Das Haus in der Kurve

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Und hier noch was zum Träumen.“, schreibt mir eine Freundin auf einen gelben Klebezettel. Klebt ihn auf ein Buch, legts in mein Postfach und enteilt ins aufregende Sauerland. Sauerland, wie das klingt, Land der wuchtigen Wälder, der wilden Höhen und der ewigen Weiten. So stelle ich mir das Sauerland vor. Menschen, die dort leben, mögen das etwas nüchterner sehen. Aber Länder, in denen ich noch nie gewesen bin, können meine Phantasie entflammen. Nirgendwo ist es schöner (oder schrecklicher) als da, wo ich noch nie war. Deswegen öffne ich im öden österlichen Lockdown-Berlin das schmale Buch „Lexikon der Phantominseln“ mit großer Vorfreude. Deftige Abenteurgeschichten erwarten mich. Erzählungen von tapferen Seeleuten und furchtlosen Forschern, die sich an die Ränder der bekannten Welt wagten. Und von Kapitänen wird dort berichtet, die in Spelunken Seemansgran spannen, Geschichten von fernen Ländern, voll Gold und Edelsteinen und von Inseln, die es leider nie gab.
Wann, frage ich mich beschämt, hast du zuletzt den Aufbruch in eine unbekannte Welt gewagt? Nicht nur vom Sofa aus, sondern wirklich? Mein Blick fällt auf meine Motorradjacke an der Garderobe. Auf deren Brusttasche hat noch meine Mutter selig in einer anderen Zeit das stolze Abzeichen „Elefantentreffen 2009“ aufgenäht. Von Berlin an den Nürburgring mitten im Winter mit einem russischen Beiwagen-Motorrad. Es gab Schnee und es gab Eis, aber es gab kein Halten. „Du willst doch fahren,“ seufzte meine Freundin, „dann fahr auch.“ Es war ein Wunder, dass ich die Strecke mit der alten Mähre geschafft habe. Und wunderbar war es, sich nach zwei Tagen vor der Überquerung des heimatlichen Rheins bei meinem Vater melden zu können: „Ich stehe jetzt bei Linz an der Fähre.“ Und ein Happening war es, sich am andereren Tag mit tausend anderen Verrückten mitten in der Eifel im Schnee zu wälzen. Tempi passati. Gestern versuchten mein Freund Michael und ich die Motrradsaison einzuläuten. Nach einer Stunde gab ich auf. Im grauen, menschenleeren, schneidend kalten Brandenburg wollte keine Abenteurerlust mehr aufkommen.
„Wenn Träume sterben, dann wirst du alt.“, sangen die Phudys zu einer Zeit, als es für mich ein Wagnis war, mit dem Moped zur nächsten Dorfdisko zu fahren. Ist wirklich nichts mehr übriggeblieben von dem Drang in die weite Welt, von der Suche nach dem Paradies?

Der Gedanke lässt mir keine Ruhe. Am nächsten Morgen sattle ich die Packtaschen auf mein Fahrrad und mache mich einsam auf nach Westen. Weit über die Grenzen des Wedding hinaus fahre ich ins Niemandsland jenseits von Moabit. Dort, so weiß ich, gibt es eine Insel, die immer schon meine Sehnsucht auf sich gezogen hat. Kein Weg fürt zu dieser Insel, die ich immer nur für Sekunden sehen konnte, wenn ich von der kurvigen Autobahnbrücke auf sie herabgeschaut habe. Und die Karten, die es von dieser Gegend gibt, sind so widersprüchlich und ungenau, als wären sie von trunkenen Seemännern gezeichet. Einig sind sie sich nur darin, dass es gegenüber der Insel eine Hundewiese gibt. Das ist eine wichtige Information für Berliner. Hic sunt dragones, hätte man früher auf diesen weißen Fleck auf der Karte geschrieben. Ich erforsche eine terra incognita. Als Kompass kann mir also nur meine Sehnsucht dienen. Die Sehnsucht nach einem Ort von Kanälen durchzogen, mit grünen Gärten, kleinen Hütten und blühenden Bäumen. Ein Ort perfekter Harmonie, dessen Natürlichkeit durch das alleinstehende, übriggebliebene Gründerzeithaus mit großen Fenstern und hellem Klinker nur noch unterstrichen wird. Ein Garten Eden, mitten in Berlin.
Zum Glück bin ich allein unterwegs und habe ich keine Mannschaft, die meutern kann. Denn es wird eine Irrfahrt, die eines Odysseus würdig wäre. Von Brücken, die auf der Karte eingezeichnet sind, stehen seit dem Krieg nur noch die Pfeiler, unvermutet enden Wege vor offenen Schlünden, die einen zu verschlingen drohen. Und als ich mich durch den engen, gewundenen Tunnel wage, warten am anderen Ende Berliner Sirenen in einer Kleingartenkneipe, die mich trunken machen wollen. „Will er einen Glühwein oder will er ein Bier?“, werde ich in der Sprache des Soldatenkönigs angeherrscht. Anscheinend habe ich auf meiner Suche einen Zeittunnel durchschritten, der mich 300 Jahre zurückgeworfen hat. Aber Maketenderinnen im „Tunneleck“ sind heute gnädig und weisen mir den Weg: „Na, da sinse hier abba falsch. Da müssn se zu Siemens rüber. Un von da jibs ne Brücke.“
Ja, und da stehe ich nu, mitten im Paradies. Engültig hat sich die Frage erledigt, ob das Paradies ein Garten oder eine Insel ist. Es ist beides. In trauter Einigkeit leben hier der Wolf und das Schaf. Kleingärtner und die Wasserschutzpolizei. Und das große Haus beherbergt Künstlerateliers. Und weil hier täglich Schöpung stattfindet, sind Adam und Eva sind auch schon da.

