Freindschaft!

Es war Anfang der 1990er-Jahre in Ostberlin. Elli und Gertrud hatten aus der Neuköllner WG, die für uns Westdeutsche immer erster Anlaufpunkt bei unseren Berlinbesuchen war, „rübergemacht“ in den Osten. In einer großen Wohnung in einem grauen Mietshaus in Lichtenberg hatten sie zu zweit ihr fröhliches Chaos aus Wirtschaftwundertrödel und verspielten Fundstücken ausgebreitet. Doch jetzt wirkte die Einrichtung etwas unzeitgemäß, denn alle schauten statt in die westdeutsche Vergangenheit weiter nach Osten. Elis Vater war ein desertierter Rotarmist, der sich nach dem Krieg auf einem Bauernhof im Badischen als Knecht durchgeschlagen hatte, Gertrud studierte Russisch und Ungarisch. Ich war auf dem Weg nach St. Petersburg. Dort wollte ich mit einem Sprachkurs endlich den Durchbruch beim Russischen erreichen, der mir in zwei Semestern Abendkurs in Heidelberg nicht gelungen war. Seit ich Michail Gorbatschow zum ersten Mal sprechen hörte, hatte ich mich in die russische Sprache verliebt. Das klang anders, freundlicher, als das, was es auf der Mittelwelle über „Radio Moskau“ zu hören gab und allemal freundlicher als das „Rukki werk“ (Hände hoch), das mein Großvater aus dem Krieg mitgebracht hatte. Nach St. Petersburg sollte ich im Auftrag von Elli ein prall gefülltes Säckchen mitnehmen und es dort einem Verwandten übergeben. Ich schaute rein und es gruselte mich: Tieraugen, aus Glas. Der Verwandte verdiente sein Geld mit ausgestopften Tieren. Häute seltener Tiere konnte er in Russland illegal genug beschaffen, aber Glasaugen waren Mangelware. Ich wurde zum Ost-West Kurier. Bevor ich die beiden verließ, um in den Nachtzug zu steigen, ging ich noch mal ins Bad. Dort hing an dem zum Schminktisch umgestalteten Zahnarztschrank ein Wattebeutel der Berliner Drogeriekette „drospa“. Das klang so ähnlich wie das russische „druschba“ (Freundschaft) und Gertrud hatte mit Filzstift eine geniale Übersetzung des schrägen Wortes darübergekritzelt „Freindschaft!“

Mein Reiswörterbuch aus St. Petersburg – in der schlechten Qualität der Jelzin-Jahre


Und das ist die beste Beschreibung, die ich für mein ambivalentes Verhältnis zu Russland bis heute finden kann. Aber seit der proklamierten Zeitenwende nach dem Angriff der russischen Armee auf die Ukraine ist kein Raum mehr für Vieldeutigkeiten. Gefordert wird ein klares Bekenntnis für den Westen und die Ukraine, was mir nicht schwerfällt, denn ich mag unsere Demokratie und meine Russenliebe umfasste, etwas undifferenziert, alle Völker der Sowjetunion. Aber gefordert wird auch eine klare Abgrenzung gegen Russland. Wer das nicht leistet, wird schnell verdächtig. Gorbatschows Leiche ist noch nicht kalt, da lese ich einen Bericht in der Zeitung über die Überprüfung von zwei hochrangigen Beamten im Wirtschaftsministerium. Sie seien der Spionage verdächtigt worden, unter anderem weil sie russlandfreundliche Positionen vertreten hätten. Eine Überprüfung der Lebenläufe habe unter anderem einen Studienaufenthalt in Russland und „eine emotionale Nähe zu Russland“ zu Tage gefördert. Das reicht heute, um ins Fadenkreuz der Verfassungsschützer zu geraten.

Oh weh! Jetzt wird es eng für mich. Was ist, wenn mein Dienstherr meinen Lebenslauf unter die Lupe nimmt? Er wird dort nicht nur den Studienaufenthalt in St. Petersburg finden, sondern auch viele Besuche von deutsch-russischen Kulturveranstaltungen – gesponsored bei Wintershall, einem Gasimporteur, und meine zwei Jahre später geborene Tochter, der wir einen russischen Vornamen gaben (was sie und uns schon in brenzlige Situationen brachte). Und waren nicht die alljährlichen Abschlussdarbietungen ihrer Tanzschule immer im großen Saal des „Haus der russischen Kultur“ in der Berliner Friedrichstraße (derzeit geschlossen)? Und haben wir sie nicht auf ein Gymnasium mit Schwerpunkt Russisch geschickt und zum Schüleraustausch nach Moskau? Und wenn die Recherche genau ist, wird man in meiner Flensburger Kartei nicht nur viele Punkte finden, sondern auch ein russisches Motorrad der Marke „Ural“, dessen technischen Mängel mich fast zehn Jahre meiner Nerven gekostet haben. Wer keine emotionale Nähe zu Russland hat, hält das nicht durch. Jetzt bin ich froh, dass ich sie los bin. Nicht nur, weil Brad Pitt auch eine hat, sondern weil Wladimir Putin auf einer Ural posiert um seine Freundschaft zum Rockerklub „Nachtwölfe“ zu unterstreichen.

Was mich aber vielleicht rettet, ist dass sie keine russischen Freunde bei mir mehr finden werden. Das mit Eli und mir ist nichts geworden. Und nur einige verwackelte Bilder mit einer sowjetischen LOMO-Kompakt-Kamera, die in den Nachwendejahren in Studentenkreisen Kult war, erinnern mich noch an sie. Auch den Verwandten, den ich nach einigen Wirren an einer St. Petersburger Metro-Station getroffen habe, wird der Verfassungsschutz nicht mehr finden. Er hatte einen weiten Weg aus dem Osten hinter sich, als ich ihn traf. Ich war auf dem Sprung und drückte ihm schnell das Säckchen in die Hand. Er deutete auf den Platz neben sich: Das müsse man doch feiern. Dieses Treffen. Diesen Freundschaftsdienst. Die lange Reise. Er holte eine kleine Flasche Stoliznaja aus der Jacke, den besten Wodka, den man an den verrammelten Kiosken manchmal kaufen konnte. Ich hatte Angst vor dem Zeug, denn unsere Lehrerinnen hatten uns vor gepanschtem Wodka gewarnt. Er drehte die Flasche ein paar Mal zwischen den Händen. Ein Kreisel bildete sich unterhalb des Flaschenhalses – das sichere Zeichen, dass wirklich nur Alkohol enthalten war. Er lächelte, ich lehnte trotzdem ab. Er war enttäusch, aber ich sprang in die U-Bahn. Als ich spät bei meinen Gasteltern ankam, hatten sie schon voller Sorge bei der Schule angerufen. Man ging zur Jelzin-Zeit schnell verloren auf den Straßen der post-sowjetischen Städte. Auf den Straßenmärkten gab es wenige Lebensmittel, aber es wurden Schusswaffen unter dem Ladentisch gehandelt. Der Verwandte war noch einmal bei Eli zu Besuch. Dann verlor sich seine Spur. Eli meinte, er hätte Schwierigkeiten mit der Pelzhändler-Mafia bekommen.

