Weddinger Jöhrn

Hier eine kleine Geschichte, die noch vom Sommer liegen geblieben ist. Ich hoffe sie wärmt euch ein bisschen, jetzt, wo es draußen so unwirtlich wird.

Abends um fünf. Feierabend. Sonnenschein. Ich biege um die Ecke auf dem Weg zum Eiscafé, da sehe ich sie. Drei Kinder, vielleicht sechs oder sieben Jahre alt. Das ist ein ungewöhnlicher Anblick für meinen Kiez. Kinder alleine auf der Straße, ohne Eltern, ohne Fahrradhelm und Kinderrad. Und die andern, bei denen sich die Eltern nicht kümmern, haben den Hof. Die Häuser hier haben große Innenhöfe. Da können sie spielen.

Aber die hier sitzen vor dem Hauseingang auf der Stufe. Jeder knabbert an einem Schokoladeneis. Um sie herum Papier von Eistüten und leere Plastikhüllen von leergeschlecktem Wassereis. Einer hat einen kleinen weißen Hund mit Leine auf seinem Schoß. Nicht viel mehr als eine Handvoll. Im Vorbeigehen sehe ich, dass es zwei Jungs und ein Mädchen sind. Alle drei spindeldünn

Der Junge ruft mir hinterer: „Wollen Sie mal den Hund streicheln, für 50 Cent?“ Ich halte an und gehe zurück. Er hält mir den Hund hin. „Nee“, sag ich. „Wenn ihr wollt, dass ich den Hund streichele, mach ich das gerne. Aber nicht für Geld.“ 

Ich hocke mich vor sie hin und bekomme den Hund zum Kraulen. „Wie heißt er denn?“ „Sie heißt Jackie, es ist ein Mädchen“, sagt das Mädchen. „Ihr habt doch alle schon ein Eis“, sage ich altväterlich. „Wozu wollt ihr denn noch Geld?“ „Um noch mehr Süßigkeiten zu kaufen“, antwortet der Junge mit dem Hund kess. „Ist das dein Hund?“ „Ja“, sagt er stolz. „Er ist acht Jahre alt.“ „Also ist er älter als du“, schätze ich. Das bringt die Gruppe ins Überlegen. „Wie alt bist du denn?“, frage ich. „Na ja, schon acht“, kommt es von da unsicher. Der andere Junge zeigt es mir seinen Fingern. „Sechs?“, versuche ich zu übersetzen. Er zuckt schüchtern mit seinen Schultern. Das Mädchen sagt gar nichts. 

Ich gebe ihnen den Hund zurück, bedanke mich und wünsche einen schönen Tag. Als ich mit meinem Eis vom Eiscafé zurück komme, sind sie nicht mehr da.

Göttlich

Im Sprengel-Kiez muss man Zeit haben. Wer hier lebt hat wenig. Wenig Verkehr, wenig Lärm, kaum einer hat ein Auto. Dafür tun hier alle so als hätten sie viel Zeit. Es gibt hier viele kleine Läden. Aber auch in denen gibt es nicht viel. Hansi, der Bäcker hat nur fünf Sorten Brot im unbehandelten Holzregal. Nur Mittwoch bis Samstag und erst ab 9 Uhr. Aber dafür sind die natursauer und handgemacht. Ein Tortencafé, das Kaffee und Kuchen anbietet wie ihn die Tanten meiner Jugend zubereiteten wird von zwei jungen Frauen betrieben, die sich mit dem Abarbeiten der Bestellungen Zeit lassen. Alles wird mit betonter Sorgfalt und Umständlichkeit zubereitet. Der Laden ist trotzdem voll und die Tische stehen bis auf die Straßenecke. Ein anderes Café heißt „Göttlich“ und bietet viele einfache Genüsse, nur keinen schnellen Service. Geboten wird vor allem allem höllisch bitterer und sündhaft teurer Kaffee auf den man auf den groben Holzbänken draußen so lange warten muss, als warte man auf ein Gespräch mit seinem Beichtvater. Beschweren ausgeschlossen: Denn das heilige Gebräu wird von einer der jungen Baristas mit einer herablassenden Geste serviert, die ich sonst nur von Priestern der katholischen Kirche kenne: Ich bin der, der das Ritual kennt und ich bin derjenige, der dich der Gnade des Abendmahls teilhaftig werden lässt. Wer will sich beschweren, wenn es um sein Seelenheil geht?

