Familientradition

Es fing damit an, dass eine Kollegin fragte, ob jemand Quitten haben möchte. Das war ein verführerisches Angebot, denn meine Mutter kochte immer ein wunderbares Quittengelee, in dem meist eine Nelke herumschwamm und auf dem oben ein in Rum getränktes Papier sein Aroma langsam in das rotgolden schimmernde Glas abgab. Immer, wenn ich nach Hause kam, bekam ich ein paar Gläser eingepackt. Und noch Jahre nachdem sie gestorben war und mein Bruder längst das Elternhaus übernommen hatte, standen noch ein paar Gläser im Kellerregal. Meine Schwester, die den Quittenbaum in ihrem Garten hatte, führte die Tradition nicht weiter. Kinder, denen sie die Gläser zustecken konnte, hatte sie keine und für sich und ihren Mann allein fand sie die Prozedur zu anstrengend. Noch eine Weile verschenkte sie die Quitten an die türkischen Nachbarn, dann wurde der Baum gefällt.

Aber natürlich ist sie die erste, die ich anrufe, um zu erfahren, was ich mit den drei Kilo Quitten anfangen soll. „Hast du noch das Rezept von Mama, für die Quitten?“. „Nein, Rezept habe ich keins, aber ich weiß noch, dass sie immer ein Handtuch zwischen die Beine von einem umgedrehten Stuhl gespannt hat.“ Das ist nicht viel, aber ein praktischer Anhaltspunkt. Den Rest erklärt mir eine andere Kollegin – „Immer Gelierzucker 3:1“ – und die Schweizer Landfrauen im Internet.
Dort, wie überall, steht, dass Quitten hart sind, und dass man ein gutes Messer braucht, um sie klein zu schneiden. Aber wieder zeigt sich, dass man nicht alles glauben soll, was im Internet steht. Mit einem 1-Euro-Küchenmesser lassen sich die kernigen Früchte in einer halben Stunde fertig für den Topf machen. Wieder was gelernt. Den großen Topf aus dem Keller geholt und alles ins Wasser gegeben. Dann noch mal das Rezept angeschaut: Der Saft von zwei Zitronen soll ins Kochwasser. Die Flasche mit dem Zitronensaft ist aber alle und jetzt nochmal zum Edeka will ich auch nicht. Unter der Spüle finde ich „Heitmanns Zitronensäure“ – mein Wundermittel gegen das kalkige Berliner Wasser. Aus meinen Ferienjobs in der heimischen Limonadenfabrik weiß ich, dass man das Pulver auch für Lebensmittel gebrauchen kann. Damals schütteten wir säckeweise Zitronensäure und Zucker in einen Bottich und raus kam klare Zitronenlimonade. Aber wieviel Säure ist zwei Zitronen? Beherzt nehme ich einen gehäuften Teelöffel. Das passt immer. 40 Minuten soll alles kochen. Zeit genug, die elterliche Stuhkonstruktion nachzubauen. Tatsächlich passt ein Geschirrtuch genau zwischen die Stuhlbeine und mit etwas Bindfaden um jedes Bein lässt sich damit auch eine belastbare Filteranlage bauen. Und auch der heiße Inhalt des Topfes passt genau in das Handtuch. Ja Mutter, du hattest immer recht! Schau wie dein Sohn in deine Fußsstapfen tritt. Spät zwar, aber immerhin.
Golden fließt der Saft. Die Schweizer Landfrauen raten mir, den Saft über Nacht abtropfen zu lassen. Das mag in der Schweiz richtig sein. Aber in Berlin hat man anderes zu tun, da wird Geschichte gemacht, da muss es flott gehen. Also rühre ich mit einem Holzlöffel im heißen Obstbrei herum, drücke und presse den letzten Tropfen Saft heraus… bis der erste Bindfaden sich löst, dann der zweite und dann der ganze Brei in die Schüssel darunter platscht, der Saft bis an die Wand spritzt (wollte ich sowieso neu streichen) und der Rest auf dem Boden landet. Anfängerpech. So kurz vorm Ziel, lasse ich mich nicht entmutigen. Also neues Handtuch, neue Schüssel, alles noch einmal durchlaufen lassen (ich überlege, ob ich später „feinfiltirert“ auf das Marmeladenetikett schreiben darf?) und die Küche zwei mal durchgewischt, bis nichts mehr klebt. Jetzt lasse ich die Apparatur wirklich über Nacht stehen und gehe erstmal in den Keller – Gläser holen.
Eigentlich finde ich in meinem Keller immer alles, denn ich hebe alles auf. Alte Schuhkartons, Fahrradteile, Weihnachtsschmuck und auch Weck-Gläser -dachte ich. Aber die müssen beim letzen Umzug weck geblieben sein. Und kaufen kann man die auch nicht mehr, denn die Weck-Glasfabrik aus Bonn ist pleite. Zum Glück werkelt der Nachbar in seinem Verschlag und der reicht mir – nur ein bisschen genervt – eine Kiste mit verstaubten Weck-Gläsern aus Ost- und Westproduktion rüber. Wenn ich darin nicht das Richtige finde, solle ich seine Frau fragen. Sagt’s und verschwindet mit seinem Rucksack auf dem Rücken. Ich finde ein paar schöne bauchige Gläschen und sogar passende Gummis und beschließe, meinen Nachbarn genau diese mit den Früchten meiner Arbeit gefüllt wieder vorbei zu bringen, so wie früher der Bauer dem Feudalherrn den Zehnten. Nach Anleitung der Landfrauen koche ich die Gläser im großen Topf aus (zwei Mal, denn beim ersten Mal hat der Kalk im Wasser die Gläser trübe werden lassen. Was hilft? Beim zweiten Mal ein Löffel „Heitmanns Zitronensäure“ – keine bezahlte Werbung – ins Kochwasser und die Gläser funkeln). Ein Griff in die Werkzeugkiste und ein Rollgabelschlüssel ist das ideale Werkzeug, um die heißen Gläser aus dem Wasser zu ziehen. „Man muss sich nur zu helfen wissen.“, meinte mein Vater immer.

