türkei essen wir die Quitten roh, wie Äpfel aber mit Salz. Mag ich nicht. Ist mir zu sauer.“ Ich beschließe ihr ein Glas Gelee vorbei zu bringen.

Unter den Brücken

Karen Hellqvist beim Musik-Parcours „spreeklänge“ unter der Rohrdammbrücke, Berlin 2026

Die Kunst ahnt vieles voraus, aber die Kunst kann auch nicht alles wissen. Deswegen war es von der Berliner Akademie der Künste zwar sehr vorausschauend, den Musikparcours spreeklänge am heißesten Wochenende des Jahres direkt ans Wasser und unter die schattigen Spreebrücken zu legen, aber sie konnte auch nicht ahnen, dass der träge dahinfließende Fluß an dem Abend so aufgeheizt sein würde, dass er an manchen Stellen unangenehm nach Kloake zu riechen begann.
Das verdarb mir und meinem Freund, der mich aus meiner kühlen, abgedunkelten Wohnung gelockt hatte, aber die Freude nicht. Auch wenn die Veranstaltung einen Weg vorgab, den ich mir vor Jahren schon mal selbst erkundet hatte, war ich neugierig. An jeder der 12 Stationen hatten sich die Künstlerinnen und Künstler etwas Überraschendes einfallen lassen. Neue Klänge, auffällige Kostüme und viel Musik auf dem Wasser. Und nicht nur, weil ein Teil des Weges durch den Park von Schloss Charlottenburg führte, konnte man sich dabei fühlen wie ein Fürst, dem am Sommerabend zur Zerstreuung vielfältige Lustbarkeiten geboten wurden. Es war ein sehr exklusives Vergnügen, auch, weil nur einige wenige Entschlossene sich zu einer Reise durch die Gluthitze der Stadt an die grünen Ufer der Spree hatten aufraffen können, um neue Kompositionen und Performances rund um das Thema Wasser zu goutieren. Der Biergarten Caprivi gegenüber unserem Startpunkt im Rosengarten war deutlich besser besucht. Erst kommt das Fressen, dann die Moral. Wer hat das noch mal gesagt?

Dafür wars bei uns abwechslungsreicher. Viel lustiges Geschnatter in den Gruppen, die sich bei den Veranstaltungsorten einfanden, wissendes Lächeln, entzücktes Lauschen und erstauntes Fragen. Oft war nicht klar ob man da nur eine Gruppe Jugendlicher sah, die an freigetrampelten Uferstellen in einem industriellen Randgebiet chillten und dabei auf kleinen Flöten bliesen, oder ob das eine „Klangstation“ war, „ein zeitgenössisches Ritual der Ko-Präsenz, in dem das Zuhören zu einer relationalen Praxis wird und die Landschaft als Mitautorin fungiert.“, wie es die Komponisten im Informationsblatt selber beschrieben. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Kunst kann für mich banal wirken, nichtssagend oder unfreiwillig komisch. Aber immer bewundere ich die Ernsthaftigkeit, mit der versucht wird etwas Neues zu wagen. Und eine Klasse von Gymnasiastinnen und Gymnasiasten dazu zu bringen, ihre Instrumente selber zu bauen und drei Abende hintereinander dazu zu bringen, mal was anderes zu machen als auf ihre Smartphones zu schauen, das ist auf jeden Fall eine Kunst. Ich weiß, wovon ich rede.

