Familientradition

Es fing damit an, dass eine Kollegin fragte, ob jemand Quitten haben möchte. Das war ein verführerisches Angebot, denn meine Mutter kochte immer ein wunderbares Quittengelee, in dem meist eine Nelke herumschwamm und auf dem oben ein in Rum getränktes Papier sein Aroma langsam in das rotgolden schimmernde Glas abgab. Immer, wenn ich nach Hause kam, bekam ich ein paar Gläser eingepackt. Und noch Jahre nachdem sie gestorben war und mein Bruder längst das Elternhaus übernommen hatte, standen noch ein paar Gläser im Kellerregal. Meine Schwester, die den Quittenbaum in ihrem Garten hatte, führte die Tradition nicht weiter. Kinder, denen sie die Gläser zustecken konnte, hatte sie keine und für sich und ihren Mann allein fand sie die Prozedur zu anstrengend. Noch eine Weile verschenkte sie die Quitten an die türkischen Nachbarn, dann wurde der Baum gefällt.

Aber natürlich ist sie die erste, die ich anrufe, um zu erfahren, was ich mit den drei Kilo Quitten anfangen soll. „Hast du noch das Rezept von Mama, für die Quitten?“. „Nein, Rezept habe ich keins, aber ich weiß noch, dass sie immer ein Handtuch zwischen die Beine von einem umgedrehten Stuhl gespannt hat.“ Das ist nicht viel, aber ein praktischer Anhaltspunkt. Den Rest erklärt mir eine andere Kollegin – „Immer Gelierzucker 3:1“ – und die Schweizer Landfrauen im Internet.
Dort, wie überall, steht, dass Quitten hart sind, und dass man ein gutes Messer braucht, um sie klein zu schneiden. Aber wieder zeigt sich, dass man nicht alles glauben soll, was im Internet steht. Mit einem 1-Euro-Küchenmesser lassen sich die kernigen Früchte in einer halben Stunde fertig für den Topf machen. Wieder was gelernt. Den großen Topf aus dem Keller geholt und alles ins Wasser gegeben. Dann noch mal das Rezept angeschaut: Der Saft von zwei Zitronen soll ins Kochwasser. Die Flasche mit dem Zitronensaft ist aber alle und jetzt nochmal zum Edeka will ich auch nicht. Unter der Spüle finde ich „Heitmanns Zitronensäure“ – mein Wundermittel gegen das kalkige Berliner Wasser. Aus meinen Ferienjobs in der heimischen Limonadenfabrik weiß ich, dass man das Pulver auch für Lebensmittel gebrauchen kann. Damals schütteten wir säckeweise Zitronensäure und Zucker in einen Bottich und raus kam klare Zitronenlimonade. Aber wieviel Säure ist zwei Zitronen? Beherzt nehme ich einen gehäuften Teelöffel. Das passt immer. 40 Minuten soll alles kochen. Zeit genug, die elterliche Stuhkonstruktion nachzubauen. Tatsächlich passt ein Geschirrtuch genau zwischen die Stuhlbeine und mit etwas Bindfaden um jedes Bein lässt sich damit auch eine belastbare Filteranlage bauen. Und auch der heiße Inhalt des Topfes passt genau in das Handtuch. Ja Mutter, du hattest immer recht! Schau wie dein Sohn in deine Fußsstapfen tritt. Spät zwar, aber immerhin.
Golden fließt der Saft. Die Schweizer Landfrauen raten mir, den Saft über Nacht abtropfen zu lassen. Das mag in der Schweiz richtig sein. Aber in Berlin hat man anderes zu tun, da wird Geschichte gemacht, da muss es flott gehen. Also rühre ich mit einem Holzlöffel im heißen Obstbrei herum, drücke und presse den letzten Tropfen Saft heraus… bis der erste Bindfaden sich löst, dann der zweite und dann der ganze Brei in die Schüssel darunter platscht, der Saft bis an die Wand spritzt (wollte ich sowieso neu streichen) und der Rest auf dem Boden landet. Anfängerpech. So kurz vorm Ziel, lasse ich mich nicht entmutigen. Also neues Handtuch, neue Schüssel, alles noch einmal durchlaufen lassen (ich überlege, ob ich später „feinfiltirert“ auf das Marmeladenetikett schreiben darf?) und die Küche zwei mal durchgewischt, bis nichts mehr klebt. Jetzt lasse ich die Apparatur wirklich über Nacht stehen und gehe erstmal in den Keller – Gläser holen.
Eigentlich finde ich in meinem Keller immer alles, denn ich hebe alles auf. Alte Schuhkartons, Fahrradteile, Weihnachtsschmuck und auch Weck-Gläser -dachte ich. Aber die müssen beim letzen Umzug weck geblieben sein. Und kaufen kann man die auch nicht mehr, denn die Weck-Glasfabrik aus Bonn ist pleite. Zum Glück werkelt der Nachbar in seinem Verschlag und der reicht mir – nur ein bisschen genervt – eine Kiste mit verstaubten Weck-Gläsern aus Ost- und Westproduktion rüber. Wenn ich darin nicht das Richtige finde, solle ich seine Frau fragen. Sagt’s und verschwindet mit seinem Rucksack auf dem Rücken. Ich finde ein paar schöne bauchige Gläschen und sogar passende Gummis und beschließe, meinen Nachbarn genau diese mit den Früchten meiner Arbeit gefüllt wieder vorbei zu bringen, so wie früher der Bauer dem Feudalherrn den Zehnten. Nach Anleitung der Landfrauen koche ich die Gläser im großen Topf aus (zwei Mal, denn beim ersten Mal hat der Kalk im Wasser die Gläser trübe werden lassen. Was hilft? Beim zweiten Mal ein Löffel „Heitmanns Zitronensäure“ – keine bezahlte Werbung – ins Kochwasser und die Gläser funkeln). Ein Griff in die Werkzeugkiste und ein Rollgabelschlüssel ist das ideale Werkzeug, um die heißen Gläser aus dem Wasser zu ziehen. „Man muss sich nur zu helfen wissen.“, meinte mein Vater immer.

