Gutes tun

Heute war ich bei Karstadt einkaufen. Karstadt im Wedding, am Leopoldplatz. Mach ich zwei Mal im Jahr. Ne Strickjacke, ein T-Shirt und ein Hemd mit Karos. Bei Karstadt einkaufen is wichtig, denn der Karstadt am Leopoldplatz soll ja bleibm. Wolltn ihn schon zumachen. Jetzt soll er noch drei Jahre weiter leben. „Nicht auszudenken, was mit dem Wedding passieren würde, wenn der Karstadt zumacht.“, hat der Bürgermeister gesagt. Wahrscheinlich dasselbe, was mit C&A passiert ist, als der zugemacht hat. Da ist dann „Bollu“ unten reingekommen, der türkische Obst- und Gemüsefritze, dens überall gibt. Und an der Ecke wo Bollu vorher war, da ist jetzt nüscht mehr. Leerstand. Das Haus gegenüber vom alten Bollu, da wo zuletzt nur noch „Humana“ mit seinen muffigen Second-Hand-Klamotten drinne war, hamse abgerissen. Da baut jetzt die AOK was neues Großes. Ja, die AOK, die hat richtig Konjunktur hier. Krank werden die Leute ja immer.

Ich versuch ja immer, mein Geld hier im Kietz auszugeben, damit nich so ville Geschäfte zumachen. Schaff ich aber nur, wenn ich früh genug von Arbeit komme. Jetze war ich ne Woche krank. Da hab ich sogar Zeit gehabt, bei „Belle et Triste“ vorbeizuschaun, dem einzigen Buchladen hier, der sich tapfer hält. Hat sich die Frau gefreut, als ich  den „Gesang der Fledermäuse“ abgeholt hab und drei Bukowskis (einer mit Geschichten über Katzen, für meine Schwester.  Zweie über seine Frauengeschichten, für mich) und noch das neue „Sei kein Mann“ für die feministischen Diskussionen mit meiner Tochter. Da hat sie Buchhändlerin mit dem Dutt und den grauen Haaren mir sogar noch ne dicke Lage Küchenkrepp zu gegeben, damit die Bücher in meiner Tasche, in die der Regen reingelaufen war, nich nass werden. Ja, das war nett. Aber als ich sonst so die Runde gemacht hab, wurd ich richtig traurig. Da wo ich früher was zu Trinken gekauft habe, in dem Getränkeladen vis a vis („80 internationale Biersorten“), ham se das Haus renoviert, tipp-topp mit Dachgeschosswohnung und allet. Da konnte so’n schäbiger Bier- und Selterslanden natürlich nich drinne bleiben. Da ist jetze ein Kindergarten drin, und da wo bis vor kurzem noch die Otavi-Apotheke war, heißts jetze auch „Kunterbuntes Kinderland“. Na ja, Apotheken ham wa wirklich genug hier. Wie jesacht: Krank werden die Leute immer. Aber wo krieg ich jetze was zu Trinken her?. Den Getränke-Lehmann („Ick koof bei Lehmann“) an der Luxemburger hamse vor paar Monaten abjerissen. Na ja, war kein Schaden, war mehr so ne Baracke auf ner Bombenlücke, wahrscheinlich von gleich nachm Krieg. Jetze wird da gebaut, bestimmt wat Schickes. Genau so wie auf dem runtergekommenen Innenhof vom Nachbarhaus. Statt dass se da n bisschen Grün rein machen und hübsch für die Kinder, kommt da jetzt ne Tiefgarage rein und ein Apartmenthaus ohmdrüber. Na, wer sich das da wohl leisten kann? Wie war das mitm Trinken?
Der „real“ im Schiller-Zentrum ist ja nu auch zugemacht. War ich ja nie gerne, aber so ab und zu „einmal rin, allet drin“. Wo gibt’s das noch? Na ja, vielleicht am S-Bahnhof. Da hamse auch ein paar alte Baracken plattgemacht. Einer wollte dadrin vorher noch einen Döner aufmachen. Der ist dann kurz nach der Eröffnung abgebrannt -da war das Baufeld dann frei. Jetzt steht da so ein Null-acht-fuffzehn-Turm, wie sie nu überall stehen. Unten kommt ein Edeka rein. Will hoffen, dass der Edeka Fromm bei mir um die Ecke das überlebt. Sonst muss ich für jedes Bier Einvierzich zahln, bei „Jahshim’s Tante Emma Laden“, meinem Lieblingsspäti. Der hat wirklich allet. Neulich, als ich mit meiner Tochter uffn Sonntach kochen wollte, und wir schon mitten drin waren, hatte ich die Kokosmilch vergessen. „Moment, sag ich, „bin gleich zurück.“ Und in Latschen rüber zu Jaschim mit seinem hennarot gefärbten Bart. Und als ich mit der Dose wieder in der Küche erscheine, sagt die Tochter: „Respekt, dit is Berlin.“ Ja, da sind wir uns mal einig, dass das trotz allem Klasse is hier. Aber jetzt hat sie ihren ersten Job – ausgerechnet in München.