Als Mensch, der noch in irdischen Dingen gefangen ist, wird einem auch das göttliche Lachen der Gelassenen zuteil. Im Bio Laden, in den ich auf dem Weg von der Arbeit kurz hinein springe, um schnell einen Liter Milch zu holen, werde ich in meiner Hektik von einem betont entspannten Gespräch des Verkäufers mit einem Kunden gebremst. In aller Ruhe und Freundlichkeit wird über die drei Möhren und das halbe Vollkorn-Brot gesprochen, das der wohl mit dem Bio-Krämer befreundete Mann nach langem Wägen aus dem halbleeren Holzregal wählt. Natürlich ist das persönliche Gespräch wichtiger als der nackte Warentausch. Wo wäre der Mensch weniger Mensch als dort, wo er allein auf seine reine Rolle als Konsument reduziert wird? Und auch die ausgebeutete Verkäuferin, die im grellen Neonlicht zum Mindestlohn die Waren über den Scanner zieht, und keine Zeit für ein freundliches Wort mit den Menschen hat. Wollten wir das nicht alles überwinden? Ja, morgen. Jetzt habe ich es eilig und ich mache den Fehler, es auch zu sagen: „Geht das auch ein bisschen schneller, ich habs eilig?“. Die Stille, die darauf folgte, war tödlich und währte nur eine Sekunde. Dann verzog der Krämer genüsslich sein Gesicht und grinste zu seinem Kumpel rüber „Oh, da muss jemand wohl noch lernen, sich zu entspannen.“ Geruhsam führte er sein Auswahlgespräch fort und nach einer unendlich scheinenden Zeit geruhte er, mir den unverschämten Preis für die Milch von entspannt grasenden Kühen (mit Hörnern, wie mir das Etikett versicherte) abzuverlangen.

Der früh verstorbene Satiriker Wiglaf Droste vermutete schon vor der Jahrtausendwende, dass die Langsamkeit der Menschen in den Bio-Läden daher komme, dass die gesunde Kost, die dort angeboten wird halt doch nicht so viel Energie verleihe, wie von Ihren Anhängern ständig mantraartig gepriesen wird. In jener Zeit wollte man aber immerhin noch die Entschleunigung für alle (ich weiß das noch genau, denn ich war Mitglied im Öko-Coop „Wurzelwerk“). Jetzt ist die Langsamkeit nur noch eine schnöselige Attitüde derer, die zeigen wollen, dass sie es nicht nötig haben, im Hamsterrad zu laufen – und trotzdem dauernd Kaffee trinken.

Meinen nächsten Kaffee trinke ich wieder bei Edeka in der Müllerstraße. Da ist der Kaffee dünn und es ist laut und hektisch. Aber man bekommt ihn sofort und alles zusammen ist belebender als das geweihte Koffein aus dem Sprengel-Kiez. (Und die gleiche Bio-Milch ist bei Edeka einen Euro billiger).

