Das muss jetzt

Plötzlich geht vieles, was lange nicht möglich war. Oder aufgeschoben. Oder unentschieden. Mein billiges Handy zum Beispiel. Es schwächelt schon eine Weile. Aber ich hab mich nicht dazu aufraffen können, es endlich aufzugeben. Dabei habe ich ein solides Nokia in der Schublade. Ich wollte mich halt nicht mit was Neuem, Anstrengendem beschäftigen. Aber gestern dachte ich: Du kannst doch nicht mit einem wackligen Handy rumlaufen, jetzt, in Zeiten von Corona. Du musst erreichbar sein. Du musst wissen was los ist. Also hingesetzt, Betriebsanleitung gelesen, rumgetippt, Hotline angerufen und jetzt läuft’s. So kenn ich mich gar nicht.
Oder die Sache mit dem neuen Perso. Hatte ein Schreiben bekommen. Könnte den jetzt abholen kommen. In Schöneweide, nur 20 Kilometer quer durch die Stadt. Nehme mir einen halben Tag frei, gehe durch die Tür vom Bezirksamt und da ist auf einmal ein Absperrband. Dahinter ein blondes Mädchen, so ne Azubi wahrscheinlich. Fragt mich, was ich will. Meinen Perso will ich abholen, sag ich. Geht nicht, sagt sie, neue Anweisung von heute, geht nur noch mit Termin. Oder brauchen sie den dringend, für die Bank, oder so? Ja, sag ich, ich brauch den dringend, für die Bank und so. Das glaub ich ihnen jetzt nicht, sagt sie, das ham sie jetzt von mir. Na, sag ich, dann brauch ich ihn eben für die Post, um Päckchen abzuholen. Sie müssen doch nur ins Regal hinter sich greifen. Nein, geht nicht, sagt sie und nestelt ein paar fliederfarbene Latexhandschuhe über ihre Finger, sie könnten sich infizieren. Wo könnte ich mich infiziern? frag ich. Wenn sie ihre Unterschriften leisten, da müssen sie unseren Stift benutzen, sagt sie ins Blaue hinein. Wo lernen die, sich so Sachen auszudenken? Die Jungen sind schlimmer als die Alten, denk ich mir, die wissen noch nicht welche Macht sie haben, kennen noch nicht das menschliche Maß. Und an Kafka denke ich, der sich so eine Situation hätte ausdenken können. Aber da bin ich schon wieder aus der Tür. Geht aber nicht ohne Perso. Nicht in Zeiten von Corona. Nicht wenn Ausgangssperre und Polizeikontrollen drohen, Massenunruhen und Straßenkämpfe, Lebensmittel auf Bezugschein und hungrige Kinder mit großen Augen. Ich brauche einen Perso. Ich denk an die Großmutter, die aus Vorpommern flüchten musste und als alte Preußin das Wichtigste mitnahm, was sie hatte: Ihre Kinder und ihre Papiere. Und die Papiere, das war tatsächlich das erste, wonach sie die Beamten fragten, als sie mit drei Kindern in Berlin strandete und um Hilfe bat. Geht also nicht, nicht in Preußen. Ich brauche ein Dokument, das beweist, dass ich existiere. Ich versuche Zeit zu gewinnen. Es ist Mittag, und nach der Mittagspause, so hoffe ich, wechselt das Personal. Gehe mir also selber einen Döner essen, krieg noch einen Tee auf’s Haus und eine halbe Stunde später geh ich wieder durch die schwereichene Amtstür. Ich wundere mich, über mich selber, über meine Beharrlichkeit. Und über die Verschlagenheit, die in mir aufkommt. Ich werd einfach lügen. Ich werd sagen, dass ich Krankenpfleger bin (was stimmt, auch wenn es dreißig Jahre her ist) und dass ich dringend gebraucht werde (was nicht stimmt, im Gegenteil) Und wenn das alles nicht hilft komme ich mit meinen vier Kindern. Dazu bin ich entschlossen.
Die Blonde hat ihre Absperrung hinter sich gelassen und ist jetzt als Abfangjäger in der Halle unterwegs. Sie waren doch schon mal hier, stellt sie fest. Hat sich etwas an den Umständen geändert seit eben? Ich brauche meinen Personalausweis, sag ich stumpf. Warscheinlich habe ich dabei so grimmig geschaut, wie auf meinem Passbild. Da muss sie erstmal nachfragen gehen. Hinter dem Schalter sitzt jetzt eine Dunkelhaarige, keine Preußin. Die Blonde tuschelt mit ihr und die Dunkle winkt mich heran. Sie entschuldigt sich, nicht für die Warteschleife, sondern dafür, dass sie mir keinen Platz anbieten kann. Denn aus den Stühlen im Wartezimmer haben sie ihre Absperrung gebaut. Zwei Unterschriften auf ein schwarzes Schreibpad und ich bin für 10 Jahre wieder ein Mensch, rein amtlich. Aber innerlich, innerlich merke ich, dass ich auf Überlebenskampf eingestellt bin.