Was mir sehr gefallen hat, war der Auftritt des Chors der Künste unter der Rudolf Wissell-Brücke. Zehn Boote mit dreißig Frauen in weißen Gewändern, die in einer aufwändigen, genau abgestimmten Choreografie einen Klagegesang anstimmten, der sogar den Verkehr auf der Autobahn übertönte. (Laut Prospekt ein magisches TUTTI-Ereignis, das Kollektivität, Rationalität, Schönheit, Mut und Universalität wieder zusammensetzt). Dass die mächtige, geschwungene Autobahnbrücke akut einsturzgefährdet ist, wie mir mein Freund ins Ohr raunte, machte den Kunstgenuss noch ein bisschen prickelnder. Aber mein absoluter Favorit war „two hands, two bows (one man in a boat) von Stefan Froleyks. Halb versteckt in der Vegetation saß ein Mann in einem Ruderboot, festgemacht am Spreeufer, während ganz in der Nähe die S-Bahn vorbeidonnerte. Froleyks spielt, unter einem Anglerschirm sitzend, die „Saitenwanne“. Ein selbstgebautes Instrument aus einer Zinkwanne, die er in eine Art Kontrabass verwandelt hatte, dessen Saiten er mit zwei Bögen bearbeitete. Minimalistische Musik + S-Bahn. Ich applaudierte, als er mal eine Pause machte. Der Künstler dankte, die anderen Zuhörer schauten seltsam. Macht man wohl nicht.

Zum Schluss noch was zum Thema „Ko-Präsenz“ und „relationale Praxis“: Der größte Teil der Strecke ging durch ein Kleingartengelände und ich fand es wunderbar, wie die Laubenpieper und die Künstler miteinander auskamen. Mancher stellte eine Kiste frisch gepflückte Kirschen an den Weg für die man in eine „Kasse des Vertrauens“ nach Belieben etwas einwerfen konnte, manche verkauften Honig und keiner sagte was wegen Ruhestörung, als die sechs „Maulwerker“ ununterbrochen und lautstark ihre „Verspre(e)chungen rezitierten. Aber vielleicht sind sie ja auch schon einiges gewohnt. Denn all die sensiblen Klanginstallationen und Stimmperformances wurden ständig von den hämmernden Soundanlagen der Ausflugsdampfer übertönt, die mit wummernden Roland-Kaiser-Klängen die Spree für sich beanspruchten.

Stadtaffe

Uns ist langweilig. Mein Jüngster und ich hängen im Wohnzimmer rum. Er fläzt auf dem Sofa mit einem lustigen Taschenbuch, ich sitze im Sessel und scroll im Handy. Wir waren zusammen Pfingsten an der Ostsee. Jetzt sind wir zurück. Eigentlich sollten wir längst bei der Mutter sein, aber die hat sich in einer heroischen Aufopferung die Zwillinge geschnappt, die in zwei Wochen Jugendweihe haben, und ist mit ihnen an den Ku Damm gefahren, passende Anzüge kaufen. Das kann dauern. Und so sitzen wir hier auf Abruf, bis sie sich wieder auf den Rückweg machen. Aber was sollen wir tun? Der Kreuzworträtselblock ist schon bei der Zugfahrt gelöst worden, das Wortagon-Rätsel im Handy auch, alle Urlaubs-Bilder sind schon drei Mal durchgeschaut und die Serien bei TOGGO und das Hörspielkonto bei Apple sind auch schon strapaziert. Mit Süßigkeiten haben wir uns auch schon vollgestopft. Also was jetzt? Wenn einem langweilig wird, hilft die Kunst. Dafür ist sie ja da. Ich hole die Schachtel mit den Wasserfarben und den Malblock, die im Regal verstauben. Die Begeisterung für bunte Bilder hat bei meinen Großen aufgehört, seit sie aus der Grundschule raus sind. Und der Kleine macht nichts, was die Großen auch nicht mehr machen. Also muss ich mit gutem Beispiel voran gehen. Ein Portrait meines Sohnes werfe ich mit groben Strichen aufs Papier. Seit der Schule habe ich auch nur noch selten einen Pinsel angefasst. Am Ende sieht er aus wie Bert von der Sesamstraße. Aber mir gefällts.