Can kommt nicht mehr

Wo Can war, wars lebendig. Wenn er hinterm Tresen stand in seinem kleinen Backshop neben der U-Bahn-Station, lief Musik. Hip Hop oder sowas in der Richtung. Mit seinen Gästen unterhielt er sich laut und fröhlich, nicht nur, um die Musik zu übertönen, sondern weil er so war. Baumlang, spindeldürr, immer aufgedreht und gut gelaunt. Ein großer Clown. Er ging mit mit der Musik. Seine Freunde, und alle die kamen, waren seine Freunde, wurden mit einem Spruch oder mit einem High Five begrüßt. „Bist du Bäcker oder Rapper?“ fragte mal einer in der Schlange vor dem vollen Tresen. „Rapper?, niemals!“, antwortete Can sofort und wie immer etwas zu laut. „Ich bin Bäcker!“ Die Brötchen und den Kuchen verkauften die Frauen, die neben ihm standen. Leicht genervt verdrehten sie ihre Augen, wenn Can mal wieder seine Show abzog. Aber er war die Seele vom Geschäft. An den Wänden hingen Bilder, die die Kinder aus der Nachbarschaft ihm in der kleinen Spielecke hinter dem Schaufenster gemalt hatten. Andere schenkten ihm eine Fotomontage, die ihm im Fußballtrikot zeigte. „FC Can“ stand darüber. „Der fröhlichste Backshop im Wedding“ dichtete ich in meinem Hinterkopf schon die Überschrift über einen Bericht für eines unser Kiezmagazine. Aber dazu sollte es nicht kommen.

Vor ein paar Wochen setzte sich Can dann mal zu mir, als ich vor dem Laden einen Kaffee trank. Und sofort fing er an, mich zu unterhalten. Ich brauchte gar nicht zu fragen. Er war einfach so. Dass die Bäckerei von seiner Mutter aufgebaut worden sei. Dass die Frauen hinter der immer prall gefüllten Theke seine Schwester und seine Frau seien. Dass die Arbeit morgens um 4 Uhr anfange, und dass ihm das immer schwerer falle, obwohl er noch gar nicht so alt sei. Dass er in seinem Leben viel Unsinn gemacht habe, dass die Familie ihn aufgefangen habe und dass die Bäckerei jetzt endlich so gut laufe, dass er mal ein wenig kürzer treten könne. Mal nicht jeden Tag im Laden stehen. Mal Urlaub machen.

Danach habe ich Can lange nicht gesehen. Ich bin auch nicht jeden Tag an der U-Bahn und habe nicht immer Zeit für einen Kaffee. Aber dass auf einmal andere Frauen hinter dem Thresen standen, das fiel mir schon auf. Und ein anderer Mann, älter, graue, kurze Haare, schweigsam. Wo Can sei, fragte ich dann doch einmal, weil es mir komisch vorkam. „Can macht Urlaub“, hieß es dann knapp. Und als ich ein paar Wochen später noch einmal fragte, hieß es dann: „Can kommt nicht mehr.“ Er habe ein paar Wochen Urlaub in der Türkei gemacht und dann sei er mit der Idee zurück gekommen, sich dort niederzulassen, was Neues anzufangen. Und dann habe er den Laden an den neuen Besitzer übergeben. Es klang nach der offiziellen Version für die neugierigen Kunden. Sie machte eine Kopfbewegung nach draußen, wo der neue Besitzer mit Gästen am Tisch saß und sich mal auf Deutsch, mal auf Türkisch mit ihnen unterhielt. So wie Can. Sie lachten auch, aber es war nicht mehr das Gleiche. 

Ich wünsche ihm Glück, wo immer er jetzt auch ist.

Hitze

Samstagnachmittag in der Müllerstraße. Nur wenige Menschen sind auf der Sonnenseite unterwegs. Das Weltmeisterschaftsfahnenmeer vor dem Müller-Shop weht matt in einem heißen Wind, der keine Abkühlung bringt. Jeder BVG-Bus, der vorbeikommt, wirft einen neuen Schwall von Dieselabgasen und heißer Abwärme auf die Passanten.

Die Bauarbeiter an der Dauerbaustelle neben der Schiller-Bibliothek haben sich auf dem seit Jahren abgesperrten Trottoir eine private Plansche gebaut, in der kalkiges Wasser dümpelt.

Die richtige Plansche für die Kinder im Schillerpark ist kaputt. Reparatur kann dauern, sagt das Bezirksamt. Aber die Kinder wissen sich zu helfen. Vor dem Bolu-Supermarkt sprüht der alte, wettergegerbte Verkäufer mit einem Gartenschlauch den Gehweg ein, um sein Gemüse abzukühlen. Unentschlossen stehen ein Junge und ein Mädchen vor dem schnurrbärtigen Mann. Dann trauen sie sich, in den gesprühten Nebel hinein zu springen. Sie lachen, hüpfen hin und her, aus dem Wasser raus und wieder rein. Der Verkäufer macht das Spiel mit, bis die Kinder von ihren Eltern weiter gezogen werden.