Herr K und das magische Denken

Pentacon

Eine gepflegte Männerhand, ein weißes Tuch und ein makelloses schwarzes Gerät mit einem leuchtenden weißen Kreis, durch den man in die Unendlichkeit zu schauen glaubt. Schon das Foto hatte eine eigene Magie. Die Zahlen 1.8/50 taten ihr Übriges dazu. Sie versprachen Qualität und unbegrenzte Möglichkeiten. Aber die Zahlenmystik brauchte ich gar nicht mehr. Denn ich war schon besessen von dem Wunsch, so ein Ding zu besitzen. Und so wie es Herr K präsentierte, war ich bereit meine Seele zu verkaufen, um es zu bekommen. Schon da hätte ich ahnen können, dass ich an einen wahren Teufel geraten war.

Ebay-Kleinanzeigen ist für erwachsene Menschen gewöhnlich nicht der Ort, an dem sie ihr Seelenheil auf’s Spiel setzen. Kinderfahrräder und Regalwände wechseln hier mit sehr nüchternen Beschreibungen und zu kleinen Preisen ihre Besitzer. Diese Resterampe der Wohlstandsgesellschaft ist ein Segen für kinderreiche Familien und Kleinsparer. Für mich wurde sie zum Fluch.
Angefangen hatte es damit, dass ich, im Internet, wo auch sonst? auf eine Anleitung gestoßen war, wie man die guten Fotoobjektive aus der DDR an meine moderne Fuji-Kamera bauen kann. Über meine Faszination für alles aus dem Osten habe ich ja schon berichtet. 30 Jahre, nachdem ich als hilfloser Helfer durch das Leipzig der Nachwendemonate gestreift war, weiß ich, dass nicht alles gut war im Sozialismus. Aber die Objektive aus der DDR waren und sind es. Und die Vorstellung, eine japanische Kamera über ein Zwischenstück Made in China mit einem Pentacon-Objektiv aus Dresden zu verbinden, brachte meine Phantasie zum Glühen. Schon sah ich mich wieder, wie 1990, mit Lederjacke, die schlanke Spiegelreflex-Kamera lässig in der Hand durch die Städte im Osten ziehen. Damals hielten mich viele in meinem Aufzug für einen Journalisten aus dem Westen und viele Türen und Herzen taten sich auf. Ich hörte mehr Geschichten als mir lieb war und wusste mehr als der Journalist vom Spiegel, der auf einmal bei mir auftauchte. Der hatte nur seinen Taxifahrer gefragt und wollte daraus seinen Bericht machen. Nein, bei mir hieß es: Blende 8 und immer nah dran sein. Ich fotografierte alles was ich nicht kannte: Zerfallende Häuser, bauchige Milchflaschen, Prinz-Heinrich-Mützenträger und drollige Schaufenster. Alles natürlich in strengem Schwarz-Weiß auf ORWO-Film. Und natürlich: Krankenschwestern, Essenskübel und wiederverwendbare gläserne Spritzen. Denn ich war ja eigentlich in dieser Zeit festangestellter Krankenpfleger an der Karl-Marx-Universität Leipzig.
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Manchmal wurde mein Möchtegern-Journalismus auch gefährlich. Auf dem DSU-Parteitag (kennt die noch jemand? War ein CSU-Ableger) wollten sie mir den Film rausreißen, weil ich fotografiert hatte, dass die Delegierten von den Bayern tatsächlich mit Bananen in die Leipziger Oper gelockt wurden. Eimal musste ich auch Fersengeld geben. Da waren mit der Parole „Wir sind ein Volk“ die ersten Nazis auf den Montagsdemos aufgetaucht. Ich hatte einen roten Schal. Das reichte ihnen, um mich als „Roten“ durch die Stadt zu jagen. Ein Kollege kam ins Krankenhaus.
Jahre später zeigte ich die kleinen Bilder mit dem weißen Rahmen drumrum (ich hatte sie vor Ort in Leipzig abziehen lassen) einer Freundin, die ich damals kennengelernt hatte. Oh Gott, sagte sie, du hast in einer ganz anderen Stadt gelebt als ich.