Am nächsten Morgen erwache ich mit Kopfschmerzen. Heute muss die Glocke werden. Schwer lastet die Verantwortung ganzer Generationen marmeladekochender Vorfahrinnen auf meinen Schultern. Der große Topf wird mit dem Saft gefüllt. Eine Packung Zucker kommt dazu und verschwindet im goldenen Sirup. Kaum mag ich glauben, dass da noch eine Packung rein passt, aber auch die versinkt klaglos und löst sich auf. Der Topf brodelt und es riecht wunderbar. Wie in Mutterns Küche im Herbst. Die Gläser stehen bereit und ich fülle und fülle mit der Schöpfkelle die Gläser, aber der Topf will nicht leer werden. Am Schluss fülle in meiner Verzweiflung ein Halbliterglas voll mit dem heißen Goldsaft. Wer soll das alles essen? Meine Söhne? Die kommen ja nur noch selten zu mir. Und selbst wenn ich ihnen ein Glas bei ihrer Mutter zu Hause auf den Tisch stelle, habe ich keine Chance gegen Nutella (wenn sie überhaupt am Frühstückstisch erscheinen). Vatersorgen. Sie werden nur noch überdeckt von der Sorge, ob das Gelee den jetzt auch richtig steif wird. Nichts ist schlimmer als flüssiger Fruchtsaft der sich als Gelee ausgibt. Eine halbe Stunde bangen Wartens, bis die abgekühlte Probe schön wabbelig auf meinem Weißbrot landet. Wunderbar! Es ist vollbracht.

Als ich mir (erschöpft aber glücklich) im Back-Shop nebenan einen Kaffee gönne, merkt die Besitzerin, dass ich was zu erzählen habe. „Was hast du gemacht?“ „Ich hab Quitten gekocht.“ „Wo hast du die her?“ „Von einer Kollegin.“ „Ist die türkisch?“ Nein, Aber sie hat einen Garten hier in Berlin“. „In der Türkei essen wir die Quitten roh, wie Äpfel aber mit Salz. Mag ich nicht. Ist mir zu sauer.“ Ich beschließe ihr ein Glas Gelee vorbei zu bringen.

Der verfluchte, weiße Elefant

Immer noch Vilnius. Und wieder ein Gebäude, das man nicht auf der Touristen-Karte findet und auch nicht im Reiseführer. Offiziell ist hier grüne Wiese. Dabei ist der Bau unübersehbar, von weitem sichtbar, denn er ist riesig, um nicht zu sagen: gigantisch! Es steht einfach da, seit 1971, gegenüber dem litauischen Nationalmuseum, aber am anderen Ufer der Neris. Am Nationalmuseum wird kräftig gebaut. Es bekommt ein neues Dach und bald wohl auch einen neuen Inhalt. Am ehemaligen Sportpalast aus Sowjetzeiten, dem großen weißen Elefanten im Stadtraum, werkelt nur ein einsamer Elektriker, der uns verscheuchen will. „No civilians here!“, herrscht er uns an als sei es militärisches Sperrgebiet. Aber da ist unser Entdeckergeist schon längst geweckt.

Ich schlüpfe durch eine Lücke im Bauzaun, die mein Freund, wie in alten Zeiten, für mich aufhält. Eine halbe Stunde springe ich mit der Kamera um den Palast wie ein Kind um den Weihnachtsbaum. Alles für mich und an jeder Ecke wartet ein neuer phantastischer Blickwinkel wie ein neues Päckchen, das ich auspacken darf. Ich stolpere auch über einen Gedenkstein, in Hebräisch und Litauisch. Auch er nicht auf der Karte eingetragen. Keine Chance, das zu entziffern. Erstmal genug Rätselraten für heute. Gibt noch andere schöne Ecken in der Stadt. Die übervolle Markthalle zum Beispiel.

Am nächsten Tag regnet es. Genug Zeit, für ein paar Recherchen. In alten Bildbänden, die wir im Gastraum unseres Hostels finden, gibt es Fotos, die den Koloss in besseren Zeiten zeigen. Aber seltsamerweise weit hinten und ohne großen Kommentar. Dabei war man in der Sowjetunion doch meist sehr stolz auf die Neubauten. Im Technikmuseum gibt es ein Stadtmodell von 1980, das den Sportkomplex in seiner ganzen Größe zeigt. Mit Schwimmbad und Stadion. Das Stadion ist längst abgerissen und durch moderne Bürohäuser und Stadtvillen überbaut, das Schwimmbad ist eine Ruine. Der Koloss hat überlebt und steht seit ein paar Jahren unter Denkmalschutz. Aber warum steht er leer? Warum will keiner etwas davon wissen?

