Hitze

Samstagnachmittag in der Müllerstraße. Nur wenige Menschen sind auf der Sonnenseite unterwegs. Das Weltmeisterschaftsfahnenmeer vor dem Müller-Shop weht matt in einem heißen Wind, der keine Abkühlung bringt. Jeder BVG-Bus, der vorbeikommt, wirft einen neuen Schwall von Dieselabgasen und heißer Abwärme auf die Passanten.

Die Bauarbeiter an der Dauerbaustelle neben der Schiller-Bibliothek haben sich auf dem seit Jahren abgesperrten Trottoir eine private Plansche gebaut, in der kalkiges Wasser dümpelt.

Die richtige Plansche für die Kinder im Schillerpark ist kaputt. Reparatur kann dauern, sagt das Bezirksamt. Aber die Kinder wissen sich zu helfen. Vor dem Bolu-Supermarkt sprüht der alte, wettergegerbte Verkäufer mit einem Gartenschlauch den Gehweg ein, um sein Gemüse abzukühlen. Unentschlossen stehen ein Junge und ein Mädchen vor dem schnurrbärtigen Mann. Dann trauen sie sich, in den gesprühten Nebel hinein zu springen. Sie lachen, hüpfen hin und her, aus dem Wasser raus und wieder rein. Der Verkäufer macht das Spiel mit, bis die Kinder von ihren Eltern weiter gezogen werden.

Als Nächster kommt schon der Verkäufer-Kollege in der blauen Schürze und hält dem Alten das Gesicht hin. Vorsichtig streicht er von Weitem mit seinem Wasserstrahl über Gesicht und Arme des Mannes. Ein kleines Mädchen mit Sommerkleid und hellem Strohhut steht mit seiner Mutter schüchtern daneben. „Willst du auch mal?“ fragt der Verkäufer. Das Kind nickt. Aber da kommen nur noch ein paar Tropfen aus dem Schlauch und laufen über seine blassen Beine. Enttäuschte Kinderaugen sehen den Verkäufer stumm an. Der lacht und drückt auf den Vernebler und das Kind steht in einem kühlen Tropfenvorhang und dreht sich.

Habemus cinemam


Wir haben ein neues Kino in unserem Kiez. Es ist gleich bei mir um die Ecke, in der Plantagenstraße. Wenn sie nach Berlin kommen, schauen sie mal vorbei. Denn es ist schön geworden, das neue Kino Arsenal in der renovierten Westhalle des ehemaligen Krematoriums (das jetzt zum „Silent Green“-Kulturquartier geworden ist). Geradezu umwerfend schön. Ein echtes Juwel in Berlin. Da will ich mal nicht meckern. Noch vor einem Jahr war die Halle eine Baustelle, der man die ursprüngliche Nutzung als Aufbahrungshalle für Verstorbene noch anmerkte. Jetzt ist hier ein Kinosaal entstanden, der in Berlin seinesgleichen sucht.

Foto: Vali Djordjević

Spektakulär ist auf den ersten Blick die Akustikverkleidung unter der spitz zulaufenden Decke. Es ist als hätte man eine Kulisse aus einem expressionistischen Stummfilm mit einem  Raumschiff gekreuzt. Dr. Caligari meets Raumpatroullie, um es mal für Filmfreunde zu beschreiben.