Und jetzt? Jetzt war ich auf ebay-Kleinnanzeigen und nur noch eine Klick von einer neuen Fotografen-Karriere entfernt. Jetzt musste es schnell gehen. Mein Kopf sprudelte über vor neuen Ideen. Wäre es nicht eine gute Idee, nach 30 Jahren noch mal nach Leipzig zu fahren und sich an den alten Plätzen umzuschauen? Hatte eigentlich schon mal jemand eine Fotoreportage über mein Heimatdorf gemacht…? Magisches Denken nennen das die Psychologen, wenn ein Kind denkt, durch eine Maske oder einen Gegenstand tatsächlich ein anderer zu sein oder unbegrenzte Möglichkeiten zu haben. Und anscheinend hat sich bei mir viel Kindliches erhalten. Meine Jungs sind Ritter, wenn sie einen Stock in der Hand halten. Und ich glaubte wirklich, dass ich  für meine Verwandlung vom Hobbyknipser zum gefeierten Lichtbildner nur noch eins brauchte: Das Objektiv des Herrn K.
Das Geld hatte ich schon überwiesen. Ich war sicher, dass der Mann mit den gepflegten Händen zuverlässig handeln und noch am gleichen Tage zur Post gehen würde. Täglich schaute ich in den Briefkasten. Und täglich gab es einen Stich in mein Herz wenn ich wieder in die Leere blickte. Nach einer Woche schrieb ich Herrn K an. Zurück kam eine knappe Zeile „Bin noch in Ferien“ Ohne Punkt. Unglaublich! Diese Frechheit. Mein künftiges Leben hängt an einem seidenen Faden und der gemächliche Herr Ost-Rentner (so stellte ich ihn mir vor) fährt in Ferien. Eine Woche später hatte sich Herr K ausreichend erholt, um mir zu schreiben „Paket wurde heute versendet“  Hallelujah, es gab wieder Hoffnung in meinem Leben. Aber als wieder eine Woche später immer noch nichts da war, überlegte ich ernsthaft, mich ohne Abholschein in die lange Schlange in der Weddinger Postfiliale anzustellen, um einfach mal anzufragen, ob da was für mich wäre. Denn es konnte ja nur so sein, dass der Bote vergessen hatte, den Zettel einzuwerfen. An Herrn K zweifelte ich keinen Moment. Oder doch? Wieder schrieb ich ihn an. Nach Tagen kam die Antwort „Das Paket kam zurück“ Das war der erste Moment, an dem ich dachte, dass bei Herrn K etwas nicht stimmte. Es dauerte wieder eine Woche, ich war nur noch ein Schatten meiner selbst, als die verzweifelte Nachicht kam: „Können sie mir nochmals ihre Adresse senden“ In mir brach eine Welt zusammen. Seit einem Monat machte ich meine Zukunft von einem Mann abhängig, der offensichtlich Alzheimer hatte, oder Schlimmeres. Nie hatte ich jemandem so vertraut. Nie wurde ich so enttäuscht. Ich gab ihm noch einen Tag und dann noch einen. Irgendwann musste ich mir eingestehen, dass es nichts mehr werden würde mit mir und Herrn K.
Innerhalb von zwei Tagen habe ich mir dann das Objektiv für wenig Geld bei einem professionellen Online-Händler besorgt. Ich fühlte mich ein wenig wie ein Verräter an meinen eigenen Träumen und  fürchtete dass es mit diesem Ersatz nicht so wunderbar werden würde, wie ich es mir mit dem Objektiv des Herrn K vorgestellt hatte. Aber alles funktionierte tadellos. Ein ganzes Wochenende spielte ich mit Blenden und Belichtungszeiten. Konnte von der Schärfentiefe und Tiefenschärfe nicht genug kriegen. Fotografierte die frühen Knospen in meinem Hinterhof und meine Jungs, ohne dass sie es merken und mir die Zunge rausstrecken konnten. Es ist wie früher. Nur schöner. Was hätte ich in Leipzig dafür gegeben, mit einem Knopfdruck von Schwarz-Weiß auf Farbe wechseln zu können, als vor den grauen Fassade zerbröckelnder Altbauten eine alte Straßenbahn auftauchte, auf der in bunten Buchstaben stand „Farben überall“.

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Nur einmal meldete ich mich noch bei Herrn K und forderte mein Geld zurück. „Aber sie haben mir doch nie Ihre Adresse geschickt“, kam es kläglich zurück. Herr K war für mich ein Teufel – aber ein armer.