Weil er und das Stadion auf einem Gräberfeld gebaut wurden. Das war es, was auf dem Gedenkstein stand. (Google kann zwar kein Litauisch, aber Hebräisch) Hier war der älteste jüdische Friedhof von Vilnius. Die jüdische Bevölkerung, die einmal mehr als ein Drittel der Einwohner zählte, wurde von den Deutschen umgebracht. Die Sowjets haben dann in den 1950ern die Reste des Friedhofs einfach planiert und den Sportkomplex draufgesetzt. Spiel und Spaß auf den Gräbern von toten Juden. Eine Freundin aus Ost-Berlin erzählte mir Ähnliches. Der jüdische Friedhof im Scheunenviertel sei der Sportplatz ihrer Schule gewesen. Kein Wunder, dass das nicht gut ging. Nachdem Litauen unabhängig war, gab es laut Wikipedia eine Klage der Nachkommen der dort Beerdigten gegen eine neue Nutzung. Seitdem herrscht Grabesstille und der Palast ist zum Nicht-Ort geworden.

Als wir am Bahnhof von Vilnius auf unseren Zug warten, kommt ein alter Mann auf uns zu. Gebeugt, kleiner Rucksack, schwarze Laptoptasche. Er sucht seinen Stock und findet ihn auf unserer Bank. Sein Gesicht kommt mir bekannt vor. Als er mit weicher dunkler Stimme in langsamem Deutsch anfängt zu erzählen denke ich : Leonhard Cohen. Das gleiche Lächeln, die gleiche Stimme. Aber seine Geschichte ist eine andere. 1942 sei er im Ghetto von Vilnius geboren. Es habe damals keine Babys im Ghetto geben dürfen. Frauen hätten ihn versteckt und er sei in einem Haus aufgewachsen. Ihm fehlt das Wort und er formt ein Dach mit den Händen „für Kinder“. Er sei Sportler geworden und lebe jetzt in Israel. Heute sei er zu einer Gedenkfeier hier gewesen, allein, mit 83, mit dem Zug. Jetzt wolle er weiter nach Byalistok, zu „Anwandten“. Später sehe ich ihn im Zug. Er sprich Litauisch mit der Schaffnerin und telefoniert mit seinen Verwandten auf Polnisch. Als ich mich neben ihn setze, schweigt er einen Moment und entschuldigt sich dann. Es dauere etwas, bis er wieder umdenken könne – von Polnisch auf Deutsch. Als eine Frau mit Kinderwagen zusteigt, steht er auf, und bietet ihr seinen Platz an. Die lehnt ab, als sie ihn wacklig auf den Stock gestützt stehen sieht. „Tapfere Frau“, sagt er, als er sich wieder in seinen Sitz fallen lässt.

Die leckerste Kirche von Vilnius

Irgendwo zwischen dem Künstlerviertel Uzupis und der auf Hochglanz polierten Altstadt von Vilnius, der Hauptstadt Litauens, fiel sie mir ins Auge. Vielleicht, weil man ihr ansah, dass sie schwere Zeiten hinter sich hatte, vielleicht weil ich Hunger hatte und mich die Speisekarte am Zaun anlockte. Von katholischen Kirchen bin ich dünne Oblaten gewohnt, die in Wein getunkt werden. Die hier lockte mit „pirmas blynas“ , also leckeren Pfannkuchen. Auch drinnen überzeugte mich das Angebot: Statt barockem Kitsch und vergoldeten Gipsfiguren herrschten hier nüchterner Beton und rostige Stahltüren vor, als hätten Berliner Architekten ein neues Café entworfen. Dabei war es, wie ich später las, ein Erbe der gottlosen Sowjetzeiten, als man die Kirche zum Getreidespeicher umfunktioniert hatte. Was sollte man auch machen, mit all den Kirchen, die im „Rom des Ostens“ plötzlich niemand mehr brauchte? Aus der Kathedrale wurde eine Gemäldegalerie. Auch schön.

Bedient und bekocht wurden mein Freund und ich von Kellnern und Köchen mit Behinderungen. Und es schmeckte großartig. Das Beste was wir bisher auf unserer Reise durch das Baltikum gefunden haben. Natürlich gabs noch was Süßes zum Dessert.

Aber nicht nur der Leib, auch der Geist braucht Nahrung. Und dafür mussten wir nur drei Treppen nach oben steigen. Dort, auf der dritten Etage des ehemaligen Speichers hat sich wieder eine christliche Gemeinde eingerichtet. Äußerlich aufs Wesentliche beschränkt und ungefähr 10 Höhenmeter näher am lieben Gott.

