Weddingfenster

Paderborn hat ein „Hasenfenster“, Heidelberg hat ein „Hiroshimafenster“ und ich hab jetzt ein „Weddingfenster“. Jahrelang war ich Tag für Tag auf dem Weg von der Arbeit an Daniels Laden „colorblindpatterns“ in der Antwerpener Straße vorbeigeradelt. Und immer war ich fasziniert von der arabisch angehauchten Kalligrafie, die er in immer neuen Variationen auf sein Schaufenster malte. Heute hatte ich Zeit, hab mir ein Herz gefasst und bin reingegangen. Und ich hatte Glück. Daniel ist nicht nur ein freundlicher Mensch, er hatte, so wie ich, an diesem ruhigen Brückentag ein bisschen Zeit und zwei Stunden später war er schon am Werk. Mit einem Kreidestift, wie ihn sonst Cafés für ihre Speisekarten nutzen, zauberte er mir Grüße aus einer fernen Welt auf die Kastenfenster, die mich an meine Moscheebesuche in der Türkei und gleichzeitig an das Multikulti im Wedding erinnern.  Und wenn ich davon mal genug habe, halten sie mir auch die Blicke der neugierigen Nachbarn vom Hals und versüßen mir den Blick auf die grauen Fassaden gegenüber. Gespannt bin ich schon, welche Muster das Gaslaternenlicht heute Nacht durch das Buchstabengitter auf meine Wand werfen wird. Weil alle Kunst ein Geheimnis hat, lohnt es sich genau hinzuschauen: In vier der sechs Kassettenfenster hat Daniel die Anfangsbuchstaben meiner Kinder versteckt – in Fraktur.
Und sollten die Fenster im sürmischen Winter wieder kalte Luft reinlassen, hol ich mir nach dem Grafiker einen Dichter ins Haus….;-)

Daniel macht übrigens auch Textilien und Taschen mit diesen und anderen grafischen schwarz-weiß-Mustern. Schaut mal rein, wenn ihr in Berlin seid.

colorblind patterns
Daniel Arab
Antwerpenerstraße 46
13353 Berlin
colorblindpatterns.com

 

 

Selten so gelacht

Ist das wirklich schon fünfundzwanzig Jahre her, dass ich so laut gelacht habe? Als ich in meinem schäbigen Büro am hinteren Ende einer grauen Plattenbausiedlung am Rande von Berlin saß, in einem Raum mit beigebraunen Pressholzmöbeln im oberen Stockwerk eines in die Gegend geworfenen Einkaufszentrums in Weiß und Rot, so wie sie nach der Wende zu Hunderten hochgezogen wurden, in dieser Behörde, die genau an der letzten Haltestelle der Berliner U-Bahn, aber eben genau 50 Meter von der Stadtgrenze entfernt auf dem Gebiet von Brandenburg untergebracht worden war, wie es der Einigungsvertrag vorschrieb? In diesem zusammengewürfelten Laden, in dem die Chefs alte Männer aus Bayern waren, die ihre Muschkoten abteilungsweise aus den abgewickelten DDR-Ministerien rekrutierten. Doktores, Ingenieure und Beststudentinnen, die jetzt Stück für Stück alte Sozialakten auseinanderrissen, in denen Arbeiter- und Bauernschicksale auf blütenblattdünnem Durchschlagpapier eingeprägt waren: Hitzschläge in unbelüfteten Mähdrescherkabinen, Mopedunfälle mit unbeleuchteten Sowjetpanzern und  immer, immer wieder Allergien an ungecremten Melkerinnenhänden. Zerrissen in drei Teile, damit sie in das bundesdeutsche Sozialsystem passten, und ergänzt durch ungeschickt getippte Eingaben und von groben, von lärmenden Schreibrad-Druckern ausgespuckten Textbausteinen, die meist nur ein Ergebnis kannten: Ablehnung!

