Wenn du denkst, es geht nicht mehr…

Wenn wenigstens die Sonne scheinen würde im Wedding. Aber nein, alles grau in grau. Kalt ist es auch. So richtig kalt, dass es einem durch Mark und Bein kriecht. Aber raus muss ich trotzdem. Ich brauche das Geld. Geld von der Post, der Postbank, die jetzt ein Teil der Deutschen Bank ist. „Ich glaube an die Deutsche Bank, denn die zahlt aus in bar…“ sang Marius Müller Westernhagen. Zappeliger Held meiner Jugend. Mal schaun, ob das noch stimmt. Erstmal muss ich mein Homeoffice und meine Videokonfernzen hinter mir lassen, die mir heute schon all meine Geduld aufgefressen haben. Der Schwerhörige spricht mit der Tauben über Zoom. Wunder der Technik. Und erstmal muss ich in die einzige Filiale kommen, die die Postbank in der ganzen Gegend noch betreibt. „Klack“ macht es unter mir, und bei meinem tadellosen Schrottfahrrad, das selbst im Wedding keiner klaut, haut etwas gegen Metall. „Klack, klack, klack“, im Takt der Pedale. Der Kettenschutz hat sich gelöst. Wann habe ich den das letzte mal festgeschraubt? Lange her. Auch Fahrräder brauchen Liebe. Sonst rächen sie sich. Von wegen Liebe. Wer liebt denn mich? Mit bösen Tritten haue ich aufs verbogene Blech. Steige ab, biege hin und her, bis ich die zwei Kilometer zur Filiale am Leopoldplatz geschafft habe. Männer mit erstarrten Gesichtern in Kapuzenpullovern stehen davor herum. Auch ihnen ist kalt, sie stehen hier schon lange und ihnen fehlt das Gleiche wie mir: Wärme und Geld. In der schmierigen Vorhalle der Post sind alle Geldautomaten leer. Enttäuschte Kunden geben die Neuigkeit an mich weiter und schlurfen mit hochgezogenen Schultern nach draußen.

Hinter mir braust ein Mann mit einem überbreiten Elektrorollstuhl herein. „Alles kaputt!“, melde ich ihm die aktuelle Parole und versuche, mich von ihm nicht überfahren zu lassen. Doch, alle Achtung, liebe Post: Hinter einer Glasscheibe steht ein neuer Geldautomat, der noch Scheine hat. Keine Schlange. Die bildet sich hinter mir. Ein übernervöser junger Typ auf Position 4 fängt an zu maulen. „Wie langsam sie ihr Portemonnee herausziehn, na toll, geht das auch schneller…“ Als ich mich zum zweiten Mal bei der Geheimzahl vertippe merke ich, dass meine Nerven heute nicht mehr stark genug sind, um diesem Idioten standzuhalten. Ich ziehe meine Karte ein, bevor es der Automat tut und reihe mich in die Schlange vor den Postschaltern ein. Ich sehe die nette Frau hinter dem Tresen, mit der ich vor ein paar Tagen eine lange Diskussion über die Eintragung meiner neuen Adresse nach der Umbennung meiner Straße geführt habe. Sie wäre die nächste Freie. Als sie mich sieht, entscheidet sie sich, wichtige Dinge im Backoffice zu erledigen. Ihre blondierte Kollegin zieht stoisch den Magnetstreifen meiner Karte durch den Schlitz auf ihrer Tastatur. „Die is ja auch schon ganz schön runter.“, meckert sie. Wir einigen uns auf eine Notauszahlung auf Papier – in großen Scheinen. Da wo ich morgen hin muss, wollen sie Bares sehen.

