Völlig losgelöst

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Das Schöne an diesem Sommer ist, dass jeder, der Mitte Fünfzig ist erzählen darf, wie er die Übertragung der Mondlandung erlebt hat, ohne dass jemand der Zuhörer die Augen verdreht.
Also bei mir war es morgens vor der Schule im Sonnenschein auf dem Rasen. Die Gemeinde hatte direkt vor der neuerbauten, hellen und modernen Grundschule Pavillions gesetzt, in denen die Lehrer wohnten. Und auf den Rasen vor diesem Pavillion hatte der einbeinige Schuldirektor, der sonst immer nur von Krieg und Gefangenschaft erzählte, seinen Fernseher geschleppt und uns Kinder drumerum postiert. Die Einheit von Leben und Arbeit. Damals hatte man noch Visionen – und Sendungsbewußtsein.
Bei mir scheinen nicht nur die Backpfeifen und Kopfnüsse, die der Direktor an den anderen Tagen verteilte, sondern auch der Funke der Mondlandung tiefe Spuren hinterlassen zu haben, denn auf dem Foto von Weihnachten ’69 stehe ich in einem hellblauen kunstseiden glänzenden Schlafanzug und einem weißen Raumfahrerhelm unter dem Arm. Und wenn ich mich recht erinnere, lief ich mit Schlafanzug und Helm auch noch auf dem Karnevalsumzug im folgenden Jahr herum, bis das billige, dünne Plastik zerbrach wie eine Eierschale.

Das andere Schöne an diesem Sommer ist, dass ich verstanden habe, wie ein „Narrativ“ funktioniert. Als man Ursula von der Leyen nach Brüssel schickte und die Medien nicht müde wurden zu erzählen, dass sie ja in Brüssel geboren sei, sodass es, nach heutiger Sicht ja irgendwie der Sinn ihres Lebens und all ihres Streben gewesen sein musste, nach Brüssel zurück zu kehren, wies ein kluger Journalist darauf hin, dass diese zwei Sachen, genau genommen,  nichts miteinander zu tun haben. Die pfiffigen PR-Leute der Kommissarin hatten die Verbindung hergestellt, damit aus der mit Vernunft nicht zu begründenden Entscheidung eine bewegende Geschichte wird.
Das kann ich auch.

Nehmen wir einmal an, dass der Kern meiner frühen Raumfahrtbegeisterung die Faszination über die neue Macht des Menschen war, die Schwerkraft zu überwinden. Und nehmen wir einmal an, der Wunsch, diese Kraft in neue Bahnen zu lenken, hätte mein weiteres Leben bestimmt. Dann könnte man die drei Radtouren, die ich in diesem Sommer mit meinen Freunden und meinem neuen, wundervollen, taubenblauen, chromblitzenden Fahrrad nach Brandenburg unternommen habe, als eine Reihe von planvollen Exprerimenten zur Überwindung großstädtischer Gravitation darstellen.
Und das geht so:

Jeder, der im Physikunterricht aufgepasst hat, weiß, dass die Schwerkraft oder Gravitation der Erde die Kraft ist, die alles an seinem Platz hält. Und weil die Gravitation allen Dingen innewohnt und mit der Größe der Dinge zunimmt, muss auch die große  Stadt Berlin eine große Gravitationskraft haben. Sie ist sogar so stark, dass sie Menschen aus der ganzen Welt anzieht, und sie ist so kräftig, dass die Neulinge, in Berlin angekommen, nicht mehr stehen können. Dazu braucht es kein Experiment, das kann man zur Zeit auf allen Berliner Bordsteinen beobachten. Die Anziehungskraft Berlins muss also größer sein als die der Erde, weil ja sonst die Menschen zu Hause bleiben würden. Deshalb widerum ist es für mich, einmal in Berlin sesshaft geworden, auch so schwer die Stadt wieder zu verlassen, und sei es auch nur in das nahegelegene Brandenburg. Die Schubkraft, die man dafür braucht, ist größer als die einer Apollo-Rakete.

Und jetzt behaupte ich einfach, dass ich nur deshalb nach Berlin gekommen bin, um dieses Problem rational lösen, und dass ich mich dafür einer Reihe von Experimenten unterwerfe, die auch in der Raumfahrt der 60er-Jahre zum Erfolg geführt haben.