Am nächsten Morgen erwache ich mit Kopfschmerzen. Heute muss die Glocke werden. Schwer lastet die Verantwortung ganzer Generationen marmeladekochender Vorfahrinnen auf meinen Schultern. Der große Topf wird mit dem Saft gefüllt. Eine Packung Zucker kommt dazu und verschwindet im goldenen Sirup. Kaum mag ich glauben, dass da noch eine Packung rein passt, aber auch die versinkt klaglos und löst sich auf. Der Topf brodelt und es riecht wunderbar. Wie in Mutterns Küche im Herbst. Die Gläser stehen bereit und ich fülle und fülle mit der Schöpfkelle die Gläser, aber der Topf will nicht leer werden. Am Schluss fülle in meiner Verzweiflung ein Halbliterglas voll mit dem heißen Goldsaft. Wer soll das alles essen? Meine Söhne? Die kommen ja nur noch selten zu mir. Und selbst wenn ich ihnen ein Glas bei ihrer Mutter zu Hause auf den Tisch stelle, habe ich keine Chance gegen Nutella (wenn sie überhaupt am Frühstückstisch erscheinen). Vatersorgen. Sie werden nur noch überdeckt von der Sorge, ob das Gelee den jetzt auch richtig steif wird. Nichts ist schlimmer als flüssiger Fruchtsaft der sich als Gelee ausgibt. Eine halbe Stunde bangen Wartens, bis die abgekühlte Probe schön wabbelig auf meinem Weißbrot landet. Wunderbar! Es ist vollbracht.

Als ich mir (erschöpft aber glücklich) im Back-Shop nebenan einen Kaffee gönne, merkt die Besitzerin, dass ich was zu erzählen habe. „Was hast du gemacht?“ „Ich hab Quitten gekocht.“ „Wo hast du die her?“ „Von einer Kollegin.“ „Ist die türkisch?“ Nein, Aber sie hat einen Garten hier in Berlin“. „In der Türkei essen wir die Quitten roh, wie Äpfel aber mit Salz. Mag ich nicht. Ist mir zu sauer.“ Ich beschließe ihr ein Glas Gelee vorbei zu bringen.

Mein Freund, der Baum

Herrlicher Herbstmorgen. Blauer Himmel, alles schick. Nach den ersten fruchtlosen Diskussionen über die Protokolle fruchtloser Besprechungen im Homeoffice gönne ich mich den ersten Guten-Morgen-Kaffee aus dem Back-Shop nebenan. Als ich in meinen Kaffeebecher pustend an der Straßenecke stehe, merke ich, dass auf der anderen Seite ein Polizeiwagen hält. Der Wachmeister reicht einem Arbeiter mit schwarzer Wollmütze und Hoodie, der neben einer kleinen Hebebühne steht ein Formular raus und fährt weiter. Was ich noch nicht weiß: Es war der Totenschein für einen alten Freund.

Erst als ich mit den Augen dem jungen Mann folge, der das Papier in seine Hosentasche stopft, sehe ich, dass über der Stelle ungewöhnlich viel blauer Himmel zu sehen ist. Und die seit Jahren geschlossene Kneipe auf der anderen Straßenseite sticht mir mit ihrer vollen Trostlosigkeit ins Auge. Was fehlt ist das schmächtige Ahorn, das das alles mit seinen Ästen gnädig verdeckt hat. Ganz geräuschlos muss heute Morgen, während ich hinter meinem Fenster am Bildschirm versuchte, klare Gedanken zu fassen, der Gartenbauer mit schnellen Schnitten den Baum niedergemacht haben. Wie taub bin ich eigentlich mittlerweile, dass ich noch nicht mal eine Kettensäge höre?

Eifrig fegt der Arbeiter die Äste und Blätter zusammen. „War wohl nix mehr zu machen.“, beginne ich über den von innen verfaulten Stamm des Baumes gebeugt, meine Trauerrede. Denn ganz so unbemerkt soll mein langjähriger Begleiter nicht zu Sägespänen werden. „Nee, der hätte schon längst gefällt werden müssen.“, pflichtet mir der Arbeiter bei. „Aber er hat länger gestanden, als geplant. Da muss man ja viel beachten, die Brutzeiten der Vögel und so.“ Ich merke, dass es ihm auch nicht gleichgültig ist und dass er lieber etwas gepflanzt hätte, als hier Schadensbegrenzung zu betreiben. „Ja, ja“ erteile ich ihm Absolution. „Letztes Jahr bei den Herbststürmen ist ein Baum auf ein Auto gekippt.“ „Ja, ist auch für die Menschen gefährlich, da können schon vorher Äste abbrechen.“ Unwillkürlich schaue ich auf die andere Straßenseite, wo mein Moped unter einem anderen Ahorn steht. Alles gut. Glänzend gelb steht es in der Herbstsonne. Gestern bin ich sogar mit meinem Jüngsten bis zur Bibliothek damit geknattert. Und diesmal hat er sich nicht das Bein am Auspuff verbrannt. Alles gut… Zu gut! Denn warum sehe ich mein Moped überhaupt? Gestern habe ich noch eine Plane drüber gezogen. Heute steht es ohne da. Und es war ja kein Sturm heute Nacht. Mein Nachbar kommt aus der Tür. Er rettet manchmal die Plane, wenn der Wind sie verweht und legt sie mir ins Treppenhaus. Doch heute zuckt er nur mit den Achseln und zeigt auf einen grauen Haufen, der auf dem Gehweg liegt. Ist aber nicht meine Plane, sondern nur ein alter Müllsack. Ich bin also beklaut worden. Zum ersten Mal, seit ich im Wedding wohne. Ich bin erschüttert. Zwei Verluste an einem Morgen, das ist schwer zu verdauen. Aber hilft ja nix. Ich gehe in den Keller und hole die große Plane, die ich sonst unter die Hängematte im Garten lege. Sieht nicht schön aus, aber wenigstes etwas neues Grün vor meinem Haus.

Indian Wedding

Ich bin mal wieder liegen geblieben. Nachts. Mit dem Moped. Kurz vor zu Hause. Auf dem Leopoldplatz. Das ist kein Ort, an dem ich nachts gerne bin. Tagsüber auch nicht. Ist einfach zu viel Elend da. Und zu viel Hektik. Ich bleibe neben der Bushaltestelle stehen, an der die Leute aus der U-Bahn umsteigen in die drei, vier Buslinien, die hier halten und überlege, was es denn jetzt wieder sein kann. Ein junger Mann kommt auf mich zu und spricht mich an. „Beautiful Motorcycle“. Das ist neu. Auf mein Ost-Moped sprechen mich normalerweise nur Jungs mit Ost-Hintergrund an, mit seligem Blick voll der wiedergefundenen Heimat im garstigen Berlin. Der Mann hier kommt auch aus dem Osten, aber aus dem fernen. „Ein Inder“, denke ich, obwohl ich das nicht weiß. Neulich kam ich mit dem Mann ins Gespräch, der bei uns seit ein paar Jahren mit seiner Frau den Kiosk und die Postfiliale schmeißt und der kam aus Sri Lanka. Ist was anderes als Indien, hab ich gelernt, aber war egal. In der Zeitung las ich, dass in Berlin-Mitte die Inder die Polen als größte Ausländergruppe abgelöst haben. Glaub ich sofort. Die Straßen sind voll mit jungen Männern auf E-Bikes, die Essen ausfahren und in meinem Viertel stehen die Räder immer öfter vor den Häusern, in denen sie mit ihren Schicksalsgenossen in Wohngemeinschaften wohnen. Im Schillerpark trainiert eine indische Kricketmannschaft auf der Wiese. Mein Motorradfreund vom Leopoldplatz erzählt mir, dass er auch so ein Motorrad hat, zu Hause, in Indien. Und dass er es sehr vermisst und schon darüber nachdenkt, es sich hierher schicken zu lassen. Schon hat er sein Handy herausgezogen und zeigt mir Bilder von zu Hause. Drei leichte Yamaha-Motorräder, eine wohlhabende Familie. Und ich glaube, dass er nicht nur sein Motorrad vermisst, an diesem letzten sommerlich warmen Abend am Leopoldplatz in Berlin Wedding. Wir reden noch ein bisschen über Motoren, und dass alte Mopeds nicht gut für die Umwelt sind, und dann wird es Zeit weiter zu fahren.