Die stramm gepolsterten Sitzreihen mit viel Beinfreiheit sollen „Zurücklehnen und aktive Teilnahme ermöglichen“, wie die künstlerische Leiterin des Arsenal Filminstituts, Stefanie Schulte Strathaus es bei der Test-Vorstellung verkündete. Also kritische Filmkunst – kein Popcorn-Kino. Deshalb ist viel schwarz-weiß auf der Leinwand zu sehen. Den Anfang machte ein iranischer Film über einen Postboten aus den 50ern. Eine Woyzeck- Adaption in der der traurige Held ständig Hanfsamen essen muss. Ich mag solche Filme. Und mit mir vielleicht hundert andere Leute, die dafür aus ganz Berlin gekommen sind. Bevor das Arsenal-Kino aufmachte war ich im Centre Français (auch bei mir um die Ecke, mit einem Kinosaal aus den 1960ern) zwei Mal in der schwarz-weißen Neuverfilmung von „Der Fremde“ und natürlich auch in „Nouvelle Vague“. Auch in schwarz-weiß. Und inzwischen auch schon wieder in „Das Mädchen mit dem Koffer“, mit Claudia Cardinale, aus den 1960ern im Arsenal. Und das geht jetzt immer so weiter. Ich hätte ständig einen Grund, mir einen schönen Abend zu machen.
Auch vor dem Kino gibt es genug Raum für schöne Abende. Durch eine Tür im Foyer kann man auf das Gelände des Silent Green und des Restaurants MARS gelangen. Eine milde Frühsommernacht empfängt mich. Und wenn man vergisst, dass man zwischen einem Krematorium und einem verlassenen Urnenfriedhof sitzt, kann man hier wunderbar unter Lampions mit Freunden den letzten Film durchquatschen.

.

Ermöglicht wurde das Bauvorhaben durch die großzügige Unterstützung des Beauftragten für Kultur und Medien (BKM), Wolfgang Weimer. Der BKM hat sich in Berlin unbeliebt gemacht, denn er hat etwas gegen Buchläden, die er politisch für zu links hält. Aber er (oder vielleicht eher seine Vorgängerin Claudia Roth) scheint ein großes Herz für den Wedding zu haben. Unterstützung gibt es nicht nur für das neue Arsenal-Kino. Nachrichten melden auch eine Beteiligung des BKM bei dem geplanten Umbau des ehemaligen französischen Soldatenkinos L’Aiglon am Kurt-Schumacher-Damm in ein Berliner „House of Jazz“. Mir soll’s recht sein. Dann muss ich auch meinem Kiez gar nicht mehr raus. Berlin kann so schön sein. Kommse doch mal rüber, kieken.

Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.

Appetithäppchen

Abends um elf, im Dönerladen „Rehberge Bistro“. Ich komme aus dem Kino. Habe mir „Silent Friend“ angeschaut. Im Herzen ist mir warm, aber für den Bauch brauche ich noch was Warmes. Das Bistro ist direkt neben dem U-Bahnausgang. Die Hühnersuppe ist hier besonders gut und wird mit einer reichen Beilage aus frischem Gemüse und Pepperonis von der Dame des Hauses selbst an den Tisch gebracht. Neben mir sitzt ein drahtiger, nicht mehr ganz junger Mann mit etwas wie einer weißen Taucherbrille im Gesicht. Ganz verschwommen sieht man durch das Glas seine Augen. Er blickt auf die leere Wand neben mir, nuckelt an einer Cola und spielt auf seinem Handy. Neben so einem Alien schmeckt mir mein Essen nicht. „Was sehen sie denn da?“, frage ich, um in Kontakt zu kommen. „Die Bilanzzahlen von Apple. 40 Milliarden Dollar Gewinn“, haucht er ins Nirgendwo. Anscheinend ist er auch an einem Gespräch interessiert, denn nach zwei drei weiteren Fragen zieht er die Brille aus. 

Er sieht auf meine Hühnersuppe. „Also das würd‘ ich nicht essen. Wissen Sie, was da drin ist? Das ist doch alles voller künstlicher Hormone.“ „Ja“, sage ich, „aber es macht warm und es gibt frisches Gemüse dazu.“ Es stellt sich heraus, dass er bis vor Kurzem im Nachbarladen gearbeitet hat, der Vegane Bowls verkauft. Jetzt ist er auf Bürgergeld, aber der missionarische Eifer bleibt. „Ich ess ja auch mal einen Döner, aber bei so einer Bowl, da weißt du, was drin ist. Und alles regional.“ Er redet weiter, über Aktienkurse (er hat keine Apple-Aktien), wann man sich was anschaffen kann (wenn man das Geld hat), und wie lange er auf die VR-Brille gespart hat. Als meine Suppe alle wird, sind wir schon bei seiner On-Off-Beziehung. Ich zahle und schaue noch mal zurück: Er hat die Brille noch nicht wieder aufgesetzt.