Ach, Frühling

Gestern noch hätte ich ein wehklagendes Weltuntergangsgedicht schreiben wollen. Mit ächzenden Baukränen, die stöhnen wie untergehende Tanker, dem Mantel einer Selbstmörderin, der nachts verlassen auf einer Bank am Kanalufer liegt und kalkweißen Lichtfingern, die den Himmel über Berlin nach neuem Unheil absuchen. „Oh Welt…,! Das volle Expressionistenprogramm.
Zum Glück scheint heut Morgen die Sonne. Ich hole mir einen Kaffee beim türkischen Bäcker um die Ecke und suche mir ein warmes Plätzchen. Vor den Ruinen des kroatischen Restaurants an der Ecke hat jemand für mich die Reste des Mobiliars auf das Trottoir gestellt. Menschen rennen vorbei, Paketautos kurven in Parklücken. Ich sitze auf einem klapprigen Lederstuhl und spüre die zaghafte Wärme. Am Schaufenster hängt noch das muntere Plakat für die Demo am Wochenende, das ich selber geklebt habe. War gar nicht schlecht. Der Bürgermeister war da und hat uns das Blaue vom Himmel herunter versprochen. Auch schon wieder vorbei. Der Wind bläht die Plane über meinem Motorrad. „Ruhig Brauner!“ raune ich ihm zu. „In ein paar Stunden sind wir auf der Autobahn.“ Ein Blick auf die Uhr. Mit wippenden Schritten federe Ich meinem Home Office entgegen. Das kommt von den neuen, wunderbar weichen Silikoneinlagen- in den Schuhen. Merkt keiner, aber lassen mich wieder laufen wie einen jungen Hüpfer. „I look pretty tall, but my heels are high.“ Das Jahr kann so weiter gehen.

All the way from China

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Das kleine Flugzeug hat’s geschafft. Es hat drei Wochen gedauert, aber jetzt ist des da, wo es hin wollte.
In Shenzen, dem großen Industriegebiet in Kanton ist es gestartet, dann in Hongkong in den großen Flieger umgestiegen und damit einmal um die halbe Welt nach Frankfurt geflogen – nur weil ich einmal im Internet auf einen Knopf gedrückt habe. Und von Frankfurt hat es das Postauto nach Berlin gebracht. Da hab ich es abgeholt. Dann habe ich den Karton versteckt, weil ich Nikolaus spielen wollte. Aber meine Jungs haben ihn am Tag vor Nikolaus gefunden, den Karton. Sie haben ihn aufgerissen, das Flugzeug gefunden uns sind auf die Wiese gelaufen. Sie haben das kleine Flugzeug wie wild um sich geschmissen. Und das Flugzeug war glücklich, denn dafür ist es gebaut worden, um von Kindern in die Luft geworfen zu werden. Mit tollen Loopings ist es vom Himmel wieder zurück gekommen. Und die Jungs  haben sich gefreut. So hatten es die Menschen in China es konstruiert, dass es tolle Loopings fliegt, wenn Kinder es richtig in die Luft werfen. Das können die Chinesen gut, kleine Jungs mit ein bisschen Plastik glücklich machen. Aber gibt es in China auch Bäume? Wissen die Chinesen, dass es in unserem Hinterhof die Ahornesche gibt und und die Hainbuche, die Walnuss und die Kastanie? Die große Kastanie in der schon so manches gelandet, aber nicht wieder zurück gekommen ist. Anscheinend wissen sie auch das. Denn wie durch ein Wunder kommt das kleine Flugzeug immer wieder auf die Erde, auch wenn es in den Zweigen hängen geblieben ist, auch wenn es sich heillos verheddert zu haben scheint. So glatt ist es, das kleine Flugzeug, so leicht, dass es immer wieder nach unten kommt, wenn die Kinder nur heftig genug an den Zweigen rütteln, oder Stöcke in den Baum werfen, oder Kastanien. Oder den Vater rufen. Der hangelt dann über die dünnen Stämmchen des Fliederbuschs, von besserwisserischen Brillenträgern drei Meter unter ihm frech gefragt, ob er wisse, was er da tue? Und ob das nicht gefährlich sei, so hoch in der Luft mit dem langen Besenstiel nach dem Flugzeug zu angeln?