In dieser stumpfen Hölle der Bürokratie, in der ich meinen ersten Job nach dem Studium gefunden hatte, flatterte mir schon nach ein paar Tagen ein Brief auf den Tisch. Amtlich, mit meinem Namen, adressiert mit „im Hause“. Und dieser Brief aus der Personalabteilung ließ mich so laut  lachen, dass es auf den traurigen Fluren über den grauen Nadelfilz hallte. Ein Brief wie von einem besonders guten Komiker geschrieben. Vielleicht einer von der Zeitschrift „Titanic“, die bis dahin neben den Gesetzeskommentaren meine Pflichtlektüre war. „Hiermit wird ihre Jubiläumsdienstzeit gemäß Jubiläumsdienstverordnung wie folgt festgesetzt…“ Und akribisch wurde dann genau der Tag festgelegt, an dem man mich zu meinem 25. und mein 40. Dienstjubiläum beglückwünschen würde. „Here is you goldwatch and shackles for your chain. Set your sign on the dottet line and work for 50 years.“ Ich wollte nicht wahrhaben, dass mich diese längst totgeglaubte Welt, die ich aus den Protestongs der 68er kannte, gefangen hatte. Ich zeigte den Brief abends meiner hochschwangeren Freundin, und sie sagte mir anerkennend, dass sie es zu schätzen wisse, welchen Wahnsinn ich auf mich nähme, um unsere junge Familie bald ernähren zu können.

Nun, der Wahnsinn hatte gerade erst angefangen. Wenige Wochen später lehnte der bayerische Direktor meinen Antrag auf Sonderurlaub für die Geburt ab, mit der Begründung, ich sei ja mit der Mutter nicht verheiratet. Und Sonderurlaub bekämen nur Ehegatten. Das führte dazu, dass ich, nachdem ich mit meiner Freundin in den ersten Wehen die Nacht in der Klinik verbracht hatte, mich morgens auf zur Arbeit machte. Ich war in der Probezeit und meine Freundin noch in der Ausbildung. Ich durfte den Job nicht verlieren. Ständig rief ich vom Büro aus in der Klinik an. Handys gab’s ja noch keine. Aber die Schwestern beteuerten immer, dass es noch nicht so weit sei. Und als ich dann endlich den Mut hatte, mein Büro zu verlassen, war meine Tochter schon halb im Krankenhausfahrstuhl zur Welt gekommen. Gottseidank war alles gut gegangen. Aber das wussten wir erst ein banges halbes Jahr später.

Aus Rache beantragte ich, sobald ich konnte das, was damals „Erziehungsurlaub“ hieß. Und mein Direktor sagte mir ins Gesicht, dass ich, wenn ich das täte, nicht wiederkommen brauchte. Das war nicht im Mittelalter sondern Mitte der Neunziger Jahre. Ich nahm ihn beim Wort, suchte mir, während ich mit der Tochter am Sandkasten saß eine Stelle bei  der Zeitung und glaubte, dass sich das mit dem Dienstjubiläum ein für alle mal erledigt hätte.

Doch als Kafka-Jünger hätte ich wissen müssen: Die Mühlen der Bürokratie lassen niemanden aus ihren Klauen. Irgendwie hat mich der Wind des Lebens doch wieder in an die sicheren Strände der Jubiläumsdienstverordnung geweht. Ich war nicht mehr jung und ich brauchte das Geld. Schließlich habe ich mittlerweile vier hungrige Mäuler zu füttern. Und weil sich die Zeiten und die Gesetze geändert haben, konnte ich bei allen weiteren Geburten dabei sein. Aber alles hat seinen Preis. Und so ist gestern passiert, was ich in jugendlichem Übermut niemals geglaubt hätte: Zwischen Fahnen aufgestellt, mittlerweile mit grauem Bart, erhielt ich von meiner Abteilungsleiterin eine Urkunde zum 25. Dienstjubiläum, in der mir allen Ernstes „für die dem deutschen Volke geleisteten treuen Dienste“ gedankt wird. Und ich dachte, ich hätte für Geld und meinen Chef gearbeitet.

Meine Tochter habe ich zum meinem Jubeltag  morgen ins Theater eingeladen. Sie hat sich „Onkel Wanja“ im Deutschen Theater ausgesucht. Tschechow finde ich zwar ein bisschen langweilig, weil die Figuren da immer rumstehn und jammern, dass sie nichts tun können. Aber die Moral des Stückes, die die Dramaturgen auf den Programmflyer gedruckt haben, ist für mich hochbrisant. „… und so erkennen beide (Sonja und Onkel Wanja), dass sie 25 Jahre einem Irrtum gedient haben.“ Na, mal schauen.

