Belle Et Triste

Friederike Reinhold und Winfried Kellmann

BELLE-ET-TRISTE heißt die etwas versteckt gelegene Buchhandlung bei mir um die Ecke. Seit 40 Jahren führen Friederike Reinhold und Winfried Kellmann gemeinsam die einzige verbliebene Literaturbuchhandlung in diesem Teil der Stadt. Wie haben die beiden es geschafft, gegen alle Widrigkeiten zu bestehen? Und wie wird es die nächsten Jahre weiter gehen? Ein Interview über eine große Freundschaft, verborgene Bücher und einen Hund.

Wir sitzen schon seit einer Stunde zwischen den raumhohen Regalen mit Kinderbüchern und den Büchertischen mit Romanen und politischen Sachbüchern. Das Gespräch hat sich schon etwas von dem Interview entfernt, das ich für den Stadtteil-Blog “weddingweiser“ führe. Die Atmosphäre ist fröhlich. Der Humor ist brillant, knochentrocken und liebevoll. Es macht Friederike Reinhold und Winfried Kellmann sichtlich Freude, ein wenig selbstironisch ihre 40 wilden Jahre im Wedding Revue passieren zu lassen. Die Pointen sitzen. Hätten die beiden sich nicht den Büchern verschrieben, hätten sie eine Karriere im Kabarett machen können. Ein weißer, wuscheliger Hund (ein Westie) mit Knopfaugen legt sich unter Reinholds Stuhl.

FR: Das ist Lumpi, der berühmteste Hund des Wedding. Den kennt jeder, denn jeder kommt mal zu uns. Eine Mutter hat uns einmal berichtet, dass ihre Tochter Lumpi sogar in ihr Abendgebet mit aufgenommen hat.

WW: Ich kannte bisher nur Bibliothekskatzen, die gehalten werden, um die Mäuse zu fangen. Was macht ein Hund in der Buchhandlung?

FR: Lumpi hat sogar schon mal eine Ratte gefangen, die sich in der Tür geirrt hatte und sie mir dann stolz vor die Füße gelegt. Ich musste dann einen Kunden bitten, das tote Tier nach draußen zu bringen.

WW: Sie haben als einzige inhabergeführte Buchhandlung im Wedding 40 Jahre überlebt. Wie haben Sie das gemacht?

FR: Wir lieben Literatur – und wir müssen uns keine Tariflöhne zahlen.

WW: Die letzten Jahre müssen doch schwer für Sie gewesen sein. Die große U-Bahnbaustelle vor der Haustür, Corona und jetzt die Verunsicherung durch den Krieg.

WK: Corona war für uns, so ambivalent sich das anhört, erstmal gar nicht schlecht, da Buchhandlungen ja nicht schließen mussten. Wir haben viele Stammkunden. Und Leute, die neu im Wedding sind, suchen uns per Internet. Sie googeln „Buchhandlung Wedding“ und finden uns ganz oben. Aber ich möchte keine Werbung für Google machen. Ich empfehle unsern Kunden immer die Suchmaschine Swisscow. Sie schützt die Daten der Nutzer, anstatt sie abzugreifen und ist, nach unserer Erfahrung, genauso gut wie die Datenkrake.

FR: Die Krise durch den Ukraine-Krieg, die merken wir jetzt deutlich. Die Leute haben Angst, sind verunsichert, fürchten Wohlstandsverluste.

WW: Aber für Reisen wird doch jetzt viel Geld ausgegeben. Was können sie für den Urlaub im Sommer empfehlen?

FR: Das ist ganz unterschiedlich. Wir hatten ja immer schon ein sehr gemischtes Publikum. Da fragen wir nach und empfehlen was passen könnte.

WW: Ja, das stimmt. Das machen Sie sehr gut Als ich vor Jahren bei Ihnen ein Buch für einen langen Flug nach Asien gesucht habe, haben Sie mir zwei empfohlen: Donna Tart und Irvin Yalom. Und als ich mich nicht entscheiden konnte, sagten sie: Nehmen Sie eins für die Hin- und eins für die Rückreise. Das hat prima gepasst. Vielen Dank.

Aber jetzt doch mal die Frage: 40 Jahre zurück: Wie hat das alles angefangen?