Tierexperimente
Zuerst widerspreche ich allen Vermutungen, dass der Sturz der Nachbarskatze vom Balkon im dritten Stock in unseren Garten irgendetwas mit meiner Versuchsreihe zu tun hat. Ich habe schon als Kind das tragische Schicksal der Hündin „Laika“ in der sowjetischen Raumkapsel heftig beweint. Trotzdem hat es meine Forschung weiter gebracht. Es war wie die Sache mit Newton und dem Apfel. Als die Katze fiel und von der schreienden Besitzerin unversehrt aus den Blumenbeeten gerettet wurde, wurde mir klar, welch tückische Kraft die Gravitation ist und wie vorsichtig ich vorgehen musste.

Vordringen in die Statosphäre
Da hinter der Stadtgrenze Berlins bekanntlich das Nichts beginnt, war es wichtig, erste Erfahrungen in diesen Grenzregionen zu sammeln, um auf die zunehmede Reizlosigkeit und den Nahrungmittelmangel (Nimm Essen mit, du fährst nach Brandenburg) vorbereitet zu sein. Mit meinem Freund Michael tastete ich mich an der nördlichen Havel entlang bis nach Hennigsdorf vor. Dort wagten wir eine Strecke, die vom Radweg entlang der unnötigerweise verschwundenen Berliner Mauer in ein unbekanntes Waldgebiet führte. Zu unserem Erstaunen entdeckten wir eine Waldschänke in der es Bier und Wurst gab. Sollten unsere Annahmen über die Beschaffenheit des Raumes jenseits der Mauer falsch sein? Schnell versuchten wir den S-Bahnhof zu erreichen, unsere einzige Verbindung mit der Heimat, von dem wir den kontrollierten Rücksturz zur Erde versuchen wollten. Aber es schien in Brandenburg eine Kraft zu geben, die der natürlichen Bewegung ins Zentrum der Hauptstadt entgegenwirkt. Sie heißt „Schienenersatzverkehr“. Wahrscheinlich wurde sie von der Brandenburger Regierung erfunden, um die Menschen an der Rückkehr nach Berlin zu hindern und die ausgebluteten unendlichen Weiten wieder zu bevölkern. Unter Aufbietung unserer letzten Energie radelten wir entlang der S-Bahn-Trasse in die Stadt zurück. Das nächste Mal müssen wir vorbereitet sein.

Parabelflug
Wie hatte es Wernher von Braun gemacht? Einfach eine Rakete über die Ostsee geschossen und geschaut, wie die Schwerkraft sie wieder runter holt. In Form einer perfekten Parabel. So wollten wir es auch versuchen. Früh morgens schossen wir uns mir dem Regionalexpress nach Rheinsberg (ja, das von Tucholsky) um von dort langsam in einem schönen Bogen zurück nach Berlin zu gleiten. Das lief auch Anfangs ganz gut und wir flogen mit Leichtigkeit durch den jungen Morgen. Doch wir hatten vergessen, dass die Verbindung nach Berlin immer nur über geschütze Korridore funktioniert hat: Transitautobahnen, Luftkorridore, Fernradwege. Radfahrer, die die Fernradwege verlassen, werden von Vogonen gejagt, die einen mit mehr als 100 km/h von hinten anpeilen und knapp vorbeiziehen (wie man aus dem „Hitchhiker’s Guide to Galaxy“ weiß, schießen Vogonen gottseidank immer daneben.) Wenn wir gedacht hatten, dass es in Brandenburg nach 30 Jahren EU-Förderung keine Straße ohne Radweg mehr gibt, hatten wir uns auch da getäuscht. Das Geld ist für die glatt asphaltierten Bundesstraßen und die überdimensionierten Feuerwachen in jedem Dorf draufgegangen. Verzweifelt versuchten wir auf unserer Karte einen Ausweg zu finden. Aber die aktuellste Fahrradkarte für das Ruppiner Land ist von 2011, was uns eine Warnung hätte sein sollen. Sie zeigte uns einen Weg über die Felder, der erst zu einem Panzerplattenweg wurde und dann vor einem Golfclub endete, den die Karte noch nicht kannte. Da sag einer, die Östlichen Länder hätten den Aufschwung nicht geschafft. Da die Schwerkraft kein Zurück kennt, fuhren wir einfach querfeldein weiter auf einen naheliegenden Bahnübergang hin. Aber hier kam uns die Relativitätstheorie in die Quere. Wer sich mit Lichtgeschwindigkeit bewegt, für den wird der Raum immer kürzer. Wer sich aber, wie wir, nahe dem absoluten Stillstand herumkrebst, für den wird selbst das naheliegendste Ziel unerreichbar. Fluchend rumpelten wir in schwüler Hitze durch die schattenlose Agrarsteppe, unsere Köpfe glühend wie zwei Supernovas kurz vor der Explosion. Die Gaststätte im nächsten Dorf hatte den Betrieb eingestellt. Nimm Wasser mit, du fährst nach Brandenburg.