Aber der Vater weiß, was er tut. Er kriegt nicht nur das kleine Flugzeug wieder runter vom Baum (obwohl es dort gerne geblieben wäre – Flugzeuge sind gerne dem Himmel so nah); er hat sogar noch Satz neue Flugzeuge in petto, damit er in Nacht zum Nikolaus den drei Jungs was in die Stiefel stecken kann, die vor der Tür stehen werden -ungeputzt natürlich. Denn auch die Schuhe sind aus Plastik. Der Nikolaus weiß, dass man die nicht mehr putzen muss, behaupten die Jungs. Aber das werden andere Flugzeuge sein. Denn eigentlich wollte der Vater ja gar keine Sachen aus China bestellen, billige Sachen, die mit dem Flieger geschickt werden, und erst recht nicht welche, die in den Kartons mit dem lächelnden Pfeil ins Haus kommen.
Deswegen war er im Bastelgeschäft und hat für jeden Jungen ein Flugzeug aus Holz gekauft, so eins, das man noch aussägen und zusammenbasteln muss, so eins, wie er es selber gerne gehabt hätte, als er ein Junge war. Eigentlich wollte er ihnen das später schenken, wenn sie schon größer und geschickter sind. Aber ein Nikolausmorgen ohne was im Stiefel? Und die Kinder sind wirklich erstaunt, als sie die Schuhe ausgeräumt und die Schokolade in den Mund gestopft haben. So was haben sie noch nie gesehen. Aber sie machen, was sie immer machen, wenn sie Geschenke bekommen: Sie reißen erst ungedudig die Kartons auf und dann die kleinen Tütchen, in denen die Einzelteile verpackt sind. Und der Vater sieht’s und rauft sich das graue Haar, als er die vielen Teile, die dünnen Drähtchen, die Stäbchen und Plättchen unter den Kinderbettchen verschwinden sieht. Rasch wird nach donnernder Ermahnung alles von flinken Händen eingesammelt und auf den Küchentisch gelegt. Doch wieder rauft der Vater das Haar, als er die Bauanleitung sieht. Denn die ist auf Polnisch geschrieben. Unwirsch scheucht er seine neugierigen Nachkommen aus der Küche, setzt sie im Wohnzimmer vor den Computer und beginnt sein Werk. Und mählich allmählich kommt die Erinnerung wieder, an die Laubsägearbeit im Keller des Großvaters, an Holzleim, Klemmen und Klebeband. An die Ruhe und die Geduld, die der Großvater versuchte ihn zu lehren. Stolz zeigt der  Vater jeden Bauabschnitt den Knaben, die mehr und mehr Interesse bekommen. Zart wölben sich hauchdünne Balsaholzscheiben über zerbrechlichen Spanten. Geschickt biegt er mit zwei Zangen ein Stückchen Draht zum Widerlager für den Propellerantrieb. Und feierlich kommt es zur Hochzeit – der Verbindung von Flügeln und Rumpf. Die Sonne ist schon lange hinter den Häuserdächern verschwunden als vier ehrfürchtige Piloten das filigrane Maschinchen zum Jungfernflug in den Garten tragen. Kleine Taschenlampen leuchten dem Holzvogel den Weg, als er sich vom Gummiband getrieben mit schnurrendem Propeller steil in die Lüfte erhebt – und ebensoschnell abstürzt. Schwerpunkt, Trimmung, Balance: All diese Worte kommen dem Vater in den Sinn, Worte, die er im Polnischen nicht zu lesen vermochte. Worte, die er seinen Kindern nicht erklären kann. Als nach drei Versuchen der Propeller abbricht, fragen sie nur: „Können wir das andere Flugzeug mit zu Mama nehmen?“ Das kleine, billige chinesische Flugzeug freut sich. Es ist in den Herzen der Kinder angekommen. Zerschmettert lieg die europäische Handwerkskunst am Boden. Nur im Märchen gewinnen die Edlen und Schönen.

Nighthawks

Foto: Lena M. Olbrisch

„Edward Hopper“, das sagen viele, die das Bild „Die Baude bei Nacht“ von Lena M. Olbrisch sehen, das es beim Kunstwettbewerb „Mein Wedding 2020“ unter die ersten 12 geschafft hat. Und sie meinen natürlich den Klassiker „Nighthawks“: Einsame Menschen, sitzen, vom kalten Neonlicht beschienen, in einem nächtlichen Restaurant. Traurige Gestalten, aber Gestalten, die gut aussehen. Mit ihren lässigen Anzügen, eleganten Kostümen, mit ihren coolen Hüten und harten Drinks könnten sie Schauspieler in einem Holywoodstreifen der schwarzen Serie sein. Selbst der Barmann ist adrett mit einem weißen Schiffchen auf dem Kopf. Das Bild, das in den 80ern in jedem billigen Bistro Westdeutschlands hing, hat  ganz wesentlich zu meiner Sehnsucht beigetragen, als einsamer Wolf durch nächtliche Straßen in der großen Stadt zu ziehen. Es war diese Sehnsucht, die mich endlich nach Berlin brachte. Einen Trenchcoat hatte ich auch dabei.