Aber es reicht nicht. Ich brauche mehr. Gibt es noch jemand, hier auf der kalten Müllerstraße, der mir Geld schuldet? Den ich ein bisschen ausquetschen kann?
Na klar! Der Typ in dem alten kleinen Laden in der schäbigen Seitenstraße, der meine Ware für mich vertickt. Es wird endlich Zeit, mit ihm abzurechnen. Seit einem Jahr liegen die Dinger da und ich hab noch kein Geld gesehen. Als die Türglocke verstummt ist, sitzt seine Partnerin hinter dem Röhrenbildschirm und tut so, als sähe mich nicht. Alter Trick. „Einen Moment“, murmelt sie dann doch. Sie will Zeit gewinnen, das kenne ich. Mit einem Blick scanne ich den Laden. Gute Ware! Aber da, wo das beste, wichtigste Buch liegen sollte, „Das Wunder vom Sparrplatz“, ist eine Lücke im Sortiment. Wehe, Winfried, wehe dir, wenn du es mit Tricks versuchst, will ich sagen. Aber da ist Winfried mit dem grauen Haar schon aus dem Hinterzimmer auf seinem Platz und grinst mich entwaffnend an. „Ja, haben wir öfter mal empfohlen. War mir gar nicht aufgefallen, dass die schon alle weg sind. Kannst uns gerne noch ein paar bringen.“ Natürlich will er mich damit weich stimmen, für das, was jetzt unweigerlich kommt. Ich ziehe den alten den alten zerknitterten Lieferschein aus der Tasche, den Winfried unterschrieben hat, und fordere meinen Anteil. Der alte Fuchs zieht die Augenbrauen hoch. „So viele waren das? Kann ich gar nicht glauben.“ Flugs holt er ein paar Geldnoten aus der Kasse. „Wann hast du das letzte mal so viel Geld gesehen?“, fragt er mich, als hätte er mich durchschaut. Er weiß, dass ich nehmen muss, was ich kriege. Schnell lasse ich die Scheine in meiner Manteltasche verschwinden und verspreche wieder zu kommen. Mit neuer Ware, so schnell wie sie mein Dealer in Holland sie liefern kann.
Zum 4. Advent wird mein Schreiberlohn für ein paar kleine Geschenke auf dem Weddinger Weihnachtsmarkt reichen. Wie wunderbar die Welt sein kann.

Ich wünsche euch auch ein frohes Wochenende.

Belle Et Triste

Friederike Reinhold und Winfried Kellmann

BELLE-ET-TRISTE heißt die etwas versteckt gelegene Buchhandlung bei mir um die Ecke. Seit 40 Jahren führen Friederike Reinhold und Winfried Kellmann gemeinsam die einzige verbliebene Literaturbuchhandlung in diesem Teil der Stadt. Wie haben die beiden es geschafft, gegen alle Widrigkeiten zu bestehen? Und wie wird es die nächsten Jahre weiter gehen? Ein Interview über eine große Freundschaft, verborgene Bücher und einen Hund.

Wir sitzen schon seit einer Stunde zwischen den raumhohen Regalen mit Kinderbüchern und den Büchertischen mit Romanen und politischen Sachbüchern. Das Gespräch hat sich schon etwas von dem Interview entfernt, das ich für den Stadtteil-Blog “weddingweiser“ führe. Die Atmosphäre ist fröhlich. Der Humor ist brillant, knochentrocken und liebevoll. Es macht Friederike Reinhold und Winfried Kellmann sichtlich Freude, ein wenig selbstironisch ihre 40 wilden Jahre im Wedding Revue passieren zu lassen. Die Pointen sitzen. Hätten die beiden sich nicht den Büchern verschrieben, hätten sie eine Karriere im Kabarett machen können. Ein weißer, wuscheliger Hund (ein Westie) mit Knopfaugen legt sich unter Reinholds Stuhl.

FR: Das ist Lumpi, der berühmteste Hund des Wedding. Den kennt jeder, denn jeder kommt mal zu uns. Eine Mutter hat uns einmal berichtet, dass ihre Tochter Lumpi sogar in ihr Abendgebet mit aufgenommen hat.

WW: Ich kannte bisher nur Bibliothekskatzen, die gehalten werden, um die Mäuse zu fangen. Was macht ein Hund in der Buchhandlung?

FR: Lumpi hat sogar schon mal eine Ratte gefangen, die sich in der Tür geirrt hatte und sie mir dann stolz vor die Füße gelegt. Ich musste dann einen Kunden bitten, das tote Tier nach draußen zu bringen.

WW: Sie haben als einzige inhabergeführte Buchhandlung im Wedding 40 Jahre überlebt. Wie haben Sie das gemacht?

FR: Wir lieben Literatur – und wir müssen uns keine Tariflöhne zahlen.