Die Pforten des Himmels
Der dritte Versuch musste gelingen. Mit meinem Freund Jürgen machte ich einen Plan. Wir mussten zuerst das Schwarze Loch in der S-Bahnverbindung überwinden und dann so weit weg von Berlin kommen, dass wir beim Rücksturz über den Berlin-Kopenhagen- Radweg genug Energie hatten, den autoverseuchten Speckgürtel samt Autobahnring zu durchstoßen und direkt ins Zentrum der Hauptstadt zurückzukehren. Das Erste gelang uns mühelos, denn wir kannten ja inzwischen die Route neben den Gleisen. Dann schoß uns die Bahn bis nach Fürstenberg an der Havel. Von dort waren es nur ein paar Kilometer nach Himmelpfort. Das ist da wo der Weihnachtsmann seine Briefe schreibt. Eigentlich hatten wir unser Ziel erreicht und hätten zurückfahren können. Doch wir gerieten in den Sog eines neuen Gravitationsfeldes. Und das heißt Uckermark. Sanfte Hügel, dichte Wälder, tiefe Seen. Es zog uns weiter und weiter nach Osten. Irgendwann war klar, das wir hier würden übernachten müssen. Ja, wir wollten sogar. Und als wären wir mit dem Douglas Adam’schen Unwahrscheinlichkeitsgenerator unterwegs, tauchte vor uns das Schloss Boitzenburg auf, das auch noch zwei Zimmer für uns hatte. Und auch das Restaurant am Ende des Universums hatte noch offen für uns. Es heißt Grüner Baum und bietet das Feinste und Einfachste, was ich je nördlich von Berlin gegessen habe.
Nur die Vogonen hatten uns nicht vergessen. Sie hatten mittlerweile ihre riesigen Geländewagen und protzigen Ami-Schlitten hinter dem Schloss geparkt. Jetzt strömten sie in den Rittersaal, gerade unterhalb unserer Zimmer, um das zu feiern, was sie „Hochzeit“ nannten. Schrille Stimmen und wummernde Bässe, die den Boden unter meinen Füßen beben ließen. Als das dritte Abba-Lied nacheinander gedröhnt wurde, nahm ich eine Schlaftablette – nein zwei.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hätte hätte Fahrradkette

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Der Wachmann schaut neugierig zu mir rüber, als ich mein Rad in den Ständer stelle. „Wollnse ihr Rad nich anschließn?“, fragt er besorgt.  Nee, sag ich keck, sie passen ja darauf auf. „Dafür bin ich nich da.“, doziert er, „Ich bin hier für die Sicherheit des Gebäudes! Ich kann Ihnen da keine Garantie geben.“ Brauchen Sie auch nicht, hole ich ihn von seinem Amtsschimmel wieder runter, ich mach das seit 13 Jahren so, und bisher ist das immer gut gegangen. „Und wenn nicht?“, fragt er verdutzt über so viel Leichtsinn. Dann hab ich nach dreizehn Jahren endlich einen Grund, mir ein neues Fahrrad zu kaufen, flöte ich fröhlich und hüpfe über zwei Stufen durch die Haupttür, die der Sicherheitsmann mir aufhält – der Stechuhr entgegen.

Ja, Sorglosigkeit, das war es, was ich an meinem alten Rad so schätzte. Der Lack war ab, der Sattel rissig. So ein Fahrrad konnte ich einfach mal so stehen lassen, wenn ich schnell in ein Geschäft reinsprang. Sogar in Berlin, sogar im Wedding. Und die Betonung liegt auf konnte.

Irgendendetwas hat sich wohl verändert in Berlin. Zwei Wochen nach dem heiteren Schlagabtausch durfte ich mich wirklich auf die Suche nach einem neuen Rad begeben, denn das alte war weg – obwohl ich es – ganz ehrlich! – abgeschlossen hatte, was ich an Orten, die mir nicht geheuer sind natürlich manchmal tue, und was ich auch der Polizei so wahrheitsgemäß in ein Online-Formular tippte.  Und weil sich in Berlin wirklich was verändert hat, bekam ich keinen lapidaren Zettel des Polizeipräsidenten, dass mein Verfahren eingestellt sei, sondern innerhalb eines Tages einen Rückruf von einem sehr aufgeräumten Beamten. Er wolle die Videoaufzeichnungen des Einkaufszentrums prüfen, vor dem das Rad verschwunden war, versprach er mir. Und es klang so, als wolle er das wirklich tun. Das waren ja Tübinger Verältnisse. So etwas wie Hoffnung keimte in mir auf, Vertrauen gar in die marode Berliner Verwaltung…  Videoaufzeichnungen habe es keine gegeben, teilte er mir ein paar Tage später zerknirscht per Mail mit. Satt dessen gab er mir den guten Rat, immer mal wieder auf die Website der Polizei die Bilder der aufgefundenen Räder anzuschauen. Die Frage, warum er das nicht selber tue, wo er doch sogar die Rahmennummer von mir hat, wagte ich nicht zu stellen.