Nachplapp: Gestern gehe ich durch den Baumarkt und höre Radiogedudel. Auf einmal höre ich den Namen Gorbatschow heraus und der Moderator legt Stefan Sulkes: Der Mann aus Russland auf. Ein mutiger Mann. Das Lied hört man öffentlich nicht mehr oft.

Kurz und schmerzlos

Ist es ein Verbrechen in diesen Zeiten eine Geschichte über einen Friseurbesuch zu schreiben? Oder ein Gedicht über Bäume? Wo doch die Welt wie wir sie kennen bald untergehen wird. (Obwohl ich die Welt, die dann untergeht, ja nie richtig gekannt habe, weshalb ich ja seit Jahren diesen Blog schreibe, um ungefähr zu verstehen, was um mich herum an Unverständlichem geschieht.) Wo wir doch bald so arm sein werden, dass wir uns bestenfalls alle wieder gegenseitig die Haare schneiden werden, wenn wir denn noch eine scharfe Schere und genug warmes Wasser haben.
Ich finde ja! Solange es noch geht, will ich auf dem Vulkan tanzen, bevor er erlischt, will im Luxus schwelgen und in jungen Männern baden, die mich freundlich nach meinem Befinden fragen, mich mit Ihrem Geplapper und dem Geklapper ihrer Scheren erfreuen. Will neue Geschichten aus Paläestina oder Syrien hören, eine Tasse arabischen Kaffees dabei trinken, um danach in Rosenwasserwolken gehüllt auf die Straße zu treten und für einen Moment mit meiner neuen Schönheit und mit meinem meinen neuen Duft gegen den grauen Häuserblock anstinken – und mich dabei noch großartig und gönnerhaft fühlen, weil in den 15 Euro, die ich auf den Tresen gelegt habe, schon fünf Euro Trinkgeld drin waren. Ja, das will ich, solange ich noch einen Cent in der Tasche habe und wenn ich danach eine Woche Steckrübensuppe essen muss (wenns die noch gibt).

Aber stirbt nicht die Welt, die wir kennen schon jetzt jeden Tag ein bisschen? Ist es nicht bitter zu erfahren, dass wir schon jetzt auf jedem Schritt vom Tode und Vergänglichkeit umfangen sind? Als ich an die Tür meines Friseursalons “Alanya“ klopfe, wird mir nicht aufgemacht. Durch die gläserne Tür sehe ich verpacktes Mobiliar in einem dunklen, menschenleeren Raum. Es ist vorbei mit den Habibis. Es konnte ja nicht gut gehen mit einem Laden, in dem immer mehr gutfrisierte Friseure herumstanden als Kunden hereinkamen. Wirklich schade, ich habe sie alle gemocht, auch wenn jedes Mal ein anderer Haarkünstler sich an mir versucht hat und der Arabipop aus den Fernsehen manchmal nervte. Aber im Wedding macht gefühlt jeden Monat ein Friseurladen zu und ein anderer um die Ecke neu auf. Deswegen ist meine Trauer so kurz wie der Weg von der Seitenstraße zur Hauptstraße. Etwas Altes vergeht, damit etwas Neues entsteht. So sind die ewigen Gesetze, die auch mein Yogalehrer mich lehrt. Das Neue hat sich einen großen Friseursalon aus den 1960er Jahren ausgesucht, der lange leer stand. Er nennt sich jetzt „Hung Style“. Das ist wenig Vertrauen erweckend. Will ich meine Haare tatsächlich “nach Art des Gehängten“ frisieren lassen? Oder gut abgehangen, wie das früher hieß (aber beim Metzger).

Hm, wie immer siegt die Neugier über die Zweifel, und ich drücke den großzügigen Türknauf aus Messing, der von vergangenen, bessern Zeiten übrig geblieben ist. Auch drinnen hat sich das Flair der Wirtschaftswunderzeit erhalten. Der Salon ist riesig und vor meinem Auge sehe ich die Reihen mit Frisierhauben, die einen Höllenlärm machen, während sie die Dauerwellen von Frauen, deren Trevira-Kostüme von geblümten Nylon-Umhängen verdeckt werden vor der Kommunion oder anderen großen Festen wieder in Form bringen. Es riecht nach Haarfestiger von Wella und heißem Tantenhaar.

Doch das ist nur eine Erinnerung. Der Salon, den ich jetzt betrete ist leer bis auf eine einzelne Dame, weit hinten im Raum und einem kleinen, drahtigen Mann, der mir das einzige Wort entgegenschleudert, das er in der für ihn fremden Sprache zu kennen scheint: “Maschinesnitt?“ bellt er mehr als dass er fragt. Und als ich nicke weist er mich auf einen dicken, soliden Friseursessel aus den alten Zeiten. Und ich sage “9 Millimeter“. Fünf Minuten später ist er präzise ein paar Mal mit der surrenden Maschine um meinen Kopf gekreist, hat kein Wort verloren, hat noch mal im Nacken nachgearbeitet und löst den Knoten meines Frisierumhangs an meinem Hals. Ich deute auf meine Augenbrauen. Er geht schnell mit der Maschine drüber. Nach einem Spiegel für die Kontrolle von hinten, nach Rosenwasser und freundlichen Worten wage ich gar nicht mehr zu fragen. Wortlos zahle ich die 10 Euro, die im Display der Kasse erscheinen und bin wieder draußen. Das war kein Genuss. So ähnlich stelle ich mir den Friseur in einem Gefängnis vor.
Das süße Leben ist wohl vorbei. Es stehen mir harte Zeiten bevor.

