Can kommt nicht mehr

Wo Can war, wars lebendig. Wenn er hinterm Tresen stand in seinem kleinen Backshop neben der U-Bahn-Station, lief Musik. Hip Hop oder sowas in der Richtung. Mit seinen Gästen unterhielt er sich laut und fröhlich, nicht nur, um die Musik zu übertönen, sondern weil er so war. Baumlang, spindeldürr, immer aufgedreht und gut gelaunt. Ein großer Clown, der mit seinem langen, schmalen Gesicht was von einem Pferd hatte, auch weil ihm vorne rechts einer von seinen großen weißen Zähnen fehlte. Er ging mit mit der Musik. Seine Freunde, und alle die kamen, waren seine Freunde, wurden mit einem Spruch oder mit einem High Five begrüßt. „Bist du Bäcker oder Rapper?“ fragte mal einer in der Schlange vor dem vollen Tresen. „Rapper?, niemals!“, antwortete Can sofort und wie immer etwas zu laut. „Ich bin Bäcker!“ Die Brötchen und den Kuchen verkauften die Frauen, die neben ihm standen. Leicht genervt verdrehten sie ihre Augen, wenn Can mal wieder seine Show abzog. Aber er war die Seele vom Geschäft. An den Wänden hingen Bilder, die die Kinder aus der Nachbarschaft ihm in der kleinen Spielecke hinter dem Schaufenster gemalt hatten. Andere schenkten ihm eine Fotomontage, die ihm im Fußballtrikot zeigte. „FC Can“ stand darüber. „Der fröhlichste Backshop im Wedding“ dichtete ich in meinem Hinterkopf schon die Überschrift über einen Bericht für eines unser Kiezmagazine. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Vor ein paar Wochen setzte sich Can dann mal zu mir, als ich vor dem Laden einen Kaffee trank. Und sofort fing er an, mich zu unterhalten. Ich brauchte gar nicht zu fragen. Er war einfach so. Dass die Bäckerei von seiner Mutter aufgebaut worden sei. Dass die Frauen hinter der immer prall gefüllten Theke seine Schwester und seine Frau seien. Dass die Arbeit morgens um 4 Uhr anfange, und dass ihm das immer schwerer falle, obwohl er noch gar nicht so alt sei. Dass er in seinem Leben viel Unsinn gemacht habe, dass die Familie ihn aufgefangen habe und dass die Bäckerei jetzt endlich so gut laufe, dass er mal ein wenig kürzer treten könne. Mal nicht jeden Tag im Laden stehen. Mal Urlaub machen.

Danach habe ich Can lange nicht gesehen. Ich bin auch nicht jeden Tag an der U-Bahn und habe nicht immer Zeit für einen Kaffee. Aber dass auf einmal andere Frauen hinter dem Thresen standen, das fiel mir schon auf. Und ein anderer Mann, älter, graue, kurze Haare, schweigsam. Wo Can sei, fragte ich dann doch einmal, weil es mir komisch vorkam. „Can macht Urlaub“, hieß es dann knapp. Und als ich ein paar Wochen später noch einmal fragte, hieß es dann: „Can kommt nicht mehr.“ Er habe ein paar Wochen Urlaub in der Türkei gemacht und dann sei er mit der Idee zurück gekommen, sich dort niederzulassen, was Neues anzufangen. Und dann habe er den Laden an den neuen Besitzer übergeben. Es klang nach der offiziellen Version für die neugierigen Kunden. Sie machte eine Kopfbewegung nach draußen, wo der neue Besitzer mit Gästen am Tisch saß und sich mal auf Deutsch, mal auf Türkisch mit ihnen unterhielt. So wie Can. Sie lachten auch, aber es war nicht mehr das Gleiche. 

Ich wünsche ihm Glück, wo immer er jetzt auch ist.

Weltmeisterschaft next door

Ehrlich gesagt: Ich war froh als es vorbei war. Das lustlose Gekicke der DFB-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft. Die späten Abende, die man sich um die Ohren schlug, nur um mit der Gewissheit ins Bett zu gehen: Das wird nichts.