Ohne mein Rad veränderte sich mein Leben. Ich fühlte mich wie amputiert und spürte Phantomschmerzen jeden Morgen wenn ich an die Laterne schaute, an der es jetzt nicht mehr auf mich wartete. Und noch schlimmer: War ich es sonst gewohnt mit offenen Augen durch die Nebenstraßen und Parks zur Arbeit zu gleiten musste ich nun hinab in den Höllenschlund der Großstadt, in das Panoptikum unsäglichen Leidens, in die Bühne des täglichen Wahnsinns: in die Berliner U-Bahn. Und als ich vor wenigen Tagen in der blutrünstigen, widerwärtigen und gedärmeaufwühlenden Aufführung von Heiner Müllers Macbeth im Berliner Ensemble saß, ärgerte ich mich nich so sehr über den Zustand der deutschen Sprechbühnen, sondern darüber, dass ich für die Karte vierzig Euro ausgegeben hatte, wo ich doch die gleiche Geisterbahnfahrt jeden Tag bei der BVG für 2,80 Euro alles inklusive bekomme.

Und damit nicht genug. Freche Lemuren warteten auch in den Hinterhöfen und Kellerlläden, die ich jetzt gehetzt nach Feierabend, im Dunkeln und kurz vor Ladenschluss abklapperte wie ein Junkie auf der Suche nach seinem Stoff. Abschätzig musterten sie mich, wenn ich meine Wünsche äußerte und das Budget, das ich auszugeben bereit war. Sogar, oder gerade in den selbstverwalteten Läden, die in Kreuzberg noch aus den Hausbesetzerzeiten übrig geblieben sind wie die Kneipen und  Müsli-Läden, ist das Schnöseltum eingekehrt: Handgelötete Rahmen, Wunschlackierungen, Gangschaltungen, die für Alpenquerungen ausreichen würden. Ich wollte doch nur ein Rad, das mich die nächsten dreizehn Jahre begleitet und an dem ich täglich meine Freude habe. Oder wollte ich mehr? Je mehr ich das Angebot durchforstete, desto größer wurde der Wunsch, etwas Neues zu wagen, neue Technik, neues Design. Irgendwann war ich dann so weit, dass ich glaubte, einen der neuartigen Zahnriemanantriebe zu brauchen. Gottseidank brachte eine Freundin mich wieder auf den Boden. Ich suchte weiter, bis ich auf einem Hinterhof in der Gneisenaustraße, der aus rebellischen Zeiten noch mit einem roten Stern aus Ziegelsteinen gepflastert ist, eine weise Frau fand. Graue Haare, rauhe Stimme und wahrscheinlich noch aus der Gründergenaration, die unter dem Pflaster den Strand suchte. Natürlich fand sie das richtige  Rad für mich. Sportlich, bequem, in einem wunderbaren Wirtschaftswunder-Lieferwagengrau. Sie stellte mich über das Rahmenrohr und fragte abgebrüht: Hodenvollkontakt oder gefühlter Kontakt? Ich fühlte mich gut beraten und konnte gar nicht schnell genug aus dem Laden kommen mit meinem neuen Rad. Beselt fuhr ich nach Hause. Nein ich fuhr nicht, ich schwebte.

Da machte es „Knack“, der Gang war rausgesprungen. Und noch mal „Knack“. Ich drehte um. Die weise Frau war verschwunden und hatte sich in einen schläfrigen Typen verwandelt. Der nuschelte etwas von „kann gar nicht sein, millionenfach bewährtes Produkt…“ Seither war ich noch drei Mal da. Jedes Mal fahre ich hoffnungsvoll vom Hof, und jedes Mal macht es nach ein paar Kilometern „Knack“.

Was soll ich tun? Wenn ich einmal beschlossen habe, das Richtige gefunden zu haben, dann kann ich das nicht mehr loslassen. Dann ist das ein Teil von mir. Das hat mich schon schlaflose Nächte gekostet. Morgen fahre ich wieder hin. Dann sage ich, dass ich mein Geld zurück will. Das habe ich mir fest vorgenommen. Aber vielleicht finden sie den Fehler ja auch noch….