p.s: Wenn sich einer über die Tippfehler wundert: Mit WordPress geht es auch den Bach runter. Seit es den neuen Block-Editor gibt, funktioniert bei mir das nachträgliche Bearbeiten nicht mehr. Kommt nur noch eine weiße Seite. Kennt das jemand? Vielleicht liegt das daran, dass ich mir, seit ich im Wedding wohne, keinen neuen Computer geleistet habe. Und das sind ja jetzt auch schon zehn Jahre. Ach ja…

 

Die Zärtlichkeit der Armen

Iskembe ist billiger als Döner. Nicht jeder türkische Imbiss hat dieses Arme-Leute-Essen, aber in den traditionellen Buden, die noch nicht zu einer Kette gehören gibt es neben Linsen- und Schafskopfsuppe auch immer die türkische Pansensuppe – für drei Euro. Und weil auch Leute mit wenig Geld satt werden sollen, gibt es zu der Schale mit dem cremig-weißen Sud, in dem kleine Kuttelstückchen schwimmen auch noch zwei dicke Fladenbrote und etwas Gemüse dazu, meist Pepperoni oder weißen Rettich. Zitrone auch, aber das ist eher was für den Geschmack.
Ich mag Kuttelsuppe. Das weiß ich seit ich als Student eines Abends bei Jürgen vorbei kam, ein Schwabe, der unter unser WG wohnte. Jürgen, der gerne an alten Simcas mit Heckmotor schraubte, Jura studierte und den alle nur Kümmel nannten, saß einsam in seiner Küche und war dabei sich zu betrinken. Auf dem Tisch stand ein großer Alu-Topf mit weißer Suppe. Ich hatte wie immer Hunger, fragte kurz, und langte zu. Schmeckte gut, schön süß-sauer und die Stückchen, die gummiartigen, die darin rumschwammen waren auch nicht schlimmer als das, was sie uns in der Mensa als Calamares verkauften. Nach meinem zweiten Teller fing Jürgen an zu weinen – vor Glück. „Du magst meine Kuttelsuppe, du magst meine Kuttelsuppe.“ sabberte er besoffen. „Keiner hat sie essen mögen, alle sind gegangen.“ Jürgen hatte groß eingeladen, um eine Spezialität aus seiner Heimat aufzutischen, aber die Gäste waren angewiedert gegangen, als Jürgen ihnen erzählt hatte, was sie dort essen sollten: Rinderpansen. Schlachtabfall also, der schon damals nur noch zu Hundefutter verarbeitet wurde. Keiner hat es seitdem wieder gewagt, Kuttelsuppe auf den Tisch zu bringen. Jürgen hat seine Examen gemacht und ist zurück nach Stuttgart gegangen – zu Bundesbahn. Die wollte da einen neuen Bahnhof bauen und brauchte viele Juristen. „Wer nix is und wer nix ko geht zu Poscht und Oisaboh.“ hab ihm zum Abschied auf die Tür gemalt. Denn in Zwischenzeit hatte er mir, seinem Helfer in der Not, die Freundin ausgespannt. Aber seine Suppe blieb unvergessen und unerreicht.

Deswegen war ich froh, als ich sie in Berlin wieder fand. Ich machte ein kleines Ritual draus. Ein Spiel. Immer wenn ich Dienstags von der Karate-Stunde wiederkam setzte ich mich in den immer gleichen Imbiss und aß schweigend mein Armensüppchen. Ich spielte eine Figur, die ich bei Camus in „Die Pest“ so beeindruckend fand. Einen Mann ohne besondere Eigenschaften, von dem man nicht genau erfährt, was er eigenlich macht und der nur damit beschrieben wird, dass er ein einfaches Zimmer bewohnt und abends eine Suppe in einem bescheidenen Restaurant zu sich nimmt. Ich fühlte mich gut in der Rolle als Unberührbarer und spielte sie mit Liebe zum Detail. So legte ich oft meine Kappe beim Essen auf den Tisch, wie ich es bei ältern türkischen Männern gesehen hatte. Bis eines Tages die Wirklichkeit für einen Moment das kokette Spiel überholte. Plötzlich war ich tatsächlich arm. Ich hatte mein Geld vergessen. Keinen Sou in meiner Tasche. Das merkte ich aber erst, als ich zur Kasse ging. Ich wusste, dass der Mann hinter der Theke kein Deutsch sprach. Also zeigte ich ihm mein leeres Portemonnaie. Ich wollte anschreiben lassen, als Stammgast, der ich war. Aber der Döner-Mann machte nur eine Kopfbewegung von unten nach schräg oben. Und die hieß: „Ist schon gut, ich weiß, dass du ein armer Schlucker bist. Also vergessen wir’s. Gehab dich wohl.“ Das war eine zärtliche und großzügige Geste, die ich in so einer armen Gegend wie dem Wedding nicht erwartet hätte. Mein Wirt hatte sicher viele Gäste, die nichts in der Tasche hatten und die Zeche nicht zahlen können. Und trotzdem diese Großzügigkeit. Ich fühlte mich warm und aufgehoben in dieser großen Stadt. Am dem Tag beschloss ich, mit diesem Arme-Leute-Spielen aufzuhören. Es gibt andere, die diese Geste dringender brauchten als ich. Und ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich fühlte mich, als hätte ich mit meinem Schicksal gespielt, das es bisher gut mit mir meinte. Ich hatte keine Lust, wirklich arm zu sein.
Aber Iskembe esse ich trotzdem weiter gerne.