Im Nachbarhaus sind in der Erdgeschosswohnung neue Mieter eingezogen, da wo der alte Messie, der einen immer vom Balkon angequatscht hat, wenn ich mit den Kindern im Hof war, vor ein paar Monaten unbemerkt gestorben ist. Die Wohnung ist frisch renoviert worden. Rot-Weiße Geranien stehen auf dem Fensterbrett, die Landesfarben von Berlin. Am Klingelschild zwei Namen, die klingen wie eine Asana aus meinem Yoga-Kurs, aber kein Lieferando-Fahrrad vor der Tür. Dafür hat einer einen Doktor vor dem Namen. Ich hab meine neuen Nachbarn noch nie gesehen.

Ausflug ins Grüne

In meinem Stadtteil gibt es eine große Unbekannte. Eine sehr große: 80 Hektar groß, 135 Gebäude, 85 Hallen, der Eingang direkt zwischen Kentucky Fried Chicken und Autobahnzubringer gelegen: Die Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr. Als hier noch die französische Armée de l‘ Air einquartiert war gab´s das Deutsch-Französische Volksfest und ab und zu mal eine Parade die Straße runter. Von der Bundeswehr, die hier seit 1994 eingezogen ist, kriegt man wenig mit. Selten sieht man Rekruten und Rekrutinnen beim Gepäckmarsch durch den angrenzenden Park schwitzen, manchmal ein Hubschrauber, aber sonst ist die graue Betonmauer mit Stacheldraht hoch genug, um die Kaserne von der Welt abzuschirmen. Früher gab es mal einen Tag der offenen Tür. Aber das ist dieses Jahr auch nichts geplant, zumindest nicht in der Kaserne. Statt dessen Plakate überall in der Stadt, die für den Wehrdienst werben. Freiwillig, natürlich. Da will ich mal nachhören, was da so los ist und was die Freiwilligen erwartet. Es ist nicht gut, wenn Gesellschaft und Militär nichts voneinander wissen. Außerdem wird es nicht mehr lange so ruhig bleiben. Immerhin las ich in der Zeitung, dass in die Kaserne 190 Millionen Euro investiert werden sollen. So etwas geht an einem Stadtviertel nicht einfach so vorbei. Also frage ich mich mal durch, so als Feierabendjournalist. Ich lande bei einem Presseoffizier, einem mürrischen Oberstleutnant, der mir nach langem Warten schriftlich zur Antwort gibt, dass man „die Anfrage weder von den Kapazitäten noch inhaltlich sicher stellen“ könne. Und außerdem: Die Sicherheitslage. Na gut: Unser Kiez-Magazin ist nicht der Spiegel. Aber auch der machte sich neulich etwas befremdet lustig über das Fremdeln der Truppe mit der Öffentlichkeit. Ich bleibe hartnäckig und bekomme endlich den genervten Anruf, dass die eingereichten Fragen noch vor Ostern beantwortet würden. Ich bin gespannt. Aber jetzt brauche ich ja noch Fotos von der Liegenschaft. Meinen Oberstleutnant will ich nicht noch mal belästigen. Also mache ich einen Sonntagsnachmittagsausflug über die neu angelegte, mit grünen Streifen markierten Fahrradstraße entlang der Kasernenmauer.

Natürlich ist es heikel, in den heutigen Zeiten eine Militäranlage zu fotografieren. Aber nirgendwo sehe ich die im Osten so verbreiteten Schilder, die das Fotografieren verbieten. Sind ja auch eine Demokratie mit Pressefreiheit, schließlich. Dafür wird vor Schusswaffengebrauch gewarnt. Auch nicht gemütlich. Aber so weit kommt es nicht. Das Wachbatalion der Bundeswehr nähert sich leise in einem französischen Elektroauto des BW-Fuhrpark, schwarz mit Eisernem Kreuz. Ein ausgesprochen entspannter junger Soldat in Flecktarn-Uniform steigt auf der Beifahrerseite aus. Wir tauschen Höflichkeiten aus, die von gegenseitiger Wertschätzung, Interesse und dem deutlichen Fähigkeit zur Deeskalation geprägt sind, derweil der etwas derbere Fahrer bereit steht, wenn es nötig würde, unfreundlich zu werden. Gerne zeige ich meinen Ausweis und erzähle von meinem Kontakt mit dem Presseoffizier. Der Soldat wundert sich, als ich ihm von der mühseligen Informationsbeschaffung berichte. Eigentlich seien doch ständig Journalisten in der Kaserne und er sei gerne bereit mir Fragen zu beantworten. Ob es stimme, dass es einen Kindergarten auf dem Kasernengelände gebe, frage ich. „Ja, die Kita „Wilde Wiese“, bestätigt er. Und ob die Elektroleitungen wirklich noch aus der französischen Zeit stammten, wie sein General der Zeitung anvertraut habe? „Ja, die Wasserleitungen auch.“ Doch bald erlahmt seine Konversationsfreude und er fragt mich, was ich heute noch vor hätte. Mit der Kaserne sei ich fertig, ich wolle jetzt essen gehen. Das reicht ihm und er lässt mich ziehen. Ich bin froh, dass ich meine Kamera nicht herausgeben musste und das Elektroauto surrt weiter. Es stimmt nicht, dass die Bundeswehr den Herausforderungen der modernen Zeit nicht gewachsen ist.