Und überhaupt. Warum muss ich mich vor den Bildschirm setzen und mir Übertragungen aus den fernen Amerikas anschauen, wenn sich die Nationen der Welt bei mir über die Straße treffen? Am Samstag war hier mal wieder das Berliner Interkulturelle Fußballturnier. Bereits das 16. mittlerweile. Ich musste es nicht lange suchen, denn die wummernden Beats, die die 18 Mannschaften begleiteten und die sich wie ein Klangteppich über unser Afrikanisches Viertel (heißt wirklich so, weil hier die Straßen ursprünglich nach den ehemaligen deutschen Kolonien benannt wurden) legten, wiesen mir den Weg. Dieses Jahr war etwas weniger los als sonst. Das Team der Berliner Polizei fehlte. Aber es war wie immer bunt und fröhlich. Die Teams hatten wie immer die Auflage, sich aus mindestens drei Herkunftsnationen zusammen zu setzen. Und wie jedes Jahr nahmen viele Gefüchteten-Teams teil.
Und wie jedes Jahr war alles wieder ziemlich durcheinander. Gespielt wurde quer über den Platz, immer zwei Matches gleichzeitig. Da war es für den Spielleiter mit der mächtigen, goldglänzenden Hip-Hopper-Sonnenbrille nicht einfach, den Überblick zu behalten. Manche Teams verschwanden mitten im Turnier, manche waren zur Siegerehrung nicht mehr da. Und auch die Trikots zeigten nicht immer an, wer zu welcher Mannschaft gehörte. Anscheinend hatte „Titan FC Berlin“ noch ein paar Shirts mehr mitgebracht, die auch andere Teams überzogen. Aber alle zeigten ununterbrochen vollen Einsatz. Da mag sich unsere Nationalelf mal eine Scheibe abschneiden.

Auch am Spielfeldrand zeigte sich Vielfalt. Seien es die kleinen Nachwuchskicker, die einfach so auf dem Spielfeld mit einem Plastikball die ersten Pässe probierten und vom Spielleiter schnell verjagt wurden, sei es das Team von der Elfenbeinküste, das versuchte beim Team-Foto professionell dreinzuschauen oder der Stand auf der BAOBAB-Messe, an dem mir freundliche Frauen äthiopischen Kaffee in kleinen Porzellanschalen für einen Euro anboten.

Irgendwann traf ich auch einen Mann mit Hut und in grünem Expeditions-Outfit, der sich als Matthias Oberg vom NARUD e.V. vorstellte. Er hat das Ganze hier auf den Platz gebracht. Ganz fest versprach ich ihm, dass ich über das Turnier in unserem Kiez-Magazin berichten werde. Aber dann stellte sich heraus, dass es wichtigere Neuigkeiten gab. Vor einem türkischen Späti war eine Handgranate explodiert.

Hitze

Samstagnachmittag in der Müllerstraße. Nur wenige Menschen sind auf der Sonnenseite unterwegs. Das Weltmeisterschaftsfahnenmeer vor dem Müller-Shop weht matt in einem heißen Wind, der keine Abkühlung bringt. Jeder BVG-Bus, der vorbeikommt, wirft einen neuen Schwall von Dieselabgasen und heißer Abwärme auf die Passanten.

Die Bauarbeiter an der Dauerbaustelle neben der Schiller-Bibliothek haben sich auf dem seit Jahren abgesperrten Trottoir eine private Plansche gebaut, in der kalkiges Wasser dümpelt.

Die richtige Plansche für die Kinder im Schillerpark ist kaputt. Reparatur kann dauern, sagt das Bezirksamt. Aber die Kinder wissen sich zu helfen. Vor dem Bolu-Supermarkt sprüht der alte, wettergegerbte Verkäufer mit einem Gartenschlauch den Gehweg ein, um sein Gemüse abzukühlen. Unentschlossen stehen ein Junge und ein Mädchen vor dem schnurrbärtigen Mann. Dann trauen sie sich, in den gesprühten Nebel hinein zu springen. Sie lachen, hüpfen hin und her, aus dem Wasser raus und wieder rein. Der Verkäufer macht das Spiel mit, bis die Kinder von ihren Eltern weiter gezogen werden.

Als Nächster kommt schon der Verkäufer-Kollege in der blauen Schürze und hält dem Alten das Gesicht hin. Vorsichtig streicht er von Weitem mit seinem Wasserstrahl über Gesicht und Arme des Mannes. Ein kleines Mädchen mit Sommerkleid und hellem Strohhut steht mit seiner Mutter schüchtern daneben. „Willst du auch mal?“ fragt der Verkäufer. Das Kind nickt. Aber da kommen nur noch ein paar Tropfen aus dem Schlauch und laufen über seine blassen Beine. Enttäuschte Kinderaugen sehen den Verkäufer stumm an. Der lacht und drückt auf den Vernebler und das Kind steht in einem kühlen Tropfenvorhang und dreht sich.