Is ma gut jetzt

Meine Tochter hat Corona – denkt sie. Oder nein, denkt sie eigentlich nicht, aber sie ist sich nicht sicher. Eigentlich hat sie nur Angst. Angst, sie könnte was falsch machen. Andere anstecken und so. Auf jeden Fall ging’s ihr seit ein paar Tagen nicht gut. Sie geht zum Arzt und kriegt promt einen Corona-Test. Und das Ergebnis kommt erst in paar Tagen. Wir waren aber heute verabredtet. Heute Abend liest Max Goldt in Neukölln. Max Goldt! Der feinsinnige Held meiner Titanic-Zeit, der federleichte Moralist, der Mann, der Lachen und Humor auseinanderhalten kann und den ich noch nie zu Angesicht bekommen habe. Die Erste Lesung war abgesagt worden, wegen Corona natürlich. Jetzt also die Entschuldigungstour. Und weil ich weiß, dass meine Tochter so was mag, so lustige Männer mit Wortwitz auf der Bühne, habe ich sie eingeladen, schon vor Wochen.

Heute Mittag ruft sich mich an, erzählt mir von dem Test. Ich sag: Du hast kein Corona. Es ist Herbstanfang, alle schniefen, deine Brüder husten schon. Alles ok. Ist wie jedes Jahr. Und sie so: Ja glaub ich ja auch nicht. Aber würd ich mir ja nie verzeihen, wenn ich da jemand anstecken würde… Der Einzige, sag ich, den du heute Abend anstecken könntest, bin ich. Und ich hab noch ein Jahr bis Riskogruppe. Sie lacht. Also, sag ich, setzt dich halt mit Mundschutz in den Saal und gut is. Wir verabreden uns vor dem Heimathafen in Neukölln. War ich noch nie. Freu mich rauszukommen und mal wieder in Gesellschaft auzugehn.

Halbe Stunde vorher ruft sie an. Nee, sie hätte jetzt noch mal in den Zettel geschaut: Bis der Test da ist, muss man in Karantäne. Ich sag, ist nicht dein Ernst? Ja, sagt sie, es tut mir ja so leid, aber geht wirklich nicht. Bist du jetzt sauer? Natürlich bin ich jetzt sauer, ich platze gleich. Sag ich auch. Wir haben uns ein paar Wochen nicht gesehen und es ist ein wunderbar warmer Abend und ich hätt mich gerne mit ihr gefreut über den schönen Abend und den lustigen Max. Aber sie war schon immer so. Lieber ’n bisschen vorsichtig, nix neben der Reihe. Oder ist sie nur bei mir so? Oder ist sie so, weil ich immer die Sachen ins Blaue mache und sie manchmal schief gehen? Oder bin ich selber so, und merks nur gar nicht? 20 Jahre Beamter ist man ja auch nicht ohne Grund. Und die Mutter erst. Auf jeden Fall kann das Kind nix dafür. Nee, sag ich also, Gesundheit geht vor. Und wenn’s dir nicht geheuer ist… Und du bist echt nicht traurig, fragt sie? Nee, sag‘ ich, aber jetzt ist Schluss. Ich geh jetzt los.

Der Heimathafen Neukölln hat ein paar Tische in den Hof vor dem Theater gestellt. Menschen beim Wein. Lampions, laue Luft und tintenblauer Himmel. Eine italienische Nacht. Das macht meine Enttäuschung noch viel größer. Wie schön hätten wir hier sitzen können? Und ich hätt sogar mal Lust auf einen Wein gehabt. Die zweite Eintrittskarte ist natürlich auch für die Katz. Einfach hinstellen, und sie ein paar Nachzüglern zu verkaufen klappt nicht, das merke ich schnell. Denn in Zeiten von Corona kommt keiner ohne vorbestelltes Ticket. Im Saal stehen die Stühle und Tische so weit auseinander, dass ein Ozeanriese zwischendurch fahren könnte. Meine Tochter hätte Opernarien singen können, ohne dass jemand ein Tröpfchen abbekommen hätte. Ich vergrabe mich immer weiter in meinen Groll und komme mir auch noch alt und hässlich dabei vor.

Aber es gibt ja noch Max Goldt. Und der braucht nur zwei Texte zu lesen und mein Herz ist wieder leicht. So ein feiner Mensch, so viel Wortgefühl. Seit vielen Jahren habe ich nichts mehr von ihm gelesen, und er ist immer noch gut. Nimm mal nich alles so schwer, sag ich mir, als er seinen Rausschmeißer „Froschfilm“ singt. Ich lasse mir von ihm ein Buch für meinen Freund Norbert signieren, mit dem ich die härtesten „Titanic“-Zeiten durchgemacht habe. Jung-Männer-Sarkasmus war unsere Alltagsdisziplin. Der ist jetzt auch schon 60. Seinen Geburtstag hab ich vergessen. Ich schick’s ihm zu Weihnachten.