Jetzt lebe ich seit 25 Jahren hier und hab mein Ziel erreicht. Ich bin nicht nur alleine – meinen Sohn habe ich gerade bei seiner Mutter abgegeben- sondern auch richtig einsam und voller Grimm, wie jedesmal nach diesen traurigen Treffen. Kein Zuhause nirgends. Aber die Stadt kennt auch Orte, die einen trösten.

Kalt weht der Herbstwind durch meine dünne  Schimanski-Jacke, als ich im fahlen Licht der untergehenden Herbstsonne auf die Curry-Baude am Bahnhof Gesundbrunnen zusteuere, dem Treffpunkt aller Nachteulen, die hier in Berlins irrester Ecke gestrandet sind. Ein mageres schwarzes Mädchen in einem dünnen Kleidchen kommt mir auf dem Bahnhofsvorplatz entgegen, geschmeidig tanzend, selig lächelnd. In ihrer Hand verbirgt sie etwas, etwas Glänzendes, wahrscheinlich das Zeug, das sie gerade glücklich macht. Ich lächle zurück, denn auch ich  verstecke etwas, das glücklich machen soll. Die Baude ist hell erleuchtet, wie auf dem Foto. Doch im kalten Neonlicht (s.o.) hinter dem Tresen steht eine alte gebeugte Frau, die schon zu lange da steht. Zu viele Jahre und zu viele Stunden heute. Sie ist die Chefin, oder sie war es mal, das macht ihr Gesicht klar. Aber was macht die alte Chefin Sonntagabend um 8 noch im im Lokal? Mit der Hand stützt sie sich am Tisch ab, als sie meine „Curry Spezial mit Paprika und Mais“ zurecht schnippelt. Nichts erwartend als die nächste Bestellung. Hinter ihr gießt eine aus der Form geratene junge Frau mit struppigen, farblosen Haaren altes Frittenfett einen Eimer. Jetzt oder nie. Als ich die zwofuffzich für die Wurst auf die Glasschale zähle, ziehe ich mit der Linken etwas aus meiner Tasche. Keinen geladenen Colt, wie es Humphrey Bogart gemacht hätte, keinen Briefumschlag mit Dollarnoten. Nein, es sind die Postkarten mit den Bildern der Wettbewerbsgewinner, die wir nun im Wedding verteilen. „Hier“, sage ich, „wollte ich ihnen geben. Das Foto von Ihrer Baude hat einen Kunstpreis gewonnen.“ Kurz meine ich, dass sie ärgerlich wird, weil ich sie in ihrer Routine unterbrochen habe, die sie mit Mühe aufrecht erhält. Dann ruft sie nach hinten einen Männernamen: „Da ist jemand mit dem Foto, das die Kundin neulich gemacht hat.“ Ein hagerer Endvierziger kommt aus dem Lagerraum und  wischt sich die Hände ab, bevor er die Karten nimmt. Ich sage mein Sprüchlein noch mal. „Danke“, sagt er, „dass Sie an uns gedacht haben.“ Das Foto gefällt ihm. Freundlich zeigt er die Karten seiner grauen Helferin. Die werkelt immer noch am Boden, dreht kurz den Kopf und verzieht das Gesicht. Die alte Dame ist schon bei der nächsten „Zwee ma ohne Darm mit Pommes.“

Ist also Kunst doch für was gut? Na ja, auf jeden Fall hat sie mich zu der schärfsten und besten Currywurst in Berlin geführt (vergesst Konopke und Curry 36 gleich mit). Und mit der Curry intus habe ich sogar den Rückweg mit der U6 überlebt. Als am Leopoldplatz nicht nur die üblichen vier betrunkenen Polen (heute waren es nur drei, ich mach mir Sorgen) säuerlich nach Bier und Erbrochenem riechend in den Wagen torkelten, sondern auch noch ein Mann mit einem Seppelhut, der einen Rollstuhl mit einer Bierflasche drin vor sich herschob, sich mit den Fußsstützen in der Festhaltestange verhakte und so die ganze Tür blockierte. Und als der endlich durch war, noch zwei Jungs reinkamen (einer tatsächlich mit umgedrehter Basecap und goldener Gliederkette um den Hals), die noch irgendeinem Mädchen auf dem Bahnsteig imponieren wollten und ihre Hacken zwischen die zugehende Tür klemmten. Was aber auch wieder nichts mehr ausmachte, weil der ganze Zug außerplanmäßig noch fünf Minuten im Bahnhof stehen blieb, was uns der Fahrer über knarzende und hallende Lautsprecher lakonisch zubrüllte. War alles zu ertragen, selbst mit Maske vorm Gesicht.

