K-Pop

„Ich hab Rückenschmerzen!“ klagt meine Tochter und massiert an ihren Schultern herum.

„Rückenschmerzen mit 23, ist ein bisschen früh,“ mahne ich. „Hör auf mit den hochhackigen Schuhen.“

„Papa!“

„Hast du wenigstens Einlagen drin?“

„Hast du mich schon zehn Mal gefragt.“

„Und? Hast du?“

„Du kannst dir nie was merken. Das mit dem K-Pop hast du mich auch schon zehn Mal gefragt. Das spricht man Kaj-Pop, Korean Pop – nicht Kie-Pop.“

„Ich hab halt nicht auf Englisch studiert. Als ich in der Hauptschule angefangen habe, gabs das noch nicht.  Kein Englisch und kein K-Pop.“

Küchentischgespräche. Meine Tochter hat gekocht. Eingekauft und lecker gekocht. Das gab’s selten in den vier Monaten, die sie jetzt bei mir wohnt. Meist bin ich hier für die Versorgung zuständig. Einkaufen, putzen, dreckiges Geschirr aus ihrem Zimmer räumen und lange Haare aus dem Waschbecken holen. Diskussionen kann ich dagegen jeden Abend haben. Heute hatten wir es schon über Satire und Sarkasmus und den Unterschied dazwischen, den erweiterten Berliner Infinitiv (ich hab da was zu stehen) und Feminismus,  die Krankheiten ihrer Freundinnen und dass frau gegen Migräne nix machen kann. Mit meinem über Jahrzehnte angesammelten Halbwissen habe ich keine Chance gegen ihr iPhone, das ihr der Papa zum Studienabschluss geschenkt hat und das sie jedes Mal zückt, wenn sie mir nicht glaubt oder wenn meine Antworten zu seicht sind. Immerhin ist sie fair und hebt anerkennend die Augebraue, wenn der kleine Wunderkasten mir mal Recht gibt.

Ich weiß jetzt, dass ich nicht nur schwerhörig sondern auch gnadenlos vergesslich und begriffsstuzig bin. Und von modernem Feminismus habe ich eh keine Ahnung.  Aber sie hat mich heute bekocht. Und deswegen konter ich heute nicht mit ihrer jugendlichen Wahrnehmungsstörung, die normalerweise volle Mülleimer ebenso übersieht wie die überquellende Leergutkiste und den leeren Kühlschrank.

„Hast gut gekocht,“ lobe ich, „ist sehr lecker.“

„Na ja“, sagt sie verlegen, „ich hätte das Rezept besser mal vorher gelesen. Die Zwiebeln gehören nämlich nicht in das Curry, sondern obendrauf.

„Nein, nein, ist sehr gut, schmeckt besser als beim Inder.“

Ein kurzer Moment des Schweigens, dann steht sie auf, holt tief Luft und sagt: „Also ich hab jetzt eingekauft und gekocht und …. “

„Ich weiß, was jetzt kommt, grinse ich. „Ich bin jetzt dran mit Abwasch.“

Wortlos dreht sie sich um und verschwindet in ihrem Zimmer unter ihrem Kopfhörer.

Nur noch zwei Monate, denke ich traurig, als ich die Töpfe einweiche, dann ist sie weg.

 

 

 

 

Achterbahn

Wieder eine Woche hinter mir. Und die nächste vorm Bug. Alles neu, alles schon mal gesehen. Auf hundert Hochzeiten getanzt, nur nicht auf der eigenen. Alles verkrampft sich und löst sich wieder. Alles geht weiter, nur ich bleib stehen. Nein, ich ringe nicht nach Luft, ich ringe mit der Zeit. Ich wollte mir welche kaufen, aber ich hab nicht genug Geld. Ich bin nicht arm, aber reich an Nachwuchs. Na klar, Liebe gibts auch. Alte Freunde, neue Freunde, kleine Kinder große Kinder. Aber die Welt wird eng, wenn der Himmel grau ist und die Tage kurz, wenn das Fahrrad geklaut ist und das Elend in der U-Bahn groß. Ich will’s nicht sehn. Ich schwebe durch die Stadt auf einem Mantel aus Gleichgültigkeit. Wenigstens die Heizung ist repariert. Halleluja!  Und danke für das russische Gas. Möge es ewig fließen. Die Wiese hinter dem Haus hat schwarze Flecken. Was im Sommer verbrannt ist, ist nicht mehr nachgewachsen. Mars bringt verbrauchte Energie sofort zurück.

