Der Zug kam pünktlich

Immer öfter falle ich in Zeitlöcher. Das sind Momente, bei denen ich glaube, dass etwas lange Überlebtes und glücklich Vergessenes wieder auftaucht. Dass ich diese Ostern im Berliner Mauerpark hätte zu einer Demonstration gegen Mittelstreckenraketen in Ost und West gehen können, wie Anno 1983 im Bonner Hofgarten, ist einer dieser Zeit-Zombies. Oder dass ich neulich mit einer U-Bahn aus den 1980ern, die noch von AEG und Siemens gebaut war (der gleiche Typ, der sonst nur noch in Pjönjang fährt), zum Kino „Sputnik“ gefahren bin, in dem ich auf der Abschlussfahrt mit der Realschule 1978 meinen ersten Film in Berlin gesehen habe, und es dort, als wir „5. Stock, zweiter Hinterhof“ hochgestiefelt waren, immer noch die Sitze aus gemauerten Ziegelsteinen gab und einen Film von Jim Jarmush mit Tom Waits, in dem die hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspieler wieder nicht miteinander redeten oder nicht über das, was sie eigentlich reden sollten. Wie bei „Stranger than Paradise“ oder „Coffee and Cigarettes“ . Damals fand ich das genial. Mittlerweile hat er auch einen Film über Zombies gemacht.

Schlimm ist das nur, wenn die Kinder dabei sind, und man aufpassen muss, dass man nicht ausplaudert, dass einen in diesen Momenten tiefe Hoffnungslosigkeit überkommt. Zum Beispiel letzte Woche. Mit meinen Jungs war ich in der „Gläsernen Manufaktur“ von VW in Dresden. Auch da war ich schon mal, in den 2000er- Jahren. Damals wurden dort Luxus-Karossen in Handarbeit zusammengebaut und die Besucher durften zuschauen. Es war natürlich dekadent, angesichts von mehr als 5 Millionen Arbeitslosen, die es damals gab, die Arbeit so zu inszenieren. Ich stellte mir damals vor, die Dresdener Arbeitslosen würden sich an den großen Glasfenstern der staatlich subventionieren ultramodernen Fabrikgebäude die Nasen platt drücken, um sich anzusehen, wie denn die Arbeit aussieht, die es für sie nicht gab. Aber es war wenigstens wirkliche Produktion und eine Firma, die vor Selbstbewusstsein schon arrogant wurde. Was wir jetzt zu sehen bekamen war nur noch ein Schatten davon. Ich wollte meinen Jungs ein wenig Zukunft zeigen: Die Produktion von E-Autos. Die war aber in Dresden zum Ende des letzten Jahres eingestellt worden. Was man uns jetzt zeigte, waren leere Auto-Hüllen, bei denen von echten Arbeitern mit den alten Maschinen so getan wurde, als würden sie das Auto zusammen bauen. Nur ohne Schrauben. Die Teile wurden zusammen gesteckt und dann wieder auseinander gezogen und für die nächste Besuchergruppe bereit gestellt. Zombie-Produktion in einer halbleeren Glashalle. Ganz Deutschland ist ja gepflastert mit Industriemuseen, aber das hier ist das modernste und das traurigste. „Die, die ihr hier eingetreten seid, lasst alle Hoffnung fahren.“

Zum Glück interessierten sich meine Söhne mehr für die Bienenstöcke, die, von wem auch immer, vor der Fabrik aufgestellt worden waren. Und da kam mein Flashback: 1990 war ich mit einem Freund in Eisenhüttenstadt, der Vorzeige-Stahlstadt der damals noch bestehenden DDR. Die Stahlwerker züchteten nebenher noch Bienen. Der Honig, so erzählten sie uns, bringe ihnen durch die staatlich garantierten Abnahmepreise mehr als die Arbeit im Stahlwerk. Vielleicht sind ja die Bienenstöcke vor dem VW-Werk eine Ausgründung zur Beschäftigung arbeitslos gewordener E-Autobauer.

