Heulen

Er sagte erst mal nix. Saß in seinem blauen Transporter und trat ein paar Mal aufs Gaspedal, bis der lockere Keilriemen aufhörte zu jaulen, das ausdruckslose Gesicht  in Richtung Windschutzscheibe. „Is Motor, alt“, sagte er dann, ohne mich anzuschauen. Deutsch war nicht so seine Stärke. Und auch in dem kleinen, knochigen Körper hätte ich nicht viel Kraft vermutet. Aber mit Vermutungen liege ich oft daneben. Hätte ich ihn ohne seinen Wagen gesehen, hätte ich ihn für einen der Bulgaren (oder Rumänen?) gehalten, die an der Ecke ihre Abende breitbeinig schwatzend und rauchend auf der Straßenbank verbringen. Drumherum zahnlose, rauchende Weiblein und Kinder. Leben sie in der Eckwohnung für die illegalen Bauarbeiter mit den ewig heruntergelassenen Rollos, oder gehören ihnen die dicken Autos mit bulgarischen Kennzeichen? Ich weiß es nicht. Man sieht sich, man geht sich aus dem Weg, man denkt sich seinen Teil. Wahrscheinlich gehörte er dazu, wer weiß?
Er und ich hätten auf jeden Fall nie ein Wort gewechselt, hätte er nicht genau an diesem Samstagmorgen auf der anderen Straßenseite seinen Transporter repariert, als ich glücklos von der Autovermietung kam, deren stark schwitzende Thresenfrau beschied, dass es in ganz Berlin keine „Robbe“ mehr für mich gebe, wie die verbeulten weiß-blauen Autos für die Studentenumzüge hier schnoddrig heißen. Die Abweisung  machte mich trotzig und mutig.
„Wir brauchen nicht viel zu tragen“, warb ich ihn. „Wir haben einen Aufzug und ein Freund hilft.“ Er verzog keine Mine, fragte nur „Wann?“ Und als ich sagte „jetzt“ hielt er mir seinen sehnigen braunen Unterarm so hin, dass einschlagen konnte, ohne an den Arbeitshandschuh mit der Farbe zu kommen. Wir einigten uns auf 30 Euro und fuhren los.
Eine Stunde später saßen wir wieder im Wagen. Der Freund war nicht gekommen und der Aufzug war zu klein für das rote Sofa und das Bücherregal. Wir hatten meine letzten Habseligkeiten aus der Wohnung, die mal strahlend leer und zukunftsschwanger vor mir lag, als ich sie vor acht Jahren zum ersten Mal besichtigte, die Treppe herunterwuchten müssen. Die Frau, mit der ich diese Träume einst zu teilen glaubte, machte die Tür hinter uns zu.
Als der Motor sich wieder beruhigt hatte, fuhren wir einen Moment schweigend nebeneinander, mein Freund in der Not und ich. Dann fragte er „War Tochter oder Frau?“ „Frau,“ antwortete ich einsilbig. „Kinder?“ „Drei“
„Schade“, sagte er und schaute weiter geradeaus.

Der Wedding wird gelb

 

 

Die Baugerüste fallen. Und wie frisch aus dem Ei gepellt leuchten die schicken 50er-Jahre-Häuser in neuem Glanz. Die ersten kräftigen Sonnenstrahlen lassen das satte Gelb strahlen wie einen freundlichen Frühlingsgruß aus der bisher sehr vernachlässigten Kongostraße. Noch vor einem halben Jahr war die Häuserzeile ein deprimierender Anblick. Grauer Dreck auf der ausgewaschenen grauen Fassade. Ein Wohnungsbrand vor zwei Jahren hatte schwarze Schlieren in den oberen Geschossen hinterlassen – zum davon laufen. Und jetzt? Neue Fenster, lustige Tiere auf den Wänden – eine freundliche Anspielung auf das Afrikanische Viertel, in dem die neuen Schmuckstücke stehen – und eine neue Kita im Erdgeschoss des Giraffenhauses. Erhebend und erfreulich. So muss es sich angefühlt haben, als die Häuser vor 60 Jahren auf dem Gelände, auf dem vorher die Buden von Schrott- und Kohlehändlern standen, hochgezogen wurden. Neue, helle Wohnungen für Familien, die bisher in Trümmern hausten. Ein Sportplatz gleich daneben, für die gebeutelte Nachkriegs-Jugend, auf dass sie eine bessere Zukunft habe. Auch jetzt wieder versprechen die Häuser Aufbruch. Da hat einer mal was getan für die Bewohner aus aller Herren Länder, die hier aus und einziehen. Auf dass sie sich wohl fühlen bei uns. Und auf dem Sportplatz nebenann finden jetzt Multi-Kulti Fußballturniere statt.