 

Nachtrag: Heute, am Freitag, den 13. – nach sechs Wochen- kam tatsächlich ein Päckchen von Herrn K. Ich brauchte etwa eine Viertelstunde, um zum Kern der Sendung vorzudringen. Das Objektiv war verpackt, als seien es die Kronjuwelen. Eingewickelt wie eine ägyptische Mumie in mehrere Schichten Küchenkrepp, Kreppklebeband, Textilklebeband und Allzweckkleber und gepolstert mit einem zerschnittenen Spülschwamm kam eine kleine Pappschachtel zum Vorschein, auf der stand mit dünner, sauberer Schrift meine Adresse. Herr K hatte tatsächlich schon einmal versucht, mir das Objektiv zuzuschicken, war aber anscheinend an den Mindestmaßen der Post gescheitert. Ich bin gerührt.

 

 

 

Durch die wilden Sofas

Auf meinem Sofa liegt ein sauber zusammengefaltetes Laken. Meine Tochter war am Wochenende da. Und wenn sie bei mir übernachtet, dann mache ich ihr mein rotes Sofa zurecht. Inzwischen ist sie so nett, dass sie das ganze Bettzeug wieder zusammenlegt, wenn sie geht. Sie ist oft unterwegs bei Freunden in der ganzen Welt und weiß mittlerweile, sich zu benehmen. So hab ich das auch gemacht, damals als ich bei anderen auf dem Sofa gepennt habe. Und das habe ich gerne gemacht. War ja auch viel unterwegs, als ich so alt war wie sie, vor allem politisch. Und wenn irgendwo mal wieder eine Demo war, gegen eine der vielen Diktaturen in Südamerika, den Nachrüstungsbeschluss oder gegen den Aussperrungsparagrafen im AFG gab es immer jemanden, der jemanden kannte, bei dem man pennen konnte. Ich liebte das, für eine Nacht oder ein paar Tage bei anderen unterszuschlüpfen, mir bei anderen Pärchen, WGs oder Familen das Leben anzuschauen, das ich nicht hatte. Ich lebte meist allein, in möblierten Zimmern, Wohnheimen oder in WGs in Hochhaussiedlungen, bei denen keiner vorbei kommen wollte. So kams mir jedenfalls vor. Als ich mir neulich den Film über Udo Lindenberg anschaute, seine Bude, die er auf der Reeperbahn hatte und das Bettzeug sah und die gemusterten Unterhosen, da war der Geruch dieser Zeit wieder da. Die Frotte-Bettwäsche, aus dem Elternhaus mitgebracht, immer ein bisschen muffig, immer zu selten gewaschen, immer mit zu dicken, ungelüfteten Federbetten in zu kalten Zimmern, in denen ich als Gast landete. Aber es ging nicht nur ums Unterkommen, es ging auch ums diskutieren, ums Quatschen an runden Tischen und ums Dabeisein. Aufgenommen zu werden, das war ein schönes Gefühl. Und ob das nur aus Solidarität geschah, als Kämpfer für die gemeinsame Sache, oder weil mich die Leute wirklich nett fanden, das konnte ich oder wollte ich nicht auseinanderhalten. Gastfreundschaft ist auch eine Art der Zuwendung und es fiel mir immer schwer, wieder zu gehen. Es gibt dieses Lied von Reinhard Mey, „Gute Nacht, Freunde“, das dieses Gefühl sehr gut beschreibt.  Ein paar Mal kam auch die Frage, ob ich wirklich auf der Couch schlafen wolle, im Bett sei ja noch Platz. Manchmal war das wirklich fürsorglich gemeint, manchmal verirrten sich dann Hände unter der Bettdecke und die Abschiede morgens waren danach oft wortlos.
Nein, mein Platz war auf der Couch oder auf dem Futon des Mitbewohners, der gerade nicht da war. Die wilden Touren durch die Betten anderer Menschen sollten anderen  vorbehalten bleiben. Und am wohlsten fühlte ich mich, wenn ich Frühaufsteher am nächsten Morgen meine Gastgeber mit frischen Brötchen, der aktuellen taz (mit den richtigen Zahlen über die Demo am Vortag) und Kaffee begrüßen konnte. Ich brachte es zu einer Meisterschaft darin, in fremden Küchen das Kaffeepulver und die Filtertüten zu finden.