Das nächste Zeitloch kündigte sich mit einem schrillen Pfiff an: Gegenüber der Fabrik ist der Bahnhof der Parkeisenbahn (ehem. Pioniereisenbahn), einer Miniaturbahn, die nur von Kindern betrieben wird. Das wäre doch eine schöne Aufmunterung für meine Jungs, nach der grusligen Fabrik. Schon fuhr der Zug ein. Aber zwischen uns und dem Bahnhof war ein Hecke. Mein Jüngster war schlau und lief um die Hecke herum, der Ältere blieb stehen, während ich mich durch die Hecke auf den Bahnsteig zwängte. Vor mir stand plötzlich ein Kind in einer Reichsbahneruniform, eine Kelle in der Hand und sagte mit allem Ernst seines Amtes: „Das dürfen sie nicht!“ Sofort war ich umringt von jungen Menschen mit Schaffnermützen und wurde in bestem Amtsdeutsch auf meine Verfehlung hingewiesen. Mittlerweile hatte sich mein Jüngster in den wartenden Zug gesetzt. Ein Pfiff, und der Zug fuhr los. Ohne mir weiter Beachtung zu schenken, diskutierte die Gruppe nun darüber, wie mit dieser Situation umzugehen sei. Ich wurde zur Klärung des Sachverhalts in das Bahnhofsvorsteherbüro mitgenommen. Dort wurde mir nach kurzem Warten mitgeteilt, wie in der Sache verfahren würde: Die Person ohne Fahrschein würde am nächsten Bahnhof den Zug verlassen müssen. Der dortige Verantwortliche wäre bereits informiert. Ich wurde aufgefordert, einen Fahrschein für mich und meine Kinder zu lösen (18 Euro) und meinen Sohn dort abzuholen. Der nächste Zug käme in einer Viertelstunde. Und das Seltsame: Trotz dieser amtlichen Gängelung fasste ich tiefes Vertrauen in diese Kindertruppe und ihre Betreuer. Ich hatte keine Zweifel, dass das auch klappen würde. Der Amtsjargon, die Trillerpfeifen und die komplette Ignorierung meiner Befürchtungen weckte die Erinnerung an die Bundesbahn der 1980er Jahre. Sie war schrecklich, muffig und umständlich, aber sie funktionierte. Nach einer Viertelstunde kam tatsächlich der nächste Zug mit einer blauen E-Lok, die aussah als sei sie eine Requisite für das Ost-Sandmännchen. Wir wurden angewiesen, im letzten Wagen Platz zu nehmen. Dorthin würde mein Sohn dann an der nächsten Station gebracht. Und so geschah es dann auch. Ein erwachsener Bahner übergab ihn uns an der Station „Zoo“ mit einem wissenden Lächeln und wollte noch nicht einmal meinen Familienfahrausweis sehen. Mein Sohn erzählte, dass er in das Bahnhofsvorsteherbüro gebracht wurde und der Vorsteher dort mit einem „komischen Telefon mit Schnur“ angerufen hätte. Wir hatten noch eine schöne, unerwartete Reise durch den „Großen Garten“ bei blauem Himmel und Sonnenschein. Die Menschen im winkten und zu, wir winkten zurück und wir waren für eine Stunde in der DDR der 1980er Jahre.

Nachtschatten

Wie ein Pinselstrich im Gemälde der nächtlichen Stadt.

Vertuscht verschwommen.

Nur einen Augenblick sichtbar

Und doch Teil des Bildes.

Wie ein blitzender Faden auf dem Lichtteppich der Straßen

Unbemerkt und doch da.

Auf einer geraden Bahn auf den nassglänzenden Straßen

die dafür gemacht sind ihn zu tragen

Und doch verloren im Gewirr

Zielstrebig, aber doch an jeder Ecke neu entscheidend.

Zwangsläufig aber doch frei

Not to touch the sky, not to touch the sun. Nothing left to do but run run run…

In der riesigen Kulisse spielt er keine Rolle, aber ohne ihn wäre es ein anderes Stück. Das Theater ist da für ihn und alle andern. Es gibt keinen Dirigenten, aber jeder ist ein Ton in der Großstadtsymphonie. Jede Sekunde eine Uraufführung.

Jeder ist ein Solist und der Star des Abends, solange er dabei ist.

Blattgold und Brutalismus

Am liebsten möchte man der tapferen Pfarrersfrau die Hand halten und sie trösten: Ihr Schicksal hat sie mit ihrem Mann in einen der brutalistischsten aller Beton-Kirchenbauten im brutalen Berliner Märkischen Viertel verschlagen. Und an kantigen Betonbauten ist in dieser Hochhaussiedlung aus den 1960er Jahren wirklich kein Mangel. Sie habe lange gebraucht, um diese Kirche zu verstehen, sagt sie. Der Kunstsachverständige, der uns heute durch den fast lichtlosen Raum aus Sichtbeton führt, habe ihr einiges erklärt. Und an Weihnachten sei der Raum auch wirklich wunderschön. Wenn das Blattgold, mit dem der grobe Beton vom Architekten verziert wurde von den vielen Kerzen erleuchtet werde, herrsche hier wirklich eine besondere Stimmung. Aber um die Renovierungskosten für das in die Jahre gekommene Gotteshaus herbeizuschaffen, wurde der Raum noch bis vor ein paar Tagen ganz anders genutzt. Eine Filmproduktion hatte den Raum gemietet und ihn mit wenigen Requisiten in den Essenssaal eines US-Amerikanischen Gefängnisses umgebaut. „Es braucht ja nicht viel Phantasie, um sich das vorzustellen.“, bemerkt sie fast schon mit Galgenhumor.