Fachwerk reloaded

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„Einen schönen Urlaub noch!“, ruft mir die Bäckereiverkäuferin hinterher, als ich das Cafe verlasse. Mit beiger Funktionshose und kariertem Hemd sehe anscheinend genau so aus wie die sommerlichen Feriengäste, die auf dem Rotweinwanderweg oder dem Ahrtalweg unterwegs sind und hier einkehren. Die Bäckerei macht auf alt, aber es gibt sie sicher noch keine zwanzig Jahre. Ich muss das wissen, denn ich bin hier  aufgewachsen.

Ich kenne das Dorf noch aus einer Zeit, in der  niemand auf die Idee gekommen wäre, jedes Fenster in den Fachwerkfassaden mit roten Geranien zu schmücken. Wäre zu viel Arbeit gewesen und man hatte genug zu tun mit den Feldern, den Kindern und dem Vieh. Den Garten hatte man hintenraus und da wuchs, was man zum Leben brauchte. Auch ein paar Blumen.
Aber ich will mich hier nicht als Einheimischer aufspielen. Auch wir waren „Zugezogene“, die hinter dem Bahndamm, der das alte Dorf vom Rest des Ortes trennte, neu gebaut hatten. Flüchtlinge waren mein Vater und sein Vater. Und die wollten wieder ein Zuhause haben. An die schäbige Hinterhofwohnung im Schatten der katholischen Kirche, in der meine Eltern in den ersten Jahren ihrer Ehe mit uns gehaust hatten, habe ich kaum Erinnerungen. Mein Leben begann in diesem neuen Zweifamilienhaus, in das der Großvater seinen Lastenausgleich, wie die Entschädigung  für den enteigneten schlesischen Bauernhof hieß, und meine Mutter ihren ganzen Verstand und ihre Nerven investierte. Denn sie war es, die die Formulare ausfüllte und das Geld zusammen hielt. Aber im Grundbuch stand natürlich mein Vater, der nach meiner Vorstellung alleine das große Loch gegraben hatte, in das dann der Keller kam.

Meine Erinnerungen passen nicht zu diesem sonnigen Nachmittag in einem aufgeputzten Fachwerkdorf mit fröhlichen Senioren und Streuselkuchen. Das Dorf hatte für mich als Kind nichts Liebliches, Romantisches, Gefälliges. Es war grau von Arbeit und dem Kampf ums Notwendige. Tagsüber rackerten die Männer in irgendeiner Baufirma oder Fabrik, abends gingen sie in den Stall, reparierten was am Haus oder fuhren auf die Felder. Die Frauen trugen tagein tagaus Kittelschürzen aus Nylon. Grau war auch jahrelang die Farbe unseres Hauses, denn das Geld hatte nicht mehr für einen Verputz gereicht. Diese Burg aus bröseligem Bimsstein war die Bühne für die Dramen unser Großfamilie.  Mehrgenerationenhaus würde man das heute nennen und viele glauben, dass dies die Lösung einiger sozialer Probleme ist. Auch so eine romantische Vorstellung.

Auf meinem Rundgang suche ich das Haus, in dem mein Schulfreund Günther wohnte. Es war auf dem Berg, im Wald. Ich finde es nicht mehr. Später merke ich, dass es hinter den Bäumen verschwunden ist, die in den letzten 50 Jahren weiter gewachsen sind. Meine Schule finde ich, aber ich erkenne sie nicht wieder. Sie war, wie unser Haus, neu gebaut, um die Kinder aus den Neubaugebieten aufzunehmen. Vier Räume für acht Klassen, Turnraum im Keller. Ein Foto meiner Einschulung zeigt einen gewagten, modernen Neubau mit viel Licht und Glas. Im Stil der Zeit sind auch die Frisuren der Jungs igelkurz und die meisten Mädchen tragen Kleider und Zöpfe, manche eine kecke Kurzhaarfrisur wie auch meine Schwester eine hatte. Kunst am Bau gab es auch: Eine Wandmalerei zeigt ein Paar, das eine Friedenstaube fliegen lässt. Jetzt ist die Schule ein Blechkasten, doppelt so groß wie früher, mit Wärmeisolierung und Außenrollos. Der Hausmeister kommt auf mich zu um mir zu sagen, dass die Kinder von der Corona-Kinderbetreuung erst in einer halben Stunde zurück kommen. „Ich war hier selber Kind.“, erwidere ich und er lässt mich auf den Schulhof. Bald finden wir uns in alten Zeiten wieder. Den Direktor mit dem Holzbein und Bauer Willi mit der großen Scheune, in der wir uns als Kinder vor dem Kommunionsunterricht versteckt haben. „Bauer Willi hat jetzt auch aufgegeben.“, seufzt er. „Die Grundstückspreise. Es kommen so viele Leute aus Köln und Bonn. Er ist raus aus dem Dorf.“ Mit seiner Hand weist er über den Schulhof, auf dem mir einst der rothaarige Rudi Bleffert beim Völkerball das Schlüsselbein brach, über eine Containersiedlung auf eine freigemachte Baufläche. „Hier kommt unser dritter Kindergarten hin und eine Turnhalle. „Endlich“, denke ich, „wenigstens kein Medizinballrollen mehr in dunklen Kellern.“