Appetithäppchen

Abends um elf, im Dönerladen „Rehberge Bistro“. Ich komme aus dem Kino. Habe mir „Silent Friend“ angeschaut. Im Herzen ist mir warm, aber für den Bauch brauche ich noch was Warmes. Das Bistro ist direkt neben dem U-Bahnausgang. Die Hühnersuppe ist hier besonders gut und wird mit einer reichen Beilage aus frischem Gemüse und Pepperonis von der Dame des Hauses selbst an den Tisch gebracht. Neben mir sitzt ein drahtiger, nicht mehr ganz junger Mann mit etwas wie einer weißen Taucherbrille im Gesicht. Ganz verschwommen sieht man durch das Glas seine Augen. Er blickt auf die leere Wand neben mir, nuckelt an einer Cola und spielt auf seinem Handy. Neben so einem Alien schmeckt mir mein Essen nicht. „Was sehen sie denn da?“, frage ich, um in Kontakt zu kommen. „Die Bilanzzahlen von Apple. 40 Milliarden Dollar Gewinn“, haucht er ins Nirgendwo. Anscheinend ist er auch an einem Gespräch interessiert, denn nach zwei drei weiteren Fragen zieht er die Brille aus. 

Er sieht auf meine Hühnersuppe. „Also das würd‘ ich nicht essen. Wissen Sie, was da drin ist? Das ist doch alles voller künstlicher Hormone.“ „Ja“, sage ich, „aber es macht warm und es gibt frisches Gemüse dazu.“ Es stellt sich heraus, dass er bis vor Kurzem im Nachbarladen gearbeitet hat, der Vegane Bowls verkauft. Jetzt ist er auf Bürgergeld, aber der missionarische Eifer bleibt. „Ich ess ja auch mal einen Döner, aber bei so einer Bowl, da weißt du, was drin ist. Und alles regional.“ Er redet weiter, über Aktienkurse (er hat keine Apple-Aktien), wann man sich was anschaffen kann (wenn man das Geld hat), und wie lange er auf die VR-Brille gespart hat. Als meine Suppe alle wird, sind wir schon bei seiner On-Off-Beziehung. Ich zahle und schaue noch mal zurück: Er hat die Brille noch nicht wieder aufgesetzt.

Tags drauf,  bei Kaufland an der Kasse. Ich lege vier große Tafeln Schokolade auf das Fließband. Die Kassiererin ist eine kleine Frau, nicht mehr jung und vom Leben hart gezeichnet. Mit Leib und Seele ist sie bei ihrem Job. Eben noch hat sie ich vor mir länger kichernd mit einem bärtigen Mann unterhalten, den sie wohl kannte und hat ihm gute Tipps zu den fünf kleinen Kartons mit Damenbinden gegeben, die er aufs Band gelegt hatte. Jetzt bin ich an der Reihe. „Dit sind aber nicht die aus dem Sonderangebot.“, warnt sie mich, als sie die Schokolade in die Hand nimmt . „Nur die Kleenen gibts für 1 Euro, die hier kosten 4,99.“ „Ich weiß“, sag ich, „Aber heute gibt`s Zeugnisse und da kriegt jedes von meinen Kindern eine große Tafel.“ „Also ick würde ja meinen Kindern nich so wat jehm.“, werde ich belehrt. „Wissense wat da drinne ist? Lesense ma Stiftung Warentest. Da wird ihnen übel. Da is Zuckerwatte noch gesund dagegen.“ „Ja“ sag ich, „haben sie Recht, aber heute ist eine Ausnahme.“ „Also ick muss den Mist ja hier vakoofen, aber selber rühr ich den Kram nich an.“ „Und welche Schokolade essen sie?“, frag ich genervt. Sie winkt mich übers Band und ich beuge mich zu ihr runter: „Nehmse einfach Kakao, in den Topf, bisschen Mehl dazu und ein ganz bisschen Zucker, rühren, fertig. Ist lecker, sag ich ihnen.“