„Beginne mit einer Explosion…“

„…und steigere dich dann langsam.“ Das ist angeblich das Rezept, nach dem Hollywood- Blockbuster gedreht werden. Filme, die sich die Menschen anschauen, um ihr wirkliches Leben für eine Weile zu vergessen.

Das wirkliche Leben beginnt nämlich langsam, morgens um drei, wenn mein Jüngster mit kalten Füßen in mein Bett krabbelt und ich schweigend, aber beharrlich beginne,  um meinen Teil der Bettdecke zu kämpfen. Einer der vielen vergeblichen Kämpfe von denen der kommende Tag voll sein wird. Das wird spätestens um sechs klar, wenn die ein Meter breite Matratze dann für vier Kerle reichen muss, von denen einer angeblich der Erziehungsberechtigte ist. Einer gegen Drei, das ist nicht fair. Aber so ist das Leben, das wirkliche. Es klappt einigermaßen, wenn die Burschen gut gelaunt sind. Aber wenn schon beim Frühstück der Übermut so groß ist, dass die startenden Düsenflieger über unserem Haus übertönt werden, dann heißt das nichts Gutes.

Und doch ist es uns am Abend wieder gelungen, den Tag mit seiner Serie von Dreikämpfen (Frühstück-Zähneputzen-Anziehen; Spielplatz-Kinderbauernhof-Bioladen; Schuhe aus- Hände waschen – Abendessen) so weit durchzustehen, dass ich zumindest nicht durch technisches Ko ausgeschieden bin. Die gegnerische Mannschaft hat zumindest so viel Kraft verschwendet, dass die Bratkartoffeln mit Begeisterung begrüßt werden und alle tatsächlich mit den Würstchen warten, bis der Vater den Ketchup aus dem Kühlschrank geholt hat.

Es ist ein Augenblick höchster Konzentration. Vor zwei Wochen hatten die unbedachten Kinderhändchen den Verschluss der Ketchupflasche gelöst, bevor der Vater mit kräftiger Hand mit dem Schütteln des zähen Safts begann. Eine halbe Flasche rote Tunke auf dem Fußboden und ein johlendes, minderjähriges Publikum hatten dem Abend eine unangenehme Wendung gegeben. Die mulitmedial gebildete Jugend hatte augenblicklich alle schadenfrohen Zitate aus „Meister Eder und sein Pumuckl“ parat, die um listig aufgedrehte Wasserhähne, ausgeschüttete Leimtöpfe oder ähnliches kursierten. Der Abend wurde lang.  Und für einen solchen langen Abend wird meine Kraft heute nicht mehr reichen. Immerhin erlebe ich diese Abenteuer in einem Alter, in dem mein Vater die Tage zu seinem Vorruhestand zählte.

Mit sicherer Geste prüfe ich den Verschluss, ziehe ihn noch mal extra fest und schüttele… Alles gut.  Zumindest dieser Abend würde auf dem gewünschten Gleis Richtung Zähneputzen-Sandmännchen-Gute Nacht Geschichte laufen. Aber die Filme aus Hollywood sind doch nicht so weit weg vom Leben, wie ich gedacht hatte. Niemand hatte schließlich gesagt, dass die Explosion am Anfang des Tages passieren muss. Der Film beginnt einfach in dem Moment, an dem irgendetwas in die Luft fliegt.
Und der Moment ist jetzt!
Als ich die Ketchupflasche aufschraube knallt der Verschluss wie ein Champagnerkorken in Richtung Decke. Und hinterdrein, gut aufgeschäumt, eine halbe Flasche fein vergorener Tomatensaft. Augenblicklich weiß ich, welcher Film hier läuft. Es ist ein Splatter-Movie.
Die Küche hat sich in ein Schlachthaus verwandelt, ich mich in einen Zombie und die Kinder sehen schrecklicher aus als vorgestern in ihren Halloween-Kostümen. Immerhin: Niemand ist wirklich verletzt, die Flasche war heil geblieben. Aber für einen optischen Schock hat es gereicht.
Was mich aber am meisten überrascht, ist die Ruhe. Nicht, dass tatsächlich Stille eingekehrt wäre an unserem Küchentisch, im Gegenteil. Es war als hätte ich an einem Kindergeburtstag ein Tischfeuerwerk gezündet. Die mit roten Flecken überzogenen Kinder rezitierten mit sich überschlagenden Stimmen wieder und wieder den Satz schieren Erstaunens, der mir eine Sekunde nach dem Knall entfahren sein muss und den ich hier aus Gründen der Selbstachtung nicht wiedergebe.
Es war die Ruhe in mir, die mich erstaunte. Es war mir völlig klar, dass ich in den nächsten zwei Stunden die kreischende Bande waschen, umziehen und  ins Bett bringen und gleichzeitig die gesamte Küche und alles, was sich darin befand einmal abwaschen musste, wenn ich nicht die nächsten Wochen mit Renovierungsarbeiten oder die Nacht mit immer lauter werdenden Ordnungsrufen im Kinderzimmer verbringen wollte – und es war mir klar, dass ich das tatsächlich schaffen würde.