Wir halten also fest: Wer Kunst so nah an sich ran lässt, dass er sie für Wirklichkeit hält, der läuft sein Leben lang falschen Vorbildern nach. („Ich kenne das Leben, ich bin im Kino gewesen“ (Fehlfarben)). Wer aber Kunst nicht an sich ran lässt, verpasst die besten Orte, die erstaunlichsten Menschen und bleibt ewig in einem Vorortbistro mit einer schlechten Kopie von den „Nighthawks“ hängen.

Einen schönen Abend wünsch ich noch.

 

Mille fleurs

Also dieser Sommer…. Wind, dramatische Wolken und Sturzregen: wunderbar. Als Fan der Regensucherin gibt es für mich kein schöneres Geräusch als das Tanzen der Regentropfen auf dem Fensterbrett und das Rauschen der Bäume vor dem Gewitter.
Das gibt mir das Gefühl: Es ist alles wieder gut. Klimawandel war einmal. Die Wiese bleibt grün. Die Kastanie im Hinterhof hat die Motten, aber auch damit kommt sie in so einem regenreichen Sommer besser klar. Und was es heute regnet, das füllt den Grundwasserspiegel für die nächsten Jahre, hoffe ich . Mit meinen Söhnen habe ich kein Apfelbäumchen gepflanzt, sondern Astern in drei kleinen Blumentöpfen. Und die brauchen sie gar nicht zu gießen – nur in den Garten stellen. Wächst von selber.

„Wäre schön, stimmt aber alles nicht.“, sagt der schlacksige Kerl, der neben mir durch die Wiesen des Naturschutzgebiets Klapperberge stapft. „Der Regen kommt viel zu spät, den hätten wir im April gebraucht. Die Bäume hier lassen die Blätter hängen, weil es damals zu trocken war. Jetzt schwemmt der Starkregen nur die Erde weg. Unten an den Wurzeln kommt nichts an.“ Ach dieser Kerl – verdient sein Geld mit Dachbegrünungen. Da muss er den Leuten ja so was erzählen. Und bei einer Sache muss er mir sogar Recht geben. Auf den  Wiesen hier in der Uckermark haben seit Jahren nicht mehr so viele Blumen geblüht . Ich schau in meine Pflanzen-App: Alles Unkräuter. Na Gottseidank sprießt das wieder.

Unter dem Pflaster

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Es ist kalt. Vom nahen Ufer zieht klamme Feuchtigkeit unter meine Jacke. Jemand hat ein Feuer angemacht, um uns zu wärmen. Eine Frau ruft meinen Namen über den Strand. So wie sie ruft, klingt er wie ein wildes Tier. Sie holt mich heim. Essen ist fertig. Das ist schön.
Noch vor einer Viertelstunde war das ein ganz normaler Feierabend, mit Wäsche bügeln und ein bisschen Internet. Irgendwas hat mich nach draußen gezogen, an diesem Abend im Juli, der sich schon wie Herbst anfühlt. Dann bin ich durch den Wald gefahren und durch die Tür gegangen, die immer offen steht. Jetzt sitzen um mich herum junge Männer mit den Füßen im Sand. Sie reden ruhig, ihre Abenteuer sind für heute vorbei. Einer improvisiert auf einem E-Piano ein bisschen Jazz ein bisschen Lateinamerikanisches. Die Melodien sind fein, machen die Gedanken leicht und ziehen über den See, in dem noch ein paar Nackte baden. Die Sonne ist längst untergegangen.
Eigentlich gehöre ich nicht hier hin. Das ist eine Aussteigertraum, eine Hippiekommune, ein alternatives Projekt. Ich weiß noch nicht mal, wie man das heute nennt. Ist auch egal.
Ich bewundere den Mut und die Unbefangenheit der Truppe, aus einem heruntergekommenem Strandbad am Rande der Stadt einen Lebensraum für sich selbst und ein Refugium für ihre Gäste zu machen. In Zeiten, in denen meine Gedanken um die verschiedenen Facetten des Weltuntergangs oder zumindest des Älterwerdens kreisen, einfach ein paar Hütten auf den Strand zu stellen,  einen Steinofen zu bauen, gute Pizza zu backen und die Tür weit auf zu machen. Es ist wie ein Geschenk
Die Pizzabäckerin ruft die letzte Runde aus. Ich verschenke die Hälfte meiner an ein paar Jugendliche, die zu spät gekommen sind. Es ist schön, was geben zu können. Ich muss zurück. Morgen geht es für mich woanders weiter. Aber ich hoffe, das kleine Paradies ist nach meinem nächsten Feierabend noch da.