Tags drauf,  bei Kaufland an der Kasse. Ich lege vier große Tafeln Schokolade auf das Fließband. Die Kassiererin ist eine kleine Frau, nicht mehr jung und vom Leben hart gezeichnet. Mit Leib und Seele ist sie bei ihrem Job. Eben noch hat sie ich vor mir länger kichernd mit einem bärtigen Mann unterhalten, den sie wohl kannte und hat ihm gute Tipps zu den fünf kleinen Kartons mit Damenbinden gegeben, die er aufs Band gelegt hatte. Jetzt bin ich an der Reihe. „Dit sind aber nicht die aus dem Sonderangebot.“, warnt sie mich, als sie die Schokolade in die Hand nimmt . „Nur die Kleenen gibts für 1 Euro, die hier kosten 4,99.“ „Ich weiß“, sag ich, „Aber heute gibt`s Zeugnisse und da kriegt jedes von meinen Kindern eine große Tafel.“ „Also ick würde ja meinen Kindern nich so wat jehm.“, werde ich belehrt. „Wissense wat da drinne ist? Lesense ma Stiftung Warentest. Da wird ihnen übel. Da is Zuckerwatte noch gesund dagegen.“ „Ja“ sag ich, „haben sie Recht, aber heute ist eine Ausnahme.“ „Also ick muss den Mist ja hier vakoofen, aber selber rühr ich den Kram nich an.“ „Und welche Schokolade essen sie?“, frag ich genervt. Sie winkt mich übers Band und ich beuge mich zu ihr runter: „Nehmse einfach Kakao, in den Topf, bisschen Mehl dazu und ein ganz bisschen Zucker, rühren, fertig. Ist lecker, sag ich ihnen.“

Bilder einer Ausstellung

Müllerstraße, stadtauswärts, hinter dem U-Bahnhof. Seit Jahren gibt es hier einen Laden für Party-Artikel und Kostüme. Aber die Auslage ist verstaubt, die Farben verblasst, die Plakate blaustichig. Ein trauriger Anblick für einen Laden, der Freude verkaufen will. Ist der Laden zu, oder passiert hier noch was?  Da geht die Tür auf. Heraus kommt ein Mann mit einer fröhlichen grauen Lockenpracht. „Hallo!“, sag ich, „Ist ihr Geschäft noch offen?“ „Natürlich“, raunzt er zurück, „Wonach sieht’s denn aus?“ „Na ja, die Auslage hat sich seit ein paar Jahren nicht verändert.“ „Und sie fragen sich jetzt, ob dit een Laden is oder n’e Ausstellung?“. „Bald ist Karneval, da könnt man ja mal was Neues ins Schaufenster stellen.“ „Ach was, das läuft doch alles heute über Temu oder Sch…“ Das letzte Wort klingt wie ein Fluch. Neben uns hält ein DHL-Transporter, auf den der Mann wohl gewartet hat.

Der Bote drückt ihm drei Pakete in die Hand. Er nimmt Lieferungen von Online-Shops an, die sein Geschäft ruiniert haben. Damit verdient der Grauhaarige wohl jetzt sein Geld. Die Party ist vorbei. Er muss irgendwie über die Runden kommen.