„Schaustelle Nachkriegsmoderne“ heißt die Tour, mit der ich am „Tag des offenen Denkmals“ mit einem Bus voller grauhaariger Boomer in Berlin unterwegs bin. Es ist spanned, mal wieder Tourist in der eigenen Stadt zu sein und sich Orte zeigen zu lassen, die abseits der täglichen Routen liegen und deren Türen normalerweise verschlossen sind. In meiner Vorstellung war die Nachkriegsarchitektur hell, filigran, lichtdurchflutet. So wie die „Schwangere Auster“, die Kongresshalle aus den 1950ern an der Spree oder die achteckige Kirche neben der Kaiser- Willhelm-Gedächtniskirche mit ihren leuchtend blauen Glasbausteinen. Aber was wir zu sehen bekommen sind mehr oder weniger sanierungsbedürftige Mehrzweckbauten – Architektenträume, die lange vergangenen Bauideologien huldigen: Keine rechten Winkel, das Außen soll das Innen nicht verraten, das Außen soll im Inneren Platz finden (es gibt tatsächlich Kirchen in denen Straßenlaternen eingebaut wurden und Bodenplatten aus Asphalt), Räume sollen in ihrer Funktion nicht festgelegt werden… Was davon übrig geblieben ist, sind die Seufzer der Küster und die Klagen der Pfarrer. Von Denkmalschutz über schadstoffhaltigem Lack bis hin zu aufgequollenem Parkett ist die Liste der irdischen Prüfungen lang. Und die Kirchenbänke bleiben immer öfter leer. Da hilft es auch nicht, dass sich andere Glaubensgemeinschaften in die evangelischen oder katholischen Kirchen einmieten. „Aber was nützt das, wenn eine Gemeinde aus 20 koptische Familien hier ihren Gottesdienst abhält? Davon kann ich die drei Millionen Euro für die energetische Sanierung nicht bezahlen.“ klagt ein Pfarrer. „Und die Moscheegemeinden winken gleich ab. Die stören nicht die Kreuze, sondern die hohen Heizkosten.“

Nicht gespart hat man bei der St. Hedwigs-Kathedrale, der katholischen Bischofskirche in der Mitte Berlins. Dort hat man nach einem Machtwort von Bischof Woelki die ganze Nachkriegsmoderne heraus gerissen und durch einen weißgetünchten runden Saal mit Kuppel ersetzt. Fein säuberlich getrennt ist jetzt auch der Zugang zur weißen Oberkirche von dem zur dunklen Unterkirche, die nur durch eine in einem schwarzen Tunnel steil abwärts führende Treppe erreicht werden kann. Und wer denkt, das sei der Weg hinab ins ewige Fegefeuer, das einem die Katholiken als Sünder ja als Chance versprechen, wird wieder getäuscht. Es ist eine Taufkapelle. Allerdings ist der Taufstein so tief eingelassen, dass es bislang noch kein Pfarrer geschafft hat, sich so weit herabzubeugen. Deshalb wird hier gerade nicht getauft, so die Auskunft unseres Führers, der aber fairerweise zugibt, dass er für ein Architektenbüro arbeitet, das den Zuschlag für die Renovierung nicht bekommen hat. Der seltsame Taufstein zieht die Besucher trotzdem in seinen Bann.

Richtig luftige Nachkriegsmoderne bekam ich am Ende dann doch noch zu sehen:Die Judas-Thaddäus Kirche in Schöneberg im allerschönsten Nierentisch-Design. Sehr renovierungsbedürftig auch sie, aber das Kirchenschiff (Ein Schiff in den Wellen mit dem Kirchturm als Mast war tatsächlich die Idee, die der Architekt hier Ende der 1950er gebaut hat) ist voll mit herausgeputzten, lebhaften Menschen. Die ghanesische katholische Gemeinde feiert heute hier. Alle sind gleich an ihren gelben Kleidern, Kopftüchern und Hemden mit dem Logo der Gemeinde zu erkennen. Fast ein bisschen peinlich, an ihnen vorbei in die weihrauchgeschwängerte Kirche zu gehen. Aber dem Herrgott hats gefallen und er schickte ein paar Sonnenstrahlen, mitten auf den Altar. It`s a kind of magic.