Retro-Welle

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„Die Jugend hat Heimweh nach der Zukunft“, hat Sartre mal geschrieben. Aber wenn ich mich in Berlin umschaue, so scheint es mir so, als hätten die Twens (auch so ein Retro-Wort) eher Sehnsucht nach der Vergangenheit. Gerade bei den Fahrzeugen sind Modelle aus den späten 70ern angesagt: Diesel-Mercedes oder die protzigen Ford-Modelle mit unendlich viel Hubraum. Bei den Fahrrädern hat man die eleganten französischen, die Peugeots, Motobecanes, oder die flotten italienischen Bianchis aus den Kellern der Eltern geholt, oder die teutonisch soliden Hercules, die begehrt waren, als ich auf die Oberschule kam und die sich damals nur die Söhne und Töchter der Ärzte und  Rechtsanwälte leisten konnten. Proletarisch-trotzig möbelte ich mir ein Stoewer-Fahrrad aus der Wirtschaftswunderzeit auf und malte es bunt an. Kreativität gegen Konsum. Retro-Sehnsüchte sind mir also nicht unbekannt. Auch den Wunsch nach einer gerechteren Gesellschaft habe ich damals sehr engagiert verfolgt. Und als neulich der Aufruf für einen Volksbegehren zur Enteignung der Deutsche Wohnen AG rauskam, habe ich sofort unterschrieben.

Auch deswegen ist mir das, was der Juso-Vorsitzende Kevin Kühnert gerade als Zukunftsvision für mehr Gerechtigkeit aus dem Hut zaubert, nicht ganz unsümpatisch. Aber wie die alten Fahrräder aus den 70ern mit ihren ratternden Dynamos und schlechten Bremsen: ich will die elenden Sozialismusdiskussionen der linken Splittergruppen nicht wieder haben. Auch kein rotes BMW-Werk in Volkseigentum. Auch das gab’s schon mal. Hieß dann EMW und lag in Eisenach.
Aber sollte Kühnerts Griff in die politische Mottenkiste Wirklichkeit werden, zeige  ich hier schon mal einen Vorschlag für ein neues Logo für die Edelmarke, die dann wahrscheinlich wieder nur Karossen für die sozialistischen Funktionäre bauen würde.

Ach ja, die Kevins. Vor zwanzig Jahren saßen sie alle allein zu Haus, mussten sie als Synonym für eine randständige, hoffnungslose Generation herhalten – jetzt machen sie wieder Unsinn. Die Hoffnung, die sich die Berliner Chansonniers Pigor und Eichhorn vor zehn Jahren über diese Generation machten, scheinen sich nicht zu erfüllen.

 

Wird schon wieder

Garten1

Nachdem er sich

mit dem Fahrrad am Wannsee,

mit dem Motorrad in Brandenburg und

mit der Bohrmaschine zuhause

ausgetobt hatte;

Nachdem sich langsam

sein Hintern  von den Berliner Schlaglöchern

sein Magen von der Brandenburger Küche und

seine Schulter vom Schlagbohrerer

erholen,

sitzt er auf den Stufen zum Garten und blinzelt.

 

Ach, was sag ich Garten: Ein kleiner Park ist’s,

wo  struppige Pappeln sich im frischen Wind wiegen

und  Vögel  gratis mitschaukeln dürfen.

Wo im Himmel  Jahmarkt ist

und der Garten die Bühne für das immergleiche Stück.

 

Wie im letzten Jahr knipst die große weiße Kastanie ihre tausend Kerzen an,

als hätte ihr niemand von der Trockenheit erzählt, die sie wieder erwartet

als hätte sie die braunen, mottenzerfressen Blätter einfach abgeschüttelt,

schmeißt sie sich einfach wieder in Schale und macht sich schick für die Hummeln,

die nektarbesoffen zwischen den samtgelben Tulpen herumtorkeln.

Aber da passen sie nicht rein.

Die dünne Wiese flickt noch an den Wunden des vergangenen Sommers

und ist mit Taubnesseln wie mit lila Pickeln übersäht.

Bald wird hier wieder das Planschbecken für die Jungs stehen und

vielleicht auch ein Indianerzelt oder eine Slackline.

Werden einfach immer größer, die Kerle.

trotz des ganzen Dramas ihrer Eltern

trotz des Umzugs und dem ganzen Hin und Her

werden sie einfach wieder ins Wasser springen und laut schreien.

 

Wird schon wieder werden.

 

 

 

Denn man sieht nur die im Lichte …

An Schlaf war nicht zu denken. Wir mussten raus auf die Straße, denn wir hatten nur noch diese Nacht. Wie Diebe strichen wir durch die dunklen Winkel unseres Viertels. Lichtscheu duckten wir uns mit unserer Last in die Schatten, die vom schwefelgelben Licht der Gaslaternen nicht vertrieben wurden. Was wir nicht wußten: Wir waren nicht allein.