Jetzt muss ich Modell sitzen. Gar nicht so leicht. Der junge Künstler will alle Perspektiven meines Charakterkopfes einfangen. Als er sich dann zum Malen entschließt, macht er sich nicht die Mühe, die Pinsel nach dem Anrühren der Farbe wieder gerade zu streichen, bevor er die Nuancen auf das Papier bringt. So gerät manches breiter als gewollt. Vor allem die Ohren. Die Nass-in-Nass-Technik führt zu interessanten Verläufen und Schattierungen wogegen die Bartstoppeln in drastischem Schwarz überbetont werden. Freiheit der Kunst. Mein Junge ist ernsthaft bei der Sache und erzählt, was er malt. Am Ende schaut er sein Werk kritisch an: Sieht aus wie ein Affe, sagt er. Ja, sage ich, aber die Farben gefallen mir. Wir können es „True Colours“ nennen. Damit kann er nichts anfangen. Willst du`s mitnehmen?, frage ich. Nee, sagt er, kannst du bei dir aufhängen. Ich bestehe noch auf einer Signatur. Da klingelt die Mutter durch, und wir müssen los.

Habemus cinemam


Wir haben ein neues Kino in unserem Kiez. Es ist gleich bei mir um die Ecke, in der Plantagenstraße. Wenn sie nach Berlin kommen, schauen sie mal vorbei. Denn es ist schön geworden, das neue Kino Arsenal in der renovierten Westhalle des ehemaligen Krematoriums (das jetzt zum „Silent Green“-Kulturquartier geworden ist). Geradezu umwerfend schön. Ein echtes Juwel in Berlin. Da will ich mal nicht meckern. Noch vor einem Jahr war die Halle eine Baustelle, der man die ursprüngliche Nutzung als Aufbahrungshalle für Verstorbene noch anmerkte. Jetzt ist hier ein Kinosaal entstanden, der in Berlin seinesgleichen sucht.

Foto: Vali Djordjević

Spektakulär ist auf den ersten Blick die Akustikverkleidung unter der spitz zulaufenden Decke. Es ist als hätte man eine Kulisse aus einem expressionistischen Stummfilm mit einem  Raumschiff gekreuzt. Dr. Caligari meets Raumpatroullie, um es mal für Filmfreunde zu beschreiben.

Die stramm gepolsterten Sitzreihen mit viel Beinfreiheit sollen „Zurücklehnen und aktive Teilnahme ermöglichen“, wie die künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, Stefanie Schulte Strathaus es bei der Test-Vorstellung verkündete. Also kritische Filmkunst – kein Popcorn-Kino. Deshalb ist viel schwarz-weiß auf der Leinwand zu sehen. Den Anfang machte ein iranischer Film über einen Postboten aus den 50ern. Eine Woyzeck- Adaption in der der traurige Held ständig Hanfsamen essen muss. Ich mag solche Filme. Und mit mir vielleicht hundert andere Leute, die dafür aus ganz Berlin gekommen sind. Bevor das Arsenal-Kino aufmachte war ich im Centre Français (auch bei mir um die Ecke, mit einem Kinosaal aus den 1960ern) zwei Mal in der schwarz-weißen Neuverfilmung von „Der Fremde“ und natürlich auch in „Nouvelle Vague“. Auch in schwarz-weiß. Und inzwischen auch schon wieder in „Das Mädchen mit dem Koffer“, mit Claudia Cardinale, aus den 1960ern im Arsenal. Und das geht jetzt immer so weiter. Ich hätte ständig einen Grund, mir einen schönen Abend zu machen.
Auch vor dem Kino gibt es genug Raum für schöne Abende. Durch eine Tür im Foyer kann man auf das Gelände des Silent Green und des Restaurants MARS gelangen. Eine milde Frühsommernacht empfängt mich. Und wenn man vergisst, dass man zwischen einem Krematorium und einem verlassenen Urnenfriedhof sitzt, kann man hier wunderbar unter Lampions mit Freunden den letzten Film durchquatschen.

.

Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch die großzügige Unterstützung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Wolfgang Weimer. Der BKM hat sich in Berlin unbeliebt gemacht, denn er hat etwas gegen Buchläden, die er politisch für zu links hält. Aber er (oder vielleicht eher seine Vorgängerin Claudia Roth) scheint ein großes Herz für den Wedding zu haben. Unterstützung gibt es nicht nur für das neue Arsenal-Kino. Nachrichten melden auch eine Beteiligung des BKM bei dem geplanten Umbau des ehemaligen französischen Soldatenkinos L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm in ein Berliner „House of Jazz“. Mir soll’s recht sein. Dann muss ich auch meinem Kiez gar nicht mehr raus. Berlin kann so schön sein. Kommse doch mal rüber, kieken.

Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.

Seltene Erden

Das Glück erwischt einen ja an den Orten, an dem man es am wenigsten erwartet. Es braucht nur ein bisschen Sonnenschein, eine Nacht, in der das Thermometer um 10 Grad gestiegen ist und die erste Tour mit dem Moped, dann wird sogar ein Café in einem Berliner Waschbetonviertel aus den 1970er-Jahren zu einer Insel der Glückseligkeit. 2000 Kilometer weiter östlich tobt seit vier Jahren ein Krieg, über unsere Straßen rollen Autos, die Panzern gleichen und an der Ecke verwandeln sich hinter den Baugerüsten Sozialbauten in Investmentobjekte. Wie immer. Aber doch nicht gerade jetzt, doch nicht in diesem Moment. Grade ist doch alles friedlich. Sogar das rasende Bollern der SUV-Reifen über das Kopfsteinpflaster, das durch die offene Tür herein kommt, hört sich für mich an wie ein willkommenes Zeichen des wiedererwachten Lebens. Mir geht‘s gut.
Die selbstbewussten Frauen, die das Café Freysinn hier seit Jahren schmeißen haben mir die Wahl zwischen fünf vegetarischen Gerichten gelassen und als ich danach noch sehnsüchtig auf den Mohnkuchen in der Vitrine schmulte (das ist mein Lieblings-Alt-Berliner Wort und bedeutet „verstohlen neugierig schauen“), kriegte ich das Reststück für n‘ nen Euro. So schön kann Berlin sein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
Natürlich nicht. „Jedes echte Glücksgefühl ist künstlich.“, heißt der alte Säuferspruch. Aber bei mir ist es kein Schnaps, der mich froh macht in einer Welt, die zum Heulen ist, sondern Vitamin B 12. Das fehlte mir nämlich bis vor einer halben Stunde. „Die Spritze wird von manchen Menschen als euphorisiernd empfunden.“, hatte mich die Ärztin gewarnt. So ist das mit der Körperchemie. Man denkt es ist der holde Lenz, der die zartesten Gefühle in einem weckt und dabei kommt das Glück aus den Retorten der Bayer AG, hier um die Ecke in der Seestraße. Aber wie alles Glück ist auch das aus der Spritze nicht vollkommen. „Ihnen fehlt auch noch Selen“, hatte die Ärztin sorgenvoll mit Blick auf die Laborwerte festgestellt. „Das ist ein Element, das steckt in Brot und Getreide.“ Seltsam, davon esse ich doch mehr als genug, staunte ich. Aus heimischem Anbau und in bio. „Ja, aber Deutschland ist ein Selen-Mangelgebiet. Das kommt hier im Boden nicht ausreichend vor.“, wurde ich aufgeklärt. Da hatte mich die Weltpolitik wieder. Die Deutschen können sich mit seltenen Erden nicht selber versorgen. Wer hat das Monopol auf Selen-Tabletten? Hängt mein Glück und meine Gesundheit am Ende vom Erfolg der China-Reise des Bundeskanzlers ab?