Wenn da nicht der Aushang im Treppenhaus wäre. Er stammt vom Hausbesitzer Vonovia. Vonovia? War da nicht mal was? Wikipedia sagt’s mir: Hieß mal Deutsche Annington und war eine der gierigsten Heuschrecken, die über den deutschen Wohnungsmarkt hergefallen ist. Börsennotiertes DAX-Unternehmen. Größter Anteilseigner: Blackrock… „Es zählt zu den Konzepten von Vonovia, Mietern oder anderen Interessenten den Erwerb von Wohnungseigentum anzubieten.“, sagt mir Wikipeda.  Na wunderbar, die jetzigen Bewohner werden sich die Wohnungen bestimmt nicht leisten können, zumal nicht nach der Renovierung. Nix mit Aufbruch. Im Gegenteil: Schluss mit Multi-Kulti. Und für die Bewohner: Perspektive Stadtrand.

Ich werde wohl bald neue Nachbarn bekommen.

 

 

Die Mutter des Weihnachtsmanns

Die blasse Postkarte zeigte ein Landschaftgemälde aus dem 18. Jahrhundert. Mit Bleistift war darauf geschrieben „Wir planen eine Einladung zu einem kleinen Abendessen, damit wir unseren neuen Nachbarn kennenlernen.“ Unterschrift unleserlich. Ach wie nett, dachte ich. Die Bestimmtheit, mit der der Anspruch, mich als neuen Mitbewohner kennen zu lernen hier formuliert wurde, ließ mich an eine ältere Dame denken, die noch weiß was sich gehört. Und tatsächlich hatte ich mich nicht im Haus vorgestellt, nachdem ich eingezogen war, was sich ja eigentlich gehört – oder mal gehört hat.

Aber doch nicht im Wedding. Die vierschrötige, wortkarge Berlinerin unter mir, die ich in ihrer Gartenbauerkluft für die Hausmeisterin hielt, die den graugrünen Leinsockel im Flur mit Blümchen und Katzenbildern verschönert, hatte mir gereicht. Als ich bei ihr klingelte, um Bescheid zu geben, dass ich am Sonntag mal ein paar Löcher bohren müsste, öffnete sie den Mund, wölbte ihre Zunge nach vorne, die mit  ein paar Leberwurstresten belegt war, überlegte kurz und grunzte: War ja ooch schon laut vergangenen Sonnabmnd. Eine Katze schlich zwischen ihren Beinen hervor, und ich fragte wie viele sie denn habe. Neune, sagte sie, aba varpfeifn se mich nich bei der Verwaltung. Türe zu.

Die steinalten Leutchen übern Flur wollten auch keinen Kontakt.  Als ich bei ihnen wegen eines Päckchens klingelte war die Tür gleich wieder zu.  Eine Treppe höher das Gleiche. Jetzt also die Karte.

Zwei Wochen später die nächste Nachricht. Eine Karte aus Kew-Gardens bei London. „Freitag 19 Uhr würde uns gut passen.“ Jetzt waren zwei Unterschriften darunter, von denen ich eine lesen konnte. Ich warf eine Karte (Landschaftsmalerei, 19. Jarhundert) in den Kasten und sagte für Freitag zu.  Ich muss sagen, ich war gespannt auf ein Dinner für drei mit Miss Sophie und ihrem Gatten.  Aber am Tag vorher traf ich im Hausflur eine kleine schwarzhaarige Frau, etwa mein Alter und eine jüngere baumlange blonde Walküre in einer Felljacke. Beide sagten, sie freuten sich auf unsern Abend. Ok, dachte ich: lesbisches Pärchen. Das wird ja nicht einfach.