Aus der Weihnachtsbäckerei

Als ich ein Kind war, und es gab in der Adventszeit ein besonders rotes Abendrot, dann sagte meine Mutter zu mir: “Das sind die Engelchen, die helfen dem Christkind, Weihnachtsplätzchen zu backen.“ Das glaubte ich natürlich. Denn rote Glut sah ich im Winter immer im gusseisernen Ofen in unserer Küche (in der auch mein Lieblingskuschelhund verschwand, nachdem ich drauf gekotzt hatte, als ich Blinddarmentzündung hatte), und ich sah auch, wie meine Mutter den Plätzchenteig machte, mit viel guter Weihnachtsbutter vom Butterberg und nach einem Rezept von Dr. Oetker. Das ganze wurde durch den Fleischwolf gedreht. Vorne war eine schmale Schablone, durch die der Teig herausquoll. Ein endloses Band das in Schleifen, Schlangen oder Kringel gelegt wurde. Daraus wurden dann duftende Berge von Spritzgebäck, mal mit Schokoladenguss an den Spitzen, mal ohne. Die mit Schokolade waren natürlich am schnellsten weg.

Heute habe ich eine Gasheizung mit blauer Flamme und weiß längst, dass das Rot beim Abendrot von der Luftverschmutzung kommt. Deshalb glüht der Himmel über Berlin abends ja oft in besonders flammenden Farben. Natürlich weiß ich auch, dass die Weihnachtsgeschenke vom DHL-Mann gebracht werden. Aber Engelchen, Engelchen, die Weihnachtsgeschenke basteln, die gibt es immer noch. Ehrlich!
Sie heißen Birgit und Matthias und sie haben mir dabei geholfen, ein feines, kleines Buch zu veröffentlichen, um es euch unter den Weihnachtsbaum zu legen.

Es heißt „Das Wunder vom Sparrplatz“. Birgit hat es tatsächlich geschafft, in meinen mittlerweile mehr als 250 Blogbeiträgen über Gott und die Welt einen roten Faden zu finden. Sie beschreibt das im Vorwort so:

„Das Wunder vom Sparrplatz“, das sind Erzählungen eines Vaters aus dem rauen Berliner Stadtteil Wedding. Das ist ein Vater mit Leib und Seele und aus ganzem Herzen. Ein (manchmal etwas melancholischer) Single-Mann, der allein oder mit seinen Kindern durch seinen Kiez im Wedding streift. Dabei richtet sich seine Aufmerksamkeit ganz auf das Leben auf der Straße, auf die kleinen Alltagsszenen, die sich in den Cafés seines Viertels, beim Friseur oder auch am Spielplatz entfalten. Ein Flaneur mit Kinderwagen.

Ins Buch gekommen sind fast dreißig Geschichten aus sieben Jahren. Von Kindern und Abenteuern, von grauen Straßen, großem Glück und kleinen Fluchten. Und von Wundern natürlich, die immer wieder geschehen können. Es schneit auch viel in den Erzählungen.
Matthias hat das alles professionell mit vielen Korrekturschleifen in einer wunderschönen Schrift gesetzt und jetzt ist es ein richtiges Buch geworden. Ich freu mich sehr darüber. Es ist etwas ganz anderes, einen Text in ein Blog zu tippen, oder einen Text für ein Buch vorzubereiten. Zu sehen, wie die Rechtschreibfehler verschwinden und manche Brüche in den Erzählungen, wie aus Flattersatz ein solider Blocksatz wird und der Stolz zu erleben, die letzten Korrekturfahnen in der Hand zu halten. Es war ein Abenteuer eigener Art. Und ich glaube, es hat sich gelohnt. Dass wir es geschafft haben, es jetzt noch vor Weihnachten herauszubringen, ist sowieso ein Wunder. Es ist natürlich das ideale Geschenk für alle, die schöne Bücher lieben. Schaut mal rein – es lohnt sich. 😉

Das Buch ist bei bookmundo.de im Selbstverlag herausgekommen.

Wer möchte, kann es dort direkt bestellen (leider mit 4,99 Euro Versandkosten, egal wie viele Bücher man bestellt).

Aber viel schöner ist es ja sowieso, sich das Wunderbuch in einer richtigen Buchhandlung abzuholen. Im Wedding gibt es das Buch natürlich in der einzigen inhabergeführten Buchhandlung im ganzen Kiez: belle et triste in der Amsterdamer Straße. Ihr könnt es in jeder anderen Buchhandlung bestellen unter der ISBN 9789403644677

Ihr könnt es auch direkt bei mir bestellen. Einfach eine Mail an info@kafkaontheroad.blog

Dann kostet es 8,50 Euro und 2 Euro Versand.

Tja, und jetzt bin ich mal gespannt, wie es euch gefällt.

Rolf Fischer
Das Wunder vom Sparrplatz
Selbstverlag bei bookmundo.de
ISBN 9789403644677
80 Seiten, 8,50 Euro