 

Urban Jungle

Eigentlich wollte ich in meinem Leben einmal den Dschungel sehen, richtigen Regenwald mit riesigen Bäumen, Pflanzen mit fetten Blättern und üppigen exotischen Blüten. So wie im Dschungelbuch, so stelle ich mir das vor. Costa Rica wurde mir von Freunden als Land genannt, wo es das alles zu sehen gibt – und noch ein paar Vulkane dazu. Jetzt sieht es so aus, als würde es ein Wettrennen gegen die Zeit geben, denn der Regenwald verschwindet so schnell, dass es vielleicht keinen mehr gibt, bevor wieder Flugzeuge oder Schiffe in das Land meiner Sehnsucht fahren.
Es bleibt mir also nur, das Fernrohr umzudrehen und ganz nah ranzugehen an das, was ich hier jeden Tag sehen kann. Dann zeigt sich, dass auch unser Hinterhof Blüten und Farben in in Hülle und Fülle zu bieten hat. Fehlen nur noch die Affen.

Das muss jetzt

Plötzlich geht vieles, was lange nicht möglich war. Oder aufgeschoben. Oder unentschieden. Mein billiges Handy zum Beispiel. Es schwächelt schon eine Weile. Aber ich hab mich nicht dazu aufraffen können, es endlich aufzugeben. Dabei habe ich ein solides Nokia in der Schublade. Ich wollte mich halt nicht mit was Neuem, Anstrengendem beschäftigen. Aber gestern dachte ich: Du kannst doch nicht mit einem wackligen Handy rumlaufen, jetzt, in Zeiten von Corona. Du musst erreichbar sein. Du musst wissen was los ist. Also hingesetzt, Betriebsanleitung gelesen, rumgetippt, Hotline angerufen und jetzt läuft’s. So kenn ich mich gar nicht.
Oder die Sache mit dem neuen Perso. Hatte ein Schreiben bekommen. Könnte den jetzt abholen kommen. In Schöneweide, nur 20 Kilometer quer durch die Stadt. Nehme mir einen halben Tag frei, gehe durch die Tür vom Bezirksamt und da ist auf einmal ein Absperrband. Dahinter ein blondes Mädchen, so ne Azubi wahrscheinlich. Fragt mich, was ich will. Meinen Perso will ich abholen, sag ich. Geht nicht, sagt sie, neue Anweisung von heute, geht nur noch mit Termin. Oder brauchen sie den dringend, für die Bank, oder so? Ja, sag ich, ich brauch den dringend, für die Bank und so. Das glaub ich ihnen jetzt nicht, sagt sie, das ham sie jetzt von mir. Na, sag ich, dann brauch ich ihn eben für die Post, um Päckchen abzuholen. Sie müssen doch nur ins Regal hinter sich greifen. Nein, geht nicht, sagt sie und nestelt ein paar fliederfarbene Latexhandschuhe über ihre Finger, sie könnten sich infizieren. Wo könnte ich mich infiziern? frag ich. Wenn sie ihre Unterschriften leisten, da müssen sie unseren Stift benutzen, sagt sie ins Blaue hinein. Wo lernen die, sich so Sachen auszudenken? Die Jungen sind schlimmer als die Alten, denk ich mir, die wissen noch nicht welche Macht sie haben, kennen noch nicht das menschliche Maß. Und an Kafka denke ich, der sich so eine Situation hätte ausdenken können. Aber da bin ich schon wieder aus der Tür. Geht aber nicht ohne Perso. Nicht in Zeiten von Corona. Nicht wenn Ausgangssperre und Polizeikontrollen drohen, Massenunruhen und Straßenkämpfe, Lebensmittel auf Bezugschein und hungrige Kinder mit großen Augen. Ich brauche einen Perso. Ich denk an die Großmutter, die aus Vorpommern flüchten musste und als alte Preußin das Wichtigste mitnahm, was sie hatte: Ihre Kinder und ihre Papiere. Und die Papiere, das war tatsächlich das erste, wonach sie die Beamten fragten, als sie mit drei Kindern in Berlin strandete und um Hilfe bat. Geht also nicht, nicht in Preußen. Ich brauche ein Dokument, das beweist, dass ich existiere. Ich versuche Zeit zu gewinnen. Es ist Mittag, und nach der Mittagspause, so hoffe ich, wechselt das Personal. Gehe mir also selber einen Döner essen, krieg noch einen Tee auf’s Haus und eine halbe Stunde später geh ich wieder durch die schwereichene Amtstür. Ich wundere mich, über mich selber, über meine Beharrlichkeit. Und über die Verschlagenheit, die in mir aufkommt. Ich werd einfach lügen. Ich werd sagen, dass ich Krankenpfleger bin (was stimmt, auch wenn es dreißig Jahre her ist) und dass ich dringend gebraucht werde (was nicht stimmt, im Gegenteil) Und wenn das alles nicht hilft komme ich mit meinen vier Kindern. Dazu bin ich entschlossen.
Die Blonde hat ihre Absperrung hinter sich gelassen und ist jetzt als Abfangjäger in der Halle unterwegs. Sie waren doch schon mal hier, stellt sie fest. Hat sich etwas an den Umständen geändert seit eben? Ich brauche meinen Personalausweis, sag ich stumpf. Warscheinlich habe ich dabei so grimmig geschaut, wie auf meinem Passbild. Da muss sie erstmal nachfragen gehen. Hinter dem Schalter sitzt jetzt eine Dunkelhaarige, keine Preußin. Die Blonde tuschelt mit ihr und die Dunkle winkt mich heran. Sie entschuldigt sich, nicht für die Warteschleife, sondern dafür, dass sie mir keinen Platz anbieten kann. Denn aus den Stühlen im Wartezimmer haben sie ihre Absperrung gebaut. Zwei Unterschriften auf ein schwarzes Schreibpad und ich bin für 10 Jahre wieder ein Mensch, rein amtlich. Aber innerlich, innerlich merke ich, dass ich auf Überlebenskampf eingestellt bin.

