Media vita

Luftschiffer-Denkmal von Victor Seifert, Lilienthalstraße 6, Berlin-Kreuzberg” by Neuköllner is licensed under CC BY-ND 4.0

Blüten, die ich noch nie gesehen habe, Käse, den ich noch nie gerochen habe und Garküchen aus unbekannten Ländern, die ich noch nie gekostet habe. Dazu eine Parade von teuren Fahrrädern und Lastenrädern, die es mit jeder asiatischen Metropole aufnehmen würde und viele gut angezogene Kindern wie auf einer italienische Piazza: Der Wochenmarkt am Berliner Südstern ist wirklich das pralle Leben. Ein wahrgewordener grün-alternativer Traum. Vom Guten was die Welt zu bieten hat, das Beste. Und natürlich alles bio, vegan und fair gehandelt. Es ist zum Kotzen.
Dass es mir schlecht wird, wenn ich diese neubürgerliche Selbstgerechtigkeit sehe, kann daran liegen, dass ich lange nicht mehr aus dem Wedding rausgekommen bin, dass ich mir vorkomme wie Kirchenmaus bei der Stadtmaus und merke, wie ungeniert meine Generation in Kreuzberg inzwischen ihren Wohlstand zelebriert.
Vielleicht ist es auch nur die Aspirin, die gerade aufgehört hat zu wirken und der Kater, der mich wieder krallt, mir alle Sinne schärft und mir alles bunter, lauter und ekelhafter erscheinen lässt.
Es ist spät geworden gestern. Wie alle paar Monate saß ich zusammen mit einem Freund aus alten Zeiten in seiner großzügigen Jugendstilwohnung hier im Kietz. Und wie immer wurde die Lage diskutiert, die Krankheiten und was die alten Weggefährten machen. Nicht zum ersten Mal mussten wir auch auf Menschen anstoßen, die von uns gegangen waren – Natürlich mit Schampus, das einzige, was ich an Alkohol noch vertrage. Ja, und irgendwann müssen wir die dritte Flasche aufgemacht haben, ganz leise wie immer, damit der Korken nicht die Stuckdecke ruiniert. Auf jeden Fall war sie heute morgen leer, als ich mich vom Sofa wälzte, auf dem ich mal wieder gelandet war. Und weil ein Abend nicht reicht, um alles zu bereden machten wir uns gegen Mittag auf zum Markt und wollten von da zum Auslüften in die Hasenheide, wie immer.
Doch irgendwie müssen wir, nachdem wir den quirligen Verkehrsfluss auf der vierspurigen Straße überquert hatten, mit unseren bräsigen Köpfen falsch abgebogen sein. Vielleicht war es auch der dunkle, wuchtige Klotz, den ich durch das lichte Laub der herbstlichen Bäume mehr ahnte als sah, der uns in diese Richtung gezogen hat.
Auf jeden Fall stehen wir jetzt statt auf knirschenden Parkwegen in einem stillen Totenreich. Das bunte Leben vom Wochenmarkt scheint ewig weit weg. Zur Linken tut sich eine wuchtige Kirche auf, nix besonderes, irgendwas aus der Kaiserzeit, das auf Mittelalter macht, aber katholisch, was in Berlin schon seltsam genug ist. Davor sehen wir eine Stele mit brennenden Kerzen und eine junge Frau auf einer Bank. Sie hält eine weiße Friedhoflampe in beiden Händen und fragt uns, ob wir Feuer hätten. Ich schaue mir an, wen sie mit dem ewigen Licht ehren will: Es ist Johannes Paul II – der polnische Pillen-Paule, der wahrhaftige Antichrist für jeden politisch Aktiven in den Achzigern und Neunzigern. Abtreibungsgegner, Verhütungsverteufler, Kommunistenfresser. Dem ein Licht anzünden? Auf dass er weiter sein Unwesen treibt? Mich gruselt, und ich habe wirklich keine Streichhölzer dabei. Und so gehen wir weiter in die Dunkelheit. Einmal um die Kirche rum, da steht, vom fahlen Laub bedeckt, ein weiterer Untoter vor uns: Ein gefallener Engel in der Gestalt eines Mannes in Fliegermontur; vom