Vatertag

Rheinsöhne

Es ist nicht mehr so einfach, meinen Jungs was vorzumachen. Statt magischen Wesen vertrauen sie lieber Ninjas oder Pokemons, die es ja ganz real in Papas Handy gibt und mit denen man Abenteuer erleben und kämpfen kann. Es ist ja auch nicht so einfach, noch an so was wie den Weihnachtsmann zu glauben, wenn der sich, wie letztes Jahr, so dermaßen blamiert hat. Alle drei hofften auf eine aktuelle Spiel-Konsole. Und was brachte der Weihnachtstrottel: Eine gebrauchte Wii von Nintendo, 10 Jahre alt, die er bei “rebuy“ besorgt hatte. Weil der Weihnachtsmann ja auf Nachhaltigkeit achtet. Und auf’s Geld. Das wäre ja noch nicht so schlimm gewesen, wenn das Ding wenigstens funktioniert hätte. Aber selbst die Schwiegermutter, immerhin gelernte Elektroingenieurin, kriegte das altersschwache Gerät nicht zum Laufen. Dem Weihnachtsmann blieb nichts anderes übrig, als zu reklamieren und noch mal zu reklamieren: Man kennt das ja. Irgendwann gab es dann wenigstens das Geld zurück. Die Kinder fragten ab und zu noch mal, aber zum Glück ist das Langzeitgedächtnis in dem Alter noch nicht so lang und die Sache war bald vergessen. Aber wenigstens dem Kleinen sollte der Glaube an den Weihnachtsmann nicht so früh verloren gehen. Also dachten meine Schwester und ich uns eine verwegene Story aus: Meine Schwester arbeitet bei der Post. Und der Weihnachtsmann habe das Geschenk, das nicht funktioniert hat, bei der Post zurückgegeben und eine neues Geschenk liege deshalb bei meiner Schwester bereit, wenn wir sie am Vatertag besuchen kommen. Zugegeben: Die Story ist hanebüchen und wurde von den zwei 10jährigen sofort mit spöttischen Kommentaren auseinander genommen. Aber als ich durchblicken ließ, dass der Weihnachtsmann nicht noch einmal enttäuschte Kindergesichter sehen wollte und deshalb das neueste Modell, eine “Switch“, besorgt hätte, machte sich auf der Zugfahrt ins Rheinland sogar so etwas wie gespannte Vorfreude breit.

Die Überraschung gelang: Kaum bei meiner Schwester angekommen, versteckte ich das Paket im dunklen Keller und ließ die Jungs suchen. Wie die Trüffelschweine rasten sie durchs Haus und kamen mit dem aufgerissenen Paket ins Wohnzimmer, herzten und lobten ihren Vater und die Tante. Und als ich wieder davon anfing, dass das ja der Weihnachtsmann… sagten sie nur: Ja, ja, natürlich. Aber weil sie dankbar waren und mir und ihrem kleine Bruder einen Gefallen tun wollten, spielten sie mit, dankten dem Weihnachtsmann und sagten meine Geschichte noch mal auf.

So richtig war damit aber noch nichts gewonnen. Wir mussten erst an einen Ort gehen, an dem man von allen guten Geistern verlassen ist, um den Glauben an das Übernatürliche wieder zu finden. Also fuhren wir mit der Deutschen Bahn an einem Sonntag nach einem langen Wochenende zurück nach Berlin. Wir gerieten in den trödeligsten Trödelzug, wie es mein Jüngster später nennen würde. Ungezählte Baustellen und eine defekte Tür ließen die 20 Minuten Umsteigezeit in Köln dahinschmelzen. Und ich musste mit den drei Jungs und zwei Koffern auch noch von Gleis 1 nach Gleis 5. Als wir ankamen war unser ICE offiziell schon abgefahren. Aber wenn man sich bei der Bahn auf etwas verlassen kann, dann ist es die Verspätung. Wir hasteten aus dem Regionalzug, sahen unseren Zug noch auf seinem Gleis stehen, schlängelten durch die Menschenmassen, die unschlüssig herumstanden, schubsten Alte und Gebrechliche aus dem Weg und frästen uns unseren Weg zu Gleis 5. Dort stand er noch, ein riesiger, weißer ICE nach Berlin Ostbahnhof. Unser Zug. Aber der Bahnsteig war leer und die Türen waren schon zu. Ich drückte auf alle Knöpfe, aber es passierte nichts. Aus den Augenwinkeln sah ich den Zugführer, wie er mit dem Lokführer etwas Wichtiges beredete. Sein Blick traf meinen und er sah meine Jungs und unsere Misere. Ein Kopfnicken zum Lokführer und die Knöpfe an den Türen leuchteten wieder. Ein Kopfnicken zu mir, und ich wusste, dass wir gerettet waren. Allmächtiger! Mein Finger berührte den grün leuchtenden Knopf, und die Tür öffnete sich für uns. “Papa Glückshand hat die Tür auf magische Weise geöffnet.“ tippte mein Mittlerer in eine Nachricht an meine Schwester. Na bitte. Wenn schon nicht an den Weihnachtsmann, dann glauben sie jetzt wenigstes an die magischen Kräfte des Vaters. Soll mir recht sein.

Und ABBA glaubt sogar an Engel.

Born to ride

Die vollen Haare noch nackenlang, die Sonnenbrille cool nach oben geschoben und die dicke Lederjacke halb offen – so sitzt er vor dem Frühstückscafé und blickt in die Ferne. Vor sich einen Pott Kaffee, schwarz wie die Seele, wie sich das gehört und neben sich sein schwarzes Bike. Ich frage ihn, ob ich mich mit meinem Kaffee zu ihm setzen darf und er nickt schweigend. “Kalt“, sage ich fröstelnd. “Is ja keen Sommer.“, sagt er und schweigt weiter. Das kenne ich von vielen Motorradtreffen. Mann lebt, um zu fahren, nicht um zu reden. Nach ein paar Minuten drückt er sich ächzend hoch. Er ist ein großer, stattlicher Kerl. Dann nimmt er seinen Stock und trippelt zu seinem Cruiser Marke “Rollelektro“. Von hinten sehe ich den stolzen Harley-Davidson-Adler auf seiner gepflegten Jacke. “Hast du ne Harley?“, frage ich ihn. „Ja, ne richtige.“, kommt es kräftig zurück. „Aber seit dem Schlaganfall trau ick ma nich mehr. Einmal bin ick umjefallen, dit reicht ma.“ Er schaut mich nicht an. Er ist zu beschäftigt seinen Stock an seinem neuen Gefährt zu verstauen und den Sitzring an seine Position zu legen. Steif wuchtet er sich auf den Sattel und schnauft noch mal durch, bevor er kernig am Gasgriff dreht. Die Leute auf dem Gehweg machen einen Schritt zur Seite als er angerollt kommt und ich sehe noch, wie er sich an der nächsten Kreuzung mit einer lässigen Geste die Sonnenbrille ins Gesicht schiebt.