Gute-Laune-Nudeln

Ich komme von der Arbeit und habe Glück: Vor dem angesagten „Mr. Noodle Chen“-Restaurant steht ausnahmsweise mal keine Schlange. Schon ein Mal hatte ich mit meiner Tochter versucht, hier rein zu kommen, denn der Laden erinnert sie an die Nudel-Bars in Hongkong, wo sie zum Studium war. Aber wir haben nach einer Viertelstunde in der Schlange enttäuscht aufgegeben. Es ging einfach nicht vorwärts und wir gingen ins DUKKI um die Ecke. Koreanisch und auch sehr lecker. 
Heute steht nur ein junger Mann vor der Tür und ich frage ihn, ob er die Schlange ist. Er findet das nicht witzig, denn anscheinend wartetet schon eine Weile darauf, hinein gelassen zu werden, während an uns vorbei Essenslieferanten mit ihren riesigen Thermo-Taschen ein und aus gehen. Durch die Glastür sehen wir wie der Mann an der Kasse, der hier alles kontrolliert dann endlich auch dem arabische Grüppchen vor uns seine riesige Take-Away-Bestellung in die Hand gedrückt hat – dann dürfen wir beide rein. Alles ist hell und übersichtlich. Keine goldenen Drachen oder anderer China-Kitsch. Auch die Speisekarte ist sehr klar: Nudelsuppe mit oder ohne Fleisch. Nur bei den vielen Nudelsorten brauche ich Entscheidungshilfe. Der Mann an der Kasse ist auch dafür da. Ich entscheide mich für die dreieckigen Nudeln, die vor meinen Augen frisch gemacht werden. Hab ich noch nie gegessen. Als ich mich setze, sehe ich um mich rum fast nur junge Chinesen. Das Studentenwohnheim ist um die Ecke und das Restaurant ist wohl der Platz, an dem man sich abends trifft. Zu mir setzen sich, ohne groß zu fragen drei junge Kerle, die sich  fröhlich auf Chinesisch Zoten erzählen und ständig lachen. Sie stellen ihre riesigen Trinkflaschen auf den Tisch. Sein Getränk darf man hier wohl mitbringen. Durch sie lerne ich auch, wo man das Besteck findet: In einer Schublade unter dem Tisch. Wie früher bei uns zu Hause. Der größte und munterste von ihnen hat das kleinste und billigste Gericht bestellt. Aber ständig ruft er die Bedienung und sie bringt ihm mit ausdruckslosem Gesicht  immer neue Schalen mit frisch gemachten Bandnudeln. „Are they for free?“, frage ich. „Yes, for free. Order some.“, läd er mich auf beiden Backen kauend ein. Ich lehne dankend ab. Meine Schale mit der dicken Brühe war mehr als genug. Und ich habe aufgetankt zwischen all den jungen Kerlen (sind nur wenige Frauen da, die heimlich angeschmachtet werden.) Die gute Laune der Burschen, die sich hier für kleines Geld satt essen können, war ansteckend.

Entwertet

Es ist Herbst, die Zeit, in der das Leben sich verabschiedet und wir uns vorbereiten auf die karge Zeit, die vor uns liegt. Und während der Landmann die Früchte des Jahres in die Scheuer fährt und mit eisernem Pflug den Acker umbricht, schwinge ich mich auf mein Moped und fahre mit den letzten Sonnenstrahlen zum letzen Postamt in unserem Viertel. Auch wenn das Erntedankfest schon lange Vergangenheit ist, hoffe ich eine Ernte einzufahren, die Ernte fast 10 Jahren eifrigen Sparens und auch ich will mich verabschieden: Von meinem Postsparbuch, das mich begleitet, seit ich 16 wurde. Es ist kein leichter Abschied. Und er ist nicht freiwillig.
Ein Sparbuch bei der Post, das war in den späten 1970er-Jahren ein Ticket in die Freiheit. Ohne ein Konto zu eröffnen, was die Unterschrift der Eltern verlangt hätte, konnte ich mein Geld einzahlen, das ich in der Fabrik, mit Zeitungsaustragen und Nachhilfestunden verdient hatte und konnte bei jedem Postamt in ganz (West-)Europa Geld abheben. Kostenlos. Keine Eurochecks, keine American Express Travelerschecks, keine Kreditkarte. Und es klappte wirklich überall. Im Dorfpostamt im County Galway und im prächtigen marmornen Postpalast von Bologna (oder war es Perugia?) In Schottland und in Alicante. Später sogar in Hoyerswerda und im Hauptpostamt Leipzig, von wo ich Telegramme in den Westen schickte. Aber da war die Welt schon eine andere.