Can kommt nicht mehr

Wo Can war, wars lebendig. Wenn er hinterm Tresen stand in seinem kleinen Backshop neben der U-Bahn-Station, lief Musik. Hip Hop oder sowas in der Richtung. Mit seinen Gästen unterhielt er sich laut und fröhlich, nicht nur, um die Musik zu übertönen, sondern weil er so war. Baumlang, spindeldürr, immer aufgedreht und gut gelaunt. Ein großer Clown. Er ging mit mit der Musik. Seine Freunde, und alle die kamen, waren seine Freunde, wurden mit einem Spruch oder mit einem High Five begrüßt. „Bist du Bäcker oder Rapper?“ fragte mal einer in der Schlange vor dem vollen Tresen. „Rapper?, niemals!“, antwortete Can sofort und wie immer etwas zu laut. „Ich bin Bäcker!“ Die Brötchen und den Kuchen verkauften die Frauen, die neben ihm standen. Leicht genervt verdrehten sie ihre Augen, wenn Can mal wieder seine Show abzog. Aber er war die Seele vom Geschäft. An den Wänden hingen Bilder, die die Kinder aus der Nachbarschaft ihm in der kleinen Spielecke hinter dem Schaufenster gemalt hatten. Andere schenkten ihm eine Fotomontage, die ihm im Fußballtrikot zeigte. „FC Can“ stand darüber. „Der fröhlichste Backshop im Wedding“ dichtete ich in meinem Hinterkopf schon die Überschrift über einen Bericht für eines unser Kiezmagazine. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Vor ein paar Wochen setzte sich Can dann mal zu mir, als ich vor dem Laden einen Kaffee trank. Und sofort fing er an, mich zu unterhalten. Ich brauchte gar nicht zu fragen. Er war einfach so. Dass die Bäckerei von seiner Mutter aufgebaut worden sei. Dass die Frauen hinter der immer prall gefüllten Theke seine Schwester und seine Frau seien. Dass die Arbeit morgens um 4 Uhr anfange, und dass ihm das immer schwerer falle, obwohl er noch gar nicht so alt sei. Dass er in seinem Leben viel Unsinn gemacht habe, dass die Familie ihn aufgefangen habe und dass die Bäckerei jetzt endlich so gut laufe, dass er mal ein wenig kürzer treten könne. Mal nicht jeden Tag im Laden stehen. Mal Urlaub machen.

Danach habe ich Can lange nicht gesehen. Ich bin auch nicht jeden Tag an der U-Bahn und habe nicht immer Zeit für einen Kaffee. Aber dass auf einmal andere Frauen hinter dem Thresen standen, das fiel mir schon auf. Und ein anderer Mann, älter, graue, kurze Haare, schweigsam. Wo Can sei, fragte ich dann doch einmal, weil es mir komisch vorkam. „Can macht Urlaub“, hieß es dann knapp. Und als ich ein paar Wochen später noch einmal fragte, hieß es dann: „Can kommt nicht mehr.“ Er habe ein paar Wochen Urlaub in der Türkei gemacht und dann sei er mit der Idee zurück gekommen, sich dort niederzulassen, was Neues anzufangen. Und dann habe er den Laden an den neuen Besitzer übergeben. Es klang nach der offiziellen Version für die neugierigen Kunden. Sie machte eine Kopfbewegung nach draußen, wo der neue Besitzer mit Gästen am Tisch saß und sich mal auf Deutsch, mal auf Türkisch mit ihnen unterhielt. So wie Can. Sie lachten auch, aber es war nicht mehr das Gleiche. 

Ich wünsche ihm Glück, wo immer er jetzt auch ist.

Unser täglich Brot

Halb Drei nachmittags, im Rewe irgendwo im Speckgürtel von Berlin, beim „Brotmeister“ Kamps. Der Verkäufer hat seine dünner werdende Mähne mit Gel festgeklatscht, damit man die Geheimratsecken nicht sieht. Den dünnen Backenbart trägt er nach der Facon des glücklosen, ab heute ehemaligen Trainers der DFB-Herren-Elf.

Was darf es sein?

Ein Hausbrot bitte.

Ein ganzes?

Ja, geschnitten bitte.

Normale Stärke?

Ja

Sonst noch was?

Meine hungrigen Augen bleiben an dem bauchigen schwarzen Kessel mit der Aufschrift „Kesselgulasch“ hängen.

Einmal die Tagessuppe für hier.

Einmal die Möhrensuppe?

Nein, das Kesselgulasch.

Heute ist Möhresuppe

Da steht aber Kesselgulasch drauf.

Das ist der Name von dem Topf.

Ah

Also was solls sein?

Ok, Möhrensuppe, aber mit einer Wiener. Und ein Brötchen.

Mit Ketchup oder Majo?

Mir Senf

Ah, stimmt, steht ja auch hier.

Ein Brötchen dazu?

Ja, sagt ich schon.

Er legt die Wurst und ein Päckchen Senf auf einen Teller und hebt den Deckel vom Topf.

Es sieht so aus als hätten meine Kolleginnen vergessen, heute die Suppe zu machen. Aber ich kann ihnen was wärmen, wenn sie einen Augenblick Zeit haben.

Hab ich. Geben sie mir schon mal die Wiener und das Brot

Er tuschelt mit seiner Kollegin, die ein Metallregal putzt. Sie schüttelt den Kopf .

Tut mir leid. Das mit dem Warmmachen geht nich. Das ist nicht erlaubt.

Dann geben sie mir jetzt das Brot und die Wiener.

Das Brot zu hier oder zum Mitnehmen?

Kein Wunder, dass wir nicht Weltmeister geworden sind.