Hin und Her

Wieder so ein zerrissenes Wochenende. Die Zwillinge bleiben bei ihrer Mutter, weil sie am Samstag am “Havellauf“ ihres Sportvereins teilnehmen. Also hole ich nur den Kleinen ab. Ist auch lange her, dass ich mal mit ihm ein Wochenende alleine war. Corona hat die ganze Familie erwischt. Schön nacheinander, erst die Kinder, dann die Mutter. Das hieß drei Wochen die Kinder nicht sehen, zumindest nicht alle auf einmal. Und was heißt schon Wochenende? Freitag Nachmittag eine Stunde nach Brandenburg, abends eine Stunde zurück. Aber der Kleine ist ein Wunder. Als ob ich gestern aus der Tür gegangen wäre strahlt er mich an und will auf meinen Arm. Auch die beiden anderen geben mit das Gefühl, nichts falsch gemacht zu haben. Am Samstag dann ins Kino, dass hatte ich meinem Jüngsten versprochen. Mit Irgendwas muss ich ihn ja locken, sich mit mir in der Dämmerung eine Stunde in S-Bahn, Straßenbahn und U-Bahn zu setzen. “Gangster Gang“ ist ab 6 Jahren, aber selbst wenn sie auf die Hälfte der Action-Szenen und Schnitte verzichtet hätten, wäre es für mich mit 60 noch zu viel. Meinem Kleinen fällt die Popcorntüte und die Kinnlade runter, aber sonst bleibt er ruhig. Als eine Horde Zombie-Meerschweinchen mit glühenden Augen sich auf die Helden stürzt, will ich ihm die Augen zuhalten, aber er nimmt nur die Hand und hält sie fest. Unter Pixelgewittern halten wir tapfer aus bis zum Abspann. Ich frage ihn draußen, was er gesehen hat. Er zuckt die Achseln. Erinnert sich nicht an Wolf, Füchsin oder Schlange. Alles nur ein Rauschen für ihn? Er reagiert sich auf dem Fahrrad ab. Wettrennen um den Block und dann in den Park, Stöcke sammeln. Von weitem sehen wir ein Wildschwein und drehen eine Runde zu weit. Fußlahm kommen wir beide am Eiscafé an und die Welt ist wieder in Ordnung. Die Stöcke werden sorgsam im Garten versteckt. Abends lässt er seine großen Augen so lange kullern, bis er in meinem Bett schlafen darf. Ich schlafe auf dem Sofa, so tief wie lange nicht.

Sonntag geht vorbei. Ohne dass ich es merke, hat er rausgekriegt, wie man mit dem Handy Fotos macht, ohne den Code zu kennen Ich halte mich an meinem Kaffee fest. Aus Lego baut er etwas, das aussieht wie eine Hochseefähre. Was das sei, frage ich ihn. „Ein Schiff, ein ganz normales.“, antwortet er. „Es kann fliegen“. Ich schaue auf die Uhr, suche Schlaftiere, Unterhosen und Schals zusammen, aber er will nicht los. Das Schiff muss noch umgebaut werden, zwischendurch kracht die ganze Konstruktion zusammen, aber er arbeitet weiter, als ob er einen Plan hätte. Es hat keinen Sinn jetzt zu drängeln. Irgendwann sagt er “Fertig“ und dann ist er es auch.

Und schon sitzen wir wieder in der Straßenbahn, Maske im Gesicht. Wir sind eine Stunde zu spät und werden die S-Bahn auch noch verpassen. Ich lasse ihn mit dem Handy Fotos machen und überlege mir schon ein paar Argumente für den Schlagabtausch mit der Mutter. Es wird aber nur ein Geplänkel und als die Sonne schon weg ist, führen meine drei Jungs mir noch eine Hüpf-Show auf dem Trampolin vor. Sie sind beweglich wie Klappmesser und ihr Gehüpfe hat was von Hip-Hop. Bald sind es keine Kinder mehr.

Zu Hause steht noch die halbvolle Tüte Popcorn auf dem Tisch. Ich stopfe sie in mich rein, während ich alte Comedy-Sendungen auf YouTube schaue, und spüre wieder Leben in mir.

Als ich ein Impfgegner war

Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32870

Man muss nicht besonders blöd sein, um Impfgegner zu sein. Klappt auch mit Abitur. Ein bisschen jung und ein bisschen wirr im Kopf zu sein reicht schon. Und das war ich, als ich Anfang der 80er meine ersten Erfahrungen mit Viren machte. Viren, gegen die es bis heute keine Impfung gibt.
Dabei hat es bei mir an guten Vorbildern nicht gefehlt. Der Leiter unserer Krankenpflegeschule warnte uns mit drastischen Bildern. „Wer nicht gegen Wundstarrkrampf geimpft ist, der spielt mit seinem Leben russisches Roulette. Ein rostiger Nagel reicht. Und es gibt keine Rettung.“ Wir grienten ihn an. Genau so gut hätte er uns wegen der Syphillis sexuelle Enthaltsamkeit predigen können. Keiner von uns war bis dahin ernsthaft krank gewesen. Ein bisschen Masern und Mumps. Das wars.
Es war dann kein rostiger Nagel, sondern eine rostfreie, glänzende Kanüle, die ich mir in den Finger gerammt habe. Bei meinem ersten Praxiseinsatz „auf Station“ wie wir das stolz nannten. Klang wie „auf Schalke“ und hatte zumindest den Schichtdienst und den weißen Arbeitsanzug mit der Maloche von Kohlekumpeln gemein. Meine erste Station in der Uni-Klinik Heidelberg hieß „Griesinger“, sicher nach einem berühmten Forscher, mich hat das nie interessiert. Griesinger war offiziell die Infektions- und Entgiftungsstation, etwas abgelegen von der Klinik in einem separaten Haus. Aber in Wirklichkeit war sie die Ausnüchterungszelle von Heidelberg. Wenn ich morgens zum Frühdienst kam waren die Zimmer voll mit Menschen, die in der Nacht von der Polizei oder den Sanitätern als „hilflose Person“ angeliefert worden waren und von allem Möglichem zu viel im Blut hatten: Schnaps, Drogen oder Viren. Manche von allem etwas. Und von genau so einem Patienten sollte ich die Bluttransfusion abräumen, die ihm in der Nacht das Leben gerettet hatte. Seine Leber war bretthart und ließ kein Blut mehr durch. Dafür platzen dann die Venen an einer anderen Stelle. Auf der Station Giesinger waren die Zimmer gekachelt. Der zerknautsche Beutel und die blutige Kanüle lagen schon in eine Nierenschale aus Pappe. Alles was ich als Krankenpflegeschüler im ersten Lehrjahr zu tun hatte, war diesem unappetitlichen Müll in den Schmutzraum zu bringen, in einen sicheren Behälter, damit sich an der scharfen Kanüle keiner mehr stechen konnte. Ich weiß nicht mehr, wie ich es schaffte mit meinen fahrigen Fingern als erstes mitten auf die Kanüle zu langen. War es nach einer durchgefeierten Nacht im Schwesternwohnheim, war es der herbe Duft von „white linnen“, dem Parfüm der Assistenzärztin mit den schönen Augen, die natürlich für mich wuschelköpfigen Azubi auf der untersten Rangstufe unerreichbar war, der noch auf dem Flur hing? Egal. Auf jeden Fall wusste ich, dass der Patient Hepatitis B hatte, und dass die über Blut übertragen wird. Darüber hätte ich mir keine Sorgen machen müssen, denn unser guter Schulleiter hatte allen seinen Schäfchen eine Impfung ermöglicht. Eine ganz neu entwickelte Impfung gegen die auch ziemlich neue Hepatitisform. Ein Privileg für besonders gefährdete Mitarbeiter der Klinik. Natürlich gab es keinen Impfzwang. Aber der altväterliche Mann vertraute darauf, dass die Aussicht, den Rest seines Lebens mit gelben Augen und einer zerfressenen Leber existieren zu müssen, die jungen Leute schon an die Spritze bringen würde. Stimmte damals leider so wenig wie heute. Wir waren ein verschworener Haufen, damals in der Krankenpflegeschule in der alten Zigarrenfabrik: Abgebrochene Studenten, Ökos mit Sandalen, New Waver, die außerhalb der Klinik nur Schwarz trugen. Die Ausbildung brachte uns zusammen mit christlichen Adventistinnen und ein paar bodenständigen, kurpfälzischen Realschülerinnen. Wer von den paar Männern in der Klasse etwas gelten wollte, organisierte sich in der Gewerkschaft ötv oder in der Redaktion der Krankenpflegezeitung „Darmrohr“. Und die Stars waren die Jungs von der Band „Absolute Arhythmie“, was eigentlich ein lebensbedrohlicher Zustand ist. Doch wir taten so, als fürchteten wir nicht Tod noch Teufel. Wer jeden Tag mit Scheiße, Blut und Sterbenden zu tun hat, entwickelt einen eigenen Stolz. Kritisch waren wir allem gegenüber, was von der Lehrerschaft kam, so auch bei der Impfung. Wir waren doch keine Versuchskaninchen für einen neuen, unerprobtem Impfstoff, der den Pharmakonzernen neue Profite versprach. Außerdem waren wir Anfang 20 und damit per se unverwundbar.