Jahre danach, ich war längst sesshaft geworden, als die kleine Tochter, die jetzt schon wieder auf dem Weg zum nächsten Auslandssemester ist, mir den Schlaf raubte, war es oft ein Gnadenakt meiner Freunde, mir eine Schlafstatt anzubieten, weil mir auf den schönsten Festen schon um zehn die Augen zufielen. Später kam ich dann immer öfter, war Couchsurfer bei meinen Freunden, weil im gemeinsamen Zuhause ein Chaiselong fehlte, auf das ich bei dicker Luft hätte ausweichen können. Irgendwann hatte ich dann wieder eine eigene Wohnung und die erste Anschaffung war ein eigenes Sofa. Ein erfahrener Freund riet mir dazu. Ein Polstermöbel für zwei sei unerlässlich, wenn ich erfolgreich wieder auf Partnersuche gehen wolle. Es wäre so unhöflich, wenn man einer Besucherin nur einen Stuhl oder das Bett anbieten könne. Ganz Unrecht hatte er damit nicht, aber wenn ich mir mein abgerocktes rotes Designerteil so anschaue, waren es wohl eher die drei Knaben, die  mittlerweile meine regelmäßigen Besucher sind, die den Samt so blankgewetzt haben. Bleibt nur noch die Frage, ob ich bei einem solchen unsteten Lebenswandel irgendwann tatsächlich „auf der Couch“ gelandet bin. Nein, bin ich nicht. Es war ein Sessel.

 

 

 

Am Fenster

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Das Feuerwerk ist vorbei, der Sekt verkippt und der Walzer getanzt. Der Rausch macht eine Pause. Wir stehen am großen Fenster im vierten Stock und schauen wie aus einem Raumschiff über die strahlende Stadt und das neue Jahrzehnt. Der grauhaarige DJ scannt seine Playlists durch und startet mit zarten Geigenklängen einen zaghaften Versuch die erschöpften Tänzer auf der „Zeitlos“-Sylvesterparty wieder in Bewegung zu bringen. Unter dem sanften Gefiedel fängt eine dumpfe Trommel an einen dumpfen Rhythmus zu wummern. Und ich weiß schon jetzt, wie es weiter geht. Schwelgend erwarte ich die klagende Stimme, die ich seit 40 Jahren kenne: „Einmal wissen, dieses bleibt für immmer…“ Ein Freund hatte mir die rote Platte mit dem gelben Blitz vorgespielt, ein paar Wochen nachdem ich auf’s Gymnasium gekommen war. Eine Platte auf Deutsch, das war neu. Eine sehnsüchtige Melodie, ein poetischer Text, den ich verstand, aber nicht begriff. Mit 17 braucht es nicht viel mehr, um sich zu verlieben. Aber verliebte mich nicht nur in das Lied und die Platte. Ich bekam Sehnsucht nach der Welt, von der sie erzählte, nach dem Land, das ich bisher nur einmal für einen 20 Mark-Zwangsumtausch-Nachmittag in Ost-Berlin betreten hatte. Ich hatte Sehnsucht nach der DDR.

Zehn Jahre später im Februar. Ich liege mit hohem Fieber in einem langsam schaukelnden Interzonenzug nach Leipzig, meinem Traum entgegen. Der Zug hält mitten auf der Strecke, wie schon so oft. Im Delirium schaue ich aus dem Fenster. Ich sehe Menschen auf einer ausgfahrenen, lehmbraunen Straße vor einer Kaufhalle. Frauen in Kittelschürzen, ein Mann, der eine ölverschmierte, apfelsinenfarbene Regenhose trägt. Er lehnt am Seitenwagen seines Motorrads und zündet sich eine Zigarette an. Für mich ist es ein Bild unglaublicher Ruhe und Gelassenheit – oder spielt mir mein gedämpftes Gehirn das nur vor? Will ich hier Ruhe und Harmonie sehen, oder ist in diesem Land wirklich alles ein bisschen ruhiger, ein bisschen wie in alten Zeiten, von denen meine Eltern erzählten? Eine Frage, die ich mir in den kommenden zwei Monaten immer wieder stellen werde. Jetzt ist es egal. Es ist zu spät umzukehren. In meiner Tasche habe ich eine Einladung der Klinken der Karl Marx Universität Leipzig. Gerne würden sie mein Angebot annehmen, in ihrem Haus als Krankenpfleger zu arbeiten. Ich werde erwartet. Ich bin die Vorhut. Und ich darf nicht kneifen. Denn wir haben einen Plan.

In unserm alten Bahnhof in Heidelberg, auf unserer Insel zwischen Güterzuggleisen und Fernbahntrassen hatten wir im Sommer 89 mitbekommen, wie die Menschen aus der Botschaft in Prag nach Westdeutschland kamen.Viele Ärzte und Krankenschwestern waren darunter. Vom Notstand in den DDR-Krankenhäusern wurde berichtet. Das durfte nicht sein. Die DDR musste bleiben. „Die endgültige Teilung Deutschlands ist unser Ziel“ war die Losung, die von der Satirezeitung Titanic, neben der taz die Pflichtlektüre unserer Krankenschwestern-WG, damals wider den großdeutschen Geist ausgegeben wurde. Uns war das ernst. Wir hatten wirklich Angst vor dem vierten Reich. Und so schrieben wir, die wir alle unser Examen schon in der Tasche hatten, die Krankenhäuser hinter der Mauer an. Der Mauer wohlgemerkt, die damals noch stand. Wir wollten – jetzt darf ich es gestehen – die DDR retten, so wie sie war. Das mit der Revolution kam später. Und von der Stasi hatten wir noch nie was gehört.