Ich bin der Post immer treu geblieben, auch als es dann EC-Karten und Geldautomaten gab. Die Post sich selber leider nicht. Es war das erste Mal in Manchester, in den späten 1980ern, als ich einem Brief in einen Schreibwarenladen aufgeben musste, der nachlässig ein Pappschild „Post Office“ ins Schaufenster gelegt hatte. Die Royal Mail hatte den Service „privatized“. Mein Weltbild war endgültig erschüttert, als ich sah, dass man auch Telefone dort einfach so kaufen konnte. Wozu fragte ich mich? Wer einen Telefonanschluss bei der Bundespost beantragte, der bekam das Telefon -grau und stabil – doch gleich mit dazu. Andere Telefone, bunt und mit Tasten und ohne Prüfung und Zulassungssiegel der Deutschen Bundespost: Das konnte doch nichts taugen. Wie für W. I. Lenin war für mich die Deutsche Post das Maß aller Dinge.

Die Frau hinter dem Schalter ist weißhaarig. Ihr müder Kollege am Schalter daneben und die kleine Frau, die im Lagerraum ein Paket wegträgt auch. Es sind wohl die letzten Postbeamten des Wedding. Und auch vor dem Schalter: alte Leute wie ich, wenn man mal von denen absieht, die Pakete nach Vietnam oder in die Türkei abgeben wollen. Gibt es eigentlich den „Postrentendienst“ noch, mit dem früher pünktlich zum Monatsersten alle Rentnerinnen und Rentner ihr Ruhegeld am Schalter bekamen? Was es auf jeden Fall noch gibt, ist der behördliche Tonfall. Wie in den alten Zeiten werde ich erstmal angepflaumt: „Ihr Sparbuch auflösen? Da wären se mal besser vor 14 Uhr jekomm!“ Davon stand nichts in der Nachricht der Postbank, die mir mitgeteilt hatte, dass sie „…den Service Postsparbuch…“ in Kürze einstellen will. Aber weil das Berlin ist kommt nach der Schnauze das Herz, und die Frau hinter dem Schalter macht sich mit einem sarkastischen „Na, dann jeben se mal her.“ trotzdem an ihre traurige Pflicht. Sie tippt, lässt sich meinen Ausweis geben und ein Drucker fiept. Ein kleiner weißer Kasten, der noch so solide aussieht als sei er aus der BTX-Zeit der Bundespost, spuckt viele weiße Zettel aus, die die Postfrau akkurat mit viel Theater auf die grauen Seiten meines Sparbuchs klebt. „Was das alles für ein Abfall macht…“, seufzt sie. Es ist eine lange Prozedur und ich glaube, sie fühlt genau wie ich, dass wir beide hier etwas tun, was uns bald fehlen wird, dass wir ein sinnlos gewordenes Ritual aus längst vergangenen Zeiten ein letztes Mal gemeinsam zelebrieren. 2016 hatte ich noch einmal persönlich etwas eingezahlt. Seitdem lag das Buch in der Schublade. Von 2009 bis 2015 wurde die Postbank nach und nach von der Deutschen Bank übernommen. Was der Drucker ausspuckt ist ernüchternd: Bis 2017 gab es jedes Jahr noch ein paar Euro Zinsen und einen extra Bonus für treue Sparer. Zwischen 2018 und 2022 waren es noch 7 Cent Zinsen – pro Jahr – und Boni gab nur noch für die Manager der Deutschen Bank. „Das sind mehr als 0,01 %,. Da könn se sich nich beschweren.“, nimmt mir die erfahrene Kundenbetreuerin mir meine Enttäuschung aus dem Mund und haut noch einen drauf: „Is ja besser als nix.“ Langsam ahne ich, wer die Kosten der Bankencrashs von 2008 bezahlt hat.
Aber auch die paar Cent müssen natürlich genau verbucht werden. Da ist die Postfrau noch richtig amtlich. Die Seiten in meinem Sparbuch reichen nicht. Aus grauem Papier legt sie Extraseiten an und stempelt sie einzeln ab. Ganz zum Schluss schneidet sie die rechte untere Ecke ab und geht nach hinten. Ich höre den harten Knall eines eisernen Handstempels, wie man ihn nur in der Post hören kann, dann bekomme ich das Buch zurück.“Entwertet“ steht jetzt auf der letzten Seite. „Warten se noch ne Woche, bevor sie das Buch ihren Enkeln zum Spielen jeben.“, verabschiedet sie sich. „Dann sollte das Geld auf ihrem Konto sein.“, gibt sie mir auf den Weg und es klingt so, als würde sie es selbst nicht glauben. Es ist viel schief gelaufen bei der Deutschen Post, seit sie wiedervereinigt und privatisiert wurde und das sitzt der gestandenen Postbeamtin in jeder Falte ihrer dünn gewordenen Dienstbluse.