Bis zu dem kleinen Piks an der blutigen Kanüle. Mir wurde heiß und kalt. So viel Mut, die Sache einfach zu verschweigen und durchzustehen hatte ich dann doch nicht. Mein Kopfkino ging an. Schließlich sah ich ja jeden Tag, was aus dem Leuten wurde, die sich infiziert hatten. Mit roten Ohren berichtete ich mein Malheur dem Oberarzt, dem selben, der mir auch die Impfung hätte geben wollen. „Warum sind sie nicht geimpft?“, brummte er mich illusionslos an. Ich nuschelte etwas von … unbekannte Nebenwirkungen, gute Abwehrkräfte wegen biologischer Ernährung…., aber er hörte schon nicht mehr zu, sondern füllte schon einen Zettel aus, in der er mir zwei Dosen Gamma-Globuline verschrieb. Gamma-Globuline werden aus menschlichem Blut gewonnen. Es sind Abwehrstoffe, die das Ausbreiten einer Infektion verhindern sollen. Damit bot mir der Arzt nach bestem Wissen das beste und teuerste an, was die Medizin, 1984, zu bieten hatte. Aber es war wie „puttin out fire with gasoiline“, wie Bowie zur gleichen Zeit sang. Was der Arzt nicht wusste, was ich nicht wusste, was aber bald in allen Zeitungen stand: dass dieses gelbliche Zeug aus hunderten, ungeprüften Blutkonserven aus den Armenvierteln der Welt zusammengepantscht wurde. Hier hatte die Pharmaindustrie wirklich ihr dreckiges Business durchgezogen. Was da in meine Adern lief, hätte eine der Chargen sein können, die gegen alle Vorschriften, nicht so behandelt waren, dass alle Viren abgetötet wurden. Und es gab da ein neues Virus, das gerade in den USA bei Schwulen und Drogensüchtigen seltsame Symptome hervorrief. Auf unserer Station lag eine Prostituierte, die diese Symptome hatte. Sie wurde in ein extra Zimmer mit Isolationsschleuse untergebracht – wie ein Alien. Keiner wusste, was da los war. Später erfuhr ich, dass viele Blutprodukte in Deutschland mit HIV verseucht waren. Alle Aufsichtsbehörden hatten geschlafen. Das Bundesgesundheitsamt, das darüber hätte wachen sollen, und zu dem auch das Robert-Koch-Institut gehörte, wurde wegen des Skandals zehn Jahre später aufgelöst. Ein Jahr lang habe ich nach meiner Ausbildung auf einer HIV-Station gearbeitet. Alle Patienten dort hatten ihre Krankheit durch infizierte Blutprodukte bekommen. Ich hatte Glück. Aber seither ist mein Impfpass mit Stempeln übervoll. Wogegen man sich impfen lassen kann, lasse ich mich impfen. Hepatitis, Tetanus, Grippe…. Ich bin so eifrig, dass ich mir vor meiner ersten Covid-Impfung einen neuen Pass besorgen musste.

Das Bild da oben zeigt übrigens das HI-Virus auf einer Zelle. Sieht doch harmlos aus, so wie ein kleines, rundes Männchen mit kurzen Beinen, das gleich in eine tiefe Delle purzelt. Lustig nicht? Ich will euch ja bei allem Ernst nicht die Laune verderben.

Aus der Weihnachtsbäckerei

Als ich ein Kind war, und es gab in der Adventszeit ein besonders rotes Abendrot, dann sagte meine Mutter zu mir: “Das sind die Engelchen, die helfen dem Christkind, Weihnachtsplätzchen zu backen.“ Das glaubte ich natürlich. Denn rote Glut sah ich im Winter immer im gusseisernen Ofen in unserer Küche (in der auch mein Lieblingskuschelhund verschwand, nachdem ich drauf gekotzt hatte, als ich Blinddarmentzündung hatte), und ich sah auch, wie meine Mutter den Plätzchenteig machte, mit viel guter Weihnachtsbutter vom Butterberg und nach einem Rezept von Dr. Oetker. Das ganze wurde durch den Fleischwolf gedreht. Vorne war eine schmale Schablone, durch die der Teig herausquoll. Ein endloses Band das in Schleifen, Schlangen oder Kringel gelegt wurde. Daraus wurden dann duftende Berge von Spritzgebäck, mal mit Schokoladenguss an den Spitzen, mal ohne. Die mit Schokolade waren natürlich am schnellsten weg.

Heute habe ich eine Gasheizung mit blauer Flamme und weiß längst, dass das Rot beim Abendrot von der Luftverschmutzung kommt. Deshalb glüht der Himmel über Berlin abends ja oft in besonders flammenden Farben. Natürlich weiß ich auch, dass die Weihnachtsgeschenke vom DHL-Mann gebracht werden. Aber Engelchen, Engelchen, die Weihnachtsgeschenke basteln, die gibt es immer noch. Ehrlich!
Sie heißen Birgit und Matthias und sie haben mir dabei geholfen, ein feines, kleines Buch zu veröffentlichen, um es euch unter den Weihnachtsbaum zu legen.