Himmel gestürzt, von Grünspan bedeckt und doch sehr lebendig aussehend. „Den deutschen Luftschiffern 1914-18“ steht auf seinem Sockel. Wenn ich mich recht erinnere, warfen die deutschen Luftschiffer im ersten Weltkrieg vor allem Bomben auf fremde Städte. Und dafür ein Denkmal vor einer katholischen Kirche? Auf geweihter Erde? Das ist doch absurd. Und doch sind es nicht nur meine überreizten Sinne, die mir das vorgaukeln. Wie ich später aus dem Internet erfahre, sieht es in der Kirche noch schlimmer aus. Gedenktafeln für deutsche Kolonialsoldaten und Infanteriebatallione des 2. Weltkriegs. Ist hier, im Reich der Dunkelheit, die Zeit stehen geblieben? Nicht ganz: Die Basilika ist die Heimatkirche der katholischen Militärseelsorge. Immerhin auf den Glasfenstern soll inzwischen katholischen Widerstandskämpfern gegen die Nazis gedacht werden. There’s a light… Aber nicht für uns. Da ist noch der dunkle Klotz mit seiner geheimnisvollen Macht, der uns erst hierher gebracht hat. Seine Anziehungskraft ist weiter unwiderstehlich. Doch um dorthin zu gelangen, müssen wir durch ein düsteres Tor aus Bruchstein. Es braucht Mut, dort einzutreten, denn nichts verrät uns, was sich dahinter verbirgt. Wir steigen die Stufen hoch und gelangen an ein gespenstisch leeres Wärterhaus. Keiner da, der uns abweisen will. Auch sonst keine Menschenseele. Das schmiedeeiserne Gittertor ist nur angelehnt. Es lässt sich lautlos öffnen. Aber wird es offen bleiben, wenn wir unbedacht hindurchschreiten, oder wird es sich hinter uns für immer schließen? Wir wagen es und finden uns wieder auf einer unheimlich leeren Paradeallee… Der Himmel ist bleigrau. Es nieselt leicht. „Den Toten im Osten“ gemahnt ein Stein zur Linken in skurriler Nierentischform. Na, wenigstens das kommt mir doch bekannt vor. Die „Toten im Osten“, das waren ja nach westdeutscher Lesart nicht die Millionen Sowjetsoldaten, nicht die Juden oder die Polen. Das waren die deutschen Soldaten, die Vermissten, die Vertriebenen, die „Brüder und Schwestern im Osten“, für die man selbst in meinem rheinischen Heimatdorf in den Sechzigern am Totensonntag noch rote Grablichter in die Fenster stellte. Mit Grausen wende ich mich ab vom Geist der Adenenauerzeit und blicke auf eine weitere Stele, in der das Grauen in modernerer Sprache ausgedeutscht wird: „Allen Opfern der Vertreibung, Vergewaltigung, Gewaltherrschaft… gedenkt der Volksbund der deutschen Kriegsgräberfürsorge. Jetzt wissen wir wenigstens, dass wir auf einem Soldatenfriedhof sind. Aber nirgendwo sind Kreuze, nirgendwo Gräber oder gar Blumen. Dafür stehen wir jetzt vor dem riesigen Steinquader, dem Klotz mit verschlossener Tür, dieser schweigenden, fensterlosen Kabaa mitten auf dem freien Feld. Was sollen wir machen? Um sie herum laufen und Suren aus dem Koran rezitieren? Mein Freund rät, ein paar Schritte zurück zu treten. Und das sehen wir, dass das Ding einen Schornstein hat. Ein Krematorium? Erinnerte mich die ganze Anlage nicht sowieso an den Totenkult der Nazis? Was ist hier passiert? Unter unseren Füßen treten wir auf etwas Hartes – wir sind zu weit zurückgegangen und stehen auf einem Gräberfeld. Kleine Betonsteine, in den Boden eingelassen, nicht größer als ein Bogen Briefpapier. Die ganze Lichtung voll. Auf allen Steinen steht das Jahr 1945; meist April oder Mai. Aber es sind keine Soldaten, es sind alte Menschen, Geburtsdaten mit einer 18 davor. Meyer, Schmidt, Schulze – Berliner Zivilisten.