Frechdachse

Abends vor Denns Biomarkt in der Müllerstraße. Ich will mein Fahrrad vor dem Ladenschaufenster in der Seitenstraße abstellen. Zwei Jugendliche kommen auf mich zu: „Da dürfen Sie keine Fahrräder abstellen.“, sagt der Kleinere wichtigtuerisch im Straßenslang. Der Ältere weist mit dem Arm ins Dunkle, wo an einem Laternenmast mehrere Fahrräder stehen. „Da hinten müssen Sie hin!“, will er mich dirigieren. Die beiden können das schon ganz gut nachmachen, das typisch berlinerische Rumkommandieren. „So so“, sag ich. „Ich bleib aber mal hier stehen.“ Der Kleine gibt noch nicht auf. Er hebt sein riesiges Handy vor seinen Mund: „Dann ruf ich jetzt die Polizei.“, droht er und versucht, dabei so entschlossen zu klingen, wie ein 12-Jähriger klingen kann . Wo er das nur her hat? Lernen die Kinder das jetzt in der Schule, oder ist die Straße ihre Schule? Ich greife in meine Hosentasche und hole meinen Dienstausweis raus. Der ist grau und sieht sehr amtlich aus. In der Dunkelheit sollte es für einen Bluff reichen: „Ich bin von der Polizei.“, brumme ich und hebe den Ausweis nur ein bisschen hoch. „Au Scheiße!“ Der Kleine hüpft ein Stück zurück und verschwindet blitzschnell in der Dunkelheit. Er grinst dabei diebisch. Wir sind quitt.

Lola

Wandmosaik an der ehemaligen Berufsschule Naumburg/Saale

„I met her in a place down in old Soho where you drink champagne but it just tastes like cherry cola“ (The Kinks, Lola)

Nee, ganz so war es nicht. Es war nicht Soho, es war Wedding, hinterm Bretterzaun von der Baustelle vom U-Bahnhof Seestraße. Da wo es eng wird und wo trotzdem ein paar Stühle und Tische auf dem Gehweg stehen. Und es war auch nicht Champagner und auch nicht Cola sondern Kaffee und Pflaumenkuchen – mit Sahne, bei Thobens Backwaren für 1,95 Euro das Stück. Aber da kam tatsächlich diese Frau..

„She walked up to me and she asked me to dance“. Sie kam direkt auf mich zu, wie ich da so sitze vor dem Bäcker. Sie war ganz in Schwarz von Kopf bis Fuß: Schwarzer Hijab, Schwarzer Umhang, schwarze Turnschuhe und einen schwarzen Hackenporsche hinter sich. Niemand Ungewöhnliches also für die Gegend. Und sie fragte mich, nicht nach einem Tänzchen, natürlich, sondern „Kann ich ihr Geschirr reintragen?“. Das war seltsam. Nicht nur, weil muslimische Frauen in so einem Outfit einen als Mann normalerweise noch nicht mal anschauen und erst recht nicht ansprechen. Nur einmal ist mir das passiert, vor Jahren, als ich den Kinderwagen mit den Zwillingen vor dem Laden des Uhrmachers nicht weit von hier auf der Straße hatte stehen lassen, weil er nicht durch die Tür passte. Da kam eine Frau mit Kopftuch hinter mir her in den Laden und zische mich an: Sie können doch die Kinder nicht alleine draußen stehen lassen, nicht hier in der Gegend.“ Aber das ist eine andere Geschichte. Die Frau hier war anders. Als sie aus dem Backshop wiederkam, stellte sie sich neben mich und fing an zu erzählen.
„I asked her her name and in a dark brown voice she said, „Lola“ Nein,, Lola hieß sie natürlich nicht. Aber ihre Stimme war wirklich sehr dunkel. Und als ich mir sie weiter anschaue, sehe ich, dass auch ihre Hände sehr breit und knochig sind und dass ihr ein Zahn fehlt, ziemlich weit vorne. Aber sie erzählt immer noch und nestelt sich nervös an den silbernen Spangen, die ihr Kopftuch festhalten. Wovon sie erzählt hat weiß ich nicht mehr genau, es war irgendwas mit Äpfeln.

Dann ging sie weiter. Als ich meine Tasse in die Bäckerei zurückbringe frage ich die junge Verkäuferin: „Kennen sie die Dame?“ „Nee“, lacht sie verlegen. „Das habe ich noch nie hier erlebt.“

„Girls will be boys and boys will be girls
It’s a mixed up, muddled up, shook up world.“

Der Gurkenkönig

Samstagnachmittag im Eurogida, einem großen türkischen Gemüseladen im Wedding. Ich brauch noch Obst und Gemüse für‘s Wochenende. Und hier ist es um die Zeit noch günstiger als auf dem Markt hinter dem Rathaus. 70 Cent für eine abgepackte Schale Tomaten auf der noch das Etikett „Kaufland“ klebt, 1,50 Euro für eine Schale Nektarinen. Der Verkäufer draußen an der Waage stopft alles in einen Plastikbeutel. Ob er es nicht wiegen wolle, frage ich, denn ich weiß, dass man es später an der Kasse nicht mehr wiegen kann. Er schüttelt den Kopf und winkt mich weiter. Drinnen gibts drei Avocados für 1 Euro. Ich trage sie brav zur Waage im Laden, aber der junge Mann, der genau so schweigsam ist wie sein Kollege, winkt ab und deutet zur Kasse. Nur wegen der Gurke, die ich mir von einem Stapel geholt habe, meckert er mich an, zieht sie mir aus der Tasche, wiegt sie, klebt ein Etikett drauf und steckt sie zurück in den Beutel. Bei Edeka kosten alle Gurken das Gleiche.