Es heißt „Das Wunder vom Sparrplatz“. Birgit hat es tatsächlich geschafft, in meinen mittlerweile mehr als 250 Blogbeiträgen über Gott und die Welt einen roten Faden zu finden. Sie beschreibt das im Vorwort so:

„Das Wunder vom Sparrplatz“, das sind Erzählungen eines Vaters aus dem rauen Berliner Stadtteil Wedding. Das ist ein Vater mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen. Ein (manchmal etwas melancholischer) Single-Mann, der allein oder mit seinen Kindern durch seinen Kiez im Wedding streift. Dabei richtet sich seine Aufmerksamkeit ganz auf das Leben auf der Straße, auf die kleinen Alltagsszenen, die sich in den Cafés seines Viertels, beim Friseur oder auch am Spielplatz entfalten. Ein Flaneur mit Kinderwagen.

Ins Buch gekommen sind fast dreißig Geschichten aus sieben Jahren. Von Kindern und Abenteuern, von grauen Straßen, großem Glück und kleinen Fluchten. Und von Wundern natürlich, die immer wieder geschehen können. Es schneit auch viel in den Erzählungen.
Matthias hat das alles professionell mit vielen Korrekturschleifen in einer wunderschönen Schrift gesetzt und jetzt ist es ein richtiges Buch geworden. Ich freu mich sehr darüber. Es ist etwas ganz anderes, einen Text in ein Blog zu tippen, oder einen Text für ein Buch vorzubereiten. Zu sehen, wie die Rechtschreibfehler verschwinden und manche Brüche in den Erzählungen, wie aus Flattersatz ein solider Blocksatz wird und der Stolz zu erleben, die letzten Korrekturfahnen in der Hand zu halten. Es war ein Abenteuer eigener Art. Und ich glaube, es hat sich gelohnt. Dass wir es geschafft haben, es jetzt noch vor Weihnachten herauszubringen, ist sowieso ein Wunder. Es ist natürlich das ideale Geschenk für alle, die schöne Bücher lieben. Schaut mal rein – es lohnt sich. 😉

Das Buch ist bei bookmundo.de im Selbstverlag herausgekommen.

Wer möchte, kann es dort direkt bestellen (leider mit 4,99 Euro Versandkosten, egal wie viele Bücher man bestellt).

Aber viel schöner ist es ja sowieso, sich das Wunderbuch in einer richtigen Buchhandlung abzuholen. Im Wedding gibt es das Buch natürlich in der einzigen inhabergeführten Buchhandlung im ganzen Kiez: belle et triste in der Amsterdamer Straße. Ihr könnt es in jeder anderen Buchhandlung bestellen unter der ISBN 9789403644677

Ihr könnt es auch direkt bei mir bestellen. Einfach eine Mail an info@kafkaontheroad.blog

Dann kostet es 8,50 Euro und 2 Euro Versand.

Tja, und jetzt bin ich mal gespannt, wie es euch gefällt.

Rolf Fischer
Das Wunder vom Sparrplatz
Selbstverlag bei bookmundo.de
ISBN 9789403644677
80 Seiten, 8,50 Euro

Blue Hour

Ich muss raus, muss ne Runde drehen. Es ist sieben Uhr am Abend und die letzte Videokonferenz ist vorbei. Ich will noch was vom Leben sehn. Draußen sind schon die Lampen an, aber der Himmel ist noch nicht schwarz. Blaue Stunde. Aber kein Grund traurig zu sein. Im Wedding ist immer was los. Im Wedding ist alles möglich. Beim Frisör brennt noch Licht. Warum nicht, denke ich? Mein alter Laden, aber wieder ein neuer Scherenkünstler. Zehn Minuten beschäftigt er sich allein mit meinem Nacken. Was soll das? Interessiert doch niemand. Ich sag ihm, er soll einfach die Maschine nehmen und einmal drüber gehen. Er ist enttäuscht, ich geb ihm ein gutes Trinkgeld und bin wieder auf der Straße. Das ist kein Abend, den man drinnen verbringt. Der Sommer ist spät dran, aber es ist warm, überall Lichter und Leute. Zum Döner? Dafür muss ich am Café Lale vorbei, vor dem sie vor ein paar Wochen drei Leute umgeschossen haben. Die weißen Kreidekreise, mit denen die Patronenhülsen von der Polizei angezeichnet wurden, waren noch lange auf dem Pflaster zu sehen. Komisch, heute sitzen hier nur Deutsche hinter den Shisha-Pfeifen und den Bildschirmen mit türkischen Popsongs. Irgendwas ist anders. Auch beim Döner. Ein alter Mann bedient mich, den ich noch nicht gesehen habe. Er kann noch nicht lange hier sein, denn er kennt noch die gute Sitte, dass man zu einer Linsensuppe nicht nur Brot, sondern auch eine kleine Schale mit Gemüse reicht. Paprika, ein paar Zwiebelringe, scharfe Peperoni. Es gibt einen Platz für mich in diesem Döner-Laden, der ist drinnen, aber man sitzt trotzdem draußen. Im Sommer geht das, wenn sie die Fenster ganz zur Seite schieben. Unter der Markise leuchten ein paar Glühbirnen. Nebenan ein Eisladen. Südfrankreich, denk ich. Das hätte van Gogh malen können. Die Lichter, der tintenblaue Himmel. Ein junger Kerl kommt vorbei. Rote Locken, kurze Hose, er schlenkert eine Bierflasche. Die Ohren sind noch dran. Ein Typ, den man überall treffen könnte. An jedem Ort, der einen Flughafen hat. Ich versuche mich in eine einsame Melancholie fallen zu lassen. Aber es geht nicht mehr. Vor ein paar Stunden habe ich mit einer jungen Frau telefoniert, die mir die Krankenkasse verordnet hat. „Sie sollten auf ihre Schlafhygiene achten. Immer zur gleichen Zeit ins Bett, immer zur gleichen Zeit aufstehen.“ Ach Mädchen, hast du nichts anderes? Ich bin doch noch nicht in Rente. Ich hab doch noch ein Leben. Das hier zum Beispiel. Ich zieh weiter, vorbei an einer kauernden Frau mit stumpfen Haaren, die ein Eis isst, vorbei an jungen Chinesen, die wahrscheinlich ihren ersten Döner essen und großen Spaß dabei haben. Biege links ein. Die Eckkneipe ist leer und die Barfrau fegt mit Mundschutz den Dreck raus. Die Pizzeria Sole Mio brummt. Der mürrische Wirt hat seine Plastiktische den ganzen Gehsteig bis zum Künstleratelier aufgestellt. Stiernackige Biertrinker sitzen unsicher im Halbdunkel. Wahrscheinlich sind’s die Kerle, die sonst in der Kneipe hocken. Auch sie vom Sommerabend verzaubert? Kaum zu glauben. Auch im Atelier was Neues. Statt des alten, langhaarigen Zottels, der sich in seinen rostigen Müll-Installationen vergraben hatte, sitzt ein junger Mann im aufgeräumten, strahlend erleuchteten Atelier. Bunte Bilder an den Wänden und eine junge Frau mit blauen Haaren neben ihm. Ihr schwarzes Oberteil hat Träger mit Nieten und Ösen. Ihr Punk passt nicht zu den mystischen Motiven. Aber vielleicht bringt sie ihn auf neue Ideen. Als ich in die Straße zu meiner Wohnung einbiege, läuft ein Mädchen vor mir her. Ihr rot weiß gestreifter Faltenrock hängt schlaff, die dünnen Beine enden in Chucks, diesen halbhohen Turnschuhen, und schlurfen kraftlos übers Pflaster. Einen Moment denke ich, eine ältere Kollegin vor mir zu haben, die sich oft zu jung anzieht. So schwer ist ihr Gang. Aber dann seh ich , dass die Kleine heult, herzzerreißend, wie nur Kinder heulen können. Sie drückt etwas an sich. Eine Tasche oder ein Kuscheltier? Und sie läuft nirgendwo hin, sondern vor etwas weg. Rein ins Dunkle. Liebeskummer, totes Meerschweinchen oder Schläge? Im Wedding ist alles möglich.