Im Königreich Gardinestan

Manchmal möchte ich ja dem Motto meines Blogs wieder Ehre machen. Dann fasse mir ein Herz und gehe durch einer der Türen, die in unserm Viertel immer offen stehen. Und manchmal entdecke ich dabei ein verborgenes Märchenland: Gardinestan! Es hat einen geheimnisvollen Namen. Es liegt gleich neben Babylon und nicht weit weg von den Kabul Nights. Manchmal ist es schwer zu finden, doch nie war es ganz verschwunden. Jetzt ist es wieder in voller Pracht aufgetaucht: Nicht hinter den sieben Bergen, nicht im wilden Kurdistan, sondern wieder in der Müllerstraße im Wedding. Und um seine Bewohner und ihre Schätze zu entdecken, muss man nur durch die neue goldene Pforte treten. Und manchmal trifft man dabei eine orientalische Prinzessin, die keine sein will.

Es ist kein Reich voll Tüll, Taft und Teppichen, auch wenn der orientalische Name etwas anderes vermuten lässt. „Gardinestan“, egal wer sich diesen Namen ausgedacht hat, er hat einen Treffer gelandet. Der markante gold-blaue Schriftzug bevölkert schon lange die Blogs und Instagram-Profile über den Wedding. „Gardinestan“, das klingt wie ein fernes Land, das irgendwo zwischen Afghanistan und Usbekistan an der Seidenstraße liegen könnte, ein geheimes Königreich, aus dem legendäre handgeknüpfte Teppiche kommen. Und gleichzeitig könnte es eine selbstironische Anspielung sein auf das Multi-Kulti im Wedding, auf orientalische Teppichhändler und auf das, was hier wirklich verkauft wird: Schimmernde Fenstervorhänge und – na ja: Gardinen.

„Vielleicht ist es auch nur eine Abkürzung von ‚Gardinenstange'“, vermutet der nüchterne Verkäufer, der mich durch den Laden führt. Er ist durch und durch Händler. „Schauen sie!“, wirbt er für seine Ware. „Das ist ein wirklich lichtdichtes Gewebe.“ Zum Beweis hält er seine Handy-Lampe unter eine Stoffprobe. Der Lichtfleck dringt nicht durch. Zum Vergleich zeigt er mir ein leichter gewebtes Stück: blickdicht, aber nicht lichtdicht. Einen Unterschied, den mir bei IKEA, wo ich bisher meine Vorhänge kaufte, keiner gezeigt hat. Und vielleicht ist diese Expertise und die Leidenschaft für den Stoff das wirklich Exotische an diesem Geschäft: „Gardinestan“ ist das letzte Gardinen-Fachgeschäft an der Müllerstraße. Erst vor Kurzem hat das „Ideal“-Gardinenhaus aufgegeben und die Gardinenabteilung von Karstadt am Leopoldplatz ist seit vergangenem Jahr Geschichte.

Aber um das Königreich hinter den seidigen Stores muss man sich keine Sorgen machen, auch wenn der markante Schriftzug für eine Weile von der Fassade verschwunden war – das Haus wurde renoviert. Denn die Kundschaft kommt nicht nur aus dem Wedding, sondern aus ganz Berlin und Brandenburg, verrät mir Fatih Genc, einer der Inhaber. Deshalb, und wegen des guten Online-Geschäfts, sei man durch die Veränderungen und die Geschäftsschließungen in der Müllerstraße auch nicht zu stark betroffen. Man habe Angebote zwischen 20 Euro und 300 Euro pro Meter Gardine. Damit sei man unter den etwa 60 Gardinenläden in Berlin noch nicht im obersten Preissegment, ergänzt sein Verkäufer eifrig. Im Schnitt werde im Wedding 100 Euro pro Meter ausgegeben. Für seine eigene Zwei-Zimmer-Wohnung habe er 1200 Euro für Gardinen und Vorhänge angelegt, verrät er mir. Teppiche habe man auch, aber eher Zusatzangebot und als Sonderangebot für die Laufkundschaft. Soviel zum Thema Wunschvorstellungen.

Im Hinausgehen versuche ich Aişe Genc, der Tochter von Mitgründer Cengiz Genc, zwischen edlen S-Linien-Gardinen und Lamellen-Rollos doch noch das Geheimnis des magischen Namens zu entlocken. 
Im Handelsregister eintragen ist die Firma als „Jung CFO GmbH“. Der Name sei eine Verbindung der Anfangsbuchstaben der drei Brüder Cengiz, Fatih und Oktay Genc, die das Geschäft gemeinsam führen und der deutschen Übersetzung ihres Nachnamens – Genc heißt jung, verrät Frau Genc. Ein Rätsel gelöst. Bleibt noch das Geheimnis um „Gardinestan“. „Er hat schon was mit Ländern wie Afghanistan zu tun,“, lächelt sie, „obwohl mein Vater und seine beiden Brüder aus der Türkei stammen.“ Ihr Vater habe die Idee gehabt. Mehr verrät sie nicht. Ob sie später mal das Geschäft übernehmen wolle, sozusagen als Kronprinzessin von Gardinestan, frage ich sie. „Nein“, lacht sie. „Ich studiere Bio-Informatik an der FU.“

Mein Osterei

Mein Osterei fand ich schon vor einer Woche im Briefkasten. Es war eine Überraschung, über die ich mich sehr gefreut habe: Matthias hat es nach drei Jahren geschafft, den dritten Band seiner Geburtstagsanthologie für Charles Bukowski „BUK 100“ herauszugeben. Damit hatte ich nicht mehr gerechnet. Das Heft ist wieder sehr schön geworden. Mit Texten von Bukowski himself , von seinen Weggefährten und von seinen modernen Adepten über das Schreiben und über Bukowskis Philosophie (Ja, er hatte eine, er hat auch klassische Musik gehört – es war nicht alles Sex and Drugs and Races, das war seine Kunstfigur Hank Chinaski). Die Geburtstagsausgabe mit ihrem groben Papier und dem einfachen Layout fühlt sich ein wenig so an wie ein echter Bukowski, der viele seiner Gedichte und Geschichten in den 1960ern erstmal in billig produzierten Underground-Magazinen veröffentlicht hat. Auch ein Bierdeckel mit einer Bukowski- Kalligrafie als Lesezeichen gehört zur liebevollen Ausstattung der Ausgabe. Passt!