Etwa 1986: Die langen Haare sind ab. Neustart in der Amsterdamer Straße

WK: Ich war 1982 mit dem Studium fertig (Französisch und Sozialkunde) und wir haben dann den Buchladen „Setzling“ in der Brüsseler Straße übernommen. Der war dort, wo jetzt das „Escargot“ ist. Schon damals war die Brüsseler Straße recht alternativ. Mit Naturkostladen und so weiter. Unsere erste Schaufensterdekoration, noch während der Bauphase, war das aufgeschlagene „Kapital“ mit Bildnis von Karl Marx. Hat niemanden gejuckt, aber es fand außer uns auch niemand witzig.

Friederike hat im Laden noch auf ihr Examen (Germanistik und Politik) gelernt.

WW: Sie kannten sich schon vorher?

FR: Ja, schon von der Schule in Münster.

WW: Und, waren Sie damals ein Paar?

FR: Erst Ja, dann Nein und dann wieder Nein.

WK: Hm, Hm. Brumm brumm

WW: Vertragen sich Liebe und Beruf nicht miteinander?

WK: Nein, unsere Partner hatten etwas dagegen. (lacht).

FR: 1986 sind wir dann in die Amsterdamer Straße gezogen und haben uns vergrößert. Eine Zeit lang hatten wir nebenan auch noch ein Spielzeuggeschäft und eine Filiale im Rathaus Wedding.

Expansion: Das Belle Et Triste kommt groß raus.

WW: Hat sich die Kundschaft verändert mit der Zeit?

FR: Wir haben Stammkunden seit den 80ern. Einer von ihnen hat die „Andere Bibliothek“ abonniert, seit Beginn.

Natürlich ändern sich auch die Wünsche der Leserschaft. Die Komplett-Ausgaben, mit denen Zweitausendeins mal groß rauskam, sind nicht mehr gefragt.

WK: Die brauchen zuviel Platz im Regal und werden zu selten geöffnet. Auch ich bin immer mehr für’s Taschenbuch. Auch für broschierte, durchaus auch aufwendig hergestellte Bücher. Die sind schmaler, als ein gebundenes und die „gebundenen“ sind in der Regel auch nur geklebt und eben nicht fadengebunden.

WW: Und der Online-Buchhandel. Was hat der verändert?

FR: Wir sind ja schon lange online

WW: Wenn ich ihre Website anschaue, fühle ich mit tatsächlich zurückversetzt in die 1990er Jahre.

WK: Das stimmt. Wir mögen halt keinen Schnickschnack wie laufende Bilder, oder „das könnte Sie auch interessieren“. Dieses Content-Management für Klick-Affen machen wir nicht mit. Seit letztem Jahr findet man auf unserer Seite minutenaktuell unseren Lager-Bestand. Ich glaube, damit sind wir, als stationäre Buchhandlung, einzigartig.

FR: Und seinen Bestellstatus kann jeder online einsehen. Auch das ist, nach meiner Kenntnis, bisher einzigartig im örtlichen Buchhandel. Wir haben außerdem viel mehr Bücher vorrätig, als wir im Laden frontal ausstellen können.

WW: Verborgene Bücher?

WK: Das trifft es genau! Die werden oft nicht wahrgenommen. Die Kunden lieben es, zu stöbern. Doch nehmen sie dabei meist nur die frontal präsentierten Titel war. Ganz oben im Regal kann auch niemand stöbern, da braucht’s die EDV. Unsere Kunden erwarten oft gar nicht, dass wir neben den Auslagen auch andere Bücher vorrätig haben und sind überrascht, wenn sie das gewünschte Buch gleich mitnehmen können. Natürlich haben wir nicht alles. Doch mit der Nase stößt man nur auf aktuelle Titel, die frontal präsentiert werden. Wenn man beim AmaZoni suchen kann, kann man es auch bei uns. Wir werden bald einen Bildschirm im Laden aufstellen, an dem jeder auch selbst, wie auf unserer Website, in unserem Bestand suchen kann.

WW: Mir gefällt ja besonders ihr großer Bestand an Literatur aus dem Wedding und über den Wedding. Das findet man nirgendwo sonst.

FR: Die Weddinger sind außerordentlich regionalbewusst. Gerade die Neuen interessieren sich für die Geschichte und Geschichten aus dem Wedding. Die historischen Bildbände von Ralf Schmiedecke und auch die Bücher von den Autoren der Lesebühne „Brauseboys“. Oder Neukrantz’ „Barrikaden am Wedding“. Wir fördern das auch ein bisschen. Vor 20 Jahren kam Horst Evers zu uns mit einem zusammengehefteten Bändchen mit Geschichten und fragte, ob wir die in Kommission auslegen könnten. Das haben wir gemacht.