Nein. Mein Glück hängt vom Glück meiner Mitmenschen ab. Heute Abend klingelte es an der Haustüre. Eine verwaschene Männerstimme meinte durch die Sprechanlage, ich solle „mal aufmachen“. Irgend ein geknechteter Mensch wahrscheinlich, der die Briefkästen mit Prospekten vollstopfen will. Da bin ich natürlich solidarisch und skeptisch zugleich. Ist ja schon einiges vorgekommen. Also drücke ich auf den Öffner und gehe gleich nach unten, um zu schauen. In der offenen Tür lehnt ein Typ meines Alters, spindeldünn, schwarze Klamotten, Bikerbart und eine Bierflasche in der Hand. Nicht die erste für heute, denn gerade stehen kann er nicht mehr. Vitamin B 12 hätte ihn auch nicht glücklicher machen können. In der anderen Hand hat er den Schlüssel meines Mopeds. „Den haste in deiner Simson stecken lassen.“, sagt er und deutet auf mein Moped, das vor der Tür auf dem Gehsteig parkt. „Darfste nich machen, die Dinger sind schwer begehrt. Ich weiß, wovon ich rede.“ Drückt mir den Schlüssel in die Hand, wuchtet sich vom Türrahmen weg und schlurft glücklich weiter.

Gute-Laune-Nudeln

Ich komme von der Arbeit und habe Glück: Vor dem angesagten „Mr. Noodle Chen“-Restaurant steht ausnahmsweise mal keine Schlange. Schon ein Mal hatte ich mit meiner Tochter versucht, hier rein zu kommen, denn der Laden erinnert sie an die Nudel-Bars in Hongkong, wo sie zum Studium war. Aber wir haben nach einer Viertelstunde in der Schlange enttäuscht aufgegeben. Es ging einfach nicht vorwärts und wir gingen ins DUKKI um die Ecke. Koreanisch und auch sehr lecker. 
Heute steht nur ein junger Mann vor der Tür und ich frage ihn, ob er die Schlange ist. Er findet das nicht witzig, denn anscheinend wartetet schon eine Weile darauf, hinein gelassen zu werden, während an uns vorbei Essenslieferanten mit ihren riesigen Thermo-Taschen ein und aus gehen. Durch die Glastür sehen wir wie der Mann an der Kasse, der hier alles kontrolliert dann endlich auch dem arabische Grüppchen vor uns seine riesige Take-Away-Bestellung in die Hand gedrückt hat – dann dürfen wir beide rein. Alles ist hell und übersichtlich. Keine goldenen Drachen oder anderer China-Kitsch. Auch die Speisekarte ist sehr klar: Nudelsuppe mit oder ohne Fleisch. Nur bei den vielen Nudelsorten brauche ich Entscheidungshilfe. Der Mann an der Kasse ist auch dafür da. Ich entscheide mich für die dreieckigen Nudeln, die vor meinen Augen frisch gemacht werden. Hab ich noch nie gegessen. Als ich mich setze, sehe ich um mich rum fast nur junge Chinesen. Das Studentenwohnheim ist um die Ecke und das Restaurant ist wohl der Platz, an dem man sich abends trifft. Zu mir setzen sich, ohne groß zu fragen drei junge Kerle, die sich  fröhlich auf Chinesisch Zoten erzählen und ständig lachen. Sie stellen ihre riesigen Trinkflaschen auf den Tisch. Sein Getränk darf man hier wohl mitbringen. Durch sie lerne ich auch, wo man das Besteck findet: In einer Schublade unter dem Tisch. Wie früher bei uns zu Hause. Der größte und munterste von ihnen hat das kleinste und billigste Gericht bestellt. Aber ständig ruft er die Bedienung und sie bringt ihm mit ausdruckslosem Gesicht  immer neue Schalen mit frisch gemachten Bandnudeln. „Are they for free?“, frage ich. „Yes, for free. Order some.“, läd er mich auf beiden Backen kauend ein. Ich lehne dankend ab. Meine Schale mit der dicken Brühe war mehr als genug. Und ich habe aufgetankt zwischen all den jungen Kerlen (sind nur wenige Frauen da, die heimlich angeschmachtet werden.) Die gute Laune der Burschen, die sich hier für kleines Geld satt essen können, war ansteckend.