Der Kassierer ist ein stämmiger Kerl mit dunklem Bart und Stiernacken, der auch Türsteher in einem Club sein könnte. Er trägt schwarze Handschuhe und liegt lässig auf seinem Drehstuhl als wäre es der Schalensitz seines Maserati. Vor mir ein eleganter Herr mit gebräuntem Gesicht und gestutztem weißen Bart. Als er meine Avocados auf dem Band sieht, fängt er ein Gespräch an. Wo ich die denn her hätte? Auf dem Markt habe er heute keine gefunden und so weiter. Schon hat er seine Finger auf meiner Ware und drückt sie. Ja, die seien genau richtig, lobt er. Ich lege demonstrativ eine Aluminiumstange zwischen sein Obst und meins. Dann fängt der mit dem Kassierer eine Diskussion an, ob er ihm einen Euro mehr zahlen könne, damit er sich hinterher dann noch die Avocados holen könne. Der Kassierer schaut ihn stoisch an. „6 Euro 50“, ist alles, was er sagt. „Er versteht mich nicht.“, sagt der Mann resigniert zu mir und zuckt die Schultern. Da ruft der Kassierer seinem Kollegen drei Regale weiter etwas zu und kommandiert den Avocado-Mann „Du gehst zu Ihm. Und 7 Euro 50.“ Das wäre geklärt. Ich verabschiede mich und wünsche meinem Gemüsefreund viel Glück. Jetzt bin ich dran. Wortlos wird mein Einkauf über die Kasse gezogen. Aber bei der Gurke stutzt er. Das Etikett ist abgefallen. „Die musst du wiegen lassen.“, brummt er und zeigt mit der Gurke nach da wo ich her komme. „Die hat dein Kollege schon gewogen.“, brumme ich schlecht gelaunt zurück. Ein Blick, dann ein schneller Dreh auf dem Stuhl, ein Ruf und meine Gurke fliegt durch den halben Laden, bis sie der Mann an der Waage auffängt. Rückwärts geht es vorsichtiger über eine alte Frau mit Kopftuch, von Hand zu Hand. Jetzt hat meine Gurke ein Etikett, „0,57 Euro“ und wird über den Scanner gezogen. Bei Edeka hätte es länger gedauert.

Mein kleiner grüner Kaktus

War ein wildes Wochenende. Fing damit an, dass mein Sohn, jetzt 13, zum ersten Mal allein mit der S-Bahn zu mir gekommen ist. Na ja, fast. Eigentlich muss man drei Mal umsteigen, und bevor er mir dabei verloren geht, hab ich ihn beim ersten Umsteigebahnhof abgeholt. Aber immerhin. Ein erster Schritt. Für ihn und für mich. Und als wir am nächsten Tag von der Bibliothek kommen ist auf dem Sportplatz in unserem Viertel ein Fußballfest. Der 3. Africacup Berlin. Stand nirgendwo – außer bei Instagram, aber da bin ich nicht. Aber eine Menge los. Alles junge Leute mit afrikanischen Wurzeln. Und obwohl das Viertel in dem ich wohne das Afrikanische Viertel ist und an der Afrikanischen Straße liegt, habe ich noch nie so viele schwarze Menschen meinem Viertel gesehen. Und so gut gelaunt. Fußball war Nebensache (ist es sowieso), es war mehr Party und ein stolzes Zusammenkommen der Community. Damit das alle in meinem Viertel erfahren bin ich schnell nach Hause und hab meinen Fotoapparat geholt. Dann habe ich den Jungs am Eingang gesagt, dass ich von der Presse bin und wir haben VIP-Bändchen bekommen, in Gold, mit dem Buchstaben VIP drauf. Das hat meinem Sohn natürlich gefallen. Ich hab wild geknipst aber das Eigentliche hab ich mich nicht getraut: Die vielen unterschiedlichen Gesichter. Ich hätte fragen müssen, die Spieler und die Spielerfrauen, die Köche an Ständen mit den frittierten Kochbananen und den Fischen. Hab ich aber nicht. Aber ein bisschen Atmo kommt hoffentlich doch rüber.