WW: So wie ich vergangenes Jahr mit meinem Bändchen. Vielen Dank, das ermutigt zum Schreiben.

FR: Mit Heiko Werning und anderen haben wir auch Lesungen bei uns im Laden gemacht. Das kam gut an.

WW: Sie fühlen sich also der Literatur im Wedding verpflichtet. Ist „Belle et Triste“ auch eine poetische Reminiszenz an diesen traurigschönen Stadtteil?

WK: Könnte man meinen. Aber es kommt von „Belletristik“ und Belletristik

kommt von „belles lettres“ im Französischen.    Deshalb ist es ein deutsch-französisches Wortspiel: „belle et triste“.

WW: Und wie lange wird es „Belle et Triste“ noch geben?

FR: Bis uns einer hier rausträgt.

Neulich vorm Jobcenter

Das ist ein Lamborghini. Am Freitagnachmittag vorm alten Jobcenter in Berlin- Wedding (wir haben zwei davon). Und sofort läuft ein Film bei mir ab: Der Bildzeitung-, BZ-, Berliner-Kurier-Film: Angehörige stadtbekannter Clans holen sich ihre Stütze mit der protzigen Nobel-Karosse von Amt ab… Ich erwarte niemand anders als Abu Chaker persönlich, mit dunkler Sonnenbrille und schwarzem Bart aus der Türe treten und sich die goldberingten Hände reiben. Die wahre Wirklichkeit überrascht. Aus dem Haus tritt ein schmächtiger Mann Mitte Vierzig. Schütteres Haar, kurze Cargo-Hose und einen braunen Einkaufsbeutel ums Handgelenk geschlungen, den Blick gesenkt. Ich habe schon ein paar Fotos von seinem Wagen vor der Sozialbehörde gemacht und rufe ihm zu: „Das werden schöne Bilder.“ Er missversteht das als Kompliment für sein Auto und nuschelt: “Danke.“, lässt sich hinters Lenkrad fallen und den Motor aufheulen. Quietschende Reifen, ein scharfer U-Turn und er ist weg.

Tam Tam? Tamam!

Lari ist wirklich eine nette Frau. Sie breitet die ganze Vielfalt ihrer Küche vor mir aus, lässt mich dies und das probieren und erklärt mir alles. Ich bin der einzige Kunde in ihrem neuen Bio-Imbiss „Laris Bio Bowl“ (ehemals “Monis Fischkajüte“) und deshalb werde ich verwöhnt und mit aller Aufmerksamkeit bedacht. Die Gerichte sind kurdisch, aber modern, leicht und elegant angerichtet und so ist Lari: Mit kurdischen Wurzeln und ganz Bio-Berlinerin, mit kurzen Haaren und kräftigem Lippenstift. Zwischen ihrem mit hellem Holz spartanisch eingerichteten Laden und den Döner-Buden und Gözleme-Bäckereien der Nachbarschaft liegen Welten und sollen wohl auch Welten liegen. Und deswegen kriegt Lari auch manches nicht mit, was draußen auf auf der Müllerstraße passiert. Sie sieht nicht die dicke, weiße Stretchlimousine, die auf der anderen Straßenseite zwischen Spielhalle und afrikanischem Imbiss vorfährt. Und sie hört nicht die wummernde Musik, die plötzlich loslegt. Paukenschläge und eine leiernde Flöte mit einem quäkenden Klang, der irgendwo zwischen proletarischen Schalmeien und indischen Schlangenbeschwörern liegt übertönen sogar den sowieso schon dröhnenden Verkehrslärm auf der Ausfallstraße zur Autobahn. Eine türkische Hochzeit, denke ich genervt. Der Sound gehört zum Wedding wie die Martinshörner der Krankenwagen und die quietschenden Reifen der rasenden PS-Protze. Aber halt. Ich bin in einem kurdischen Laden. Vielleicht ist das die beste Gelegenheit, rauszukriegen, was es damit auf sich hat. Und ob das kurdisch oder türkisch ist. Am Ende gibt es da tiefe Gräben, die ich aufreiße, wenn ich da so undifferenziert daherdenke. Also frage ich Lari. Sie muss erst einmal durch das große Ladenfenster blinzeln um zu sehen, was los ist. “Normalerweise stehen da mehr dicke Autos.“ sagt sie erstaunt, aber nicht wirklich interessiert. Ich zeige mit dem Finger auf die Schlange von dunklen Audis und BMWs , die sich hinter der Hochzeitskutsche aufreihen. „Hab ich gar nicht gesehen.“, sagt sie. „Normalerweise sind da noch dicke Blumenbuketts drauf.“ „Und was passiert da?“, bohre ich weiter. “Die Braut wird abgeholt und aus ihrer Wohnung zum Hochzeitsfest gefahren. Früher ging das vom Haus der Eltern der Frau zum Haus ihres Mannes. Aber heute geht es manchmal gleich vom Friseursalon zum Hochzeitsaal.“ „Und“, wage ich die Gretchenfrage zu stellen. „Ist das jetzt türkisch oder kurdisch? “Was weiß denn ich?“, hebt Lari entschuldigend die Arme wie ein Rabbi, dem seine Schüler eine zu schwere Frage gestellt haben. “Es gibt so viele unterschiedliche Kurden und so viele unterschiedliche Türken, da kenn ich mich nicht aus.“ Und vor lauter Verwirrung, vergisst sie, mir die Bionade in Rechnung zu stellen.