WW: Die letzten Jahre müssen doch schwer für Sie gewesen sein. Die große U-Bahnbaustelle vor der Haustür, Corona und jetzt die Verunsicherung durch den Krieg.

WK: Corona war für uns, so ambivalent sich das anhört, erstmal gar nicht schlecht, da Buchhandlungen ja nicht schließen mussten. Wir haben viele Stammkunden. Und Leute, die neu im Wedding sind, suchen uns per Internet. Sie googeln „Buchhandlung Wedding“ und finden uns ganz oben. Aber ich möchte keine Werbung für Google machen. Ich empfehle unsern Kunden immer die Suchmaschine Swisscow. Sie schützt die Daten der Nutzer, anstatt sie abzugreifen und ist, nach unserer Erfahrung, genauso gut wie die Datenkrake.

FR: Die Krise durch den Ukraine-Krieg, die merken wir jetzt deutlich. Die Leute haben Angst, sind verunsichert, fürchten Wohlstandsverluste.

WW: Aber für Reisen wird doch jetzt viel Geld ausgegeben. Was können sie für den Urlaub im Sommer empfehlen?

FR: Das ist ganz unterschiedlich. Wir hatten ja immer schon ein sehr gemischtes Publikum. Da fragen wir nach und empfehlen was passen könnte.

WW: Ja, das stimmt. Das machen Sie sehr gut Als ich vor Jahren bei Ihnen ein Buch für einen langen Flug nach Asien gesucht habe, haben Sie mir zwei empfohlen: Donna Tart und Irvin Yalom. Und als ich mich nicht entscheiden konnte, sagten sie: Nehmen Sie eins für die Hin- und eins für die Rückreise. Das hat prima gepasst. Vielen Dank.

Aber jetzt doch mal die Frage: 40 Jahre zurück: Wie hat das alles angefangen?

Etwa 1986: Die langen Haare sind ab. Neustart in der Amsterdamer Straße

WK: Ich war 1982 mit dem Studium fertig (Französisch und Sozialkunde) und wir haben dann den Buchladen „Setzling“ in der Brüsseler Straße übernommen. Der war dort, wo jetzt das „Escargot“ ist. Schon damals war die Brüsseler Straße recht alternativ. Mit Naturkostladen und so weiter. Unsere erste Schaufensterdekoration, noch während der Bauphase, war das aufgeschlagene „Kapital“ mit Bildnis von Karl Marx. Hat niemanden gejuckt, aber es fand außer uns auch niemand witzig.

Friederike hat im Laden noch auf ihr Examen (Germanistik und Politik) gelernt.

WW: Sie kannten sich schon vorher?

FR: Ja, schon von der Schule in Münster.

WW: Und, waren Sie damals ein Paar?

FR: Erst Ja, dann Nein und dann wieder Nein.

WK: Hm, Hm. Brumm brumm

WW: Vertragen sich Liebe und Beruf nicht miteinander?

WK: Nein, unsere Partner hatten etwas dagegen. (lacht).

FR: 1986 sind wir dann in die Amsterdamer Straße gezogen und haben uns vergrößert. Eine Zeit lang hatten wir nebenan auch noch ein Spielzeuggeschäft und eine Filiale im Rathaus Wedding.

Expansion: Das Belle Et Triste kommt groß raus.

WW: Hat sich die Kundschaft verändert mit der Zeit?

FR: Wir haben Stammkunden seit den 80ern. Einer von ihnen hat die „Andere Bibliothek“ abonniert, seit Beginn.

Natürlich ändern sich auch die Wünsche der Leserschaft. Die Komplett-Ausgaben, mit denen Zweitausendeins mal groß rauskam, sind nicht mehr gefragt.

WK: Die brauchen zuviel Platz im Regal und werden zu selten geöffnet. Auch ich bin immer mehr für’s Taschenbuch. Auch für broschierte, durchaus auch aufwendig hergestellte Bücher. Die sind schmaler, als ein gebundenes und die „gebundenen“ sind in der Regel auch nur geklebt und eben nicht fadengebunden.

WW: Und der Online-Buchhandel. Was hat der verändert?

FR: Wir sind ja schon lange online

WW: Wenn ich ihre Website anschaue, fühle ich mit tatsächlich zurückversetzt in die 1990er Jahre.