Bilder von zu Hause

Andere gehen ins Museum oder in die Kirche, um Bilder zu betrachten, ich fahre ins Parkhaus. Zuerst aufs Dach einer echten Fortschrittskathedrale: Dem ehemaligen Karstadt-Parkhaus (jetzt: Lidl). Dort gibt es Luft, Sonne, schöne Einblicke und Glasfensterkunst wie in einer Kirche für umsonst:

Dann gehts weiter zu Kaufland am Gesundbrunnen. Das Projekt www.liebezurkunst.de hat hier die Wände des Parkhauses zu Leinwänden gemacht. „Urban Canvas Parkhaus Wedding“ nennt sich die Ausstellung, die durch Einkaufswagen, parkende Autos und schöne Ausblicke auf die S-Bahn ergänzt wird.

Und dann gibt es noch das:

Das ist kein Parkhaus, sondern eine Kunstgalerie, gebaut von russischen Architekten. Drinnen kann man noch mehr Beton sehen: Stadtplanungen von Architekten aus der DDR. Pläne und Träume – mein Thema dieses Jahr.

Und was dabei herauskommt, wenn sich ein junger Architekt in ein altes Parkhaus im Wedding verguckt, darüber habe ich hier geschrieben: Beton- Es kommt drauf an, was man draus macht

Und dann wollte ich keinen Beton mehr sehen, und bin ab an die See…

Die Wespe

Es ist schön, Besuch zu haben. Auf der Terrasse des ehemaligen Terrassencafés Minsk in Potsdam (jetzt: Kunsthaus DAS MINSK) bin ich der einzige Mensch, der sich nach dem Regen hinaus getraut hat. Und sie ist die einzige Wespe hier. Wir beide können es gut miteinander aushalten. Aber während ich nichts anderes zu tun habe, als an einem Samstagnachmittag meinen Americano (wenn Erich das wüsste) mit Milch zu trinken und den Blick auf den goldenen Kuppeln der Stadt ruhen zu lassen, ist sie eifrig. Die leere Tasse und das halbleere Milchkännchen werden unablässig untersucht. Zwischendrin werden die Fühler geputzt und wieder ein neuer Anlauf zur Nahrungssuche gesucht. Vorsichtig balanciert sie auf dem Rand der Kanne, ohne vor Gier hinein zu fallen. Ein kluges Tier. Anscheinend findet sie dort genug, um sich mit Eiweiß zu versorgen, das sie zu Hause gleich an die Larven verfüttern kann. Schwer schleppt sie am dicken Leib hinter der Wespentallie. Ob sie genug Luft kriegt? Und ist das fair? Dass sie sich so abrackern muss, um ein Bisschen von dem zu bekommen, was ich mir gerade für ein bisschen Kleingeld von der Theke geholt habe? Na ja, Kleingeld: 3,50 Euro. Im Prospekt zur Renovierung des Cafés war auf einer Speisekarte aus den 1970ern zu lesen, dass hier ein Kännchen Kaffee – es gab nur Kännchen – mit Milch und Zucker 1,90 M kostete. Offizieller Wechselkurs zur D-Mark war 2:1; dann wieder 2:1 von D-Mark in Euro. Also habe ich gerade 14 M für eine Tasse Kaffee gezahlt. Dafür war es echter Bohnenkaffee und kein Mokka Fix, dafür ist die Terrasse frisch renoviert, ich muss nicht mehr auf den Kellner warten, der mich „platziert“ und über mir, am Brauhausberg, in der dunkelroten Festung sitzt nicht mehr die Kreisleitung der SED, nicht mehr der Brandenburgische Landtag sondern Hasso Plattner, einer der Gründer von SAP, der wertvollsten Software-Firma Europas, der draus jetzt eine Hochschule für Wirtschaft und Recht machen will. Also für das Recht der Wirtschaft, würde ich mal vermuten. Das Café gehört ihm jetzt auch, oder seiner Stiftung. Dafür darf ich mir jetzt hier seine Sammlung von DDR-Kunst anschauen. Ist doch ein guter Deal, oder? Samstagsnachmittagsgedanken.