Ich laufe über die Hauptstraße zurück. Neben der Dorflinde (die ich als Kind nie wahrgenommen habe), an der Auffahrt zum Schützenhaus hängt ein Plakat, das den traditionellen St. Martinszug im Dorf anpreist. Komische Vorstellung, dass beim selbstverständlichen Lanternenumzug der Kinder und beim großen Martinsfeuer jetzt Touristen zuschauen sollen. Aus Einheimischen werden dann Eingeborene, die man bei einem Ritual beobachtet, an dem man selber nicht teilnimmt.
Was mich tröstet ist die Kastanie am Ende der Dorfstraße, die überlebt hat, obwohl wir sie als Kinder im Herbst mit Stöcken traktierten, um auch die letzten grünen Stachelkugeln aus dem Baum zu holen. Denn ein Mal im Jahr kam ein Lastwagen von Haribo aus Bonn, dessen Besitzer als großzügige Geste an die Dorfjugend die Kastanien für sein Wildgehege einsammelte und gegen Süßigkeiten eintauschte. Und wo wir es gerade von Süßigkeiten haben: An der Bruchsteinmauer neben dem Bahnhof (von der ich erst jetzt erfahre, dass sie zur einer Tiefburg gehört), da wo ich dann später auf den Bus zur Hauptschule gewartet habe, hängt noch ein Kaugummiautomat, an den ich mich nicht mehr erinnere, aber der so aussieht, als wäre er damals schon da gewesen. Ich freue mich über etwas echtes Altes in diesem überlackierten Dörfchen. Zum Glück hat noch niemand einen Geranientopf drauf gestellt.
Ich werfe 20 Cent rein, und er funktioniert noch! Der Kaugummi kommt jetzt in Plastikverpackung, aber immerhin. Ich ziehe drei Stück- für jeden meiner Jungs einen.

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Ils sont fous, ces …

Haun_Susanne_02© Susanne Haun.com

Ja, wir spinnen, das ist klar. Schon vor wenigen Monaten, als wir ankündigten, in Berlin Wedding, mitten in Coronazeiten einen Kunstwettbewerb für eine Open air-Galerie zu starten, fragte ein Kommentator auf diesem Blog, ob wir noch in der gleichen Welt leben würden? Ob wir glauben würden, dass wirklich im August auf der vierspurigen Müllerstraße Plakate mit Kunstwerken zu sehen sein würden? Das war die Zeit der Kontaktsperre, wenn sich jemand erinnert und es war sehr, sehr leer auf den Straßen.

Und um ehrlich zu sein: Nein, manchmal haben wir daran nicht mehr geglaubt. Denn neben Corona gab es ja noch den ganz normalen Berliner Wahnsinn. Wenn zum Beispiel für den Standort eines Plakates zwei verschiedene Bezirksämter inklusive einer landeseigenen Immobilienverwaltung zuständig sein könnten, aber keiner eine Entscheidung trifft und das ganze dann scheitert, dass auch in der Raucherecke des JobCenters ausreichende Abstände zur Belüftung und Beleuchtung eingehalten werden müssen, dann wird es manchmal etwas viel.
Wir haben trotzdem weiter gemacht. Weiter gemacht, als plötzlich 2000 Flyer wertlos wurden, weil alle Kneipen und Cafés geschlossen hatten, in denen wir sie verteilen wollten. Als der Bescheid des Bezirksamtes für die „Ausnahmegenehmigung gem. § 46 StVO“ vom Fachbereich Straßen- und Grünflächenverwaltung auch nach monatelanger Wartezeit und hundert Nachfragen immer noch nicht kommen wollte. Und weiter gemacht, als das Postfach für die Einsendungen in den ersten Monaten, bis auf ein paar Fotos von vollgestopften Mülleimern und weggeworfenen Fernsehern, leer blieb.

Und jetze? Allet jut. Jetzte is allet durch. 🙂
Die Genehmigungen sind da, das Centre Francais de Berlin ist als Träger mit eingesprungen, das Postfach ist kurz vor Einsendeschluss übergelaufen und die Jury hatte plötzlich mehr als 180 tolle, farbenfrohe, melancholische, coole, kreative, unmögliche, dunkle, strahlende, bescheuerte, liebevolle, trashige, brave, schwarz-weiße, persönliche, abstrakte oder einfach großartige  Collagen, Fotos, Ölbilder, Grafiken, Tuschezeichnungen, Webteppiche!, Kinderzeichnungen, Aquarelle – und wat sonst noch allet – dazuliegen und musste daraus die zwölf besten aussuchen.
Und dit in zwee Stunden uffn Nachmittach.

Deshalb dürfen wir euch jetzt einladen zur Ausstellungseröffnung

Samstag, den 15. August 2020, 11 Uhr
im interkulturellen Garten „Rote Beete“
neben dem Centre Francais de Berlin,
Müllerstraße 75,
13349 Berlin

Der Bürgermeister von Mitte kommt auch und die ganzen Künstlerinnen und Künstler. So zum Angucken und Anstoßen. Wird bestimmt nett. Ick freue mir so.