Mit einer Flasche Wein klopfte ich im vierten Stock. Die kleine Schwarze öffnete, war geschäftig am Telefon und winkte mich ohne Gruß in die dunkele Wohnung. Dunkle alte Möbel, verblasste Landschaftsmalerei an der Wand, Teppiche auf dem Boden. Wer so wohnt, wohnt so schon lange. Als ich eine Weile mit der Hauskatze gespielt hatte, machte ich mich bemerkbar. Ohne Zeichen von Verlegenheit legte meine Gastgeberin das Telefon weg. Das Gespräch war nicht nach ihren Wünschen verlaufen. Die Nachbarin kommt noch nicht, sagte sie, weder freundlich noch entschuldigend. Wie immer, setzte sie noch hintendran. Der Tisch war gedeckt, aber einen Platz bot sie mir nicht an. Auch schien sie von mir zu erwarten, dass ich das Gespräch am laufen halte.  Ich versuchte es mit den Landschaftsbildern. Ach, die hab ich bei ebay ersteigert, aber langsam hab ich dafür keinen Platz mehr. Ende des Gesprächs.

Mir wurde klar, dass ich hier kein Gast war, sondern ein Aspirant. Das würde ein Vorstellungsgespräch werden. Wir plänkelten ein bisschen über den Garten und meine Zufriedenheit mit der Wohnung, da bekam ich schon das Du angeboten. Also Margarethe. Ich gehörte jetzt zur Familie. Seit „Der Pate II“ weiß ich, was das bedeutet. Endlich schneite die Nachbarin herein. Plappernd, lächelnd, Grande Dame, aber die Hausherrin blieb klar die Chefin am Tisch, an den wir uns endlich gesetzt hatten. Was macht der Syrer? fragte die Madame, als ob ich nicht dabei wäre. Die Schwarze winkte ab. Der kommt nicht mehr, seit ich ihm über die Approbationsprüfung geholfen habe. Männer blieben das Thema des Gespräches, zu dem ich nur wenig beizutragen hatte. Meistens Männer, die schon wieder weg waren. So wie der Vater der großen Tochter, die Walküre von gestern, die jetzt im roten Sportdress erschien und sich von Mutti kurz den Rücken richten ließ, bevor sie, mehrfach ermahnt, Fahrradhelm und Schutzweste zu tragen, aus der Wohnung floh. Zwischendrin hatte sie mir noch ein Lustiges Taschenbuch aus ihrem Zimmer in die Hand gedrückt: Sie haben doch Zwillinge. Es blieb das einzige Zeichen des Willkommens an dem Abend. Kaum war die Tochter weg, war ich mit Marion per Du und wir kamen endlich auf das Thema unseres Geschäftsessens: Das Haus und die Bewohner. Der Trinker im Dritten, der mit der Tochter der Hausmeisterswitwe aus dem Parterre verheiratet war. Der Sohn der Gartenbaufrau, der vorher in meiner Wohnung wohnte, ständig Party machte und dann endlich rausflog. Die leise Mutter mit den Zwillingen, deren Vater man nie sieht. Das irre Projekt der Hausverwaltung, das Margarethe erfolgreich verhindert hatte, einem Erfolg, dem ich auch meine Wohnung zu verdanken hätte. (in den wunderbaren großen Garten sollte ein weiteres Wohnhaus gesetzt werden und dafür im Vorderhaus zwei Wohnungen für die Durchfahrt abgerissen werden, weshalb meine Wohnung lange leerstehen gelassen wurde.)

Ich glaube, Margarethe wollte mir zeigen, wer hier im Haus die Fäden in der Hand hält. Wenn Margarete schon die Männer immer wegliefen, ihr Sohn ein Tunichtgut war, dann hatte sie wenigstens in den 25 Jahren das Haus unter ihre Kontrolle gebracht: Wenn der alte Frank sich endlich zu Tode gesoffen hat, kriegst du seine Wohnung, Marion, da sorge ich für, sagte sie zur Verabschiedung zur Nachbarin. Auch für mich fiel was ab. Ich brauchte noch einen Weihnachtsmann für meine Jungs. Eine Nachricht an ihren Sohn ging sofort raus. Wenn er nicht wieder total spinnt, sagte sie lakonisch, steht er an Heiligabend um Fünf vor deiner Tür.

Frohe Weihnachten

 

 

 

 

Vom richtigen Zeitpunkt

Es gibt ja Sachen, die müssen gemacht werden. Aber ich mache sie trotzdem nicht. Oder zumindest nicht dann, wenn sie gemacht werden sollten. Ein andermal eben, wenns besser passt, wenns gut reinläuft. Aber wenn ich nach dem Lustprinzip leben will wie ein alter Hippie und gleichzeitg meine bürgerliche Existenz weiter führen will, dann führt das dazu, dass mir für die Pflichtaufgaben nur ein freies, also kinderfreies, Wochendende übrigbleibt. Freedom’s just another word for nothing left to loose. Und das sieht dann so aus:

Freitagabend um Sechse darf ich aus dem Büro. Es ist dunkel und kalter Niesel zieht mir die Schultern hoch. Prima Wetter für einen ersten Besuch auf dem Weihnachtsmarkt, denke ich, muss mich stärken für die halbe Stunde mit dem Rad nach Hause und die Besorgungen, die ich machen muss. Glühwein denke ich und Bratwurst. Bratwurst ist nicht, sagt mir mein Kopf. Du bist Vegetarier. Aber es ist doch Weihnachten, entgegne ich. Es ist noch nicht mal Advent, kommt es barsch zurück. Ich habe Glück: In der hinteren Ecke  des verloren wirkenden Weihnachtsmarktes zwischen Friedrichstraße und dem Bundespresseamt rieche ich heimatliche Düfte: rheinische Reibekuchen. 100 Prozent vegan und gibt’s nicht alle Tage. Das Gewissen ist zufrieden, der Bauch auch. Mit dem Schoppen Glühwein fährt sichs beschwingt durch das Sauwetter. Wolltest du nicht noch zur Post, das Päckchen mit den Legosteinen für die Jungs abholen? Nö, Freitagabend ist da immer ne riesen Freitagabendschlange, für alle, die sonst nie Zeit haben. Ich geh da morgen früh hin, gleich um Neune. Dann ist da keiner.

Samstagmorgen um Zehne ist die Schlange noch länger als am Tag davor. Natürlich hatte ich vor, um Neune da zu sein. Aber die Nacht war kalt. Die Nachbarin im Parterre unter mir spart wohl an der Heizung. Und als es endlich warm wurde in meinem Bett wurde es auch schon hell. Wer kann da von einem verlangen, gleich aufzuspringen? An meinem freien Tag? Nach einer halben Stunde Schlange bin ich dran. Na, das Päckchen hätte wohl auch durch meinen Briefschlitz gepasst, meckere ich die Postfrau an. Hätte schon, gibt sie mit einem Hauch von Demut zurück, aber es war ja nie bei ihnen. Unser Fahrer hat es gleich hier gelassen, und bei ihnen eine Karte reingeworfen. Na dankeschön! Wenn sie sich beschweren wollen: Das haben heute schon sieben andere getan. War auch schon in der Presse. Der Nächste bitte!

Ich finde Trost im Simit Evi, dem türkischen Frühstückscafe vor dem neuen Jobcenter, gleich neben der Bibliothek. Bibliothek, denke ich. Wolltest du nicht mal wieder ein Buch lesen? Immerhin warst du vorgestern bei der Lesung von Salman Rushdie. „Golden House“ ist natürlich reserviert, aber Robert Harris „München“ gibt es. Auch neu. Wieder Geld gespart, lobe ich mich, bis ich draußen versuche meinen Helm aufzusetzen. Klappt nicht, weil der ist nicht da. Zurück zum Türken, zurück zur Post. Weg! Na, war sowieso alt, sag ich mir und zum Fahrradladen wolltest du eh.

Der winzige Radladen, den ich schon seit Jahren am Leben erhalte, wird bevölkert von einem struppigen Rothaarigen, der aus Mittelerde gefallen ist und einer Spanierin, die sich stolz weigert, Deutsch zu lernen. Zudem ist sie schwerhörig. Als ich den Laden eine halbe Stunde später verlasse, habe ich einen himmelblauen italienschen Sturzhelm mit rotem Rücklicht und eine Tüte mit Ersatzteilen für die Räder meiner Kinder. Die Spanierin hat dafür die Adresse meiner Hörgeräteakustikerin. Und weil ich so glücklich bin mit meinem Kauf, geh ich zu Tschibo. Da finde ich immer was, von dem ich nicht wusste, dass ich es brauche. Und solche Besorgungen müssen ja auch erledigt werden. Heute ist es ein zusammenfaltbarer Rucksack, der in eine handkäskleine Tasche passt. Eine direkte Weiterentwicklung der Dederon-Einkaufsbeutel aus der DDR. Was war das für ein Geächtse im Februar, bei meinem Asien-Urlaub. Ein großer Rucksack und ein Koffer, aber nichts für einen Tagesausflug in die Stadt. Und jetzt? Perfekt gerüstet. Und weil er so gut und so federleicht an meinen Rücken passt, lasse ich ihn gleich an. Schwarzer Rucksack auf schwarzen Mantel – passt perfekt.