Aufforderung zum Tanz

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Fête de la musique: Ein wunderbar warmer Sommerabend. Auf dem Parkplatz des Centre Français in Berlin spielt die letzte Band. Der Platz vor der Bühne ist voll. Mit wilder Polka und Balladen, mal mit deutschen, mal mit französischen Texten hat „Drückerkolonne“ die Leute in Bewegung gebracht. Aber das reicht dem Sänger nicht. Er teilt das Publikum nach links und nach rechts auf. Und dann sollen sich in dem frei gewordenen Raum in der Mitte Pärchen finden, sich einhaken und sich drehen.
Vor mir will eine kleine Frau mit weißen Haaren ihren baumlangen, stämmigen Gatten zum Tanz auffordern. Aber der steht stocksteif da und hält sich an seinem Bierbecher fest. Sie schwingt schon mit der Musik und lässt sich nicht lange bitten: Ein Lächeln, ein angebotener Arm und schon drehen wir uns mit allen anderen auf dem Platz – mal linksrum, mal rechtsrum.
Das Glück ist kurz. Kaum haben wir aufgehört zu tanzen, spüre ich von hinten die schwere Pranke ihres Mannes auf der Schulter. Kurz ist mir flau, denn dreht er mich mit seiner kräftigen Hand zu sich um. „Dit is Wedding!“, raunt er mir mit schwerer Zunge kumpelhaft zu und kreist mit dem Bierbecher rüber zu dem tanzenden Volk. „Dit is Wedding!“ stimme ich erleichtert ein, als ich weiß, dass er mir nichts Böses will.

So lernt man hier seine Nachbarn kennen.

Auf der Baustelle

Er war schon da, als ich noch nicht da war. Und seit ich da bin war ich nie da. Aber seit ein paar Monaten ist er verschwunden und deswegen habe ich habe ihn endlich gefunden.

„Ist schon komisch“, sagt die Friseurmeisterin mit der roten Petra-Pau-Lookalike-Igelfrisur und bunter Halskette. „Seit das Baugerüst vor unserem Laden ist, haben wir mehr Kundschaft. „Vielleicht weil die Leute langsamer gehen und merken: Da ist ja noch ein Friseur.“, mutmaße ich. Denn genau so ist es mir gegangen. Erst durch den Aufsteller mit dem völlig aus der Zeit gefallenen Plakat auf dem Gehweg bin ich in den Laden gestolpert. Nächstes Wochenende hat mein Ältester Jugendfeier, da muss ich obenrum gut aussehen, weil er mir schon eine handbreit über den Kopf gewachsen ist und ich neben ihm sonst aussehe wie ein grauer Gnom.
„Haare ab?“ fragt die Chefin, als ich meine Mütze an die Garderobe hänge. Die Jacke nimmt sie mir ab, und hängt sie auf einen Bügel mit Kunstlederbezug und Nieten. „Haare ab!“ nicke ich, froh mal nicht nach den Worten suchen zu müssen, die passen, wie es bei den türkischen, kurdischen, arabischen oder vietnamesischen Barbershops in meinem Viertel üblicherweise tue, und trotzdem verstanden zu werden. Die Frau macht sich gleich an die Arbeit und sie gibt mir das Gefühl, dass ich mich jetzt entspannen kann. Ohne zu wissen, was ich erst später erfrage, dass sie Friseurmeisterin ist und dass sie den Laden seit 23 Jahren führt, merke ich an jedem Handgriff, dass hier jemand am Werk ist, die weiß, was sie tut und weiß was ich brauche. Und sie beherrscht die Kunst des unverbindlichen Friseurgeplauders. Nie aufdringlich, nie zu persönlich. Freundlich und respektvoll. Neben mir arbeitet ihr schmaler kleiner Kollege im roten Friseurkittel und schütterem Haar an den eingeschäumten Haaren einer älteren Frau. Sie erzählt wie sie als Kind in den Trümmern der Stadt gespielt hat und dass sie jetzt auf eine goldene Hochzeit eingeladen ist. Altes Deutschland. Ein bisschen ist es wie beim Dorffriseur in meiner Kindheit. Auf dem Bord über den Spiegeln stehen Frisierpuppen und ein Männerkopf mit eingeseiftem Bart. „Haben da ihre Lehrlinge das Rasieren gelernt?“, frage ich. „Ja, aber heute darf man ja nicht mehr nass rasieren. Gesundheitsgefährdung, sagt die Berufsgenossenschaft.“ Ich hake noch mal nach, ob es mit Blut und HIV zu tun hat, aber das ist ihr dann doch zu verbindlich. Statt einer Antwort holt sie den Spiegel und lässt mich meinen frisch frisierten Nacken begutachten. „So gut sah ich lange nicht mehr aus.“, flachse ich und sie nimmt das Kompliment freundlich schweigend entgegen. „18 Euro Fünfzig“.
Im Rausgehen sag ich noch gut gelaunt in den Raum: „Wahrscheinlich merkt wieder keiner, dass ich beim Friseur gewesen bin.“ „Ich geh jeden Tag zum Friseur.“, kontert der kleine Mann am Frisierstuhl, „Und das merkt ooch keener.“ Berliner Schnauze, mal gut gelaunt. Das nächste Mal zahl ich Eintritt.