Auf dem Rückweg durch die lange Halle mit der gar nicht mehr so langen Schlange der Wartenden komme ich an einem Ständer mit Postkarten vorbei. 50 Prozent Nachlass gibt es bis zum Jahresende auf auf kitschige Hochzeits- und schwarz-weiße Trauerkarten. Vielleicht verabschiedet sich die Postbank nur von ihrem Papiergeschäft, das sie nebenbei in der Filiale betreibt. Vielleicht verabschiedet sie aber auch gleich von ihrer Filiale und Ihren letzten Beamten. Meine Pakete gebe ich schon seit Jahren beim Zeitschriftenladen an der Ecke ab. Der wird von einem indischen Pärchen betrieben. Der Laden ist gerade zu. Die beiden sind wohl krank geworden.

I’ m still standing!

Es ist der 9. November. Gestern war ich auf einer „Mauerfallparty“ in einer Kleingartenanlage nahe der Bornholmer Brücke, da wo vor 36 Jahren die Mauer aufgegangen ist. Gemeinsam mit Ossis und Wessis habe ich zu alten Schlagern getanzt und noch mal „Zeit, die nie vergeht“ mitgejohlt. Ja, Bier gabs auch. Deswegen reibe mir die Augen, als ich heute morgen nicht weit weg davon, am Humboldhain plötzlich vor einem riesigen, goldglänzenden Gebäude stehe. „Das kann doch nicht wahr sein. Ist das Wirklichkeit, was ich hier sehe, oder bin ich in ein Zeitloch gefallen?“ Vor mir steht ein Wiedergänger: Der Palast der Republik, Erichs Lampenladen! In dunklen Kupfertönen glänzt die gerasterte Thermoverglasung, die sich wie ein Band um das ganze Gebäude zieht, hell leuchten die senkrechten Treppenhäuser aus Naturstein, die der Fassade etwas Aufstrebendes geben. Kein Zweifel: Er ist wieder da! Deutlich kleiner als früher (Liebling, ich habe den Palast geschrumpft), aber wie herübergebeamt vom Marx-Engels-Forum (heute Schlossplatz). Dieses Gebäude, dessen Ende 1990 beschlossen wurde, ist seit 2010 vom Erdboden verschwunden. Von Politikern zerredet, von Asbest verseucht wurde es von Baggern und Presslufthämmern endgültig aus der Geschichte entfernt. Kein Krümel Beton sollte mehr an ihn erinnern. Und doch ist er es, der hier vor mir steht, unverkennbar! Ein leichter Grusel überfällt mich. Totgesagte leben länger. Oder ist er gar nicht tot? Hat er heimlich „rübergemacht“ und Asyl im Westen bekommen? Vielleicht hat er sich auch der flehentlichen Klagen seiner Jünger, die sich derzeit unter dem fast schon religiösen Credo „Der Palast ist Gegenwart“ hinter der Stadtschlossfassade versammeln, erbarmt und ist aus dem Architekturhimmel wieder herabgestiegen. Aber warum ist er gerade im Wedding gelandet, in der Gustav-Meyer-Allee, gleich gegenüber dem Volkspark Humboldthain? Der Wedding war, nur die Älteren erinnern sich, schließlich ein Teil der „Frontstadt“ West-Berlin, lag direkt an der Berliner Mauer. Und West-Berliner waren, um es mal milde zu sagen, nicht gut zu sprechen auf Sachen, die aus dem Osten kamen. Jahrelang boykottierten sie zum Beispiel die S‑Bahn, nur weil sie von der DDR-Reichsbahn betrieben wurde. 