Als Nächster kommt schon der Verkäufer-Kollege in der blauen Schürze und hält dem Alten das Gesicht hin. Vorsichtig streicht er von Weitem mit seinem Wasserstrahl über Gesicht und Arme des Mannes. Ein kleines Mädchen mit Sommerkleid und hellem Strohhut steht mit seiner Mutter schüchtern daneben. „Willst du auch mal?“ fragt der Verkäufer. Das Kind nickt. Aber da kommen nur noch ein paar Tropfen aus dem Schlauch und laufen über seine blassen Beine. Enttäuschte Kinderaugen sehen den Verkäufer stumm an. Der lacht und drückt auf den Vernebler und das Kind steht in einem kühlen Tropfenvorhang und dreht sich.

Auf der Baustelle

Er war schon da, als ich noch nicht da war. Und seit ich da bin war ich nie da. Aber seit ein paar Monaten ist er verschwunden und deswegen habe ich habe ihn endlich gefunden.

„Ist schon komisch“, sagt die Friseurmeisterin mit der roten Petra-Pau-Lookalike-Igelfrisur und bunter Halskette. „Seit das Baugerüst vor unserem Laden ist, haben wir mehr Kundschaft. „Vielleicht weil die Leute langsamer gehen und merken: Da ist ja noch ein Friseur.“, mutmaße ich. Denn genau so ist es mir gegangen. Erst durch den Aufsteller mit dem völlig aus der Zeit gefallenen Plakat auf dem Gehweg bin ich in den Laden gestolpert. Nächstes Wochenende hat mein Ältester Jugendfeier, da muss ich obenrum gut aussehen, weil er mir schon eine handbreit über den Kopf gewachsen ist und ich neben ihm sonst aussehe wie ein grauer Gnom.
„Haare ab?“ fragt die Chefin, als ich meine Mütze an die Garderobe hänge. Die Jacke nimmt sie mir ab, und hängt sie auf einen Bügel mit Kunstlederbezug und Nieten. „Haare ab!“ nicke ich, froh mal nicht nach den Worten suchen zu müssen, die passen, wie es bei den türkischen, kurdischen, arabischen oder vietnamesischen Barbershops in meinem Viertel üblicherweise tue, und trotzdem verstanden zu werden. Die Frau macht sich gleich an die Arbeit und sie gibt mir das Gefühl, dass ich mich jetzt entspannen kann. Ohne zu wissen, was ich erst später erfrage, dass sie Friseurmeisterin ist und dass sie den Laden seit 23 Jahren führt, merke ich an jedem Handgriff, dass hier jemand am Werk ist, die weiß, was sie tut und weiß was ich brauche. Und sie beherrscht die Kunst des unverbindlichen Friseurgeplauders. Nie aufdringlich, nie zu persönlich. Freundlich und respektvoll. Neben mir arbeitet ihr schmaler kleiner Kollege im roten Friseurkittel und schütterem Haar an den eingeschäumten Haaren einer älteren Frau. Sie erzählt wie sie als Kind in den Trümmern der Stadt gespielt hat und dass sie jetzt auf eine goldene Hochzeit eingeladen ist. Altes Deutschland. Ein bisschen ist es wie beim Dorffriseur in meiner Kindheit. Auf dem Bord über den Spiegeln stehen Frisierpuppen und ein Männerkopf mit eingeseiftem Bart. „Haben da ihre Lehrlinge das Rasieren gelernt?“, frage ich. „Ja, aber heute darf man ja nicht mehr nass rasieren. Gesundheitsgefährdung, sagt die Berufsgenossenschaft.“ Ich hake noch mal nach, ob es mit Blut und HIV zu tun hat, aber das ist ihr dann doch zu verbindlich. Statt einer Antwort holt sie den Spiegel und lässt mich meinen frisch frisierten Nacken begutachten. „So gut sah ich lange nicht mehr aus.“, flachse ich und sie nimmt das Kompliment freundlich schweigend entgegen. „18 Euro Fünfzig“.
Im Rausgehen sag ich noch gut gelaunt in den Raum: „Wahrscheinlich merkt wieder keiner, dass ich beim Friseur gewesen bin.“ „Ich geh jeden Tag zum Friseur.“, kontert der kleine Mann am Frisierstuhl, „Und das merkt ooch keener.“ Berliner Schnauze, mal gut gelaunt. Das nächste Mal zahl ich Eintritt.