WK: Das stimmt. Wir mögen halt keinen Schnickschnack wie laufende Bilder, oder „das könnte Sie auch interessieren“. Dieses Content-Management für Klick-Affen machen wir nicht mit. Seit letztem Jahr findet man auf unserer Seite minutenaktuell unseren Lager-Bestand. Ich glaube, damit sind wir, als stationäre Buchhandlung, einzigartig.

FR: Und seinen Bestellstatus kann jeder online einsehen. Auch das ist, nach meiner Kenntnis, bisher einzigartig im örtlichen Buchhandel. Wir haben außerdem viel mehr Bücher vorrätig, als wir im Laden frontal ausstellen können.

WW: Verborgene Bücher?

WK: Das trifft es genau! Die werden oft nicht wahrgenommen. Die Kunden lieben es, zu stöbern. Doch nehmen sie dabei meist nur die frontal präsentierten Titel war. Ganz oben im Regal kann auch niemand stöbern, da braucht’s die EDV. Unsere Kunden erwarten oft gar nicht, dass wir neben den Auslagen auch andere Bücher vorrätig haben und sind überrascht, wenn sie das gewünschte Buch gleich mitnehmen können. Natürlich haben wir nicht alles. Doch mit der Nase stößt man nur auf aktuelle Titel, die frontal präsentiert werden. Wenn man beim AmaZoni suchen kann, kann man es auch bei uns. Wir werden bald einen Bildschirm im Laden aufstellen, an dem jeder auch selbst, wie auf unserer Website, in unserem Bestand suchen kann.

WW: Mir gefällt ja besonders ihr großer Bestand an Literatur aus dem Wedding und über den Wedding. Das findet man nirgendwo sonst.

FR: Die Weddinger sind außerordentlich regionalbewusst. Gerade die Neuen interessieren sich für die Geschichte und Geschichten aus dem Wedding. Die historischen Bildbände von Ralf Schmiedecke und auch die Bücher von den Autoren der Lesebühne „Brauseboys“. Oder Neukrantz’ „Barrikaden am Wedding“. Wir fördern das auch ein bisschen. Vor 20 Jahren kam Horst Evers zu uns mit einem zusammengehefteten Bändchen mit Geschichten und fragte, ob wir die in Kommission auslegen könnten. Das haben wir gemacht.

WW: So wie ich vergangenes Jahr mit meinem Bändchen. Vielen Dank, das ermutigt zum Schreiben.

FR: Mit Heiko Werning und anderen haben wir auch Lesungen bei uns im Laden gemacht. Das kam gut an.

WW: Sie fühlen sich also der Literatur im Wedding verpflichtet. Ist „Belle et Triste“ auch eine poetische Reminiszenz an diesen traurigschönen Stadtteil?

WK: Könnte man meinen. Aber es kommt von „Belletristik“ und Belletristik

kommt von „belles lettres“ im Französischen.    Deshalb ist es ein deutsch-französisches Wortspiel: „belle et triste“.

WW: Und wie lange wird es „Belle et Triste“ noch geben?

FR: Bis uns einer hier rausträgt.

