Tag der Befreiung

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Morgen feiern wir in Berlin den Tag der Befreiung vom Faschismus. Zum ersten Mal wieder seit 30 Jahren. Und weil wir das nicht gemeinsam auf der Straße machen können, habe ich mir für euch eine kleine Geschichte ausgedacht, die mir bei einer Meldung im Berliner Tagesspiegel vom Januar eingefallen ist:
Die Meldung: „Gefunden wurde die Bombe nach Polizeiangaben gegen 11.30 Uhr auf einer Baustelle an der Grunerstraße/Jüdenstraße. Nach ersten Erkenntnissen sei es eine deutsche Fliegerbombe mit einem mechanischen russischen Zünder, die von einem der damaligen Kriegsgegner erbeutet und wiederverwendet wurde.“

Das ist die Geschichte der geduldigen Bombe

Das ick in mein Leben noch in die Zeitung komm, hätt ich ja nich jedacht. Hab ich auch nicht jewollt. Vor allem, weil Sergej da schon weg war. 75 Jahre warn wa da schon zusammen und es wär schön gewesen, wenn wir unser Lehm jemeinsam zuende jebracht hättn. Aber is wohl bessa so. Wäre ja nich jut ausjeejang mit uns beeden. Irjentwann hätt’s jekracht Und so is jut, dass allet ant Licht jekommen ist, bevor et so weit war. Soll ja keiner zu Schaden komm. Dit war ja unsa Ziel.

Jetze lieg ich hier allein rum, mit die janzen rostigen alten Schachteln auffm Sprengplatz vom Munitonsräumdienst mitten im Wald. Mit die schicken Amerikanerinnen, die och nach all die Jahre richtig jut aussehn. (Aber dit is allet Chemie. Dit Azeton riech ick bis hierher), blasse englische Ladys jibt et ooch und grob gefeilte Russinnen. Aber so eene wie mich, ne Deutsche, die jibts hier nur eenmal. Un ich bin ooch die einzje, die wat mit zwee so Kerlen hatte, die leicht explodiern. Imma sone Hitzköppe und immer die falschen, oder die richtijen, wie man’s so sehen will.

So jetzt rede ich mal Klartext, das kann ich nämlich auch noch.

Gefragt hat mich ja damals keiner. Und von Liebe war auch nie die Rede. Nicht so wie bei den jungen Dingern heute. Nee, das waren ganz andere Zeiten. War ja Krieg. Da musste man nehmen was da war. Ich wäre auch ganz gut alleine klar gekommen, glaube ich. Aber das ging ja damals nicht. Ne Bombe ohne Zünder. Wie hätte das denn ausgesehen? Ne, das wollte ich auch nicht. Aber wenn ich’s mir hätte aussuchen können: Meinen Ersten hätte ich nicht freiwillig genommen. Wie der schon auf dem Fließband ankam, so ganz schnieke, mit glänzendem Messing, akkurates Gewinde, aber den Zündhut schief auf dem Kopf –na so was kann ich ja leiden. Und natürlich ne große Klappe. Dabei war er ein ganz popeliger Aufschlagzünder. „Na, Dicke!“, sagt der. „Wolln wer mal mitenander?“ Ich und dick?  Da hat er gleich den falschen Anfang erwischt. „Lassen se mal de Blumen im Potte.“ sag ich. Aber er grinst nur und schaut mich von oben bis unten an. Na gut, 250 Kilo sind kein Gardemaß, auch wenn man es damals ja ein bisschen runder mochte. Aber er hat ja gar nicht richtig hingeschaut, hat nicht meine schlanken Flügel nach Hintenraus gesehen, die die Figur so schön strecken. Alles Blech, weiß ich, aber ich fand mich schon ansehnlich. Wegen mir hätte der Kerl abzischen könnnen. Aber: Einen kessen Spruch und zwei Umdrehungen und dann saß er mir vor der Nase und erklärte mir die Welt. „Mädel“ sagte er,“ Mädel, wir zwee, wir sind was janz Besonderet. Dit merkste noch nicht, aber lass mer ma machen.“ Und dann hat er mir erzählt, dass wir nach Frankreich kommen. Und das wir für was Einmaliges geschaffen sind: Wunderwaffe sozusagen. Mit einem Düsenjäger sollten wir fliegen. Davon gab’s ja damals nur ganz wenige. Na, was soll ich sagen: Damit hat er mich natürlich gekriegt. Geglaubt hab ich ihm, obwohl ich hätte wissen müssen, dass er mit mir nur in die Kiste will. Und da sind wir beide dann auch gelandet. Kein Himmelbett sondern ne Munitionskiste mit Holzwolle drin. Egal. Hat so schön geschuckelt, als sie uns damit zur Front gefahren haben.