Bestellt werden kann die dritte Ausgabe hier:

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ODER DIREKT ZU PAYPAL (Mit Versand Adresse!): 15 $ oder 15 € an:

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Und noch ein Osterei habe ich gleich darauf gefunden – ich hatte es mir schon lange selber ins Nest gelegt: Nach seinen zwei ersten „BUK 100“- Heften, hatte Matthias mich gebeten, einen Text über mich und Bukowski zu schreiben. Und tatsächlich gibt es etwas, was den bitteren Poeten und mich verbindet: Der Geburtsort. Wir sind mit ziemlich genau 50 Jahren Abstand im gleichen kleinen Fachwerkstädtchen am Rhein geboren. Und hier ist der Text dazu:

Die Bukowski-Therapie

Es hat lange gedauert, bis ich Hank Chinaski begegnete. Erst als wir beide gleich alt waren, so Mitte 50 fing ich an, seinem Leben zu folgen. Aber dem echten Bukowski bin ich viel früher über den Weg gelaufen, oder sagen wir besser: Ich hätte ihm über den Weg laufen können – vor mehr als 40 Jahren, Im Mai 1978 in Andernach am Rhein. Er besuchte seine Geburtsstadt und ich ging dort zur Schule. Vielleicht sind wir uns wirklich begegnet, wer weiß? Für einen 17-Jährigen sehen alle Männer über 50 gleich aus. Andernach war damals eine Stadt mit einer alten Stadtmauer, einem Gymnasium für Jungen, einem für Mädchen und mit einer großen „Landesnervenklinik“, einem Haus für Menschen, die mit dem Leben draußen nicht klar kamen und in dem schon mein Großvater starb. Wen man bei uns sagen wollte, dass jemand verrückt war, dann hieß es: „Der gehört nach Andernach.“ Charles Bukowski gehörte nicht nach Andernach. Seine Bücher standen nicht in der Bibliothek, und im Englischunterricht lasen wir Stücke von Edward Albee. Bukowski war ja auch nicht verrückt. Er ist aus dieser Stadt abgehauen, so bald er konnte.
Viel später, in Berlin, ziemlich zur gleichen Zeit als ich die Bekanntschaft mit Hank Chinaski und mehreren Nervenärzten gemacht hatte – von denen einige sehr nette Kerle waren – hilft mir Hank nicht verrückt zu werden. Mein Psychiater verzieht leicht angewidert das Gesicht, als ich ihm von Bukowski erzähle. „Destruktiv, reduziert, altes, unbefreites Männerbild.“, ist sein Kommentar. Er versteht nicht, dass Hanks Geschichten für mich entspannender sein können als die Pillen, die er mir verordnet.
Aber warum kann gerade ein dirty old man mir helfen, mich in meinem bürgerlichen Leben zurecht zu finden? Vielleicht, weil er so aus der Zeit gefallen ist. Weil es Hank egal ist, wie er aussieht und welchen Eindruck er auf andere macht. Weil seine Welt überschaubar und seine Bedürfnisse klar sind. Wenn ich die Geschichten lese, fällt die Last der Welt von mir ab. Ich denke nicht mehr daran, was andere Menschen über mich denken könnten, wenn sie in meine Wohnung kommen, die nicht staubfrei ist. Ich kümmere mich nicht mehr um die Flecken, die vielleicht auf meiner Hose sein könnten und ich mache mir keine Gedanken darüber, wie ich korrekt auf Frauen zugehe. Weil es solche Gedanken bei Hank nicht gibt. Es gibt nicht die Frage, ob man den Müll in die richtige Tonne geworfen hat und ob man damit die Welt ein Stück besser gemacht hat. Es gibt nur Müll. Und er liegt in seiner Wohnung rum und er betrachtet ihn, beschreibt ihn, ohne dass er sich groß Gedanken darüber macht. Er schuldet der Welt nichts und er verlangt nichts von ihr. Er will nichts richtig machen, will die Welt nicht retten. Er will einfach nur über den Tag kommen, ohne dass er zu viele Nackenschläge abbekommt. Hanks kleiner Kosmos in South Hollywood, das Leben zwischen Post Office, Bars und Rennbahnen erscheint mir fast schon als Sehnsuchtsort. Eine Welt in die ich mich gerne flüchte, wenn ich in der wirkliche Welt von heute, einer Welt voller Selbstoptimierer und Instagram-Junkies, die Orientierung zu verlieren drohe. Bukowski bringt mich runter, wenn die Nerven flattern. Bei Woody Allen hat Humphrey Bogart in „Mach’s noch einmal Sam“ den Part des Lebensberaters für einen Stadtneurotiker übernommen. Bei mir ist es Hank. Er ist meine Beruhigungspille in aufgeregten Zeiten. Aber ich muss aufpassen, dass ich keine Überdosis davon nehme.

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Stayn alive

Nein, Alkohol ist auch keine Lösung, obwohl das viele hier versuchen. Und nach der Sylvesternacht nüchtern durch mein Viertel zu gehen, ist an diesen unwirklichen Tagen zwischen den Jahren wirklich nicht einfach. Geflüchtet unter ein Brandenburger Flachdach komme ich am Neujahrstag zurück und mache meine jährliche Runde um den Block. Aber ich weiß immer noch nicht, ob das hier noch lebt, oder ob ich in einer untoten Stadt gelandet bin. Freunde waren im vergangenen Jahr in den USA und erzählten von Stadtzentren, in denen alle Läden geschlossen waren und sich auf den Straßen nur noch Menschen bewegten, die wie Zombies aussahen. Ich sach mal: Den Flug hätten sie sich sparen können. Hätten sie sich mal in die BVG gesetzt und wären mich besuchen gekommen. Allerdings: Weit wären sie damit nicht gekommen. Denn seit Sylvester fährt die Straßenbahn hier nicht mehr. Ausgestorben und leer sind die Haltestellen, verstummt die ratternden Schienen, ein großer Krater mitten auf der Strecke. Keine Kugelbombe wars, sondern ein 100 Jahre altes gusseisernes Wasserrohr ist gleich nach dem Feuerwerk geplatzt. Zu viel Vibration. Hätte längst ausgetauscht werden sollen, aber das hätte ja bedeutet, dass man die Straßenbahn hätte stilllegen müssen. Jetzt kann man hier Geisterbahn fahren, oder schnallt sich besser gleich die Rollschuhe unter.

Menschen, die unter einem Haufen Decken schlafen, und bei denen man nicht weiß, ob darunter noch ein lebender Körper liegt, gibt es hier auch in vielen Hauseingängen. So viele, dass ich sie schon nicht mehr wahrnehme. Einem, der immer würdevoll aufrecht vor einem neu renovierten leeren Ladengeschäft sitzt und aussieht wie eine Mischung zwischen Weihnachtsmann und indischem Guru hab ich gestern ein paar Münzen in die Filzpantoffel gesteckt, die er vor seinem Lager aufgestellt hat.

Bleiben die Zombie-Läden. Es werden immer mehr Läden in den Haupt- und Nebenstraßen, bei denen ich mich frage: Lebt da noch was? Machen die noch mal auf? Wird das noch was oder kommt da noch was Neues? Laden zu, Auslage leer und nicht immer ein Schild, das einem sagt was hier mal war, ob hier was kommt, oder ob einfach nur bis zum Ende der Weihnachtsferien zu ist. Der Uhrmacher, der Optiker und der Musikalienladen sind schon lange weg. Hier sind jetzt ein Shisha-Shop, eine Obdachlosenberatung oder auch einfach das Nichts eingezogen.