Es ist jetzt kurz vor zehn, in der  Waschmaschine läuft eine Trommel Kinderkleider mit dem Programm „Intensiv“, die Jungs haben brav ihre Würstchen aufgegessen, das Geschirr abgewaschen und schlafen seit einer Stunde. Ich weiß  jetzt ungefähr, wie sich die Trümmerfrauen gefühlt haben müssen aber weiß noch nicht, ob ich heute Nacht ein Auge zubekommen werde. Doch das ist alles egal:
Ich wollte immer ein Leben leben wie im Film.

 

 

 

Keine Ruhe in Berlin

BND

Nur raus hier! Raus aus dem Gedrängel zwischen Paketauto und Bierkutscher, zwischen den PS-protzenden Jungtürken und den orientierungslosen Touristenkisten aus NRW. Runter von der lauten und engen Chausseestraße. Zehn Radfahrer hat es dieses Jahr in Berlin schon erwischt. Ich will nicht der nächste sein. Rein in eine ruhige Seitenstraße. Und am besten erst einmal eine Pause und einen Kaffee. Das Café „Du und Ich“ ist zwar nur halb so hip wie die mit den englischen Namen auf der Touristenmeile, aber hier ist Ruhe. Und das brauche ich jetzt.

Es dauert eine Weile, bis die aufgepeitschten Nerven in der Lage sind das Umfeld wahrzunehmen. Und mein Kaffee ist schon fast alle, als ich das Auto sehe. Ein völlig ausgebranntes Auto in einer Parkbucht auf der anderen Straßenseite. Ey, denk ich, Autos abfackeln ist doch schon seit fünf Jahren out. Oder ist das jetzt schon wieder in und ich hab was verpasst? In Berlin wechseln ja die Moden ständig. Und als ich so schaue, merke ich, vor welchem Haus das Wrack steht. Vor der neuen Zentrale des Bösen, dem Bayern-Import aus Pullach: der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes. „Zentrum für nachrichtendienstliche Aus- und Fortbildung“ steht mit eisernen Lettern an der Tür. Ach, denke ich mir , so was lernt man jetzt also als Azubi beim BND. Andere feilen im ersten Lehrjahr ein Eisenstück bis es passt und gehen Bier holen. Und die BND-Stifte hier müssen lernen, wie man mal schnell ein Auto abfackelt, ohne sich dabei erwischen zu lassen. Welcher radikalen Gruppe man das später in die Schuhe schiebt, das kommt dann erst im dritten Lehrjahr. So wie das „Celler Loch“, das die Kollegen vom Verfassungsschutz in den Achzigern in eine Gefängnismauer sprengten. Aber das war wohl schon ein richtiges Gesellenstück.

Aber nein, es ist viel schlimmer als ich es mir mit meinen altbackenen Verschwörungstheorien zurecht lege. Denn im Kofferraum des Wracks liegen Flugblätter.

flugis

„Wir bleiben wohnen“ steht da drauf.  Ich sprinte nach Hause, um meine Kamera zu holen und schaue schnell bei Google nach, was es mit dem Brand auf sich hat.