Die Wespe ist immer noch da. Anscheinend hat sie noch nicht genug zusammen bekommen für ihre Königin und deren Brut. Wer hängt eigentlich noch von dem ab, was ich übrig lasse? Wer arbeitet für mich, damit ich hier in Ruhe in die Luft schauen kann? Das Treppenhaus muss ich nicht putzen am Wochenende, das erledigt immer eine junge Frau mit Kopfhörern auf den Ohren, von der ich vermute, dass sie Ukrainerin ist. Die Wiese hinter dem Haus muss ich auch nicht mähen, und auch nicht das Laub harken, obwohl mir das mal gut täte. Das macht drei Mal im Jahr ein Trupp Gartenarbeiter, die sich ihre Stullen selber mitbringen. Mein Moped repariert eine Werkstatt in Neukölln… Und wer kümmert sich um meine Brut? Ich gerade nicht.
Oh Gott, ich bin eine überflüssige Drohne ohne Stachel. Bei den Wespen sterben diese trägen Kerle, die von den Arbeiterinnen versorgt werden, im Herbst, wenn Königin ausfliegt, um ein neues Nest zu gründen. Ich schaue auf die Eifrige, die immer noch am Milchschaum kratzt. Gottseidank, sie will Eiweiß. Das sammeln Wespen nur im Sommer (so weiß ich jetzt auch, welche Jahreszeit sich gerade unter der Dauerregendecke verbirgt). Im Herbst gehen sie dann auf Obst und Süßes, um selber wieder Energie zu sammeln. Ein paar Monate habe ich also noch. Wenn die Wespen an meinen Pflaumenkuchen gehen, wird es gefährlich für mich.

Mehr als Marx und Museum

Man muss nicht mutig sein, um nach Chemnitz zu fahren. Die diesjährige europäische Kulturhauptstadt hat sich schick gemacht, empfängt ihre Besucher mit freundlichem Gleichmut und es gibt an einem sonnigen Wochenende einiges zu sehen. Aber besser ist es schon, mit einem Freund dahin zu fahren, mit dem ich schon seit 35 Jahren gemeinsam per Bahn und Rad die Länder erkunde, die früher für uns hinter dem eisernen Vorhang lagen. Und noch besser ist es, hier einen Freund zu besuchen, der das zu Fuß, per Bahn und per Anhalter gemacht hat, seit zwei Jahren in Chemnitz wohnt und uns die weniger bekannten Ecken der Stadt zeigen kann.

Und so treffen wir uns mit Andreas, den ich über seinen Blog https://andreas-moser.blog mit einzigartigen Reiseberichten aus aller Welt kennengelernt habe, nicht am bekannten Karl-Marx-Kopf, sondern eine Ecke weiter am Stadtbad, einem Architektur- Juwel aus den 1920er-Jahren. Und weiter geht‘s, die leeren, in der Sonne glühenden sozialistischen Prachtstraßen und den hoch aufragenden Turm des ehemaligen Hotels „Kongress“ (ich habe mir natürlich einen kleinen Reiseführer für Karl-Marx-Stadt vom VEB Tourist Leipzig besorgt) den Rücken kehrend in den Schlossteichpark, in dem die holden Schwäne auf dem heilignüchternen Wasser schwimmen. Ganz so romantisch wie bei Hölderlin ist es zwar nicht, aber schon sehr zauberhaft, auch wenn die riesigen Schwäne aus Plaste sind und als Verkleidung für gemächlich dahingleitende Tretboote dienen. Einen größeren Kontrast zu der fünf Minuten entfernten 60er-Jahre-Beton-Innenstadt kann ich mir nicht denken. Aber es wird noch verwunschener. Über eine Brücke aus Stein geht es hinauf in den Küchwaldpark und gleich stehen wir vor einer gotischen Kirche, einem ehemaligen Kloster (in dem Relikte sozialistischer Stadtplanung unter den leidenden Augen der größten Ansammlung gotischer Holzmadonnen präsentiert werden, die ich je gesehen habe), einen lebhaften Biergarten (sie werden platziert) und wenn wir weiter gegangen wären, hätten wir noch eine sowjetische Mondrakete gesehen. Bergab gehts vorbei an Gaststätten in Fachwerkhäusern, die auch in Tübingen hätten stehen könnten. Ach Hölderlin.