Billige Gefühle

Zugegeben, es waren nicht die edelsten Gedanken, die mich ins “Happy Day“ führten. Niemand sollte sein Süppchen darauf kochen, wenn große Träume zerplatzen, wenn Traditionen zerbrechen und ein Lebenswerk auf dem Ramschtisch landet. Aber mir gings um die Bilder. Nach dem Fall der Berliner Mauer bin ich lange in zerfallenen Kasernen und verlassenen Fabriken umhergestreift und konnte vom Hauch der Vergänglichkeit und vom Untergang großer Zeiten nicht genug bekommen. “Lost-Places-Fotografie“ nannte man das später. Jetzt hatte es mich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gejuckt. An dem Laden in der Müllerstraße konnte ich einfach nicht vorbei, als ich die Schilder sah, die den Ausverkauf ankündigten. Ich wollte da rein, wollte nicht nur die Nase neugierig an die Scheibe drücken, mir meinen Teil denken. Ich wollte hinter die Kulissen schauen, den Niedergang dokumentieren und die wahre Geschichte erfahren, mit den Menschen sprechen – und wieder schräge Bilder machen. Ich wolle eine Geschichte erfahren, die weiter nicht von meinem eigenen Leben entfernt sein könnte als diese. Und ja, es ging mir auch um das blöde Wortspiel mit “Wedding“ und “Hochzeit“. Ich ging zum Schlussverkauf in ein Brautmodengeschäft. Ich kriegte alles was ich wollte. Und es wurde ein trauriger Tag.

Ganz offiziell hatte ich die besten Absichten. Ich hatte mir einen Rechercheauftrag des „Weddingweisers“ besorgt, dem “Was ist los in deinem Kiez?“-Portal für den Wedding. Einen Interviewtermin mit der Besitzerin hatte ich auch, die lakonisch mit “Ein bisschen Werbung kann ja nicht schaden.“, zugesagt hatte. Und dem Motto meines Blogs war ich auch treu: „Manche Geschichten sind einfach zu schön, als dass sie vergessen werden dürften.“

Als ich in den Laden trete, ist es still. Ich rufe, niemand antwortet. Auf dem Boden verstreut liegen weiße Pumps, aufgeklappte Kartons und eine Stehleiter. Hier hat noch vor kurzem eine Auswahlschlacht getobt. Zeichen von Leben in dem sonst grabesstillen Räumen. Was ist hier los? Ich schaue mich um, hole vorsichtig die Kamera raus, mache zaghaft die ersten Bilder. Ich bin vorsichtig. Es ist ein Terrain, das man als Mann selten alleine betritt, und das ich mein Leben lang gemieden habe wie der Fisch das Fahrrad.

Was mir als erstes auffällt sind die Unmengen von Kitsch. “Accessoires“ wird das die Besitzerin später nennen. Nippesfigürchen für Hochzeitstorten, Tischdeko und Spardosen für die Flitterwochen in der Form von fröhlich kopulierenden Schweinen. Das alles gemischt mit katholischen Ritualgegenständen, Kerzen, Taufkissen und lebensgroßen Kinderpuppen wie aus einem Horrorfilm, erstarrt in weißen Kleidchen für die Kommunion. Das alles durchdrungen vom Geruch einer schlecht gelüfteten katholischen Kirche. Oder holt mein Gedächtnis diesen Geruch wieder hervor, weil es diese Devotionalien sieht? Mir wird zum ersten Mal schlecht.