Generationswechsel

Die CDU hatte immer recht: Alle Wege des Sozialismus führen nach Moskau; Café Moskau auf der Karl-Marx-Allee 1. Mai 2026

Ich bin mal wieder im falschen Film. Unter roten Fahnen aufgestellt laufe ich über die Karl-Marx-Allee in Berlin-Mitte. Zwischen prächtig herausgeputzten Plattenbauten, das frisch renovierte Kino „International“ und die viel besungene Mokka-Milch-Eis-Bar zur rechten und das ebenfalls grundsanierte Café Moskau zur linken, strebt die Demonstration auf das Rote Rathaus zu. Auch das „Haus der Statistik“ hat seine Zeiten als bröckelnde Ruine und Trümmer-Theater hinter sich und strahlt in frischem Weiß. Auf den Transparenten um mich herum wird der Sieg des Sozialismus und die internationale Solidarität beschworen. Junge Männer verteilen kostenlos das „Neue Deutschland“ und die „Junge Welt“. Auf dem Alexanderplatz hieven mächtige Kräne einen neuen Wolkenkratzer aus dem Beton, höher noch und prächtiger als der Turm des Interhotel „Hotel Stadt Berlin“, das das in den 1970ern das höchste Hotel in Berlin – Hauptstadt der DDR war. Das neue Haus wird so hoch, dass es fast dem Fernsehturm Konkurrenz macht, an manchen Stellen verdeckt es ihn sogar. Hat der Sozialismus doch gesiegt? Der Himmel ist strahlend blau. Die Sonn scheint ohn Unterlass. Es geht vorwärts. Ich gehe mit.

Wo bin ich? In einem besseren Land, in dem es keinen Wohnungsmangel, keine Inflation und keine Kriegsgefahr gibt? Oder bin ich hier in die Dreharbeiten für „Good bye Lenin II“ geraten? Vielleicht ist das ein Reinactment der 1. Mai-Paraden? Aber wo sind dann die Betriebskampfgruppen und die Ehrentribühne des Politbüros? Und wieso ist das Ambulatorium – eine der wichtigsten Errungenschaften jeder sozialistischen Siedlung- so heruntergekommen? Hat man vergessen die Fassade rechtzeitig für die 1. Mai-Parade zu tünchen, oder bin ich in Wirklichkeit einem Land, das kein Geld mehr hat für die Kranken?

„Zeigt eure Fahnen!“ brüllt eine junge Frau von einem Lastwagen herunter eine bunt zusammengewürfelte Truppe an, die mit den Fahnen der DGB-Gewerkschaften hinter dem Musik-Truck hertrotten. Das hat was von Love-Parade und reißt mich aus meinem Tagtraum. Ich taumele an einem Stand der SPD vorbei, die wie immer die wirklichen Bedürfnisse der revolutionären Massen gut erkannt hat. Die Genossen schenken Kaffee in roten Pappbechern aus. Der bringt mich in die Gegenwart zurück. Danke, Genossen!
„Wir wollen ein schönes Leben für alle“ blökt es durch ein anderes Megafon, durch das vorher die krassesten Auswüchse des Kapitalismus gegeißelt wurden. Das klingt nicht nach Klassenkampf sondern nach Bullerbü. „Wir wollen ein bezahlbares und solidarisches Neukölln“ steht bescheiden auf einem Banner. Das erinnert mich an meine Tochter, die dort wohnt und sich in ihrem Kiez nützlich macht. Ich schicke ihr ein Foto und fordere sie ironisch auf „Heraus zum 1. Mai“, wohl wissend, dass sie an ihren freien Tagen kaum um 11 Uhr aus dem Bett kommt. „Bin schon da!“ kommt es zurück „vorne links“. Und wieder glaube ich zu träumen, als ich das große Kind in roter Gewerkschaftsweste finde. Davon wusste ich gar nichts. Des Vaters Fußstapfen sind nicht so groß, dass sie hineintreten müsste, aber ich freue mich trotzdem. Brav rufe ich mit ihr und ihren Freunden „Hoch die internationale Solidarität“ und „Wir sind die Generation, die den Faschismus stoppt“. Zwischendrin fragt sie mich, warum ich mich so dick angezogen hätte und ob ich mein Gesicht gegen die Sonne geschützt hätte? Sie reicht mir die Sonnencreme Schutzfaktor 50 rüber. Es riecht nach Urlaub. Zusammen gehen wir noch über das Maifest am Marx-Engels-Forum. Aber da geht es nur noch um die Wurst. Es gibt Bratwurst von ver.di oder von der BSR oder von der IG-Metall. Aber ich fülle die Gewerkschaftskassen schon genug mit meinen Beiträgen, da muss ich mich nicht noch in die Arbeitereinheitsfront vor der Wurstbude einreihen, zumal im Hintergrund eine echtes proletarisches Schalmeienorchester quääckt. Und ich denke erleichtert, dass ich langsam aufhören kann auf Demos zu gehen und das der nächsten Generation überlassen kann.

Der Zug kam pünktlich

Immer öfter falle ich in Zeitlöcher. Das sind Momente, bei denen ich glaube, dass etwas lange Überlebtes und glücklich Vergessenes wieder auftaucht. Dass ich diese Ostern im Berliner Mauerpark hätte zu einer Demonstration gegen Mittelstreckenraketen in Ost und West gehen können, wie Anno 1983 im Bonner Hofgarten, ist einer dieser Zeit-Zombies. Oder dass ich neulich mit einer U-Bahn aus den 1980ern, die noch von AEG und Siemens gebaut war (der gleiche Typ, der sonst nur noch in Pjönjang fährt), zum Kino „Sputnik“ gefahren bin, in dem ich auf der Abschlussfahrt mit der Realschule 1978 meinen ersten Film in Berlin gesehen habe, und es dort, als wir „5. Stock, zweiter Hinterhof“ hochgestiefelt waren, immer noch die Sitze aus gemauerten Ziegelsteinen gab und einen Film von Jim Jarmush mit Tom Waits, in dem die hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspieler wieder nicht miteinander redeten oder nicht über das, was sie eigentlich reden sollten. Wie bei „Stranger than Paradise“ oder „Coffee and Cigarettes“ . Damals fand ich das genial. Mittlerweile hat er auch einen Film über Zombies gemacht.