Ach ja: Diesen Sommer keinen Blogbeitrag ohne Blumengruß aus dem Hinterhof.

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There’s a light

Die ganze Zeit hat sie geleuchtet, Tag und Nacht, im leeren Café. Sie war mein Hoffnungsschimmer in trostloser Zeit, mein Stern am Abend. Diese biedere Stehleuchte. Sie hat durchgehalten, während ich verzagte. Die Blumen im Schaufenster vertrockneten, mein Mut sank. Aber sie schien weiter. Sie ist das Markenzeichen des kleinen Flop-Cafés bei mir um die Ecke und eine, die nie den Glauben daran verliert, dass es weiter geht.
Lange hatte ich geglaubt, dass mein zweites Wohnzimmer, mein Kaffeehaus seine zweite große Krise nicht übersteht.
Die erste war vor einem Jahr über das ältere syrische Ehepaar herein gebrochen, als ihr Sohn, der in unserer Straße die Flop-Bar aufgemacht hatte, und für seine Eltern das Café, ganz überraschend starb. Blutvergiftung, munkelten die Nachbarn. Zu spät gemerkt. Keiner konnte ihm mehr helfen. Dabei war er erst Anfang 30.
Ein Monat war zu, dann standen alten Leutchen wieder auf den Beinen. „Ich bin froh, dass Sie wieder da sind.“, sagte ich zu dem zurückhaltenden Herrn mit dem weißen Schnurrbart. „Und ich danke Ihnen, dass Sie wiedergekommen sind.“, erwiderte er leise mit erlesener Höflichkeit. Er hat in Syrien wahrscheinlich etwas anderes gemacht als Schalen mit Humus und Kibbe zu verkaufen. Er ist langsam und mit seinen Gedanken oft woanders. Ich könnte mir ihn gut in einer Bibliothek vorstellen. Seine Frau sitzt am Tisch in der Ecke, wenn sie nicht in der Küche ist. Sie spricht kein Deutsch, aber sie hat aus ihrem Café eine Art syrisches Jugendzentrum gemacht. Immer sitzen junge Leute um sie und reden, während die jungen Deutschen an den anderen Tischen in ihre Laptops tippen. Manchmal trippelt ihr Mann zum Tisch, will dabei sein, steht aber etwas verloren rum. Die beiden sind rührend miteinander.
Dann kam Corona. Von einem Tag auf den anderen war zu. Und kein Hinweis darauf, dass es weiter geht. Kein Schild, kein Eintrag bei Facebook (das wohl noch vom Sohn eingerichtet wurde und seit Jahren unverändert ist) keine Telefonnummer. Nur die Lampe war geblieben, wie das ewige Licht in der Kirche, das immer leuchtet und die Gemeinde an die Wiederauferstehung glauben lässt.
Irgendwann fand ich das Cafe auf der Seite von „Berlin hilft“, kaufte einen Gutschein und schenkte ihn meiner Tochter, die in dem Cafe viele Tage verbracht hat, als sie bei mir wohnte. „Hast du gesehen? fragte ich sie, als sie gestern endlich mal wieder vorbei kam, „Unser Cafe hat wieder auf.“ „Ja“, sagte sie nebenbei, „bin schon dran vorbei gelaufen.“ Den Gutschein hatte sie schon vergessen. Ist ja schon vier Wochen her. Eine Ewigkeit in dem Alter.

Urban Jungle

Eigentlich wollte ich in meinem Leben einmal den Dschungel sehen, richtigen Regenwald mit riesigen Bäumen, Pflanzen mit fetten Blättern und üppigen exotischen Blüten. So wie im Dschungelbuch, so stelle ich mir das vor. Costa Rica wurde mir von Freunden als Land genannt, wo es das alles zu sehen gibt – und noch ein paar Vulkane dazu. Jetzt sieht es so aus, als würde es ein Wettrennen gegen die Zeit geben, denn der Regenwald verschwindet so schnell, dass es vielleicht keinen mehr gibt, bevor wieder Flugzeuge oder Schiffe in das Land meiner Sehnsucht fahren.
Es bleibt mir also nur, das Fernrohr umzudrehen und ganz nah ranzugehen an das, was ich hier jeden Tag sehen kann. Dann zeigt sich, dass auch unser Hinterhof Blüten und Farben in in Hülle und Fülle zu bieten hat. Fehlen nur noch die Affen.

Am 30. Mai ist der Weltuntergang

Schäfchenwolken am Himmel und blühende Bäume links und rechts. Auf dem Radweg am Hohenzollernkanal das übliche Gewusel von Radfahrern, Skaterinnen und Spaziergängern. Mein Sohn radelt mit seinem Freund um die Wette. Riskant, riskant, wie sie da um die Kurvern jagen und mit den aalglatten Typen auf ihren Carbonrädern fast kollidieren. Aber was kann schon passieren? Wir nehmen ja jetzt alle Rücksicht aufeinander. In der Jungfernheide angekommen gibt es für jeden eine Bratwurst auf die Hand und für die Väter ein Bier, damit die Kraft reicht für die Rückfahrt. „Bolle reiste jüngst zu Pfingsten…“

War da nicht noch was? Sieht so ein Land im Ausnahmezustand aus? Oder kann es sein, dass gerade die Welt untergeht, und ich es nicht bemerke? Weil ich gerade nicht will, dass die Welt untergeht, oder weil ich schon so viele Weltuntergänge erlebt habe, dass ich auch dieses Mal glaube, dass es (für uns) gut ausgeht?