Aus dem Nichts erscheint die Besitzerin. “Keine Bange, ich hatte sie die ganze Zeit im Blick: Videoüberwachung.“, lächelt sie und bietet mir ein bisschen widerwillig einen Platz auf der altdeutschen Polstergarnitur an. Ihr Gesicht ist perfekt geschminkt und ich schätze sie 10 Jahre jünger als ihr Alter, das sie mir später verraten wird. Aber sie ist eine Weddinger Hochzeitsschneiderin und völlig ohne Glamour. Sie kleidet sich wie ihre Kundschaft: Jeans, Glitzerpullover und Turnschuhe von undefinierbarer Farbe. Einen größeren Kontrast zu den edlen Roben, die dicht gedrängt bis unter die Decke hängen, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich sie an der Kasse von Edeka getroffen hätte, sie wäre mir nicht aufgefallen.

Das Gespräch beginnt schleppend. Die Frau wirkt misstrauisch und müde wie ihr Laden. 30 Jahre werden es in diesem Mai, seit sie das Geschäft mit ihrem Mann gestartet hat. Fünf Angestellte hatten sie mal, Auszubildende auch. Seit Corona machen sie Verluste. Als ich sie frage, wann sie endgültig Schluss machen, zögert sie kurz, als würde ihre Entscheidung in diesem Moment fallen: “Schreiben sie Ende Juni. Und dass es bis dahin bis zu 80 Prozent Rabatt auf alle Kleider gibt.“ Was dann sein wird, wage ich sie nicht zu fragen. Ich fühle mich immer unwohler, als sei ich in einem Beerdigungsinstitut statt in einem Brautladen. Alle Lebensfreude, all die Zukunftsträume, die mit einer Hochzeit verbunden sein sollen, sind aus diesem Laden gewichen. Die blicklosen Augen der Schaufensterpuppen, der Ramsch, die vertrockneten Blumen; alles erdrückt nur noch. Und auch die 400 festlichen Kleider in creme, champagner und ivory hängen wie leblose Fahnen der Kapitulation von der Decke. „Ja, schreiben sie Ende Juni.“, sagt sie mit plötzlich kratziger Stimme. „Noch so eine tote Saison will ich nicht erleben.“

Lässliche Lügen

Pfingsten ist ja der Tag, an dem die Jünger Jesu lernen, in fremden Sprachen zu sprechen und hinausziehen in die Welt, um die frohe Botschaft zu verkünden. Die Frohe Botschaft für dieses Pfingsten in Berlin heißt: „Die Außengastronomie ist geöffnet.“ Aber der Geist dieser Botschaft hat sich noch nicht bei allen herumgesprochen. Auf jeden Fall nicht sonntagmorgens um 11 in der Wasserstadt Spandau in einem menschenleeren Café an einem menschenleeren Platz. „Haben Sie einen negativen Test?“ fragt mich die türkische Verkäuferin. „Nicht dabei“, lüge ich. „Oder einen Impfausweis?, bohrt die Verkäuferin weiter. „Zu Hause“, lächle ich, und schlage mir suchend auf die Taschen meiner Jacke. Herrgott, ich will nichts weiter, als mich mit meinem Freund an einen Alutische setzen, die verheißungsvoll auf dem Platz aufgebaut sind, um die ersten 10 Kilometer unserer Radtour zu feiern. Aber nichts zu machen. Mit einem trostlosen Pappbecher müssen wir uns auf die kalten Stufen setzen wie das Gesetz es befiehlt und den mit leeren Augen vorbeihuschenden Bewohnern dieser Neubauödnis hinterherschauen. Nächster Versuch eine Stunde später in Kladow, dem kleinen Hafenort am Wannsee, an dem sich die Ausflügler sonst auf den Füßen stehen. Auch hier ist kaum was los. Leere Biergärten, gelangweilte Bedienungen. Aber der Hl. Geist hat mittlerweile sein Wunder gewirkt. Denn die junge Kassiererin versteht meine Sprache als ich zwei Radler mit Bratwurst ordere. „Und wir tun jetzt mal so, als hätte ich sie gefragt, ob sie einen negativen Coronatest haben und sie hätten ja gesagt.“, leiert sie professionell herunter. Ich bin katholisch getauft und kenne den Unterschied zwischen einer lässlichen Sünde und einer Todsünde. Ich erinnere mich an meinen alten Beichtvater und schätze den Preis für die Vergebung meines falschen Zeugnisses auf drei Vaterunser und drei Ave Maria, unterschreibe meinen Anmeldezettel und sitze ein paar Minuten später hinter einem echten Bierglas auf einer echten Bierbank. Die Sonne geht auf über dem Wannsee. Halleluja! Wir umrunden den Sacrower See, fahren zurück Richtung Spandau um genau zur Kaffee-und-Kuchenzeit ein altes Backsteinhäuschen unter strahlend blühenden Kastanien zu finden. So mag ich das Leben. Die Besitzerin tritt heraus und heißt uns willkommen. Aber da gibt es wieder das kleine Problem. „Sie können jetzt gleich bei mir einen Test machen, der ist dann aber kostenpflichtig.“, bietet sie mir an. Mittlerweile geschult in den Spitzfindigkeiten, die heute von uns gefordert werden, deute ich auf eine romantische Holzbank mit zwei gemütlichen Kissen, die vor dem Anwesen in der Sonne steht. Dort würde doch sicher kein Test erforderlich sein…. Nie war der Apfelkuchen so köstlich wie heute.