Das Rätsel lüftet sich ein wenig, als ich beim Berliner Zentrum für Industriekultur nachschaue. Der Bauherr dieses Palastes hieß nicht Erich, sondern Heinz, Heinz Nixdorf. Ein sehr erfolgreicher Computer-Pionier aus Paderborn. Und als solcher war er frei von West-Berliner Dünkeln. Nixdorf war ein begeisterter Anhänger der modernen Architektur, der Mies van der Rohe verehrte und persönlich traf. Und sein Paderborner Hausarchitekt Hans Mohr entwarf alle Nixdorf-Gebäude im transparenten „Internationalen Stil“. So auch die letzte Nixdorf-Produktionsstätte, gleich gegenüber den ehemaligen AEG-Werken von Peter Behrens, ebenfalls eine Architekturikone im Wedding. Der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen legte 1984, acht Jahre nach Eröffnung des Palastes der Republik, den Grundstein und redete etwas von Beginn des „Silikon Wedding“, woraus leider nichts wurde. Zur gleichen Zeit, als die DDR verschwand, verschwand auch die Nixdorf AG. Anfang der 1990er-Jahre ging Nixdorf mit Siemens zusammen. Und hinter den braunen „Schwedenglas“-Fenstern arbeitete die Verwaltung der Berliner Sparkasse. Jetzt steht er leer.

Doch nicht nur diese Äußerlichkeiten teilt der Weddinger Palast mit seinem verschwundenen großen Vorbild auf dem Schlossplatz. Bald könnte ihm ein ähnliches Schicksal blühen wie dem Volkshaus in Berlin-Mitte. Die  Investorengruppe Coros hat das Gelände gekauft, und will es „entwickeln“. Was für den Palast im Wedding ganz konkret den Abriss bedeuten soll.

Aber der Abrisstermin war 2024 und nichts ist passiert. Und jetzt steht er auf der Roten (!) Liste der bedrohten Gebäude. Vielleicht hilft ihm ja das aktuelle Revival der Post- und Ost-Moderne, dem ich dieses Jahr allerorten auf der Spur war. Dass ich einen so prächtigen und unversehrten Vertreter dieser Architekturgattung ausgerechnet in West-Berlin bei mir um die Ecke finde, freut mich natürlich um so mehr. Aber Coros hat sich noch nicht von seinen Plänen verabschiedet. Stolz präsentieren sie auf ihrer Website den Abschluss des Planungs- und Anhörungsverfahrens.

Also, um es mit einer Parole aus den 1980ern zu sagen: Besuchen Sie den Palast, solange er noch steht! 

Das Gelände in der Gustav-Meyer-Allee ist sehenswert und frei zugänglich.

Frechdachse

Abends vor Denns Biomarkt in der Müllerstraße. Ich will mein Fahrrad vor dem Ladenschaufenster in der Seitenstraße abstellen. Zwei Jugendliche kommen auf mich zu: „Da dürfen Sie keine Fahrräder abstellen.“, sagt der Kleinere wichtigtuerisch im Straßenslang. Der Ältere weist mit dem Arm ins Dunkle, wo an einem Laternenmast mehrere Fahrräder stehen. „Da hinten müssen Sie hin!“, will er mich dirigieren. Die beiden können das schon ganz gut nachmachen, das typisch berlinerische Rumkommandieren. „So so“, sag ich. „Ich bleib aber mal hier stehen.“ Der Kleine gibt noch nicht auf. Er hebt sein riesiges Handy vor seinen Mund: „Dann ruf ich jetzt die Polizei.“, droht er und versucht, dabei so entschlossen zu klingen, wie ein 12-Jähriger klingen kann . Wo er das nur her hat? Lernen die Kinder das jetzt in der Schule, oder ist die Straße ihre Schule? Ich greife in meine Hosentasche und hole meinen Dienstausweis raus. Der ist grau und sieht sehr amtlich aus. In der Dunkelheit sollte es für einen Bluff reichen: „Ich bin von der Polizei.“, brumme ich und hebe den Ausweis nur ein bisschen hoch. „Au Scheiße!“ Der Kleine hüpft ein Stück zurück und verschwindet blitzschnell in der Dunkelheit. Er grinst dabei diebisch. Wir sind quitt.