Warum?

Von weit her schreit mich die Frau von ihrem Balkon an: „Warum?“, ruft sie und es klingt wütend. Gerade habe ich ein Foto von dem heruntergekommen Wohnblock gemacht, in deren Erdgeschoss sie mit ihrer Familie in der Sonne sitzt. Mehr Worte werden nicht gewechselt, wohl auch, weil sie wenige Worte in Deutsch kennt. Aber sie schafft es das eine Wort so auszusprechen, dass ich genau verstehe, was sie meint: Wieso nimmst du dir das Recht heraus, uns hier zu fotografieren? Warum fotografierst du dieses schäbige Haus? Und warum können wir uns nicht dagegen wehren? Ja warum? Warum fotografiere ich nicht die Schillerparksiedlung, durch die ich gerade gelaufen bin? Die ist schön, Bauhausarchitektur, UNESCO-Weltkulturerbe, warum nicht die 50er-Jahre-Siedlung nebendran? Die ist immerhin geschütztes Denkmal, leicht, luftig, mit großen Balkons. Warum habe ich erst den Fotoapparat herausgeholt, als ich in die Siedlung kam, in der die Farben verblichen waren, wo an einigen Fenstern noch die Rauchspuren von vergangenen Zimmerbränden an der Fassade sichtbar waren und die wie bunte Kinderkleckse auf der Wand verteilten, grob zugeschmierten Löcher in der schon wieder renovierungsbedürftigen Wandisolierung? Elendstourismus in die Nachbarschaft? „Es ist wegen der Farbe. Wegen pastellfarbenen Balkone unter dem strahlend blauen Frühlingshimmel.“, würde ich gerne rufen. Aber das würde die Frau wohl nicht verstehen. Ich verstehs ja selber nicht. Statt dessen rufe ich „Nicht Sie, ihr Haus!“. Lösche das Bild und laufe weiter. Vielleicht sollte ich anfangen, die Menschen zu fragen und dann die Menschen zu fotografieren und nicht die Häuser. Das habe ich versucht. Aber nur so zum Spaß will das in Zeiten der deep fakes keiner mehr.

Als ich mir später in der Pizzeria die Fotos anschaue, gefallen sie mir trotzdem.

Freigang

Von einem Freund habe ich mir gestern ein Buch über den Berliner Knast in Tegel ausgeliehen; genauer: über einen Schauspieler, der als Vollzugshelfer einen lebenslang einsitzenden Mörder regelmäßig besucht. Harter Stoff. Aber dadurch weiß ich, dass auch Gefangene eine Stunde am Tag aus ihrer Zelle raus müssen. Also rappele ich mich auf, ziehe den dicken Parka an, den ich eigentlich schon in den Schrank gehängt hatte und schleppe mich ins Café am U-Bahnhof. „Wir machen aber gleich zu.“, bekomme ich zu Begrüßung mit der Tasse Kaffee überreicht. Wieder zu spät für die schönen Dinge im Leben.