Leipzig antwortete im November. Die Mauer ging auf, und ich wurde ausgewählt, mal zu schauen, wie es da so ist. An dem Mut meiner zwei Mitbewohnerinnen bestand kein Zweifel. Sie fuhren Motorrad, trugen schwarzes Leder und waren auf jeder autonomen Demo (ja, so etwas gab es in Heidelberg) dabei. Später würden sie in Rotkreuz-Zelten Peschmergas in Kurdistan zusammenflicken oder Flüchtlinge in Zentralafrika versorgen. Aber das mit dem deutschen Osten, das war ihnen erstmal doch ein wenig zu abenteuerlich.  Ich brauchte keinen Mut, denn ich fuhr ja Richtung zu Hause.

Ich landete da, wo ich nie hin wollte: Vor dem Tisch eines deutschen Feldwebels. Das Quartier, das mir die Uni zugeteilt hatte war eine ehemalige Parteihochschule, die von der NVA beschlagnahmt worden war. Lenin hing noch an der Wand, auf dem Linoleumfußboden knallten Knobelbecher. Sie gehörten jungen Rekruten, die jetzt in die Kohlekraftwerke geschickt wurden, weil die Heizer schon im Westen waren. Der Feldwebel schaute misstrauisch auf mein Papier und zuckte die Achseln. Es gab so vieles, was nicht mehr zu verstehen war in dieser Zeit. Ein Westler, der freiwillig in den Osten kam, um hier zu arbeiten? „Verrückte hat es immer gegeben.“, war sein Kommentar. Ich bekam ein riesiges Zweibettzimmer und viele Telegramme. Das war die einzig verlässliche Art mit der alten Heimat Kontakt zu halten. Ich bekam auch viel Besuch: Von meinen Krankenschwestern und andern, die „mal schauen wollten.“ Gearbeitet habe ich auch. Auf der nephrologischen Station. Dreischichtbetrieb, 600 Mark der DDR, später 800. Geschlafen habe ich nicht viel in der Zeit. Aber das ist einer andere Geschichte, die ein andermal erzählt werden soll… Gute Nacht

 

How to be good

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Wieviel Leid muss der Mensch ertragen können, um die Welt zu retten?

Ich wollte meine Tochter besuchen, die gerade in Venedig studiert. Und ich wollte das so machen, wie ich das immer mache: Da wo ein Zug hinfährt, muss ich nicht hin fliegen. Und die kluge Tochter hat es mir vorgemacht und ist mit dem Nachtzug von München nach Venedig gefahren. Das ist ein Zug, den man im Fahrplan der Deutschen Bahn vergeblich sucht und erst findet, wenn man bei der Österreichischen Bundesbahn nachschaut. Aber immerhin, es gibt ihn. Und ich liebe es, mit dem Nachtzug zu reisen. Reine Nostalgie, ich weiß, aber es ist auch ein gutes Gefühl , dem Klima ein paar Tonnen Kohlendioxid zu ersparen und  auch noch eine dramatische Alpenüberfahrt bei Nacht gratis dazu zu bekommen. Ganz großes Kino!

Doch ich bin zu spät. Der Klimawandel hat nicht nur mein Reiseziel unter Wasser gesetzt, er hat auch den Alpen einen Sturzregen beschert, der die Gleise unterspült hat. Seit Tagen bekomme ich von der ÖBB Nachrichten, die mir Umleitungen und Verspätungen ankündigen. Doch wer bin ich, dass ich mich von solchen Kleinigkeiten von einer Reise abhalten lasse? Mit Zugverspätungen in südlichen Ländern verbinde ich die wunderbarsten Erinnerungen an Zeiten, in denen man noch mit anderen Rucksackreisenden und ein paar Clochards in den Bahnhofshallen übernachten konnte. Aber in der Mail von gestern war eine weiter Warnhinweis: Streik bei der italienischen Trennord. „Viva lo sciopero!“ war ein extra Kapitel in meinem Reiseführer „Anders Reisen Italien“, mit dem ich in den frühen 80ern das Land bereiste. Es lebe der Streik, jawoll! Jeder Streik ein weiterer Schlag in die Fresse des Kapitals. Natürlich waren wir solidarisch mit den Genossen der Eisenbahngewerkschaft. Heute unkt meine sozialdemokratische Kollegin „Da wollen bloß ein paar gut bestallte Bahnbeamte durchsetzen, dass sie weiter mit 58 in Rente gehen können.“ So weit ist es mit der internationalen Solidarität gekommen.