Schlimm ist das nur, wenn die Kinder dabei sind, und man aufpassen muss, dass man nicht ausplaudert, dass einen in diesen Momenten tiefe Hoffnungslosigkeit überkommt. Zum Beispiel letzte Woche. Mit meinen Jungs war ich in der „Gläsernen Manufaktur“ von VW in Dresden. Auch da war ich schon mal, in den 2000er- Jahren. Damals wurden dort Luxus-Karossen in Handarbeit zusammengebaut und die Besucher durften zuschauen. Es war natürlich dekadent, angesichts von mehr als 5 Millionen Arbeitslosen, die es damals gab, die Arbeit so zu inszenieren. Ich stellte mir damals vor, die Dresdener Arbeitslosen würden sich an den großen Glasfenstern der staatlich subventionieren ultramodernen Fabrikgebäude die Nasen platt drücken, um sich anzusehen, wie denn die Arbeit aussieht, die es für sie nicht gab. Aber es war wenigstens wirkliche Produktion und eine Firma, die vor Selbstbewusstsein schon arrogant wurde. Was wir jetzt zu sehen bekamen war nur noch ein Schatten davon. Ich wollte meinen Jungs ein wenig Zukunft zeigen: Die Produktion von E-Autos. Die war aber in Dresden zum Ende des letzten Jahres eingestellt worden. Was man uns jetzt zeigte, waren leere Auto-Hüllen, bei denen von echten Arbeitern mit den alten Maschinen so getan wurde, als würden sie das Auto zusammen bauen. Nur ohne Schrauben. Die Teile wurden zusammen gesteckt und dann wieder auseinander gezogen und für die nächste Besuchergruppe bereit gestellt. Zombie-Produktion in einer halbleeren Glashalle. Ganz Deutschland ist ja gepflastert mit Industriemuseen, aber das hier ist das modernste und das traurigste. „Die, die ihr hier eingetreten seid, lasst alle Hoffnung fahren.“

Zum Glück interessierten sich meine Söhne mehr für die Bienenstöcke, die, von wem auch immer, vor der Fabrik aufgestellt worden waren. Und da kam mein Flashback: 1990 war ich mit einem Freund in Eisenhüttenstadt, der Vorzeige-Stahlstadt der damals noch bestehenden DDR. Die Stahlwerker züchteten nebenher noch Bienen. Der Honig, so erzählten sie uns, bringe ihnen durch die staatlich garantierten Abnahmepreise mehr als die Arbeit im Stahlwerk. Vielleicht sind ja die Bienenstöcke vor dem VW-Werk eine Ausgründung zur Beschäftigung arbeitslos gewordener E-Autobauer.

Das nächste Zeitloch kündigte sich mit einem schrillen Pfiff an: Gegenüber der Fabrik ist der Bahnhof der Parkeisenbahn (ehem. Pioniereisenbahn), einer Miniaturbahn, die nur von Kindern betrieben wird. Das wäre doch eine schöne Aufmunterung für meine Jungs, nach der grusligen Fabrik. Schon fuhr der Zug ein. Aber zwischen uns und dem Bahnhof war ein Hecke. Mein Jüngster war schlau und lief um die Hecke herum, der Ältere blieb stehen, während ich mich durch die Hecke auf den Bahnsteig zwängte. Vor mir stand plötzlich ein Kind in einer Reichsbahneruniform, eine Kelle in der Hand und sagte mit allem Ernst seines Amtes: „Das dürfen sie nicht!“ Sofort war ich umringt von jungen Menschen mit Schaffnermützen und wurde in bestem Amtsdeutsch auf meine Verfehlung hingewiesen. Mittlerweile hatte sich mein Jüngster in den wartenden Zug gesetzt. Ein Pfiff, und der Zug fuhr los. Ohne mir weiter Beachtung zu schenken, diskutierte die Gruppe nun darüber, wie mit dieser Situation umzugehen sei. Ich wurde zur Klärung des Sachverhalts in das Bahnhofsvorsteherbüro mitgenommen. Dort wurde mir nach kurzem Warten mitgeteilt, wie in der Sache verfahren würde: Die Person ohne Fahrschein würde am nächsten Bahnhof den Zug verlassen müssen. Der dortige Verantwortliche wäre bereits informiert. Ich wurde aufgefordert, einen Fahrschein für mich und meine Kinder zu lösen (18 Euro) und meinen Sohn dort abzuholen. Der nächste Zug käme in einer Viertelstunde. Und das Seltsame: Trotz dieser amtlichen Gängelung fasste ich tiefes Vertrauen in diese Kindertruppe und ihre Betreuer. Ich hatte keine Zweifel, dass das auch klappen würde. Der Amtsjargon, die Trillerpfeifen und die komplette Ignorierung meiner Befürchtungen weckte die Erinnerung an die Bundesbahn der 1980er Jahre. Sie war schrecklich, muffig und umständlich, aber sie funktionierte. Nach einer Viertelstunde kam tatsächlich der nächste Zug mit einer blauen E-Lok, die aussah als sei sie eine Requisite für das Ost-Sandmännchen. Wir wurden angewiesen, im letzten Wagen Platz zu nehmen. Dorthin würde mein Sohn dann an der nächsten Station gebracht. Und so geschah es dann auch. Ein erwachsener Bahner übergab ihn uns an der Station „Zoo“ mit einem wissenden Lächeln und wollte noch nicht einmal meinen Familienfahrausweis sehen. Mein Sohn erzählte, dass er in das Bahnhofsvorsteherbüro gebracht wurde und der Vorsteher dort mit einem „komischen Telefon mit Schnur“ angerufen hätte. Wir hatten noch eine schöne, unerwartete Reise durch den „Großen Garten“ bei blauem Himmel und Sonnenschein. Die Menschen im winkten und zu, wir winkten zurück und wir waren für eine Stunde in der DDR der 1980er Jahre.