Hello again

Es gibt Bücher, die verfolgen einen ein Leben lang. Romane, Biografien oder Gedichte mit Zeilen, die sich festbrennen, mit Passagen, die wie aus dem eigenen Erleben geschrieben zu sein scheinen oder mit Versen, die an trüben Tagen Trost spenden. Lange habe ich geglaubt, dass „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ von Robert Pirsig dieses Buch für mich sei . Drei Mal habe ich es gelesen. Zuerst war es für mich ein Einstieg in die abendländische Philosophie (Wer sagt mir, dass das Motorrad auf dem ich fahre und das Motorrad, das ich unter mir sehe der gleiche Gegenstand ist?) Dann eine gut geschriebene Reparaturanleitung (Verwende das Blech einer Bierdose zum Unterlegen, wenn der Lenker wackelt) und dann eine Vater – Sohn Geschichte. (Der Erzähler ist mit seinem verschlossenen Sohn auf dem Sozius unterwegs durch Amerika). Es hat wirklich mein Leben geprägt. Als ich nach der Trennung von ihrer Mutter den Kontakt zu meiner Tochter verloren hatte, habe ich mit einer Motorradreise nach Masuren versucht, das Band wieder herzustellen. Immerhin waren wir uns hinterher einig, dass die Musik auf meinem Handy, die sie tagein tagaus während der Fahrt hörte, ziemlich cool sei.
Doch wenn ich wirklich schaue, welches Buch ich in meinem Leben am meisten in der Hand gehabt habe, welches Buch mir die meisten frohen und traurigen Stunden geschenkt hat, dann war es ganz eindeutig das Sozialgesetzbuch. Ein geheimer Bestseller, die Bibel unseres Sozialstaates, der gerade in seiner 50. Auflage erschienen ist. Ein Buch, in dem sich dreizehn magische Bücher verbergen, deren Sinn sich nur Eingeweihten erschließt. Zum Beispiel warum das dreizehnte Buch nicht als dreizehntes gezählt wird, sondern als vierzehntes. Ein Buch, das richtig gelesen, über Wohlstand oder Verderben entscheiden kann, über Glück oder Verdammnis und, ja, über Leben und Tod. Kein Wunder, dass die Zahl seiner Fans in Deutschland in die Millionen geht. Allein im Geheimclub „Bundesagentur für Arbeit“ lesen es mehr als Hunderttausend treue Anhängerinnen jeden Tag- ganz legal in der Arbeitszeit. Und auch in den Job-Centern, den Unfallversicherungen und den Krankenkassen, den Sozialämtern, bei der Kinder- und Jugendhilfe und bei den Pflegekassen wird jede Neuauflage heiß herbeigesehnt. Da kommt noch nicht mal Harry Potter mit.

Leider lesen alle nur die Bücher, in denen sie sich eh schon auskennen. Dabei gäbe es so viel zu entdecken. Den 2162 Seiten Dünndruckpapier (Stand März 2021) ist nichts menschliches fremd. Von der assistierten Ausbildung bis zu Sterbegeld. Von der Wiege bis zur Bahre ist hier alles drin, was ein echter Pageturner braucht. Meine Lieblingsseiten sind die, bei denen es um die „Selbstverwaltung“ geht. Die gibt es in vielen der Bücher. Das ist richtig harter Dirty old Man-Stuff. Was über weiße alte Männer in kleinkarierten Jacketts und unpassenden Krawatten, die in Hinterzimmern billiger Tagungshotels Kondensmilch in sauren Kaffee träufeln und dabei schmutzige große Deals machen. Es geht hier jedes Jahr um hunderte Milliarden. Steuergelder, Beitragsgelder.

Fünf Jahre habe ich geglaubt, dass ich diesem Buch entrinnen könnte: Fünf Jahre habe ich mich mit dem Guten, Schönen und manchmal auch Wahren beschäftigt. Jetzt hat es mich wieder: Das Buch meines Lebens. Vor Dreißig Jahren habe ich als Zauberlehrling damit begonnen die „Reichsversicherungsordnung“ in das „Sozialgesetzbuch VII“ zu verwandeln. Das waren Anfängerübungen mit billigen Tricks, über die ein Dumbledore nur gelächelt hätte. Aber schon damals galt das Mantra: Die Paragrafen und Begriffe dürfen sich ändern, die Strukturen nicht. Seit dem Jahr, in dem ich mir die letzte Auflage meines Lieblingsbuchs gekauft habe, ist es um 500 Seiten dicker geworden. Ich zweifle langsam daran, dass unser Leben dadurch im gleichen Maß sozialer geworden ist. Aber es gibt noch einen Grund warum ich es nicht mehr so oft in die Hand nehmen werde:
Es gibt noch viel mehr Gesetze, die unseren Sozialstaat bestimmen. Und erst als ich mir das neue Buch gekauft hatte, habe ich gemerkt, dass das Gesetz, mit dem ich mich jetzt beschäftige, gar nicht zu den heiligen Schriften gehört. Es ist nie zu spät, etwas Neues zu beginnen.

Halb gelesen

Beruhigend schäumt die Waschmaschine. Mal nach links, mal nach rechts. Ich könnte ihr stundenlang zuhören. Das Klatschen der Laken in der Trommel, die kurzen Stopps, und immer weiter geht’s. 2einhalb Stunden Beruhigungskonzert für meine Nerven. Viel mehr wird heute nicht passieren.
Ich könnte ja ein gutes Buch lesen. Hab ich aber schon. Heute morgen auf dem Balkon: Navid Kermani, 5 Seiten, die Rede zum 65. Geburtstag des Grundgesetzes. Erbaulich, wie es sich für einen Sonntagmorgen gehört. Warum gehe ich nicht mal wieder in die Kirche?