Dann hat es angefangen zu regnen und wir sind nach Hause gegangen. Ich hab den Artikel für unseren Kietz-Blog getippt und mein Sohn hat die Comics gelesen, die er aus der Bibliothek mitgebracht hat. Dann haben wir die Kochbanane gebraten, die wir uns mitgenommen hatten. Mein Sohn hat sie tapfer probiert und ich hab den Rest gegessen – mit Pflaumenmus, passt ganz gut mit den ganzen Nelken und dem Zimt dadrin. Nächsten Tag sind wir ins Kino gegangen in einen Zeichentrick über Außerirdische, die dicke Panzer anhaben aber darunter kleine Würmer sind. Im Kino lernt man was fürs Leben. Mein Sohn hat gelernt, dass er beim nächsten Mal nicht wieder einen ganzen Eimer salziges Popcorn bestellt, den hat er nämlich doch nicht geschafft. Ich hab ihn dann wieder in die S-Bahn gesetzt und bin zu meiner großen Tochter gefahren. Die wohnt in Neukölln, das ist am anderen Ende der Stadt, aber was macht man nicht alles. Sie hat gesagt, ihr Fahrrad sei kaputt. Also hab ich Werkzeug eingepackt. Aber als ich angekommen bin, ging es gar nicht um das Rad, sondern um die IKEA-Küche, die sich über eBay gebraucht gekauft hatte. Aber das war keine Küche sondern eine Ansammlung von weißen Würfeln aus Presspappe und Blech. Aber sie hat gewußt, wie das zusammengehört. Und obwohl ich noch nie eine Küche zusammengebaut habe, und obwohl wir uns erst mal bei der Nachbarin mit den zottligen rotgefärbten Haaren eine Wasserwaage leihen mussten (meine Tochter dachte, das geht auch mit dem iPhone, ging aber nicht) haben wir das in zwei Stunden so einigermaßen hingestellt. Wir waren richtig stolz auf uns. Das Fahrrad haben wir auch noch repariert und ich hab meiner Tochter die Luftpumpe dagelassen, denn Luft war das Einzige was fehlte. Dann bin ich noch zu meiner ehemaligen Kollegin nach Kreuzberg gefahren, das ist um die Ecke, die in der SPD ist. Wir haben eine Flasche Sekt geleert und uns überlegt, wie das weitergehen kann mit der SPD. Ich bin nicht in der SPD, aber wir haben viele Jahre zusammen politisch gearbeitet, und wenn man helfen kann… Wir sind aber auf keine Idee gekommen auf die nicht Frau Reichinek oder Frau Wagenknecht auch schon gekommen sind. Trotzdem bin ich nach Mitternacht ziemlich fröhlich zurückgeradelt. Auf der Friedrichstraße war die Polizei noch dabei, die letzten Herumtreiber von „Rave the Planet“ zusammen zu sammeln, die auf einem Baugerüst des ehemaligen Kaufhauses Lafayette turnten. Ich glaube, ich habe da nix verpasst.

Und warum kleiner grüner Kaktus? Weil ich, als mein Sohn auf dem Sofa seine „Brainrot“-Filmchen geguckt hat, einfach auf mein Balkon gegangen bin. Da steht ein Blumentopf in den ich ein Tütchen Wiesenblumen gesäht habe, die ich mal als Werbegeschenk vom Behindertenbeauftragten der Bundesregierung geschenkt bekommen habe – nicht persönlich natürlich, aber sein Logo und der Bundesadler waren auf der Verpackung. Nicht alles was die Regierung säht, gedeiht, aber die Blumen stehen mittlerweile in voller Blüte – immer eine Sorte nach der anderen. Und weil die Schönheit so vergänglich ist, habe ich meine Kamera genommen, das Objektiv verkehrt herum draufgeschraubt (so kriegt man ein improvisiertes Makro-Objektiv- hab ich bei You Tube gelernt) und bin ganz nah dran gegangen. Man muss sich ein bisschen konzentrieren und etwas Geduld haben, aber das ist ja das Entspannende. Ich mag es, wenn die Bilder etwas enthüllen, was mit bloßem Auge nicht zu sehen ist, eine eigene Welt und es gefällt mir auch, dass die Blüten, anders als die Smartphone-Fotos, ein bisschen unscharf werden, und wirken wie eigene Wesen. Na ja, schaut selbst.