Herr K und das magische Denken

Pentacon

Eine gepflegte Männerhand, ein weißes Tuch und ein makelloses schwarzes Gerät mit einem leuchtenden weißen Kreis, durch den man in die Unendlichkeit zu schauen glaubt. Schon das Foto hatte eine eigene Magie. Die Zahlen 1.8/50 taten ihr Übriges dazu. Sie versprachen Qualität und unbegrenzte Möglichkeiten. Aber die Zahlenmystik brauchte ich gar nicht mehr. Denn ich war schon besessen von dem Wunsch, so ein Ding zu besitzen. Und so wie es Herr K präsentierte, war ich bereit meine Seele zu verkaufen, um es zu bekommen. Schon da hätte ich ahnen können, dass ich an einen wahren Teufel geraten war.

Ebay-Kleinanzeigen ist für erwachsene Menschen gewöhnlich nicht der Ort, an dem sie ihr Seelenheil auf’s Spiel setzen. Kinderfahrräder und Regalwände wechseln hier mit sehr nüchternen Beschreibungen und zu kleinen Preisen ihre Besitzer. Diese Resterampe der Wohlstandsgesellschaft ist ein Segen für kinderreiche Familien und Kleinsparer. Für mich wurde sie zum Fluch.
Angefangen hatte es damit, dass ich, im Internet, wo auch sonst? auf eine Anleitung gestoßen war, wie man die guten Fotoobjektive aus der DDR an meine moderne Fuji-Kamera bauen kann. Über meine Faszination für alles aus dem Osten habe ich ja schon berichtet. 30 Jahre, nachdem ich als hilfloser Helfer durch das Leipzig der Nachwendemonate gestreift war, weiß ich, dass nicht alles gut war im Sozialismus. Aber die Objektive aus der DDR waren und sind es. Und die Vorstellung, meine japanische Kamera über ein Zwischenstück Made in China mit einem Pentacon-Objektiv aus Dresden zu verbinden, brachte meine Phantasie zum Glühen. Schon sah ich mich wieder, wie 1990, mit Lederjacke, die schlanke Spiegelreflex-Kamera lässig in der Hand durch die Städte im Osten ziehen. Damals hielten mich viele in meinem Aufzug für einen Journalisten aus dem Westen und viele Türen und Herzen taten sich auf. Ich hörte mehr Geschichten als mir lieb war und wusste mehr als der Journalist vom Spiegel, der auf einmal bei mir auftauchte. Der hatte nur seinen Taxifahrer gefragt und wollte daraus seinen Bericht machen. Nein, bei mir hieß es: Blende 8 und immer nah dran sein. Ich fotografierte alles was ich nicht kannte: Zerfallende Häuser, bauchige Milchflaschen, Prinz-Heinrich-Mützenträger und drollige Schaufenster. Alles natürlich in strengem Schwarz-Weiß auf ORWO-Film. Und natürlich: Krankenschwestern, Essenskübel und wiederverwendbare gläserne Spritzen. Denn ich war ja eigentlich in dieser Zeit festangestellter Krankenpfleger an der Karl-Marx-Universität Leipzig.

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Manchmal wurde mein Möchtegern-Journalismus auch gefährlich. Auf dem DSU-Parteitag (kennt die noch jemand? War ein CSU-Ableger) wollten sie mir den Film rausreißen, weil ich fotografiert hatte, dass die Delegierten von den Bayern tatsächlich mit Bananen in die Leipziger Oper gelockt wurden. Eimal musste ich auch Fersengeld geben. Da waren mit der Parole „Wir sind ein Volk“ die ersten Nazis auf den Montagsdemos aufgetaucht. Ich hatte einen roten Schal. Das reichte ihnen, um mich als „Roten“ durch die Stadt zu jagen. Ein Kollege kam ins Krankenhaus.
Jahre später zeigte ich die kleinen Bilder mit dem weißen Rahmen drumrum (ich hatte sie vor Ort in Leipzig abziehen lassen) einer Freundin, die ich damals kennengelernt hatte. Oh Gott, sagte sie, du hast in einer ganz anderen Stadt gelebt als ich.