Nächste Station Bio-Laden. Ich schlage ordentlich zu, denn ich will mal wieder was Ordentliches kochen. Aber als ich einpacken will, suche ich den Rucksack – vergeblich. Voll Ingrimm bitte ich die Verkäuferin, die Sachen für mich aufzubewahren, während ich mir zurück in Richtung Tschibo mache. Weil ich mich inzwischen gut auskenne mit mir, brauche ich nur bis zur nächsten Ampel, um raus zu bekommen, dass der schwarze Riemen auf meiner Schulter vor einer halben Stunde noch nicht da war. Trägt wirklich nicht auf, das Ding. Zurück zu Hause merke ich, dass ich auch noch beim Drogeriemarkt war und staple die fünf Packungen Rasierklingen zu den vier, die schon da waren.

Warum erzähle ich das alles? Weil genau jetzt, nach einem so wundervollen Morgen, jetzt, wenn das fahle Licht der Sonne noch ausreicht, die Staubflocken zu erkennen; jetzt, solange die mürrische Nachbarin sich nicht auf Mittags-, Sonntags- oder Totenruhe berufen kann, genau jetzt eben der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um meine Wohnung zu saugen. Was mir drei Wochen unmöglich erschien -jetzt wird es Wirklichkeit. Wie ein Derwisch wirbele ich durch die Zimmer, verschiebe Betten, lüpfe Teppiche, demontiere die Kindereisenbahn um nun auch jedes, aber wirklich jedes Staubkorn zu erwischen. Nach einer einer erfolgreichen Jagd, auf der ich auch noch ein paar Playmobil-Schwerter durch den Schlauch habe rasseln lassen,  blase ich den Rauch aus der Mündung meines Staubsaugers. Gut gemacht! Und im Schein der untergehenden Sonne sehe ich meine nächste Beute: Die Bügelwäsche. Schon glüht das Bügeleisen, schon knallt das Bügelbrett in Position… Nichst ist so stark wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.

 

 

 

Mysterious Machine

Foto

Dass ich bei diesem Bild sofort an Mann und Frau und Trennung denken muss, liegt nicht daran, dass ich zur Zeit bei allem an Mann und Frau und Trennung denke, sondern an der Geschichte, die mir der derbe Verkäufer vor vielen Jahren zu dieser Maschine erzählte, bevor ich sie aus seinem Antiquitätenladen mit dem vor Understatement strotzenden Namen „Just Junk“ für 20 schottische Pfund in unseren „Kunsttransporter“ lud, der nichts anderes war als eine klapprige weiße Kasten-Ente, die einem Holländer gehörte und deswegen auch einen kontinentalen Linkslenker hatte und die er mir und meinem Freund, der gerade aus Indien zurückgekommen war, und der dabei ein so kantiges Gesicht bekommen hatte, dass die Frauen ihm zu Füßen lagen, uns, die wir seit Jahren nur Fahrrad fuhren, in verantwortungsloser Weise anvertraut hatte um einige seiner klobigen Skulpturen (heute malt er kleine Miniaturen) von Edinburgh nach Maastricht zu transportieren.

Diese Geschichte, die er uns mit der Herablassung eines überlegenen Unterdrückten erzählte, weil sie von Engländern handelte, bei denen, so habe man ihm erzählt, es als größte Liebesbeweis eines  Ehegatten gegenüber seiner Gemahlin gelte, wenn er sie vor der morgendlichen Toilette, noch im Bett schlummernd mit einer Tasse frisch zubereiteten Tees überrasche, diese Erzählung sparte nicht mit hämischen Bemerkungen über die närrischen Sitten der ungeliebten Besatzer Schottlands, sondern war auch gefüllt mit Spott darüber, wie diese Sitten mittlerweile verkommen seien, da nämlich nun der englische Gentleman eine Maschine ersonnen habe, eben jene, die er mir gerade für einen lächerlichen Preis überlasen habe,  die ihm, dem Engländer, das mannhaft frühe Erwachen abnähme, indem sie mittels eines simplen Wippenmechanismus in Verbindung mit einer elektrischen Uhr das Wasser im Kessel zu einer vorgegebenen Stunde zur Wallung bringen würde, auf dass es sich in die Kanne ergieße, die nun, seufzend unter dem neuen Gewicht, die Wippe nach unten drücke, was die Stromzufuhr im Kessel sofort unterbräche.