Call a Papa

Man braucht nicht in Berlin bei den „Gorillas“ zu arbeiten, um sich zum Affen zu machen. Es reicht eine kranke Prinzessin am Samstagmorgen, die um die Ecke wohnt. Immer, wenn mein Handy drei Mal klingelt, weiß ich: Neue Nachrichten von meiner Tochter. Diese nachhaltige Jugend schafft es einfach nicht, einen Gedanken in eine Nachricht zu packen. „Ich hab ne fette Erkältung“ „Hast du“ „Sinupret forte“ Pause: „Danke“. Ich bin ja froh, dass meine Tochter überhaupt noch per SMS mit mir in Kontakt bleibt. Und das Kind ist in Not. Also stürze ich in die nächste Apotheke und dann zu ihr. Sie wohnt ja um die Ecke, schon seit einem halben Jahr. Was nicht heißt, dass wir uns oft sehen.
Sieht wirklich krank aus, das Kind. Und die Wohnung, und die Blumen. „Ich war nicht viel zu Haus“, entschuldigt sie sich. Ich weiß schon, neuer Job, Wahlkampf von Tür zu Tür… „Da hast du dir das bestimmt geholt“, vermute ich mit Anerkennung. „Oder von den Jungs, letztes Wochenende“, schnieft sie. Sie meint meine Jungs, die kleinen, auf die sie, großes Lob!, zum ersten Mal seit sie geboren sind mal einen Samstagabend aufgepasst hat. Natürlich hatten die Jungs eine Rotznase, aber wann haben sie das nicht? „Kann nicht sein.“, verteidige ich meine Brut, „Dann hätt ich’s ja auch.“ Und natürlich hatte ich es auch, aber das braucht ja hier keiner zu wissen und außerdem hab ich mich nicht so angestellt deswegen. Hatte ja auch kein Publikum. Die Tochter liegt mittlerweile auf dem Divan hingestreckt, große Pose, ganz sterbender Schwan. War die Tanzschule bis 18 doch nicht ganz umsonst. Umsonst war sie sowieso nicht. „Du gehst jetzt besser, sonst fängst du dir auch noch was.“, stöhnt sie mit letzter Kraft. Ihre Fürsorge rührt mich. Und seit Corona ist sie nebenberuflich Infektologin. Keine Widerworte möglich. „Corona-Taliban“ nennt das ihre Mutter. Ja und schließlich hab ich ja auch was zu besorgen. Auch ich habe die erste Woche beim neuen Job hinter mir, auch ich brauche was zum Leben. Nach meiner Runde durch den Kiez sitz ich mit gefüllten Taschen vor dem Bio-Laden und lese die Taz. Alle 14 Tage gönn ich mir das. Sonst wüsste ich ja nicht, dass die Chinesen uns Europäer in Afrika als die alten Kolonialisten anschwärzen, um selber kräftig auszubeuten. Wer Zeitung liest, erfährt was von der Welt. Und die bezaubernde Studentin, die am Wochenende aushilft (ja, ich bin schon so alt, dass ich junge Frauen „bezaubernd“ finde) kocht mir auch noch einen Kaffee dazu. Aber zwei mal klingelt das Telefon. „Kannst du noch Taschentücher mitbringen“ „und Klopapier“. Natürlich, Herzenskind, ich bin schon unterwegs. Und weil ich mich nicht noch mal in die EDEKA-Hölle am Samstagvormittag stürzen will, geh ich in den Späti gegenüber und zahl das Doppelte. Alles für meine Tochter. Vor der Haustür stoße ich fast mit einem Kerl in rosa Dienstkluft zusammen. Einer von denen, die so eckige Nylontaschen auf dem Rücken tragen. Ich klingele, mir wird aufgetan und ich haste die Treppen hoch. Durch den Türspalt darf ich die Sachen reichen und bekomme ein verschnupftes Danke dafür. Wieder draußen ist der Lieferdienst immer noch da. Mit leichtem Akzent nennt er fragend meinen Namen. Ich sage ja, und er drückt mir zwei Papiertüten mit Lebensmitteln in die Arme und ist weg. Haltmal, denke ich, wie immer zu langsam. Bin ich hier der Ausputzer? Bin ich nur noch gut für die Sachen, die meine Tochter nicht mehr vom Lieferdienst gebracht bekommt, oder die sie in ihrem Tran vergessen hat, zu bestellen. Sehr sehr mürrisch steige ich ein drittes Mal die Treppen hoch. „Ach, hatt ich ganz vergessen,“ säuselt meine Tochter, als hätt ich sie bei einem verbotenen Rendezvous erwischt (obwohl ich ihr ja nichts verbieten kann und obwohl das jetzt Date heißt) „Aber danke“.

Und wenn sich jetzt eine wundert, warum ich zu der ganzen Geschichte Fotos vom alten Flughafen Tegel zeige, dann ist das, weil ich eine Stunde nach dem ganzen Drama mit einem Freund zu einem Konzert mitten in der Ruine gefahren bin. Eine Frau, die sich Suzuki nennt und ein Herr namens Scanner haben den morschen Beton noch mal so richtig beben lassen. Mein erstes Konzert seit Corona. Pathetische Klavierakkorde klangen durch die verlassenen Gänge. Blixa Bargeld ließ alle Alarmsirenen auf einmal heulen. Ick lass mer doch von soner Rotzjöre nich dit Wochenende vermiesen.