Und jetzt? Jetzt war ich auf ebay-Kleinnanzeigen und nur noch eine Klick von einer neuen Fotografen-Karriere entfernt. Jetzt musste es schnell gehen. Mein Kopf sprudelte über vor neuen Ideen. Wäre es nicht eine gute Idee, nach 30 Jahren noch mal nach Leipzig zu fahren und sich an den alten Plätzen umzuschauen? Hatte eigentlich schon mal jemand eine Fotoreportage über mein Heimatdorf gemacht…? Magisches Denken nennen das die Psychologen, wenn ein Kind denkt, durch eine Maske oder einen Gegenstand tatsächlich ein anderer zu sein oder unbegrenzte Möglichkeiten zu haben. Und anscheinend hat sich bei mir viel Kindliches erhalten. Meine Jungs sind Ritter, wenn sie einen Stock in der Hand halten. Und ich glaubte wirklich, dass ich  für meine Verwandlung vom Hobbyknipser zum gefeierten Lichtbildner nur noch eins brauchte: Das Objektiv des Herrn K.
Das Geld hatte ich schon überwiesen. Ich war sicher, dass der Mann mit den gepflegten Händen zuverlässig handeln und noch am gleichen Tage zur Post gehen würde. Täglich schaute ich in den Briefkasten. Und täglich gab es einen Stich in mein Herz wenn ich wieder in die Leere blickte. Nach einer Woche schrieb ich Herrn K an. Zurück kam eine knappe Zeile „Bin noch in Ferien“ Ohne Punkt. Unglaublich! Diese Frechheit. Mein künftiges Leben hängt an einem seidenen Faden und der gemächliche Herr Ost-Rentner (so stellte ich ihn mir vor) fährt in Ferien. Eine Woche später hatte sich Herr K ausreichend erholt, um mir zu schreiben „Paket wurde heute versendet“  Hallelujah, es gab wieder Hoffnung in meinem Leben. Aber als wieder eine Woche später immer noch nichts da war, überlegte ich ernsthaft, mich ohne Abholschein in die lange Schlange in der Weddinger Postfiliale anzustellen, um einfach mal anzufragen, ob da was für mich wäre. Denn es konnte ja nur so sein, dass der Bote vergessen hatte, den Zettel einzuwerfen. An Herrn K zweifelte ich keinen Moment. Oder doch? Wieder schrieb ich ihn an. Nach Tagen kam die Antwort „Das Paket kam zurück“ Das war der erste Moment, an dem ich dachte, dass bei Herrn K etwas nicht stimmte. Es dauerte wieder eine Woche, ich war nur noch ein Schatten meiner selbst, als die verzweifelte Nachicht kam: „Können sie mir nochmals ihre Adresse senden“ In mir brach eine Welt zusammen. Seit einem Monat machte ich meine Zukunft von einem Mann abhängig, der offensichtlich Alzheimer hatte, oder Schlimmeres. Nie hatte ich jemandem so vertraut. Nie wurde ich so enttäuscht. Ich gab ihm noch einen Tag und dann noch einen. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass es nichts mehr werden würde mit mir und Herrn K.
Innerhalb von zwei Tagen habe ich mir dann das Objektiv für wenig Geld bei einem professionellen Online-Händler besorgt. Ich fühlte mich ein wenig wie ein Verräter an meinen eigenen Träumen und  fürchtete dass es mit diesem Ersatz nicht so wunderbar werden würde, wie ich es mir mit dem Objektiv des Herrn K vorgestellt hatte. Aber alles funktionierte tadellos. Ein ganzes Wochenende spielte ich mit Blenden und Belichtungszeiten. Konnte von der Schärfentiefe und Tiefenschärfe nicht genug kriegen. Fotografierte die frühen Knospen in meinem Hinterhof und meine Jungs, ohne dass sie es merken und mir die Zunge rausstrecken konnten. Es ist wie früher. Nur schöner. Was hätte ich in Leipzig dafür gegeben, mit einem Knopfdruck von Schwarz-Weiß auf Farbe wechseln zu können, als vor den grauen Fassade zerbröckelnder Altbauten eine alte Straßenbahn auftauchte, auf der in bunten Buchstaben stand „Farben überall“.

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Nur einmal meldete ich mich noch bei Herrn K und forderte mein Geld zurück. „Aber sie haben mir doch nie Ihre Adresse geschickt“, kam es kläglich zurück. Herr K war für mich ein Teufel – aber ein armer.

 

Nachtrag: Heute, am Freitag, den 13. – nach sechs Wochen- kam tatsächlich ein Päckchen von Herrn K. Ich brauchte etwa eine Viertelstunde, um zum Kern der Sendung vorzudringen. Das Objektiv war verpackt als seien es die Kronjuwelen. Eingewickelt wie eine ägyptische Mumie in mehrere Schichten Küchenkrepp, Kreppklebeband, Textilklebeband und Allzweckkleber und gepolstert mit einem zerschnittenen Spülschwamm kam eine kleine Pappschachtel zum Vorschein, auf der stand mit dünner, sauberer Schrift meine Adresse. Herr K hatte tatsächlich schon einmal versucht, mir das Objektiv zuzuschicken, war aber anscheinend an den Mindestmaßen der Post gescheitert. Ich bin gerührt.

 

 

 

Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.