Im Königreich Gardinestan

Manchmal möchte ich ja dem Motto meines Blogs wieder Ehre machen. Dann fasse mir ein Herz und gehe durch einer der Türen, die in unserm Viertel immer offen stehen. Und manchmal entdecke ich dabei ein verborgenes Märchenland: Gardinestan! Es hat einen geheimnisvollen Namen. Es liegt gleich neben Babylon und nicht weit weg von den Kabul Nights. Manchmal ist es schwer zu finden, doch nie war es ganz verschwunden. Jetzt ist es wieder in voller Pracht aufgetaucht: Nicht hinter den sieben Bergen, nicht im wilden Kurdistan, sondern wieder in der Müllerstraße im Wedding. Und um seine Bewohner und ihre Schätze zu entdecken, muss man nur durch die neue goldene Pforte treten. Und manchmal trifft man dabei eine orientalische Prinzessin, die keine sein will.

Es ist kein Reich voll Tüll, Taft und Teppichen, auch wenn der orientalische Name etwas anderes vermuten lässt. „Gardinestan“, egal wer sich diesen Namen ausgedacht hat, er hat einen Treffer gelandet. Der markante gold-blaue Schriftzug bevölkert schon lange die Blogs und Instagram-Profile über den Wedding. „Gardinestan“, das klingt wie ein fernes Land, das irgendwo zwischen Afghanistan und Usbekistan an der Seidenstraße liegen könnte, ein geheimes Königreich, aus dem legendäre handgeknüpfte Teppiche kommen. Und gleichzeitig könnte es eine selbstironische Anspielung sein auf das Multi-Kulti im Wedding, auf orientalische Teppichhändler und auf das, was hier wirklich verkauft wird: Schimmernde Fenstervorhänge und – na ja: Gardinen.

„Vielleicht ist es auch nur eine Abkürzung von ‚Gardinenstange'“, vermutet der nüchterne Verkäufer, der mich durch den Laden führt. Er ist durch und durch Händler. „Schauen sie!“, wirbt er für seine Ware. „Das ist ein wirklich lichtdichtes Gewebe.“ Zum Beweis hält er seine Handy-Lampe unter eine Stoffprobe. Der Lichtfleck dringt nicht durch. Zum Vergleich zeigt er mir ein leichter gewebtes Stück: blickdicht, aber nicht lichtdicht. Einen Unterschied, den mir bei IKEA, wo ich bisher meine Vorhänge kaufte, keiner gezeigt hat. Und vielleicht ist diese Expertise und die Leidenschaft für den Stoff das wirklich Exotische an diesem Geschäft: „Gardinestan“ ist das letzte Gardinen-Fachgeschäft an der Müllerstraße. Erst vor Kurzem hat das „Ideal“-Gardinenhaus aufgegeben und die Gardinenabteilung von Karstadt am Leopoldplatz ist seit vergangenem Jahr Geschichte.

Aber um das Königreich hinter den seidigen Stores muss man sich keine Sorgen machen, auch wenn der markante Schriftzug für eine Weile von der Fassade verschwunden war – das Haus wurde renoviert. Denn die Kundschaft kommt nicht nur aus dem Wedding, sondern aus ganz Berlin und Brandenburg, verrät mir Fatih Genc, einer der Inhaber. Deshalb, und wegen des guten Online-Geschäfts, sei man durch die Veränderungen und die Geschäftsschließungen in der Müllerstraße auch nicht zu stark betroffen. Man habe Angebote zwischen 20 Euro und 300 Euro pro Meter Gardine. Damit sei man unter den etwa 60 Gardinenläden in Berlin noch nicht im obersten Preissegment, ergänzt sein Verkäufer eifrig. Im Schnitt werde im Wedding 100 Euro pro Meter ausgegeben. Für seine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung habe er 1200 Euro für Gardinen und Vorhänge angelegt, verrät er mir. Teppiche habe man auch, aber eher Zusatzangebot und als Sonderangebot für die Laufkundschaft. Soviel zum Thema Wunschvorstellungen.

Im Hinausgehen versuche ich Aişe Genc, der Tochter von Mitgründer Cengiz Genc, zwischen edlen S-Linien-Gardinen und Lamellen-Rollos doch noch das Geheimnis des magischen Namens zu entlocken. 
Im Handelsregister eintragen ist die Firma als „Jung CFO GmbH“. Der Name sei eine Verbindung der Anfangsbuchstaben der drei Brüder Cengiz, Fatih und Oktay Genc, die das Geschäft gemeinsam führen und der deutschen Übersetzung ihres Nachnamens – Genc heißt jung, verrät Frau Genc. Ein Rätsel gelöst. Bleibt noch das Geheimnis um „Gardinestan“. „Er hat schon was mit Ländern wie Afghanistan zu tun,“, lächelt sie, „obwohl mein Vater und seine beiden Brüder aus der Türkei stammen.“ Ihr Vater habe die Idee gehabt. Mehr verrät sie nicht. Ob sie später mal das Geschäft übernehmen wolle, sozusagen als Kronprinzessin von Gardinestan, frage ich sie. „Nein“, lacht sie. „Ich studiere Bio-Informatik an der FU.“