Vor dem Eingang stapeln sich die achtlos stehengelassenen E-Roller. Die Straße runter wird es auch nicht freundlicher. Der vietnamesische Blumenladen hat auch am Sonntag auf, aber die Blüten sind schon halb verwelkt und finden keinen Käufer mehr. Im Fahrradladen daneben daneben verstauben die Kinderroller und die Rennräder in der Auslage. Die braune Rampe, die es den Kunden leichter machen sollte, in den Laden zu kommen, ist wie eine Zugbrücke hochgeklappt. Lebt hier noch jemand? Den rostigen Fahrradleichen, die vor dem Laden dahingammeln, drohen ausgeblichene Zettel des Ordnungsamtes schon seit Wochen den Abtransport an. Irgendwann wir der Wind sie abreißen und niemand wird kommen.

Über der Stadt haben sich die lange angekündigten Regenwolken zusammengezogen. Es fängt an zu tröpfeln. Ich ziehe die Kapuze über den Kopf und sehe, wie sich auf der anderen Straßenseite die Junkies vor dem Drogenkonsumraum „Müllerstube“ dicht an die Wand. drücken, um nicht nass zu werden. Nützt aber nichts, denn jetzt fängt es richtig an, dunkel zu werden.

Und in dem Dunkel ist ein Leuchten. Als ich meinen Rundgang abbreche und durch den trommelnden Regen nach Hause einschwenke, liegt rund um einen polnischen Transporter ein neongrüner Teppich aus Ahornblüten. Wie Fronleichnam in meiner katholischen Heimat, als wir Grundschüler vor den Heiligenbildern Bilder aus Wiesenblumen legten. Auch mein Moped badet im Blütenmeer. Die Natur räumt auf und erholt sich. Mich braucht sie dafür nicht. Ich kann wieder in meine Zelle.

Stairway to Heaven

Arztbesuche eröffnen manchmal ungewohnte Aussichten: Das ist die Dankeskirche auf dem Weddingplatz in Berlin. Auf dem Boden stehend eine ziemlich hässliche Betonkirche. Aus der Praxis meines neuen Arztes im 4. Stock hat man den Überblick, ist man dem Himmel näher und erkennt das Große und Ganze in seiner aufstrebenden Schönheit. Und es keimt Hoffnung in mir auf, dass es doch noch was werden könnte mit dem Seelenfrieden. Was ich denn tun müsse, frage ich den Doktor, um trotz meiner müden Knochen irgendwann doch noch auf den Pilgerweg in Spanien gehen zu können? Sport soll ich machen, sagt der Doktor, Muskelaufbau. Ich? Sport? Soll ich im Alter anfangen, Dummheiten zu machen, die ich mein ganzes Leben vermieden habe? Oh Herr, lass diesen Kelch an mir vorübergehen…

Freiheit, die ich meine

Nee, so geht das auch nicht. Die Welt ist doch schon kompliziert genug. Und dann macht man aus einer einfachen Seitenstraße ein Labyrinth? Das soll einer verstehen. Ich bin ja Radfahrer mit Leib und Seele. Und dass man auf den Berliner Hauptstraßen den Autos eine ganze Spur weggenommen hat und sie für die Fahrräder mit Pollern abgesperrt hat (zumindest war das so gemeint. In der Wirklichkeit fährt man weiter Slalom zwischen Lieferwagen, Baustellen und Falschparkern), dafür möchte ich unserer ehemaligen grünen Stadträtin jeden Tag eine Kerze in der Kathedrale meines Herzens anzünden. Ehrlich! Danke Frau Dr. Almut Neumann!