Die Berliner Woche, ein kostenloses Anzeigenblättchen, hat als einzige Zeitung recherchiert und der Angstspeicher in meinem Hirn bekommt ein Update. Wenn ich mich bisher vom allmächtigen Staat bedroht fühlte, weiß ich jetzt, dass heute andere Gruppen die Einschüchterung von wehrhaften Bürgern übernehmen. Das Auto gehörte dem Vorsitzenden einer Mieterinitiative. Die Mieter des schmucklosen Plattenbaus gegenüber dem BND wehren sich seit langem gegen Mieterhöhungen und seit einigen Monaten gegen den Abriss ihres Hauses. Die Hauseigentümer sind Brüder aus einer libanesischen Großfamilie. Diese Familien waren zuletzt in den Schlagzeilen, weil sie sich auf offener Straße bekriegen und erschießen. Und was tut der Senat? Er erteilt den Brüdern, laut Zeitungsbericht, sogar die Abrissgenehmigung für das Haus mit den mutigen Mietern.

Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass ich älter werde. Ich habe nichts mehr gegen einen starken Staat. Aber könnte man nicht die 8000 Mitarbeiter des BND umschulen in Mitarbeiter für Mieterschutz? Ein Weiterbildungszentrum wäre ja schon da.

Zusammenrücken

DSCF1581

Wenige Tage nachdem ich in meine neue Wohnung eingezogen war, hatte ich einen seltsamen Traum. Zwei dunkle Wesen standen pötzlich in meinem Schlafzimmer und betrachteten mich. Sie waren nicht zufrieden mit mir, das spürte ich deutlich. Die Präsenz war so real, dass ich fühlte, wie sie mich anfassten… in Panik wachte ich auf. Ich brauchte eine Weile, bis ich merkte, dass da niemand war, packte meine Sachen und schlief im Wohnzimmer. Vorsichtshalber ließ ich das Licht an. In der nächsten Nacht der gleiche Traum, diesmal mit nur einem Besucher. Danach war ich bereit auszuziehen.

Irgendetwas stimmte nicht mit dieser Wohnung.  Hatte nicht die Nachbarin erzählt, dass die Wohnung , obwohl frisch renoviert, unverständlicher Weise viele Jahre leer gestanden hatte? War es nicht sowieso seltsam, dass es keinen anderen Bewerber auf dieses Schmuckstück gegeben hatte und die Vermieterin sofort bereit war, mir einen weiteren Besichtigungstermin zu geben, nachdem ich den ersten verpasst hatte? Und das in Berlin, wo sich auf jede Wohnung hunderte bewerben? Ging es hier mit rechten Dingen zu? Hatte nicht die Frau unter mir, die schon seit vielen Jahren hier lebt und  neun Katzen hat, neulich  so verräterisch freundlich gelächelt, als sie mich sah? Das konnte alles kein Zufall sein. Es hätte mich nicht gewundert, wenn an den frisch geweißelten Wänden plötzlich ein Blutfleck aufgeschienen wäre oder ich die Stimme eines Geistes gehört hätte, der mir davon berichtete, wie er hier qualvoll zu Tode gekommen war; ein ungesühntes Verbrechen, das alle Bewohner dieser Wohnung dazu verdammte, hier ihr Unglück zu finden. Dabei habe ich noch nie ein Buch von Steven King gelesen und über das Gespenst von Canterville herzlich gelacht.
Eine Freundin, die ich dazu ins Vertrauen zog, riet mir einen Schamanen zu holen. Sie sei in eine Wohnung gezogen, in der sie nicht habe schlafen können. Der Schamane habe herausgefunden, dass zuvor ein Paar mit einer schlechten, verlogenen Beziehung in den Räumen gewohnt hätte. Der kundige Mann habe seine Rituale vollzogen und seitdem schlafe sie wieder gut. Sie gab mir seine Adresse.