P.S: Heute hab ich noch mal ne Nachricht geschickt, wie‘s ihr geht. Und was kam zurück? „Bin noch nicht ganz“ „Gesund“

Auf Linie

Würde die Welt eine bessere sein, wenn die Frauen die Macht hätten? Diese Frage lässt sich nicht leicht beantworten. Aber wenn ich einen Blick auf die Bereiche werfe, in denen die Frauen jetzt schon das Sagen haben, lässt das bei mir zumindest nicht allzu große Hoffnungen für die Zeit nach der Niederwerfung des Patriarchats entstehen. Ich rede von der Grundschule. Ich rede von der Wunschliste der Lehrerinnen zum Anfang des neuen Schuljahres, von Lineaturen, Heftformaten und Schnellheftern.
Die SMS, die ich von der Mutter meiner Söhne bekam, klang wie beiläufig: „Kannst du bei McPaper vorbeigehen und einen Schnellhefter in grün -aber nur von Durable, keinen anderen, und zwei Geometriehefte Lineatur 24 mitbringen?“ Sie ahnte nicht, dass sie mich damit auf eine Reise schickte, die mich einen sonnigen Nachmittag und den Rest meiner Nerven kostete. Diese Reise kafkaesk zu nennen, wäre hier am Platz. Aber ich habe dabei auch viel über unser Land gelernt.
Bei McPaper stehe ich vor dem Regal mit den Schulheften und verstehe die Welt nicht mehr. Später werde ich erfahren, dass es in Deutschland mehr als 30 verschiedene Lineaturen gibt, dazu noch mindesten drei verschiedene Formate von Din A4 bis Quart und natürlich das alles als Block und als Heft, mit 16 und 32 Blatt mit und ohne Rand… Wer hat sich diesen Wahnsinn ausgedacht? War das schon immer so? Und warum?
Die Verkäuferinnen bei McPaper sind nicht besonders gut in Warenkunde. Aber immerhin können sie mir sagen, dass sich hinter „Geometrieheft“ ein Heft ohne Linien verbirgt. Blanko, sozusagen, weiße Blätter. Das gibt es auch noch. Aber wie kann ein Blanko-Heft eine Lineatur haben? In Deutschland geht alles. Ich finde ein Blanko-Heft mit Lineatur 25 aber ohne Rand, und tue was alle Väter tun: Ich stehe im Laden und rufe die Mutter an, die nicht wirklich geglaubt hatte, das Problem an mich losgeworden zu sein. „Weiß ich auch nicht.“, seufzt sie, „Es muss halt 24 draufstehen, mehr weiß auch nicht.“ Es ist also kein Frage der Pädagogik oder des Kindeswohls, sondern eine Frage der Autorität. Man will der Lehrerin gefallen, in dem man jeden ihrer absurden Wünsche erfüllt. Meine Zwillinge gehen in zwei verschiedene Klassen, im gleichen Jahrgang der gleichen Schule. Ich kann also gut vergleichen. Der eine hat das Schreiben in Blockschrift gelernt, der andere in Schreibschrift. Auch die Mathebücher waren unterschiedlich. Alles nach Ermessen der Klassenlehrerin. Und wenn die Lehrerin wechselt, was oft geschieht, wechseln auch die Anforderungen. Absprache, Koordination, einheitliche Regeln? Fehlanzeige. Alle meckern über den Hick-Hack der 16 Bundesländer. Aber das Problem fängt wohl früher an. Und das Problem hat zwei Seiten: Es gibt eine, die die Regeln aufstellt, und eine, die sie befolgt. Warum sind Mütter, die sonst den Konflikt mit den Lehrerinnen (auf der Grundschule meiner Kinder gibt es keinen Lehrer) um Schulessen, Pausenzeiten oder besondere Coronaregeln nicht scheuen, so devot und so kleinteilig, wenn es um die Schulsachen geht? Und warum wälzen sie diese Aufgabe dann auf mich ab?


Meine Odyssee, die bei McPaper begonnen hat bringt mich in alle Läden, die unsere Müllerstraße, die mal „Kurfürstendamm des Berliner Nordens“ genannt wurde, noch zu bieten hat. Zu Woolworth, zu McGeiz und zu Müllers Drogerie. Überall das gleiche Bild: Ratlose Eltern, mit und ohne Anhang zwischen zerrupften Regalen, die extra für die „Schulsonderaktion“ aufgestellt wurden. Türkische Mütter mit Kopftuch und ganzer Familie in regem wie verzweifeltem Austausch, ein russischer Vater mit Sohn und großer Einkaufsliste, die ich zuerst bei „Müllers“ und dann noch drei Mal mit immer prallerem Beutel treffen werde. Ein arabischer Mann mit Sohn, der ihm die Wunschliste auf dem Handy vorliest, telefonierende Männer… Geheimtipps machen die Runde: Bei „Pfennigland“ soll es noch Blanko-Hefte geben, raunt mir eine junge Frau zu, die gerade eine türkische Frauengruppe beraten hatte. „Pfennigland“, murmele ich vor mich selber hin, und es klingt wie der Name des himmlischen Jerusalems. Dass ich daran nicht gedacht hatte. Hier bin ich Stammkunde. Das ist der Ort, an dem Wunder möglich werden- zu kleinem Preis. Hier finde ich immer die Überraschungen für die Kindergeburtstage und manchmal auch Ersatzteile für mein altes DDR-Fahrrad. Doch als ich ankomme, ist das Regal leer und mein Mut verflogen. Ich könnte noch zu Karstadt, aber meine Kraft reicht nicht mehr. Geschlagen ziehe ich zu McPaper zurück und kaufte zwei Hefte blanko, Lineatur 25 für je 39 Cent das Stück, um nicht mit leeren Händen bei meinen Kindern anzukommen. Vielleicht übersieht es die gestrenge Lehrerin ja und vielleicht müssen meine Kinder nicht unter dem Versagen ihres Vaters leiden. „Ach, das hättest du jetzt nicht machen müssen.“, flötet die Mutter meiner Söhne, „Ich hätte die Hefte auch am Montag noch hier im Schreibwarenladen besorgen können. Aber an den grünen Hefter hast du gedacht? Den gibt‘s nämlich nur bei McPaper.“ Auf meinem dritten Gang in die Welt der Frauen gründe ich in Gedanken und mit wachsender Freude die erste Widerstandsgruppe für die Zeit, wenn das Matriarchat die Macht übernommen hat. Also heute.