Und dann gibt es noch die Geschäfte, von denen man denkt, die sind doch bestimmt tot, da ist doch alles vorbei. Und dann brennt da doch noch ein kleines Licht, dann geht es doch irgendwie weiter. Die Fischerpinte am Plötzensee, die noch so lange leben darf, bis der Besitzer stirbt, der Angelladen, der gleich neben den leeren Schaufenstern seines alten Geschäfts ein neues Geschäft aufgemacht hat, der Buchladen, den die beiden Besitzer schon mehr als 40 Jahre führen und so lange offen halten wollen, bis sie umfallen. Und der windschiefe Kiosk von Herrn Nguyen, der die Nachbarschaft mit Schnaps und guten Worten versorgt. Und natürlich der Karstadt. Dieser riesige leere Betonklotz, der mit seinen zerrissenen und im Wind wehenden grauen Sicherungsnetzen an der Fassade schon von alleine aussieht wie eine Kulisse aus einem Endzeitfilm. Am Anfang des Jahres soll hier ein LIDL einziehen. Wenigstens ins Erdgeschoss. Na, ist doch was.

Ja und noch schöner ist es im neuen Jahr was wirklich Neues zu entdecken. Gleich neben dem nassen Loch in der Straßenbahntrasse sehe ich in der Nebenstraße diesen strahlenden Engel. Ein Geschäft mit Glamour und Schönheit in dieser grauen Ecke. Ja, ja: Es geht immer weiter. Und die Überraschungen hören nicht auf. Auch auf diesem Blog. Ein schönes neues Jahr wünsche ich euch.

Katerstimmung

Es hätte so ein schöner Abend sein können: Die Nachbarschaft war zahlreich gekommen, um einen „bal populaire“ zu feiern. Ein Fest, bei dem sich deutsche und französische Stimmen jeden Alters mischten, und bei dem trotz des kühlen Herbstabends mit feurigen Merguez-Wüsten vom Grill, Live-Musik und zwei Bars eine ausgelassene sommerlich-südliche Stimmung aufkam. Mehr als 450 Spenderinnen und Spender aus der Nachbarschaft und ganz Berlin hatten per Crowdfunding 18.000 Euro zusammengetragen, um den Wiederaufbau des hölzerenen Eiffelturms vor dem Centre Français de Berlin zu ermöglichen. Und als Dank für die Unterstützung durften sich alle Spenderinnen und Spender an Bar und Grill einmal gratis bedienen lassen. Mit Einbruch der Dämmerung wurde das neu errichtete Wahrzeichen des Wedding in den französischen Nationalfarben angestrahlt. Die Glühbirnen, mit denen er bis zum Richtkranz an seiner Spitze dicht besetzt war, gaben dem 13 Meter hohen Holzturm ein festliches Aussehen. Fast hätte man meinen können, einen verfrühten Weihnachtsbaum strahlen zu sehen. Es war ja auch eine frohe Botschaft, die es zu feiern galt. Der alte Eiffelturm war morsch geworden, aber die Anwohner wollten auf den Turm als Wahrzeichen und die Wegmarke nicht verzichten. Was der Eiffelturm als Symbol für den Wedding und die Weddinger bedeutet wurde deutlich, als eine Rednerin mit einer Geschichte stürmischen Applaus erntete: „Wenn ich einem Taxifahrer sage: Bringen sie mich ins Centre Français in der Müllerstraße, dann fragt er mich, wo das sein soll. Wenn ich dann sage: Das ist da, wo der Eiffelturm ist, weiß jeder gleich, wo ich hin will.“
Vier Jahre Arbeit stecken in dem Projekt, das erst richtig ins Rollen kam, als der Geschäftsführer des Centre einen Bildungsverein gefunden hatte, die sich das Projekt zutraute und gleichzeitig in der Lage war, mehr als 75 deutsche und französische Jugendliche an dem Wiederaufbau zu beteiligen. Ein echter Schreinermeister trat auf das Podium, sprach von imprägniertem Eschenholz und davon, wie stolz er sei, und wie stolz die Schülerinnen und Schüler, wenn sie sich nach zwei Wochen in der Werkstatt trauten, selbstständig mit Fräse und Bohrer umzugehen.

Und dann platzte Olaf in die Stimmung. Drei Jahre hatte der Kanzler praktisch nichts gesagt, manchmal von der Zeitenwende geredet, aber sonst den Mund gehalten. Aber jetzt wurde er redselig. Wie ein Vater, der mit seinem ungezogenen Sohn lange Geduld gehabt hat. Meine Stimmung war im Eimer. Zum Glück hatte ich auch für das Projekt gespendet und deshalb einen Gutschein für die Bar, die auf der Empore im Foyer des 60er-Jahre Kinos im Hinterhof des Centre eingerichtet war. Die französischen Barfrauen sahen mein Gesicht und wussten, wie mir war. Denn mit plötzlichen Regierungsumbildungen hat man in Frankreich Erfahrung. Sie empfahlen mir ein Picon-Biere, eine Mischung aus einem bitteren Orangenlikör mit einem kalten Bier. Es half. Zumindest um beschwingt nach Hause zu gehen und einen fröhlichen Beitrag über das Fest für unser Kiezmagazin zu schreiben. Dann schaute ich bis zwei Uhr nachts abwechselnd in die Gesichter von Olaf, Donald, Kamela und Christian. Heute Morgen hatte ich Kopfschmerzen.

Im Faradayschen Käfig

Die Stimmung war gut. Mein Bruder hatte uns mit seinem alten Mercedes zum Bahnhof gefahren, wir waren damit prima das Ahrtal hinunter gekommen, hatten meinen Jungs die verlassenen Weinberge gezeigt, die wir damals statt einer Rodelbahn hinuntergebrettert waren und hatten noch Zeit für einen Kaffee auf dem Bahnhofsvorplatz. Die Jungs bekamen ein Eis. Wir hatten ein paar Tage in einer Jugendherberge in meiner alten Heimat hinter uns und die Morgensonne schien freundlich und mild. „Ich könnt mir gut vorstellen hier als Rentner jeden Morgen meinen Kaffee zu trinken.“, schwärmte ich in neu erwachter Heimatliebe. „Es gibt schönere Orte auf der Welt.“, grinste mein Bruder, der die Welt gesehen hat und nun als abgemusteter Seebär seit ein paar Jahren versucht, unser kleines Elternhaus zu seiner neuen Heimat zu machen. Und er hatte Recht. Es war nicht nur die Schönheit des Augenblicks, die mich an den alten Ort fesselte, es war auch die Angst vor dem, was noch vor uns lag. Mein Bruder mag alle Stürme der sieben Weltmeere durchpflügt haben, ich dagegen wage immer wieder eine Fahrt von Bonn nach Berlin mit der Deutschen Bahn und zwei Kindern. Was sich harmlos anhört war in den vergangenen Jahren stets zum finalen Abenteuer unseres Urlaubs geworden. Und auch dieses Jahr sollte uns die Bahn nicht enttäuschen, nein sie sollte, das ahnte ich wohl, sich diesmal selbst übertreffen. Und was wir noch nicht wussten: Sie hatte sich dazu neue Verbündete gesucht.