Nun leben wir im 21. Jahrhundert, und wiewohl ich den Schamanismus für eine wirkmächtige Tradition halte, die tiefe Schichten der Seele zu erreichen vermag, suchte ich doch lieber nach einer Erklärung, die ich mit dem Verstand einigermaßen nachvollziehen konnte. Dabei kam mir eines Tages das Wort „Wohnraumbewirtschaftungsgesetz“ in den Kopf. Das mag nun einigen Menschen seltsamer vorkommen als ein Traum von verdammten Seelen und ungesühnten Verbrechen. Aber ich hab nun mal sieben Jahre meines Lebens den Rechtswissenschaften geopfert, und Juristen denken manchmal solche Worte. Ich schaute nach, und dieses Gesetz gab es wirklich. Es wurde 1953 erlassen, und erlaubte es den Behörden bei Wohnungsnot, Menschen in Wohnungen einzuweisen, in denen schon andere Menschen leben. Gleich kamen mir die Erzählungen meines Vaters in Erinnerung, der als schlesischer Flüchtling bei einer ostfrisischen Bauernfamilie eingewiesen worden war, die ihm das Leben schwer machte. Oder die Szene aus „Schindlers Liste“ als die vertriebene Familie im Warschauer Ghetto in eine kleine Wohnung eingewiesen wird, in der dann plötzlich noch eine vielköpfige Familie galizischer Juden in der Tür steht. So langsam kam ich meinem Unterbewußtsein auf die Schliche: Ich wurde nicht von bösen Geistern heimgesucht, ich hatte ein schlechtes Gewissen. Drei Jahre war ich in einer kleinen 1-Zimmer Wohnung prima klar gekomen. Nur wenn meine Jungs kamen, wurde es etwas eng. Und jetzt gönnte ich mir den Luxus von viel Platz in hellen Räumen, einem eigenen Zimmer für die Kinder, die nur wenige Tage im Monat da sind. Ist das nicht ein bisschen feist, in Zeiten in denen so viele eine Wohnung suchen? Sollten wir nicht alle ein wenig zusammenrücken?

Ja, sollten wir. Heute parkte ein bis unters Dach vollgestopfter Citroen Berlingo vor meiner Tür ein. Die Fahrerin brauchte drei Anläufe, aber dann stieg sie stolz mit roten Backen aus und umarmte mich. Meine große Tochter ist mit dem Bachelor fertig. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat sie im März ein Praktikum und bis dahin weiß sie nicht so recht was machen und wohin.  Und was macht man als guter Vater? Man trägt die Kartons, in denen sich vor allem ungezählte Paar Schuhe in unterschiedlichen Phasen des Zerfalls befinden, brav nach oben in mein größtes Zimmer, den schweren Futon hinterher und die roten Ölfässser, die der Vater in seinen wilden Zeiten zu einem Schreibtisch zersägt hatte und die von der Tochter in Ehren gehalten werden.  Ich hoffe, dass mich die mißgünstigen bösen Geister jetzt in Frieden lassen. Ruhiger wird es wohl trotzdem nicht werden, in meinem Zuhause .

 