Neben meinem Bett stapeln sich halbgelesene Bücher. Nichts, was mich wirklich mitreißt. Corona-Unterstützungs-Käufe für meinen Buchladen. Wenigstens den Händler habe ich glücklich gemacht damit. Er hat mir beim Rausgehen die Tür aufgehalten. Natürlich musste es Camus sein: Die Pest. Hatte der Händler einen großen Stapel von aufgetürmt. Fand ich als Schüler großartig: Männer reifen im Angesicht der Katastrofe. Mann wollte ich sein und schicksalschwere Entscheidungen treffen. Die Katastrofen sind ausgeblieben, die Entscheidungen hat das Leben für mich getroffen und das Buch habe ich im Bücherregal im türkischen Café nebenan gegen Juli Zeh „NeuJahr“ eingetauscht. Eine Frechheit, dieses Buch. Musste es in der Hälfte weglegen, weil  die Schilderung verdurstender Kinder in einer spanischen Finca so an die Nieren ging (habs dann doch nicht ausgehalten, nachts um 2 den Rest gelesen und nicht mehr schlafen können). Schlecht schlafen kann ich von alleine. Brauche ich dafür Literatur?
Oder Uwe Timm „Freitisch“. Uwe Timm geht eigentlich immer. Aber das? Alte Männer bramabasieren über ihre wilden Zeiten als Arno Schmidt-Fans. Literatur über Literatur. Hat mich immer schon gelangweilt. Vorsichtig entstaube ich meine Arno-Schmidt-DDR-Erstausgabe, Verlag Volk und Welt 1990. Da war doch mal was. Hatten wir uns nicht bei Schmidt unsere seltsame postpubertäre Gruppensprache in der Berufsschule abgeschaut, oder war das aus der „Titanic“? Ok, unserem Wortführer, der heute noch so spricht, habe ich vergessen zum 60ten zu gratuliern. Seitdem spricht er gar nicht mehr mit mir. Besser so.

Wenn man selber nicht mehr weiter weiß, helfen Freunde. Schenkte mir doch aus blauen Himmel heraus eine Freundin den neuen Roman von Bov Bjerg „Serpentinen“, weil sie wusste, dass ich „Auerhaus“ geliebt hatte und weil sie mich ständig schubst, doch auch mal was über meine Jugend zu schreiben. Aber doch nicht sowas! Wieder muss ein Kind in Lebensgefahr kommen, damit der Autor seine eigene, abgrundtief hoffnungslose Kindheitsgeschichte erzählen kann. Selbstmörder, Gewalt, Alkohol auf der Schwäbischen Alb. War nett gemeint, aber mit 3 kleinen Jungs wird man da empfindlicher.

Und was sagen die Profis? Die sollten doch wenigstens die Überblick haben, was so richtig gut reinläuft in Zeiten wie diesen. Also bei Birgit Böllinger vorbeigeschaut. Sie ist angetan vom „Gesang der Fledermäuse“ Eine Einsiedlerin, im Bund mit Tieren und Natur, löst einen mysteriösen Mord an einem Pelztierhändler. Immerhin von einer Nobelpreisträgerin geschrieben und es kommen keine kleinen Kinder vor. Also nochmal zu meinem Buchhändler gelaufen, der schaut hinter seinem sehr improvisierten Corona-Schutz aus Cellophanfolie in seinen altertümlichen Röhrenbildschirm und rät „Kommt in einem Monat als Taschenbuch, da können Sie warten.“ Und weil das mächtigste Tier, mit dem ich bislang im Bunde stehe, der Sparfuchs ist, willige ich ein. Doch ohne Buch gehe ich nie aus seinem Laden, das weiß der gewiefte Bücherdealer. Mein Blick fällt auf „Das geheime Leben der Bäume“. Ich weiß, Spiegel-Bestseller und keine Literatur. Aber als Einstieg in die Weltflucht das ideale Vehikel. Und Fledermäuse sind mir in Zeiten von Corona echt noch zu gefährlich.