Wie immer wiegte sie uns am Anfang in Sicherheit. Der ICE kam fast pünktlich, die Plätze waren reserviert und es sollte nur viereinhalb Stunden dauern. Wir saßen in einem „Sprinter“, das Flotteste, was die Bahn zu bieten hat. Und wir schafften es auch ohne Probleme bis nach Köln, sogar bis fast bis zum Hauptbahnhof, als es in einer Rechtskurve auf dem Dach schepperte. Wir standen schräg, rechts eine Schallschutzwand, links ein hoher Bahndamm und nichts ging mehr. Der schlaksige Zugführer, der die samtene rote Zugführerbinde lässig am nackten Unterarm trug, als sei sie nicht Zeichen seiner Herrschaft und Sorge über die Reisenden, sondern die Eintrittskarte zu einem Strandclub, lief ein paar mal schweigend an uns vorbei. Auch die Fahrgäste schwiegen und blickten vor allem in ihre Handys. Was muss in Deutschland passieren, damit die Menschen in einem Zug miteinander reden? Nach einer halben Stunde wurde ich aufgenommen in die Schicksalsgemeinschaft, die sich virtuell gebildet hatte. Ob ich den neusten Gossip hören wolle, fragte mich die Hochschwangere neben uns. Die Oberleitung sei gerissen und auf den Zug gefallen. Die ganze Außenhülle des Zuges stehe also unter Strom wie in einem Farradayschen Käfig. Keiner könne raus. Türen und Fenster dürfen nicht geöffnet werden. Gleichzeitig fehlte der Strom für die Klimaanlage. Wir waren gefangen. Durch eine dünne Glasscheibe vom blauen Himmel und der frischen Sommerluft getrennt. Als die Temperaturen stiegen, fragten meine Jungs mich, ob wir jetzt ersticken müssten. In meiner Not deutete ich auf die vielen kleinen Löcher in der Deckenverkleidung. Da käme die Luft raus, fabulierte ich und hoffte inständig, dass die Ingenieure bei Siemens an sowas wie eine Zwangsbelüftung gedacht hatten, die auch ohne Strom funktioniert. Sicher war ich mir nicht. Vielleicht war genau daran gespart worden. Als die Durchsage kam, dass das Bordbistro für umsonst Getränke ausgibt, wusste ich, dass die Lage ernst wurde. Ich schickte die Jungs Cola holen und sie kamen mit reicher Beute zurück. Ab da war ihr Sportsgeist geweckt. Nach zwei Stunden kam der Schaffner ins saunawarme Abteil mit der Nachricht, die Feuerwehr hätte eine Notrampe den steilen Bahndamm hoch gelegt. Aber nur für Leute, die körperlich fit seien, außerdem rutsche die Rampe, sodass nur noch wenige über sie gehen könnten. Titanicfeeling. Das letzte Rettungsboot hing schräg in den Seilen. „Das ist doch nicht steil, das schaffen wir locker.“, entschieden die Zwillinge für mich mit einem Blick aus dem Fenster. Ich ließ mich von ihrem Elan mitreißen. Das Glück ist mit den Tapferen. Alte Männer und Kinder zuerst. Wir verabschiedeten uns von der Schwangeren, der man einen Umstieg in einen anderen Zug versprach und enterten die wacklige Reeling, die von der Kölner Feuerwehr gesichert wurde. Viel Mut brauchte es tatsächlich nicht. Wie schön das Industriegebiet von Köln-Zollstock sein kann. Unter einer rostigen Brücke versammelten sich die Geretteten und sofort fing das Gezänk an. Der versprochene Bus kam nicht, ein paar Taxis waren heiß umkämpft, irgendwelche Zettel mussten ausgefüllt werden. Gezeter, wer zuerst da war und wer es am Nötigsten habe. Eine Feuerwehrfrau gab uns den Tipp, dass ein paar Hundert Meter weiter eine Straßenbahn Richtung Hauptbahnhof abfährt. Brauchten wir Fahrkarten? Blöde Frage. „Isch fahr schwatz mit der KVB, die Markfuffzich dät denen doch net weh…“ Das war „Zeltinger“, Kölscher Punk aus den Achzigern. Endlich war es soweit. Ein Jugendtraum erfüllt sich. Ein Alptraum auch. Denn die Bahn, die jetzt kommt, ist so alt wie der Song und in Köln fährt die Straßenbahn zum Dom unterirdisch. Kurz vor Neumarkt blieb sie mitten im Tunnel stehen. Mit Kölscher Gemütlichkeit erzählt der Fahrer uns Verlorenen, dass die Elektrik nicht funktioniert. Er werde jetzt mal alles ausschalten und hoffen, dass sie wieder anspringt. Es wurde dunkel und unheimlich still. Wir stehen in der Röhre, schwitzende Leiber aus dem ICE um uns, nur die Displays der Handys leuchten gespenstisch (meine Söhne behaupten später, viele hätten gelacht, als die Durchsage des Fahres kam). Beim nächsten Mal, gelobe ich in meinem Innern, werde ich ganz regulär eine Fahrkarte kaufen und im Dom eine Kerze anzünden für St. Christopherus, den Heiligen, der das Christuskind über einen reißenden Fluss trug…. Das Licht ging wieder an und die Bahn ruckelt weiter. Am nächsten Bahnhof brauchen die ächzenden Falttüren beim Öffnen einen Augenblick zu lange, um mein Vertrauen in die Technik wieder herzustellen. Panisch verlasse ich mit den Kindern den Zug, haste durch das mit stumpf schlurfenden Menschenleibern vollgestopfte Unterweltreich und treibe meine Jungs die nächste Treppe hoch. Endlich Licht! Luft!