The Good, the Mad and the Ugly

Es ist mitten in der Fastenzeit, aber das türkische Café ist rappelvoll. Die Sonne hat die deutschen Nachbarn ans Licht geholt, schließlich ist Sonntagnachmittag, da geht man Kaffee trinken. Man sieht ihnen an, dass sie den Winter in ihrer Wohnung verbracht haben. Die Sonne scheint auf bleiche schlaffe Haut, zigarettengelbe Hände, ausgewachsene Dauerwellen und ausgewaschene T-Shirts mit Totenkopf. Manche kommen im E-Rollstuhl, manche mit kurzen Turnhosen, manche mit verschossenen altrosa Leggings. Es wird Frühling in Berlin.

Ich finde einen Platz an einem Tisch in der Sonne, neben einem drahtigen schwarzen Mann und seiner etwas helleren Tochter, die an einer Limonade im Tetrapack nuckelt. In einfachem Deutsch erklärt er ihr, warum es wichtig ist, aufs Gymnasium zu gehen. „Da sind gute Menschen“. Dann fängt er an ihr die Immobilienpreise zu erklären. Er ist ein Checker. Das Mädchen holt sein Handy raus, er rechnet weiter: „Für das was du für ein Haus in Brandenburg bekommst, bekommst du in Berlin eine Eigentumswohnung, und die wird immer mehr wert…“ Sie schaut auf sein altes Handy auf deren Rückseite zwei Bilder lockenköpfiger Kinder kleben. „Wann kriegst du endlich ein neues Handy?“, fragt die Kleine. Eine Nachbarin kommt vorbei, lacht und knuddelt das Mädchen. „Was macht Jonas jetzt?, fragt sie. „Ach der geht jetzt zur Bundeswehr.“ „Ja die Bundeswehr gibt ihm einen Halt.“, doziert der Vater. „Besser ist es, eine Ausbildung zu machen. Aber wenn man keine Ausbildung macht, ist die Bundeswehr gut für Männer.“ Aus einem Rohr an der Wand pladdert Wasser auf den Gehweg und das Mädchen verzieht angeekelt sein Gesicht. „Das ist nicht aus der Toilette.“, beruhigt der Vater sie, das schüttet man in Europa nicht auf die Straße, das kommt vom Dach.“, sagte er und schaut mich Bestätigung wünschend an. Ich verfolge das Rohr bis zum ersten Balkon. „Das ist Blumenwasser.“, sage ich beschwichtigend. „Da gießt jemand seine Blumen auf dem Balkon. Es ist Frühling.“ „Ja, Blumenwasser!, lacht mein Tischnachbar befreit und das Gesicht des Mädchens entspannt sich. Ich muss weiter: Milch kaufen bei Jashims Tante Emma Laden. Gestern war Frauentag in Berlin, da waren die Geschäfte zu. Aber das habe ich zu spät gemerkt. Jashim ist immer da. Mit seinem roten, hennagefärbtem Bart und und seien immer etwas müde blickenden Augen, seiner Frau und den drei Kindern, die im Laden rumhängen. Aber heute ist Jashim weg. Stattdessen ist ein junger Mann hinter der Theke. „Jashim hat Urlaub.“, sagt er mir auf meine Frage. „Und wo ist er hin? „Nach Mekka!“ „Auf die Hadsch?“ Der Verkäufer nickt anerkennend. „Darf man das denn im Ramadan?“ „Das wird sogar doppelt belohnt.“, belehrt er mich eifrig. Ich frag nicht nach, worin die Belohnung bestehen soll. Aber das Jashim zum Glauben gefunden hat, merkte ich schon, als er vor zwei Jahren aufhörte, Bier zu verkaufen. Seitdem ist sein Laden ziemlich oft leer. Der Fußballverein, dessen Bilder und Pokale die Wände zierten, hat sich wohl ein neues Vereinslokal gesucht und die Alkis, die immer auf der Zeitungskiste vor dem Laden ihr Bier tranken, sind in die „Gemütliche Ecke“ gegenüber gewechselt. Dafür gibt es jetzt Bio-Milch für 2,40 Euro und natürlich Hafermilch. Da wo die Bierkästen standen, steht jetzt eine Kühltruhe mit Eis am Stiel. Der Sommer kann kommen.