Heulen

Er sagte erst mal nix. Saß in seinem blauen Transporter und trat ein paar Mal aufs Gaspedal, bis der lockere Keilriemen aufhörte zu jaulen, das ausdruckslose Gesicht  in Richtung Windschutzscheibe. „Is Motor, alt“, sagte er dann, ohne mich anzuschauen. Deutsch war nicht so seine Stärke. Und auch in dem kleinen, knochigen Körper hätte ich nicht viel Kraft vermutet. Aber mit Vermutungen liege ich oft daneben. Hätte ich ihn ohne seinen Wagen gesehen, hätte ich ihn für einen der Bulgaren (oder Rumänen?) gehalten, die an der Ecke ihre Abende breitbeinig schwatzend und rauchend auf der Straßenbank verbringen. Drumherum zahnlose, rauchende Weiblein und Kinder. Leben sie in der Eckwohnung für die illegalen Bauarbeiter mit den ewig heruntergelassenen Rollos, oder gehören ihnen die dicken Autos mit bulgarischen Kennzeichen? Ich weiß es nicht. Man sieht sich, man geht sich aus dem Weg, man denkt sich seinen Teil. Wahrscheinlich gehörte er dazu, wer weiß?
Er und ich hätten auf jeden Fall nie ein Wort gewechselt, hätte er nicht genau an diesem Samstagmorgen auf der anderen Straßenseite seinen Transporter repariert, als ich glücklos von der Autovermietung kam, deren stark schwitzende Thresenfrau beschied, dass es in ganz Berlin keine „Robbe“ mehr für mich gebe, wie die verbeulten weiß-blauen Autos für die Studentenumzüge hier schnoddrig heißen. Die Abweisung  machte mich trotzig und mutig.
„Wir brauchen nicht viel zu tragen“, warb ich ihn. „Wir haben einen Aufzug und ein Freund hilft.“ Er verzog keine Mine, fragte nur „Wann?“ Und als ich sagte „jetzt“ hielt er mir seinen sehnigen braunen Unterarm so hin, dass einschlagen konnte, ohne an den Arbeitshandschuh mit der Farbe zu kommen. Wir einigten uns auf 30 Euro und fuhren los.
Eine Stunde später saßen wir wieder im Wagen. Der Freund war nicht gekommen und der Aufzug war zu klein für das rote Sofa und das Bücherregal. Wir hatten meine letzten Habseligkeiten aus der Wohnung, die mal strahlend leer und zukunftsschwanger vor mir lag, als ich sie vor acht Jahren zum ersten Mal besichtigte, die Treppe herunterwuchten müssen. Die Frau, mit der ich diese Träume einst zu teilen glaubte, machte die Tür hinter uns zu.
Als der Motor sich wieder beruhigt hatte, fuhren wir einen Moment schweigend nebeneinander, mein Freund in der Not und ich. Dann fragte er „War Tochter oder Frau?“ „Frau,“ antwortete ich einsilbig. „Kinder?“ „Drei“
„Schade“, sagte er und schaute weiter geradeaus.

Der Wedding wird gelb

 

 

Die Baugerüste fallen. Und wie frisch aus dem Ei gepellt leuchten die schicken 50er-Jahre-Häuser in neuem Glanz. Die ersten kräftigen Sonnenstrahlen lassen das satte Gelb strahlen wie einen freundlichen Frühlingsgruß aus der bisher sehr vernachlässigten Kongostraße. Noch vor einem halben Jahr war die Häuserzeile ein deprimierender Anblick. Grauer Dreck auf der ausgewaschenen grauen Fassade. Ein Wohnungsbrand vor zwei Jahren hatte schwarze Schlieren in den oberen Geschossen hinterlassen – zum davon laufen. Und jetzt? Neue Fenster, lustige Tiere auf den Wänden – eine freundliche Anspielung auf das Afrikanische Viertel, in dem die neuen Schmuckstücke stehen – und eine neue Kita im Erdgeschoss des Giraffenhauses. Erhebend und erfreulich. So muss es sich angefühlt haben, als die Häuser vor 60 Jahren auf dem Gelände, auf dem vorher die Buden von Schrott- und Kohlehändlern standen, hochgezogen wurden. Neue, helle Wohnungen für Familien, die bisher in Trümmern hausten. Ein Sportplatz gleich daneben, für die gebeutelte Nachkriegs-Jugend, auf dass sie eine bessere Zukunft habe. Auch jetzt wieder versprechen die Häuser Aufbruch. Da hat einer mal was getan für die Bewohner aus aller Herren Länder, die hier aus und einziehen. Auf dass sie sich wohl fühlen bei uns. Und auf dem Sportplatz nebenann finden jetzt Multi-Kulti Fußballturniere statt.

Wenn da nicht der Aushang im Treppenhaus wäre. Er stammt vom Hausbesitzer Vonovia. Vonovia? War da nicht mal was? Wikipedia sagt’s mir: Hieß mal Deutsche Annington und war eine der gierigsten Heuschrecken, die über den deutschen Wohnungsmarkt hergefallen ist. Börsennotiertes DAX-Unternehmen. Größter Anteilseigner: Blackrock… „Es zählt zu den Konzepten von Vonovia, Mietern oder anderen Interessenten den Erwerb von Wohnungseigentum anzubieten.“, sagt mir Wikipeda.  Na wunderbar, die jetzigen Bewohner werden sich die Wohnungen bestimmt nicht leisten können, zumal nicht nach der Renovierung. Nix mit Aufbruch. Im Gegenteil: Schluss mit Multi-Kulti. Und für die Bewohner: Perspektive Stadtrand.

Ich werde wohl bald neue Nachbarn bekommen.