Und ich? Ich muss zugeben, dass die Aussicht auf einem nasskalten norditalienischen Bahnhof Ende November mit ungewissen Aussichten über Stunden hinweg auf meinem Gepäck zu sitzen mich nicht wirklich begeistert. Warum streiken die Kollegen nicht im Sommer?

Also doch fliegen? Als fliegender Streikbrecher und Klimasünder gleichzeitig?
Wer sonst könnte das entscheiden als die Generation, von der wir unsere Erde angeblich nur geborgt haben? Ein paar SMS hin und her und meine Tochter schickt mir eine Verbindung von easyjet, 150 Euro hin und zurück. Und sie sagt mir, dass ich Zusatzgepäck buchen soll. In Venedig braucht man Gummistiefel.

Westwärts

Eigentlich wollt ich ja was ganz anderes schreiben. Aber als ich den Blog aufmache, lese ich als Erstes die epische Geschichte von Glumm über seine Fahrten per Autostopp nach Frankreich. Und die ist so gut, dass ich selber zurückrutsche in diese Zeit Ende der 70er, als ich mit Rucksack und Freund Werner durch Frankreich getrampt bin.
Werner war ein ruhiger Typ, einen Kopf kleiner als ich und der Chef unserer Amesty-Gruppe. Er lebte bei seinen Eltern, in einem Eifel-Dorf neben der A 61. Sein Vater hatte bei Eternit gerackert. Jetzt hatte er Asbestose und hustete sich zu Hause die Lunge aus dem Leib. Werner rauchte Selbstgedrehte. Er war Landvermesserlehrling, ich hatte es ein Jahr zuvor von der Realschule auf’s Gymnasium geschafft,
Wir wollten trampen und wir wollten nach Irland, wegen der Musik und so.
Mit dabei: Zwei sperrige Tragegestell-Rucksäcke, ein Fähnchen von einem Nylon-Zelt, das unter Garantie nicht einen Tropfen Regen abhalten würde und den bleischweren Schlafsack meines Vaters aus der Schlafkabine seines LKW. Mein Vater war Fernfahrer und nahm uns bis Oostende mit. Wie wir es dann bis nach Calais geschafft haben, weiß ich nicht mehr. Aber ich erinnere mich, dass wir es uns in den Kopf gesetzt hatten, genau auf den Kreidefelsen über der Stadt unser Zelt aufzubauen. Klappte aber nicht. Wir waren 17, noch nie an der See gewesen und wussten also auch nix vom Wind, der über die Klippen peift. Die Nacht brach ein, und wir hatten nix zum Schlafen. Und dann tat Werner das, was er in den kommenden Wochen immer tun würde, wenn wir nicht weiter wussten: Er drehe sich eine und rauchte. Damit strahlte er für mich so eine Ruhe aus, dass ich ganz zuversichtlich wurde. Wir haben noch in der gleichen Nacht in einem Laster den Kanal überquert.