Auch an dieser Stelle fehlte es der Erzählung nicht an derben Zoten über die allbekannte Prüderie in den Schlafzimmern jenseits des Hadrianswalls und den fehlenden Qualitäten englischer Liebhaber. Endgültig unvergesslich aber machte er mir die Geschichte, als er mich hoch erregt an der Schulter packte und grob schüttelte um mir leiblich zu demonstrierten, wie allmorgentlich der unwillige Gatte unter dem infernalischen Weckton und den grell blinkenden Lampen der Maschine seiner Frau ins Ohr brüllte „Love wake up, tea’s ready!“

Solcherart feixend (Ya know, mate! Ya know, mate!) gab er mir die Maschine in die Hand, die ich, damals ein bis zur Selbstaufgabe treuer Verehrer und Sammler sämtlicher Relikte des untergegangenen Empires, auf Händen nach Hause trug, nachdem wir den wackligen Transporter, in dem wir hunderte von  Kilometern Linksverkehrs nahe des Straßengrabens überlebt hatten, dem Holländer wieder zu treuen Händen ließen. Stolz präsentierte ich das Wunderwerk aus elfenbeinfarbenem Bakelit auf einem Ehrenplatz in meiner Küche und versäumte es nicht, zu festlicher Gelegenheit meinen ratlosen Besuchern die Funktion des dampfenden und blinkenden englischen Meisterwerks zu präsentieren. Natürlich nicht, ohne dazu die deftige Geschichte des alten Schotten zu erzählen, was bei den Herren zur Erheiterung und bei den Damen zu grämlichen Gesichtern führte.
Irgendwann, nein nicht irgendwann, sondern genau an jenem Tage vor sieben Jahren, als ich mit der Mutter meiner Kinder in die schöne helle Wohnung zog, aus deren dunklen Keller ich sie neulich bei meinem Auszug wieder ans Licht brachte, verlor sie ihren Ehrenplatz. In der gemeinsamen Küche war nurmehr Platz für einen „Thermomix“, ein Gerät, dessen Versprechen auf universelle Glückseligmachung der Frauen  künftigen Generationen ähnlich skurril anmuten wird, wie jene Mechanisierung der englischen Ritterlichkeit, die ich, wieder auf Händen, durch die Trödelläden rund um die Malplaquetstraße im Wedding trug, um sie jedem anzudienen, der mir noch ein paar Euro dafür gäbe. In meiner neuen Wohnung will ich Neues sehen. Das Verherrlichen alter Zeiten ist vorbei.

Die „Teasmade“, so ihr simpler englischer Name steht jetzt in einem der neuen Künstlercafés am Leopoldplatz. Wenn ich den Umzug hinter mir habe, gehe ich mal hin, und erzähle dem Barista ihre Geschichte.

 

Die Welt als Wille und Vorstellung

In einer Zeit, in der die Ereignisse sich überschlagen, in der man nach skurrilen Kanzlerduellen sich fragt, ob man überhaupt noch eine Wahl hat, in einer Welt in der das Böse an allen Fronten gewinnt, ist es doch tröstlich zu wissen, dass ein jeder auch heute noch die die Kraft in sich hat, die Welt nach seinem Wunsche zu gestalten und sich über Ort und Zeit, ja sogar über die unerbittliche Zeit, kraft der eigenen Einbildungsfähigkeit hinweg zu heben vermag.

Nehmen wir ein x-Beliebiges amtliches Schreiben, wie es in Deutschland zur Zeit tausende Bürgerinnen und Bürger erhalten: “ … lade ich Sie zu einer Informationsveranstaltung  ein, um Sie auf die ehrenamtlich übernommene Tätigkeit als Wahlvorstand vorzubereiten. Ort: Rathaus Tiergarten.“ Sofort speichere ich diesen Termin in meinem fotografischen Gedächtnis ab. Kein zweites Mal muss ich mir das Schreiben anschauen um am angegebenen Termin am rechten Ort zu sein. Sogar schon eine halbe Stunde zu früh. Müßig schlendere ich noch ein wenig herum. Trinke einen Kaffee an dieser hübschen 50er-Jahre Tankstelle, pumpe noch etwas Luft in mein Fahrrad, kaufe ein Brot und bin – fünf Minuten vor der Zeit, das sei des Deutschen Pünktlichkeit – im Foyer des Rathauses Schöneberg. Natürlich Schöneberg, nicht Tiergarten. Wer bin ich denn, sagt mir mein Gedächtnis, dass ich mir von ein bisschen Druckerschwärze vorschreiben lasse, was ich unter Rathaus verstehe? Ich lese zwar Tiergarten, aber in meinem Kopf läuft ein ganz anderer Film ab. Tiergarten ist West-Berlin, West Berlin ist Willi Brandt mit JFK auf dem Balkon des Rathauses Schöneberg und „ick bin ein Berlinner“. Ganz sanft hat mein Gedächtnis das Foto, das ich von der Einladung abgelegt habe ein wenig retuschiert. Zu Recht , finde ich, als ich eine halbe Stunde zu spät in Tiergarten ankomme. Denn der graue Nachkriegsbau hier kann es mit dem historischen Gebäude, das ich heute besuchen durfte nun wirklich nicht aufnehemen. Und verpasst habe ich nichts außer einem Video, das ich jederzeit im Internet anschauen kann.