Nehmen wir mal die Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, der gerade in der Ukraine gedacht wird. Waren ja komische Zeiten damals, auch bei uns. Durfte man auch nicht auf den Spielplatz, nichts  aus dem Garten essen und die Milch wurde weggekippt. Die Halbwertszeit von Cäsium 123 wurde damals von den Experten heruntergebetet wie heute die aktuellen Infektionszahlen. War schon gruselig. No Future, diesmal aber wirklich.
Was wäre wenn…  wenn es wirklich so schlimm gekommen wäre, wie wir damals gedacht haben? Die Böden in Europa verseucht, die Ernten verdorben, die Menschen verstrahlt? Nicht auszudenken. War aber nicht so schlimm. Nur Pilze aus Polen wurden eine Zeit lang gemieden. Sonst ging alles munter weiter.
Und eigentlich hätte ich selbst diesen misslungenen Weltuntergang nicht erleben dürfen, weil schon 1962, ein Jahr nach meiner Geburt, die Welt wegen der Kuba-Krise, wie man damals und seitdem immer wieder mit leichtem Schauder sagt „vor dem Abgrund stand“. (Komisches Bild, weil es ja im ganzen Universum keinen Abgrund gibt, in den die Welt fallen könnte. Komm mir jetzt bitte keiner mit schwarzen Löchern). Auf jeden Fall ist meine Mutter, als die Luftsirenen angingen, mit mir auf dem Arm in den Keller des alten Winzerhauses gelaufen, wo noch aus Kriegszeiten der Luftschutzkeller des Dorfes war. War aber blinder Alarm. Cold war kids are hard to kill.

Insgesamt, finde ich, sind die Weltuntergänge in den vergangenen 75 Jahren für uns hier in Westeuropa recht glimpflich abgelaufen. Anderswo, in Ruanda oder in Syrien haben die Menschen nicht so viel Glück gehabt. Und in Bangladesh gab es nur deswegen keinen Weltuntergang, weil dort das Leben jetzt schon so entsetzlich ist, wie wir es uns in Europa für die Zeit nach dem Armageddon vorstellen. Und jetzt steigt da auch noch der Meeresspiegel.

So, jetzt habe ich es geschafft, einen Text ohne die Worte Corona und Klopapier zu schreiben. Ich wünsche mir, noch viel von euch zu lesen, bevor die Welt dann wirklich untergeht. Das Datum ist für mich als Rheinländer schon sicher. Es wurde im Kölner Karneval schon Mitte der 50er Jahre festgelegt. Die Toten Hosen, von der anderen Seite des Rheins, haben 50 Jahre gebraucht, um den Schuss zu hören. Deshalb schreien sie so laut.

 

Berlin lebt

„Wo ihrer drei beisammen stehen, da soll man auseinandergehen…“ Wer denkt, mit Polizeiverordnungen wie aus Krähwinkels Schreckenstagen wäre das Leben in Berlin zum Stillstand gekommen, der hat wohl keine Augen im Kopf.  Zwar heißt es heute wieder fast wie bei Heine vor 150 Jahren: Auf den Straßen und den Gassen soll man sich nicht sehen lassen. Aber es bleibt einem in Berlin ja immer noch der Hinterhof. Und da platzt das Leben aus allen Nähten. Und das Licht. „Ich habe das Licht gesehen!“ (Nicht Heine, sondern Jake Blues von den Blues Brothers).

Ich wünsche euch helle Frühlingstage und bleibt gesund!

Am Fenster

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Das Feuerwerk ist vorbei, der Sekt verkippt und der Walzer getanzt. Der Rausch macht eine Pause. Wir stehen am großen Fenster im vierten Stock und schauen wie aus einem Raumschiff über die strahlende Stadt und das neue Jahrzehnt. Der grauhaarige DJ scannt seine Playlists durch und startet mit zarten Geigenklängen einen zaghaften Versuch die erschöpften Tänzer auf der „Zeitlos“-Sylvesterparty wieder in Bewegung zu bringen. Unter dem sanften Gefiedel fängt eine dumpfe Trommel an einen dumpfen Rhythmus zu wummern. Und ich weiß schon jetzt, wie es weiter geht. Schwelgend erwarte ich die klagende Stimme, die ich seit 40 Jahren kenne: „Einmal wissen, dieses bleibt für immmer…“ Ein Freund hatte mir die rote Platte mit dem gelben Blitz vorgespielt, ein paar Wochen nachdem ich auf’s Gymnasium gekommen war. Eine Platte auf Deutsch, das war neu. Eine sehnsüchtige Melodie, ein poetischer Text, den ich verstand, aber nicht begriff. Mit 17 braucht es nicht viel mehr, um sich zu verlieben. Aber verliebte mich nicht nur in das Lied und die Platte. Ich bekam Sehnsucht nach der Welt, von der sie erzählte, nach dem Land, das ich bisher nur einmal für einen 20 Mark-Zwangsumtausch-Nachmittag in Ost-Berlin betreten hatte. Ich hatte Sehnsucht nach der DDR.