Mir reicht’s. Ich will weg aus dieser Knochenmühle. Ich habe mit Begeisterung „Wolfszeit“ gelesen. Aber am vorletzten Tag vor dem Lockdown brauche etwas mehr Lebensfreude. Einen Kaffee, einen richtigen. Meinetwegen auch einen Latte mit Sojamilch am Südkreuz.

Tag der Befreiung

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Morgen feiern wir in Berlin den Tag der Befreiung vom Faschismus. Zum ersten Mal wieder seit 30 Jahren. Und weil wir das nicht gemeinsam auf der Straße machen können, habe ich mir für euch eine kleine Geschichte ausgedacht, die mir bei einer Meldung im Berliner Tagesspiegel vom Januar eingefallen ist:
Die Meldung: „Gefunden wurde die Bombe nach Polizeiangaben gegen 11.30 Uhr auf einer Baustelle an der Grunerstraße/Jüdenstraße. Nach ersten Erkenntnissen sei es eine deutsche Fliegerbombe mit einem mechanischen russischen Zünder, die von einem der damaligen Kriegsgegner erbeutet und wiederverwendet wurde.“

Das ist die Geschichte der geduldigen Bombe

Das ick in mein Leben noch in die Zeitung komm, hätt ich ja nich jedacht. Hab ich auch nicht jewollt. Vor allem, weil Sergej da schon weg war. 75 Jahre warn wa da schon zusammen und es wär schön gewesen, wenn wir unser Lehm jemeinsam zuende jebracht hättn. Aber is wohl bessa so. Wäre ja nich jut ausjeejang mit uns beeden. Irjentwann hätt’s jekracht Und so is jut, dass allet ant Licht jekommen ist, bevor et so weit war. Soll ja keiner zu Schaden komm. Dit war ja unsa Ziel.

Jetze lieg ich hier allein rum, mit die janzen rostigen alten Schachteln auffm Sprengplatz vom Munitonsräumdienst mitten im Wald. Mit die schicken Amerikanerinnen, die och nach all die Jahre richtig jut aussehn. (Aber dit is allet Chemie. Dit Azeton riech ick bis hierher), blasse englische Ladys jibt et ooch und grob gefeilte Russinnen. Aber so eene wie mich, ne Deutsche, die jibts hier nur eenmal. Un ich bin ooch die einzje, die wat mit zwee so Kerlen hatte, die leicht explodiern. Imma sone Hitzköppe und immer die falschen, oder die richtijen, wie man’s so sehen will.

So jetzt rede ich mal Klartext, das kann ich nämlich auch noch.

Gefragt hat mich ja damals keiner. Und von Liebe war auch nie die Rede. Nicht so wie bei den jungen Dingern heute. Nee, das waren ganz andere Zeiten. War ja Krieg. Da musste man nehmen was da war. Ich wäre auch ganz gut alleine klar gekommen, glaube ich. Aber das ging ja damals nicht. Ne Bombe ohne Zünder. Wie hätte das denn ausgesehen? Ne, das wollte ich auch nicht. Aber wenn ich’s mir hätte aussuchen können: Meinen Ersten hätte ich nicht freiwillig genommen. Wie der schon auf dem Fließband ankam, so ganz schnieke, mit glänzendem Messing, akkurates Gewinde, aber den Zündhut schief auf dem Kopf –na so was kann ich ja leiden. Und natürlich ne große Klappe. Dabei war er ein ganz popeliger Aufschlagzünder. „Na, Dicke!“, sagt der. „Wolln wer mal mitenander?“ Ich und dick?  Da hat er gleich den falschen Anfang erwischt. „Lassen se mal de Blumen im Potte.“ sag ich. Aber er grinst nur und schaut mich von oben bis unten an. Na gut, 250 Kilo sind kein Gardemaß, auch wenn man es damals ja ein bisschen runder mochte. Aber er hat ja gar nicht richtig hingeschaut, hat nicht meine schlanken Flügel nach Hintenraus gesehen, die die Figur so schön strecken. Alles Blech, weiß ich, aber ich fand mich schon ansehnlich. Wegen mir hätte der Kerl abzischen könnnen. Aber: Einen kessen Spruch und zwei Umdrehungen und dann saß er mir vor der Nase und erklärte mir die Welt. „Mädel“ sagte er,“ Mädel, wir zwee, wir sind was janz Besonderet. Dit merkste noch nicht, aber lass mer ma machen.“ Und dann hat er mir erzählt, dass wir nach Frankreich kommen. Und das wir für was Einmaliges geschaffen sind: Wunderwaffe sozusagen. Mit einem Düsenjäger sollten wir fliegen. Davon gab’s ja damals nur ganz wenige. Na, was soll ich sagen: Damit hat er mich natürlich gekriegt. Geglaubt hab ich ihm, obwohl ich hätte wissen müssen, dass er mit mir nur in die Kiste will. Und da sind wir beide dann auch gelandet. Kein Himmelbett sondern ne Munitionskiste mit Holzwolle drin. Egal. Hat so schön geschuckelt, als sie uns damit zur Front gefahren haben.