Na, und was soll ich sagen: War natürlich alles gelogen, was er mir erzählt hat. Nicht Frankreich war’s, sondern Vorpommern und auch keine Düsenjäger sondern alte Stukas und kein Sprit. So sahs aus, im Mai 45. Und kaum waren wir ausgeladen, haben sich die deutschen Helden schon aus dem Staub gemacht. Die Russen kamen –schneller als die gedacht haben. Da lagen wir nun in unserer Kiste und haben gezittert. Von den Russen hatten wir ja einiges gehört. Dann ging alles ganz flott. Die Russen waren da, hieven uns raus aus der Kiste und schauen sich meinen Spitzenmann an. Der war plötzlich ganz mucksch. Wär’ am liebsten im Erdboden versunken, was ja eigentlich auch seine Bestimmung war. Dann kommt ein Soldat mit sehr sanften Fingern, klopft ein bisschen, auf mir rum, probiert ein bisschen hier, ein bisschen da dann zwei flinke Umdrehungen und mein Erster war auf Nimmerwiedersehn verschwunden. Will lieber nicht wissen, was die Russen mit so einem Luftikus wie ihm angestellt haben. Eingestampft wahrscheinlich. Ist auch egal. Lange hatte ich jedenfalls nicht Zeit, ihm nachzuheulen. Da kam schon der andere. Schöner Kerl, wenn auch ganz anders als der Erste. Kein Messing sondern einfacher Stahl. Robust, aber gutmütig. Und richtig vorgestellt hat er sich. „Sergej“, hat er gesagt und „Chitler Kaputt“. „Ja“, sag ich, „Doswedanje.“ Ein bisschen Russisch hatte ich bei den Ostarbeiterinnen in der Munitionsfabrik gelernt.“ So richtig konnten wir uns noch nicht aussprechen, da hingen wir schon unter einem Russenflugzeug. „Sergej“, frag ich „kuda, wohin? „Na Bjerlin“ lacht er und freut sich wie ein Kind. Mir wurd’ ganz kalt, aber da waren wir schon in der Luft und ich hab die Oder gesehen und dann die Spree. Überm Stadtschloss haben sie uns abgeworfen und ich hab geschien „Njet, Sergej“, weil ich nicht wollte, dass da unten noch mehr kaputt ging. Und an die Leute in den Luftschutzkellern hab ich gedacht. Es hat gepfiffen und geknallt, aber alles neben mir – bei uns hats nicht gefunkt.
Und dann war alles still. Über uns ein paar Meter Dreck, aber sonst nur ein paar Beulen. „Sergej“, frag ich, „allet karascho?“ Aber da hör ich nichts mehr- Seit 75 Jahren hör ich nix mehr. Zwischendrin hat’s mal gerumpelt, muss ein paar Jahre nach dem Krieg gewesen sein. Das waren Russenpanzer, das hab ich gespürt. Aber sonst: 75 Jahre allein. Dafür hab ich wenigsten keinen anderern auf dem Gewissen. Kann auch nicht jede aus meinem Gewerbe von sich sagen. Aber wisst ihr was: Das dicke Ende kommt noch.

Gestern waren wieder Soldaten da, die haben die Kabel für die Sprengung vorbereitet. Ich mag ja alt und verschrumpelt sein. Aber zu meinem 75sten da lass ich es noch mal richtig knallen. Da könnt ihr euch auf mich verlassen!

 

Schönen Feiertag noch.

75

Dieses Jahr werden in Berlin eine Menge Dinge 75 Jahre alt. Zum Beispiel der sowjetische Panzer am Ehrenmal vor dem Brandenburger Tor (natürlich ein T 34, soviel Zeit muss sein), der angeblich als erster die Stadtgrenze von Berlin überfuhr. Vor 25 Jahren hat mich ein seelenruhiger Wachtmeister von dem Panzer runtergeholt als ich meinte, sein Kanonenrohr wäre ein guter Ort, um sich die Love Parade anzusehen. „Kommse mal da runter“, raunzte er, das Ding ist 50 Jahre alt, da weiß man nie, wann das zusammenbricht.“ Na, er hat jetzt 75 Jahre gehalten, genau so wie die Bombe, die sie gestern vor dem Roten Rathaus ausgegraben haben. Es war eine deutsche Bombe mit sowjetischem Zünder. Und ich kann nicht umhin, die Dialektik zu bewundern, die die Sowjets beherrschten wie niemand anders. Eine deutsche Bombe zu nehmen, um mit ihr die Nazis zu bekämpfen und dann einen sowjetischen Zünder draufzuschrauben, der seit 75 Jahren zuverlässig das tut, was ein Zünder tun soll: Nicht zu explodieren.

Übrigens ist die Quersumme von 75 die 12, die Zahl der Vollkommenheit. Nächstes Jahr ist es dann die 13. Mal schauen, was dann die Bomben unter Berlin so machen.