Zehn Jahre später im Februar. Ich liege mit hohem Fieber in einem langsam schaukelnden Interzonenzug nach Leipzig, meinem Traum entgegen. Der Zug hält mitten auf der Strecke, wie schon so oft. Im Delirium schaue ich aus dem Fenster. Ich sehe Menschen auf einer ausgfahrenen, lehmbraunen Straße vor einer Kaufhalle. Frauen in Kittelschürzen, ein Mann, der eine ölverschmierte, apfelsinenfarbene Regenhose trägt. Er lehnt am Seitenwagen seines Motorrads und zündet sich eine Zigarette an. Für mich ist es ein Bild unglaublicher Ruhe und Gelassenheit – oder spielt mir mein gedämpftes Gehirn das nur vor? Will ich hier Ruhe und Harmonie sehen, oder ist in diesem Land wirklich alles ein bisschen ruhiger, ein bisschen wie in alten Zeiten, von denen meine Eltern erzählten? Eine Frage, die ich mir in den kommenden zwei Monaten immer wieder stellen werde. Jetzt ist es egal. Es ist zu spät umzukehren. In meiner Tasche habe ich eine Einladung der Klinken der Karl Marx Universität Leipzig. Gerne würden sie mein Angebot annehmen, in ihrem Haus als Krankenpfleger zu arbeiten. Ich werde erwartet. Ich bin die Vorhut. Und ich darf nicht kneifen. Denn wir haben einen Plan.

In unserm alten Bahnhof in Heidelberg, auf unserer Insel zwischen Güterzuggleisen und Fernbahntrassen hatten wir im Sommer 89 mitbekommen, wie die Menschen aus der Botschaft in Prag nach Westdeutschland kamen.Viele Ärzte und Krankenschwestern waren darunter. Vom Notstand in den DDR-Krankenhäusern wurde berichtet. Das durfte nicht sein. Die DDR musste bleiben. „Die endgültige Teilung Deutschlands ist unser Ziel“ war die Losung, die von der Satirezeitung Titanic, neben der taz die Pflichtlektüre unserer Krankenschwestern-WG, damals wider den großdeutschen Geist ausgegeben wurde. Uns war das ernst. Wir hatten wirklich Angst vor dem vierten Reich. Und so schrieben wir, die wir alle unser Examen schon in der Tasche hatten, die Krankenhäuser hinter der Mauer an. Der Mauer wohlgemerkt, die damals noch stand. Wir wollten – jetzt darf ich es gestehen – die DDR retten, so wie sie war. Das mit der Revolution kam später. Und von der Stasi hatten wir noch nie was gehört.

Leipzig antwortete im November. Die Mauer ging auf, und ich wurde ausgewählt, mal zu schauen, wie es da so ist. An dem Mut meiner zwei Mitbewohnerinnen bestand kein Zweifel. Sie fuhren Motorrad, trugen schwarzes Leder und waren auf jeder autonomen Demo (ja, so etwas gab es in Heidelberg) dabei. Später würden sie in Rotkreuz-Zelten Peschmergas in Kurdistan zusammenflicken oder Flüchtlinge in Zentralafrika versorgen. Aber das mit dem deutschen Osten, das war ihnen erstmal doch ein wenig zu abenteuerlich.  Ich brauchte keinen Mut, denn ich fuhr ja Richtung zu Hause.

Ich landete da, wo ich nie hin wollte: Vor dem Tisch eines deutschen Feldwebels. Das Quartier, das mir die Uni zugeteilt hatte war eine ehemalige Parteihochschule, die von der NVA beschlagnahmt worden war. Lenin hing noch an der Wand, auf dem Linoleumfußboden knallten Knobelbecher. Sie gehörten jungen Rekruten, die jetzt in die Kohlekraftwerke geschickt wurden, weil die Heizer schon im Westen waren. Der Feldwebel schaute misstrauisch auf mein Papier und zuckte die Achseln. Es gab so vieles, was nicht mehr zu verstehen war in dieser Zeit. Ein Westler, der freiwillig in den Osten kam, um hier zu arbeiten? „Verrückte hat es immer gegeben.“, war sein Kommentar. Ich bekam ein riesiges Zweibettzimmer und viele Telegramme. Das war die einzig verlässliche Art mit der alten Heimat Kontakt zu halten. Ich bekam auch viel Besuch: Von meinen Krankenschwestern und andern, die „mal schauen wollten.“ Gearbeitet habe ich auch. Auf der nephrologischen Station. Dreischichtbetrieb, 600 Mark der DDR, später 800. Geschlafen habe ich nicht viel in der Zeit. Aber das ist einer andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll… Gute Nacht