Na, und was soll ich sagen: War natürlich alles gelogen, was er mir erzählt hat. Nicht Frankreich war’s, sondern Vorpommern und auch keine Düsenjäger sondern alte Stukas und kein Sprit. So sahs aus, im Mai 45. Und kaum waren wir ausgeladen, haben sich die deutschen Helden schon aus dem Staub gemacht. Die Russen kamen –schneller als die gedacht haben. Da lagen wir nun in unserer Kiste und haben gezittert. Von den Russen hatten wir ja einiges gehört. Dann ging alles ganz flott. Die Russen waren da, hieven uns raus aus der Kiste und schauen sich meinen Spitzenmann an. Der war plötzlich ganz mucksch. Wär’ am liebsten im Erdboden versunken, was ja eigentlich auch seine Bestimmung war. Dann kommt ein Soldat mit sehr sanften Fingern, klopft ein bisschen, auf mir rum, probiert ein bisschen hier, ein bisschen da dann zwei flinke Umdrehungen und mein Erster war auf Nimmerwiedersehn verschwunden. Will lieber nicht wissen, was die Russen mit so einem Luftikus wie ihm angestellt haben. Eingestampft wahrscheinlich. Ist auch egal. Lange hatte ich jedenfalls nicht Zeit, ihm nachzuheulen. Da kam schon der andere. Schöner Kerl, wenn auch ganz anders als der Erste. Kein Messing sondern einfacher Stahl. Robust, aber gutmütig. Und richtig vorgestellt hat er sich. „Sergej“, hat er gesagt und „Chitler Kaputt“. „Ja“, sag ich, „Doswedanje.“ Ein bisschen Russisch hatte ich bei den Ostarbeiterinnen in der Munitionsfabrik gelernt.“ So richtig konnten wir uns noch nicht aussprechen, da hingen wir schon unter einem Russenflugzeug. „Sergej“, frag ich „kuda, wohin? „Na Bjerlin“ lacht er und freut sich wie ein Kind. Mir wurd’ ganz kalt, aber da waren wir schon in der Luft und ich hab die Oder gesehen und dann die Spree. Überm Stadtschloss haben sie uns abgeworfen und ich hab geschien „Njet, Sergej“, weil ich nicht wollte, dass da unten noch mehr kaputt ging. Und an die Leute in den Luftschutzkellern hab ich gedacht. Es hat gepfiffen und geknallt, aber alles neben mir – bei uns hats nicht gefunkt.
Und dann war alles still. Über uns ein paar Meter Dreck, aber sonst nur ein paar Beulen. „Sergej“, frag ich, „allet karascho?“ Aber da hör ich nichts mehr- Seit 75 Jahren hör ich nix mehr. Zwischendrin hat’s mal gerumpelt, muss ein paar Jahre nach dem Krieg gewesen sein. Das waren Russenpanzer, das hab ich gespürt. Aber sonst: 75 Jahre allein. Dafür hab ich wenigsten keinen anderern auf dem Gewissen. Kann auch nicht jede aus meinem Gewerbe von sich sagen. Aber wisst ihr was: Das dicke Ende kommt noch.

Gestern waren wieder Soldaten da, die haben die Kabel für die Sprengung vorbereitet. Ich mag ja alt und verschrumpelt sein. Aber zu meinem 75sten da lass ich es noch mal richtig knallen. Da könnt ihr euch auf mich verlassen!

 

Schönen Feiertag noch.

75

Dieses Jahr werden in Berlin eine Menge Dinge 75 Jahre alt. Zum Beispiel der sowjetische Panzer am Ehrenmal vor dem Brandenburger Tor (natürlich ein T 34, soviel Zeit muss sein), der angeblich als erster die Stadtgrenze von Berlin überfuhr. Vor 25 Jahren hat mich ein seelenruhiger Wachtmeister von dem Panzer runtergeholt als ich meinte, sein Kanonenrohr wäre ein guter Ort, um sich die Love Parade anzusehen. „Kommse mal da runter“, raunzte er, das Ding ist 50 Jahre alt, da weiß man nie, wann das zusammenbricht.“ Na, er hat jetzt 75 Jahre gehalten, genau so wie die Bombe, die sie gestern vor dem Roten Rathaus ausgegraben haben. Es war eine deutsche Bombe mit sowjetischem Zünder. Und ich kann nicht umhin, die Dialektik zu bewundern, die die Sowjets beherrschten wie niemand anders. Eine deutsche Bombe zu nehmen, um mit ihr die Nazis zu bekämpfen und dann einen sowjetischen Zünder draufzuschrauben, der seit 75 Jahren zuverlässig das tut, was ein Zünder tun soll: Nicht zu explodieren.

Übrigens ist die Quersumme von 75 die 12, die Zahl der Vollkommenheit. Nächstes Jahr ist es dann die 13. Mal schauen, was dann die Bomben unter Berlin so machen.