Dass man mit Barrieren, Schildern und Grenzpfählen aber nicht überall eine bessere Welt schaffen kann, merke ich, als ich mal nicht mit dem Rad unterwegs bin, sondern mit dem Moped. Und weil ich die Nebenstraße genommen habe, und weil ich es eilig habe und weil dann da ein Polizist steht, der das ganze Durcheinander sortieren soll. „Fahn se ma rechts ran.“ kommandiert er und winkt mich mit der rechten Hand zu sich, während er das Auto kontrolliert, hinter dem ich zum Halten gekommen bin. „Na, was glauben se, warum sie jetzt hier stehen?“, wendet er sich mit einem makellosen Gebiss breit lächelnd an mich. Blödeste Bullentaktik, aber sie verfängt. Ich soll mich selbst beschuldigen? Tue ich dann auch prompt. Denn so läuft das Spiel: Selbsterniedrigung mit Hoffnung auf Absolution. Kenne ich noch von der katholischen Kirche. Das war auch bei der sozialistischen Selbstkritik so und das ist heute in einem verkehrsberuhigten Kiez mit grüner Wählerschaft nicht anders. „Fahrradstraße?“, rate ich mal so ins Blaue hinein. Ganz tief ist die Reue nicht, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich gegen die Gebote der neuen Fahrradstraße verstoße. Im Gegenteil: Jedes Mal nehme ich mit dem Moped trotzig genau diesen Weg, weil es jedes Mal ein kleiner Triumph ist hier gegen alle Verbote durch das Zentrum von Deutsch-Schilda hindurch zu knattern. Mit dem Fahrrad nehme ich die Strecke entlang der Hauptstraße – das geht schneller. „Die Nachbarn haben sich beschwert, dass sich hier zu viele nicht an die Einbahnstraße halten.“, rechtfertigt sich der Wachtmeister, und ich merke, dass es im unangenehm ist. „Und deswegen muss ich jetzt hier rumstehen.“ Da ist ein kleiner Unterton, der mich hoffen lässt. Routiniert kontrolliert er Führerschein und Perso. „Ach sie wohnen ja ganz in der Nähe?“, staunt er. „Versicherung in Ordnung?“ „Ja“, sag ich eifrig, „Neues Kennzeichen gestern drangeschaubt.“ Hoffentlich fragt er mich nicht nach dem Bremslicht, das tut nämlich nicht. Und überhaupt fallen mir alle Sünden wieder ein. So ist das bei mir immer. Aber es gibt einen Trumpf, der bei jedem Berliner Polizisten verfängt: „Also ich finde ja die Fahrradstraße echt eine gute Idee, aber dass das so kompliziert sein muss…“ Kein Berliner Polizist über 50 ist Fahrradfahrer. Und der Schupo mir gegenüber mit seinem stattlichen Bauch unter dem schwarzen Lederwams bestimmt auch nicht. Mein Alter, schätze ich ihn, gemütlich. „Na, dass ich den Quatsch noch vor der Rente machen muss….“ fängt er an. „Also ich hab noch zwei Jahre…“ solidarisiere ich mich sofort. „Nee, ich nur noch 5 Monate – jottseidank!“ Dann versucht er wieder amtlich zu werden. „Also eigentlich sind das 50 Euro…“ Aber ich komme mit einer ernsthaften Verwarnung weg und gelobe Besserung. Fast möchte ich dem freundlichen Mann in Schwarz zum Abschied die Hand schütteln. Aber er ist schon wieder beschäftigt. Das Gegensprechgerät an seiner Brust knarzt. Es ist von Motorola. Die haben mal gute Handys gebaut, vor 20 Jahren. Gibt’s die überhaupt noch? Der Kontaktbereichsbeamte von der Triftstraße wird eine Lücke lassen in der Berliner Polizei, wenn er geht. Gerade seine Gelassenheit brauchen wir hier.

Einen Tag später komme ich an die Stelle zurück. Mit Fahrrad und Fotoapparat. Wir wissen aus den guten Krimis: Der Täter kehrt immer an den Ort der Tat zurück. Waren hier wirklich Einbahnstraßenschilder? Hatte ich gar nicht gesehen? Oh ja! Mehr als genug. Während ich versuche, sie alle auf ein Bild zu bekommen, muss ich immer wieder zur Seite springen, wegen der Autos, die in alle Richtungen durch die Einbahn-Fahrradstraße brettern. Auf dem Rückweg mach ich dann noch ein paar Bilder vom Leben und Überleben auf der Hauptstraße.