So viel zu dem Motto der Kulturhauptstadt Chemnitz: „C the unseen“. Vom Überraschenden zum Erwartbaren ist es auch nicht weit. Vor dem Karl Marx Kopf, dem bekannten Wahrzeichen der Stadt findet eine Tanzperformance „Odyssee in C“ statt. Hunderte versammeln sich davor. Ich kann mit Tanz nicht viel anfangen und es ist heiß. Aber wenn ich die Kamera auf Schwarz-Weiß schalte, sieht es aus wie bei einer 1. Mai-Manifestation. Die Stadt wird zur Kulisse meiner Erinnerung an unsere vergangenen Reisen. Aber zum Glück ist die Wirklichkeit heute bunter.

Übernachtet haben wir standesgemäß in einem Industriedenkmal neben der sozialistischen Flaniermeile „Rosengarten“. Ein ehemaliges Umspannwerk der Straßenbahn im allerbesten weißen Bauhausstil ist zur Jugendherberge No 1 umgebaut worden. Die schöne Terasse nach hintenraus ist normalerweise schon um 10 Uhr abends wegen der lärmempfindlichen Nachbarn geschlossen. Aber in einer kulturhauptstädtischen Sommernacht wie heute drückt der Junge an der Pforte ein Auge zu. An Nachtruhe ist sowieso nicht zu denken. In einem heruntergekommen Lagerhaus gleich nebenan wird Heavy-Metal-Live-Musik gedröhnt, von der ich bezweifele, dass sie zum offiziellen Kulturprogramm gehört. Es hört sich eher so an, als würden die Uran-Bergmänner der SDAG Wismut, deren Porträts wir uns in der sehr sehenswerten Ausstellung „Sonnensucher“ in Zwickau auch noch angeschaut haben, mit ihren Presslufthämmern am Mischpult stehen.

Gemälde von Werner Pätzold, Wismut GmbH

Chemnitz ist nicht Kassel. Und eine Kulturhauptstadt ist keine documenta. Aber wie Kassel haben Chemnitz und Zwickau meine Neugier geweckt und mich zum Staunen gebracht. Wir haben zum Glück noch die Ausstellung zur europäischen realistischen Malerei „European Realities“ im Museum Gunzenhauser angeschaut, die gut aufbereitet und in ihrer Vielfalt wirklich einmalig ist. Nur die Gemälde aus Russland und der Sowjetunion fehlen. Den Rest der zahlreichen reizvollen Ausstellungen zur Industriekultur in Chemnitz und Umgebung haben wir schon nicht mehr geschafft. Aber auch die moderne Architektur der Stadt hat ihre eigene Schönheit. Auf jeden Fall an einem sonnigen Sommerwochenende. Im Winter war ich auch schon hier, beruflich, vor vielen Jahren. Da war’s ungemütlich. Ums mit Hölderlin zu sagen: „Die Mauern stehn sprachlos und kalt, im Winde klirren die Fahnen.“

Zum Schluss hat uns Andreas noch in den schönsten Biergarten der Stadt eingeladen, der ausnahmsweise an diesem warmen Sommerabend mal nicht um 17 Uhr die Theke dicht gemacht hat und dessen Name ich natürlich nicht verrate. Chemnitz soll ja mein Geheimtipp bleiben.