Diese gefakte Wirklichkeit hat mir in meinem Leben schon viele schöne Stunden bereitet. Vor Jahren etwa hatte ich als Rechtsreferendar in einem Landstrich, den man „Badisch Sibirien“ nennt, die Aufgabe, den Staatsanwalt in einem entlegenen Amtsgericht bei einer Anklage wegen eines kleinen Drogenvergehens zu vertreten. Innerlich widerstrebte mir das, aber ich hatte mich natürlich trotzdem akkurat vorbereitet, die Akte noch am Vorabend studiert und mittels eines Kursbuches einen Zug heraus gesucht, der mich sogar eine halbe Stunde vor Prozessbeginn in das kleine Städtchen im Odenwald bringen würde. Genug Zeit also, um mich in einer romantischen Fachwerksbäckerei noch an Kaffee und süßem Gebäck zu stärken, um pünktlich um neun Uhr im Gerichtssal zu erscheinen. Wie groß mein Erstaunen, als ich an dem mir zugedachten Platz zur Linken des Richters meinen Vorgesetzten, den Herrn Oberstaatsanwalt erblickte, der an meiner statt eilig herbeigerufen wurde, als um acht Uhr, dem angesetzten Prozessbeginn, zwar Angeklagter, Verteidiger und Richter erschienen waren, nicht aber der Herr Rechtsreferendar, der die Anklage hätte verlesen sollen. Nun, alles ging gut aus, sowohl für den Angeklagten als auch für mich. Er wurde freigesprochen und ich musste nach einer milden Schelte des Herrn Oberstaatanwaltes (er mocht junge Männer mit Locken, Kameradschaft nannte er das) nie wieder ein Drogendelikt bearbeiten.

Ja, mein „Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt“- Gedächtnis hat mich stets gut geleitet, auch wenn es um harte Entscheidungen ging. Beständige Leserinnen und Leser meines Blogs wissen, dass mich die Suche nach einer Wohnung schon seit Monaten umtreibt. Und vor wenigen Wochen schien endlich die Traumwohnung für mich frei zu sein. Die eifrige Vermittlerin der Wohnungsgesellschaft sagte mir, dass sie mir auch gleich einen Besichtigungstermin geben wolle, weil sie meine makellosen Referenzen so überzeugt hätten. Einen Termin könne sie mir anbieten, vor allen anderen Bewerbern. Ein Termin nur für mich! Wer sich je mit 20 Mitbewerbern in einem engen Treppenhaus gedrängelt hat, weiß was das für ein Glücksfall ist. Ob Montag um 16 Uhr ok sei? Begeistert sagte ich zu. Denn dann, so funkte mein Hirn sogleich, schaffst du auch noch das Yoga um 17 Uhr. Mein Gedächtnis merkte sich „vor Yoga“. Blöd nur, dass Yoga in dieser Woche am Dienstag war. Als ich Dienstag vor der Wohnung vergeblich wartete, nutzte ich die Zeit, um die Mieter zu fragen, die aus dem Haus kamen. Von feuchten Kellern erzählten sie mir und von undichten Fenstern.  Ich solle doch mal „Deutsche Wohnen AG“ googeln. Und die Presseberichte zeigten mir, dass diese Aktiengesellschaft die gierigste Heuschrecke war, die je über Berlin hergefallen ist. Ich versuchte natürlich trotzdem, die Wohnung noch zu kriegen. Aber einen Tag später war das Angebot aus dem Netz genommen.

Was das Gute daran ist? Dass ich natürlich trotzdem eine Traumwohnung gekriegt habe. Eine Woche später, bei mir um die Ecke, hell, mit großem Garten nach hinten raus- viel zu teuer natürlich, aber tip top in Schuß.