Wenn mich vor einer Stunde jemand gefragt hätte, wie ich mich mit 17 gefühlt habe, dann hätte ich gesagt: Ich war der traurigste Mensch auf meiner Schule. Das Mädchen, das ich ich auf der ersten Fete (ja so hieß das, wie man es schreibt, nicht französisch mit Striche obendrauf) auf der neuen Schule kennen gelernt hatte, hatte einen anderen, die Bürgerkinder waren mir Realschüler in allem eine Nasenlänge voraus und nach Hause kam ich am besten, wenn meine Mutter schlief (Vatter war ja immer auf Tour) um mir nicht wieder eine Predigt wegen meiner langen Haare anzuhören.
Verdammt in alle Ewigkeit.
Ich hatte diesen Sommertripp vergessen, als wir  in England auf einer Wiese zelteten und morgens ein langhaariger Typ zu uns kam und uns zu einer Tasse Tee in sein Cottage einlud, als wir es schafften unsere riesigen Rucksäcke und unsere zwei biegsamen Leiber für 150 Meilen auf dem Rücksitz eines Minis zu verstauen, bis zum Fährhafen nach Irland (Holyhead?). Und wie wir es in Irland keine Meile voran schafften, weil Benzin gerade Mangelware oder zu teuer war und die wenigen alten Autos, die in diesem armen Land überhaupt fuhren, mit kinderreichen Familien vollgestopft waren. Auf einer nebligen Kreuzung im Nirgendwo, Werner war gerade dabei, sich wieder eine zu drehen, pickten uns zwei Deutsche mit einem großen Volvo auf und brachten uns auf’s französische Festland zurück.
Ich weiß nicht mehr, von was wir uns vorher ernährt hatten, in Frankreich auf jeden Fall führte ich eine strenge Baguette-Tomaten-Käse-Rotwein-Pflicht ein, weil ich das so typisch französisch fand. Ich drehte auf, sprach ganz passabel Französisch, weil ich auf der Realschule in meine Französischlehrerin verliebt gewesen war und beim Schüleraustausch mitgemacht hatte. Werner redete auch auf Deutsch nicht so viel und wollte auf dem schnellsten Weg nach Hause. Das Zelten hatten wir längst aufgegeben und uns auf Jugendherbergen verlegt. Irgendwo in Lothringen fanden wir in der einbrechenden Dunkelheit an einer Herbergstür statt eines Herbergsvaters einen Zettel: „Der Herbergsvater wird nicht dafür bezahlt, den ganzen Tag auf Reisende zu warten. Wer die Schlüssel für die Herberge braucht, soll bei mir vorbei kommen. Ihr findet mich im Café …“ Ich war von diesem libertären Arbeitsethos, das ich für typisch französisch hielt, begeistert. Werner war sauer, dass wir jetzt noch mal mit vollem Gepäck durch die Stadt laufen mussten. Außerdem ging es ihm auf die Nerven, dass ich jeden Menschen, den wir an den Autobahnauffahrten trafen, und der wie wir beiden eine Anti-Atomkraft-Sonne an der Jacke trug, wie einen alten Bekannten begrüßte. Für mich waren alle, die dagegen waren (Atomkraft, Aufrüstung, Berufsverbote…) meine Freunde. Werner wollte weiter.
Wir schafften es tatsächlich, bis zur letzten Autobahnraststätte an der A 61 zusammen zu bleiben. Es war Nachts und wir sprachen eine Frau mit einem schicken BMW an, die gerade tankte. Sie musterte uns beide abgerissenen Gestalten und meinte „Ich muss ja völlig verrückt sein, mitten in der Nacht, zwei Männer, aber kommt, steigt ein.“
Das letzte Stück liefen wir auf dem Seitenstreifen der Autobahn, auf dem uns die Frau absetzte, nach dem sie die ganze Fahrt nervös geschnattert hatte, denn bis zu Werners Dorf hatte sie uns dann doch nicht bringen wollen. Vielleicht rochen wir ihr zu streng. In dieser Nacht schlief ich zum ersten und letzen Mal in Werners Zimmer. Ich hörte seinen Vater husten.

 

Weddingfenster

Paderborn hat ein „Hasenfenster“, Heidelberg hat ein „Hiroshimafenster“ und ich hab jetzt ein „Weddingfenster“. Jahrelang war ich Tag für Tag auf dem Weg von der Arbeit an Daniels Laden „colorblindpatterns“ in der Antwerpener Straße vorbeigeradelt. Und immer war ich fasziniert von der arabisch angehauchten Kalligrafie, die er in immer neuen Variationen auf sein Schaufenster malte. Heute hatte ich Zeit, hab mir ein Herz gefasst und bin reingegangen. Und ich hatte Glück. Daniel ist nicht nur ein freundlicher Mensch, er hatte, so wie ich, an diesem ruhigen Brückentag ein bisschen Zeit und zwei Stunden später war er schon am Werk. Mit einem Kreidestift, wie ihn sonst Cafés für ihre Speisekarten nutzen, zauberte er mir Grüße aus einer fernen Welt auf die Kastenfenster, die mich an meine Moscheebesuche in der Türkei und gleichzeitig an das Multikulti im Wedding erinnern.  Und wenn ich davon mal genug habe, halten sie mir auch die Blicke der neugierigen Nachbarn vom Hals und versüßen mir den Blick auf die grauen Fassaden gegenüber. Gespannt bin ich schon, welche Muster das Gaslaternenlicht heute Nacht durch das Buchstabengitter auf meine Wand werfen wird. Weil alle Kunst ein Geheimnis hat, lohnt es sich genau hinzuschauen: In vier der sechs Kassettenfenster hat Daniel die Anfangsbuchstaben meiner Kinder versteckt – in Fraktur.
Und sollten die Fenster im sürmischen Winter wieder kalte Luft reinlassen, hol ich mir nach dem Grafiker einen Dichter ins Haus….;-)

Daniel macht übrigens auch Textilien und Taschen mit diesen und anderen grafischen schwarz-weiß-Mustern. Schaut mal rein, wenn ihr in Berlin seid.

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Daniel Arab
Antwerpenerstraße 46
13353 Berlin
colorblindpatterns.com