Hinterhofgespräche

Die schmale Haustür steht offen und gibt den Blick frei in einen schattigen Hinterhof mit etwas Grün. Grün im grauen Wedding? Neugier zieht mich in den dunklen Flur. Ein altes Schild „Kinderwagen und Fährräder abstellen strengstens untersagt!“ Ein neues Schild einer neuen Hausverwaltung aus Halle, die das füttern von Tieren im Hof verbietet, weil das „Ungeziefer“ anlocke. Der Hof war mal groß, jetzt wird er zum Nachbarhaus durch eine graue Wellblechwand getrennt, an der überfüllte Mülltonnen stehen. Die gefiederten hellgrünen Blätter von zwei wild gewachsenen Ebereschen machen das Grau der grob verputzen Hauswände nur noch dunkler. In den vergitterten Fenstern im Parterre des Vorderhauses sind schmuddelige Kuscheltiere eingeklemmt. Als ich ein Foto davon mache, steht plötzlich ein Mann neben mir. 1,90 groß, breite Schultern, schwarze Basecap, irgendwas in Frakturschrift auf seine schwarze Hose gedruckt. Security? Hausmeister? Nazi?  Ich versuch‘s mit Dreistigkeit. „Wissen Sie, wieso die Kuscheltiere dort hängen?“ Die Antwort verstehe ich nicht gleich. Er sucht die richtige Reihenfolge für die deutschen Worte. „Wasserpfeifen“, verstehe ich und „Dampf“ und ich reime mir zusammen, dass er die Shisha-Bar im Vorderhaus meint. „Weil die immer Dampf in den Hof blasen, und das so freundlicher ist, für die Nachbarn“, verstehe ich. Und, er deutet auf die Mülltonnen: „Weil man dann was Schönes sieht und nicht den Dreck.“ „Wenn du Kinder hast: Nimm mit.“, läd er mich ein. „Drei Söhne“, fange ich an zu plaudern. „Aber die sind aus dem Alter raus.“ „Ich hab auch einen Sohn, 25, aber nicht ganz gesund. Lebt nicht bei mir.“ Trauriges Thema. Er kommt von selbst auf was anderes. Erzählt, dass er schon lange hier lebe und, dass die Hausverwaltung gewechselt habe. „Kein Hausmeister. Immer wenn du was willst, musst du ein Formular schreiben.“ Aus dem Treppenhaus des Hinterhauses kommt ein Mann mit einer Werkzeugtasche und läuft geschäftig an uns vorbei. Ein Handwerker, und das an einem Samstagmorgen. „Kein Hausmeister?“, runzle ich die Stirn. „Und was ist das?“ „Das ist für die neuen Häuser.“, sagt er. Ich suche mit den Augen einen Neubau, bis ich verstehe, dass die Handwerker leerstehende Wohnungen im Haus renovieren, die teuer neu vermietet werden. „Beim Nachbarn ist der Boiler kaputt. Seit drei Monaten. Da kommt niemand.“ Wir reden weiter über Politik, über Gaza und die kaputten Schulen und die Jobcenter. Da ist er Kunde. „Wird jetzt schwieriger, wegen der Regierung.“ Zwei Jahre habe er noch. Er sei 65, selber nicht mehr ganz gesund. Gutachten, Ärzte, Formulare. Er hoffe, dass er bald die Rente bekomme. „Ich hab auch noch zwei Jahre“. „Wenn die Regierung uns nicht noch länger warten lässt.“, flachst er ironisch zurück. Wir wünschen uns Glück, Gesundheit und ein gutes Wochenende.