Als wir unser schmutziges Werk vollendet hatten, graute der Morgen. Was wir getan hatten, würde nicht lange unentdeckt bleiben, deshalb beschlossen wir, uns zu trennen. Ein halbes Jahr hatten wir zusammen gehaust, diskutiert, gekocht, gestritten. Meine Wohnung glich mehr und mehr einer Räuberhöhle. Meine Komplizin war auf ihren Beutezügen erfolgreich. Es gab im Umkreis von zehn Kilometern sicher keine Drogerie, kein Kosmetikgeschäft und keinen Modeladen, den sie nicht geplündert hätte. Das Wertvollste hatte sie in zwei Koffer gestopft, die jetzt bis zum Platzen gefüllt zwischen uns auf dem morgenkalten Bahnsteig standen. Den Rest würde sie holen, versprach sie, wenn wir uns wiedersehen würden – in einem halben Jahr vielleicht, vielleicht schon vorher, versprach sie. Ich wußte, dass sie mich anlog, dass sie sich schon in wenigen Tagen an nichts mehr erinnern würde und sagte ihr trotzdem, dass ich sie liebe. Ich hoffte, dass sie es unentdeckt über die Grenze schaffen würde. Dort würde sie einen neuen Unterschlupf, ein neues Opfer finden und sich dann bald wieder bei Nacht und Nebel aus dem Staub machen. Ich gab ihr bis zum Herbst. Dann würde ich wieder ihre Mutter anrufen müssen, um zu erfahren, wohin sie verschwunden war.
Ein flüchtiger Kuss, ein strahlendes Lächeln, dann schloss sich die Waggontür vor ihr und der Zug nahm sie mit nach Westen – einem neuen Leben entgegen. Mir würden ihre Briefe bleiben, ihre Bücher, die leeren Kleiderbügel.

Es nieselte leicht aus dem grauen Morgenhimmel, als ich den Bahnhof verließ. Ich zog den Schal fester um den Hals und duckte mich in meinen Mantelkragen. Es war ein trostloser Morgen für mich und die Berliner Straßen machten mich nicht fröhlicher. Zertretene Fahrräder an Laternenmasten, weiße, im Regen aufgequollene Matratzen, an Straßenbäume gelehnt, halbe Schlafzimmereinrichtungen, in Teile zerlegt, waren schon immer ein Sinnbild für die Gleichgültigkeit der Bewohner meines heruntergekommenen Viertels. Allein seit gestern Nacht waren wieder drei neue Matratzen dazu gekommen – und diese hässliche Holzpalette, drei Blocks neben meiner Wohnung, die meine Tochter und ich im letzten Herbst mit diebischer Freude von einer Baustelle gefischt hatten und die für die Zeit, in der sie bei mir wohnte ihr Bett war.

Jetzt ist Frühling und etwas Neues fängt an.

 

Keine Ruhe in Berlin

BND

Nur raus hier! Raus aus dem Gedrängel zwischen Paketauto und Bierkutscher, zwischen den PS-protzenden Jungtürken und den orientierungslosen Touristenkisten aus NRW. Runter von der lauten und engen Chausseestraße. Zehn Radfahrer hat es dieses Jahr in Berlin schon erwischt. Ich will nicht der nächste sein. Rein in eine ruhige Seitenstraße. Und am besten erst einmal eine Pause und einen Kaffee. Das Café „Du und Ich“ ist zwar nur halb so hip wie die mit den englischen Namen auf der Touristenmeile, aber hier ist Ruhe. Und das brauche ich jetzt.

Es dauert eine Weile, bis die aufgepeitschten Nerven in der Lage sind das Umfeld wahrzunehmen. Und mein Kaffee ist schon fast alle, als ich das Auto sehe. Ein völlig ausgebranntes Auto in einer Parkbucht auf der anderen Straßenseite. Ey, denk ich, Autos abfackeln ist doch schon seit fünf Jahren out. Oder ist das jetzt schon wieder in und ich hab was verpasst? In Berlin wechseln ja die Moden ständig. Und als ich so schaue, merke ich, vor welchem Haus das Wrack steht. Vor der neuen Zentrale des Bösen, dem Bayern-Import aus Pullach: der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. „Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung“ steht mit eisernen Lettern an der Tür. Ach, denke ich mir , so was lernt man jetzt also als Azubi beim BND. Andere feilen im ersten Lehrjahr ein Eisenstück bis es passt und gehen Bier holen. Und die BND-Stifte hier müssen lernen, wie man mal schnell ein Auto abfackelt, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Welcher radikalen Gruppe man das später in die Schuhe schiebt, das kommt dann erst im dritten Lehrjahr. So wie das „Celler Loch“, das die Kollegen vom Verfassungsschutz in den Achzigern in eine Gefängnismauer sprengten. Aber das war wohl schon ein richtiges Gesellenstück.