„Ui jui jui!“ , scherzt der Schaffner, der im nächsten ICE eine Erklärung verlangt, warum wir seinen Zug benutzen, wie eine schlechte Horst Evers-Parodie, „Da haben sie ja ein kleines Abenteuer erlebt. Da können sie zu Hause ja was erzählen.“ Im Bordbistro gibt es für die Jungs ein Eis kostenlos. Das nächste Mal fahre ich mit dem Schiff.

Shikedim, Shikedim

Wieder so eine Geschichte, die aufgeschrieben werden muss, die zu schade wäre, um vergessen zu werden. Gehe ich also gestern endlich mal vor die Tür, nicht so einfach um die Ecke, sondern nach Berlin-Neukölln. Das ist sozusagen das Paralleluniversum zum Wedding: Das Gleiche noch mal auf der anderen Seite der Stadt, aber mit noch mehr Dönerbuden, Handyshops und Hippster-Bars. Und es gibt den Heimathafen – eine Hinterhof-Bühne in einem prächtigen Gründerzeit-Saal, die etwas im Programm hat, was ich bei mir im Kiez vermisse: Türkischen Pop. Ernsthaft.

Als ich vor fast dreißig Jahren in Berlin ankam kriegte ich eine Kassette mit türkischen Popsongs in die Hand. Leierte ich dann von hinten nach vorn. Treibender Rhythmus, traurige Stimmen, passte zur Stadt. Tarkans „Kiss Kiss“ wurde dann später zum Hit, zumindest im „Radio Multkiulti“ vom rbb, das inzwischen eingestellt wurde, wie auch das politische Projekt gleichen Namens. De Film „Crossing the Bridge“ von Fathi Akim über die aktuelle türkische Musikszene hat mich dann nach Istanbul gebracht. Viel später kamen dann „Songs of Gastarbeiter“ und der Film „Liebe, D-Mark und Tod“, über die Musik der Gastarbeitergeneration. So, das muss man also wissen, um zu verstehen, warum ich einmal durch die Stadt gereist bin, um bei „Gasino Nights“ dabei zu sein, die mir eine Show mit deutschen und türkischen Schlagern der 90er versprachen. Vielleicht hab ich auch das, was meine Tochter FOMO nennen würde (Fear of missing out), Angst was zu verpassen, vielleicht wollte ich auch einfach mal raus und was anderes sehen. Immerhin ist es Sommer, auch wenn´s sich nicht so anfühlt.

Sitze ich also da, möglichst weit weg von der Bühne und der Band und alleine am Tisch, denn wenn ich etwas nicht mag, dann ist es von Entertainern zum Mitmachen animiert zu werden. Hat aber nix genützt. Nach ein paar netten Stücken von türkischen Interpreten wurde ein Saal-Quiz ausgerufen. Gehört anscheinend zu einem Gazino dazu. Filmmusik aus den 90ern erraten, die von der Band gespielt wird. Beim ersten kam ich noch mit (Pretty Woman) bei den weiteren verlor ich das Interesse und beim dritten merke ich plötzlich den grellen Saalscheinwerfer auf mich gedreht. Die Musik ist aus, der Saal verstummt und gefühlt alle Augen sind auf mich gerichtet. Hab ich die Hand gehoben? Ich hab doch gar nicht zugehört. Geblendet schmerzt mich das erwartungsvolle Schweigen aus ungezählten Mündern. Ich bin schuld dass der Abend versaut wird und ich bin verloren, ganz klar. Aber wir sind nicht im engen Prag Franz Kafkas, wir sind im quirligsten Teil von Berlin – der Stadt in der alles möglich ist. Und so wundert es mich gar nicht, dass so plötzlich, wie das Licht erschien, jetzt dieses Wesen neben mir auftaucht und „Palp Fickschn…“ flüstert. „Pulp Fiction!“, rufe ich in den Saal und ein Jubel erhebt sich. Eine bezaubernde Assistentin in glitzerndem Frack schwebt auf mich zu und überreicht mir, mit natürlich bezauberndem Lächeln eine Flasche Sekt. Ich bin der Gewinner des Abends! Das Licht geht aus und die Show geht weiter. We can be Heroes just for a day. Aber wir sind hier immer noch in Berlin-Neukölln. Hier gibt es nichts geschenkt. Das hätte ich wissen müssen. Hier gilt das Gesetz der Straße. Geben und Nehmen. Und besser Nehmen als Geben „Also ehrlich jesacht“, kommt es jetzt von rechts, „ist dit ja mein Schampus“. Das Wesen, das mir der Himmel geschickt hatte, war nicht in der Dunkelheit verschwunden, die mich jetzt wieder schützend umgibt. Und ich bin mir jetzt auch nicht mehr sicher, ob es wirklich vom Himmel kam. Ich hab im Dunkeln noch nie gut sehen können, aber ich vermute, dass es eine Frau ist, nicht besonders groß, Pferdeschwanz, die mich jetzt von der Seite anmacht. „Ick meine, ick hab mich neben sie jesetzt, weil wa heute Ahmd keen Jeld hatten, um uns was zu trinken ze koofen.“, kommt es mit Reibeisenstimme aus dem Off. „Und da dachten wir, ich jeh ihn ma een bisschen unta die Arme.“ „Und so ne Flasche Sekt wäre schon nett. Meine Freundin und ich sitzn da drübn am Tisch, wenn´s ihnen nix ausmacht.“ Einen Augenblick stutze ich: Geht das nicht eigentlich umgekehrt? Zuerst setzt sich die Animierdame an den Tisch und dann bestellt der Gast den Sekt? Aber da hat mein resoluter guter Geist schon drei Gläser besorgt, mich an den Tisch gelotst und ihre Freundin vorgestellt. Höchste Zeit die Bremse zu ziehen. „Ich trinke gar keinen Sekt.“, sag ich sauertöpfisch. “ Echt nich? Was trinken se denn? „Bier ist mir lieber“. Na wissene se wat, dann koof ick ihnen een Bier. Zu dritt is so ne Flasche eh n bisschen klein.“ Sagt’s und kommt mit einem Glas Frischgezapftem wieder. Doch ein guter Geist. Und was soll ich sagen? Es wurde noch ein richtig netter Abend. Natürlich kriege ich von den beiden beschwippsten Freundinnen mal im Duett, mal im Wechselgesang wie es nur beste Freundinnen hinbekommen, bald das ganze Leben meiner Wohltäterin erzählt, die, wie alle in Berlin, irgendwas mit Kunst, Selbsterfahrung und langen Reisen gemacht hatte. Ich weiß zwar nicht mehr genau, warum wir dann später am Tisch der Frauengruppe aus Marzahn landeten, aber ich weiß noch ganz genau, dass die türkische Trans-Frau, die als Höhepunkt der Show auftrat, das schönste Lächeln hatte und den besten Bauchtanz hinlegte, den ich je gesehen habe.