Seltene Erden

Das Glück erwischt einen ja an den Orten, an dem man es am wenigsten erwartet. Es braucht nur ein bisschen Sonnenschein, eine Nacht, in der das Thermometer um 10 Grad gestiegen ist und die erste Tour mit dem Moped, dann wird sogar ein Café in einem Berliner Waschbetonviertel aus den 1970er-Jahren zu einer Insel der Glückseligkeit. 2000 Kilometer weiter östlich tobt seit vier Jahren ein Krieg, über unsere Straßen rollen Autos, die Panzern gleichen und an der Ecke verwandeln sich hinter den Baugerüsten Sozialbauten in Investmentobjekte. Wie immer. Aber doch nicht gerade jetzt, doch nicht in diesem Moment. Grade ist doch alles friedlich. Sogar das rasende Bollern der SUV-Reifen über das Kopfsteinpflaster, das durch die offene Tür herein kommt, hört sich für mich an wie ein willkommenes Zeichen des wiedererwachten Lebens. Mir geht‘s gut.
Die selbstbewussten Frauen, die das Café Freysinn hier seit Jahren schmeißen haben mir die Wahl zwischen fünf vegetarischen Gerichten gelassen und als ich danach noch sehnsüchtig auf den Mohnkuchen in der Vitrine schmulte (das ist mein Lieblings-Alt-Berliner Wort und bedeutet „verstohlen neugierig schauen“), kriegte ich das Reststück für n‘ nen Euro. So schön kann Berlin sein. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu.
Natürlich nicht. „Jedes echte Glücksgefühl ist künstlich.“, heißt der alte Säuferspruch. Aber bei mir ist es kein Schnaps, der mich froh macht in einer Welt, die zum Heulen ist, sondern Vitamin B 12. Das fehlte mir nämlich bis vor einer halben Stunde. „Die Spritze wird von manchen Menschen als euphorisiernd empfunden.“, hatte mich die Ärztin gewarnt. So ist das mit der Körperchemie. Man denkt es ist der holde Lenz, der die zartesten Gefühle in einem weckt und dabei kommt das Glück aus den Retorten der Bayer AG, hier um die Ecke in der Seestraße. Aber wie alles Glück ist auch das aus der Spritze nicht vollkommen. „Ihnen fehlt auch noch Selen“, hatte die Ärztin sorgenvoll mit Blick auf die Laborwerte festgestellt. „Das ist ein Element, das steckt in Brot und Getreide.“ Seltsam, davon esse ich doch mehr als genug, staunte ich. Aus heimischem Anbau und in bio. „Ja, aber Deutschland ist ein Selen-Mangelgebiet. Das kommt hier im Boden nicht ausreichend vor.“, wurde ich aufgeklärt. Da hatte mich die Weltpolitik wieder. Die Deutschen können sich mit seltenen Erden nicht selber versorgen. Wer hat das Monopol auf Selen-Tabletten? Hängt mein Glück und meine Gesundheit am Ende vom Erfolg der China-Reise des Bundeskanzlers ab?

Nein. Mein Glück hängt vom Glück meiner Mitmenschen ab. Heute Abend klingelte es an der Haustüre. Eine verwaschene Männerstimme meinte durch die Sprechanlage, ich solle „mal aufmachen“. Irgend ein geknechteter Mensch wahrscheinlich, der die Briefkästen mit Prospekten vollstopfen will. Da bin ich natürlich solidarisch und skeptisch zugleich. Ist ja schon einiges vorgekommen. Also drücke ich auf den Öffner und gehe gleich nach unten, um zu schauen. In der offenen Tür lehnt ein Typ meines Alters, spindeldünn, schwarze Klamotten, Bikerbart und eine Bierflasche in der Hand. Nicht die erste für heute, denn gerade stehen kann er nicht mehr. Vitamin B 12 hätte ihn auch nicht glücklicher machen können. In der anderen Hand hat er den Schlüssel meines Mopeds. „Den haste in deiner Simson stecken lassen.“, sagt er und deutet auf mein Moped, das vor der Tür auf dem Gehsteig parkt. „Darfste nich machen, die Dinger sind schwer begehrt. Ich weiß, wovon ich rede.“ Drückt mir den Schlüssel in die Hand, wuchtet sich vom Türrahmen weg und schlurft glücklich weiter.