Ausflug ins Grüne

In meinem Stadtteil gibt es eine große Unbekannte. Eine sehr große: 80 Hektar groß, 135 Gebäude, 85 Hallen, der Eingang direkt zwischen Kentucky Fried Chicken und Autobahnzubringer gelegen: Die Julius-Leber-Kaserne der Bundeswehr. Als hier noch die französische Armée de l‘ Air einquartiert war gab´s das Deutsch-Französische Volksfest und ab und zu mal eine Parade die Straße runter. Von der Bundeswehr, die hier seit 1994 eingezogen ist, kriegt man wenig mit. Selten sieht man Rekruten und Rekrutinnen beim Gepäckmarsch durch den angrenzenden Park schwitzen, manchmal ein Hubschrauber, aber sonst ist die graue Betonmauer mit Stacheldraht hoch genug, um die Kaserne von der Welt abzuschirmen. Früher gab es mal einen Tag der offenen Tür. Aber das ist dieses Jahr auch nichts geplant, zumindest nicht in der Kaserne. Statt dessen Plakate überall in der Stadt, die für den Wehrdienst werben. Freiwillig, natürlich. Da will ich mal nachhören, was da so los ist und was die Freiwilligen erwartet. Es ist nicht gut, wenn Gesellschaft und Militär nichts voneinander wissen. Außerdem wird es nicht mehr lange so ruhig bleiben. Immerhin las ich in der Zeitung, dass in die Kaserne 190 Millionen Euro investiert werden sollen. So etwas geht an einem Stadtviertel nicht einfach so vorbei. Also frage ich mich mal durch, so als Feierabendjournalist. Ich lande bei einem Presseoffizier, einem mürrischen Oberstleutnant, der mir nach langem Warten schriftlich zur Antwort gibt, dass man „die Anfrage weder von den Kapazitäten noch inhaltlich sicher stellen“ könne. Und außerdem: Die Sicherheitslage. Na gut: Unser Kiez-Magazin ist nicht der Spiegel. Aber auch der machte sich neulich etwas befremdet lustig über das Fremdeln der Truppe mit der Öffentlichkeit. Ich bleibe hartnäckig und bekomme endlich den genervten Anruf, dass die eingereichten Fragen noch vor Ostern beantwortet würden. Ich bin gespannt. Aber jetzt brauche ich ja noch Fotos von der Liegenschaft. Meinen Oberstleutnant will ich nicht noch mal belästigen. Also mache ich einen Sonntagsnachmittagsausflug über die neu angelegte, mit grünen Streifen markierten Fahrradstraße entlang der Kasernenmauer.

Natürlich ist es heikel, in den heutigen Zeiten eine Militäranlage zu fotografieren. Aber nirgendwo sehe ich die im Osten so verbreiteten Schilder, die das Fotografieren verbieten. Sind ja auch eine Demokratie mit Pressefreiheit, schließlich. Dafür wird vor Schusswaffengebrauch gewarnt. Auch nicht gemütlich. Aber so weit kommt es nicht. Das Wachbatalion der Bundeswehr nähert sich leise in einem französischen Elektroauto des BW-Fuhrpark, schwarz mit Eisernem Kreuz. Ein ausgesprochen entspannter junger Soldat in Flecktarn-Uniform steigt auf der Beifahrerseite aus. Wir tauschen Höflichkeiten aus, die von gegenseitiger Wertschätzung, Interesse und dem deutlichen Fähigkeit zur Deeskalation geprägt sind, derweil der etwas derbere Fahrer bereit steht, wenn es nötig würde, unfreundlich zu werden. Gerne zeige ich meinen Ausweis und erzähle von meinem Kontakt mit dem Presseoffizier. Der Soldat wundert sich, als ich ihm von der mühseligen Informationsbeschaffung berichte. Eigentlich seien doch ständig Journalisten in der Kaserne und er sei gerne bereit mir Fragen zu beantworten. Ob es stimme, dass es einen Kindergarten auf dem Kasernengelände gebe, frage ich. „Ja, die Kita „Wilde Wiese“, bestätigt er. Und ob die Elektroleitungen wirklich noch aus der französischen Zeit stammten, wie sein General der Zeitung anvertraut habe? „Ja, die Wasserleitungen auch.“ Doch bald erlahmt seine Konversationsfreude und er fragt mich, was ich heute noch vor hätte. Mit der Kaserne sei ich fertig, ich wolle jetzt essen gehen. Das reicht ihm und er lässt mich ziehen. Ich bin froh, dass ich meine Kamera nicht herausgeben musste und das Elektroauto surrt weiter. Es stimmt nicht, dass die Bundeswehr den Herausforderungen der modernen Zeit nicht gewachsen ist.