Nächste Woche ist Schlüsselübergabe.  Ich werde pünktlich da sein.

 

 

 

Sack Reis

Acht Grad Plus und Wolken können mir die Laune ja nicht verderben. Sitze vor meinem selbstverwalteten Bio-Laden mit einem Kaffee, der hier ausdrücklich Espresso mit Milch heißt und nicht Latte Macchiato, weil man ja der Gentrifizierung keinen Vorschub leisten will, lese die  taz und versinke in Nostalgie: 30 Jahre Mai-Krawalle in Kreuzberg. Schaue mir träge die Demo-Routen fürs Wochenende an und entscheide mich für die Fahrrad-Demo des DGB, weil ich da mit meinem Liegerad wieder viele freundliche Blicke ernten werde. Und wenn ich will, kann ich auch noch  am Samstag zu „Organize- Selbstorganisiert gegen Rassismus und Ausbeutung“ im Wedding gehen. Wie schön, wenn sich der Kampf gegen die Langeweile und der Kampf für das Gute in der Welt so wunderbar verbinden lassen. Meine Fahrradtasche ist vollgestopft mit besten Bio-Sachen. Weiter zu Türken-Markt schaffe ich es heute nicht mehr. Genug Frischluft, zurück nach Hause. In routinierter Virtuosität balanciere ich mein Fahrrad mit der seitenlastigen Tasche durch die schwere Gründerzeit-Holztür und bleibe stehn: Quer vor mir steht ein leerer Supermarkt- Einkaufswagen von EDEKA Fromm. Normalerweise stehen die immer draußen auf dem Gehweg, gefüllt mit irgenwelchem Unsäglichen gammeln sie dann ein paar Wochen vor sich hin, bevor sie dann so plötzlich verschwinden wie sie aufgetaucht sind. Ich weiß nicht wer sie herschiebt, ich weiß nicht wer sie abholt. Ich hab wechselweise die Alkis von der Trinker-Bude, die Türken-Kids aus der Schischa-Bar oder die Kiffer vom Kinderspielplatz im Verdacht -ist mir aber eigentlich auch immer egal gewesen. Aber jetzt fühle ich, dass es Zeit ist, die Sache in die Hand zu nehmen. Bürgersinn regt sich in mir. Das Ding muss raus, bevor die halbe Hausgemeinschaft ihren Sperrmüll da rein wirft. Draußen auf der Straße ist das mit dem Müll  ja ok, das schreckt die Schnösel ab, die die Mieten hier hochtreiben wollen. Aber hier, in meinem Hausflur – da ist die Grenze klar überschritten.

Ich wuchte mein Rad auf den wackligen Ständer, schnappe mir das Elendsgestell, und stehe schon halb damit in der Tür, als zwei erschreckte junge Frauen, na eher noch Mädchen, die Treppe runter kommen. Entschuldigung, Entschuldigung, wir hatten den Wagen nur mitgenommen, weil es uns zu schwer war, die Sachen vom Supermarkt heim zu tragen, jammern sie. Und ich weiß nicht, was mich mehr ärgert: Dass ich jetzt als Blockwart die Erstsemester-Mädchen zurecht weise, die, gerade dem behüteten Elternhaus entflohen, gleich beim ersten Mal erwischt werden, an dem sie versuchten ein bischen den Berliner Lebensstil anzunehmen. Oder ärgere ich mich , dass meine Feindbilder durcheinander geraten. Bevor ich mir klar werden kann, gibt’s ein dumpfes, klirrendes Geräusch und mein Fahrrad liegt auf der Seite wie ein sterbendes Pferd. Der Apfelsaft, denke ich, der ökologisch korrekt in einer Pfandflasche gekaufte Apfelsaft – und vielleicht auch noch die Eier. An die Tomaten will ich gar nicht erst denken. Ich stelle mir die Matsche vor, die sich jetzt in meiner Tasche breit macht. „Große Leiden machen alle kleineren gänzlich unfühlbar… und umgekehrt, bei Abwesenheit großer Leiden verstimmen uns selbst die kleinsten Unannehmlichkeiten.“ Das ist aus dem Buch „Die Schopenhauer-Kur“ von Irvin Yalom, das ich gerade lese. Ein Trost in allen Lebenslagen.

Oben angekommen schütte ich meine Einkäufe in die Dusche, rette was zu retten ist und ändere meine Pläne für’s Abendessen: Es gibt Rührei.