Morgen will ich mit meiner Tochter zum Spargelessen nach Brandenburg. Ich rufe beim Spargelhof an und stelle die Fragen aller Fragen. „Also ich werd nicht nachschauen, ob sie einen Test dabei haben, sagt der Spargelbauer, aber wenn sie noch was bei sich rumliegen haben, vom letzten Friseur oder so, können sie das ja mitbringen.“ Ich will mich ja nicht dauerhaft durchmogeln. Außerdem habe ich in meiner Tochter eine Begleiterin, die gnadenloser ist als jedes Gesundheitsamt. Ohne Test würde sie erst gar nicht mit mir losfahren. Meine nächste Teststation ist im Café LaLa (heißt wirklich so) um die Ecke. Dort war lange gar nichts, aber jetzt sitzen wieder die gelangweilten Jungs mit den gegelten Frisuren draußen, rauchen Shisha und gucken Fußball. Und die gleichen Jungs erwarten mich im Testraum, der in einem Nebenzimmers des Cafés eingerichtet ist. Unbeholfen sind die Schnapsregale mit Alufolie abgehängt, mit Spanischen Wänden sind Testkabinen eingerichtet und einer der Kerle hat sogar irgendwo einen ungebügelten Arztkittel aufgetrieben, der ihn als Amtsperson erscheinen lässt. Ich muss an Afrika denken, den Grenzübertritt von Sambia nach Simbawe und an den Grenzer mit Badelatschen, der als Ausweis seiner Amtsmacht eine neonfarbene Rettungsweste trug. Damit war er der Chef. Der Weddinger Junge fragt mich allen Ernstes, ob ich mit seinem Service zufrieden sei, nachdem er mir mit seinem Wattestäbchen ein bisschen an der Nase gekitzelt hat. Es sei ihnen wichtig, dass diese Einrichtung akzeptiert werde. Ich bekomme Wartenummer 201 und darf eine Runde um den Block laufen, bis die Ergebnisse da sind. Als ich zurückkomme wird von einem jungen Mann die Nummer 102 ausgerufen. Eine Gruppe Teenager, die sich mittlerweile draußen versammelt hat schaut auf ihre Zettel, die alle 200er Nummern haben. Einer lacht und geht zu seinem Landsmann: „Du musst die Zahlen andersrum lesen. Das heißt zweihunderteins.“ So komme ich zu meinem Zertifikat, das mir für morgen alle Türen öffnet, ordentlich abgestempelt und natürlich negativ.

Böller und Benzin

Es kracht und knallt. In meiner Nachbarschaft ist Zurückhaltung ein Fremdwort. Die Straße riecht nach Böllern und Benzin. Aber trotzdem muss ich raus. Einmal quer durch die Stadt mit zwei Flaschen Sekt zur zwei Personen-zwei Haushalte Sylvesterparty. Falls ich von diesem Trip nicht wiederkehren sollte, will ich euch schon jetzt zum Neuen Jahr die besten Wünsche senden und ein paar letzte bunte Bilder aus diesem verrückten Jahr. So schlecht war es gar nicht.