Aber nein, es ist viel schlimmer als ich es mir mit meinen altbackenen Verschwörungstheorien zurecht lege. Denn im Kofferraum des Wracks liegen Flugblätter.

flugis

„Wir bleiben wohnen“ steht da drauf.  Ich sprinte nach Hause, um meine Kamera zu holen und schaue schnell bei Google nach, was es mit dem Brand auf sich hat.

Die Berliner Woche, ein kostenloses Anzeigenblättchen, hat als einzige Zeitung recherchiert und der Angstspeicher in meinem Hirn bekommt ein Update. Wenn ich mich bisher vom allmächtigen Staat bedroht fühlte, weiß ich jetzt, dass heute andere Gruppen die Einschüchterung von wehrhaften Bürgern übernehmen. Das Auto gehörte dem Vorsitzenden einer Mieterinitiative. Die Mieter des schmucklosen Plattenbaus gegenüber dem BND wehren sich seit langem gegen Mieterhöhungen und seit einigen Monaten gegen den Abriss ihres Hauses. Die Hauseigentümer sind Brüder aus einer libanesischen Großfamilie. Diese Familien waren zuletzt in den Schlagzeilen, weil sie sich auf offener Straße bekriegen und erschießen. Und was tut der Senat? Er erteilt den Brüdern, laut Zeitungsbericht, sogar die Abrissgenehmigung für das Haus mit den mutigen Mietern.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich älter werde. Ich habe nichts mehr gegen einen starken Staat. Aber könnte man nicht die 8000 Mitarbeiter des BND umschulen in Mitarbeiter für Mieterschutz? Ein Weiterbildungszentrum wäre ja schon da.

Im Baggerloch

wirsindmehr

Als das am Wochenende mit den Nazis in Chemnitz hochkochte, da habe ich zusammen mit 10 000en „Nazis raus!“ gebrüllt. Hat nur keiner gehört. Denn wir standen in einem alten Braunkohle-Tagebau-Loch irgendwo im Osten.  Ich, mein Freund und die anderen guten Deutschen. Rund um uns alte Bagger. Und vorne die Toten Hosen. Sie erzählten uns, dass sie am Montag in Chemitz spielen würden. Und das wir alle kommen sollten. Und alle haben gejohlt. Und dann gab’s noch ne Zugabe, und dann haben alle ihre Pfandbecher abgegeben, sind zum Parkplatz gegangen, zu ihren Klein- und Mittelklassewagen, viele ziemlich neu und gut gepflegt, und sind weggefahren. Wir hatten unsern Spaß gehabt, noch mal gezeigt, dass wir die Wilden waren und jetzt ging das Leben weiter.

Mein Freund und ich, wir haben in unserem gemieteten Transporter geschlafen und weil es so schweinekalt war, machte ich mir warme Gedanken. Dass ich am Montag auch nach Chemitz fahren würde. Einfach im Büro anrufen: Chef, ich bin jetzt da, wo du auch sein solltest. Heldenträume. Und als wir am Morgen die Schiebetür aufmachten, schien die Sonne und der Parkplatz war nur für uns da. War schön. Beim Frühstück an der Tanke sagte mein Freund, dass er den Bus um drei in Berlin wieder zurück geben müsste, und ich dachte, dass ich am Montag ganz sicher im Büro gebraucht würde, wegen der einen wichtigen Sache, an der wir die ganze Woche gearbeitet hatten. Und so sind wir zurück gefahren nach Berlin. Ich legte mich in die Wanne um den Kohlestaub und die wilden Gedanken einzuweichen und dachte: Montag, das wird ein Dankeschön-Konzert für die paar Antifa-Hanseln, die da schon die ganzen Tage sind.

Am Montag war ich dann im Büro und die wichige Sache war gar nicht mehr so wichtig. Wichtig war nur, dass alle meine guten Deutschen, denen ich das gar nich zugetraut hatte,  in Chemnitz waren. Da hab ich mich ein bisschen geschämt, aber froh war ich auch, dass so viele da waren, in Chemitz. Und Campino hat im Radio gesagt, dass er nur ein Musiker sei, dass er tue, was er könne. Aber er singe jetzt schon seit 30 Jahren gegen die Nazis, und das können doch nicht alles sein, die Musik gegen rechts. Da müsse doch jetzt mal was von anderen kommen. Er klang ein wenig müde. Campino ist so alt wie ich. Und zwei Tote Hosen-Konzerte in drei  Tagen hätt auch ich nicht durchgehalten.